Lebensbericht von Christian (44)
Vom Chaos-Theater zum geordneten Leben
Ich bin 1962 in Wien geboren. Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter Schneiderin. Nach einer behüteten Kindheit begann ich eine Lehre als Elektromechaniker bei der Gemeinde Wien. In der Berufsschule lernte ich Haschischrauchen, begann auch Mundharmonika und Gitarre zu spielen und hörte mir die alten Negerbluesscheiben an. Erst im hohen Alter von 18 Jahren konnte ich die erste Freundin vorweisen. Sie war rothaarige Feministin und ich lernte durch sie die alternative Szene kennen: Demonstrationen, kritische Liedermacher, Festln und Beislknotzen.
Eines Abends sahen wir ein Theaterstück, das sich auf lockere Art über die Probleme von Jugendlichen mit dem anderen Geschlecht, verkrampfte Annäherungsversuche, Schamgefühl und die Scheu lustig machte. Die Einladung zum Theaterworkshop nahm ich an und gab mir dann noch das Wohnexperiment: 30 erwachsene Leute lassen sich von "Gruppenleitern" zu verschiedenen Spielchen anleiten, wie sich nackt ausziehen, mit bacherlwarmem Gatsch einschmieren und sich darin suhlen und wälzen, ekstatischem Tanzen etc. Den Abschluss bildete ein Besuch am Friedrichshof im Burgenland, wo Otto Mühl, ein Aktionist aus den 60er Jahren, Gründer einer Kommune und inzwischen wieder aus dem Gefängnis entlassen, uns zu Mittag empfing. Er widmete sich seinen Gästen mit charmanter Plauderei und ordinärer Beschimpfung. Zur richtigen Betonung warf er mit dem Salat und den Vollwertspeisen um sich und auf Gäste und Hofstaat, und pritschelte auch mit der Gemüsesuppe herum.
Da der Mensch laut Mühl nur durch Ausleben seiner unterdrückten Sexualität wahrhaft frei wird, und der "KFM", der Kleinfamilienmensch mit seiner verklemmten Zweierbeziehung die Wurzel dieser Unterdrückung ist, hatte ich nun die tiefenpsychologische Ausrede zur Hurerei, und wir mühten uns brav durch beziehungslosen Partnerwechsel, Analysestunden á 30 Euro aufwärts und Selbstdarstellung ab, frei zu werden.
Statt Befreiung erlangte ich ein Zwölffingerdarmgeschwür, zog aus und gründete die Chaostheatergruppe "Muchos Machos". Die Auftritte sahen so aus: 10-15 Leute gebärden sich wie wildgewordene Affen und eine Rockband spielt die Musi dazu. Aussage: Chaos, alles nur Theater.
Und so sah es auch in mir aus. Die Chaosauftritte wurden mir zu trippig, deshalb zog ich die Rhythm & Blueskapelle "Blues Hospital" auf und wir spielten den kränksten Blues in town. Auch mit Gift hatten wir keine wirkliche Gemeinschaft und ich hörte damit auf. Dadurch zerbröckelte auch die Band, denn nüchtern war unser Blues nicht anzuhören.
In dieser Zeit lud mich ein Freund zu einem Film über Martin Luther ein. Nachher predigte einer über Gott, Sünde und das Kreuz. Bei einem Lagerfeuer lernte ich einige Leute kennen, die ungefähr das gleiche erlebt hatten, und sich mit Jesus beschäftigten. Zwischen Würstelgrillen und Badengehen gab´s gute Gespräche. Es gefiel mir einfach, dass nichts geraucht und gesoffen wurde, und es war trotzdem nicht fad.
Von da an hörte ich mir regelmäßig die Predigten in dieser Freikirche an und las in der Bibel. Im August 1986 bat ich den auferstandenen Jesus Christus mir Schuld und Sünde zu vergeben und mein Leben neu zu machen. Das hat er auch gründlich getan. Ich bekam Frieden und weiß mich jetzt von Gott durchschaut und trotzdem geliebt.
Einige Krebstote in meiner Verwandtschaft trieben mich im Dezember 1991 zur Gesundenuntersuchung. Die Internistin ertastete eine Schilddrüsenvergrößerung und empfahl mir eine genauere Untersuchung. Ultraschall, Szintigramm und Gewebsprobe ergaben am 18.1.1992: medulläres Schilddrüsenkarzinom, linksseitig. Zu deutsch: Krebs. Bösartig, selten und wahrscheinlich familiengehäuft.
Ich war schlagartig ernüchtert. 1000 Gedanken gleichzeitig. "Ich will nicht sterben!" hatte doch Onkel Kurti vor seinem Krebstod geschrieen. Ich auch noch nicht. Ich bin noch zu jung. Wir begannen sofort mit Gebet. Viele denkende Menschen, alte und junge, trafen sich allabendlich in Gruppen und baten Gott, er möge doch die Operation gelingen lassen, den Ärzten Weisheit schenken und mich wieder pumperlgesund machen. Das brachte Ordnung in die Gedanken und Frieden ins Herz noch bevor die Lawine von Panik, Verzweiflung und Rebellion losdonnern konnte.
Er ließ sich erbitten.
Genau eine Woche später wurde ich im Kaiserin-Elisabeth-Spital unter dem Skalpell von Oberarzt Dr. Kober Schilddrüse, 48 Lymphknoten und ein Stückchen Halsmuskel los. Komplikationslos. Der Histologiebefund ergab, dass ein Lymphknoten doch angegriffen war.
Prof. Weissel im AKH (Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien) kontrollierte vierteljährlich die Tumormarker. Nachdem diese stiegen, operierte mich Prof. Niederle ein zweitesmal. Der Histologiebefund ergab nichts, die Tumormarker aber steigen und steigen seitdem. Sogar das PET-Zyklotron zeigt nichts.
Seit 1993 bin ich mit Regina verheiratet, 1996 wurde uns Pauli geboren.
Ich bin Gott dankbar, dass Er mir den Krebs so glatt rausschneiden hat lassen und ich noch ein Stückchen Leben mit eigener Familie haben darf, aber auch am Ende dieses Lebens wartet wahrscheinlich der Tod. Mit dem Tod wird niemand fertig. Ich auch nicht, aber ich glaube dem Herrn Jesus, wenn Er sagt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du das?" (Johannes 11,25+26)