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Predigten zu Apostelgeschichte 17,23

"Denn als ich umherging und die Gegenstände eurer Verehrung betrachtete, fand ich auch einen Altar, an welchem die Aufschrift war: Dem unbekannten Gott. Den ihr nun, ohne ihn zu kennen, verehret, diesen verkündige ich euch."

Autor: Alfred Christlieb (* 26.02.1866; † 21.01.1934) deutscher Theologe
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Ein dreifaches Geständnis der Athener in der Inschrift ihres Altars

Erstes Geständnis: Wir wissen nicht, von wem unser Leiden kommt. (Hosea 5, 14 - 6, 1).

Über die Entstehung der Inschrift jenes Altars gibt es eine Überlieferung. In Athen soll einst eine große Pest geherrscht haben. Die Athener wussten nicht, welcher Gott über sie erzürnt sei und diese Seuche gesandt habe. Sie opferten deshalb den verschiedenen Göttern. Dazu bauten sie diesen Altar, falls eine fremde, ihnen unbekannte Gottheit die Pest verursacht haben sollte.

Mag diese Überlieferung zuverlässig sein oder nicht, jedenfalls beweisen die Athener in dieser Inschrift eine dreifache Unwissenheit, die auch heute noch mitten in der Christenheit vielfach vorhanden ist.

Zuerst wussten die Athener nicht, von wem alles Leid und alles Elend ihres Lebens stamme. Sie merkten und glaubten wohl, dass eine Heimsuchung, wie z. B. eine Pest, von einer höheren, göttlichen Hand komme. (In dieser Beziehung standen sie trotz all ihrer heidnischen Finsternis doch noch höher als viele Namenchristen, die bei all den furchtbarsten göttlichen Zuchtruten überhaupt keine höhere himmlische Gewalt anerkennen wollen. Gott bewahre uns vor solcher Blindheit, die unter das Heidentum herabsinkt.) Aber doch kannten die Athener diese höhere Gotteshand nicht. Sie hatten nicht das Licht eines Jeremia, der sprach: "Der Herr hat mich also zugerichtet" (Klagelieder 1, 14; vergleiche Hiob 1, 21).

Dies Licht fehlt auch uns oft. Wir haben im Weltkrieg bisweilen die Grausamkeit der Feinde oder die Torheit einiger Machthaber gesehen, aber nicht die Hand des Herrn, der einst Israel sagen ließ: "Ich, Ich zerreiße sie" (Hosea 5, 14). Auf vielen Herzensaltären steht immer das Wort: "Dem unbekannten Gott", weil so wenige die allmächtige, gerechte Hand Gottes in dem Erdenleid erkennen und sich darunter beugen.

Zweites Geständnis: Wir wissen nicht, wen wir erzürnt haben.

Die Frage: "Woher stammt unser Leid?", hing bei den Athenern aufs engste zusammen mit der anderen Frage: "Welche Gottheit haben wir erzürnt, und wodurch haben wir dies getan?" Dass sie irgendeinen Gott beleidigt hätten oder beleidigen könnten, glaubten sie wohl. Nur fehlte ihnen die Erkenntnis desselben. Deshalb dieser Altarbau.

Auch diese Unwissenheit findet sich mitten in der Christenheit. Wie selten findet sich doch die Erkenntnis eines David: "An dir allein habe ich gesündigt" (Psalm 51, 6). Wie wenige wissen und bedenken, dass sie mit jeder Sünde sich an Gott selbst verfehlen! Die Verdammten im Jüngsten Gericht sind ganz erstaunt darüber, dass sie mit ihrer Kaltherzigkeit gegen die Jünger Jesu den Herrn der Herrlichkeit missachtet haben (Matthäus 25, 44). Jener stolze Heide Sanherib ahnte nicht, dass er mit seinen Hohn- und Lästerworten gegen Hiskia "den Heiligen in Israel" verspottete (2. Könige 19, 22). Goliath bedachte nicht, dass er mit seinen prahlerischen, an das Volk Israel gerichteten Worten den Herrn Zebaoth verhöhne (1. Samuel 17, 45). Korahs Rotte glaubte sich nur gegen Mose zu erheben. Aber ihr Aufruhr ging "wider den Herrn" (4. Mose 16, 11).

So geht es auch vielen Christen. Wer kein göttliches Licht über seine Sünde hat, wer nicht weiss, gegen wen er sich verfehlt, der gleicht den Erbauern jenes Altares "für den unbekannten Gott".

Drittes Geständnis: Wir wissen nicht, wie wir mit der Gottheit versöhnt werden können. (2. Korinther 5, 19 und 20).

Was wollten die Athener mit dem Bau des Altares? Sie wollten mit dem unbekannten Gott versöhnt werden. Sie wollten ihn günstig für sich stimmen. Aber sie tasteten unsicher nach der richtigen Weise, dieses Ziel zu erreichen.

Auch diese dritte Unwissenheit herrscht vielfach in der Christenheit. Trotz Bibel und Katechismus weiss mancher im praktischen Leben nicht, wie man mit Gott versöhnt wird. Es bedarf eines göttlichen Lichtstrahles zur rechten Beantwortung dieser Frage. Die Heiden quälen sich oft selbst, opfern Tiere, ja sogar Menschen, um Gott zu versöhnen. Und in der Christenheit will der eine durch äußere Ehrbarkeit, der andere durch tote Rechtgläubigkeit usw. Gott versöhnen. Paulus selbst hatte auch lange Zeit kein Licht über diese Frage, obwohl er ein Schriftgelehrter war, bis er in Damaskus zur Klarheit darüber kam. Jetzt konnte er anderen, auch den Athenern, den Weg der Versöhnung zeigen.

Wohl allen, die so die Versöhnung mit Gott im eigenen Leben erfahren haben. Wohl allen Christenherzen, in denen der Altar für den unbekannten Gott vertauscht worden ist mit dem Gebets- und Dankesaltar für den in Christus bekanntgewordenen Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat.