Alle Schrift ist von Gott eingegeben

Zu 2. Tim. 3,16: 1. Auf was bezieht sich der Ausdruck „Schrift“ in dieser Stelle? Auf das Alte oder das Neue Testament? 2. Wohin gehört das Wörtchen „ist“?

Zu 1.:

In Verbindung mit V. 15 gelesen bezieht der Ausdruck sich auf das Alte Testament, wie in anderen Stellen. Siehe:
Lk. 24,27: „und anfangend von Mose und von allen den Propheten, legte Er ihnen in allen den Schriften die Ihn betreffenden [Dinge] aus.
Lk. 24,25: „um die Schriften zu verstehen.
Joh. 7,38: „gleichwie die Schrift gesagt hat.
Joh. 10,35: „die Schrift kann nicht aufgehoben werden.
Röm. 4,3: „denn was sagt die Schrift?
Röm. 10,11: „denn es sagt die Schrift.
Jak. 4,5: „meinet ihr, dass die Schrift vergeblich rede?
1. Petr. 2,6: „denn es ist enthalten in [dem, was] Schrift [ist].
2. Petr. 1,20: „dass alle Schrift-Weissagung nicht eigener Auslegung ist.
2. Petr. 3,16: „wie auch die übrigen Schriften.
Lk. 24,46: „dass also geschrieben [ist].
Joh. 6,45: „es ist geschrieben in den Propheten.
Joh. 5,47: „Wenn ihr aber den Buchstaben (= Schriften) jenes (= Moses) nicht glaubet, wie werdet ihr Meinen Worten glauben?
2. Tim. 3,15: „und weil du von Kind auf [das, was] heilige Buchstaben (= Schriften) [sind,] weißt.

Die Stellen könnten vermehrt werden. Vorstehendes genügt aber, um zu sagen: „Schrift” ist, was als Wort Gottes schriftlich festgelegt, also unveränderlich und unantastbar ist. Das erkennt selbst der Teufel als gegeben in dem Zweikampf auf geistlichem Boden an, den er mit dem Sohne Gottes ausficht: Mt. 4. V. 4 sagt der HERR: „geschrieben ist.” V. 6 der Teufel: „geschrieben [ist].” V.7 der HERR: „Wiederum [ist] geschrieben.” V. 10 nochmals der HERR: „geschrieben [ist].
Dass der auferstandene HERR in Lk. 24,27 und 44-46 die damals vorliegende und unter dem dreifachen Titel: „das Gesetz, die Propheten und Psalmen
bekannte Sammlung der heiligen Schriften anerkannte, ist Garantie genug, dass wir uns darauf als auf gotteingegebene „Schrift” verlassen können. Die Einteilung ist in den hebräischen Bibeln heute noch dieselbe. Die Nummerierung der Psalmen war damals schon vorhanden. Siehe Apg. 13,33.
Fürs Neue Testament ist es nicht anders, wie 2. Petr. 3,15.16 zeigt. Was zur Zeit des 2. Timotheusbriefes vorlag (und das umfaßte alles, was wir im Neuen Testament haben mit Ausnahme der Schriften des Johannes), war ebensogut „Schrift” wie das Alte Testament. „Schrift” ist also im Wortlaut selbst „Gottes Wort”. Höre Paulus: „Wir aber haben nicht und Klagel. Jerem. den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf dass wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind; welche wir auch reden, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist ...

Nicht kann es so sein, wie die liberale Theologie uns weismachen will: das Wort Gottes sei in der Schrift enthalten. Wenn die Schrift nach Paulus in Worten gegeben ist, die auf eine Weise gelehrt sind, dass sie des Geistes eigene Worte sind (so griechisch in dieser Korintherstelle) oder dass sie „gottgehaucht” ist (so griechisch in 2. Tim. 3,16), dann ist sie eben im buchstäblichen Sinne das, was sie zu sein beansprucht: das Wort Gottes. Das meint ja nicht, dass sie mechanisch diktiert oder dass die Persönlichkeit des Schreibers ausgeschaltet sei, sondern dass der Geist je nach dem Gegenstand dessen, was niedergeschrieben werden sollte, immer die Person zum Niederschreiben gebrauchte, die ihrer persönlichen Eigenart und Fähigkeit nach gerade dazu passend war, und dieses erwählte Werkzeug bei der Niederschrift wohl völlig leitete, aber doch so, dass das Geschriebene der persönlichen Eigenart des Schreibers entsprach.

Es gibt Sprachen, unter den alten gehören Griechisch und Lateinisch dazu, die geradezu „Buchstaben” sagen, wenn das, was schriftlich fixiert ist, gemeint sein soll. „Die Buchstaben” sind gleichbedeutend mit „Schrift”, „die Schriften”. Und die Worte bildenden Buchstaben sind nicht etwas Totes, sondern etwas durchaus Lebendiges. Als „Schrift” sagen, reden sie: „die Schrift sagt, redet.” Der HERR setzt in Joh. 5,47 die Buchstaben, d. i. die Schriften, Moses und Seine Worte auf eine Linie, legt den Schriften Moses soviel Autorität bei wie Seinen eigenen Worten. Und von Seinen Worten sagt Er Joh. 6,63: „Die Worte, welche Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.” „Das Wort Gottes ist ein lebendiges [Wort] und wirksam ...”, Hebr. 4,12. „Ihr seid ... wiedergeboren ... durch das lebendige und bleibende Wort Gottes”, 1. Petr. 1,23. Das Wort, die Schriften, die Buchstaben sind derart etwas Lebendiges, dass ihr Lebendigsein sich in einem von ihnen ergriffenen Menschen mit dessen innersten Bewußtsein vermählt, so dass von ihm gesagt werden kann: „Du weißt (griech. und Luther) die heiligen Buchstaben” (Timotheus). Es beginnt freilich mit dem äußerlichen Kennenlernen und kann leider darin steckenbleiben, geht aber, wenn die Gnade Gottes es will, über in ein innerlich fortschreitendes Erfassen und davon Erfaßtwerden. Der Respekt der Juden vor den heiligen Schriften war ein solcher, dass sie daran tatsächlich als bis auf den Buchstaben von Gott eingegeben festhielten. Überkommt nicht uns eine heilige Ehrfurcht, wenn wir gesammelter Sinne und betenden Herzens die Schrift lesen, so dass wir inne werden: Es ist buchstäblich Gottes Wort? Wenn es das dem Wortlaut nach nicht ist, dann ist das Wort selbst ein unwahrhaftiger Zeuge, und wir sind betrogen. Dass Abschreibfehler vorgekommen sind, ist eine Frage für sich und hat nichts mit dem Grundsatz der wörtlichen Inspiration zu tun. Sie hat auch längst schon ihre befriedigende Lösung gefunden, wie die einschlägige Literatur beweist. Es ist mir unerfindlich, wie selbst gläubig-sein-wollende Männer sagen können, die Schrift lehre nicht, dass sie wörtlich inspiriert sei.

Zu 2.:

Es ist dem einfältigen Empfinden entsprechend, das der Abrundung wegen eingeschobene Wörtchen „ist” da zu lassen, wo es die Elberfelder Bibel und die meisten Übersetzungen haben - deutsche, englische, französische: „Alle Schrift [ist] von Gott eingegeben und nütze ...” Erst neuere Übersetzer glauben übersetzen zu sollen: „Alle von Gott eingegebene Schrift [ist] auch (Das griech. Bindewort „kai” kann auch, ja, muss manchmal, mit „auch” übersetzt werden.) nütze ...” Luther folgt der lateinischen Vulgata, die unter Weglassung des Bindewortes „und” sagt: „Alle Schrift, göttlich eingegeben, [ist] nützlich zum Lehren” usw.
(Wenn das „ist” hinter „Schrift” gesetzt wird, dann ist das die bestimmte Feststellung, dass alle Schrift von Gott eingegeben ist. Wenn es aber - unter Weglassung des „und” - vor „nütze” gesetzt wird („Alle von Gott eingegebene Schrift ist nütze ...”), dann fehlt diese Feststellung, und nicht nur das, sondern durch diese Wortstellung, bei der naturgemäß die Betonung auf „von Gott eingegebene” liegt - gleichsam in Gegensatz zu „nicht von Gott eingegebene” -, wird dem von manchen eingenommenen irrigen Standpunkt Raum gelassen, der vom Verfasser unter „Zu 1” schon mit erwähnt ist: dass nicht „alle Schrift” „von Gott eingegeben” (also „Gottes Wort”) sei, sondern nur ein Teil, der im ganzen mit enthalten sei. Dem wird der Boden entzogen, wenn wir lesen: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben ...”)

Warum soll alle Schrift „auch” zu dem und dem nütze sein, als ob sie es nicht sowieso wäre, weil sie eben „Schrift” ist? Mutet es nicht sonderbar an: Sie könnte möglicherweise inspiriert sein, ohne auf die genannten Zwecke abzuzielen? Ist sie sich Selbstzweck? Nein. In allem hat sie, wie V. 17 zeigt, den Menschen Gottes im Auge, dessen praktische Vervollkommnung in allem. Paulus führt die Schrift, alle Schrift, als autoritär für den, der ein „Mensch Gottes” ist (d. i. Timotheus! 1. Tim. 6,11), ein. Der Mensch Gottes, gegensätzlich zu den bösen Menschen und Gauklern des 13. Verses, bleibt in dem, soll in dem
D. Schriftl.

bleiben, was er gelernt hat, wozu er alle Ursache hat, weil er die heiligen Schriften kennt, die durch den Glauben, der in Christo Jesu ist, eine zur endgültigen Rettung ausreichende Kraft in sich bergen. Paulus unterbaut das durch eine Doppelaussage über alles, was „Schrift” ist. Sie ist 1. von Gott eingegeben und hat 2. ein bestimmtes praktisches Ziel im Auge: den Menschen Gottes vollkommen zu machen.

Wer es anders spürt, mag es anders spüren; es steht ihm frei. Nur: Es gibt in gewissen Fällen so etwas wie geistliches Fingerspitzengefühl, das persönlich ist.
Frz. Kaupp.


Beantwortet von: Team Handreichungen
Quelle: Handreichungen - Band 22 (1937)