Erklärung von Hesekiel 31

Ich bitte um eine Erklärung von Hesekiel 31, besonders V. 2-9! Ist dort nach V. 2 von „Ägypten“ oder von „Assur“ (V. 3) die Rede? Wenn möglich, bitte ich auch um eine ausreichende Erklärung der symbolischen Bezeichnungen.

Antwort

Nach Vers 2 ist von Assur die Rede, zunächst bis Vers 9. Mit Vers 10 entsteht eine Schwierigkeit. Das „Darum ... weil du ...” macht den Leser stutzig. Er fragt sich: Ist der Pharao gemeint oder weiterhin der Assyrer, weil der Text sofort in der dritten Person, mit „er”, weitergeht? In Luthers Übersetzung steht statt „du” „er”, was unmißverständlich den Assyrer meint. Auch der weitere Text bietet bei Luther keine Schwierigkeit.

Der hebräische Text von Vers 10 hat aber tatsächlich „du”. Wem gilt das? Wenn wir die Elberfelder Übersetzung befragen, so finden wir zunächst: „Darum, so sprach der HERR, Jehova: Weil du hochgeworden bist an Wuchs, und er seinen Wipfel bis zwischen die Wolken streckte, und sein Herz sich erhob wegen seiner Höhe: so werde ich ihn in die Hand des Mächtigen der Nationen geben; nach seiner Bosheit soll er mit ihm handeln; ich habe ihn verstoßen. Und Fremde ... hieben ihn um und warfen ihn hin ...” Da stellt sich die Sache so dar: Durch das „sprach” werden wir in die Zeit zurückversetzt, da Assur noch nicht von den Chaldäern niedergeworfen war, was zirka 625 v. Chr. durch Nabopolassar, den Vater Nebukadnezars, geschah. Wir vernehmen in Vers 10, was Jehova über ihn dachte; in Vers 11, was Er ihm tun werde. Vers 12ff. spricht dann von der Gegenwart aus zurückschauend in die Vergangenheit, weil zur Zeit des Ausspruchs, im 11. Jahr der Wegführung Jojakins und Hesekiels (Hes. 1,2 und 33,21), zirka 590 v. Chr., schon etwa 35 Jahre seit Assurs Fall vergangen waren.

Das Hebräische lässt aber auch zu, dass das „sprach” in Vers 10 mit „spricht” wiedergegeben werde. Dann ist der Ausspruch gleich von da an rückschauend. Die Anrede an Assur ergeht zunächst direkt mit „du”, um aber sofort in das „er” der neun ersten Verse zurückzufallen. Es ergibt sich dann als Text: „Darum, also spricht der HERR, Jehova: Weil du dich erhoben hast an Hochwuchs ... und er seinen Wipfel unter dichtbelaubte Zweige gestreckt hat und sein Herz sich in seiner Höhe erhoben hat, so habe Ich ihn in die Hand des Mächtigen der Nationen gegeben, usw.” (Französische Übersetzung von J. N. Darby und die gewöhnliche englische.)
Es ist zu bemerken, daß, wie in Vers 13 ein Wortspiel in „Stamm” liegt, das auch „Leichnam” bedeuten kann, so liegt hier eins in dem Wort „Wolken”, das zugleich „dichte, verflochtene Zweige” meinen kann. Siehe Fußnote Elberfelder Übersetzung. Denn für Wolken im eigentlichen Sinne gibt es ein anderes Wort.
Eine dritte überaus interessante Bewertung und Wiedergabe des 10. Verses findet sich in der Übersetzung des jüdischen Professors Martin Buber. Da gilt das „du” dem Pharao, indem das „Darum ..., weil du ...” als Zwischensatz genommen wird, und das weitere eine Fortsetzung der Allegorie der Verse 3-9 ist. Das ist es ja in der Tat samt gleichzeitiger Deutung der Allegorie. -Text nach M. Buber:
Darum hat so mein HERR, ER, gesprochen,
dieweil auch du ragend an Wuchs bist:

... Als seinen Wipfel er gab zwischen die Wolken
und ob seines Ragens sein Herz sich erhob,
gab Ich ihn in die Hand eines Machthabers der Weltstämme,
dass nach seinem Frevel er ihm tue, ja tue,
verstoßen habe Ich ihn. usw.

D. h.: „Dieweil du, Pharao, dich auch so erhebst wie Assur, so höre weiter, wie es ihm ergangen ist, und nimm dir ein Beispiel an ihm.” Letzteres steht als allgemeine Warnung in Vers 14 und als an den Pharao dann direkt gerichtet in Vers 18.

Warum, mag gefragt werden, wird gerade Assur in solch eingehender Allegorie dem Pharao als Spiegel vorgehalten? Antwort: Weil beide in ungezügelter Überheblichkeit einem Ziele zustrebten, das sie nach Gottes Plan, den Er mit den Nationen hatte, nicht erreichen sollten. Sie kannten Gottes Plan freilich nicht. Es war aber genug, dass ihr Planen den Absichten Gottes entgegen war. Darum musste Sein Urteil sie treffen. Außer Assur war niemand dagewesen, der das gleiche Ziel im Auge gehabt hätte wie der Pharao. Der Plan Gottes war, den Babylonier Nebukadnezar zum Weltherrscher zu machen. Daniel 2 ist deutlich darüber. Jes. 10,5ff. (V. 7!) schon deckt die Aspirationen Assurs auf. Zu König Josias Zeit wollte der damalige Pharao, Neko mit Namen, Nebukadnezar die Weltherrschaft streitig machen, ohne es zu erreichen: 2. Kön. 23,29 und 24,7. Der Pharao der Kap. 29-32 des Propheten Hesekiel, Hophra: Jer. 44,30, versuchte ebenfalls sein Glück gegen Nebukadnezar: Jer. 37,5.11; Hes. 17,15.17. Er hätte besser getan, es bleiben zu lassen. Seine Überheblichkeit blickt durch in Kap. 29,3; 32,2. In Übereinstimmung damit sagt der griechische Geschichtsschreiber Herodot von ihm, er habe sich stolz und gottlos gerühmt, dass er seine Herrschaft so sicher gegründet habe, dass es in keines Gottes Macht liege, sie ihm streitig zu machen. - Hochmut kommt vor dem Fall.

In der Geheimkanzlei des HERRN der Herren war es beschlossen, dass wegen der Sünden Seines Volkes Sein Thron von Jerusalem weggenommen werden sollte. In der Person Nebukadnezars sollte ein Herrscher aus den Nationen auf den Thron der Welt kommen. Dieweil das Gericht an Seinem Volk und Haus begann, Hes. 24, mußten alle anderen auch dran glauben. Zunächst die Völker, die rund um Israel her waren: Ammon, Moab, Edom, Philistäa, Tyrus und Sidon; dann der Rivale des Babyloniers: Ägypten: Hes. 25-32; Jer. 25,8.9.15ff.

Die Bildersprache in Kap. 31 ist so zu deuten: Die Sphäre des Königseins wird mit Eden, dem Garten Gottes, verglichen. Die Stellung der Könige ist erhabener, vorzüglicher im Verhältnis zu anderen Menschen, wie der Garten in Eden eine Vorrangstellung und Vorzüglichkeit dem übrigen Erdboden gegenüber hatte. So wie die einzelnen Bäume der Art, dem Wert und der Größe nach verschieden sind, so sind die Herrscher ebenfalls an Machtfülle, Größe, Einfluß auf andere Herrscher und Menschen und auf alle Lebensgebiete untereinander verschieden. Der König von Tyrus rangierte unter den vorzüglichsten, Kap. 28,12.13. Der Assyrer erst recht, und der Pharao nicht minder. Wenn es von Assur gar heißt, er sei eine Zeder auf dem Libanon gewesen, so soll damit die Stellung als die allermächtigste und ganz ausnahmsweise bevorzugte hingestellt werden. Flut, Ströme, Kanäle sind als Handelsbeziehungen zu deuten, die reich und groß machen und andere Menschenklassen (alte Bäume des Feldes, Vögel, Tiere) in den Genuß von Reichtum, Größe und Ehre einbeziehen. (Vgl. das England oder Deutschland der Vorkriegszeit!) Keine andere Königsherrschaft der damals bekannten Völker konnte sich in dieser Beziehung mit Assyrien messen; es blieb unerreicht in jedweder Beziehung: Verse 3-9.

Es ist zu bemerken, dass nach Daniel 4 Nebukadnezar, auch mit einem Baume verglichen, dank der ganz einzigartigen ihm von Gott gegebenen Stellung überhaupt ohne Vergleich dastand.

Die Bildersprache, in welcher die Vernichtung der assyrischen Königsmacht in den Versen 10-14 beschrieben wird, wird nach Vorstehendem dem Verständnis keine Schwierigkeiten bereiten.

Die bildliche Redeweise der Verse 15-17 ist womöglich noch packender. Wie im Alten Testament von den Verstorbenen gesagt wird, sie fahren ins Totenreich hinab, weil vom Insgrablegen ausgegangen wird, so ist hier alles als Personen in der Unterwelt gedacht: Dieselben Dinge, welche das Großwerden vermittelt hatten, der Standort, die anderen Herrschergeschlechter, seine Vasallen, alles ist in schlotterndem Aufruhr und in Beben.
Wie eindringlich also die Lektion für Pharao Hophra!
F. Kpp.

Zusätze (nicht eine 2. Antwort) des Schriftleiters

Es gibt hoffentlich nicht viele „Handreichung”-Leser, welche diese 1. „Frage und Antwort” des neuen Jahrbuchs nicht gelesen haben, und dann weiter: Es gibt hoffentlich nur wenige Leser vorstehender Antwort, die sich nicht gefreut haben darüber, dass Nr. 1 des Fragenteils aus dem Alten Testament ist! Ja, wir wollen es gern und klar bezeugen, dass wir auf dem Boden der ganzen Heiligen Schrift stehen und dass wir das Alte Testament ebenso schätzen und lieben wie das Neue Testament, gehören doch beide Bestandteile des Wortes Gottes unauflöslich zusammen, und ist doch das Alte Testament als „Verheißung” unentbehrlich für das tiefere Verständnis des Neuen Testaments, der „Erfüllung”. Darüber hinaus aber: Wer könnte das Alte Testament richtig verstehen, wenn er nicht den im Neuen Testament bezeugten Weg, die im Neuen Testament gelehrte Wahrheit, das im Neuen Testament verkündete und angebotene Leben in Christo Jesu (Joh. 14,6) gefunden hätte und von dieser Grundlage aus das Alte Testament zu betrachten gewohnt sein würde?! Und wenn ohne das Alte - das Neue Testament gleichsam in der Luft hängt, so ist doch ohne letzteres das wahre Verständnis des Alten Testaments schlechterdings eine Unmöglichkeit!

Also wir bezeugen es am Anfang eines neuen Jahres freudig und deutlich, was wir von dem Alten Testament und von allen seinen 39 Büchern halten, wir bezeugen aber auch mit dieser 1. Frage, dass wir die in den alttestamentlichen Propheten uns dargestellte Geschichte des alttestamentlichen Volkes Gottes und der Nationen jener Zeit für nicht nur durchaus unwiderleglich, sondern für nach allen Seiten hin göttlich beglaubigt halten, denn, wie es 2. Petr. 1,20.21 heißt: „... indem ihr dies zuerst wisset, dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist. Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen der Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist” - Gott Selber verbürgt Sich für die Wahrheit der Berichte, sowohl der lehrhaften wie auch der poetischen, wie auch der geschichtlichen, und die wunderbare Einteilung, die der Herr Jesus Selber für das Alte Testament gibt, z. B. in Lk. 24: „... in dem Gesetz Moses, den Propheten und Psalmen”, ist für uns ebenfalls wie alles andere, was Gott über Sein Wort gesagt hat, vollauf maßgeblich.

Nach diesem einleitenden Bekenntnis, dem zu Beginn eines neuen Jahrgangs einige Bedeutung zukommt, möchte ich meiner uneingeschränkten Freude über obige Antwort Ausdruck geben. Ich will sie nicht erweitern, brauche es angesichts des reichen Inhalts derselben ja auch nicht, aber ich möchte betonen, was sich mir nach dem Durcharbeiten derselben geradezu aufdrängt: Ist es nicht wunderbar, wie unser Gott uns nicht nur durch diese prophetischen Schilderungen zu Mitwissern Seiner Pläne und Absichten mit den besprochenen Völkern (Assur, Ägypten, Babylonien und Israel) macht, sondern dass Er uns in diesen Abschnitten Seines Wortes so unzweideutig zeigt, dass Ihm die Nationen nicht gleichgültig sind und dass Er deren Geschicke und Geschichte in so unnachahmlicher und bilderreicher Weise zeichnet, dass wir bewundernd Ihn preisen müssen: „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!” (Röm. 11,33) und: „Er offenbart das Tiefe und das Verborgene; Er weiß, was in der Finsternis ist, und bei Ihm wohnt das Licht” (Dan. 2,22), dass wir uns aber auch zu beugen alle Ursache haben, weil wir Gläubigen von heute so vielfach meinen, uns ginge die Geschichte der Völker nicht gar soviel an. Wirklich nicht? Wir leben doch noch immer in den „Zeiten der Nationen” (Lk. 21,24! Hes. 30,3), und wenn es Gott gefiel, den Haushalt der Gemeinde des HERRN in die „Zeiten der Nationen” einzuschalten (Eph. 3), so sollten wir Hochbegnadeten doch auch mit wirklicher Anteilnahme, nicht nur so nebenbei (etwa weil wir die Augen einmal nicht davor verschließen können), die Geschichte der Nationen verfolgen, immer freilich von den höchsten Gesichtspunkten geleitet, wie sie uns gezeigt sind z. B. in Apg. 3,18-26 oder 17,26-31; 1. Tim. 2,1-5 u. a.
Und hierzu nur einen kleinen Hinweis noch auf die Zeiten, in die obige Frage (und Antwort) hineingehört! Ist es nicht geradezu gewaltig, wie unser Gott die Geschichte Nebukadnezars überwaltet, neben dem Assur und Ägypten, diese riesigen alten Macht- und Kulturzentren, einfach nicht mehr aufkommen können, sondern ihre Bedeutung verlieren und an ihn, den Herrscher der Welt, abtreten müssen?! Ist es z. B. nicht überwältigend zu sehen, wodurch Nebukadnezar das Land Ägypten bekommt und dessen Reichtum (!) wegtragen usw. darf? Man lese Hes. 29,17-20! (Aber Israel wird darüber nicht vergessen, köstlich! V. 21!) Wirft dieser kleine Abschnitt nicht geradezu ein Blitzlicht auf Gottes Weltenregierung in diesen „Zeiten der Nationen”? Man denke dem nach, ich möchte hier nichts weiter darüber sagen! Möge der HERR uns Gnade geben, auch diesen Seiten Seines Wortes mehr Beachtung zu zollen! Je näher und je schneller wir - ganz unleugbar - dem Ende dieser Zeiten entgegengehen, desto mehr sollten wir, wie auf anderen, so auch auf diesen Gebieten „mit Gott Schritt zu hatten” suchen. Das geschieht aber nicht, wenn wir meinen, die Geschichte der Nationen ginge uns gar nichts an, wir seien nur (?) „ein himmlisches Volk”! (?) Ja, das sind wir, Gott sei Anbetung, Preis und Ehr dafür, aber - wir leben doch in zwei Welten, und wie haben auch in dieser Welt noch unsere Aufgaben, denen wir als „himmlische Menschen” nachzukommen haben (vgl. z. B. 1. Petribrief!). Das widerspricht nicht Kol. 3,1-4, bestätigt vielmehr das ganze Kapitel, wobei wir nicht vergessen wollen, dass es in V. 23 heißt „von Herzen”!
Man entschuldige die nur scheinbare Abschweifung: Ich habe diese Dinge im Anschluß an die erste sich bietende Gelegenheit gewissermaßen als grundsätzlich gesagt, um damit zu zeigen, dass wir eine sehr ernste Verantwortung haben, als Menschen himmlischer Berufung nicht zu vergessen, weswegen wir als Angehörige der irdischen Nationen noch in dieser Welt sind. Wir können dies nach keiner Seite hin zu ernst betrachten, wie es uns z. B. im Worte des HERRN gesagt ist in Lk. 24,45-48!

Der HERR segne uns Sein kostbares, Sein ganzes, Sein heiliges, Sein unantastbares, Sein herrliches Wort Alten und Neuen Testamentes! Und Er helfe uns in Gnaden, mehr „Täter Seines Wortes” zu werden (Jak. 1,22), bis dass Er kommt - und Sein Kommen ist nahe!
F. K.


Beantwortet von: Team Handreichungen
Quelle: Handreichungen - Band 21 (1936)