Wie ist Psalm 118,27 zu verstehen?

Wie ist Ps. 118,27 zu verstehen?

Antwort

Ps. 118 blickt voraus auf den herrlichen Zeitpunkt, wann der HErr Sich Seines Volkes Israel - d. h. des gläubigen Überrestes, der dann sein wird - annehmen und es erretten und befreien wird aus aller Bedrängnis und es dann mit Dank und Lob Ihm zujubeln und Ihn preisen wird. In diesem Vorausblick sieht der gläubige Überrest sich durch die große Drangsal gehen und alle Feinde überwinden (V. 5-13), jubelt er über die erfahrene Errettung (V. 14-18), preist er den herrlichen Erretter (V. 19-21), den er erkennt als den Stein, den die Bauleute verworfen haben, der aber zum Eckstein - wörtlich: Haupt der Ecke - geworden und in seinen Augen wunderbar ist (V. 22.23), sieht er Seinen Tag und frohlockt und freut sich in ihm (V. 24) im Bewußtsein seiner Nichtigkeit und Abhängigkeit (V. 25), begrüßt er lobpreisend Ihn, den Kommenden (V. 26), und schließt mit Dank und Anbetung gegen Gott (V. 27-29).

V. 27 lautet (nach Elberfelder Übersetzung): „Jehova ist Gott, und Er hat uns Licht gegeben; bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner (oder: bis zu den Hörnern) des Altars“. Gott bedeutet hier „El“ = „der Starke“. Jehova wird also als „der Starke“ gepriesen im Blick auf die erfahrene große Errettung und Seine mächtigen Taten, die vorher rühmend erwähnt werden (V. 5-17). Dann wird Er gerühmt als der Spender des Lichts: „und Er hat uns Licht gegeben“. Wie kostbar ist doch Licht! Finsternis wirkt lähmend, tötend - Finsternis ist Tod; darum ist Finsternis schrecklich. Licht aber ist herzerfreuend, belebend - Licht ist Leben! Darum lieben wir das Licht und können wir nur im Lichte glücklich sein. Deshalb wird auch der errettete Überrest einst dankerfüllt sagen: „Er hat uns Licht gegeben“, indem sie zurückblicken auf die Tiefen, durch die Er sie geführt hat, und in welchen Er ihren Weg erhellt und sie durch Sein Licht getröstet und belebt hat (vgl. auch Ps. 18,28; 27,1; 36,9; 56,13 u. a. m.).

Dann wird von dem „Festopfer“ gesprochen. Dieser Teil des Verses wird verschieden übersetzt. Luther z. B. übersetzt: „Schmücket das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars“. Wiese übersetzt: „Bindet das Festopfertier mit Stricken, bringt's zu den Hörnern des Altars“ und bringt in der Anmerkung unten als Übersetzung anderer: „Schließt den Festzug (geht in geschlossenem Festzug) mit Laubwerk (und geht) bis zu den Hörnern des Altars“, und weiter: „Besuchet das Fest mit Laubwerk (in den Händen) und kommet bis zu den Hörnern des Altars“. In allen diesen Lesarten ist der Gedanke eines Festes hervortretend, so daß, wenn wir die Lesart nach Elberfelder Übersetzung und Wiese annehmen wollen, es sich offenbar um ein Opfer handelt, welches von dem erretteten Überrest einst als ein Dankopfer dargebracht werden wird zum Gedächtnis an das herrliche Opfer des HErrn auf Golgatha, welches dieser gläubige Überrest dann kennen wird als das eine, vollkommene Opfer, durch welches sie erlöst und auf Grund dessen sie errettet sind. Das Opfertier soll auf dem Wege zur Opferung mit Stricken gebunden sein „bis an die Hörner des Altars“, d. h. bis es an dem Platze ist, wo es geopfert wird. Dadurch ist dieses Opfertier so recht ein Bild des zur-Schlachtung-bestimmt-Seins, des dem- Tode-geweiht-Seins, und infolgedessen ein treffender Hinweis auf den Herrn Jesus als das vollkommene Opfer. Denn ganz so sehen wir Ihn hienieden auf Seinem Wege durch diese Welt, zum Kreuze hin: gefesselt durch die Liebe zum Vater und zu verlorenen Menschen für den einzigen Zweck, den Vater zu verherrlichen und die Seinen zu erlösen durch das Opfer Seiner Selbst am Kreuze (Joh. 4,34; 14,31, Eph. 5,2; Phil. 2,6-8). Wir wissen, das Werk ist vollbracht - gepriesen sei Er! - und gedenken Seiner im Abendmahl als Dessen, der aus Liebe für uns starb und jetzt dort weilt, wo Er uns eine Stätte bereitet hat, „bis Er kommt“. Der gläubige Überrest nach unserer Entrückung, der durch die große Drangsal hindurchgerettet wird und in das Tausendjährige Reich eingeht, wird Ihn dann auch kennen, wie schon gesagt ist, doch werden sie nicht Seiner gedenken als eines Abwesenden, wie wir durch das Abendmahl, sondern sie werden die in Hes. 43-46 angeordneten Opfer darbringen als Gedächtnis an Sein Opfer auf Golgatha (vgl. Jahrb. 10, Frg. 1 am Schluß!). Unter dem ersten Bunde waren die Opfer Schattenbilder, hinweisend auf das kommende Opfer des HErrn, unter dem Neuen Bunde aber sind sie Gedächtnisbilder, hinweisend auf das ein für allemal geschehene Opfer. Ein solches zukünftiges Gedächtnisopfer ist u. E. das Festopfer, von dem Ps. 118,27 spricht.

Will man hingegen die Lesart nach Luther annehmen: „Schmücket das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars“, so treten die vorstehend entwickelten Gedanken in bezug auf das Opfer zurück und tritt der Gedanke der Freude in den Vordergrund, wie sie im Laubhüttenfest, das fünf Tage nach dem „Versöhnungstage“ seinen Anfang nahm und sieben Tage gefeiert wurde (3. Mose 23,33-43), vorgebildet ist und die Israel einst genießen wird, wenn es nach seiner Wiederannahme, errettet von allen Feinden und aus aller Not, im Tausendjährigen Reiche zur Ruhe gelangt sein wird.
Th. K.

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Quelle: Handreichungen - Band 11(1926)