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Predigten zu 2. Petrus 1,5

"ebendeshalb reichet aber auch dar, indem ihr allen Fleiß anwendet, in eurem Glauben die Tugend, in der Tugend aber die Erkenntnis,"

Autor: Charles Haddon Spurgeon (* 19.06.1834; † 31.01.1892) englischer Baptistenpastor
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"So wendet allen euren Fleiß daran, und reicht dar in eurem Glauben Tugend, und in der Tugend Erkenntnis; und in der Erkenntnis Mässigkeit, und in der Mässigkeit Geduld, und in der Geduld Gottseligkeit; und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe allgemeine Liebe."

Wenn du die unschätzbare Gnade völliger Glaubenszuversicht geniessen willst, unter dem gesegneten Einfluss und Beistand des Heiligen Geistes, so tue, was uns die Heilige Schrift sagt: "Wende allen Fleiß daran," sorge, dass dein Glaube rechter Art sei, dass er nicht ein blosser Verstandes-Glaube sei, sondern ein einfältiger Glaube, der sich ganz nur auf Christum verlässt, und nur auf Christum allein. Gib fleißig acht auf deinen Mut. Bitte Gott, dass Er dir die Stirn eines Löwen gebe, damit du im Bewusstsein deiner Gotteskindschaft unerschrocken einhergehst. Forsche fleißig in der Schrift, und werde fest in der Erkenntnis; denn eine klare Erkenntnis des göttlichen Wortes und Willens ist eine mächtige Stärkung deines Glaubens. Trachte nach dem Verständnis der Heiligen Schrift; lass ihren Inhalt reichlich wohnen in deinem Herzen. Wenn du das getan hast, so "reiche dar in der Erkenntnis Mässigkeit." Bewahre deinen Leib: sei mässig im Genuss des Irdischen. Bewahre deine Seele: sei mässig im Gebrauch der geistigen Güter. Halte Maß in Gedanken und Worten, im Leben und Empfinden. Danach reiche dar durch den Heiligen Geist Gottes: Geduld; bitte Ihn, dir Geduld zu schenken, die alle Anfechtung überwindet, auf dass, wenn du versucht wirst, du erfunden werdest wie das Gold. Waffne dich mit Geduld, damit du nicht murrest noch mutlos werdest in deinen Heimsuchungen. Wenn diese Gnade erlangt ist, dann schaue dich um nach der Gottseligkeit. Gottseligkeit ist noch etwas mehr als Frömmigkeit. Gottes Verherrlichung sei deines Lebens Ziel; wandle vor seinem Angesicht; bleibe Ihm nah; suche seine Freundschaft; das ist "Gottseligkeit;" und dazu füge die brüderliche Liebe. Liebe alle Heiligen. Hieran reihe weiter die allgemeine Liebe, die ihre Arme gegen alle Menschen ausstreckt und ihre Seelen liebt. Wenn du mit diesen Kleinodien geschmückt bist, so wirst du in demselben Maße, wie du diese himmlischen Tugenden übst, zur klarsten Überzeugung deiner "Berufung und Erwählung" gelangen.


Autor: Carl Eichhorn (* 11.07.1810; † 08.02.1890) deutscher lutherischer Pastor
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"Unser Fleiß in der Heiligung Wendet allen euren Fleiß daran!"

Es ist sehr wichtig, dass wir unser Wort im Zusammenhang mit dem Vorhergehenden verstehen. Nachdem uns seine göttliche Kraft alles geschenkt hat, was zum Leben und zur Frömmigkeit not tut, so wendet allen euren Fleiß daran und reicht Gott dar alle die Tugenden, die er an seinen Kindern sehen will: Tüchtigkeit, Erkenntnis, Enthaltsamkeit, Ausdauer, Frömmigkeit, Bruderliebe, allgemeine Liebe! Ihr könnt dies alles nicht aus euch selbst hervorbringen. Seine göttliche Kraft hat alles in euch gewirkt. Und wie geschah dies? Durch die Erkenntnis des herrlichen Gottes und des Herrn Jesu. Als euch das Glaubensauge geöffnet wurde, dass ihr den allein wesenhaften Gott, und den er gesandt hat, Jesus Christus, erkanntet, da seid ihr so reich geworden. Ihr empfingt das wahre und ewige Leben (Joh. 17, 8) und die Kraft, Gott zu dienen und alles, was ihm gefällt, ihm darzureichen. Im Glauben habt ihr alles. Und nun macht euren Glaubensbesitz flüssig, bringt zum Vorschein, was Gottes Gnade in euch gelegt hat! Der heilige Wandel ist nur eine Verwertung und Entfaltung der uns geschenkten Heiligkeit. Lasst uns nur sorgen, dass das Glaubensauge hell, der Glaubensblick ungetrübt ist, dann haben wir alles. - "Wendet allen Fleiß daran!" Es mag einer noch so fleißig sein, doch wenn die Aufgabe weit über seine Kräfte geht, so wird er schließlich mutlos und verdrossen die Hände sinken lassen. So verhält es sich mit der Heiligung unseres inneren und äußeren Lebens. Sie ist etwas, was unsere Kraft weit übersteigt. Wer's mit ganzem Ernst versucht, wird's inne. Es ist nicht wahr, was Kant gesagt hat: Du kannst; denn du sollst. Ihm war der Blick in das tiefe Verderben des Menschenherzens gar nicht gegeben. Darum hat er auch die Aufgabe nicht in ihrer ganzen Grösse und Schwere erfasst. Wir können erst, wenn Gott uns in Christo das Vermögen darreicht. Aber dann sollen wir, und zwar mit Aufwendung alles Fleißes. - Der Fleiß ist im Grunde ein Fleiß des Glaubens, eine immer neue Glaubensenergie. Wenn eine böse Untugend nicht weichen will, so verzage an deiner Kraft, aber nicht an der Kraft, die dir Gott im Herrn Jesu darreichen will! In ihm hast du den Sieg, dabei beharre, gehe nicht weg vom Herrn, sei zudringlich, halte ihm seine Verheißung vor, und du wirst es erfahren: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus! Du hast in ihm neues Leben; ruhe nicht, bis dieses Leben auf allen Punkten durchdringt und sich durchsetzt! - Wenn uns das Licht der Erkenntnis des herrlichen Heilands geschenkt ist, lasst uns ja nicht faul und unfruchtbar sein! Sonst verlieren wir das Glaubenslicht. Wir werden "blind und tappen mit der Hand". Wenn wir aber Gott reichliche Früchte darreichen von dem, was er in uns gepflanzt hat, dann wird uns reichlich dargereicht der Eingang zum ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes (2. Petr. 1, 8-11).


Autor: Carl Eichhorn (* 11.07.1810; † 08.02.1890) deutscher lutherischer Pastor
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Nicht einseitige, sondern allseitige Heiligung (I)

"Reichet dar mit (oder neben) der Tüchtigkeit Erkenntnis!"

Dem Glauben soll die Tüchtigkeit nicht fehlen. Er soll sich kraftvoll beweisen mit der Tat im ganzen inneren und äußeren Leben. Man trifft "Fromme", die im irdischen Leben ganz und gar nicht ihren Mann stellen, überhaupt nirgends recht zu brauchen sind. - Aber mit dem Tatchristentum soll sich auch die Pflege der Erkenntnis verbinden. Meist kommt bei sonst ernsten Christen die Vertiefung in der Erkenntnis zu kurz. Da fehlt etwas nicht Unwesentliches. Gewiss ist die Hauptsache im Christentum der entschlossene Wille, dem Herrn zu dienen. Aber Gott hat uns auch einen Verstand gegeben. Der Glaube gibt nicht nur dem Willen eine neue Richtung, er gibt auch eine Erleuchtung des Verstandes. Gott in Christo wird uns geoffenbart. Wir bekommen Einblick in die Geheimnisse Gottes, in seinen Zeit und Ewigkeit umfassenden Reichsplan. Zur Glaubenskraft gesellt sich Glaubenslicht. Letzteres soll entwickelt und entfaltet werden in der Erkenntnis. - Bei vielen ist diese Seite stark verkümmert. Sie vergessen, dass in Christo uns nicht nur die Erlösung gegeben ist, sondern dass auch alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in ihm verborgen liegen. Diese Schätze sollen gehoben werden. - Es gibt freilich auch eine unfruchtbare Erkenntnis. Sie ist eine fälschlich berühmte Kunst. Sie stammt nicht aus dem Geistesleben und befördert es nicht. Sie ist ein blosses Verstandeswerk. Der Hochmut nistet sich darin ein. Man fühlt sich überlegen mit seinem vermeintlich tieferen Wissen. Man befriedigt den Vorwitz bei sich und andern. Man versenkt sich nicht in die zentralen Wahrheiten, sondern macht Nebendinge zur Hauptsache. Man hat seine Lieblingsmeinungen und "Steckenpferde". Man liebt es, zu streiten oder sich in blosses Wortgezänk einzulassen. Man will recht haben und einen Trumpf ausspielen. - Die fruchtbare Erkenntnis fließt aus Erleuchtung und Geistesleben und befördert und stärkt die Frömmigkeit. Um sie zu erlangen, müssen wir Gott bitten um den Geist der Weisheit und Offenbarung. Dieser Geist führt uns in die Erkenntnis Gottes und des Herrn Jesu. Er gibt erleuchtete Augen, dass wir tiefer hineinblicken in das große Hoffnungsgut und in den Reichtum dessen, was uns schon jetzt gegeben ist in Christo Jesu, endlich in die überschwengliche Kraft Gottes, die er in den Gläubigen beweisen kann und will. Solche Erkenntnis führt zur Anbetung und mehrt und stärkt das inwendige Leben. Sie hat eine gesundende Kraft. Sie erfüllt uns mit großen und fruchtbaren Gedanken, gibt unserm Wesen Weihe und Gehobenheit. Rechte Christen sollen wie fröhliche Kinder in der Vergebungsgnade stehen und kindlich vertrauend und sorglos am Vater hängen, sollen wie Jünglinge ihre Kraft beweisen in der Überwindung des Bösen, sollen wie Väter mit dem klaren Blick des gereiften Alters in die Erkenntnis des ewigen Gottessohnes eindringen und immer tiefere Einsicht gewinnen in seine Liebe, die alle Erkenntnis übertrifft. O welch ein Reichtum bietet sich uns hier dar!


Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"Wendet allen euren Fleiß daran und reichet dar in eurem Glauben Tugend."

Wenn wir alle teuren Verheißungen Gottes recht bedenken, dann müssten wir wohl vor Gram über unsere erschreckliche Kälte und unseren Ungehorsam vergehen, dass wir nicht beständig daran denken, wie wir mit allem Fleiße unseren Glauben in einem göttlichen Leben beweisen möchten. Alles, was zum Leben und zur Gottesfurcht dient, ist uns gegeben, so dass wir trotz unserer Schwachheit nicht Knechte der Sünde zu sein brauchen. Wir haben die größten Verheißungen von Gott selbst, der unmöglich lügen kann, Verheißungen, die schon in dieser Zeit bezeugen, dass wir der göttlichen Natur teilhaftig werden und in Ewigkeit bei Ihm leben sollen! Sollten wir dann nicht die kleine Zeit hindurch, die wir noch zu leben haben, unsere höchste Fürsorge darin sehen, jetzt nur Ihm zu leben, der uns das alles gegeben hat, nur suchen, Ihm zu gefallen und zu Seinem Preis beizutragen, und darum unseren ganzen Fleiß daran zu wenden, dass in unserem Glauben Tugend bewiesen werde? - O, bedenke dies doch, du, der du ein begnadigtes Kind Gottes bist! Bitte Gott um Vergebung für alle deine Versäumnisse und um Gnade, hinfort etwas Besseres zu beginnen.

Wenn der Apostel sagt: "Und reichet dar in eurem Glauben Tugend", so bezeichnet "Tugend" hier einen heiligen Eifer, Kraft und Trieb zum Guten. Unser Glaube soll kein totes, unwirksames Wissen oder nur eine träge Ruhe sein. Wenn wir so herrliche Dinge glauben, wie sie in den Verheißungen Gottes enthalten sind, dann sollen wir uns auch in unserem ganzen Wandel so beweisen, wie es sich einem so begnadigten und glücklichen Volk hier auf Erden geziemt. Man sieht oft in dieser Beziehung etwas, was sowohl traurig als auch merkwürdig ist, nämlich, dass es Menschen gibt, die wirklich zu einem neuen geistlichen Leben gelangt zu sein scheinen, bei denen es aber zu gleicher Zeit so ist, als wüssten sie nicht, dass die Gnade, die sie empfangen haben, im Leben zur Tötung des alten Menschen angewendet werden soll und muss. Sie vermögen so manche Unart gänzlich zu übersehen, so, als wüssten sie nicht, dass eine jede Sünde gekreuzigt und getötet werden soll. Wenn diese nun doch geistliches Leben haben, dann beweist ein solches Verhältnis aber eine geistliche Schläfrigkeit und Trägheit, und aus dieser will der Apostel uns hier aufwecken, wenn er darauf dringt, dass in unserem Glauben Tugend gefunden werde - Eifer, Kraft, Wirksamkeit. So sagt er selbst von dem Zweck dieses Briefes: "Dies ist die andere Epistel, die ich euch schreibe, in welcher ich euch erinnere und erwecke euren lauteren Sinn." - O, möchte nun ein jeder, der dies liest, sogleich in sich gehen und nachdenken, ob nicht ein solches Verhältnis bei ihm gefunden werden könnte, eine christliche Pflicht, die er noch versäumt, eine Sünde, die er noch nicht aufrichtig kreuzigt. Denn in diesen zwei Stücken muss die Kraft der Gottesfurcht bewiesen werden, nämlich all das Gute zu tun, was in unserem Beruf möglich ist, sowie der Sünde zu entfliehen und sie vollends zu kreuzigen. - Du also, der du glaubst und begnadigt bist, z. B. aber mit einem starren und zornigen Sinn zu kämpfen hast, hüte dich vor demselben! Gib ihm keine Freiheit, sondern folge dem Beispiel deines Heilandes, "welcher nicht wieder schalt, da Er gescholten ward, nicht drohte, da Er litt, Er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet". - Du, der du glaubst und begnadigt bist, aber mit einer schweren Begierde des Fleisches zu kämpfen hast, hüte dich! Höre die Worte des Apostels: "Ich ermahne euch als die Fremdlinge und Pilgrime: Enthaltet euch von fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten." - Du, der du glaubst und begnadigt bist dein Herz aber ist so von irdischen Dingen, von deinen irdischen Gütern, deinem Geschäft usw. eingenommen, dass du zuerst und zuletzt an diese denkst und von ihnen redest - wisse, dass dies ein ernstes Zeichen dafür ist, dass du nicht recht nüchtern und wach bist. Ja, wenn du nicht aufwachst, dann werden diese Dornen die gute Saat in dir ersticken, so dass du ein falscher Christ wirst, mit dem Mund und mit einigen frommen Beobachtungen geistlich, im Herzen aber irdisch. - Du, der du glaubst und alle herrlichen Dinge besitzt, die Gott uns in Christus gegeben hat, dabei aber deine Mitmenschen in geistlichem Tod und geistlicher Sicherheit einer ewigen Verdammnis entgegeneilen sehen kannst, ohne das geringste zu ihrer Erweckung zu tun und mit ihnen von allem anderen redest, in der Stille aber von ihrem künftigen Unglück weißt, - erwache und bitte Gott um eine aufrichtige, beständig in deinem Innern wirkende Liebe, dass du Gelegenheit, Mittel und Wege suchst, deinen Mitmenschen zur Errettung zu dienen! - Du, der du glaubst und begnadigt bist, deinem armen Bruder aber in seiner Not dein Herz verschließest, obwohl du ihm mit deinen Mitteln helfen könntest - wie bleibt die Liebe Gottes in dir? Töte hier dein Fleisch, das alles für sich und die Seinigen behalten will. - Sieh, aus solchen Beispielen kannst du merken, was es heißt, dass in dem Glauben Tugend, heilige Kraft und Eifer gefunden werden. Hierzu sagt der Apostel: "Wendet allen euren Fleiß daran!" Bittet Gott um Seinen Heiligen Geist, so zu glauben und so zu lieben, dass es sich in eurem ganzen Wandel beweist! Gott vergebe uns allen, worin es bei uns mangelt. Er erfülle uns mit solcher Freude und Kraft aus den teuren und größten Verheißungen, die Er uns geschenkt hat, dass eine wirkliche Besserung folgen möge!

Hilf Gott, Du Herr der Herrlichkeit, Dass ich von Herzen allezeit, Mich halte zu dem Einen; Dass ich stets glaub an Jesum Christ Und Liebe übe ohne List. Mein Trost bist Du alleine.


Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"In der Tugend Erkenntnis."

Nachdem Petrus die Gläubigen ermahnt hat: "So wendet allen euren Fleiß daran, dass in eurem Glauben Tugend erfunden werde", fügt er "und in der Tugend Erkenntnis" hinzu. Ein merkwürdiges Wort, aber reich an gesunder Lehre, und das auch für die eifrigsten Christen. Was bedeutet es denn? Das Wort im Grundtext bedeutet auch "Weisheit, Verständigkeit." Hierin liegt folgende Lehre: Ein wahrer Christ soll nicht nur "Tugend", heiligen Eifer und Kraft ausüben, sondern auch zusehen, dass er sie in der verständigsten Weise ausübt, mit Weisheit und Unterscheidung. Er darf nicht blindlings zuwegegehen, sondern muss mit Gebet um Erleuchtung durch den Geist des Herrn beständig bedenken, was für jeden Fall das weiseste und zur Förderung der Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen das dienlichste ist. Ist nicht auch dies eine höchst wichtige Ermahnung? Wenn wir recht bedenken, welcher Tausendkünstler der Satan ist, um uns irrezumachen, und wieviel Schaden und Ärgernis es hervorruft, wenn ein Christ in wohlgemeintem Eifer eine "Torheit in Israel" begeht, dem Lästerer Raum und den schwachen Seelen Anstoss gibt ach, wie wichtig muss es uns dann sein, mit Furcht vor unserem eigenen Geist Gott beständig um Sein Licht zu bitten und zu suchen, immer mehr Erkenntnis darüber zu erhalten, was "Gottes guter, wohlgefälliger und vollkommener Wille" ist.

Aber welch ein aufrichtiger Geist und welche scharfe Aufmerksamkeit aufs Herz sind hier erforderlich, damit sich unter dem Vorwand dieser Weisheit kein Schalk verbirgt, wenn man in Wirklichkeit doch nicht die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen, sondern nur Menschengunst und fleischliche Ruhe sucht, so dass deine Weisheit und Vorsicht eigentlich ein Entweichen der Natur von dem Kreuze, von dem Hass und der Verfolgung der Menschen ist. Ach, wie ist das Herz so falsch, wie ist der Weg so schmal! Der eine verachtet die Lehre von der Demut und der Weisheit unter dem Vorwand der "Aufrichtigkeit" und des heiligen Eifers; der andere ist ein dummes Salz, das seine Kraft verloren hat, und der sich deshalb so leicht nach dem Geschmack aller richten kann, dies aber Weisheit und Vorsicht nennt. Wie notwendig ist es, scharf aufs Herz achtzugeben, auf die Beweggründe, ob du wirklich die Ehre Gottes und das Wohl der Menschen suchst und förderst, oder ob es nur Menschengunst und fleischliche Ruhe ist.

Wir wollen nun mit einigen Beispielen aus unseren jetzigen Verhältnissen zeigen, was das heißt: "In der Tugend Erkenntnis". Es ist Tugend, es ist heiliger Eifer und heilige Kraft, dass du für die Ehre Gottes und das Wachsen Seines Reiches eiferst, die Schlafenden zu wecken und die Unsittlichen zu ermahnen suchst. Aber "Erkenntnis", Verstand und Unterscheidung ist dieses, dass du auch die rechte Weise und den rechten Augenblick beachtest. Der rechte "Augenblick" ist im allgemeinen der erste, oder, wenn du die Sünde, die du siehst, sogleich strafst. Die Weisheit aber erfordert oft, dass du nicht so handelst, wenn z. B. dein Nächster gereizt ist oder wenn er sich soeben gegen dich vergangen hat; denn dann wird deine Ermahnung als eine Äußerung deines gekränkten Gefühls aufgenommen. Wähle im Gegenteil eine Gelegenheit, wo zwischen dir und ihm das beste Einvernehmen herrscht, so dass er einsehen kann, dass du von der Liebe getrieben wirst. Die übliche Weise ist, die Bestrafung nach dem Versehen zu bemessen, einen schwereren Fehler also härter und einen geringeren gelinder zu strafen. Die Weisheit aber lehrt oft, dass man auf den Zustand der Person achten muss. Wenn es eine stärkere und selbstzufriedenere Person ist, musst du schon den geringsten Fehler strafen, wenn es dagegen ein schwacher, zarter Jünger ist, musst du entweder ganz schweigen oder aber die gelindesten Worte gebrauchen und zu verstehen geben, dass du selbst die Macht des Versuchers und deine eigene Schwachheit fühlst, das Gute an deinem Bruder erkennst und ihn auch in seiner Trauer über seine Sünde tröstest, ihn aber vor der Sünde warnst.

Noch ein Beispiel: Es ist Tugend, es ist heiliger Eifer und heilige Kraft, dass du alles eitle und lose Wesen verabscheust - wie z. B. Eitelkeit und Überfluss in Speise, in Kleidung und Hausgerät, Leichtsinn und Unbedachtsamkeit im Umgang - und dich ernstlich auf die Kreuzigung des alten Menschen legst sowie unter Mitchristen dafür eiferst. Aber auch hier sollst du Verstand und Unterscheidung anwenden, so dass du auf den Nutzen und den Zweck blickst, nämlich auf die Ehre Gottes und auf dein und anderer Menschen Wohl, und danach dass Maß und den Grad für jeden einzelnen Fall einrichtest, dass du dabei aber nicht in ein blindes Formwesen gerätst, wie es etwa die Geistlichkeit der Pharisäer und ähnlicher Heiliger ist. Blicke ich auf den Zweck z. B. des Fastens und der Mässigkeit in Speise, Kleidung, Schlaf, Hausgerät usw., dann muss ich zuweilen mehr, zuweilen weniger streng sein, je nachdem es die Umstände erfordern, also strenger leben, wenn es nötig ist, z. B. zur Kreuzigung meines eigenen Fleisches oder weil es die Sitte der Frommen an dem Ort erfordert, oder wegen meiner irdischen Verhältnisse usw., aber dagegen weniger streng, wenn die Umstände diese Veränderung erfordern, d. h., wenn eine solche Veränderung dienlicher ist, die Sache des Herrn sowie mein Wohl oder das der Mitmenschen zu fördern. Der Apostel ermahnt: "Ihr esst nun oder trinkt, oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre." Ein solches Achtgeben auf die Umstände, auf den Zweck, auf die Vorschrift der Liebe und Weisheit für jeden Fall, das ist "in der Tugend Erkenntnis" Gutes tun, Nutzen schaffen. Darauf sieht Gott, wenn es unseren Wandel gilt.