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Predigten zu Epheser 5,30

"Denn wir sind Glieder seines Leibes, [von seinem Fleische und von seinen Gebeinen]."

Autor: Christoph Blumhardt (* 01.06.1842; † 02.08.1919) deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer und Kirchenlieddichter
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Stark und kräftig drückt der Apostel hier unsre Zusammengehörigkeit mit Jesus aus, wenn er sagt, wir seien Glieder Seines Leibes, seien von Seinem Fleisch und Seinem Gebein. Der HErr Jesus ist so unsereiner geworden, daß Er auch die Leiblichkeit mit uns gemein hat. Er ist nicht nur leiblich geworden, wie wir es sind,4) sondern Er ist Seiner menschlichen Abstammung nach aus unserem Geschlechte herausgewachsen. Darum sagt auch Paulus andernorts (Gal. 4,4): „Da aber die Zeit erfüllet war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einem Weibe“ - womit er sagen will, wie der HErr so ganz als unsrem Geschlechte zugehörig anzusehen sei.

An den Wirkungen solcher „Verwandtschaft“ mit Ihm dürfen freilich zunächst nur die teilnehmen, die willens sind, sich zu Ihm zu halten; die Ihn als Bruder annehmen und das Gute, das Er ihnen als Bruder geben kann, sich gefallen lassen; die also zugleich auch durch den Glauben zu einem Sinn und Geist in Ihn hineinwachsen als Reben an Ihm, dem Weinstock. Sind wir das, so dient's uns zu besonderer Glaubensstütze, daß Er auch der leiblichen Abstammung nach unser Bruder ist. Denn weil Er das ist, dürfen wir auch Ansprüche an Ihn machen wie ein Bruder an den andern; und dann kann uns alles, was Er ist, zugute kommen, kann Seine Liebe eine Macht haben zu unsrer Erlösung.

Denken wir dabei an den Vater im Himmel, so kann Er's doch dem Sohne nicht versagen, wenn dieser Seine menschlichen Brüder, die zu Ihm aufsehen, Sich gleich geachtet wissen will. Um ein Gleichnis zu geben: Wie bereitwillig war einst Pharao, die Brüder Josephs mit dem Vater mit allen ihren Familiengliedern bei sich aufzunehmen! Wir lesen in der Geschichte (1. Mose 45,16): „Und da das Gerücht kam in des Pharao Haus, daß Josephs Brüder gekommen waren, gefiel es dem Pharao gut und allen seinen Großen.“ Als dann der Vater mit der ganzen Familie kam, durfte ihnen Joseph „einen Besitz geben am besten Orte des Landes“, und er durfte „den Vater und seine Brüder versorgen und das ganze Haus seines Vaters, einen jeden nach der Zahl der Kinder“ (47, 11 f.). So ging's bei dem bis zum Thron erhobenen Joseph durch die Gunst des Königs Pharao.

Wie kann aber der himmlisch Vater, der Gnädige und Barmherzige, sich anders bezeigen, als es Menschen, die doch arg sind, untereinander tun! Wie kann's Ihm nicht auch wohlgefallen, wenn Seines geliebten Sohnes Brüder kommen! Wie kann Er nicht auch diesen durch den Sohn das Beste geben lassen, was nur ein brüderliches Herz den Brüdern geben möchte, die nach großer Verirrung doch wieder lieben! Es wäre ja unserm Heiland so, als ob wirkliche Glieder Ihm vom Leibe gerissen würden, wenn Seine Brüder ferne von Ihm sein sollten! Wie muß es uns also erheben, wenn wir vernehmen, wir seien „Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und von Seinem Gebein!“

Wollen wir denn mit kindlichem Glauben unsrem großen, hoch erhöhten Bruder nahen! Und wollen wir's uns angelegen sein lassen, Ihm durch demütige Buße und aufrichtige Liebe ans Herz zu wachsen! Wie weiß Er doch in Seiner Bruderliebe uns aus aller Bekümmernis und Trübsal herauszuretten zu ewiger Wonne und Freude!


Autor: Christoph Blumhardt (* 01.06.1842; † 02.08.1919) deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer und Kirchenlieddichter
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Christus, der Bruder übrigens dürfen wir nicht aus der Acht lassen, daß das ganze menschliche Geschlecht, wie es eben ist, in einer leiblichen Verwandtschaft mit Jesus steht, Seiner menschlichen Abstammung nach. Andererseits sind auch wir Gottes wie Er - wenngleich nicht in derselben Art -, sind also auch nach dieser Seite hin mit Ihm verwandt, weil Gott uns Menschen nach Seinem Bilde schuf und uns Seinen Geist einhauchte.

Wichtige Gedanken lassen sich daran anschließen: Zunächst mögen wir das erkennen, wie viel Ihm - der Seine vollkommene Tugend und Gerechtigkeit auch darin zeigt, daß Er die kindliche Verwandtenliebe vollkommen in sich hat - daran liegt, Seine Brüder zuletzt alle, wenn möglich, an Sein Herz drücken zu dürfen. Und wir erkennen auch, wie weh es Ihm tut, wenn Menschen, die Seine Brüder sind, Ihn mit Härte und störrischem Sinn von sich stoßen. So wie Ihn Seine Liebe auch die Marter eines Kreuzestodes auf sich nehmen hieß, so läßt Er sich's auch jetzt als zur Rechten Gottes Erhöhter auf alle nur erdenkliche Weise angelegen sein, unter den Völkern der Erde immer weiter Seelen zu gewinnen, die Er als Brüder ehren und an Seiner Herrlichkeit Anteil nehmen lassen könnte. Es mag uns auch denkbar sein, daß Er nur mit tiefstem Schmerze die Widerwärtigen dem ewigen Tode anheim fallen sehen kann - warum wollen wir solchen Schmerz ferne von Ihm denken?

Sodann bedenken wir dies: Wenn wir an Ihn als unsern Bruder so viele Ansprüche machen und Brüderrechte haben wollen und sollen - wie das der Fall ist, wenn wir nur durch Ihn selig werden wollen -: wie sollten wir die brüderlichen Gefühle unter uns erstorben sein lassen, daß wir einander hassen und neiden, plagen und mißhandeln, gering schätzen und verunehren, würgen und morden oder auch nur kalt und hart aneinander vorübergehen wie der Priester und Levit an dem unter die Mörder Gefallenen?! Nichts wird einmal verdammlicher an uns sein, als wenn wir die Brudergefühle zueinander in uns haben ersterben lassen. Wie bedeutungsvoll ist daher die Mahnung: „Kindlein, liebet euch untereinander!“, und wie schwer der Vorwurf: „Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest“, und wie durchschlagend sind die verdammenden Worte des Richters Jesus: „Was ihr diesen Meinen geringsten Brüdern nicht getan habt, das habt ihr Mir auch nicht getan“ - eben weil wir Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und von Seinem Gebein sind!