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Predigten zu Psalm 130,6

"Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen."

Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur anderen."

Es ist ein die Kinder Gottes auszeichnender Zug, dass sie einen kindlichen Geist empfangen haben, durch welchen sie rufen: "Abba, lieber Vater". Wenn sie in dieser Weise nicht vertraulich mit Ihm reden können - von einer solchen Schwachheit und Ohnmacht werden sie oft befallen - ergreifen in ihren Herzen ein Seufzen nach dem Herrn und ein Harren auf Ihn Platz. Der Heiland, Seine Gnade und Nähe sind das Lebensbedürfnis ihrer Seele, so dass das Harren auf den Herrn der Atemzug des neuen Menschen ist. Und der Herr lässt Seine Freunde nicht vergebens Seiner harren und begehren. Er sagt: "Wer mich liebt, den wird mein Vater lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen."

Denke aber nun nicht, dass du Ihn immer nahe sehen und empfinden wirst! Im Gegenteil! - Es ist gerade ein Hauptzug Seiner Haushaltung mit uns, dass Er sich verbirgt und uns allerlei Böses sehen und fühlen lässt, wie z. B. Sünde, Ohnmacht und grässliche Anfälle des Teufels. Uns scheint, dass der Heiland tausend Meilen entfernt sei und neben unserer eigenen Bosheit und der der Welt uns nur böse Geister in ihrer Gewalt hätten. Dann seufzt die Tochter Zion: "Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen." Dann geht die Braut in der Dunkelheit der Nacht und "sucht den, den ihre Seele liebt". Dann steht Maria am leeren Grab und weint darüber, dass ihr Herr verloren sei. Das ist die kleine Zeit, von der der Herr sagte: "Über ein kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen; und ihr werdet weinen und heulen."

Beachte und vergiss es nie! Es gehört zur Haushaltung des Herrn mit uns, dass Er sich so verbergen wird. Es wird dir durchaus nicht wie das Verbergen während einer kurzen Zeit, sondern stets wie ein ganzes Verlassen erscheinen, gewissermassen als gerechte Folge einer begangenen Sünde und Untreue. Käme es dir nicht so vor, dann würde es keine wirkliche Prüfung sein. Nun soll es aber eine ernsthafte Übung deines Glaubens, deines Gebetes und deines Harrens auf den Herrn sein. - Aber so gewiss, wie Gott selbst Seinem Zion erklärt: "Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will Ich Mich deiner erbarmen," und so unmöglich es ist, dass Christus der weinenden Maria am Grabe oder den zwei Jüngern, die nach Emmaus gingen und die Ihn als für immer verloren ansahen, fernbleiben konnte, ebenso unmöglich ist es auch, dass eine einzige Seele jetzt des Herrn harren und Tag und Nacht zu Ihm rufen könnte und dennoch in ihrem Harren zuschanden werden müsste. Das streitet ganz gegen das gnädige Wesen Gottes. Der Herr führt die Seinen wundersam, aber stets mit einer ewigen Treue. Und es mag mit deinen Sünden und deinem Zustand sein, wie es wolle, - wenn nur deine Seele des Herren harrt, - ob du auch kein einziges Gebet über deine Lippen bringen kannst, sondern dein gequältes Herz in Ohnmacht und unaussprechlichen Seufzern nur des Herrn harrt, - dann kann Er unmöglich fernbleiben. Sieh die eigenen Versicherungen unseres Herrn Christus, wenn Er von einer Witwe und einem "ungerechten Richter" bei Lk. 18 redet, oder von dem, der, um Mitternacht, da die Tür verschlossen war, Besuch von seinem Nachbarn erhält, der Brot zu leihen begehrt (Lk. 11). Mit diesen Gleichnissen will Er uns helfen einzusehen, dass es Seinem Herzen nicht möglich ist, einem Notleidenden Seine Hilfe zu verweigern. Er fordert aber, dass wir eine Zeitlang Seinem blossen Worte glauben; denn es gehört zur Prüfung, dass man das Gefühl hat, als ob alles vergebens wäre. Und es ist gerade der Zweck der Prüfung, dass der Glaube geübt werden soll.

Diese Übung im Glauben haben wir oft dadurch, dass wir nichts vom Geistlichen empfinden, weder Kummer noch Erquickung, weder Sünde noch Gnade; sondern eine Totenstille und Dürre in der Seele lassen uns befürchten, dass unser geistliches Leben ausgelöscht sei und dass wir uns in der Ruhe des Todes befänden. Für aufrichtige und wachsame Christen kann diese Stille, Leere und Ohnmacht schon die schwerste Prüfung werden. Aber gerade diese Furcht vor einem heimlichen Tod ist nicht nur der kräftigste Beweis dieser Gefahr, sondern auch das einzige Mittel gegen dieselbe. Diejenigen hingegen, die sich nie vor sich selbst fürchten, haben wirklich allen Grund, sich zu fürchten.

Aber nun, wie wunderlich der Herr uns auch führt, so kann Er doch nicht immer verborgen bleiben. "Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft" - und bekommen von Zeit zu Zeit auch Seine Herrlichkeit zu sehen, so dass sie von einer unsagbar seligen Verwunderung über den lebendigen und gegenwärtigen Gott erfüllt werden, der so wundersam, aber auch so treu ist. Wenn sie während einer langwierigen Prüfung schließlich angefangen haben, zu meinen, dass sie ganz vom Herrn verlassen seien, dann gibt Er ihnen unvermutet einen so wunderbaren Gnadenbeweis, dass sie wie Daniel ausrufen, als diesem in der Löwengrube Speise gesandt wurde: "Herr Gott, Du denkst ja noch an mich! Ich meinte, Du hättest meiner vergessen." O, wie die geprüfte Seele dann die Lieblichkeit Gottes schmeckt, ja, etwas "von den Kräften der zukünftigen Welt" erfährt; jetzt will sie mit David auch für die Trübsal ihrer Seele danken!

So merke dann, der du musst klagen, Dass Gott deiner so ganz vergisst, Dass deinen Jammer Er nicht wüsst': Nicht Gott noch Sein Christ Sich ändern in wechselnden Tagen. Kannst du es auch nimmer verstehn, In Christo du immer bist schön.