Buch-Rezension: Der ganz andere Vater - Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahöstlicher Perspektive in Szene gesetzt

Der ganz andere Vater

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Endlich erscheint ein Buch von Kenneth Bailey in deutscher Sprache. Bailey ist im Nahen Osten aufgewachsen und lehrte bis 1995 Neues Testament in Ägypten, im Libanon, auf Zypern und zuletzt am Ökumenischen Institut Tantur in Jerusalem. In mehreren Beiträgen hat Bailey auf seine enormen Kenntnisse der arabischen Sprache, Literatur und Kultur zurückgegriffen und sie verbunden mit seiner Lebens- und Lehrerfahrung im Nahen Osten, um das Neue Testament auf dem kulturellen Hintergrund des Nahen Ostens zu studieren; vgl. seine Studien

  • Finding the Lost: Cultural Keys to Luke 15 (St. Louis: Concordia, 1992);
  • Jacob and the Prodigal: How Jesus Retold Israel’s Story (Downers Grove: IVP, 2003) und
  • Poet and Peasant and Through Peasant Eyes (Grand Rapids: Eerdmans, 1980).

Der vorliegende Band ist die deutsche Ausgabe von The Cross and the Prodigal: Luke 15 Through the Eyes of Middle Eastern Peasants (Downers Grove: IVP, 2005).

In der Einleitung (11-18) beschreibt B. zunächst seinen persönlichen Weg und die Notwendigkeit, das NT auf dem kulturellen Hintergrund des Nahen Ostens zu lesen („… es gibt Bedeutungsebenen eines Textes, die erst dann erschlossen werden können, wenn die Kultur des Nahen Ostens verstanden und bei der Auslegung der Schrift eingesetzt wird“, 13). Dazu gehören nach Bailey vier Schritte: Kenntnisse der traditionellen Kultur des Nahen Ostens; der alten Übersetzungen aus den Sprachen der Christen des Ostens, denn jede von ihnen ist ein „Minikommentar“ (14); der rabbinischen Literatur („… die primären Strukturen des täglichen Lebens, die ich bereits im konservativen Dorfleben des Nahen Ostens beobachtet hatte, auch in den Schriften der Rabbis des ersten und zweiten Jahrhunderts nachgewiesen werden konnten“, 15) und der verschiedenen alttestamentlichen Bezüge (z. B. zwischen Ps 23 und Lk 15.3-7 oder der Jakobsgeschichte und Lk 15.11-32; siehe oben Jacob and the Prodigal).

Im ersten Teil bietet Bailey einen Kommentar zu den drei Gleichnissen von Lk 15, die er auf diesem Hintergrund beleuchtet (26-115). Kapitel eins gilt knapp dem verlorenen Schaf und der verlorenen Münze (32-45). Die weiteren Kapitel beleuchten ausführlich den „verlorenen Sohn“ (53-115). Zunächst stellt Bailey die drei Hauptfiguren vor, die gleich zu Beginn ihren eigentlichen Charakter offenbaren. Dann geht es um die Umkehr und Pläne des jüngeren Sohns und die erschütternde Begegnung zwischen Sohn und Vater, bei der der Vater alle kulturellen Normen bricht, indem er z. B. auf diesen Sohn zurennt. In der Reaktion des älteren Sohnes sieht Bailey einen fehlenden Höhepunkt des Gleichnisses. Am Ende fasst Bailey den theologischen Ertrag gekonnt zusammen. Durchweg zeigt Bailey neben dem kulturellen Hintergrund auch die theologische Bedeutung des Gleichnisses auf. Seine Interpretation ist herausfordernd und enthält gute Hinweise für die Predigt über diesen Text.

Der zweite Teil ist ein von Bailey geschriebenes Theaterstück („Nicht einen Sohn habe ich“) in Anlehnung an das Gleichnis vom verlorenen Sohn (116-83). Dabei möchte Bailey „zwischen den Zeilen lesen“. Er hat sich „mit einem verantwortungsbewussten Vorstellungsvermögen bemüht, nur solche Details hineinzufügen, die sowohl einem traditionellen Dorfleben entsprechen, als auch den theologischen und emotionalen Inhalt …beleuchten“ (118).

Baileys Auslegung bringt viele neue Einsichten und erfrischende Perspektiven auf diese Gleichnisse, die deren enorme kulturelle Verwurzelung und Relevanz, menschliche Dramatik sowie geistliche Brisanz aufzeigen. Die Gleichnisse Jesu waren alles andere als harmlose Geschichtchen eines verträumten galiläischen Weisheitslehrers! Baileys Ansatz beruht auf der These, dass das dörfliche Leben im Nahen Osten durch die Jahrhunderte fast völlig unverändert blieb (23). Angesichts der dramatischen Umwälzungen im Nahen Osten in den vergangenen zwei Jahrtausenden in Herrschaft, Kultur und Religion, wird man nur dort auf sicherem Boden sein, wo heutige Beobachtungen (die Bailey meisterhaft zu schildern versteht) mit antiken Quellen (frühjüd. Schriften, NT, Übersetzungen, rabbin. Schriften, etc.) übereinstimmen. Wo diese Überprüfung nicht möglich ist, wird man sich des Rückschlussverfahrens besonders bewusst sein müssen. Zur angewandten Methodik vgl. C. Stenschke, „Soziologische Analyse“ in H. -W. Neudorfer, E. J. Schnabel (Hrsg.), Das Studium des Neuen Testaments, 2. Aufl. (Wuppertal: R. Brockhaus; Giessen: Brunnen, im Druck).

Auf jeden Fall leistet Baileys Ansatz, was er selbst wie folgt beschreibt: „Meine durch mein Leben im Nahen Osten gemachten Erfahrungen, zusammen mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den frühen rabbinischen Quellen, gaben mir die Möglichkeit, aus meiner eigenen kulturellen westlichen Welt auszubrechen“ (16). Für eine weitere evangelikale Auslegung des Gleichnisses, die den Details weniger Bedeutung zumisst als Bailey, vgl. C. L. Blomberg, Die Gleichnisse Jesu: Ihre Interpretation in Theorie und Praxis (Wuppertal: R. Brockhaus, 1998, 146-57); zur reichen Wirkungsgeschichte vgl. K. Kallensee, Die Liebe des Vaters: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der christlichen Dichtung und bildenden Kunst (Berlin: EVA, 1960).

 Die Rezension/Kritik stammt von: Christoph Stenschke
 Kategorie: Sonstiges

    Verlag: Neufeld Verlag
    Jahr: 2006
    ISBN: 3-937896-23-6
    Seiten: 183
    Preis: 14,90 Euro

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