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Buch-Rezension: Wuppertaler Studienbibel - Das erste Buch Samuel

Wuppertaler Studienbibel - Das erste Buch Samuel

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Mit diesen letzten herausgegebenen Kommentaren der Wuppertaler Studienbibel ist nach gut 25 Jahren auch die Abteilung Altes Testament abgeschlossen. Nachdem die Erarbeitung des NT ebenso lange gedauert hat, liegt nach 50 Jahren eine vollständige Auslegungsreihe evangelikaler Provenienz vor. Als Nutzer waren immer vor allem der normale Bibelleser und der „Bibelstundenhalter” im Blick, dem Hilfen an die Hand gegeben werden sollten. Daneben scheint aber auch ein wissenschaftlicher Anspruch durch.

Den Ansatz der Herausgeber kann man als Bibeltreu bezeichnen, aber die einzelnen Autoren scheinen leider auf keinen sehr engen Standard verpflichtet zu sein. So ist zwar die Quellenscheidung konsequent überwunden, aber andere Historischkritische Ansätze nicht ebenso. Der Bibeltext soll als Gottes Wort ausgelegt werden. Im Blick auf das AT wird von der Tatsächlichkeit der als Geschichte berichteten Ereignisse ausgegangen. Die Geschichte spricht weiter und gibt dem christlichen Glauben bis heute das Fundament. Insofern ist es den Herausgebern wichtig „den Hinweischarakter des alttestamentlichen Textes auf Jesus Christus” zu wahren und die alttestamentliche Geschichte „als Heilsgeschichte im Lichte des Neuen Testamentes” (12) zu sehen. Damit soll dem Leser geholfen werden, den Text selber gründlich zu lesen und ihm zu ermöglichen, es an andere weiterzugeben. Darüber hinaus soll auch der „Ertrag biblisch-theologischer Wissenschaft” so erschlossen werden, dass er dem „Verstehen des Textes dient” (13). An diesem Anspruch sollen die beiden Kommentare zum 1. und 2. Samuel gemessen werden.

Martin Holland, Dekan i.R. der Württembergischen Kirche und langjähriger Mitarbeiter im Albrecht-Bengel-Haus legt mit 1. Samuel seinen 6. Band in der Reihe der WStB vor. Neben den kleinen Propheten hat er sich auch mit Josua und Richter beschäftigt. Eine gute Voraussetzung für 1. Samuel, denn es spiegelt weithin noch die Zustände der Richterzeit wider, an deren Ende sich das Königtum Israels etabliert.

Insgesamt stellt der Kommentar eine durchweg solide Erarbeitung des Textes dar. Dabei ist er nicht von kühler wissenschaftlicher Distanz geprägt, sondern von einer Auslegung, die ihren Ursprung und ihr Ziel im Pietismus nicht leugnet. Trotzdem zeugt der Kommentar davon, dass ihm auch wissenschaftliche Sachkenntnis zugrunde liegt. Die Einleitungsfragen sind am Anfang des Kommentars recht kurz abgehandelt. Es finden sich aber im Text der Auslegung weitere Abschnitte, die man eigentlich in der Einleitung erwartet hätte, etwa die Erklärung des Gottesnamens JHWH oder die Bedeutung des Priesteramtes (27).

Darüber hinaus geht Holland am Anfang vieler Auslegungsabschnitte mit einigen Sätzen auf die Ergebnisse anderer Exegeten ein. Dabei verwirft er durchweg alle Überlegungen der so genannten „Formgeschichte” und plädiert für ein hohes Alter der Texte. Dafür macht er meist auf die alte hebräische Sprache und auf eine große Nähe des Schreibers zum davidischen Königshaus aufmerksam. Obwohl die Chronologie bei den Einleitungsfragen eine wichtige Rolle spielt und Holland sieht, dass es verschiedene Lösungen im Detail gibt, begründet er doch nicht, warum er sich für die „evangelische Lösung” von A. Jepsen entschieden hat. Bei diesem Ansatz ist die Regierungszeit Sauls entgegen Apg 13,21 nur mit 8/9 Jahren von 1012-1004 v.Chr. angesetzt. Die von ihm benannte „amerikanische Lösung”, die versucht alle biblischen Hinweise ernst zu nehmen, kommt nicht zu Wort.

Bei der Verfasserfrage plädiert er für ein Ernstnehmen von 1Chr 29,29, woraus man auf Samuel, Nathan und Gad als Schreiber schließen kann. Damit zusammenhängend argumentiert Holland konsequent mit guten sprachlichen und sachlichen Argumenten für eine Einheit des Buches und eine frühe Entstehungszeit spätestens kurz nach Davids Tod. Als Diskussionspartner in exegetischen Details dient zwar zumeist der Kommentar von Herzberg (ATD) und einige Einzelstudien, die Historisch-kritisch geprägt sind. (Es fehlen allerdings die bibliographischen Angaben zu vielen Titeln.) gegen diese plädiert er aber mit guten Argumenten für das hohe Alter der einzelnen Texte und lehnt es ab, von späterer Überarbeitung auszugehen (z.B. 51). Er begründet dies meist wieder mit der alten Sprache und dem direkten Zusammenhang.

Holland geht davon aus, dass sich im 1Sam echte Prophetie findet, so dass man bei den Aussagen über die Zukunft, etwa in 1Sam 2,33, nicht darauf schließen solle, dass diese erst bei einer späteren Abfassung und damit nachträglich in den Text eingeschoben wurden. „Der scheinbar verderbte Text, der zudem nicht klar aussagt, wer der Verheißene ist, muss nicht durch spätere Veränderungen, Umdeutungen und ‚Verschlimmbesserungen’ entstanden sein. Vielleicht ist es Gottes Erregung über die Sünde, die ihm menschlich gesprochenden Atem stocken lässt”. Warum sich aneinzelnen Stellen im Kommentar dann doch unvermittelt Begriffe aus der Historisch-kritischen Exegese des AT, so etwa „priesterliche Schrift” (116) oder „Thronbesteigungspsalmen Jahwes” (113) finden, bleibt unverständlich. Da die Begriffe weder erklärt werden noch etwas zur Exegese beitragen, sind sie nur überflüssig und stiften höchstens Verwirrung.

Wie in der WStB üblich ist jeder Auslegung eine „Arbeitsübersetzung” vorgeschaltet. Sie bietet jedoch nur dem geübten Bibelleser damit einen Nutzen, dass sie einen gewissen Einblick in die Struktur des hebräischen Bibeltextes gewährt. Beim Lesen dieser Übersetzung stellt sich aber die Frage, welchen Sinn es machen soll, den Leser mit hingestolperten Sätzen aufzuhalten. Dies wird etwa in Kap 13 sehr Augenfällig, wo der hebräische Text offensichtlich zahlreiche Überlieferungsfehler enthält. Wer die Biblia Hebraica nicht benutzen kann, bemerkt zwar so die Schwierigkeiten, kann aber deswegen auch nicht mit den textkritischen Fragen angemessen umgehen. Er liest also zuerst einen holprigen Text, der viele Fragen aufgibt, dann kleingedruckte Anmerkungen mit den Abweichungen der Septuaginta, so wie des masoretischen Textes, deren Bedeutung er schwer ermessen kann und schließlich in der Auslegung exegetische Erwägungen, die z.T. nicht zu einer Entscheidung geführt werden. Dass die Probleme mit dem alten Text nicht unter den Teppich gekehrt werden, ist gut. Aber eine saubere Übersetzung, die textkritische und exegetische Entscheidungen einfließen lässt und dann schwierige Stellen mit Anmerkungen versieht, erscheint mir doch hilfreicher. So wirkt der Bibeltext zum Teil schlechter als er in Wirklichkeit ist. Denn bis auf wenige Stellen geht es – auf’s Ganze betrachtet – nur um weniger wichtige Details, die unklar blei ben.

Ich empfinde den Stil Martin Hollands als ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Die Sätze wirken an manchen Stellen assoziativ und sind teilweise aphoristisch. Erwägungen oder Vermutungen finden sich fast durchgängig in Frageform. Man begreift das aber oft erst im Weiterlesen und kann nur schwer unterscheiden, wann es sich um echte Fragen handelt. Und auch die echten Fragen bleiben größtenteils unbeantwortet, was wohl daran liegt, dass es für sie nach Meinung Hollands keine verbindliche Antwort gibt.

Das aber ist mehr als eine Stilfrage. Ein Kommentar hat wohl nicht zuerst die Aufgabe, Fragen aufzuwerfen oder aufzulisten, sondern es liegt in der Verantwortung des Exegeten, dass er Fragen beantwortet und sie auch dann beantwortet, wenn es keine hundertprozentig verbindlichen Antworten gibt. Bibeltreue Exegese zeichnet sich nicht durch Abstinenz aus, sondern dadurch, dass sie Antworten versucht, die dem Ganzen der Heiligen Schrift gemäß sind. So hätte Holland zu 1Sam 1,4f ruhig sagen dürfen, wie man sich die Bevorzugung Hannas gegenüber Peninna vorstellen kann (28). Andere Beispiele aus diesem Abschnitt: „Ob immer schon in Richtung nach Jerusalem gebetet wurde?” (26). „Meint ‚in Silo’ das Gotteshaus, in das sie sich zum Beten begibt?” (29). „Eli meidet den Gottesnamen Jahwe und spricht nur vom Gattungsbegriff Elohim. Spricht daraus kühle Distanz?” (30). Überall im Kommentar werden Fragen aufgeworfen und nicht beantwortet. Symptomatisch ist ein kleiner Druckfehler auf Seite 135. Nach zahlreichen unbeantworteten Fragen steht hinter der letzten Frage einfach ein Ausrufezeichen.

Einige Beispiele: Wenn Gott Eli vorwirft, dass er seine Söhne mehr ehrt als Gott, dann darf gefragt werden, wie die höhere Ehre für die Söhne zum Ausdruck kam. Aber man erwartet vom Ausleger begründete Vorschläge, die ein plausibles Verständnis möglich machen (52). Eine Ant wort hätte aufgrund von 1Sam 3,13 gegeben werden können, wo es in der Botschaft Gottes an Samuel heißt: „So tue ich ihm nun kund, dass ich sein Haus auf ewig verurteile, weil er wusste, dass seine Söhne Gott lästern und ihnen doch nicht wehrte.” Im Kommentar findet sich nur der Satz: „Die Schuld Elis war seine Weichheit und Nachsicht gegenüber seinen Kindern.” Dabei geht der biblische Abschnitt davon aus, das Eli die Möglichkeit gehabt hätte, seine Söhne vom Priesteramt zu entfernen, es aber bei folgenlosen Ermahnungen beließ. Weil er nun seine Söhne nicht absetzte, setzte Gott seine ganze Familie samt seinen Söhnen vom Priesteramt ab.

Das Heiligtum in Silo gibt Holland Fragen auf. War es die Stiftshütte, die das Volk Israel durch die Wüste getragen hatte, die in Silo ihren festen Standplatz bekommen hatte, wofür einiges spricht oder ist mit dem „Zelt der Verabredung” etwas anderes gemeint? Holland fügt weitere Fragen hinzu: „War in Silo das Heiligtum für den Süden Israels? Ob das Wort ‚Zelt’ nur alter Sprachgebrauch war, aber in Silo schon längst ein Steinhaus stand? Ist vom Zelt der Versammlung das Zelt Jahwes zu unterscheiden, in dem Salböl und ein Hörneraltar aufbewahrt waren?” (47) Hier werden mehr Schwierigkeiten in den Text hineingelesen als er hat, und wichtige Aspekte zum Umgang des Volkes mit der Stiftshütte zu wenig besprochen.

Im Zusammenhang mit der Einführung des Königtums hätte Holland stärker auf die Zustände der Richterzeit verweisen dürfen. Es ist zu kurz gegriffen, den Wunsch nach einem Königtum einen „Modetrend zur Zeit Samuels” zu nennen. Das Königtum hatte Gott schon im Gesetz vorgesehen, aber ein Königtum der Unterordnung unter Jahwe. Erst das Richteramt Samuels hatte nach großen Problemen zu einer gewissen Einung der Stämme geführt. Als Samuel alt wird, ist der Wunsch nach einem König, auch der Wunsch nach einer Einung des Volkes durch das Königtum. Gott aber hat Israel zu seinem Volk gemacht. Der menschliche König, der diese Aufgaben übernehmen soll, gerät zur Konkurrenz gegen Jahwe. Es ist also Götzendienst sich einen anderen Souverän zu wünschen als Gott. Das Thema „Königtum” wird im Kommentar leider viel zu knapp und kaum als große Linie abgehandelt. Das hätte aber manches Licht auf andere Stellen werfen können.

Auch zu den Fragen, die die Begegnung Davids mit Saul beim Kampf gegen Goliath aufgeben, gibt es keine Antworten (201). Dabei gäbe es einige mögliche Antworten, warum Saul nach der Identität Davids fragt. Die Suche nach diesen Antworten erhellt die ganze Situation. So wird deutlich, dass David trotz der Musikdienste und der Stellung als Waffenträger zu dieser Zeit noch keine dauerhafte Stellung am Hof hatte. „Waffenträger” war offenbar auch eine Ehrenbezeichnung und nicht nur eine praktische Aufgabe. David war aus Sicht Sauls offenbar einer von vielen, aber aus der Sicht Gottes der Eine. Die Frage an Abner (17,55f) richtet sich nicht nach der Identität David, sondern nach seiner familiären Herkunft, da dem Sieger über Goliath die Tochter Sauls versprochen war. Die königliche Familie verbindet sich also mit der Familie Davids. Das wollte Saul genauer wissen und mit der Stellung der Verse gerade hier, wird der Konflikt eingeleitet, der entsteht, weil David zum Konkurrenten für Jonathan wird, den Saul als seinen Nachfolger ansieht.

Neben diesen Beispielen für Defizite im Kommentar ist aber auch einiges positiv herauszustellen. Holland bereichert seine Auslegung immer wieder durch aktuelle Bezüge, etwa zu 1Sam 1,6: „Was ist das für ein beglückendes Weltbild, wenn ein Mensch sich als Gottes Geschöpf versteht und sich nicht dem scheinbar selbstherrlichen Wirken von Vater und Mutter ausgeliefert fühlen muss, weil alle von Familienplanung reden und Schlagworte wie Empfängnisverhütung, Abtreibung und Wunschkind den Eindruck erwecken, als ob alles Leben in unserer Hand läge.” Auch wenn man sich eine differenziertere Diskussion wünscht, sind solche Bezüge ein Plus. An wenigen Stellen erscheint der Bezug allerdings herbeigezogen, etwa wenn die Darbringung Samuels zur Rechtfertigung der Säuglingstaufe gerät. „Er nimmt sein ganzes Haus mit nach Silo, das heißt alle Familienangehörigen, auch die kleineren Kinder wie den kaum geborenen Samuel, den er mitnehmen will und die Kinder Peninnas. Von daher fällt auch ein Licht auf die so genannten Haustaufen im NT bei denen aus dem Begriff Haus zu schließen ist, das auch Kleinstkinder zum Hause gehören. [...] Letzten Endes sind alle Kinder nur eine Leihgabe Gottes an uns, der das Leben schafft. Auch heute gilt: Wer auf den Namen Jesu getauft wird, ist auf Jesu Konto gebucht und in sein Eigentum über gegangen.” (32f).

Ein weiteres erfreuliches Detail ist der Versuch, die im Bibeltext angegebenen Orte mit heutigen Orten zu identifizieren. Holland scheut auch nicht die Kritik an theologischen Strömungen: „Das gilt freilich nicht für das Vorrecht, Gott Vater nennen zu dürfen, auf das heute ebenso wie auf die Anrede Herr verzichtet wird, weil bestimmte theologische Strömungen mit Vater und Herr nichts mehr anzufangen wissen und darum Gott nur noch mit dem Gattungsbegriff Gott (welcher denn) anreden” (26).

Weiter versucht er regelmäßig dem Anspruch der Herausgeber, den Bezug zu Christus herzustellen, gerecht zu werden. Leider erscheint es oft eher assoziativ, wie Holland auf das Kreuz Christi und sein Leiden, Sterben, Auferstehen zu sprechen kommt. Dass das Volk der Philister erkennt, dass Gott mit Israel ist, findet eine Parallele in dem Hauptmann unter dem Kreuz Jesu (67). Dass die Bundeslade von den Philistern geraubt wird und dies mit einer Niederlage des Volkes Israel einhergeht, erscheint als Hinweis auf Jesus: „Er kam in die Welt mitten unter seine Feinde. Scheinbar scheiterte er am Kreuz. Aber er ist auferstanden, lebt und regiert die Welt” (75). Der Rücktransport der Lade nach Israel mit einem neuen Wagen und zwei Kühen erinnert Holland daran, dass „auch Jesus” auf einem Eselsfüllen in Jerusalem” einritt, auf dem „noch nie ein Mensch geritten war” (79). Da böte 1Sam doch viel näherliegende Anknüpfung, etwa bei der Bedeutung der Salbung, dem Königtum oder dem Freundschaftsbund zwischen David und Jonathan.

Was am Ende jedes Abschnittes mit „Zusammenfassung” überschrieben ist, könnte eher eine Art Predigtaufriss sein. Dabei werden meist drei Oberpunkte und jeweils einige Unterpunkte stichwortartig genannt, die den geistlichen Lehrgehalt des Abschnittes formulieren. Das dürfte vielen Lesern eine große Hilfe sein, denn der Weg von der Exegese eines alttestamentlichen Textes zur Predigt erscheint oft steil.

Überwiegt nun Licht oder Schatten? Jedenfalls regt der Kommentar zum Weiterdenken an und vielleicht dazu, für die vielen Fragen Hollands auch Antworten zu suchen. Er bietet trotz einiger Leerstellen viel Hilfe.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Thomas Jeising
 Kategorie: Kommentare, Auslegung, Lexika

  Verlag: SCM R. Brockhaus
  Jahr: 2005
  ISBN: 3-417-25238-5
  Seiten: 320
 €    Preis: 20,00 Euro