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Predigten zu 1. Korinther 13,2

"Und wenn ich Prophezeiung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß, und wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetze, aber nicht Liebe habe, so bin ich nichts."

Autor: John F. MacArthur (* 19.06.1939) US-amerikanischer Pastor, Prediger, Theologe und Autor
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Die Liebe motivierte Gott, sich mit einer gefallenen Menschheit einzulassen. Das muss auch unser Motiv sein.

"Und wenn ich Weissagung habe ... aber keine Liebe, so bin ich nichts"

Das Wort Weissagung, wie es in unserem Vers gebraucht wird, ist die Fähigkeit, öffentlich Gottes Wahrheit richtig und autoritativ zu sagen. Das ist eine grössere Gabe als das Zungenreden, weil letztes als Zeichen für das ungläubige Israel während des ersten Jahrhunderts gegeben war (1. Kor. 14,21-22), während die Weissagung die Gläubigen aller Jahrhunderte unterweist und erbaut. Paulus sagt: "Wer aber weissagt, redet zu den Menschen [zur] Erbauung und Tröstung ... Wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde" (1. Kor. 14,3-4).

Weissagung hat zwei Aspekte: Offenbarung und Wiederholung. Wenn die Propheten des Alten oder Neuen Testaments eine neue Information von Gott erhielten, so war das Offenbarung. So oft aber diese Information in Predigt und Lehre wiedergegeben wurde, handelt es sich um Wiederholung. So verbinden zum Beispiel die Predigten des Petrus und des Paulus neue Offenbarungen mit den Wiederholungen alttestamentlicher Wahrheiten. Das ist ein häufiges Element neutestamentlicher Predigten.

Mit dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons hörten die direkten Offenbarungen Gottes auf. Alle Predigt und Lehre besteht heute aus Wiederholung. Neutestamentliche Propheten wachten gegenseitig darüber, dass sie sicher waren, die Weissagung wirklich von Gott erhalten zu haben (1. Kor. 14,32). Heute ist die Schrift selbst der Standard, an dem wir die Botschaft eines Menschen messen, wie der Prophet Jesaja sagt: "Hin zur Weisung und zur Offenbarung! Wenn sie nicht nach diesem Wort sprechen, dann gibt es für sie keine Morgenröte" (8,20).

Paulus sagt in unserem Vers: "Wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiss und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts." Im weitesten Sinne gilt dieser Grundsatz für alle Gläubigen, weil wir alle Gottes Wort verkünden. Du magst nicht ein Seminar leiten oder eine Predigt halten; aber immer, wenn du jemand von Christus erzählst oder biblische Grundsätze vertrittst, wiederholst du göttliche Wahrheiten. Darum musst du immer "Wahrheit reden in Liebe" (Eph. 4,15). Dann kann der Heilige Geist deinen Worten Kraft verleihen, um anderen damit zu dienen.


Autor: John F. MacArthur (* 19.06.1939) US-amerikanischer Pastor, Prediger, Theologe und Autor
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Liebe ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Lernprozesses.

"Wenn ich Weissagung habe ... aber keine Liebe, so bin ich nichts"

Ich habe das Vorrecht, jede Woche mit Hunderten von jungen Leuten zusammen zu sein, die das Master's College besuchen. Wenn ich ihren Fortschritt beobachte, sehe ich den Einfluss, den gottesfürchtige Lehrer auf ihr Leben gehabt haben, und ich bin überzeugt, dass Schüler am besten lernen, wenn sie wissen: Unsere Lehrer kümmern sich wirklich um uns.

Stimmt das nicht für jede Beziehung? Reagierst du nicht bereitwilliger auf solche, die dich lieben und die dein Bestes wollen? Ganz sicher gilt das für den Dienst in der Gemeinde. Denke an die Pastoren und Lehrer, die dir im Lauf des Lebens am meisten bedeutet haben. Es sind höchstwahrscheinlich die, die dir Liebe entgegengebracht und dir in besonderer Weise gedient haben.

Seist du nun Pastor, Lehrer, Familienmitglied oder Freund; immer, wenn du von Gottes wegen zu Menschen sprichst, musst du es mit echter Liebe und ganzem Ernst tun. Das ist die positive Seite der negativen Aussage des Paulus in unserem Vers. Jeremia war ein solcher Mann. Er liebte sein Volk Israel sehr und war tief betrübt über dessen Gottlosigkeit und über das hereinbrechende Gericht. "O dass mein Haupt Wasser wäre und mein Auge eine Tränenquelle", sagt er, "dann wollte ich Tag und Nacht die Erschlagenen der Tochter meines Volks beweinen!" (Jer. 8,23). Das entspricht dem Geist eines liebenden Propheten, und so klagte Jeremia immer wieder über die Sünde seines Volkes.

Lieblose Predigt und Lehre stellt Gott in ein falsches Licht und behindert das Evangelium; liebende Verkündigung ist gewinnend und erfolgreich. Das heißt nicht, alle Hörer würden positiv reagieren, ganz im Gegenteil. Das Volk von Juda hörte nicht auf Jeremia und zog sich ein schweres Gericht zu. Genauso werden einige, zu denen du sprichst, höflich deine Worte beiseite schieben, andere werden feindselig reagieren. Aber alle, die im Glauben reagieren, werden dein liebendes Bemühen um ihr geistliches Wohlbefinden zu schätzen wissen.


Autor: John F. MacArthur (* 19.06.1939) US-amerikanischer Pastor, Prediger, Theologe und Autor
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Wahre Erkenntnis wird immer von der Liebe regiert.

"Wenn ich alle Geheimnisse und alle Kenntnis weiss ... aber keine Liebe habe, so bin ich nichts"

Christen sollten niemals die Erkenntnis für selbstverständlich halten. Die Gabe, von Christus etwas lernen zu können und in Seiner Wahrheit zu wachsen, ist ein unermesslicher Segen. Paulus betete darum, dass wir "mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt" werden "in aller Weisheit und geistlichem Verständnis" (Kol. 1,9). Dadurch werden wir fähig, einen Gott wohlgefälligen Weg zu gehen (Vers 10).

Aber die Erkenntnis muss von der Liebe regiert werden, genauso, wie die Liebe von der Erkenntnis regiert werden muss. In Philipper 1,9 sagt Paulus: "Um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überreich werde in Erkenntnis und aller Einsicht." In unserem Vers sagt er, dass Erkenntnis ohne Liebe nichts sei. Hier handelt es sich also um eine göttlich verordnete Balance, die du aufrechterhalten musst, wenn du effektiv für den Herrn arbeiten willst.

In 1. Korinther 13,2 benutzt Paulus ein hypothetisches Bild, um die Bedeutung der Liebe zu unterstreichen: "Wenn ich ... alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiss ... aber keine Liebe habe, bin ich nichts." Das griechische, mit "Geheimnisse" übersetzte Wort in diesem Vers wird im ganzen Neuen Testament für die rettende Wahrheit benutzt, die einst verborgen war, jetzt aber offenbart wurde. Zum Beispiel spricht die Schrift von dem Geheimnis, dass Gott im Fleisch geoffenbart wurde (Kol. 2,2-3) oder von dem, dass Christus in uns wohnt (Kol. 1,26-27) und von dem der Kirche als dem Leib Christi (Eph. 3,3 - 6,9).

"Erkenntnis" bezieht sich in unserem Vers auf Tatsachen, die durch Nachforschung festgestellt werden können. Es ist unmöglich, jedes im Universum vorhandene Geheimnis oder alle Fakten zu kennen; aber selbst wenn du das könntest, so wäre das ohne Liebe nutzlos. Erkenntnis allein macht nur arrogant, aber die Liebe erbaut (1. Kor. 8,1).

Erkenntnis und Liebe im Gleichgewicht zu halten, ist ein Grundsatz, der deine täglichen Entscheidungen beeinflusst. Wenn du dich zum Beispiel entscheiden musst, ob du zur Bibelstunde gehst oder einem Nachbarn in einer dringenden Notlage hilfst, solltest du lieber dem Nachbarn beistehen. Du wirst noch Gelegenheit finden, die Bibel zu studieren; aber die Chance, dem Nachbarn die Liebe Christi zu zeigen, bietet sich vielleicht nicht so bald wieder.


Autor: John F. MacArthur (* 19.06.1939) US-amerikanischer Pastor, Prediger, Theologe und Autor
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Liebloser Glaube ist unnützer Glaube.

"Wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzte, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts"

In Matthäus 17,19 kamen die Jünger zu Jesus und wollten wissen, warum sie den dämonischen Geist nicht bei dem Kind austreiben konnten. Der Herr erwiderte ihnen: "Wegen eures Kleinglaubens; denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Hebe dich weg von hier dorthin! Und er wird sich wegheben. Und nichts wird euch unmöglich sein" (Vers 20). In Matthäus 21,21 wiederholt Er den gleichen Grundsatz - "Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ... ihr auch zu diesem Berg sagen: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer! So wird es geschehen."

Diese Stellen haben vielen Menschen Schwierigkeiten bereitet, weil sie niemals jemand gesehen haben, der einen Berg bewegt hätte. Aber Jesus sprach in Bildern. Das Berge-Bewegen brächte alle möglichen ökologischen Probleme und wäre ein sinnloses Mirakel. Der Ausdruck "Berge versetzen können" war damals ein bekannter Ausdruck und wurde gebraucht, wenn jemand große Widerstände überwinden konnte. Jesus sprach von denen, die die Gabe des Glaubens erhalten hatten - die durch unerschütterliches Gebet den Arm Gottes bewegen können.

Die Gabe des Glaubens besteht in der Fähigkeit, daran festzuhalten, dass Gott gemäss Seines Willens handeln wird, ohne auf die Umstände zu blicken. Leute mit dieser Gabe sind Gebetskämpfer und stehen auch dann noch felsenfest, wenn die anderen ringsumher schon gestrauchelt sind. Sie sehen Gottes Macht und wie Er Seine Absichten verwirklicht, und sie vertrauen Ihm, auch wenn die anderen zweifeln.

Aber, sagt Paulus, selbst wenn du solchen Glauben hättest, dir aber die Liebe fehlte, wärest du nichts. Das ist eine harte Zurechtweisung, die aber die Betonung dahin legt, wohin sie gehört - auf unsere Motive. Die Motive der Korinther offenbarten sich in ihrer selbstischen Zurschaustellung ihrer Gaben.

Was sind deine Motive? Denke daran, ohne Liebe spielt es keine Rolle, welche Gaben du hast, wie eloquent du reden kannst, was du weißt oder was du glaubst. Nur die Liebe verleiht deinem Dienst für Christus einen Wert.


Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"Wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts."

Es ist ein betrübender Anblick: Während eine gewisse Selbstgerechtigkeit unsere Liebe und ihre Beweisung zum Seligkeitsweg machen will, sehen wir auf der anderen Seite, wie Christen, die die Hauptwahrweit gelernt haben, dass wir ohne Verdienst, allein durch den Glauben an Christus gerecht werden und durch diesen Glauben auch die neue himmlische Liebe erhalten, nach einiger Zeit wieder anfangen, so kalt und tot und nachlässig im Beweisen der Liebe werden, dass sie jetzt nur "sich selbst" zu leben scheinen. Sie trösten sich wegen dieses Mangels auch sehr leicht und führen an, dass wir doch allein aus Gnaden durch den Glauben selig werden, so als ob wir durch einen Glauben, der keine Liebe bewirkt, selig würden. Vor allem gegen diesen unglücklichen Betrug sollen wir oft und ernstlich bedenken, was das Wort des Herrn in dieser Frage lehrt.

Wahr ist es: Wir werden gerecht allein aus Gottes Gnade durch den Glauben an die Liebe, mit der Gott uns in Christus geliebt hat, und nicht durch irgendeine Liebe bei uns. Es ist aber nicht wahr, dass wir durch einen Glauben gerecht werden, der keine Liebe bewirkt. Der Apostel sagt: "Wenn ich allen Glauben hätte, also dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts." Luther sagt: "Es ist ebenso unmöglich, dass der lebendige Glaube ohne Liebe sein kann, wie dass das Feuer ohne Wärme sein kann." Wenn also in der Schrift gelehrt wird, dass wir allein durch den Glauben gerecht werden, dann ist nur der Glaube gemeint, der das Herz lebendig und warm in der Liebe macht. Der Herr Jesus spricht: "Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr Meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt." Und Johannes wiederholt in seinem ersten Brief immer wieder, dass wir gerade durch die Liebe "erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind", wissen, dass wir Gottes Kinder sind", dass wir"von Gott geboren sind". Sind wir einmal zum Glauben gekommen, so sind wir auch dessen eingedenk, dass wir damals eine neue, brennende Liebe in unserem Herzen empfingen, nicht nur zu dem gnädigen Gott, der uns alle unsere Sünden vergab, sondern auch zu unseren Nächsten. Es war nicht nur eine"brüderliche Liebe"zu allen, die wir dafür ansahen, dass sie an Jesus glauben und Ihn lieben, sondern auch eine"allgemeine Liebe", so dass wir mit inniger Fürsorge an die Errettung und die Seligkeit aller Menschen dachten. Hat diese heilige Liebe nun aufgehört, wie steht es dann um unseren Glauben? Mag unsere Vertröstung auch noch so ruhig und stark, mag unsere geistige Erleuchtung auch noch so groß sein, so ist unser Glaube jetzt doch nur ein totes Abbild dessen, was er einst war, da er nun keine Liebe bewirkt.

Bedenke auch, welche großen und preiswürdigen Werke der Herr Christus bei dem Engel der Gemeinde zu Ephesus fand, und doch hielt Er die Tatsache, dass die Gemeinde die erste Liebe verlassen hatte, für ein so bedenkliches Zeichen, ja, für einen solchen "Abfall", dass, wenn bei ihr keine Bekehrung geschähe, ihr Leuchter von seiner Stätte gestossen werden würde. "Ich weiss deine Werke", spricht der Herr, "und deine Arbeit und deine Geduld, und dass du die Bösen nicht tragen kannst, und hast versucht die, so da sagen, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erfunden; du verträgst und hast Geduld, und um Meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden. Aber Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. - Wo aber nicht, werde Ich dir bald kommen und deinen Leuchter wegstossen von seiner Stätte, wo du nicht Buße tust."

Wir finden hier, dass die Liebe noch eine besondere Sache im Herzen ist und verloren sein kann unter einer so preiswürdigen Wirksamkeit und unter so kräftigen, christlichen Werken wie diejenigen, die Jesus hier aufzählt - wenn du nämlich nicht mehr wegen deiner Sünden zu Seinen Füßen liegst, vielmehr dich selbst für gut hältst und darum auch nicht in der Liebe zu den Brüdern entzündet wirst. - Dass auch bei den prächtigsten Werken diese Liebe fehlen kann, zeigt der Apostel, indem er sagt: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und, wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse ..., wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen (wie der Märtyrer auf dem Scheiterhaufen), und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze." - Gewiss sollte dieses Verhältnis uns dazu erwecken, vor den Augen des Herrn zu bedenken, wie es mit unserer Liebe bestellt ist. Wir sehen aus den Worten Christi und der Apostel, dass, wie immer wir auch sind, was immer wir auch glauben oder tun, ohne jene wirkliche Liebe im Herzen zu haben, die durch den Glauben und durch die Gnade geboren wird, alles, alles nur falsch und ein Betrug ist, wie christlich und herrlich es auch sein mag. Möchten wir unser ganzes Leben lang dies im Gedächtnis behalten und immer wieder neu bedenken!

Die Welt, die blinde, soll eure Liebe sehn; Sonst ist geschwinde das Ärgernis gescheh'n. Daran soll man die Jünger erkennen, Dass sie recht herzlich in Liebe brennen.


Autor: Adolf Schlatter (* 16.08.1852; † 19.05.1938) schweizer evangelischer Theologe und Professor fürs Neues Testament
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Der warnende Finger des Paulus zeigt hier auf ein finsteres Rätsel hin. Ist es denn möglich, daß ein Mensch durch das Vollmaß der Erkenntnis in das Licht gestellt ist und sich doch dem Licht entzieht udn nicht zum Kind des Lichtes wird? Er entzieht sich aber dem Licht, wenn er die Erkenntnis hat, ohne die Liebe zu haben. Kann ich denn Gott kennen, ohne zu sehen, was er ist, nämlich daß er Liebe ist, und kann ich ihn kennen, ohne von ihm gekannt zu sein mit jenem Blick seiner Gnade, die seinen Willen in uns wirksam macht? Und wie ist es möglich, daß ich allen Glauben habe, Glauben, der mich zum Gebieter über die Berge und Herrn der Welt macht, ohne daß ich Liebe habe? Ist nicht jeder Glaube das Ergreifen der göttlichen Liebe? Wie kann ich anders Berge bewegen als so, daß ich Gottes allmächtige Gnade anrufe und sie für mich habe? Nun soll ich aber Gottes Gnade nicht nur wissen, sondern glauben und nicht nur von ihr reden, sondern sie begehren und nicht nur nach ihr verlangen, sondern sie auch erfahren, und dennoch selber ohne Liebe sein? Dieses Rätsel ist aber nicht die Ausgeburt einer düsteren Sorge, die Paulus in einer dunklen Stunde grundlos gequält hätte, sondern hat in dem, was wir sind und tun, starken Grund. An allem, was uns begabt, bereichert und stärkt, entsteht eine Frage, die nicht von selbst ihre Antwort findet, die, ob ich das mir Gegebene an mich ziehe und deshalb schätze, weil es mich stärkt und mein Leben verklärt, und daran satt bin, daß ich selber zur Erkenntnis gelangt und zum Glauben gekommen bin, oder ob ich mir von Gottes Liebe und Gabe die Verwerflichkeit meiner Eigensucht zeigen lasse und sie in den Tod gebe. Gewiß gibt es keine Erkenntnis Gottes, die uns nicht zur Tat beruft und in den Dienst seiner Güte stellt, und gewiß gibt es keinen Glauben, der nicht geschäftig und tätig wäre, wobei das, was der Glaube begehrt, durch die Liebe geschieht. Allein dies tritt dann ein, wenn nich mein boshafter Wille dazwischen fährt und aus dem, was Gottes ist, mein Eigentum macht, das ich mißbrauche, indem es mir einzig mir selber dienen soll. Keine Steigerung der Erkenntnis und keine Kräftigung des Glaubens überwindet diese Gefahr; denn sie steigt mit der Größe unserer Begabung. Abgewehrt wird sie nur durch die Buße, durch die Oeffnung des Ohrs für Gottes Gericht, das meine Eigensucht verdammt, und für sein gnädiges Wort, das mir Gottes helfenden Willen teuer macht.

Ich erschrecke vor dem, was wir Menschen fertig bringen, vor der Allgewalt unserer Eigensucht, die auch im Licht deiner Erkenntnis nicht ersterben will. Darum aber weil dein Wort mir die Größe meiner Not und Schuld enthüllt, ist es mein Heil. So führt es mich zu dir. Amen.