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Predigten zu Apostelgeschichte 21,28

"und schrieen: Männer von Israel, helfet! Dies ist der Mensch, der alle allenthalben lehrt wider das Volk und das Gesetz und diese Stätte; und dazu hat er auch Griechen in den Tempel geführt und diese heilige Stätte verunreinigt."

Autor: Alfred Christlieb (* 26.02.1866; † 21.01.1934) deutscher Theologe
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Eine dreifache Anklage der Feinde gegen Paulus.

Die Juden, welche die Gefangennahme des Paulus veranlassten, erhoben gegen ihn eine dreifache Beschwerde. Sie warfen ihm vor, er lehre wider sein Volk, wider das Gesetz, wider die heilige Stätte des Tempels. Eine nähere Betrachtung dieser drei Anklagepunkte wird uns erkennen lassen, dass die Feinde des Wortes Gottes im Grunde heute noch dieselben Vorwürfe gegen die gläubigen Christen erheben.

1. Erste Anklage: "Er lehrt wider dieses Volk."

Nicht zum ersten Mal hören wir in der heiligen Schrift eine derartige Anklage gegen Knechte Gottes. Schon Jeremia und andere Propheten wurden beschuldigt, dass sie mit ihrer Verkündigung dem Volk schadeten (Jeremia 38, 4; Amos 7, 10). So behaupteten auch jene Juden aus Asien, dass die Predigt des Paulus die hohe, einzigartige Stellung Israels herabsetze. Was sollen wir zu diesem Vorwurf sagen? Nach einer gewissen Seite hin schien er nicht unberechtigt. Der ungöttliche und pharisäische Nationalstolz, der vielfach in Israel herrschte, bekam durch die Lehre des Paulus allerdings einen tödlichen Stoss. Dieser lehrte, dass auch die anderen Völker des Heils teilhaftig würden. Solche Lehre warf allen israelitischen Dünkel darnieder. So hatten es die Feinde leicht, das fanatische jüdische Selbstbewusstsein gegen die Predigt des Paulus zu erregen. Aber wahr und lauter war dies nicht. Wer liebte sein Volk mehr als Paulus? Wer suchte mehr das Wohl seiner Landsleute als er? Wie ungerecht war es doch, diesem Mann vorzuwerfen, er "lehre gegen sein Volk"!

Auch heute noch kann es vorkommen, dass man Knechten Gottes, die jeden hochmütigen Nationalstolz ablehnen und die die Notwendigkeit der Bekehrung für das eigene Volk betonen, Mangel an Vaterlandsliebe vorwirft und ihre Verkündigung als schädlich für das eigene Volk hinstellt.

2. Zweite Anklage: "Er lehrt wider das Gesetz".

Der zweite Anklagepunkt lautete, Paulus lehre gegen das Gesetz.

Das Gesetz war die in Israel ein für allemal festgelegte gültige Lehre. Gegen diese verstosse die Predigt des Paulus, so lautete die Behauptung der Feinde.

Was sollen wir dazu sagen? Auch hier hatten die Ankläger in einem Sinne recht. Wenn sie nämlich das Gesetz im Sinne der jüdischen Schriftgelehrten auffassten, wenn sie das Gesetz, das ein Zuchtmeister auf Christus sein sollte (Galater 3, 24), zum Selbstzweck machten, wenn sie rein äußerlich bei den Buchstaben und Satzungen des Gesetzes stehen blieben - was freilich dem natürlichen Menschen am bequemsten ist -, dann allerdings lehrte Paulus gegen das Gesetz. Sie wollten das Gesetz nur so verstanden und aufgefasst wissen, wie es bei ihnen in der herrschenden Volksmeinung üblich war. Alles andere war in ihren Augen eine unerlaubte Religionsänderung.

Welch ein Irrtum! Wer hat das Gesetz richtiger und tiefer erfasst als Paulus!? Er führte, indem er Christus predigte, zur wahren Gesetzeserfüllung hin. Er zeigte, wie man in Wahrheit durch die Kraft von oben den Willen Gottes tun könne (Römer 8, 4). Wie unwahr war also diese Anklage!

Auch heute ist es unrichtig, wenn man Menschen, die an Jesus gläubig werden, vorwirft, sie fielen von ihrer alten Religion ab, sie brächten eine neue Lehre, die mit der hergebrachten nicht übereinstimme. Dann wäre jeder Übergang von einer toten Rechtgläubigkeit zu einer lebendigen Gemeinschaft mit Jesus ein Abfall von der rechten Religion, dann hätten auch Jesus, seine Apostel und alle wahrhaft gläubigen Christen "wider das Gesetz" geredet.

3. Dritte Anklage: "Er redet wider diese Stätte".

Der dritte Vorwurf, den die Juden aus Asien gegen Paulus erhoben, bestand in der Behauptung, er rede gegen die heilige Stätte des Tempels. Sie beschuldigten ihn also, dass er das heilige Tempelgebäude, die jüdische Kirche, dieses Heiligtum des ganzen Volkes nicht genügend würdige, sondern verachte und bei anderen verächtlich mache. Dies war in den Augen des jüdischen Volkes eine große Versündigung, weil der Tempel in der Religion des jüdischen Volkes eine große Rolle spielte. Je mehr das Volk Israel im praktischen Leben und Wandel von Gott abwich, um so mehr suchte es seine Treue gegen Gott in Hochachtung des äußeren Tempelgebäudes zu beweisen und ahndete jede Herabsetzung des Tempels aufs strengste (Jeremia 7, 4).

Es lag in der Beschuldigung gegen Paulus eine gewisse Wahrheit. In der Tat wich die Auffassung des Apostels über den äußeren Tempel weit ab von den Anschauungen der jüdischen Kirche und ihren Gesetzeslehren. Paulus lehrte, dass nicht das äußere Gebäude trotz all seiner Würde und Herrlichkeit das wahre Heiligtum Gottes darstelle, dass vielmehr die Gemeinde der wahrhaft Gläubigen der wahre Tempel Gottes sei, in dem Gott wohne und wirke (2. Korinther 6, 16). Mit dieser Lehre stritt er gegen die fast heidnische Verehrung des äußeren Tempelgebäudes und versetzte ihr einen gottgewollten Stoss. So schien dieser Anklagepunkt ein Recht zu haben.

Dennoch war er falsch. Wer hielt fester am Tempel und an der jüdischen Volkskirche als Paulus? Wer suchte überall zuerst die Judenschulen auf, die als Ersatz des Tempels zum Gottesdienst dienten? Wer betonte den gottgewollten Zweck des Tempels mehr als Paulus, der Gottes Wort lauter und rein verkündigte?

Auch heute wirft man bisweilen gläubigen Christen vor, sie seien nicht für die Kirche und setzten die Kirche herab. Die Geschichte des Reiches Gottes aber beweist, dass sie im allgemeinen die treuesten Glieder der Kirche waren. Christen, die von ähnlichen Vorwürfen getroffen werden wie Paulus, dürfen sich dessen trösten, dass schon jener Apostel in gleicher Weise beschuldigt wurde; sie sollen aber acht haben, dass solche Anschuldigungen wie bei Paulus nicht zutreffen.


Autor: Alfred Christlieb (* 26.02.1866; † 21.01.1934) deutscher Theologe
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Die Ankläger von Paulus begingen die drei Fehler, die sie Paulus vorwarfen

Die Juden aus Asien hatten Paulus vorgeworfen, er handle gegen ihr Volk, gegen das Gesetz und gegen den Tempel. Dabei merkten sie gar nicht, wie ihr eigenes Verhalten genau diese drei Vorwürfe verdiente.

1. Zuerst schädigten sie ihr Volk. Indem sie die Arbeit des Apostels zu unterdrücken suchten, nahmen sie ihrem Volk den größten Schatz weg, den es besass. Wer Gottes Wort hindert und aufhält, fügt seinem Volk den größten Schaden zu, den es gibt. Nicht die wahren Zeugen Jesu, sondern ihre Bekämpfer und Unterdrücker sind die größten Schädiger eines Volkes. Sie nehmen dem Volk das einzige und beste Mittel, das zu seiner inneren Gesundung dienen kann.

2. Ferner handelten sie gegen das Gesetz. Ihr fanatischer Hass gegen den Apostel stand im schroffsten Gegensatz wider das ganze Gesetz, das in dem Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zusammengefasst wird. Nicht Paulus, sondern sie selbst waren "wider das Gesetz".

3. Auch dem Tempel schadeten sie mit ihrem Treiben. Wer die Gläubigen aus der Kirche zu verdrängen sucht, der ist schuld daran, dass die Kirche ihre Bedeutung und Herrlichkeit verliert und nichts zurückbleibt, als ein öder Raum, der seine beste Anziehungskraft verloren hat. Es hat dann und wann Menschen gegeben, die in ungeistlicher Weise für ihr Volk und für die reine Lehre eiferten und dabei dem Volk und der Lehre den größten Schaden zufügten. Gott bewahre uns alle vor solchem Irrweg. (Römer 2, 17 - 23).


Autor: Alfred Christlieb (* 26.02.1866; † 21.01.1934) deutscher Theologe
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Drei Fehler der Juden aus Asien, die wir bei uns selbst wiederfinden

Beim Anblick der Männer, die Pauli Gefangennahme veranlassten, könnten in uns leicht pharisäische Gedanken hochsteigen. Wir könnten im Herzen sprechen: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie jene "Juden aus Asien". Deshalb wollen wir noch auf drei Fehler jener Gegner achten, von denen wir uns selbst nicht freisprechen können.

1. Sie schauten im Gottesdienst auf andere.

Der Tempel war nicht dazu bestimmt, fehlerhafte Mitmenschen den Augen der anderen Tempelbesucher darzustellen. In diesem Hause sollte Israel seinem Gott begegnen (Amos 4, 12 b). Es sollte hier die Gemeinschaft mit ihm suchen und befestigen. Zu diesem Zweck sind auch unsere Kirchen und Versammlungshäuser erbaut. Stattdessen richteten jene Juden aus Asien im Tempel ihre Augen auf einen anderen Menschen, an dem nach ihrer Meinung besonders viel auszusetzen war, auf Paulus.

Wie leicht kann es auch bei uns vorkommen, dass unsere Augen im Gottesdienst umherschweifen und plötzlich jemand sehen, der nach unserer Meinung ein sehr schlimmer Mensch ist. Wenn wir dann auch nicht wie jene Männer über denselben herfallen, so tun wir innerlich doch dasselbe, indem wir uns über ihn ärgern und ihn am liebsten in weite Ferne wünschten. Sind wir nicht in solchem Falle vor Gottes Auge ebenso tadelnswert wie jene? (Prediger 4, 17).

2. Sie störten andere in ihrer Andacht.

Wir vergegenwärtigen uns den Hergang jener Stunde der Gefangennahme. In dem Tempel werden allerlei Leute gewesen sein. Viele mögen sehr wenig Andacht im Herzen gehabt haben, andere mehr. Jetzt trat plötzlich diese Szene dazwischen. Einige Personen fielen über einen Mann her, der ein Gelübde erfüllen wollte, erhoben ein Geschrei gegen ihn und legten sogar die Hand an ihn. Dass es jetzt bei den Tempelbesuchern mit aller Andacht vorbei war, ist klar. So hatten diese Juden aus Asien anderen jede Andacht genommen und sie gehindert, Gott anzubeten.

Wie leicht kann es auch in unseren Gemeinden und Versammlungshäusern vorkommen, dass Menschen, die innerlich weit über jenen Feinden des Apostels zu stehen glauben, andere durch irgendwelches störende Benehmen in ihrer Andacht und Aufmerksamkeit hindern. Lasst uns auch in dieser Hinsicht nie den Feinden des Apostels gleich werden!

3. Sie urteilten lieblos über einen Mitmenschen.

Wie scharf waren doch die Zungen jener Juden aus Asien, als sie über Paulus urteilten. Sie ließen kein gutes Haar an ihm. Seine ganze Tätigkeit wurde von ihnen als verkehrt und irreführend hingestellt. Gegen alle guten Seiten des Apostels waren sie blind. Dass viele in ihrer asiatischen Heimat durch ihn den Frieden ihrer Seele gefunden hatten und auf einen neuen guten Weg gelangt waren, davon schwiegen sie. Nur Schlimmes berichteten sie über ihn.

Diese ungerechte, scharfe und lieblose Art im Urteil über einen Mitmenschen ist einer der häufigsten Fehler, der sich immer wieder bei uns einschleichen will. Wie wahr ist die Jakobusklage über die Zungensünden (Jakobus 3, 2 - 10). Wie viele "Doegzungen" finden sich bei uns, die einem scharfen Schermesser gleichen (Psalm 52, 4 - 6).

So wollen wir, statt uns über jene Feinde des Paulus zu erheben, sie als Spiegel benutzen und Reinigung von den Fehlern suchen, die bei ihnen und bei uns sich zeigen.