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Predigten zu Johannes 14,8

"Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns."

Autor: Hugh E. Alexanders (* 1884; † 1957) englischer Evangelist, der Anfang des 20. Jahrhunderts in der französischen Schweiz wirkte

Diese Bitte kommt aus einem verwaisten Herzen und findet ein Echo im Herzen des Vaters. Kurz darauf sagt Jesus zu Philippus: «Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.»

Philippus fehlte etwas. Er war Jesus von Nazareth nachgefolgt, seit dem Tag seiner ersten Begegnung mit Ihm. Er hatte auch Nathanael bezeugt, daß er den Messias gefunden habe, und Jesus die Bitte der Griechen, die Ihn gerne sehen wollten, überbracht. Er hatte also für seinen Meister Zeugnis gegeben und Ihm gedient; aber ihm fehlte jemand. Er hatte nicht begriffen, daß derjenige, der Jesus sieht, den Vater sieht. Philippus war wie ein Waise, ohne geistliches Verständnis. Laßt uns auf die Antwort des Herrn hören: «So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus?» Oh, wie oft fehlt uns doch das Verständnis für geistliche Dinge! Der Herr war bei uns von dem Tag an, als wir Ihn in unser Herz aufnahmen; aber so oft haben wir Ihn nicht erkannt. Sobald uns jedoch die Augen aufgehen für die große Geduld Gottes, des Vaters und des Sohnes mit uns, weicht unsere Verständnislosigkeit.

«So genügt es uns.» Im Urtext liegt in dem mit «genügen» übersetzten Wort der Gedanke einer Schutzmauer, hinter der man vor allen Überfällen geborgen ist.

Der himmlische Vater ist für uns eine feste Burg, in der wir Zuflucht finden. Wenn wir Ihn in dieser Weise kennenlernen, wird Er uns vor Abwegen bewahren, und wir werden Ihn nicht mehr fragen, ob wir dies oder jenes tun dürfen. Wir besitzen dann eine solche Fülle von Leben und Zufriedenheit, daß sie uns ganz von selbst von allem trennt, was nicht mit Seinem Willen übereinstimmt, einfach, weil wir Ihn lieb haben. Sein Sohn hat Sein Leben für uns gegeben, und wir haben Ihm unser Leben gegeben.

Dieses volle Genüge bringt alle unsere Klagen zum Schweigen und nimmt uns alle Angst, so wie die Frühlingssonne die Spuren auch des längsten und strengsten Winters vertreibt. Laßt uns einfach glauben, daß der Vater in unserem Leben Wohnung nimmt und es umwandelt, indem Er uns zu Erben und Besitzern alles dessen macht, was Er hat und was Er ist.


Autor: Adolf Schlatter (* 16.08.1852; † 19.05.1938) schweizer evangelischer Theologe und Professor fürs Neues Testament
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Was Philippus begehrt hat, war die Sehnsucht manches Frommen: wenn es doch nur irgend eine Stelle gäbe, an der Gott sichtbar würde! Wenn zwischen dem natürlichen Geschehen irgendwo Gottes Finger greifbar herausragte, wenn über der Geschichte irgendeinmal Gottes Gestalt sichtbar schwebte, wenn uns im Verlauf des inwendigen Erlebens dann und wann ein Anblick Gottes zuteil würde, wäre das nicht ungleich mehr als das, was uns gegeben ist? Wäre uns nicht dadurch die gesamte Führung des Lebens mächtig erleichtert? Zeige uns den Vater, sagte Philippus; dann bleibt mein Herz fest, auch wenn du geschändet und gemartert am Kreuz hängst. Wenn der Vater über dir sichtbar wird, dann wollen wir glauben, wollen leiden, wollen warten. Wer Gott geschaut hat, wohnt in fester Burg. War dies nicht auch die Sehnsucht der alttestamentlichen Frommen? Worin bestand die Herrlichkeit des Paradieses? Nicht darin, dass Gott dort sichtbar mit dem Menschen verkehrte? Hat nicht Mose nach allem, was ihm zum Zeichen Gottes geworden war, gebeten: lass mich dein Angesicht schauen? Du begehrst, sagt Jesus zu Philippus, nach dem, was du nicht bekommen kannst, weil du dir nicht aneignest, was dir gegeben ist. Es gibt freilich nichts Herrlicheres, als den Vater zu sehen. Du kannst nicht bei meinem Kreuz stehen, wenn du ihn nicht siehst, sondern nur die Menschen siehst und den Tod beschaust.

Kindschaft Gottes kannst du nicht empfangen und bewahren, wenn du den Vater nicht siehst. Du siehst ihn aber; denn du siehst mich. Davon wendest du dich weg und schaust sehnsüchtig nach dem Himmel, dass sich dir Gott dort zeige. Gott wird sichtbar durch sein Werk. Er selbst, der Wirker, bleibt verborgen; aber sein Werk zeigt ihn uns; denn es ist sein Bild. Dasjenige Werk und Bild Gottes, das uns ihn in seiner ganzen Gnade und Größe sichtbar macht, ist sein Sohn, der, der im Fleisch das Wort Gottes ist, der, der in unserer Gestalt Gottes Gestalt besaß. Das ist das Sichtbarwerden Gottes, das mir bereitet ist. Auch hier ist die Hülle, die Gottes Gegenwart bedeckt, nicht weggetan. Über das Himmlische ist das Natürliche gebreitet und Gottes Wille wird uns in der Geschichte eines Menschen offenbart. Denn Gott bleibt auch dann Gott, wenn seine Gnade zu uns strömt. Darum steigt aus dem Christenstand die große, gewaltige Hoffnung hervor: „einst werden wir einander sehen, wie Er ist.“ Dieses Ziel kann ich aber nicht erlangen, wenn ich den Vater nicht da sehe, wo er zu sehen ist, und mir Jesu Wort unverständlich bleibt: Der sieht den Vater, der Mich sieht.

Wie wird es sein, wenn wir von unserem Irrweg heimgekehrt an Deinem Halse hängen! Das sah kein Auge und hat kein Ohr gehört. Unser Hoffen kommt aber, Vater, aus Deiner Gabe. Du hast uns Deinen Sohn gegeben, damit wir an ihm sehen, was Du in Deiner Gnade für uns bist. Amen.