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Predigten zu Psalm 69,3

"Ich bin müde vom Rufen, entzündet ist meine Kehle; meine Augen schwinden hin, harrend auf meinen Gott."

Autor: Samuel Keller (* 15.03.1856; † 14.11.1924) deutscher protestantischer Theologe und Schriftsteller

"Das Gesicht vergeht mir, dass ich so lange muss harren auf meinen Gott."

Das haben wir beobachtet: wir standen an einer Stelle, da wir die Straße entlang schauen konnten, von woher der Ersehnte kommen sollte. Unwillkürlich spannte sich unsere Sehkraft an, um das erste Erscheinen an jener fernen Ecke nicht zu verpassen. Aber Viertelstunde um Viertelstunde verrann; wir wurden müde und verzagt vom Warten. Der Psalmist überträgt das auf das innere Leben. So geht's, wenn man angstvoll spähte nach der Hilfe Gottes, und sie blieb lange aus. Da meint man auch, unsere gesteigerte Sehnsucht muss ein Magnet sein, der die Hilfe herbeizaubert. Darüber wird man elend im Gefühl, schwankend im Glauben und gelähmt in allem Tun. Ist es da nicht besser, dass du die schmerzenden Augen mal zumachst? All dieses Spähen, diese ganze Spannung ist nicht Glaube, sondern Unglaube. Kehre dich ab in dem festen Vertrauen, dass der Herr dich nicht vergessen hat, dass er seine Hilfe auf andere Weise, als du denkst, schon herbeiführen kann, dass deine Bitte droben schon erhört ist. Man will dort vielleicht nur so lange warten mit dem Eintretenlassen der Hilfe, als bis du stille geworden bist, als bis du aufhörst, angstvoll hinauszuspähen nach ihrem Erscheinen. Erhebe deine Augen, damit sie klar seien, die Hilfe zu sehen, wenn sie kommt.

Herr Jesus, vergib mir meine unwürdige Ungeduld. Ich habe deine Hilfe schon so oft und so reichlich erfahren, dass ich mich an dir versündige durch solchen Unglauben. Mach' mich stille und stark zum Warten. Amen.