Buch-Rezension: 10 Lügen über Gott

10 Lügen über Gott

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Längere Zeit gab es im evangelikalen Raum nur wenige Klassiker zur eigentlichen Theologie, d.h. der Lehre über Gott, die zudem des öfteren vergriffen waren: A.W. Tozer, Das Wesen Gottes, sowie J.I. Packer, Gott erkennen.

Die Situation hat sich in den letzten Jahren durch verschiedene, neue Veröffentlichungen verbessert; u.a. W. MacDonald, So ist Gott, R.C. Sproul, Die Heiligkeit Gottes, und eben E. Lutzer, 10 Lügen über Gott.

Im Unterschied zu den oben genannten Büchern, die das Wesen und die Eigenschaften Gottes aus den positiven Aussagen der Schrift herleiten, geht der Verfasser diese Grundfrage unserer Existenz von der Negation des Zeitgeistes aus an. Indem Lutzer die von ihm aufgegriffenen Lügen über Gott mit der Bibel korrigiert, führt er den Leser "durch die Negation der Negation zur Position". Wer sich dieses Buch besorgt, erhält daher nicht in erster Linie ein sauber sortiertes Lehrbuch zum ersten Kardinalpunkt systematischer Theologie, sondern vielmehr eine seelsorgerliche Studie, die auch für den bibeltreuen Leser herausfordernde Schneisen in das eigene Nach-Denken über Gott schlägt.

Gemäß dem Vorwort geht der Autor in seiner Argumentation dabei von folgenden Parametern aus:

  1. Die Bibel muss unsere einzige Quelle für unser Wissen über Gott sein
  2. Je besser wir Gott kennen lernen, desto besser kennen wir uns selbst
  3. Je besser wir Gott kennen, desto eifriger werden wir Ihn ehren.

Die von Ihm aufgegriffenen 10 Lügen seien im Nachfolgenden kurz skizziert:

1. Das einleitende Kapitel lautet: Gott ist genauso wie ich Ihn mir wünsche. Lutzer stellt im Vergleich der aktuellen Götzen unserer Zeit mit dem verborgenen und suchenden Gott der Schrift die Weichen für die nachfolgenden Kapitel.

2. Viele Wege führen zu Gott, lautet die zweite allseits bekannte Lüge. Ihr wird die einzigartige und notwendige Mittlerschaft Christi gegenüber gestellt.

3. Kapitel 2 bildet mit dem 3. Kapitel eine thematische Einheit, geht es hier doch um die These, Gott ist heute toleranter als früher. Der Verfasser weist nach, wie der unveränderliche Gott (des AT und NT) in der Person seines Sohnes seine eigenen Forderungen erfüllt.

4. Die Erfüllung seiner heiligen Maßstäbe werden in der 5. These dargelegt, wenn der Autor die Behauptung, Gott hat selbst nie gelitten, zurückweist: Das wunderbare Thema der Stellvertretung wird brillant vorgetragen. Der biblische Gott ist nicht der unberührbare, ewig ferne Gott der Deisten oder Muslime; er ist Teil des Problems geworden, der Gott-Mensch stirbt am Kreuz. Sollte der Gott, der vor 2000 Jahren seinen Sohn gab, heute emotional unberührt bleiben?

5. Gott ist verpflichtet, auch Menschen anderer Religionen zu retten, reißt ein weiteres populäres Thema an. Ist nicht der mitfühlende Gott des letzten Kapitels notwendigerweise auch der allseits rettende Gott? Lutzer setzt sich besonders mit den Auffassungen des amerikanischen Theologen C. Pinnock auseinander, der den Glauben an einen begrenzten und gleichzeitig weitherzigen Gott vertritt. Pinnocks allversöhnende Argumente werden qualifiziert widerlegt. Seine eigene Überzeugung bezüglich der Unerreichten kommt in der Besprechung von Römer 1-2 zum Ausdruck. Sein Fazit, "Wer bereit ist zuzugeben, dass er den Ansprüchen Gottes nicht genügt, (...), wird das nötige Licht erhalten, dass er Kenntnis von Jesus bekommt." (Seite 90), lässt jedoch einige Fragen offen. Dies wird auch von Lutzer freimütig zugegeben; nach Auffassung des Rezensenten etwas zu schnell, mit ein paar Fragen zu viel.

6. Die 6. Lüge (Gott ist nicht für Naturkatastrophen verantwortlich) wird für einige Leser besonders provokativ sein:

Hat Gott etwas mit dem Wetter zu tun? Alle, die dies bezogen auf Wetterkatastrophen verneinen, müssen sich vom Verfasser fragen lassen, warum sie zum nächsten Urlaub, oder zur nächsten Hochzeit, für schönes Wetter beten ...

7. Gott kennt unsere Entscheidungen erst, nachdem wir sie treffen, diskutiert aktuelle, theologische Strömungen in evangelikalen Kreisen, welche die Allwissenheit Gottes in Frage stellen (die sogenannte "Begrenztheit Gottes" von C. Pinnock, u.a., welche über die klassische Diskussion zwischen Calvinisten und Arminianern weit hinausgeht). Ein kurzer Blick in Psalm 139 reicht aus, um die blasphemische und letztlich bibelkritische Theorie eines unwissenden Gottes zu widerlegen. Lutzer nimmt sich dazu 14 Seiten lang Zeit.

8. Hatte Gott ursprünglich vor, für alle Zeiten mit Adam und Eva im Garten spazieren zu gehen?

Wurde er dann durch der Beiden Ungehorsam genötigt Plan B zu erfinden? In "Der Sündenfall vereitelte Gottes Plan" bespricht E. Lutzer diese Frage und begründet seine Überzeugung, dass wir trotz all dem Chaos um uns herum, uns immer noch im ursprünglichen Plan A befinden ... Der Verfasser zitiert in diesem Kapitel zu weiten Teilen aus einem empfehlenswerten Buch: J. Piper. The Pleasures of God: Meditations on God´s delight in being God. (Sisters: Multnohma Publ., 396 S.)

9. In der Besprechung der 9. Lüge, Gott kann sich nicht gleichzeitig mit uns freuen, geht der Verfasser auf die unbegründete Sorge vieler frommer Zeitgenossen ein, sich entweder für ihre christlichen Pflichten, oder aber für seichte Vergnügungen entscheiden zu müssen. Das Gott Freude und Dienst zusammenbringen kann, ja sich an unserer irdischen Freude mitfreuen kann, kommt ihnen leider nicht in den Sinn ...

10. In Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott geht der Autor auf die wichtigste Voraussetzung zur Errettung ein: Anzuerkennen, das man sich selbst nicht retten kann, sondern es dazu Gottes Eingreifen bedarf. Gott hilft (nur) dem, der hilflos ist ...

Jedes der 10 Kapitel endet mit einer "Persönlichen Reaktion", in denen das Anliegen des Verfassers deutlich wird, "anbetend vor ihn hinzufallen" (wohl eher: "niederzufallen", Seite 10). Ein Teil der Themen macht deutlich, dass E. Lutzer in den Heilsfragen mit Überzeugung dem calvinistisch geprägten Lager zuzurechnen ist. Einige seiner Auffassungen werden für manche Leser eine starke Herausforderung bedeuten! Trotz dieser eindeutigen Position Lutzers, können auch Gläubige, die in diesen Fragen andere Überzeugungen vertreten, den Thesen des Autors mit Gewinn folgen, da er seine Standpunkte in einer demütigen Grundhaltung formuliert: "In diesem Buch tue ich nicht so, als ob ich alle unsere Fragen über Gott beantworten könnte" (Seite 10). Die mitfühlende Art des Verfassers hebt sich in der Haltung wohltuend von so mancher "fehlerlosen" Logik orthodoxer Systematiker ab. Der Preis dafür ist, das Lutzer sich etwas zu häufig auf die Geheimnisse Gottes und die Beschränktheit menschlichen Nach-Denkens über Gott zurückzieht: "Jahrelang beschäftigte mich das Problem, wie man das Leiden dieser Welt mit der Liebe Gottes vereinen kann. Nach allem Studieren und Nachdenken musste ich die Schlussfolgerung ziehen, dass eine annehmbare, rationale Lösung vielleicht gar nicht existiert. Ich versuchte in diesem Buch darzulegen, dass wir demütig bekennen müssen, dass Gottes Wege ´alle Erkenntnis übertreffen´. Es war einfach nicht sein Wille, uns alle Teile des Puzzlespiels zu zeigen. Doch wie Tony Campolo sagt: ´Es ist (Kar-) Freitag, doch der Sonntag kommt bestimmt.´" (Seite 175).

Leider sind in der Übersetzung der Fußnoten auch Titel, die im Deutschen bestens bekannt sind, nur im englischen Original angegeben (ca. 20 Verweise mit Büchern von B. Pascal, C.S. Lewis, J. Calvin, Augustinus, P. Yancey, J.I. Packer, R.C. Sproul, A. Camus und E. Lutzer selbst). Dies ist man vom herausgebenden Verlag bereits aus anderen Publikationen gewöhnt - der ebenfalls "CLV-typische", günstige Preis mag darüber hinweg trösten ...

Ein Epilog mit dem Titel "Können wir ihm vertrauen"?, sowie ein Anhang mit "Fragen zur Gruppenarbeit" runden das empfehlenswerte Buch ab.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Uwe Brinkmann
 Kategorie: Sonstiges

  Verlag: CLV Christliche Literatur-Verbreitung
  Jahr: 2001
  ISBN: 3-89397-287-0
  Seiten: 224
 €    Preis: 6,50 Euro

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