Buch-Rezension: Das Alte Testament und der Vordere Orient - Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte

Das Alte Testament und der Vordere Orient

Autor:

Kenneth Anderson Kitchen (* 1932) lehrte an der Universität Liverpool und hält dort auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand noch Vorlesungen. Seine bekanntesten Publikationen befassen sich mit dem Leben und Wirken von Ramses II. Seine umfassende Übersetzung und Kommentierung hieroglyphischer Inschriften aus der Ramessidenzeit sind international anerkannte Standardwerke. Im deutschsprachigen christlichen Bereich ist vor allem das 1965 bei R. Brockhaus erschienene Bändchen (114 S.) „Alter Orient und Altes Testament“ bekannt geworden.

Nun liegt das Alterswerk des ausgewiesenen Ägyptologen und Kenners der Archäologie, Geschichte und Literatur des Alten vorderen Orients vor, das im Englisch bereits 2003 erschien. Elf Übersetzer haben unter Leitung von Walter Hilbrands und Herbert H. Klement daran gearbeitet, das monumentale Werk ins Deutsche zu übertragen.

Schon in seinem Vorwort tadelt Kitchen, dass heute immer häufiger Fehlinterpretationen originärer Quellen in den Dienst extremer Urteile über das Alte Testament gestellt und die wirklichen Fakten außer Acht gelassen werden. Es gehöre zur „political correctness“, die alttestamentlichen Schriften von vornherein als historisch unglaubwürdig zu betrachten. (XVII). Demgegenüber ist er von einer hohen historischen Zuverlässigkeit der alttestamentlichen Texte überzeugt.

Der Autor unterteilt die alttestamentliche Geschichte in sieben Abschnitte:

  1. Urzeitliche Vorgeschichte,
  2. Patriarchen,
  3. Aufenthalt in Ägypten und Auszug,
  4. Ansiedlung in Kanaan,
  5. Vereinigte Monarchie,
  6. geteilte Monarchie,
  7. Exil und Rückkehr.

Er beginnt bei den jüngsten Perioden (6 und 7), weil die am leichtesten zu untersuchen sind, und geht dann rückwärts, wobei er noch ein Kapitel über Propheten und Prophetie einfügt.

In dem gut gegliederten und auch für einen Laien verständlich geschriebenen Buch dienen die zeitgeschichtlichen außerbiblischen Parallelen nicht dazu, die biblischen Geschichten in Frage zu stellen, sondern um zu zeigen, dass diese Verhältnisse genau dem entsprechen, was wir auch von der Bibel her erwarten können, wenn wir sie als geschichtliche Quelle ernst nehmen. Kitchen macht unmissverständlich deutlich, dass im Altertum Geschichte nicht erfunden wurde (wie gewisse Theologen behaupten), sondern wirkliche Geschichte wurde aus entsprechendem Blickwinkel gedeutet. (S. 85). Er erklärt auch anhand anderer Parallelen, wie plausibel die in der Bibel berichtete Reise der Königin von Saba und auch die Höhe ihrer Geschenke war. (S. 153-60).

Bei der Zahl der Auswanderer aus Ägypten (603 550 Männer) setzt Kitchen auf die Erklärung des ’eleph (tausend) für militärische Einheit oder Dienstgruppe, referiert dann aber nur die Ansichten anderer Autoren, die so auf eine Zahl von etwa 20-22000 Personen. (Siehe auch die Rezension des Buches von Zerbst/Van der Veen, Keine Posaunen vor Jericho?). Sehr interessant die Überlegungen des Autors zu der wahrscheinlichen Reiseroute Israels durch die Sinai-Halbinsel. (S. 347ff.)

Beim zeitlichen Rahmen des Exodus setzt Kitchen aber eindeutig auf die sogenannte Spätdatierung. Neuere Überlegungen zu einer alternativen ägyptischen Chronologie hat er offenbar (noch) nicht zur Kenntnis genommen. (Siehe die Rezension von Van der Veen/Zerbst, Biblische Archäologie am Scheideweg. Neudatierung der ägyptischen Chronologie.). Andere konservative Forscher können sehr wohl eine Evidenz für eine Frühdatierung des Exodus ausmachen, wie schon Klemens und Hilbrands im Vorwort bemerken (II).

Nicht verständlich erscheint dem Rezensenten, dass Kitchen die Aussage Jephtas mit den 300 Jahren Ri 11,16 einfach nur als Prahlerei abtut.

Kritisch setzt sich der Autor mit Finkelstein auseinander. So hält er nichts von einer Umdatierung der archäologischen Schichten, wie dieser es fordert. (S. 185 ff.) Ebenso kritisch ist seine Beurteilung von Thompson, Lemche und anderen „Minimalisten“.

Kitchens Werk ist eine Fundgrube für alle, die sich für die Personen und Ereignisse des Alten Testaments interessieren. Ausführliche Register machen es zu einem Nachschlagewerk.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Karl-Heinz Vanheiden
 Kategorie: Geschichte, Kirchengeschichte

    Verlag: Brunnen Verlag GmbH
    Jahr: 2008
    ISBN: 978-3-7655-1424-1
    Seiten: 752
    Preis: 49,95 Euro