Buch-Rezension: Die Auferstehung Jesu - Fiktion oder Wirklichkeit? - Ein Streitgespräch

Die Auferstehung Jesu - Fiktion oder Wirklichkeit?

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In diesem Buch kommen der Literaturwissenschaftler, Historiker und Papyrologe Carsten Peter Thiede und der Theologe Gerd Lüdemann zu Wort. Thiede ist Verfechter der körperlichen Auferstehung Jesu, Lüdemann hingegen vertritt die Auffassung, Jesus sei niemals vom Tod auferstanden und lehnt folglich die Historizität der neutestamentlichen Schriften ab. Beide stellen ihre Sichtweise in einem ersten Aufsatz dar, wobei keiner der beiden die Darstellung des anderen zuvor gelesen hat. In einer zweiten Runde gehen sie dann kritisch auf die Position ihres Kontrahenten ein. Diese Replik fällt kürzer aus als die beiden Einstiegstexte. In einer dritten Runde, nach dem sie wiederum die Antwort ihres Diskussionspartners gelesen haben, formulieren sie ein möglichst knappes Schlusswort.

Thiede eröffnet mit seinem Aufsatz Die Auferstehung ist eine historische Tatsache den Schlagabtausch. Er stellt die hervorragende Quellenlage zur Auferstehung Jesu heraus. In diesem Zusammenhang sind die vier Evangelien, das 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes und der angefügte Schluss des Markusevangeliums zu nennen. Als Argument gegen diese Quellen steht der Vorwurf, sie seien von Anhängern verfasst worden und deshalb nur von eingeschränktem Wert. Thiede hält diesem Vorwurf entgegen, dass auch eine gegnerische Darstellung nicht neutral sei. Neutralität in der Geschichtsschreibung sei eine Fiktion. Männer wie Paulus wüssten sehr wohl zwischen Mythen und Tatsachen zu unterscheiden. Paulus z.B. weist Fabeln eindeutig zurück. Er nennt den Christen in Korinth nur Männer als Zeugen der Auferstehung. Die Evangelisten berichten aber, dass Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung gewesen sind. Paulus streitet aber in der o.g. Textstelle die Zeugenschaft der Frauen nicht ab. Die Unterschiede in den Berichten zeigen laut Thiede je doch, dass sie echt und nicht etwa harmonisiert sind. Kein Ereignis der Antike ist so gut bezeugt, wie die in den Evangelien beschriebenen, namentlich das Faktum der Auferstehung. Über Alexander den Großen wurde erst 450 Jahre nach dessen Tod von einem römischen Offizier berichtet. Dennoch bestehe kein Zweifel an seiner Historizität. Hier und an anderen Stellen bringt Thiede die Kenntnisse der Literaturwissenschaft ein. Er betont, dass der jüdische Auferstehungsglaube nicht mythisch sondern physisch zu verstehen sei; es ging um Knochen und Leiber. Paulus, ein durch und durch gelehrter Jude, hätte sich nie mit einer Vision zu frieden gegeben. Und wieso sollten sich die Jünger verfolgen lassen, wenn die Auferstehung Jesu nicht der Realität entsprochen hätte?

Gerd Lüdemann stellt seinen Aufsatz unter die Überschrift: Der auferstandene Christus: die Leiche im Keller der Kirche. Er sieht einen klaren Widerspruch darin, dass die Auferstehung zwar gepredigt, gleichzeitig je doch ihre Historizität bezweifelt werde. Dann geht es ihm um die Frage, ob die biblischen Autoren überhaupt ein Interesse an der geschichtlichen Zuverlässigkeit ihrer Aussagen hatten. Aus der Einleitung des Lukas schlussfolgert Lüdemann, dass keiner vor Lukas seine Berichte schriftlich verfasst habe. Aber wie so sollen die Augenzeugen, die Lukas befragt hat, nicht zuverlässig gewesen sein? Auch die These, dass die ersten Schriften über Jesus unter den Christen kein Ansehen genossen hätten, bleibt ohne Begründung.

Lüdemann sieht in den Evangelien viele Widersprüche. So waren laut Lüdemann im Garten Gethsemane keine Zeugen anwesend. – „Doch, die Jünger!”, würde ich kontern. – „Die jedoch schliefen”, so hat es Lüdemann im abgedruckten Bibeltext fett markiert. Er setzt dabei voraus, dass die Jünger vom ersten Moment an im tiefsten Schlaf lagen und unmöglich wenigstens Bruchstücke des Gebetes gehört haben konnten, oder dass sie vielleicht später von Jesus selbst über die Ereignisse unterrichtet worden wären. Der Text habe einen erbaulichen Wert, sei aber geschichtlich ohne Ertrag, er entspringe der Lektüre von Psalmen. Ähnlich interpretiert er andere neutestamentliche Stellen. Lüdemann bleibt bei seiner Aussage, dass die Zeugnisse der Evangelisten und Apostel historisch unzuverlässig seien. Er schließt seinen Aufsatz damit, dass die Ergebnisse seiner Analyse im Widerspruch zum christlichen Bekenntnis stünden. Seien sie richtig, erlauben sie keinem mehr, „sich mit ehrlichem Gewissen Christ zu nennen” (S. 78).

Auffallend ist, dass viele Schlussfolgerungen Lüdemanns der Willkür entspringen, was ihm Thiede auch in seiner Antwort auf den ersten Aufsatz zum Vorwurf macht. Hypothesen der historisch-kritischen Theologie setze er wissenschaftlichen Erkenntnissen gleich. Auch in seiner Antwort auf Thiedes ersten Aufsatz bleibt Lüdemann diesem Kurstreu. Das historische Wissen des Paulus über Jesus sei gering, er scheide so mit als Zeuge aus.

In seinem dritten Aufsatz reagiert Lüdemann auf die Erwiderung Thiedes. Er argumentiert u.a. mit der Quellenscheidung des Pentateuch und bringt seine Sicht auf den Punkt: „Solche Fiktion ist nur möglich, weil wir es mit einer Kultur zu tun haben, die noch kein intellektuelles Wahrheitsbewusstsein ausgebildet hatte.” (S. 130) Thiede da gegen nimmt den antiken Verfasser ernst und erklärt viele Widersprüche, die Lüdemann sieht. Er geht davon aus, dass der Glaube an die Auferstehung Jesu deshalb Fuß fassen konnte, weil klare historische Fakten gegeben waren. Es sei nicht überzeugend, dass alttestamentliche Motive allein die Grundlage vieler Berichte des Neuen Testamentes bildeten und diese infolgedessen allein zur Erbauung geschrieben worden seien. Er zeigt an mehreren Stellen auch die Willkür der Interpretation Lüdemanns auf. Lüdemann sieht ein enthusiastisches Erlebnis nach dem Tod Jesu als Anfang des Glaubens. Wie stark muss dieser Enthusiasmus gewesen sein, dass er viele Christen Verfolgung aushalten ließ und dass der Auferstehungsglaube bis heute nicht verschwunden ist!

Beide Autoren stimmen darin überein, dass die historischen Fakten die Grundlage dafür liefern müssen, ob der auferstandene Jesus gepredigt werden kann oder nicht.

Der Wert dieses Buches besteht nicht darin, dass es neue Fakten ans Tageslicht treten ließe. Vielmehr werden zwei Sichtweisen mit ihren jeweiligen Argumenten gegenüber gestellt. Der Leser bekommt einen Einblick in die Argumentation beider Positionen und speziell der evangelikale Leser erhält exemplarisch Einblicke in die Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Thomas Riedel
 Kategorie: Sonstiges

  Verlag: Brunnen Verlag GmbH
  Jahr: 2001
  ISBN: 3-7655-1241-9
  Seiten: 144
 €    Preis: 12,95 Euro

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