Buch-Rezension: Jesus: Der Glaube. Die Fakten

Jesus: Der Glaube. Die Fakten

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Den „Sherlock Holmes unter den Bibelwissenschaftlern“ nannte man ihn und sein plötzlicher Tod im Jahre 2004 war eine Tragödie: Carsten Peter Thiede – Papyrologe, Experte für neutestamentliche Zeitgeschichte, selten im Mainstream der Forschung, aber stets mit detektivischem Spürsinn – hat uns ein interessantes Jesus-Buch hinterlassen, dessen Anschaffung sich unbedingt lohnt.

Seitdem in der Theologie die Ära der so genannten „Leben-Jesu-Forschung“ anbrach, neigen die Bibelwissenschaften (und mit ihnen die wissenschaftsgläubige Öffentlichkeit) dazu, die Informationen der Evangelien in Zweifel zu ziehen und zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glaubens“ zu unterscheiden. Thiede tut genau dies nicht. Er bringt in diesem Buch zahlreiche Fakten für die historische Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung im Blick auf das Leben Jesu. Die Tatsache, dass der Autor Detaildiskussionen, Quellenangaben, Bibliografie und andere Konventionen wissenschaftlicher Literatur in sehr engen Grenzen hält, dürfte für die Fachwelt zwar ein großes Manko sein. Für den interessierten Laien dagegen stellt sich genau dies jedoch als Vorteil dar: Das Buch ist leicht nachvollziehbar und fordert vom Leser neben Interesse an der Sache einen nicht allzu hohen Grundspiegel an Vorinformationen.

Thiede verfolgt das Leben Jesu von der Geburt bis zur Auferstehung, bringt dabei aber keinen Lebenslauf oder Bericht (was angesichts der Evangelien ja auch unnötig wäre), sondern hakt an bestimmten (meist umstrittenen) Stellen ein, um im Licht zeitgeschichtlicher Fakten die Zuverlässigkeit der biblischen Berichte zu untermauern. Allerdings nicht ganz ohne „anti-bibelkritische Polemik“, die man sich zugunsten wissenschaftlicher Sachlichkeit besser verkneifen sollte. Aufgrund des breit gefächerten Hintergrundwissens, das in das Buch einfließt, entstehen aber auch neue Perspektive für die Auslegung der Texte. Exemplarisch darstellen lässt sich das an zwei Details zur Weihnachtsgeschichte:

Thiede zieht einen interessanten Vergleich zwischen Maria und einer Frau namens Babata, deren Steuerdokumente man 1961 in einer Höhle am Toten Meer fand (S.22ff). Die Sensation der Funde im Nahal Arugot war damals, dass das Bündel an Dokumenten auch einen Schriftwechsel mit dem berühmten Simon bar Kochba enthielt. Aber Thiede untersucht nun diese Dokumente im Blick auf den Vergleich von Maria mit jener Babata, die anlässlich des Zensus von 127 n.Chr. gemeinsam mit ihrem Mann (und Rechtsvormund) Judanes etwa 40 km reist, um ihr Landgut bei den römischen Behörden registrieren zu lassen. Dabei kommt Thiede zu dem Schluss, dass es für die hochschwangere Maria nur einen Grund gegeben haben konnte, den beschwerlichen Weg von Nazareth nach Bethlehem anzutreten: Sie wollte ihren eigenen (und wohl auch ertragreichen) Landbesitz in der Region nicht aufgeben. Wenn es „nur“ um den Besitz (und nur daran waren die Römer interessiert!) von Josef gegangen wäre, hätte er seine Frau nicht mitnehmen müssen. Sie dagegen brauchte ihn natürlich als Reisebegleiter und als Vormund (Unterzeichner) gegenüber den römischen Behörden. Solche Fakten werfen ein neues Licht auf das Weihnachtsgeschehen und zeigen den Lukastext als überaus detailgetreuen Bericht.

Ein anderer Zusammenhang betrifft den Kindermord von Bethlehem (Mt 2,13-18): Carsten Peter Thiede wehrt sich gegen das Argument, dass aus der Tatsache der Nichterwähnung bei Josephus zu folgern sei, dass dieser Kindermord unter Herodes nie stattgefunden habe. Einerseits verweist Thiede auf viele andere Grausamkeiten, die Herodes der Große beging und von Josephus auch nicht berichtet werden. Andererseits informiert er uns über einen archäologischen Fund, der vor wenigen Jahren in Aschkelon (bei Gaza) gemacht wurde: Dort fand man im Keller eines großen Hauses aus dem 1.Jh. n.Chr. etwa 200 Kinderskelette: offenbar brutal ermordet, viele nur wenige Monate alt, aber keines älter als 2 Jahre und fast nur Jungen. Es lässt sich zwar keine direkte Verbindung zum biblischen Kindermord herstellen, aber der Fund zeigt zumindest, dass ein solch grausiges Geschehen in jener Zeit möglich war... ohne von Josephus berichtet zu werden (S.36f).

Wer sich für solche und andere Fakten rund um das Leben Jesu interessiert, der wird vom Autor auf eine spannende Reise mitgenommen und liest das Buch mit großem Gewinn. Insofern eignet es sich auch hervorragend als Geschenk an Schüler in Religionsklassen, die sich mit bibelkritischen Thesen zu befassen haben. Wer im Rahmen der Verkündigung über so zentrale Themen wie die Geburt, die Wunder, die Kreuzigung oder die Auferstehung Jesu zu sprechen hat, der findet hier eine reiche Fundgrube an Hintergrundwissen und am Ende des Buches einige gute Hinweise auf weiterführende Literatur.

Kurz: Ein absolut empfehlenswertes Buch!

 Die Rezension/Kritik stammt von: Markus Schäller
 Kategorie: Sonstiges

  Verlag: Sankt Ulrich
  Jahr: 2003
  ISBN: 3-929246-95-3
  Seiten: 208
 €    Preis: 18,90 Euro

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