Buch-Rezension: Faszination Jesus - Was wir wirklich von Jesus wissen können

Faszination Jesus

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Das erstmals 1992 erschienene Buch will seinem Leser sowohl den historisch fassbaren Jesus als auch den überzeitlich herausfordernden Gottessohn nahe bringen. Dabei gehen die Autoren der Frage nach, warum einfache Menschen wie auch große Philosophen, Dichter und Politiker von der Person von Jesus fasziniert waren und sind. Im Hauptteil des Buches setzt sich Roland Werner kritisch mit zeitgenössischen Jesusbildern auseinander, um diesen den Jesus der Evangelien entgegen zu stellen (S. 5-191). Im ausführlichen Anhang dokumentiert Guido Baltes Belege für die historische Zuverlässigkeit der biblischen Jesusüberlieferung (S. 192-254). Abgeschlossen wird der Band mit ausgewählten Literaturhinweisen für die eingehendere Auseinandersetzung mit dem neutestamentlichen Jesus (S. 255).

In einem ersten Kapitel (Der verfälschte Jesus, 9-24) werden verschiedene ideologisch motivierte Jesusbilder vorgestellt. Kritisch wird darauf hingewiesen, dass die Entwürfe eines revolutionären, eines alternativen, psychologisierenden, liberalen, nationalistischen, esoterischen und islamischen Jesus zumeist weit eher dem zeitgeistlichen Weltbild ihres Schöpfers als der historischen Realität entsprechen. Im zweiten Kapitel (Der geschichtliche Jesus, 25-47) bespricht Werner antike, außerbiblische Autoren, die sich zum Leben von Jesus äußern: die römischen Historiker Sueton, Tacitus, Plinius und Thallus sowie den Brief des Syrers Mara bar Serapion, den Bericht des jüdischen Historikers Josephus Flavius und Aussagen älterer rabbinischer Texte. Auch die neutestamentlichen Evangelien, insbesondere das des Lukas werden als zuverlässige historische Quellen vorgestellt.

Ein nächster Abschnitt (Der attraktive Jesus, 48-70) sucht nach Gründen für die Faszination, die Jesus auf Menschen ausübt. Dazu zählen nach Meinung der Autoren, seine Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung, seine intensive Beziehung zu Gott, seine Menschenfreundlichkeit, seine Freundlichkeit zu Kindern und Frauen, sein Humor, seine Schlagfertigkeit, seine Heilungen und seine treffenden Predigten. In einem kurzen Exkurs wird die Denkmöglichkeit derWunder von Jesus diskutiert.

Ein viertes Kapitel (Der radikale Jesus, 71-93) widmet sich dem Engagement von Jesus für das Reich Gottes. Dazu gehören die Neuinterpretation der alttestamentlichen Gebote, seine, auf die Herrschaft Gottes bezogene, Erfüllung uralter Prophetien, seine Aufrichtung neuer, menschenfreundlicher, aber auch äußerst radikaler Handlungsanweisungen und seine polarisierende Herausforderung, sich entweder ihm und damit dem anbrechenden Gottesreich oder dem etablierten, pharisäischen Judentum anzuschließen. Im fünften Kapitel (Der unbequeme Jesus, 94-119) wird Jesus als der im Alten Testament vorausgesagte Messias vorgestellt. In den Evangelien präsentiert sich Jesus als „Menschensohn“, „Sohn Davids“, „Sohn Gottes“, „Gottesknecht“, „Kyrios“ und als selbstbewusster Lehrer mit göttlicher Autorität, der sich gar als Gott verehren lässt und Sünde vergibt, obgleich diese Vollmacht lediglich Gott zusteht.

Im folgenden Kapitel (Der gekreuzigte Jesus, 120-144) werden die Umstände der Gefangennahme und Hinrichtung von Jesus beschrieben: seine Folterung und Kreuzigung, seine letzten Worte, sein innerer Kampf und sein Tod. Dies Geschehen offenbare dem Menschen seine selbstsüchtige Trennung von Gott und eröffne ihm, Dank der stellvertretenden Bestrafung von Jesus, die vollkommene Vergebung seiner Schuld. Die Tatsächlichkeit der Auferstehung ist Thema des siebenten Kapitels (Der lebendige Jesus, 145-169). Werner entkräftet verbreitete Vorbehalte gegen eine leibhaftige Auferstehung: der Gekreuzigte sei Scheintod gewesen, seine Schüler hätten den Leichnam geraubt, sie hätten sich im Grab geirrt oder ihre Berichte lediglich symbolisch verstanden. Ferner werden Indizien für die Tatsächlichkeit der Auferstehung genannt: Augenzeugen, Wunder und Lebensveränderungen bei Zweiflern und Kritikern. Das achte Kapitel (Der erhöhte Jesus, 170-183) nennt Aspekte der Menschheit und Gottheit von Jesus. Außerdem soll dem Leser Jesus als gegenwärtiger Herr seiner Gemeinde, als himmlischer Herrscher und als wiederkommender Gottessohn vorgestellt werden. Das letzte Kapitel (Jesus heute, 184-191) nennt Beispiele aktueller Erfahrungen von Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen heute und will anhand neutestamentlicher Aussagen die Bedingungen einer Begegnung mit Jesus Christus erläutern.

In einem ausführlichen Anhang argumentiert Guido Baltes für die Zuverlässigkeit der biblischen Jesusüberlieferung. In einem ersten Unterabschnitt diskutiert er Stil, Auswirkung und Überlieferung der Evangelien (192-203). Anschließend werden die Autoren der neutestamentlichen Jesusberichte als sachverständige, glaubwürdige Augenzeugen oder nahe Mitarbeiter derselben beschrieben (203-218), deren Schriften schon in frühester Zeit nachweisbar sind. Ein dritter Teil des Anhangs geht der Glaubwürdigkeit apokrypher Evangelien, vor allem der Schriften aus Nag Hammadi, nach. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf deren späte Abfassung und stark gnostische Prägung hingewiesen. Ein eigener Unterpunkt setzt sich mit der Beziehung zwischen Qumran und dem Neuen Testament auseinander (226-234). Hier widerlegt Baltes die verbreitete Spekulation, der Vatikan habe die Herausgabe der Qumranschriften lange Zeit verhindert, da diese die neutestamentlichen Berichte erschüttern könnten. Im letzten Abschnitt werden die schon im zweiten Kapitel erwähnten außerbiblischen Belege zum historischen Jesus zitiert und sachgemäß interpretiert (234-248).

Sicher könnte kritisch angemerkt werden, dass der aktuelle Forschungsstand bei der nun erfolgten Überarbeitung nur unzureichend berücksichtigt worden ist oder dass heute eher ein feministischer, ökologischer oder synkretistischer Jesus die Öffentlichkeit bewegt, statt des diskutierten Hippie-Erlösers (14f). Auch die Verbannung der Angaben zu den zitierten Bibelstellen in die Fußnoten ist für manchen gewöhnungsbedürftig (z.B. 190f). Dass sich in dem vorliegenden Buch nicht alle wünschbaren theologischen und historischen Aussagen über Jesus Christus finden lassen, ist selbstverständlich und wird von den Autoren in ihrem Vorwort vorbeugend festgestellt (6f).

Insgesamt aber handelt es sich bei diesem Titel um eine flüssig und verständlich geschriebene, argumentativ nachvollziehbare und auch für bibelferne Leser verständliche Darstellung des Lebens von Jesus. Abweichende Positionen, auch bibelkritische Thesen werden unverzerrt genannt und überzeugend in Frage gestellt. Weitgehend vermeidet das Buch einen typisch christlichen Jargon. Übersichtlich und gewinnend werden historische, theologische und ganz persönliche Aspekte des Lebens von Jesus dargeboten, die den Leser zum Denken und zu einer eigenen Stellungnahme herausfordern.

„Faszination Jesus“ ist nicht nur für Christen, sondern auch für geistlich suchende Zeitgenossen eine lohnende und empfehlenswerte Lektüre.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Michael Kotsch
 Kategorie: Sonstiges

  Verlag: Brunnen Verlag GmbH
  Jahr: 2005
  ISBN: 3-7655-1349-0
  Seiten: 256
 €    Preis: 12,95 Euro

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