Buch-Rezension: Theologisch konservativ - Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Band 62)

Theologisch konservativ

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Das vorliegende Buch ist die überarbeitete und teilweise erweitere Fassung einer Dissertation, die 2016 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen angenommen wurde. Der Autor ist Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen. Vom Titel und Umfang ausgehend erwartet der Leser eine Darstellung der evangelikalen Bewegung in Deutschland, stellt aber schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses fest, dass es in Wahrheit nur um die landeskirchliche evangelikale Bewegung geht, und hier noch nicht einmal um die Evangelikalen aller deutschen Landeskirchen. Vielmehr beschränkt sich der Autor auf die Evangelikalen der westfälischen und württembergischen Landeskirche. Abgesehen von dieser Schwäche, dass der freikirchliche Evangelikalismus sowie auch die Evangelikalen des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, die eine tragende Säule der deutschen evangelikalen Bewegung darstellen, weitgehend unberücksichtigt bleiben, ist die vorliegende Studie eine äußerst sorgfältige und mit viel Liebe zum Detail erstellte Arbeit.

Breitschwerdt zeigt in den ersten beiden Kapiteln auf, dass die Ursache für die Entstehung theologisch konservativer Kreise in der modernen Theologie zu suchen ist, die seit der Aufklärung die Bibel kritisch hinterfragt hat, sie nicht mehr als unfehlbares Wort Gottes akzeptieren kann und die biblischen „Heilstatsachen“, wie sie im Apostolikum niedergelegt sind, leugnet. Angefangen bei der Unterscheidung von Bibel und Wort Gottes bei Johann Salomo Semler im 18. Jahrhundert über die Auseinandersetzungen über das „Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hin zum Streit um das Apostolikum Ende des 19. Jahrhunderts wurden evangelischlandeskirchliche Christen, die sich zur Wahrheit der Bibel bekannten, herausgefordert zu widersprechen und in den Kampf für die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift einzutreten. Dieser Kampf fand im 20. Jahrhundert seinen vorläufigen Höhepunkt durch den Widerspruch gegen Bultmanns Entmythologisierungsprogramm, worauf Breitschwerdt im dritten Kapitel ausführlich eingeht. Der Autor weist anhand von sorgfältigem Quellenstudium nach, dass sich sowohl in der württembergischen wie in der westfälischen Landeskirche energischer Widerstand gegen die sogenannte existentiale Interpretation der Bultmannschule regte, der 1966 in die Gründung der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ mündete.

Im vierten und letzten Kapitel stellt Breitschwerdt dar, warum er den Begriff „theologisch konservativ“ für einen geeigneten Ausdruck zur Beschreibung jener Christen hält, die sich durch ihre Überzeugungen von den Kirchenmitgliedern unterscheiden, die man der „modernen Theologie“ zurechnet. Aufgrund seines ausführlichen Quellenstudiums sowie der Einordnung der evangelikalen Bewegung in einen großen theologiegeschichtlichen Kontext kann die Studie von Breitschwerdt als opus magnum zum landeskirchlichen Evangelikalismus in Deutschland bezeichnet werden, an dem alle weiteren Arbeiten zur evangelikalen Bewegung sich zu orientieren haben.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Friedhelm Jung
 Kategorie: Geschichte, Kirchengeschichte

    Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
    Jahr: 2018
    ISBN: 978-3-525-57076-0
    Seiten: 723
    Preis: 110,00 Euro