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Predigten zu 2. Mose 20,15

"Du sollst nicht stehlen. -"

Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"Du sollst nicht stehlen!"

Lasst uns sehen, was unter Stehlen und Dieberei verstanden werden soll. Allgemein wird darunter jede Weise verstanden, in der wir unserem Nächsten sein Eigentum entwenden, mag es heimlich oder offenbar, mit Gewalt oder mit List, unter der groben Gestalt des Verbrechens oder unter dem Schein von Gesetz und Recht geschehen. Stehlen ist etwas so Grobes und Hässliches, dass die meisten Menschen von dieser Sünde frei zu sein glauben. Mag es einem auch gelingen, sonst ehrbare Weltmenschen von der Verletzung der übrigen Gebote zu überzeugen, so sind sie doch ganz anderer Meinung, wenn man zu dem siebenten Gebot kommt; ihm gegenüber meint man gerecht zu sein. Man hat doch nicht gestohlen, seine Hand nicht nach dem Eigentum anderer ausgestreckt und hält es darum auch für eine entsetzlich harte Rede, rechtschaffene Menschen einfach zu Dieben machen zu wollen!

Ja, wahrlich, hiesse nur das stehlen, dass man die Schlösser anderer aufbricht und in so grober Weise Geld und Eigentum entwendet, dann wären gewiss die meisten Menschen gerecht vor diesem Gebot. Wie ganz anders aber sieht es aus, wenn wir es im Lichte der Erklärung Christi betrachten! Welch eine zerknirschende Entdeckung, wenn du durch eine solche Erklärung gewahr wirst, dass auch du ein Dieb bist! Wird es einem gegeben, zu sehen und vor den Augen Gottes zu bedenken, dass jede Weise, sich zum Schaden des Nächsten einen Gewinn zu verschaffen, Diebstahl ist, mag es nun z. B. bei einem Handel, den man für günstig ansieht, durch das geschehen, was man bezeichnend "Spottpreis" nennt, oder dadurch, dass der Verkäufer viel zu viel für seine Ware fordert und erhält, oder aber durch eine fahrlässige Arbeit des Tagelöhners usw. -, so wird man die Wahrheit der Worte Luthers finden, dass "kein Nahrungszweig auf Erden so allgemein ist, wie der Diebstahl", dass dieser "ein so weitläufig allgemeines Laster, aber so wenig geachtet und wahrgenommen ist, dass, wo man sie alle an Galgen hängen sollte, was Diebe sind und doch nicht heißen wollen, soll die Welt bald wüste werden und an Henkern und Galgen gebrechen".

Wir reden jetzt nicht vom Herzen oder davon, wie Gottes Augen auf dich als auf einen Dieb gerichtet sind, während du das Eigentum deines Nächsten noch nicht um einen Heller verkleinert hast, auch wenn du Lust dazu hast und nur aus Furcht und Vorsicht davon abgehalten wirst. Wir reden noch vom Diebstahl im Werk und in der Tat. Und dann wiederholen wir es noch einmal und bitten einen jeden, ernstlich zu bedenken, was darin liegt, dass jede Weise, das Eigentum des Nächsten zu verkleinern, tatsächlich Diebstahl ist. Man stiehlt nicht nur, wenn man Kisten und Taschen plündert, sondern auch, wenn man auf dem Markte oder in den Kaufläden für eine

Ware zuviel verlangt oder zuwenig gibt, oder wenn man in der Werkstatt schlechte oder betrügerische Arbeit verrichtet und volle Bezahlung nimmt, oder wenn ein Knecht oder eine Magd im Hause nicht treu arbeitet oder etwas verderben lässt, mit einem Wort, nicht um das Beste der Hausherrschaft besorgt ist, oder wenn man in teurer Zeit auf Grund der Verlegenheit und Not des Bedürftigen unbillig hohe Zinsen auf ausgeliehene Gelder nimmt usw. In solcher Weise kannst du deinem Nächsten bald zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert Mark entwenden und bist dennoch frei, während mancher wegen viel Geringerem im Gefängnis gewesen ist, nur weil er sich einer anderen Weise des Diebstahls bediente.

In jedem Gebot ist aber nicht nur etwas verboten, sondern auch etwas befohlen. Das ist auch bei dem siebenten der Fall. Es enthält nicht nur, dass wir nicht stehlen sollen, sondern dass wir, wie es im Kleinen Katechismus Luthers ausgedrückt wird, auch "unserem Nächsten sein Gut und seine Nahrung bessern und behüten helfen". Wenn wir bedenken, dass der Herr mit demselben Ernst, mit dem Er das Böse verbietet, auch das Gute von uns fordert, dann wird dieser Teil der Betrachtung noch tiefer auf uns eindringen und auch die zu Sündern machen, die es im vorigen noch nicht geworden sind. Dazu aber ist es erforderlich, dass wir nicht auf das Ansehen der Werke schauen, sondern dass Gott selbst für uns von Bedeutung ist. Die Welt und die Vernunft sagen: "Wenn ich einem anderen nichts nehme, dann darf ich frei und nach Belieben mit dem handeln, was mir gehört." Im Reiche Christi aber gilt ein anderes Gesetz: "Du sollst deinem Nächsten nicht nur nichts Böses zufügen, sondern im Gegenteil ihm mit den Gaben und den Mitteln, die Gott dir dazu verliehen hat, alles Gute tun. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Wer nichts Böses tut, begeht doch große Sünde, wenn er nicht das Gute tut, was er tun kann und soll. Denn Gott hat uns unser irdisches Gut nicht gegeben, damit wir nur uns selbst damit dienen, sondern auch unseren Nächsten Gutes damit tun, als die Verwalter unseres Herrn, die kein Recht dazu haben, mit Seinen geschenkten Gaben zu tun, was sie gelüstet, sondern was Seine heiligen Liebesabsichten fordern. Das ist der Grund einer ganzen Kette von Pflichten, von denen die Welt nichts weiss. Lasst uns darum auf der Goldwaage des Liebesgebotes noch besser unser Verhalten dem siebenten Gebot gegenüber wägen. Wir werden dann mit Erstaunen finden, wie fast alle unsere Werke, unser Essen und Trinken, unsere Arbeit und Ruhe, unsere Sparsamkeit und Freigebigkeit, alles, alles mit der Sünde gegen dieses Gebot befleckt und durchsäuert ist.

Herr, öffne mir die Tiefe meiner Sünden, Lass mich auch seh'n die Tiefe Deiner Gnad'; Lass keine Ruh mich suchen oder finden, Als nur bei Dir, der solche für mich hat, Der meine Seel so gern erquickt, Wenn meine Sündenschuld mich drückt.


Autor: Dora Rappard (* 01.09.1842; † 10.10.1923) Schweizer Missionarin und evangelische Kirchenlieddichterin

"Du sollst nicht stehlen."

Es soll niemand angesichts unseres heutigen Textes denken: "Das geht mich nicht an; ein Dieb könnte ich niemals werden." O stolzes Herz, du bist zu allem Bösen fähig. Überaus trügerisch und bösartig bist du (Jer. 17, 9). Jener angesehene Mann, der um der Verschwendungssucht seiner jungen Frau willen in Schulden geriet und einer anvertrauten Kasse "nur leihweise" eine Summe entnahm, hätte es nie gedacht, dass er einmal als Dieb ins Gefängnis käme. Auch Schuldenmachen kann ein feiner Diebstahl sein.

Geiz - Geldliebe - ist eine Wurzel alles Übels. Über diese Wurzel gilt es wachsam sein. Eine kleine Untreue in anvertrautem Geld, ein kleines Vertuschen der Wahrheit Eltern und Vorgesetzten gegenüber, ein geheimes Übervorteilen des Nächsten befleckt das Gewissen und stört die Gemeinschaft mit Gott. Ich kann meinen Freunden nicht genug raten: Nehmt es auf Heller und Pfennig genau mit dem Gewissen. Hütet euch vor Schuldenmachen. Viel erfreulicher ist es, auf einen erwünschten Gegenstand hin im voraus zu sparen, um ihn dann zur rechten Stunde fröhlich anzuschaffen.

Vor allem vergesst es nicht, dass ihr selbst Ihm gehört, der euch erkauft hat. Sein Eigentum ihm vorenthalten ist Sünde. Gebt ihm, was sein ist: euch selbst!

Lehre mich, Herr, treu sein in meinem ganzen Hause, ganz ehrlich und wahr in allen Dingen.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Hier ist es dem heiligen Gott um die Sicherheit unseres Eigentums und des zeitlichen Vermögens unseres Nächsten zu tun. Er befiehlt, daß wir unserm Nächsten sein Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten. Es ist demnach in diesem Gebot nicht nur der grobe Diebstahl, Straßenraub, gewaltsames Einbrechen in die Häuser, falsches Geldmünzen und dgl. ernstlich verboten, sondern es wird auch der geheimere Diebstahl mit falscher oder schlechter Ware, falschem Gewicht, Wucher und Übersatz, mit Spielen, mit Unterschlagung anvertrauten Guts, überhaupt mit Untreue und Übervorteilung, ja auch mit Unterlassung der Werke der Liebe und Barmherzigkeit durchaus zur Sünde gemacht. Dies Gebot hat aber noch das Besondere an sich, daß es die Wiedererstattung des gestohlenen oder in unrechtmäßigerweise an sich gebrachten Guts unnachlässig fordert, wie die vielen Zeugnisse der heiligen Schrift, z.B. 2. Mose 22,1-4; Hes 33,14-16; Ri 6,10, und das Exempel des bußfertigen Zachäus genugsam beweisen. Wie nun? Hast du deinem Nächsten nie etwas, es sei Geld oder Geldeswert, viel oder wenig entwendet? Bist du rein von der Schuld, durch List und Betrug, unbilligen Handel, Verfäl- schung der Ware dich bereichert, die Obrigkeit und das gemeine Wesen durch lügenhafte Angabe deines Vermögens verletzt zu haben? Bist du in deinem Amt mit anvertrauten Gütern durchweg redlich umgegangen? Hast du nie unerlaubte Geschenke genommen? Überhaupt nie des Nächsten Gut an dich zu ziehen getrachtet? Hast du das gefundene Gut dem Eigentümer alsbald redlich wiedererstattet? Hast du endlich die Wurzel all der angeführten Sünden, nämlich den Geiz, Eigennutz, Geldliebe, die Begierde, reich zu werden, Bauchsorge, Mißtrauen gegen Gott bei Abgang deiner Nahrung und Verringerung deines Vermögens für schwere Sünden erkannt, dadurch der Mensch in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, ja ins Verderben und Verdammnis versenkt wird? Ach wenn du dich in einem oder in mehreren dieser Punkte schuldig findest, schuldig vor dem Gott, der verboten hat, daß niemand zu weit greife noch übervorteile seinen Bruder im Handel, denn er sei Rächer über das alles, dann demütige dich doch vor ihm, erkenne dein Unrecht, bitte ihn um Jesu Christi willen um Gnade und schäme dich nicht, wen du unter Menschen beleidigt oder beschädigt haben solltest, um Verzeihung zu bitten. Und lasset uns alle von Herzen flehen und beten:

Glauben und ein gut Gewissen muß o Herr mein Reichtum sein! Ich begehre keinen Bissen, wenn er nicht von Sünden rein! Mache mich mit dem vergnüget, was dein weiser Ratschluß füget, und laß mich bei deinen Gaben ein zufrieden Herz stets haben.


Autor: Wilhelm Busch (* 27.03.1897; † 20.06.1966) deutscher evangelischer Pfarrer, Prediger und Schriftsteller
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Von einem schwäbischen Dorfschullehrer aus dem vorigen Jahrhundert erzählt man eine hübsche kleine Geschichte:

Der wenig begüterte Lehrer pflügte eines Tages mit seinem Sohn ein Äckerlein. Da macht der Sohn den Vater darauf aufmerksam, dass eine Furchenbreite auf dem Nachbaracker noch ungepflügt sei. Der Nachbar hatte sie offenbar absichtlich liegen lassen, damit der Lehrer sie zu seinem Acker schlage. Und der Sohn ist auch wohl der Ansicht, man solle sich stillschweigend dieser Furche bemächtigen. Aber der Vater sagt nur ernst: „… dass von unrechtem Gut nichts untermenget sei!" Von solchem unrechten, nicht ganz redlichen Gut redet Gottes Gebot. Es meint große Diebstähle ebenso wie alle die Dinge, die nie zur Sprache kommen. Dies Gebot ist wie ein greller Scheinwerfer, der auf einmal auf alles verschwiegene, unlautere Gut fällt.

Wer nicht ehrlich ist, kennt Gott nicht. Denn er traut Gott nicht zu, dass Er, der die Vögel nährt und die Lilien kleidet, auch uns durchbringen könne. Statt sich dem Herrn anzuvertrauen, sucht man unlautere Wege, auf denen man ganz und gar Gottes Feind wird.

„Du sollst nicht stehlen!" Das falsche Nehmen sollen wir aus Furcht vor Gott und aus Liebe zu Gott lassen und dafür das rechte Geben lernen: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf dass er habe, zu geben dem Dürftigen" (Epheser 4, 28).