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Predigten zu Johannes 12,42

"Dennoch aber glaubten auch von den Obersten viele an ihn; doch wegen der Pharisäer bekannten sie ihn nicht, auf daß sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen würden;"

Autor: Adolf Schlatter (* 16.08.1852; † 19.05.1938) schweizer evangelischer Theologe und Professor fürs Neues Testament
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Je höher wir stehen, desto enger ist unsere Berührung mit dem Evangelium. Wenn eine große Verantwortlichkeit auf uns liegt, die das Schicksal vieler von unserem Verhalten abhängig macht, so wissen wir, was wir dem zu verdanken haben, der uns als sicherer Führer dient. Wächst die Pflicht, so wächst auch unsere Schuld und damit unsere Bedürftigkeit, die uns für die vergebende und helfende Gnade empfänglich macht. Mit der hoch gehobenen Stellung wird unser Sehfeld und der Einblick in das, was der Mensch ist und bedarf, deutlich. Mit der Klarheit des Blicks ist uns aber zugleich die Befähigung zum Glauben gegeben. Dies haben viele von denen gespürt, die Jerusalem damals regierten, als die Stadt über ihr Verhältnis zu Jesus und damit über ihr Schicksal die Entscheidung traf. Diese Vielen wussten, dass Jerusalems Heil oder Unheil an der Weise hing, wie sich Jerusalem zu Gott stellte, und das war das große Thema, über das Jesus mit ihnen sprach. Die Lage gab den Regierenden Grund zu bangen Sorgen, weil die Seele des Volks, umworben von verschiedenen Stimmen und nach entgegengesetzten Seiten gezerrt, in stürmischer Erregung war. Mit jedem Wort, das Jesus sprach, berührte er das Tiefste von dem, was die Regierenden bewegte, und brachte Licht in das, was sie quälte. Daher gab ihnen ihre Lage in besonderem Maß den Anlass zum Glauben. So wird auch heute jeder, der in hoher Stellung steht, durch einen besonders kräftigen Zug zu Jesus gezogen. Wenn er diesem Zug gehorcht, dient seine Macht ihm selbst und den anderen zum Heil; widersetzt er sich dagegen diesem Zug, so entsteht aus seiner Macht sein Fall und für die, die er führt, wird sie zur Not. An der hohen Stellung entsteht aber nicht nur die stark Berufung zum Glauben, sondern auch ein besonders schweres Hemmnis, das ihn unmöglich macht. Für niemand ist die Ehre unentbehrlicher als für die Regierenden. Ehrlos können sie nicht regieren. Trifft sie der Bann, der sie von der Gemeinde trennt, so sind sie in Ohnmacht versetzt. Die Menschen ehren sie aber nicht dafür, dass sie Jesus folgen und Gott untertan sind. Sie verlangen von ihren Regierenden die menschliche Größe, die Ehrung und Verherrlichung des eigenen Volks, die Darstellung dessen, was der Mensch zu leisten vermag. Weil mit der großen Macht die Gefahr groß wird, dass wir uns selbst bewundern und an uns selber glauben, darum macht der Besitz der Macht uns den Glauben an Jesus schwer. Als sich der Jüngling, der gehofft hatte, Jesus werde ihn ins ewige Leben führen, von Jesus trennte, nannte es Jesus unmöglich, dass ein Reicher ins Reich Gottes trete. Mit großer Macht verhält es sich nicht anders als mit großem Besitz. Als aber die Jünger erschraken, weil sie nur an das Vermögen des Menschen dachten, sagte er: Was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott.

Aus Deinen guten Gaben, großer Gott, bereiten wir uns den Fall, weil wir das, was Du uns gibst, unserer Eigensucht übergeben und unsere Begehrlichkeit damit sättigen, und doch ruft mich jede Deiner Gaben, auch die, die Du mir durch die Natur verleihst, zu Dir. Ist es mir unmöglich, Dir ist es möglich, mir Deine Gnade so zu zeigen, dass sie mich durch Deine Gaben zu Dir führt. Amen.