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Predigten zu Johannes 14,5

"Thomas spricht zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst, und wie können wir den Weg wissen?"

Autor: Adolf Schlatter (* 16.08.1852; † 19.05.1938) schweizer evangelischer Theologe und Professor fürs Neues Testament
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Solange nur die Natur zu uns spricht, gibt es für uns kein Ziel, und wenn es kein Ziel gibt, so gibt es auch keinen Weg. Wir brauchen einen Weg erst dann, wenn es ein Ziel gibt, zu dem wir wandern. Thomas aber kannte das Ziel. Wie könnte er Jünger sein, ohne dass ihm das Ziel mit seinem leuchtenden und lockenden Glanz erschienen wäre? Zum Vater kommen, das ist das Ziel. Jetzt wird aber die Frage dringend: was ist der Weg? Ein Ziel vor Augen haben, ohne einen Weg zu sehen, das ist nicht Hilfe, sondern vertiefte Not. Jesus sagt zu Thomas: wie blind bist du! Du siehst den Weg nicht? Ich bin der Weg. Der ist mein Weg, der mich zum Vater bringt. Das tue ich dir, sagt Jesus, und darum bin ich dein Weg. Wie gehe ich den Weg? Wann bin ich auf jener seligen Wanderung, die der entlaufene Sohn antrat, als er sich entschloss, zum Vater zu gehen? Ich bind er Weg, sagt Jesus; weil du mit mir in Verbindung bist, wanderst du auf dem Weg. Weichst du von mir, so verlässt du den Weg; bleibst du bei mir, so bist du auf dem Weg. Was von Jesus zu uns kommt, bewegt uns. Sein Wort erstarrt nicht in uns, als wäre es eine ruhende, unbewegliche Habe. Es zieht, treibt, drängt mich. Ist Jesu Wort das, was mich bewegt, dann schreite ich auf dem Weg voran, auf dem Weg zu Gott. Sein Wort beschäftigt mich nicht einzig mit Gottes Werk, das ich beschauen und verstehen darf. Sein Wort ist Gebot und beruft mich zur Tat und Tat ist Bewegung, die nach dem Ziel strebt. Wann ist mein Handeln wirklich eine voranschreitende Bewegung, die auf dem Weg bleibt und daher auch zum Ziel führt und mich zum Vater bringt? Ich bin der Weg, sagt Jesus; bewahre mein Gebot; tue, was ich dich tun heiße; folge mir nach. Du läufst umsonst und mühst dich mit deinem Werk vergeblich ab, wenn es deinen Willen erfüllen soll. Du baust dir nicht selbst die Straße, die dich zum Vater bringt. Du kommst durch mich zu Ihm.

Die Wege des Menschen, Herr, heiliger Gott, führen nicht zum Ziel. Bewahre mich davor, dass ich Zeit und Kraft auf eigenem Weg verzehre. Ich wende mich zu Deiner Gnade, die mir verspricht, Du wollest mich führen, weg vom Schein hinein in die Wahrheit, weg vom Tod hinein in das Leben und mich ans Ziel bringen. Von Dir kommt unser Leben, zu Dir strebt es. Du bist das Ziel. Amen.


Autor: Hermann Bezzel (*18.05.1861; † 08.06.1917) deutscher lutherischer Theologe
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Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie können wir den Weg wissen?

Wir wollen mit Thomas nicht rechten; denn es steckt auch in uns die Art dieses armen Mannes; Augustin sagt: „Er hat vor uns und für uns gezweifelt.“ Und doch tritt so oft ans Herz die Angst und die bange Frage: „Wenn nun alles doch nicht so wäre?“ Es ist etwas Furchtbares, dass gerade in den schwersten Stunden der Versucher hinter uns steht, gerade in der Stunde, wo der Glaube wie ein Held in aller Waffenrüstung einhergehen sollte, liegt er mit gebrochener Wehr zu Boden. Aber es ist gut so; denn es zwingt uns, dem Herrn unsere Schwachheit zu bekennen, wobei ich den Rat gebe, laut zu bekennen, laut zu sagen, sich ins Kämmerlein einzuschließen und laut mit ihm zu reden, dass man es selber hört und darüber erschrickt, zu ihm zu sagen: „Wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie sollten wir den Weg kennen?“


Autor: Hermann Bezzel (*18.05.1861; † 08.06.1917) deutscher lutherischer Theologe
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Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie können wir den Weg wissen?

Das ist dieselbe Klage, die Maria angestimmt hat: „Sie haben meinen Herrn weggetragen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“, dieselbe Klage, die heute wieder so vieler Herzen durchzieht, und de r Jammer, der aus den Gemeinden an unser Herz dringt, gehört zum schwersten, was ich erlebe. Uns selber wird es dann so müde in der Seele: Sollte Gott nicht mehr ganz zu seinem Wort und Christus nicht mehr ganz zu meiner Seele stehen? Aber der, der den Thomas freundlich erhört hat, dass er beim Anblick der Wirklichkeit in die Worte ausbrechen konnte: „Mein Herr und mein Gott!“, der alte Erbarmer lebt noch. Er hat die Gemeinde in diesen Tagen wieder ihre Finger in seine Nägelmale, in die Wirklichkeit und Leibhaftigkeit seiner todesüberwindenden Auferstehung legen lassen, und die Gemeinde spricht anbetend: „Mein Herr und mein Gott!“


Autor: Hermann Bezzel (*18.05.1861; † 08.06.1917) deutscher lutherischer Theologe
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Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie können wir den Weg wissen?

Es ist nicht an dem, dass dieser Glaube an den Auferstandenen veraltet wäre oder dass dieser veraltete Glaube nicht mehr verjüngen könnte. Für ein abgetragenes Kleid setzt nicht ein Mann Mut und Ehre, Kraft und Leben ein, wohl aber für die Größe seines Herrn und Meisters. Ich wüsste nicht, wie ein Knecht anders reden dürfte mit seinem Herrn und Meister. Darum in Zweifeln lasst uns ganz kindlich zu ihm sagen: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie können wir den Weg wissen?“ Für solche Zweifel hat der Herr seelsorgerliches Erbarmen, und wer zu ihm kommt und spricht: „Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!“, den tröstet er mütterlich. Es soll sich niemand an einem fertigen Glaubensbekenntnis genügen lassen, aber jedermann soll mit Thomas sprechen: „Lehre mich den Weg, darauf ich gehen soll!“