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Predigten zu Psalm 139,13

"Denn du besaßest meine Nieren; du wobest mich in meiner Mutter Leibe."

Autor: Charles Haddon Spurgeon (* 19.06.1834; † 31.01.1892) englischer Baptistenpastor
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Wer kann ein anatomisches Modell des menschlichen Körpers ohne Staunen und Ehrfurcht betrachten? Wer könnte einen Teil des menschlichen Körpers sezieren, ohne dessen Feinbau zu bewundern und ohne Angst wegen seiner Zerbrechlichkeit zu empfinden? Der Psalmist hatte wohl kaum hinter den Vorhang geschaut, der Nerven, Sehnen und Blutgefäße gewöhnlich vor unseren Blicken verbirgt, war ihm doch die Wissenschaft der Anatomie gänzlich unbekannt. Trotzdem hatte er so viel gesehen, dass seine Bewunderung über das Werk und seine Ehrfurcht vor dem Werkmeister geweckt wurden. Diese Einzelteile meines Körpers sind alle Dein Werk; und obwohl sie alle zu mir gehören und ich sie direkt betrachten kann, sind sie im höchsten Grad bewundernswert. Sie sind Werke, aus denen ich bestehe, und doch kann ich sie nicht begreifen; aber sie gleichen so vielen Wundern göttlicher Kunst und Macht. Um staunen zu können, brauchen wir nicht ans Ende der Welt zu reisen, nicht einmal über die Haustürschwelle zu treten; es gibt mehr als genug in unserem eigenen Körper. Als das Gefäß noch auf der Töpferscheibe war, erkannte es der Töpfer schon. Der Herr kennt nicht nur unsere Gestalt, sondern weiß auch, woraus wir bestehen; das ist wahrlich eine gründliche Kenntnis. Gott sah uns schon, als wir noch nicht zu sehen waren, und Er schrieb über uns, als es noch nichts zu schreiben gab. Als noch keines unserer Glieder bestand, standen sie alle schon vor Gottes Blicken und waren in das Skizzenbuch Seiner Vorsehung und Prädestination eingetragen.

Wenn wir daran denken, dass Gott an uns von aller Ewigkeit her gedacht hat, ohne Unterbrechung unser gedenkt und an uns denken wird, bis es keine Zeit mehr geben wird, können wir wahrlich ausrufen: »Wie gewaltig sind [die] Summen« Deiner Gedanken über mich! Diese Gedanken sind ganz natürlich für den Schöpfer, den Erhalter, den Erlöser, den Vater, den Freund und fließen ohne Aufhören aus dem Herzen des Herrn. Es sind Gedanken des Verzeihens, der Erneuerung, des Aufrechterhaltens, der Unterstützung, der Erziehung, der Vollendung, zusammen mit tausend anderen Gedanken, die dauernd im Geist des Höchsten sind. Es sollte uns mit bewundernder Anbetung und staunender Ehrfurcht erfüllen, dass der unendliche Geist Gottes so viele Gedanken auf uns Unbedeutende und so sehr Unwürdige verwendet! Die Gedanken Gottes sind ganz und gar unzählig; denn sie übertreffen noch die unermessliche Zahl der Sandkörner an allen Stränden der großen Ozeane und all ihrer Randmeere. Mit der Aufgabe, die Liebesgedanken Gottes zu zählen, wäre man nie zu Ende. Selbst wenn wir die Sandkörner an den Küsten zählen könnten, wären wir nicht in der Lage, die Gedanken Gottes zu zählen; denn sie sind »zahlreicher als der Sand«. Das ist keine dichterische Hyperbel, keine Form der Übertreibung, sondern solide Tatsache einer inspirierten Aussage. Gott denkt ohne Ende über uns nach; das Schöpfungswerk hat ein Ende, nicht aber die Macht der göttlichen Liebe.


Autor: Martin Luther (* 10.11.1483; † 18.02.1546) theologischer Urheber der Reformation
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Bevor es mich gab

Das bedeutet: Du wachtest über mir, als ich noch im Leib meiner Mutter war. Ehe ich lebte und mich bewegen oder irgendetwas anderes tun konnte, nahmst Du Dich Deines Geschöpfs gnädig an und sorgtest freundlich für mich und erhieltest mich auf wunderbare Weise. Und wie viel mehr tust Du das an mir, Du treuer Menschenhüter, seitdem ich nun als Mensch in die Welt hineingeboren bin und hier lebe, gehe, stehe, schaffe und durch Dein Wort Dich kenne. Oft scheint es ganz anders zu sein, und der alte Adam, der mir bis zum Grab am Halse hängt, fühlt häufig das Gegenteil. Es mag aber scheinen und sich anfühlen, wie es will – ich kehre mich nicht daran und lasse mich auch nicht beirren, sondern ich halte mich an Dein Wort, welches sagt, dass Du von Mutterleibe an mein Herr bist. Dies Wort trügt und versagt niemals.

Darauf verlasse ich mich, und dadurch erwecke und stärke ich meinen Glauben, welcher nicht auf das Sichtbare sieht, was gegenwärtig ist, sondern auf das Unsichtbare in Hoffnung und Geduld wartet. Gelobt seist Du, mein Herr und mein Gott, in Ewigkeit!


Autor: Adolf Schlatter (* 16.08.1852; † 19.05.1938) schweizer evangelischer Theologe und Professor fürs Neues Testament
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Wir bringen viel aus dem Mutterschoß mit. Was wir hernach in eigener Kraft erwerben, ist wenig neben dem, was uns mitgegeben wird, und jeder eigene Erwerb wird uns nur durch das möglich, was von Anfang an uns verliehen war. Verletzt das meinen Stolz? Das wäre ein Zeichen, wie gottlos ich mich selbst in die Höhe strecke und in mir den suche, den ich verehren möchte. Nur so kommt es zu dem wahnsinnigen Gedanken, dass nur das ein wertvolles und richtiges Eigentum sei, was ich mir selber erworben habe. Um zu erwerben, brauche ich ein Kapital. Das gilt nicht nur vom Ertrag der natürlichen Arbeit, sondern auch vom inwendigen Bilden und Erwerben. Wo nichts ist, wird nichts, und wer hat, erwirbt. Das ist Gottes Ordnung, die uns sichtbar macht, dass wir von dem leben, was Gott uns gab. Für das erleuchtete Auge des Psalmisten haftet am Zusammenhang seines Lebens mit dem, was vor seinem Bewusstsein und vor seiner Entschließung lag, nichts Schreckliches. Denn Gottes Wirken vollzog sich durch das, was seine Eltern ihm mitgaben. Hat er recht? Bringen wir nicht aus dem Mutterschoß die schweren Lasten mit heraus, die uns zeitlebens quälen? Wie bitter kann uns Ererbtes demütigen, das wir nicht von uns wegbringen, eben weil es ererbt und schon im Mutterschoß entstanden ist! Nie ist das uns gegebene Erbe nur Kraft; immer ist auch Schwächung dabei. Dennoch erschrickt der Psalmist vor dem Erbgang nicht; denn du, sagt er, warst dabei. Ich bekam meine Gestaltung nicht ohne dich. Ist dies ein Trost oder wird etwa die ererbte Last dadurch erst recht schwer? Habe ich nun nicht das Recht, nicht bloß die Natur zu schelten, sondern auch Gott, der den natürlichen Vorgang in seinen Händen hält? Gott schelten! Wollte ich das, so wäre es Wahnsinn und Gottlosigkeit. Der Töpfer macht das Gefäß nach seinem eigenen Willen, und dies ist ein starker, voll tröstender Trost, dass ich auch vom Erbgang mit allen seinen Folgen weiß, dass er nach Gottes Willen vor sich geht. Jede Last wird leicht, wenn ich sie aus Gottes Hand empfange.

Was Du gibst, Herr Gott, das nehme ich. Ist es Kraft, so dient sie mir. Ist es Schwachheit, so preist sie Dich, weil Du durch Deine Kraft auch Dein schwaches Kind bewahrst. Ich kann an mir nicht teilen, was ich ererbt und was ich erworben habe; denn die Wurzeln meines Lebens sind in einer Tiefe verborgen, die Du allein kennst. Was ich wissen muss, ist das Eine: Du kennst mich. Das ist mein Trost. Amen.