Buch-Rezension: Eine Frage der Liebe - Wird Gott im Calvinismus falsch dargestellt?

Eine Frage der Liebe

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Das erste Wort, mit dem wir normalerweise den Calvinismus assoziieren, ist die Prädestination, die Vorherbestimmung des Heils. Doch was steckt genau hinter dem Gedankengebäude, das sich Calvinismus nennt? Und ist der Calvinismus gleichzusetzen mit der Reformation? Muss man sich als wiedergeborener Christ tatsächlich zwischen den Arminianismus (der lehrt, dass der Gläubige das Heil wieder verlieren kann) und dem Calvinismus (der angeblich die Lehre der Heilsgewissheit vertritt) entscheiden? Wozu sich überhaupt als „normaler“ Gläubiger mit dem Calvinismus beschäftigen?

Auf all diese brennenden Fragen gibt der Journalist und Autor Dave Hunt klare und biblische Antworten in seinem bereits 2006 in Amerika erschienenen und nun dank Angelika Castellaw auch auf Deutsch zugänglichem Buch. Dabei versucht Hunt in 31 Kapiteln nicht nur das Leben Calvins zu beleuchten, sondern er widmet sich jedem der 5 Punkte des Calvinismus mit der Präzision eines Mathematikers. Der Leser wird außer Originalzitaten von Calvin oder Augustinus, der der theologische Wegbereiter des Calvinismus war, auch etliche Zitate von modernen Calvinisten und ganz besonders viele biblische Bezüge vorfinden, seien es Verse oder ganze Passagen aus der Heiligen Schrift.

Im ersten Kapitel macht uns Dave Hunt klar, warum er dieses 579 Seiten starke Buch geschrieben hat. Einerseits waren es persönliche Begebenheiten, die ihn dazu veranlasst haben, andererseits war es auch die große Unkenntnis über den Calvinismus, denn „ein paar einfache Fragen genügen, um zu entdecken, dass die meisten Christen zum großen Teil nicht wissen, was Johannes Calvin und seine frühen Anhänger im 16. und 17. Jahrhundert tatsächlich glaubten und praktizierten“. (S. 13)

Was ist es nun, das wir über Calvin wissen sollten, damit wir seine Lehren besser verstehen? Darüber klärt uns Hunt im vierten Kapitel auf, das er „Die überraschende Verbindung zum Katholizismus“ nennt. Darin dokumentiert er eindringlich, dass die meisten der calvinistischen Lehren nicht aus der Bibel stammen, sondern von Augustinus, der geistiger Wegbereiter einiger wichtiger Lehren des Katholizismus war. Sogar einer der führenden modernen Calvinisten, John Piper, erkennt an, dass Augustinus der Haupteinfluss auf Calvin und Luther war. Von Augustinus hatte Calvin z. B. die Lehre von den Prinzipien von Bestrafung, Nötigung und Tod übernommen, die er in Genf selbst befürwortete und ausübte.

Bekannt geworden ist die Verbrennung des Ketzers Michael Servetus, den Calvin verhaften ließ und für dessen Todesstrafe er sich aussprach, wobei er dies noch theologisch mit folgenden Worten rechtfertigte:

„Wer behauptet, dass den Ketzern und Gotteslästerern Unrecht getan wird, indem man sie [mit dem Tod] bestraft, macht sich zum Komplizen ihres Verbrechens… Es ist Gott, der spricht, und es ist klar, welches Gesetz er in der Kirche gehalten haben möchte, sogar bis ans Ende der Welt… so dass wir weder Familie noch Blut verschonen und alle Menschlichkeit vergessen, wenn es darum geht, für seine Herrlichkeit zu kämpfen.“ (S. 83).

Durch dieses totalitäre Regime, das Calvin in Genf zu verwirklichen suchte, weshalb er auch der „protestantische Papst“ genannt wird, entkräftete Calvin laut Hunt seine eigenen Theorien über bedingungslose Erwählung und unwiderstehliche Gnade (siehe unten). Anscheinend bewies er durch diese Einschüchterung nur den ersten der fünf Punkte des Calvinismus, die völlige Verderbtheit des Menschen. Hier könnte man noch ergänzen, dass Calvin das Gottesbild eines souveränen Gewaltherrschers einfach logischerweise auf den Menschen als sein Ebenbild übertrug und daraus resultiert dann seine Handlungsweise.

Nachdem Hunt das Leben bzw. Verhalten Calvins auf Herz und Nieren überprüft hat, kommt er zu dem Schluss: Wenn viele Handlungen Calvins extrem unbiblisch waren und im Einklang mit seiner Theologie standen, müsste diese Tatsache Grund genug sein, den Calvinismus im Licht der Bibel zu prüfen. Genau dies tut er in den nächsten Kapiteln, wenn er die sogenannten fünf Punkte des Calvinismus zunächst aufzählt, um sie dann theologisch zu widerlegen:

Völlige Verderbtheit: „Weil der Mensch ‚durch Übertretungen und Sünden‘ (Epheser 2,1; Kolosser 2,13) für Gott geistlich tot ist, ist er unfähig, auf das Evangelium zu reagieren, obwohl er in der Lage ist, andere moralische Entscheidungen zu treffen.“
Hunts wichtigster Einwand: „Wenn die Lehre der völligen Verderbtheit, wie sie im Fünf-Punkte-System definiert ist, wahr wäre, dann hätten wir von 1. Mose bis zur Offenbarung den Widerspruch, dass Gott Jahr für Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert einen schier endlosen Aufmarsch von Milliarden von Menschen zur Umkehr ruft, die (da völlig verderbt) unfähig wären umzukehren und die er schon vor aller Ewigkeit für die ewige Qual bestimmt hat.“ (S. 132)

Bedingungslose Erwählung: „Gott entscheidet auf keiner Grundlage außer dem Geheimnis seines Willens, manche zu retten, die als Auserwählte bezeichnet werden, und alle anderen in die Hölle kommen zu lassen, obwohl er die ganze Menschheit retten könnte, falls er wollte.“
Hunts wichtigster Einwand: „Seine [die des Calvinismus] verdrehte Souveränität verlangt, dass die Entscheidung, ob jemand in den Himmel oder in die Hölle kommt, einzig und allein von Gottes Willen und Ratschluss abhängt. Dass ein Mensch Christus annimmt oder ablehnt, geschieht nicht durch seine freie Entscheidung, sondern wird ihm unwiderstehlich von Gott auferlegt. Als Folge davon fühlt sich der Atheist gerechtfertigt, einen Gott abzulehnen, der entgegen grundlegender menschlicher Barmherzigkeit Massen zur ewigen Qual prädestiniert, die er genausogut zur ewigen Freude in seiner Gegenwart hätte prädestinieren können.“ (S. 258)

Begrenzte Versöhnung: „Die Auserwählten sind die einzigen, für die Christus starb und für deren Sünden er mit seinem Tod die Strafe bezahlte. Sein Tod ist nur für sie und niemanden sonst wirksam, und war auch für niemanden sonst beabsichtigt.“
Hunts wichtigster Einwand: „Diese Verse [1.Tim 4,10; Hebr 2,9; 2. Petrus 3,9; 1. Johannes 1,9 bis 2,2; 1. Johannes 4,14] und viele andere ähnliche Verse drücken in unmissverständlicher Sprache aus, dass Christus gesandt wurde, um ‚der Heiland der Welt‘ zu sein, dass sein Tod ‚für alle zur Erlösung‘ war und dass er deshalb ‚der Heiland aller Menschen‘ ist, die nur glauben. (S. 312)

Unwiderstehliche Gnade: „Gott ist in der Lage, wen er will zu veranlassen, auf das Evangelium zu reagieren; niemand kann das ohne diese Befähigung tun; und er gewährt diese unwiderstehliche Gnade nur den Auserwählten, den Rest verdammt er.“
Hunts wichtigster Einwand: „Der Ausdruck ‚unwiderstehliche Gnade‘ stellt einen weiteren unvereinbaren Widerspruch dar. Bei Gnade gibt es zwei mögliche Bedeutungen für das Wort ‚unwiderstehlich‘: unwiderstehlich in seinem Appell an die Menschen oder unwiderstehlich in seiner Auferlegung ausschließlich für die Auserwählten. Die erste Möglichkeit wird natürlich vom Calvinismus entschieden abgestritten. Dieses System basiert auf dem Glauben, dass Gnade und das Evangelium keinerlei Wirkung auf die völlig verderbten, geistlich toten Söhne und Töchter Adams haben. Auch hat die Gnade keine Wirkung auf die Auserwählten, bis sie souverän wiedergeboren worden sind. Es bleibt nur eine Möglichkeit: Dass Gnade einem Auserwählten unwiderstehlich auferlegt wird – und das ist die Lehre des Calvinismus. Aber jemandem irgendetwas aufzuerlegen ist das genaue Gegenteil von Gnade.“ (S. 384f.)

Beharrlichkeit der Heiligen: „Gott wird nicht zulassen, dass auch nur einer der Auserwählten nicht beharrlich ein Leben in Übereinstimmung mit der Errettung, die Gott ihm souverän gegeben hat, lebt.“
Hunts wichtigster Einwand: „Biblische Heilsgewissheit hängt nicht von den eigenen Leistungen ab, sondern von der Wahrheit des Evangeliums, dass Christus für die Sünden der Welt starb, und von seiner Verheißung, dass alle, die an ihn glauben, die kostenlose und bedingungslose Gabe des ewigen Lebens erhalten. Im Gegensatz dazu besteht die calvinistische Gewissheit darin, dass Gott den Menschen als einen der Auserwählten zum ewigen Leben prädestiniert hat. […] Diese Ansicht beinhaltet ernsthafte Probleme […] Wie weiß der Calvinist, dass er einer der prädestinierten Auserwählten ist? Seine Leistung spielt eine große Rolle bei seiner Gewissheit, ob er zu dieser ausgewählten Gruppe gehört oder nicht.“ (S. 499)

Hunt geht in seinen Betrachtungen auch auf die Frage der Erwählung ein, die eine Schlüssellehre des Calvinismus ist und die ein führender zeitgenössischer Calvinist wie folgt definiert:

„Vorherbestimmung ist Gottes souveräner Plan, durch den er alles entscheidet, was im gesamten Universum passieren wird. Nichts in dieser Welt geschieht durch Zufall. Gott steht hinter allen Dingen. Er entscheidet und veranlasst alle Dinge, die passieren… Er hat alles vorherbestimmt ‚nach dem Rat seines Willens‘ (Epheser 1,11): die Bewegung eines Fingers, das Schlagen eines Herzens, das Lachen eines Mädchens, den Fehler einer Schreibkraft – sogar Sünde.“ (S. 283)

Hunt deckt diese unbiblische Denkweise durch Bibelstellen auf, denn nicht einmal wird das Wort „Erwählung“ in der Bibel benutzt, „um eine spezielle Klasse von Personen zu bezeichnen, die Gott für die Errettung bestimmt hat und die er ausschließlich liebt“ (S. 292). Außerdem zeigt er ganz klar, dass ein Unterschied besteht zwischen „Vorauswissen“ und „Vorausbestimmung“: Gott kann nämlich etwas vorauswissen, ohne es vorausbestimmt zu haben.

Im 30. und 31. Kapitel bricht Hunt seine theologische Diskussion auf eine Erfahrungsebene herunter, indem er anhand eines fiktiven Glaubensberichts eines gläubigen Ehepaares, das in den Strudel des Calvinismus gerät, berichtet, wie es den beiden gelingt, mit Hilfe des Wortes Gottes den Calvinismus zu überwinden und wieder Freude und Befreiung im Glauben zu erlangen, denn die Lehre des Calvinismus ist „sehr schockierend und muss vollkommen verabscheut werden, denn sie beschuldigt den allerheiligsten Gott, der Urheber der Sünde zu sein“, wie schon Susanna Wesley den Calvinismus treffend charakterisierte (S. 283).

Nach all diesen Kapiteln, in denen Hunt akribisch den Calvinismus und alle möglichen Bibelstellen, die für einen Calvinismus sprechen könnten, durchleuchtet, kommt er am Ende seines Buches unweigerlich zu dem Schluss, dass der Calvinismus Gottes Liebe falsch darstellt und er deshalb keine biblische Lehre ist. Hunt begründet dies mit folgenden Worten:

„Gottes Wort bezeichnet das Evangelium ‚eine große Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben‘ (Römer 1,16), als ‚große Freude‘, nicht nur für bestimmte Auserwählte, sondern ‚allem Volk‘ (Lukas 2,10). Leider ist die Behauptung, dass nur eine bestimmte Gruppe zur Errettung erwählt worden ist, nicht ‚große Freude, die allem Volk widerfahren wird!‘ Wie kann solche eine Lehre biblisch sein?“

Das wird sich der Leser, der sich durch dieses unverzichtbare Nachschlagewerk des Calvinismus durchgeschlagen hat, auch fragen. Nichtsdestotrotz wird er Hunt dankbar sein, dass er für ihn den Calvinismus auf Herzen und Nieren geprüft hat und dass er wissen kann, dass die einzige Autorität das ewig gültige Wort Gottes ist und deshalb über jedem Ismus, egal aus welchen Reihen er kommt – vor allem aber aus den eigenen – Gott einmal das Urteil „nicht gut“ fällen und es im Gericht verbrennen wird.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Tim Oliver Wüster
 Kategorie: Sonstiges

  Verlag: Bible Baptist Ministries
  Jahr: 2011
  ISBN: 978-3-941398-09-2
  Seiten: 579
 €    Preis: 24,95 Euro

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