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Predigten zu Offenbarung 2,4

"Aber ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast."

Autor: Charles Haddon Spurgeon (* 19.06.1834; † 31.01.1892) englischer Baptistenpastor
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"Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest."

Ewig unvergesslich ist jene herrlichste und heiligste Stunde, in welcher wir den Herrn zum ersten Mal sahen, unsre Last los wurden, das Wort der Verheißung empfingen, unsrer völligen Vergebung gewiss wurden und hingingen mit Frieden. O, das war der herrliche Frühling unsrer Seele; der Winter war vergangen; das Grollen des Donners am Sinai war verhallt; das Blenden seiner Blitze ward nicht mehr wahrgenommen; Gott erzeigt sich als versöhnt; das Gesetz bedrohte uns nicht mehr mit seinem Zorn, die Gerechtigkeit verlangte keine Strafe mehr. Damals erblühten die Blumen in unserm Herzen; Hoffnung, Liebe, Friede und Geduld entsprangen dem Gefilde, die Hyazinthe der Reue, das Schneeglöckchen der reinen Heiligkeit, der Safran des goldenen Glaubens, die Narzisse der ersten Liebe: sie alle bedeckten den Garten unsrer Seele. Die Zeit des Vogelgesanges war gekommen, und wir freuten uns mit Dankespsalmen; unser Entschluss hiess: "Herr, ich bin Dein, ganz Dein; alles, was ich bin, und alles, was ich habe, möchte ich gern Dir weihen. Du hast mich erkauft mit Deinem Blut, so will ich mich denn Deinem Dienst hingeben und weihen. Im Leben, wie im Tode will ich Dir geheiliget sein." Wie haben wir diesen Vorsatz gehalten? Unsre bräutliche Liebe brannte mit heiliger Flamme völliger Hingebung zu Jesu empor - ist es noch so? Könnte der Herr Jesus nicht zu uns sprechen: "Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest?" Ach, wie wenig ist doch das, was wir für unsers Herrn und Meisters Ehre getan haben. Unser Winter hat zu lange gewährt. Wir sind so kalt wie Eis, wo wir von sommerlicher Wärme strahlen und mit heiligen Blumen geschmückt sein sollten. Wir schenken Gott Kupferpfennige, wo Er Goldmünzen verdient; nein, wo Er vielmehr verdient, dass wir Ihm unser Herzblut im Dienst seiner Gemeinde und seiner Wahrheit hingeben sollten. Aber sollen wir also fortfahren? O Herr, sollen wir undankbar sein und gegen Dein heiliges Wirken und Wollen gleichgültig bleiben, nachdem Du uns so reichlich gesegnet hast? O, belebe uns und gib, dass wir zu unsrer ersten Liebe zurückkehren und die ersten Werke tun! Sende uns einen neuen Frühling, o Sonne der Gerechtigkeit!


Autor: Carl Eichhorn (* 11.07.1810; † 08.02.1890) deutscher lutherischer Pastor
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Verborgener Rückgang, den nur Jesu Auge sieht

"Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt."

Viel Gutes kann der Herr Jesus an der Gemeinde in Ephesus anerkennen, so viel, dass man denken möchte, es fehle wahrlich diesen Christen nichts. Sie arbeiten für den Herrn und sind dabei ausdauernd. Sie können Böse nicht tragen, sondern schließen sie aus ihrer Mitte aus. Sie üben Zucht. Es herrscht unter ihnen sittlicher Ernst. Sie zeigen Prüfungsvermögen in Bezug auf Evangelisten, die sich für Sendboten Jesu ausgaben und es doch nicht waren. Endlich sind sie auch willig, für Jesus zu leiden, und lassen sich durch Trübsale nicht abwendig machen. "Aber ich habe wider dich": ein gewichtiges und bedenkliches Aber. "Du hast deine erste Liebe verlassen." Alles, was Jesus anerkannt hat, lag offen vor aller Augen. Was er tadelt, sieht nur er. Was ist die erste Liebe? Stelle dir die Christen in Jerusalem vor! Ihr Herz war voll Lobpreis. Sie waren unersättlich im Hören des Wortes, brünstig im Gebet, hingehend in der brüderlichen Liebe, so dass ihnen aller Besitz gemeinsam war. - Was rühmt Paulus von der ersten Liebe der Galater? "Wie waret ihr so glücklich! Wenn es möglich gewesen wäre, ihr hättet eure Augen ausgerissen und mir gegeben." Ihr Teuerstes und Bestes waren sie bereit hinzugeben. - An den Christen in Mazedonien können wir gleichfalls sehen, was die erste Liebe ist. Sie hatten viel zu leiden. Und doch war ihre Freude überschwenglich. Sie waren arm und gaben doch reichlich, ja überreichlich (2. Kor. 8, 1-5). Wie kommt es, dass die erste Liebe zurückgeht? Bei den einen wird sie gedämpft durch den irdischen Sinn mit seinen Sorgen und Interessen. Bei den anderen erkaltet sie infolge von Hochmut und Ehrsucht. Das letztere war wohl bei den Ephesern im Spiel. Ephesus war die kleinasiatische Muttergemeinde. Von Paulus selbst gegründet, war sie wohl die zahlreichste und stand in besonderem Ansehen und an erster Stelle. Dies wurde für sie gefährlich. Es bildeten sich geheime Ansprüche wie bei jenen erstgedungenen Arbeitern (Mt. 20, 10-12). Dann sinkt die Liebe; denn sie fließt aus der tiefen inneren Beugung, wie sie der verlorene Sohn hatte oder jene Sünderin im Gegensatz zum Pharisäer Simon (Lk. 7, 36). Nicht das, was in die Augen sticht, ist für den Herrn Jesus entscheidend. Er späht nach der Liebe. Wo sie mangelt, wird alles zum seelenlosen Maschinenwerk. "Denke daran, wovon du gefallen bist!" Das Nachlassen der ersten Liebe ist in Jesu Augen schon ein Fall. Man merkt es selbst nicht. Bei Ephesus stand nicht der Herr Jesus, sondern ihre Reichsgottesarbeit an erster Stelle. Zuerst erkaltet die Liebe ein wenig. Dann tritt völlige Lauheit, endlich geistlicher Tod ein wie bei Sardes. Nur durch immer neue Buße wird die Liebe zum Heiland frisch erhalten. Daher die Mahnung an Ephesus: "Tue Buße, sonst werde ich deinen Leuchter wegstossen!" Denn wenn er nicht mehr leuchtend strahlt, ist er nur ein leeres Gestell und steht hinderlich im Wege wie der unfruchtbare Feigenbaum (Lk. 13, 7).


Autor: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868) schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen schwedischen Erweckungsbewegung

"Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest."

Zuerst erkennen wir hier bei allem Ernst die große Gnade, dass Christus unsere Liebe haben will. Er fragt nach unserer Liebe, Er will uns nicht nur zu Dienern, sondern auch zu Freunden haben. Er ist nicht zufrieden, wenn Er nur unsere Werke erhält, sondern Er will auch von uns geliebt sein. Er will nicht nur unseren Dienst, sondern auch die Liebe unseres Herzens haben. Zum anderen sehen wir hier, dass mancher in allem, was zur äußeren Beweisung des Christentums gehört, einer der vornehmsten Christen sein kann, während in seinem Herzen das eigentliche Leben, der Kern und die Hauptsache fehlen. Viele, die dies jetzt lesen, nehmen hierdurch ihr Urteil in den Mund. Sie werden nämlich in demselben Zustand erfunden werden wie der Lehrer zu Ephesus; sie haben alles, was zur Gottesfurcht gehört, nur die erste Liebe fehlt. Jemand ist ein erleuchteter Christ, ein Bruder unter Brüdern und recht aus Gott geboren. Christus kann von seiner ersten Liebe zeugen. Er hat hernach immer seine Gottesfurcht bewiesen. Ja, er lebt nicht nur fromm und übt täglich gute Werke, sondern er arbeitet auch um Jesu willen und erduldet sogar Verfolgung. Er ist außerdem so standhaft und so treu, dass er nicht ermüdet, sondern darin fortfährt und Geduld hat und tut das alles bei so geistlichem Lichte, dass er die falschen Geister von den rechten zu unterscheiden weiss, die Werke der Nikolaiten hasst, welche auch der Herr hasst usw. - Sollte ein solcher nicht beruhigt sein, dass alles mit ihm wohl stehe? Jesus sagt hier etwas anderes. Aller dieser guten Eigenschaften ungeachtet kann der Herr Christus dennoch zu dir sagen: "Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt."

Wenn diese erste Liebe und ihre Werke nun bei dir ausgestorben sind, so ist dies eine höchst bedenkliche Sache. Hier muss nun aber wegen der zaghaften und bangen Herzen der Gläubigen bemerkt werden, dass man zwischen der ersten Liebe und den ersten Empfindungen genau unterscheiden muss. Beachte! Außer der Liebe, die bei dem zurückgekehrten Sohn entstehen musste, als der Vater ihn so unverdient mit einem so brennenden Herzen umfasste, sagt Christus, dass auch ein Freudenfest angerichtet und unter Gesang und Reigen ein gemästetes Kalb gegessen wurde. Dieses Freudenfest und ein solches Leben konnten nicht täglich stattfinden. Danach musste der Sohn an der Arbeit teilnehmen und alltägliche Kost geniessen. Ist dies nicht ein Beispiel für Gottes Regierung mit Seinen Kindern? Zuerst eine liebliche Zeit seliger Gefühle, wo ein Johannes an der Brust Jesu liegen und eine Maria Magdalena Ihn anrühren und Sein liebliches Angesicht sehen darf, - jetzt können die Hochzeitsleute nicht fasten. Aber "der Bräutigam wird von ihnen genommen werden, und dann werden sie fasten." Dann kann Johannes nicht mehr an der Brust Jesu liegen, dann darf

Maria Ihn nicht mehr anrühren. Das müssen alle Christen erfahren. Luthers Worte bewahrheiten sich: "Je nachdem der Glaube zunimmt, nehmen die Gefühle ab." Dies muss immer von der ersten Liebe unterschieden werden.

Aber worin besteht diese erste Liebe denn? Hier müssen wir darauf achtgeben, wodurch sie entstand, worin sie bestand und wovon sie abhing. Sie entstand nur dadurch, dass "viele Sünden vergeben wurden." Sie bestand eigentlich darin, dass der Heiland wegen der Sündennot unentbehrlich und wegen der Vergebung der Sünden so lieblich und teuer wurde. Hiermit ist die Hauptsache ausgesprochen: Der Heiland ist unentbehrlich und teuer. Wo die Sünde überströmt, ist die Gnade doch viel überschwenglicher. Und schließlich kann man im Himmel und auf Erden nichts anderes so teuer halten als den Heiland, von dem all diese Gnade kommt. Und diese Liebe ist um so stärker, je nachdem der Heiland mir unentbehrlicher und kostbarer ist, wenn auch mein Gefühl schwächer ist. Beachte dies, und du kannst zwischen der ersten Liebe und den ersten Empfindungen unterscheiden. Das verstehen die nicht, deren Christentum nur in zufälligen Gefühlen besteht. Diejenigen aber, denen nicht nur die Sünde, sondern auch die Gnade eine große Wirklichkeit ist, verstehen es.

Wenn wir die Worte Christi an jenen Lehrer zu Ephesus im Zusammenhang betrachten, merken wir, dass der Herr sagen will: Deine Werke, deine Arbeit um Meines Namens willen, dein Leiden, deine Geduld und dein Licht, deine Gabe, die Geister zu prüfen, ja, noch mehr, das Wohl Meiner Gemeinde, die Förderung Meines Reiches, die Reinheit Meiner Lehre, alles das ist dir teuer und wichtig. Nur Ich, als dein Fürsprecher und Versöhner, bin dir jetzt weniger wichtig, nur Ich und Meine Werke, Ich in dem blutigen Gewande Meiner Versöhnung bin dir jetzt nicht so unentbehrlich und teuer wie zu der Zeit unserer Vereinigung. Du bedarfst jetzt nicht, wie damals, als ein Sünder zu Meinen Füßen zu liegen und um die Früchte Meiner Werke, um das Verdienst Meines Blutes, um die Vergebung der Sünden zu betteln. Deine eigenen guten Werke, dein herrliches Christentum, deine nützliche Wirksamkeit, das alles ist dir jetzt genug. - Das meinte Christus, als Er so ausführlich die Verdienste dieses Mannes aufzählte und hinzufügte: "Aber Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest."

Ach, prüfe, Herr, mein armes Herz, Du kannst es, Du allein! Dein lass es sein in Freud und Schmerz, Bleib du auch ewig mein. Du löstest mich aus Satans Band, Bevor ich Deine Gnad' verstand. Ach, lehre mich, zu lieben Dich; Ich weiss, Du liebst auch mich.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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So fährt der Heiland im Brief an den Bischof zu Ephesus fort. Damit tritt uns sogleich die Treue, die Vorsorge und die Geduld des Herrn entgegen; er will seine Knechte nicht niederschlagen und mutlos machen; er will ihnen das frohe Vertrauen zu seiner Gnade nicht rauben, sondern sie vielmehr kräftigen und aufrichten. Darum fängt er in diesem Sendschreiben nicht sogleich mit dem Tadel an, sondern setzt denselben in die Mitte des Briefs, nachdem er dem Bischof zuvor ein Lob erteilt und seine Zufriedenheit ihm bezeugt hatte. Ich bin kein harter Mann, will er ihm sagen, daß ich deine unermüdete Arbeit und Geduld nicht wüßte und in Anschlag brächte. Ich bin kein Herr, dem man nicht genug tun kann; der kleinste Dienst der Liebe ist bei mir nicht vergessen: aber ob ich gleich das Kleinste achte und das Gute an dir, meinem Knechte, zu schätzen weiß, so habe ich doch etwas wider dich, es fehlt dir an etwas, und dieses Etwas legt er ihm nun getreu und gerade an das Herz als Freund, Berater, Heiland und Richter. »Du verläßt« - spricht er - »deine erste Liebe«, die Liebe, die dich anfangs beseelte. Was wird doch wohl den Mann mehr gedemütigt haben, das Lob oder der Tadel seines Herrn? Nach seinem Herzenszustande zu urteilen, wird ihm das Lob mehr oder wenigstens ebenso demütigend gewesen sein als der Tadel. Denn je getreuer ein Knecht ist, desto mehr erkennt er seine Untreue, desto mehr ist ihm das Lob befremdend; wenn er die Liebe des Herrn anschaut, mit der er ihn geliebet bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze, und er hält dagegen seine Liebe zu dem Herrn, so beugt und demütigt er sich, und wenn der Heiland ei- nem solchen Menschen sagt: »Ich kenne deine Mühsal und deine Geduld«, und erteilt ihm Lob und versichert ihn seines Wohlgefallens, so fragt er dann: »Herr, wie und wo und wann habe ich dies Lob verdient?« So wird ja auch am jüngsten Tage einst geantwortet werden, wenn der Herr zu denen, die zu seiner Rechten stehen, spricht: »... ihr habt mir zu essen gegeben... ihr habt mir zu trinken gegeben ... ihr habt mich aufgenommen... ihr habt mich gekleidet. « So sprechen sie: »Herr, wann haben wir das getan? Uns ist dergleichen nichts bekannt.«

Dies ist mein Schmerz, dies kränket mich, daß ich nicht gnug kann lieben dich, wie ich dich lieben wollte; je mehr mich deine Liebe zieht, je mehr erkennt mein Herz und sieht, daß ich dich lieben sollte. Von dir laß mir deine Güte in's Gemüte lieblich fließen, so wird sich die Lieb ergießen.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Der Bischof zu Ephesus war in einem gemischten Zustande, und daher war des Heilands Brief gerade recht für ihn, denn er paßt nur auf einen gemischten Zustand des inwendigen Lebens. In einer Seele, die nicht ganz lauter ist vor dem Herrn, ist das Böse vom Guten nicht so geschieden, daß beides gleichsam an seinem besondern Orte wäre, wie man von einer Farbe auch nicht immer sagen kann: Sie ist schwarz oder weiß, sondern sagen muß: sie ist gemischt oder meliert. Der Mensch kann oft selber das Gute und das Böse in seinem eigenen Herzen nicht so deutlich auseinanderlesen: Der Herr aber kann es und tut es, und darum weiß er Lob und Tadel an seinen Ort zu stellen. So tritt uns also hier recht augenscheinlich entgegen auf der einen Seite das barmherzige, mitleidige Herz unseres Hohenpriesters, der nur unser Seelenheil beabsichtigt und mit schonender Geduld den Gefallenen behandelt und zurechtweist, auf der andern Seite aber seine alles durchdringende Allwissenheit und Heiligkeit, welche Herzen und Nieren erforscht, wie Johannes beides lieblich zusammenstellt, wenn er spricht: ».. .wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.«

Heiland, der du uns bewogen, nur allein auf dich zu sehn, und bisher dir nachgezogen: Laß es unverrückt geschehn! Gib Begriffe, Grund und Schluß, richte du allein den Fuß! Ohne dich sei ja nichts rege, halt uns fest auf deinem Wege.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Wenn einem Kinde Gottes und einem Liebhaber des Heilandes offenbar wird, daß der Heiland etwas wider ihn habe, so verursacht dies oft die tiefsten Schmerzen, wahre Geburtsschmerzen. Und eine große Gnade für ein solches Herz ist es, wenn ihm nur sogleich gezeigt wird, was denn das eigentlich ist, was dem Herrn an uns nicht gefallen kann und was den freien Erguß seines liebenden Herzens hemmt. Immer ist dies noch eine leichtere Erfahrung, weil es bei einem Kinde Gottes eins und dasselbe ist, sich eine Sünde gegen den Herrn aufdecken und offenbaren lassen, und diese Sünde selbst, sollte sie auch die liebste Lust sein, töten in der Kraft Christi. Aber oft weiß man nicht einmal, woher das innere Mißverhältnis rührt; man fühlt es: Der Herr hat etwas wider mich; er ist nicht zufrieden mit mir; es ist etwas zwischen mich und ihn hineingetreten. Man kann diesem dunkeln Etwas noch keinen Namen geben; aber daß es da ist und auf der Seele lastet, das weiß man, und das erregt Schmerzen, das treibt zum Seufzen und Schreien. Ach, wo fehlt es denn? möchte man da oft rufen, daß es nicht vorwärts will, daß ich so lange nicht näher zum Heil komme, ob ich gleich so oft und so lange darnach seufze: Wo fehlt es denn, was hat er denn wider mich? Wer da aushält unter der Gnadenzucht des heiligen Geistes, wer sich in die Stille einführen läßt, dem wird der Herr zu erkennen geben, was er wider ihn hat.

Heiland, wenn wir's hier verfehlen, wenn wir was nicht recht gefaßt - wenn wir einen Grund erwählen, den du nicht geleget hast, wenn die Seele Schlüsse macht, woran du nicht hast gedacht: Ist es nur Naturgemächte - o dann hilf uns bald zurechte.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Man hat schon vieles über die »erste Liebe« geschrieben, und ihr werdet wahrscheinlich schon wissen, was der Apostel darunter versteht. Wenn nämlich ein Mensch zu der Erkenntnis Gottes und des Heilandes gelangt, wenn er es glauben kann und der Geist Gottes in seinem Herzen es versiegelt hat, daß alle Sünde ihm verziehen, die Missetat vergeben und die Schuld von ihm genommen ist, da entsteht die erste Liebe. So war es1 bei der großen Sünderin, von welcher Lukas erzählt, ihre Seele habe sich in solcher Liebe zum Heiland ergossen, daß sie mit ihren Tränen seine Füße benetzt und mit den Haaren ihres Hauptes getrocknet, und der Herr selber ihr das Zeugnis erteilt habe: »Du hast viel geliebet, gehe hin im Frieden.« Das war ihre erste Liebe. Es hat schon manche Seelen gegeben, welche in einem guten und dem Worte Gottes gemäßen Gange sich befanden, aber gerade über diesen Gegenstand in ein ängstliches, gesetzliches Treiben hineingeführt wurden. Es konnte so weit kommen, daß sie, weil sie sich ein besonderes Bild von einer solchen ersten Liebe machten und dies Bild nicht mehr bei sich selber fanden, an ihrer Bekehrung verzweifeln wollten. Es ist aber wohl zu merken, daß das Wort Gottes niemals regelrechte Bekehrungsmethoden aufstellt, wie sie Menschen etwa ausdenken und ausbilden. Sehet in die ganze Bibel hinein, ihr werdet nirgends finden, daß der große Erzieher der Geister alle Seelen auf gleiche Weise geführt hat oder daß es nur eine Form und ein Modell gibt, nach dem er sie bildet. Auch wird uns der Gang der innern Zustände nicht so ausführlich auseinandergelegt, wie es in unsern Lebensbeschreibungen manchmal der Fall ist, sondern gerade in der heiligen Schrift ist uns die Freiheit des Geistes, der da wirket in allen, wie und was er will, auf die schönste Weise dargelegt. Denn Gott hat sich die Freiheit vorbehalten, der alleinige Führer und Regierer der Seele, der alleinige Erzieher der Geister zu sein, und jeden Menschen, wie er will, zu führen, nicht wie der Mensch sich einbildet, daß er geführt werden müsse. O tiefe Weisheit des unerforschlichen Gottes! Du kennst, o Vater, wohl das schwache Wesen, die Unmacht und der Sinnen Unverstand. Man kann uns fast an unsrer Stirne lesen, wie es um schwache Kinder sei bewandt. Drum greifst du zu und hältst und tragest sie, brauchst Vaterernst und zeigest Muttertreu; wo niemand meint, daß etwas deine sei, da hegst du deine Schaf und läßt sie nie.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Wenn an einem Orte das Evangelium lauter und rein gepredigt wird und durch Gottes Gnade manche aus dem Schlafe aufwachen und vom Tode zum Leben kommen, wenn dem Heiland Kinder geboren werden wie der Tau aus der Morgenröte, so pflegt gewöhnlich ein großer Drang, eine gewaltige Bewegung der Gemüter zu entstehen; denn das Evangelium rumort, wie Luther sagt, und obwohl die Sache aus Gott ist, so läuft doch dabei viel Fleischliches und Unlauteres, manches ungeistliche Naturwerk mitunter, was mit der Zeit immer mehr weggeschmolzen werden muß, damit die Seelen tiefer gegründet und durch Stille und Lauterkeit fester gewurzelt werden in Christo. Der gärende Most wird ja nur zu einem trinkbaren Weine, wenn er mehr und mehr von seinem herben, rauhen Charakter verliert und eine gewisse Milde erlangt. Es heißt darum nicht die erste Liebe verlassen, wenn dieser fleischlich-geistliche Drang nachläßt; sondern du hast nur von deiner natürlichen Unlauterkeit etwas verloren. Das Verlassen der ersten Liebe ist nicht ein eingebildeter, sondern ein wahrhaftiger Verlust, ein Verlust am reinen, lautern Golde des Glaubens und der Liebe, das der Herr dir geschenkt hatte; du bist nicht mehr in deinem vorherigen Seelenzustande; du hast Schaden erlitten an der Seele, und zwar an der Hauptsache, an der Liebe. O wie traurig ist es, wenn es von einem Menschen heißt: Er hat verloren, was er hatte, er ist statt vorwärts rückwärts gekommen; wenn man von einer Seele sagen muß, was der Apostel von den Galatern sagte: »Ihr habt Christum verloren.« Und wahrscheinlich wußte dies der Bischof nicht einmal; denn so sehr kann sich ein Kind Gottes selbst betrügen, so weit in Träumerei und Selbstverblendung hineingeraten, daß es viele Vorzüge, Geduld und Ausdauer besitzt, ein treuer, eifriger Arbeiter im Weinberge des Herrn und kein Mietling ist, auch um die Ehre Gottes eifert und die Feinde Christi nicht ertragen kann, gerade wie der Bischof; aber dabei das verliert, was allen diesen Tugenden erst die wahre Weihe, den wahren Wert verleiht, nämlich die Liebe. Denn »wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.«

Ob uns die Welt an einem Halme, ob sie uns an der Kette hält, ist alles eins in seinen Augen, da nur ein ganz befreiter Geist, der alles andre Schaden heißt, und nur die reine Liebe taugen.


Autor: Wilhelm Busch (* 27.03.1897; † 20.06.1966) deutscher evangelischer Pfarrer, Prediger und Schriftsteller
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Da war eine Gemeinde, die hatte ungeheure Kämpfe zu bestehen. Sie wurde verfolgt und gehasst. Und von innen her waren Feinde und Irrlehrer aufgestanden, die die Gemeinde verwirrten. Unter heißen Kämpfen hatte man diese Irrlehrer ausgeschieden.

Kurz, es war schon eine recht feine und tapfere Christus-Gemeinde. Und doch, – der Herr muss ihr ein ernstes Wort sagen: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße!" Aus alter Zeit wird uns von einem Feldherrn erzählt, der in einer heißen Schlacht Sieger blieb. Aber die blutige Schlacht kostete ihn fast sein ganzes Heer. Da rief er aus: „Noch ein solcher Sieg, und ich bin verloren!"

So war es bei dieser Gemeinde. Und so ist es vielleicht auch bei uns. Die Jünger Jesu müssen sich in unseren Tagen schwer behaupten. Unser Christenstand wird angegriffen. Dazu kommen allerlei verwirrende Lehren. Und aus dem eigenen Herzen steigen Versuchungen und Anfechtungen auf. Es gibt keinen Christen, der nicht durch heißen Streit müsste. Es kann sein, dass wir uns tapfer behaupten nach außen hin. Und doch hat – von keinem gesehen – unsere Stellung zum lebendigen Heiland Schaden gelitten. Wir stehen nicht mehr in der ersten Liebe. Unser Gebetsleben und unser Umgang mit dem Herrn sind gestört. Wir sind dann wohl noch „Streiter des Herrn", aber nicht mehr „Kinder Gottes".

Da tut uns immer wieder Einkehr Not: „Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße!" Amen.