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Predigten zu Psalm 90,12

"So lehre uns denn zählen unsere Tage, auf daß wir ein weises Herz erlangen!"

Autor: Charles Haddon Spurgeon (* 19.06.1834; † 31.01.1892) englischer Baptistenpastor
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Wir haben es viel eiliger damit, die Sterne zu zählen, als unsere Tage, obwohl Letzteres viel mehr praktischen Nutzen hätte. Wenn die Menschen über die Kürze ihres Erdendaseins nachdenken, wird ihre Aufmerksamkeit auf die ewigen Dinge gelenkt. Sie werden demütig, wenn sie ins Grab blicken, das so bald ihr Bett sein wird. Ihre Leidenschaften erkalten angesichts der Sterblichkeit, und sie unterstellen sich dem Diktat der irrtumslosen Weisheit. Doch geschieht dies alles nur, wenn der HERR selbst der Lehrer ist. Er allein kann so unterrichten, dass realer und bleibender Gewinn entsteht.

Die Israeliten hatten sich gegen Gott aufgelehnt, doch hatten sie den Herrn nicht gänzlich verlassen; sie erkannten ihre Gehorsamsverpflichtung gegenüber Seinem Willen an und leiteten daraus einen Grund zum Mitleid ab. Würde nicht ein Mann seinen Diener schonen? Auch wenn Gott Israel geschlagen hatte, es war immer noch Sein Volk, und Er hatte es niemals preisgegeben, darum bittet es Ihn, nach Seiner Gunst mit ihnen zu verfahren. Wenn sie auch das verheißene Land nicht sehen sollten, so baten sie doch, Er möge sie auf ihrer Reise mit Seiner Gnade erfreuen und Seinen finsteren Blick in ein Lächeln verwandeln. Dieses Gebet gleicht den anderen, die von dem sanftmütigen Gesetzgeber stammen, wenn er sich mutig für das Volk verwendete; es passt zu Mose. Hier spricht er mit dem Herrn, wie ein Freund mit seinem Freund redet. Mose bittet um offensichtliche Erweise göttlicher Macht und Vorsehung, durch die das Volk erfreut werden würde. In ihren eigenen fehlerhaften Werken konnten die Israeliten keinen Trost finden, wohl aber in dem Werk Gottes. Das wäre Tröstung für sie.

Das tägliche Thema unseres Flehens sollte die Heiligung sein. Möchten wir doch alles, was wir machen, in Wahrheit tun und fest dabei bleiben bis zum Grab! Möchte doch das Werk des gegenwärtigen Geschlechts beständig dazu dienen, das Volk Gottes aufzuerbauen! Gläubigen geht es darum, nicht umsonst gearbeitet zu haben. Sie wissen: Ohne den Herrn können sie nichts tun; und darum rufen sie Ihn bei ihrer Arbeit um Hilfe an, um Anerkennung ihrer Bemühungen und um die Verwirklichung ihrer Pläne. Die Gemeinde als Ganzes wünscht sich ernstlich, die Hand des Herrn möge die Arbeit der Hände Seiner Leute unterstützen, dass wirklich etwas Bleibendes für die Ewigkeit gebaut wird und etwas zur Verherrlichung Gottes dabei herauskommt. Wir kommen und gehen, aber das Werk des Herrn bleibt. Wir sind damit einverstanden zu sterben, solange Jesus lebt und Sein Reich wächst. Weil der Herr für ewig derselbe bleibt, vertrauen wir unser Werk Seinen Händen an, und weil wir empfinden, dass es mehr Sein als unser Werk ist, wird Er dessen Unsterblichkeit sicherstellen. Wenn wir auch wie Gras verwelkt sind, wird unser heiliger Dienst gleich dem Gold, dem Silber und den edlen Steinen das Feuer überdauern.


Autor: Jakob Kroeker (* 1872; † 12.12.1948) wichtigster Vertreter des freikirchlichen russländischen Protestantismus
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"Lehre uns unsere Tage richtig zählen, dass wir ein weißes Herz erlangen."

Mit jeder Glaubenshingabe an Gott wächst die Erkenntnis tieferer Verantwortung. Gerade jene Persönlichkeiten in der Schrift und innerhalb der Geschichte, die es wagten, sich in ihrem Urteil und Wirken einseitig auf Gott einzustellen, bekundeten in ihrem Leben und Dienst eine Gewissenhaftigkeit und ein Verantwortungsbewusstsein, das sie weit über ihre Zeitgenossen hinaushob. Die Frucht glaubensvoller Hingabe an Gott war noch immer opferbereiter Dienst am Nächsten.

Welch eine Weihe erhält doch das Leben und welch eine Hingabe bekundet jeder einzelne Dienst, wenn wir jeden Tag als ein neues Geschenk, jede Aufgabe als ein erneutes Vertrauen werten lernen, das uns von Gott entgegengebracht wird. Wie wächst unsere Gewissenhaftigkeit und verinnerlicht sich unsere Hingabe, sobald wir alles tun, als ob es auch unsere letzte Gelegenheit und unsere letzte Tat sei, um Geschautes und Erlebtes aus der Welt des Glaubens in das Suchen und Ringen, in die Leiden und Nöte des Nächsten zu tragen!

Der Psalmist redet hier ja aus dem tiefen Gefühl jener Vergänglichkeit heraus, der auch der Mensch und seine Geschichte unterworfen ist. Dieser Ernst gibt dem Psalm den ergreifenden Inhalt und die Weihe des Gebets. Wie klein ist doch dem Sänger der Mensch in all seinem Tun, sind ihm die Geschlechter in all ihren gigantischen Unternehmungen. "Von einem Äon bis zum anderen bist nur Du, o Gott!" Damit Gottes Ewigkeit jedoch auch in unsere Vergänglichkeit trete und unser Leben Anteil an der Welt Gottes gewinne, betet er: "So lehre mich meine Tage zählen, damit ich ein weises Herz gewinne." Ja, gibt Gott mit seinem Wort und seinem Wirken unseren Tagen erst einen Inhalt, dann wird auch unsere Zeit ein Stück Ewigkeit. Dann hört das Leben auf, sinnlos zu sein. In den einzelnen Aufgaben atmet alsdann eine an die Ewigkeit gebundene Seele. Aus aller Sehnsucht spricht hinfort die Welt des Glaubens: "Lass deinen Dienern dein Wirken sichtbar werden und deine Herrlichkeit über ihren Kindern!"

Das sind Züge aus der Welt unserer Sehnsucht. Wir atmen diese Welt, weil Gott in unser Leben getreten ist. Sie wäre uns fremd, wenn Gott mit der Offenbarung seiner Herrlichkeit und der Kraft seiner Erlösung uns fremd geblieben wäre. Dann wäre auch uns der Mensch die Welt, in der wir unser Heil und unsere Zukunft suchen würden. Nun ist uns beides Gott: Erlösung und Zukunft! Alles Empfangene von Ihm löst in uns eine Spannung mit dem Gegenwärtigen und eine neue Sehnsucht nach dem Ewigen aus. Das Empfangene ist uns nur Angeld auf Grösseres und Vollkommeneres, das Gott auch in unserem kleinen Leben zu offenbaren vermag.


Autor: Ludwig Hofacker (* 15.04.1798; † 18.11.1828) deutscher evangelischer Pfarrer
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Wenn Menschen von einem Land in das andere auswandern, vielleicht weil sie im fernen Land ihr Auskommen besser finden, da besinnen sie sich vorher, stellen Rechnungen an, erkundigen sich nach den Sitten und Gewohnheiten jenes Landes, wie man dort am besten sein Brot verdienen könne, ja wer recht vorsichtig zu Werke gehen will, der siehet sich vorher um nach einem gewissen Platze, auf welchem ihm seine Nahrung gesichert ist. So macht man es, wenn man von einer Gegend in die andere ziehen will. Warum ist aber der Mensch meistens so sorglos in Absicht auf seinen letzten Zug, welcher ungleich wichtiger ist als irgendeine noch so große Reise auf Erden, welcher ihn ganz losreißt von dem irdischen Tun und Treiben, welcher entscheidet zwischen ewigem Leben und ewigem Tod. Man besinnt sich nicht, geht dahin, läßt einen Tag, eine Woche, ein Jahr um das andere herumgehen, und so geht es fort in der Blindheit, bis der wankende Fuß am Grabe steht und die Erdschollen über die Totenbahre hinunterrollen. Und gibt dem einen oder dem andern der Herr noch Gnadenzeit, sich zu besinnen, ehe er seine letzte Fahrt antritt, da ist Sorge, Jammer, Angst vor dem letzten Gericht, man ist nicht mit dem Heiland bekannt, kann sich nicht freudig zu seiner Freundlichkeit hinwenden, man muß verzagen. Ein erleuchteter Mann hat gesagt, das sei etwas Fürchterliches, wenn der Bußkampf und der Glaubenskampf und der Todeskampf zusammenkommen auf eine Zeit. O davor bewahre uns doch der barmherzige Gott nach seiner großen Barmherzigkeit! Davor wollen wir uns recht hüten, wollen Fleiß tun einzukommen zu seiner Ruhe. Sehet den alten Simeon an. »Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren«, sagt er, »denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.« Welche Freudigkeit, welcher Friede, welche göttliche Ruhe bei diesen Worten in dem Herzen Simeons gewaltet haben muß, das läßt sich nur schwach nachempfinden. Meine Seele müsse sterben den Tod dieses Gerechten, und mein Ende sei wie sein Ende. Und so wir an Christum glauben, so wird auch unser Ende sein wie sein Ende.

Bereite mich, und wann dies Leben ist vorbei, du Herr mein bleibend Gut, mein wahres Leben sei! Verlaß mich dann auch nicht im letzten Augenblick! Laß mich auf Jesum sehn und nicht auf mich zurück!

Ich zeuge, daß du bist das ewig selge Gut, darin der Geist allein lebt und im Frieden ruht. Dich ehren nur ist Ehr, dein Dienst ist Seligkeit, und dazu wünsch ich mir die ganze Ewigkeit.


Autor: Hermann Bezzel (*18.05.1861; † 08.06.1917) deutscher lutherischer Theologe
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Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!

Es muss der Gedanke ans Sterben überhaupt noch keine klugmachende sittliche Wirkung ausüben, wenn Gott angerufen wird, diesen Gedanken, der doch mit elementarer Gewalt jedem sich aufdrängt, ins Herz zu senken, damit es weise werde, Zeit und Umstände wohl verstehen und sich vor dem Höchsten fürchten lerne. Es kann der Mensch angesichts des Todes auch frivol und leichtsinnig werden. Man täuscht sich nicht über den Tod, aber man schließt, wie Lessing sagt, vor ihm die Augen und spottet ihn und seine Angst hinweg: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ So kann der Mensch durch den Gedanken an den Tod innerlich verrohen, er genießt, um sich zu betrüben, und will lachend vom Schauplatz abtreten: „Klatscht mir Beifall, ihr Freunde.“ Tiefere Geister aber werden durch den Gedanken an den Tod entweder kaltsinnig oder gar verzagt.