Buch-Rezension: Der Ablass - Eine evangelische Kritik

Der Ablass

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Der Autor will eine zuverlässige und nachvollziehbare Darstellung der gegenwärtigen Sicht der katholischen Kirche zum Ablass bieten und diese anhand der Schrift überprüfen (S. 10). Dazu holt er weit aus und bietet eine Geschichte des Ablasses und seiner Theologie von seiner Entstehung im Mittelalter bis heute in drei Kapiteln und 117 Seiten an. Dann folgt ein kurzes Kapitel zur dogmatischen Auseinandersetzung und verschiedene Anhänge.

Aber schon die Geschichte des Ablasses mit seinen nachfolgenden Begründungsversuchen macht die Fragwürdigkeit jener Praxis deutlich. Es ist bemerkenswert, dass nicht nur keine protestantische Konfession, sondern auch die orthodoxen und orientalischen Kirchen niemals eine Lehre von Ablass oder Fegefeuer kannten (S. 11). Bei dieser Lehre geht es nicht nur um einen Missbrauch im Mittelalter, sondern letztlich um eine zentrale Frage der Theologie, nämlich der nach Schuld und Vergebung. Bis heute spielt der Ablass eine große Rolle in der katholischen Kirche. So erhält man zum Beispiel völligen Ablass wenn man „mit Sammlung“ per Radio oder Fernsehen den päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ aus Rom hört und einen vernünftigen Grund hat, nicht zur Messe zu gehen. Oder man denke an den päpstlichen Ablass anlässlich des Weltjugendtages 2005 in Deutschland.

Nach katholischer Lehre wird die ewige Schuld durch die Beichte und die nachfol- gende Absolution vergeben. Die so genannte „zeitliche Strafe“ bleibe aber erhalten. Sie muss nun durch den Beichtenden selbst oder einen anderen abgearbeitet werden (indem man sich die guten Werke der Heiligen zu- schreiben lässt). Zur Begründung dieser „zeitlichen Strafen“ trotz Vergebung wird von katholischer Seite auf zeitliche Folgen der Sünde verwiesen, auf notwenige Wiedergutmachung, oder auch auf Strafen Gottes, die trotz Vergebung eintraten.

Dagegen ist einzuwenden, dass Wiedergutmachung nicht für die eigene Strafe gedacht ist, sondern für den Schaden den man anderen zugefügt hat. Und auch, wenn Gott einen Menschen straft, dann kann die Strafe durch keine Handlung des Schuldigen (also auch durch keinen Ablass) geändert werden (S.16).

Nach katholischer Lehre wird die „zeitliche Strafe“ im Fegefeuer verbüßt, kann aber durch den Ablass verkürzt oder ganz gestrichen werden kann. Dazu verwendet die Kirche den so genannten Kirchenschatz, der alle überschüssigen Werke von Christus und den Heiligen enthalte. Die Kirche bzw. der Papst verwalten diesen Schatz und schreiben ihn dann den Bittstellern gut, wenn diese Geld dafür bezahlen oder an einem Kreuzzug teilnehmen (S. 15).

Der Ablass besteht aus fünf nur der katholischen Theologie eigenen Bestandteilen.

1. Der Lehre von der Notwendigkeit der menschlichen Genugtuung nach vergebener Sünde, 2. dem eigentlichen Ablass, 3. der Lehre vom Kirchenschatz der überschüssigen guten Werke, 4. der Lehre vom Fegefeuer und 5. der Lehre vom Amt des Papstes, Vergebung und Versöhnung zu vermitteln, seiner so genannten Schlüsselgewalt (S. 17).

Interessant ist die Geschichte des Ablasses ab Kapitel 3. Vor dem 11. Jahrhundert lassen sich Ablässe nicht nachweisen. Später wurde der Ablass mit den Kreuzzügen verbunden und die Päpste weiteten ihn später auf diejenigen aus, die den Kreuzzug finanzierten. Im Zusammenhang damit wurde dann sogar Ablass für Verstorbene erteilt, ohne dass der Papst das genehmigt hätte. Er griff es aber gern auf, weil er dadurch seine finanziellen Vorteile erheblich steigern konnte. Durch den Ablass wurden aber nicht nur Kreuzzüge finanziert, sondern auch Kirchenbauten, sogar Brücken- und Dammbauten (S.45).

Gerade in der Geschichte des Ablass kann man zeigen, wie immer wieder erst nach erfolgter Praxis theologische Begründungen gesucht wurden (S.59f.). Erst im 13. Jahrhundert wurde die Lehre vom Schatz der Kirche entwickelt. Auch die Lehre von Fegefeuer war im 1. christlichen Jahr- tausend völlig unbekannt und entstand erst im Mittelalter auf verschlungenen Wegen (S.73). Schirrmacher schreibt zu Recht:

„Der Glaube, dass mit dem Tod die Würfel noch nicht gefallen sind, verändert das Leben der Gläubigen“ (S. 74).

Es wird von katholischer Seite zugegeben, dass die Ablasstheologie nicht der Schrift entnommen ist, sie sei aber mehr als 1000 Jahre später der Kirche vom Heiligen Geist mit derselben Offenbarungsqualität gelehrt worden. (S.65). Das macht klar, wie die Katholische Kirche Tradition versteht: Das sind für sie „alle göttlichen Offenbarungen seit Abschluss des Neuen Testaments“ (S.66).

Wer sich gründlich und anschaulich über den Ablass und die damit zusammenhängenden Lehren informieren will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

 Die Rezension/Kritik stammt von: Karl-Heinz Vanheiden
 Kategorie: Geschichte, Kirchengeschichte

    Verlag: Verlag für Theologie und Religionswissenschaft (VTR)
    Jahr: 2005
    ISBN: 3-937965-25-4
    Seiten: 186
    Preis: 17,95 Euro

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