Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 116


Inhalt

Da dieser Psalm eine Fortsetzung des Passah-Hallel ist, wird bei seiner Erklärung bis zu einem gewissen Maße der Auszug aus Ägypten mit im Auge zu behalten sein. Er macht ganz den Eindruck eines persönlichen Liedes, in welchem die gläubige Seele, durch das Passahfest an ihre Knechtschaft und ihre Befreiung erinnert, von diesen Erfahrungen mit Dankbarkeit spricht und demgemäß den HERRN preist. Wir können uns den Israeliten lebhaft vorstellen, wie er, den Stab in der Hand, sang: "Kehre, o Seele, zu deiner Ruhe" (V. 7 wörtl.), indem er der Rückkehr des Hauses Jakob in das Land der Väter gedachte, und wie er dann aus dem Festbecher trank mit den Worten des V. 13 : "Ich will den Kelch des Heils (der Rettung) nehmen." Der gottselige Dichter gedenkt gewiss wie seiner eigenen, so auch der Befreiung seines Volkes, der er sein Dasein verdankt, wenn er im V. 16 singt: "Du hast meine Bande zerrissen"; vor allem aber beseelt ihn das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seinem Volke, da er der Höfe am Hause des HERRN gedenkt und der herrlichen Heiligen Stadt, und gelobt, dem HERRN Dankopfer zu bringen "in dir, o Jerusalem" (V. 19). Persönliche inbrünstige Liebe zum HERRN, genährt durch persönliche Erfahrung der Erlösung, ist das Thema dieses Psalms, in dem uns herrliche Blicke in das Leben der Erlösten gewährt werden, wie sie Erhörung finden, wenn sie beten, behütet werden in Zeiten der Trübsal, wie sie ferner ruhen in ihrem Gott, frei und fröhlich vor dem HERRN wandeln, eingedenk ihrer Verpflichtungen, sich dessen wohl bewusst, dass sie nicht ihr eigen sind, sondern teuer erkauft, und mit der ganzen Schar der Erlösten sich verbindend, um Gott ein Hallelujah nach dem andern zu singen.
  Da unser göttlicher Meister diesen Psalm auch gesungen (Mk. 14,26), können wir kaum fehlgehen, wenn wir in ihm Worte sehen, auf die er sein Siegel setzen konnte - Worte, die in gewissem Maße seine eigene Erfahrung schildern. Aber darüber wollen wir uns nicht verbreiten, da wir in den "Erläuterungen und Kernworten" zur Genüge dargelegt haben, wie der Psalm von denjenigen verstanden worden, die ihren Herrn gerne in jeder Zeile wiederfinden.

Einteilung. David Dickson († 1662) gibt eine eigenartige Einteilung des Psalms, die uns außerordentlich treffliche Winke zu geben dünkt. Er sagt: "Dieser Psalm enthält ein dreifaches Versprechen des Psalmisten, dem HERRN zu danken für die ihm erwiesene Gnade und in Sonderheit für eine denkwürdige, Leib und Seele umfassende Rettung aus Todesgefahr. Das erste, wozu er sich verpflichtet fühlt, ist, aus dankbarer Liebe allezeit zu Gott im Gebet seine Zuflucht zu nehmen, V. 1 und V. 2; was ihn dazu bewegt, das schreibt er V. 3-8 nieder, nämlich seine früheren Errettungen. Das zweite Gelübde ist das eines heiligen Wandels, V. 9, und die Gründe sind in den V. 10-13 angegeben. Das dritte Versprechen zielt darauf, dass er beständig Gott loben und ihm dienen will und namentlich auch öffentlich vor der Gemeine die Gelübde bezahlen will, die er in der Zeit der Not gemacht. Dieser Teil umfasst die V. 14-19, in denen auch wiederum die Gründe enthalten sind."

Auslegung

1. Das ist mir lieb, dass der Herr
meine Stimme und mein Flehen hört.
2. Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
3. Stricke des Todes hatten mich umfangen,
und Ängste der Hölle hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
4. Aber ich rief an den Namen des HERRN:
O HERR, errette meine Seele!
5. Der HERR ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
6. Der HERR behütet die Einfältigen;
wenn ich unterliege, so hilft er mir.
7. Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der HERR tut dir Gutes.
8. Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen,
mein Auge von den Tränen,
meinen Fuß vom Gleiten.

1. Ich liebe den HERRN.1 Ein seliges Bekenntnis! Jeder Gläubige sollte ohne Zaudern erklären können: Ich liebe den HERRN. Diese Liebe wurde schon unter dem Gesetz gefordert, aber niemals ist sie in dem Herzen eines Menschen hervorgebracht worden, es sei denn durch die Gnade Gottes und kraft evangelischer Grundsätze. Es ist etwas Großes, sagen zu können: "Ich liebe den HERRN", denn die köstlichste aller Gnadengaben und das sicherste Kennzeichen des Heilsbesitzes ist die Liebe. Welch erstaunliche Güte ist es von Seiten Gottes, dass er sich herablässt, sich von solch armseligen Geschöpfen, wie wir es sind, lieben zu lassen, und es ist ein klarer Erweis davon, dass er in unserem Herzen am Wirken gewesen, wenn wir mit Petrus sprechen können: "HERR, Du weißt alle Dinge, Du weißt, dass ich dich lieb habe." Denn (Grundt.) der HERR hört meine Stimme und mein Flehen. Der Psalmdichter weiß nicht nur, dass er den HERRN liebt, sondern auch, warum er es tut. Wenn die Liebe sich mit einem guten Grunde rechtfertigen kann, dann ist sie tief, stark und dauernd. Man sagt, die Liebe sei blind; wenn wir aber Gott lieben, dann sieht unser Herz mit hellen Augen und braucht die schärfste Logik nicht zu fürchten. Wir haben Grund, ja überschwänglich reichen Grund, den HERRN zu lieben. Und weil sich in diesem Falle Grundsatz und Neigung, Vernunft und Gemüt so harmonisch verbinden, ergibt sich daraus ein so vortrefflicher Herzenszustand. Des Psalmisten Grund, warum er den HERRN liebte, war die Liebe, die Gott ihm durch Erhörung seiner Gebete erzeigt hatte. Der Dichter hatte beim Beten seine Stimme gebraucht, und die Gewohnheit, das zu tun, ist uns zur Andacht höchst förderlich. Wenn wir laut beten können, ohne dass andre uns hören, tun wir wohl daran. Manchmal jedoch, wenn der Psalmist seine Stimme zu Gott erhoben, hatte er nur mühsam in abgebrochenen Sätzen etwas herausgebracht, so dass er es kaum ein Gebet zu nennen wagte; die Worte versagten ihm, er vermochte nur stöhnende Seufzer hervorzustoßen. Der HERR aber hörte dennoch seine Stimme,2 ob er auch nur winseln konnte. Zu andern Zeiten waren seine Gebete mehr regelhaft und von besserer Form; diese nennt er sein Flehen . Er hatte je und je seinen Gott anbetend gepriesen, so gut er es vermochte; wenn ihm aber diese Weise der Anbetung nicht vonstatten ging, versuchte er eine andere. Wieder und wieder war er mit Flehen vor den HERRN getreten; aber sooft er auch gekommen, stets war er willkommen gewesen. Jehovah hatte sowohl seine abgebrochenen Seufzer und Hilferufe als auch seine gesetzteren, mehr förmlichen Bittgebete gehört, d. h. erhört, sie gnädig angenommen und beantwortet; deshalb liebte er Gott von ganzem Herzen. Erhörte Gebete sind seidene Bande, die unsere Herzen mit Gott verknüpfen. Wenn jemandes Gebete gnädig beantwortet werden, ist Liebe die naturgemäße Folge. Die beiden Aussagen dieses Verses sind in unserer Sprache richtig in der Zeitform der Gegenwart wiedergegeben. Aus den Formen des Grundtextes entnehmen wir aber, dass es nicht eine Stimmung des Augenblicks, sondern der längst eingetretene und ungeschwächt fortdauernde Zustand seines Herzens war, dass er Jehovah liebte, und zwar, weil der HERR sein Flehen zu erhören pflegte , dies also eine Erfahrung war, die sich bei ihm immer wieder aufs Neue wiederholte. Das Gleiche darf und soll bei jedem mit Gott ringenden Gläubigen der Fall sein. Beständige Liebe fließt aus täglich erfahrener Gebetserhörung.

2. Denn er neigte sein Ohr zu mir , beugte sich nieder von seiner Erhabenheit, um auf meine Bitten zu lauschen. Das Bild ist wohl das eines sorgsamen Arztes oder eines liebevollen Freundes, der sich über einen Kranken, dessen Stimme schwach und kaum hörbar ist, neigt, um jeden Ton aufzufangen, auch das leiseste Flüstern zu vernehmen. Wenn unser Beten sehr schwach ist, so dass wir es selber kaum hören und zweifeln, ob das überhaupt gebetet heiße, leiht er uns dennoch ein hörendes Ohr und beachtet unsere demütig flehenden Bitten. Darum will ich mein Leben lang ihn anrufen. All die Tage meines Lebens hindurch will ich mein Bitten an Gott allein richten, und zu ihm will ich ohne Unterlass beten. Es ist immer am klügsten, dahin zu gehen, wo wir willkommen sind und man uns freundlich entgegenkommt. Das Wort anrufen kann Lobpreis so gut einschließen wie Bittgebet; den Namen des HERRN anrufen ist in der Schrift vielfach (siehe auch V. 4.13.17) der feierliche, vielsagende Ausdruck für Anbetung aller Art. Wenn unser Gebet bei all seiner Schwäche gehört und nach der Kraft und Erhabenheit Gottes beantwortet wird, dann werden wir in der Gewohnheit des Betens bestärkt und in dem Entschluss, ohne Unterlass Gott anzuliegen, befestigt. Wir zwar würden einem Bettler nicht danken, der uns mitteilte, dass er, weil wir sein Ansuchen gewährt, nun nie aufhören werde, bei uns zu betteln; und doch ist es ohne Zweifel Gott angenehm, wenn seine Bittsteller den Entschluss fassen, mit Bitten allezeit fortzufahren, denn dadurch erweist sich die Größe seiner Güte und der Reichtum seiner Geduld. An jedem Tage, wie beschaffen er auch sei, lasst uns den Alten der Tage mit Flehen und Lobpreis anrufen. Er hat verheißen, unsre Kraft solle sein wie unsre Tage (siehe Bd. I, S. 415 Anm.); lasst uns darum beschließen, dass unsern Tagen auch unsre Anbetung entsprechen solle.

3. Der Sänger geht nun dazu über, die Lage zu beschreiben, in der er gewesen, da er zu Gott betete. Stricke des Todes hatten mich umfangen. Gleichwie Jäger einen Hirsch mit Hunden und Treibern umstellen, dass kein Weg zum Entrinnen bleibt, so war der Psalmist von einem Ringe tödlicher Kümmernisse umschlossen. Die Stricke des Grams, der Schwachheit und Furcht, mit denen der Tod die Menschen zu binden pflegt, ehe er sie zu der langen Gefangenschaft wegschleppt, waren alle um ihn. Und zwar umringten ihn diese Nöte nicht in einem weiten Kreise, sondern sie waren ihm ganz auf den Leib gerückt und hielten ihn fest umfangen. Und Ängste der Hölle hatten mich getroffen. Schrecken gleich denen, die die Verdammten quälen, trafen mich, ergriffen mich, sie machten mich ausfindig, durchwühlten mich durch und durch und machten mich zu ihrem Gefangenen. Mit den Ängsten der Hölle meint er die Herzbeklemmungen, die Bangigkeiten, die dem Sterben eigentümlich sind, die Schrecken, die sich uns mit dem Grabe verbinden. Diese waren so nahe auf ihm, dass sie die Zähne in ihn gruben, wie die Hunde tun, wenn sie ihre Beute erhaschen. Ich kam in Jammer und Not - um mich her hatte ich Drangsal und in mir Harm. Seine Kümmernisse waren zwiefach, und indem er sie zu ergründen suchte, wuchsen sie. Wörtlich heißt es, er habe sie angetroffen, gefunden. Ein Mensch freut sich, wenn er einen Schatz findet; was aber muss es um die Qual eines Mannes sein, der, wo er es am wenigsten erwartete, auf eine Ader von Jammer und Not, von Bedrängnis und Kummer trifft? Der Psalmist war von der Trübsal gesucht worden, und nicht vergeblich, sie hatte ihn aufgespürt; als er selber aber ihr nachspürte, fand er keine Erleichterung, sondern doppelten Schmerz.

4. Aber ich rief an den Namen des HERRN. Beten geschieht nie zur Unzeit; der Psalmist betete, als alles am schlimmsten stand. Als er nicht zu Gott eilen konnte, rief er ihn an. In seiner äußersten Not wurde sein Glaube tätig. Es war unnütz, Menschen anzurufen, und es mag fast ebenso vergeblich geschienen haben, sich an den HERRN zu wenden; dennoch rief er mit ganzer Seele den Namen des HERRN an, alle die Vollkommenheiten, die in dem heiligen Namen Jehovah ihre Zusammenfassung finden, und erwies damit die Aufrichtigkeit seines Vertrauens. Unser manche können sich gewisser ganz besonderer Zeiten der Not erinnern, von denen wir jetzt sagen können: Da rief ich an den Namen des HERRN. Der Psalmist wandte sich an Gottes Barmherzigkeit, Wahrheit, Macht und Treue, und betete also: O HERR, errette meine Seele! Diese Bitte ist kurz und doch umfassend, sie trifft ins Schwarze, ist demütig und ernstlich. Es wäre gut, wenn viele unsrer Gebete nach diesem Muster geformt wären. Vielleicht wäre es mehr der Fall, wenn wir uns in ähnlichen Umständen befänden wie der Psalmdichter, denn echte Not gebiert echtes Beten. In diesem Gebet finden wir keine Häufung von Worten und keine fein gedrechselten Sätze; alles ist einfach und natürlich, kein überflüssiges Wort und doch auch keines zu wenig.

5. Der HERR ist gnädig und gerecht. Darin, dass Jehovah Gebet erhört, treten sowohl seine Gnade als auch seine Gerechtigkeit ins helle Licht. Es ist große Huld von ihm, dass er auf das Gebet eines Sünders hört; und doch, da der HERR es verheißen hat, dürfen wir sprechen: Er ist nicht ungerecht, dass er seine Zusage vergesse und das Rufen seiner Kinder unbeachtet lasse. Die Verbindung von Gnade und Gerechtigkeit in dem Verhalten des HERRN gegen die, welche ihm dienen, können wir uns nur erklären, wenn wir des Sühnopfers unseres Herrn Jesus Christus gedenken. Am Kreuze sehen wir, wie gnädig der HERR ist und wie gerecht. Und unser Gott ist barmherzig, von zärtlich mitempfindender, teilnehmender Liebe. Wir, die wir uns ihn als unsern Gott im Glauben zugeeignet haben, hegen keinen Zweifel an seiner Barmherzigkeit, denn er wäre nie unser Gott geworden, wenn er nicht der Erbarmer wäre. Sieh, wie die Gerechtigkeit Gottes gleichsam zwischen zwei Schutzwachen der Liebe steht: gnädig, gerecht, barmherzig. Das Schwert der Gerechtigkeit ruht in einer von Edelsteinen strahlenden Scheide der Gnade.

6. Der HERR behütet die Einfältigen. Leute, die sehr viel Verstand haben, mögen für sich selber sorgen. Solche aber, denen es an irdischer Geschicklichkeit, weltlicher Schlauheit und List gebricht, die aber einfältig auf den HERRN trauen und tun, was recht ist, mögen sich darauf verlassen, dass Gottes Hut über ihnen walten wird. Die Weisen dieser Welt werden bei all ihrer Klugheit in ihren eigenen Listen gefangen; die aber mit ganzer Wahrhaftigkeit in Frömmigkeit vor Gott wandeln, werden gegen die Ränke ihrer Widersacher geschützt werden und ihre Feinde überleben. Die Gläubigen sind wie Schafe mitten unter Wölfen; aber wiewohl die Schafe gegenüber den Wölfen wehrlos sind, gibt es in der Welt doch mehr Schafe als Wölfe, und es ist höchst wahrscheinlich, dass die Schafe noch in Sicherheit weiden werden, wenn kein einziger Wolf mehr auf Erden übrig ist. So werden auch die Sanftmütigen das Erdreich besitzen, wenn die Gottlosen nicht mehr sein werden. Wenn ich unterliege (wörtl.: schwach bin), so hilft er mir. Auch an mir Einfältigem ging der HERR nicht vorüber. Wiewohl ich von Trübsalen zu Boden gedrückt, von Verleumdung gebeugt, im Gemüte niedergeschlagen, am Leibe infolge von Krankheit und Kummer schwach war, half mir der Herr, und er tut es immer wieder. Es gibt mancherlei Weise, wie ein Kind Gottes zu einem tiefen Bewusstsein seiner Schwäche geführt werden kann; aber die Hilfe Gottes ist ebenso mannigfaltig wie die Bedürftigkeit seines Volkes. Ihrer Tausende in der Gemeine des HERRN könnten auch in unsern Tagen bezeugen: Ich war schwach, ja ich war am Unterliegen, aber Er half mir! Mit diesem Bekenntnis sollten wir aber auch nicht zurückhalten, zur Ehre des HERRN wie auch zum Trost für andere, die durch gleiche Feuerproben hindurch müssen. Beachten wir, wie der Psalmist, nachdem er den allgemeinen Satz aufgestellt hat, dass der HERR die Einfältigen behütet, ihn an seiner eigenen Erfahrung erhärtet und beleuchtet. Die Gewohnheit, eine allgemeine Wahrheit auf uns selber anzuwenden und ihre Kraft in dem eigenen Falle zu erproben, ist eine überaus gesegnete und glückbringende; denn auf diese Weise wird das Zeugnis von Christo an uns bekräftigt
(1.Kor. 1,6) und werden wir selber Zeugen des HERRN.

7. Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, wörtl.: kehre zurück zu deiner Ruhe. Er nennt die Ruhe noch sein eigen und fühlt sich innerlich frei, zu ihr zurückzukehren. Welche Wohltat ist es, dass wir, selbst wenn unsre Seele ihre Ruhe eine Weile verlassen hat, ihr sagen dürfen: Die Ruhe ist doch noch für dich da! Der Psalmist war offenbar in seinem Gemüt beunruhigt: und gestört gewesen, die Leiden hatten ihn außer Fassung gebracht; jetzt aber, da er unter dem Eindruck der Erlebnisse von dem Bewusstsein, dass sein Gebet Erhörung gefunden, durchdrungen ist, kann er seine Seele stillen. Er hatte zuvor sich des Herzensfriedens erfreut, denn er kannte die selige Ruhstatt des Glaubens; darum kehrt er wieder zu dem Gott, der in früheren Tagen die Zuflucht seiner Seele gewesen war. Wie das Vöglein zu seinem Neste fliegt, so eilt seine Seele zu seinem Gott. Wenn je ein Kind Gottes auch nur für einen Augenblick seine Gemütsruhe verliert, sollte es darauf aus sein sie wiederzufinden, nicht indem es sie in der Welt oder in seiner eigenen Erfahrung sucht, sondern bei dem HERRN allein. Wenn der Gläubige betet und der HERR ihm sein Ohr zuneigt, dann liegt die Straße zu der alten Ruhestätte geradeaus vor ihm; säume er nicht, sie einzuschlagen. Denn der HERR tut dir Gutes oder hat dir Gutes getan. Du dienst einem guten Gott und hast auf einen sicheren Grund gebaut; streife nicht umher, um irgendeine andere Ruhestätte zu finden, sondern komm zurück zu ihm, der ehedem sich herabgelassen hat, dich durch seine Liebe so reich zu machen. Was für ein herrlicher Text ist doch unser Vers, und welch schöne Auslegung desselben bietet der Lebenslauf eines jeden Gläubigen, es sei Mann oder Frau. Ja wahrlich, der HERR hat uns Gutes getan auf die freigebigste Weise, denn er hat uns seinen Sohn gegeben und in ihm alles, er hat uns seinen Geist gesandt und teilt uns durch ihn alle geistlichen Segnungen mit. Gott handelt an uns, wie es Gottes würdig ist; er öffnet uns seine Fülle, und aus dieser Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Wir sitzen nicht an dem Tische eines Geizhalses, nicht von karger Hand sind wir gekleidet, nicht von einem missgünstigen Verwalter ausgerüstet worden. Drum lasst uns wieder zu ihm gehen, der uns mit solch ausnehmender Güte behandelt hat. - Es folgen noch der Gründe mehr.

8. Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Der dreieinige Gott hat uns eine dreieinige Erlösung geschenkt: unser Leben ist vor dem Grabe verschont, unser Herz aus seinem Kummer aufgerichtet und unser Lebensgang vor Schande bewahrt worden. Wir sollten uns nicht zufrieden geben, bis wir uns dieser dreifachen Errettung bewusst sind. Ist unsere Seele vom ewigen Tode errettet, warum weinen wir denn? Was für Ursache, uns zu härmen und zu sorgen, bleibt da noch? Woher diese Tränen? Und sind uns die Tränen vom Angesicht gewischt worden, können wir es dann noch leiden, wieder in Sünde zu fallen? Lasst uns nicht ruhen, bis wir festen Fußes den Pfad der Redlichen wandeln, jeder Schlinge entgehend und jeden Stein des Anstoßens meidend. Heil, Freude und Heiligkeit müssen Hand in Hand gehen und sind miteinander für uns in dem Gnadenbunde bereit. Der Tod ist ein überwundener Feind, die Tränen werden getrocknet und alle Furcht verbannt, wenn der HERR uns nahe ist.
  So hat der Psalmdichter die Gründe seines Entschlusses, den HERRN sein Leben lang anzurufen, dargelegt, und niemand kann bezweifeln, dass er zu einem Beschlusse gekommen war, den er auch rechtfertigen konnte. War er aus solchen Tiefen errettet worden durch ein so besonderes Eingreifen Gottes, so war er ohne Zweifel verbunden, für immer ein treuer Verehrer Jehovahs zu sein, dem er so viel verdankte. Fühlen wir nicht alle die Kraft dieser Beweisführung, und wollen wir die Schlussfolgerung nicht verwirklichen? Möge Gott der Heilige Geist uns helfen, also ohne Unterlass zu beten und dankbar zu sein in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an uns.
9. Ich werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen.
10. Ich glaube, darum rede ich.
Ich werde aber sehr geplagt.
11. Ich sprach in meinem Zagen:
Alle Menschen sind Lügner.
12. Wie soll ich dem HERRN vergelten
alle seine Wohltat, die er an mir tut?
13. Ich will den Kelch des Heils nehmen
und des HERRN Namen predigen.

9. Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen. Als wunderbar Geretteter darf er sich im weiten Lande der Lebendigen wieder frei und ungehemmt ergehen. Sein Entschluss aber - der zweite, den er in diesem Psalme ausspricht, siehe V. 2 - ist, als vor Gottes Augen unter den Menschenkindern zu leben. Unter dem Wandel mag auch hier, wie so oft, die Lebensweise zu verstehen sein. Manche Menschen leben nur als im Angesicht ihrer Mitmenschen, sie schauen nur auf das Urteil und die Ansichten der Leute. Der wahrhaft Fromme aber bedenkt allezeit, dass Gott gegenwärtig ist, und handelt unter dem Einfluss seines allsehenden Auges. "Du, Gott, siehst mich" ist ein viel stärkerer Antrieb als "mein Meister sieht mich". Ein Leben des Glaubens, der Hoffnung, heiliger Furcht und wahrer Heiligkeit wird bewirkt durch das Bewusstsein, vor Gott zu leben und zu wandeln, und wer durch erhörte Gebete mannigfaltige göttliche Rettung empfangen hat, findet in seiner eigenen Erfahrung den besten Grund zu einem heiligen Leben und die kräftigste Unterstützung seiner Bestrebungen. Wir wissen, dass Gott den Seinen in besonderer Weise nahe ist; wie sollten wir denn geschickt sein mit heiligem Wandel und gottseligem Wesen!

10. Ich glaube, darum rede ich.3 Ich könnte so nicht sprechen, wäre überhaupt verstummt, wenn der Glaube nicht in mir sich als Kraft erwiese. Ich würde niemals zu Gott im Gebet geredet haben noch auch jetzt fähig sein, vor meinen Mitmenschen Zeugnis abzulegen, wenn der Glaube mich nicht lebendig erhalten und mir eine Errettung gebracht hätte, die zu rühmen ich allen Grund habe. Von göttlichen Dingen sollte kein Mensch reden, es sei denn, dass er glaube (vergl. 2.Kor. 4,13). Die Rede eines schwankenden, zweifelnden Menschen richtet Unheil an, aber die Zunge des Gläubigen ist nütze. Die mächtigste Sprache, die je von eines Menschen Lippen geflossen, entstammt einem Herzen, das von der Wahrhaftigkeit Gottes völlig überzeugt ist. Nicht nur der Sänger unseres Psalms, auch solche Männer wie Luther und Calvin und andere große Glaubenszeugen haben aus vollstem Herzen sprechen können: "Ich glaube, darum rede ich." Ich werde (wohl besser: war) aber sehr geplagt. Daran ist kein Zweifel: die Not war so schlimm und schrecklich, wie sie nur sein konnte, und da ich von ihr befreit bin, bin ich sicher, dass die Errettung nicht eine schwärmerische Selbsttäuschung, sondern eine Tatsache ist; deshalb bin ich umso mehr entschlossen, zu Gottes Ehre zu reden. Wiewohl der Psalmist schwer bedrückt war, hatte er doch nicht aufgehört zu glauben; sein Vertrauen ward auf eine harte Probe gestellt, aber nicht zerstört.

11. Ich sprach in meinem Zagen (oder, wenn man das Wort in etwas schärferer Bedeutung fasst: in meiner Bestürzung): Alle Menschen sind Lügner. In beschränktem Sinn gefasst lässt sich dieser Ausspruch rechtfertigen, auch wenn er dem Psalmisten in der Bestürzung des Augenblicks entfahren war; denn alle Menschen werden sich als trügerisch erweisen, wenn wir in ungehöriger Weise auf sie unser Vertrauen setzen, die einen aus Mangel an Aufrichtigkeit, die andern aus Mangel an Macht zu helfen. Doch anscheinend hat der Dichter selbst seine Sprache nicht rechtfertigen wollen, sondern sie als ein Überwallen seines heftigen Temperaments betrachtet. In dem Sinn, in dem er es gesagt, war das Wort unverantwortlich. Er hatte kein Recht, allen Menschen zu misstrauen, denn ihrer viele sind ehrenwert, wahrhaftig und gewissenhaft. Noch leben treue Freunde und zuverlässige Anhänger; und wenn sie uns manchmal enttäuschen, sollten wir sie darum doch nicht Lügner nennen, wenn ihr Versagen ihrer Ohnmacht zu helfen, und nicht einem Mangel an Willigkeit entspringt. Bei großen Trübsalen werden wir stets versucht sein, uns über unsere Mitmenschen übereilte Urteile zu bilden, und in Erkenntnis dessen sollten wir unser Gemüt sorgfältig bewachen und die Tür unserer Lippen wohl in Acht nehmen. Der Psalmist hatte geglaubt, darum hatte er geredet; er hatte gezweifelt, darum sprach er überstürzt. Er glaubte, darum betete er mit Recht zu Gott; er misstraute, darum klagte er zu Unrecht Menschen an. Das Sprechen ist in manchen Fällen so schlimm, wie es in andern Fällen gut ist. Auf hastiges Reden folgt im Allgemeinen bittere Reue. Es ist viel besser, wir seien still, wenn unser Gemüt aufgeregt und bestürzt ist; denn es ist leichter etwas gesagt, als das Gesagte wieder zurückgenommen und gut gemacht. Wir können unsre Worte bereuen, aber wir vermögen nicht, sie wieder zurückzurufen und das Unheil, das sie angerichtet haben, ungeschehen zu machen. Wenn selbst dieser Gottesmann seine Worte widerrufen musste, da er in Übereilung geredet, wird unser keiner seiner Zunge ohne festen Zügel trauen dürfen.

12. Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut? Vernünftigerweise lässt er das Grübeln über die Unzuverlässigkeit und Falschheit der Menschen fahren, schickt seine üble Laune fort und wendet sich zu seinem Gott. Es hat wenig Zweck, fort und fort auf den schrill tönenden Saiten der menschlichen Unvollkommenheit und Betrüglichkeit herumzuspielen; unendlich besser ist es, die Vollkommenheit und Treue Gottes zu rühmen. Die Frage des Verses ist sehr passend: der HERR hat uns so viel Barmherzigkeit erwiesen, dass wir wohl um uns her und in uns Umschau halten sollten, um zu sehen, was wir etwa tun können, um unsere Dankbarkeit zu zeigen. Wir sollten nicht nur tun, was klar vor uns liegt, sondern auch mit heiligem Scharfsinn verschiedenerlei Weisen ausspüren, darin wir neuen Lobpreis unserm Gott darbringen können. Seiner Wohltaten sind so viele, dass wir sie nicht zählen können; darum seien auch unsere Weisen, seine Gaben zu bescheinigen, im richtigen Verhältnis mannigfach und zahlreich. Jedweder sollte seine besondere Art haben, den Dank zum Ausdruck zu bringen. Der HERR sendet unser jedem besondere Wohltaten, so möge denn auch jeder fragen: Was kann ich tun, solche Liebe zu vergelten? Welche Art des Dienens würde sich für mich am besten schicken?

13. Ich will den Kelch des Heils nehmen. "Ich will nehmen", das ist eine seltsame Antwort auf die Frage: "Womit soll ich dem HERRN vergelten?" Und doch ist es die weiseste Antwort, die nur gegeben werden mag. Was sollte unsereiner besseres tun können, um Gott Dank zu sagen, als dass wir aus den empfangenen Gnaden Kraft schöpfen, um um mehr Gnade bitten zu können? - Das Emporheben und Austrinken des Kelches der Segnung oder Danksagung für die erfahrene Rettung, wie es beim Passahmahle geübt wurde, war an und für sich eine feierliche gottesdienstliche Handlung, und es war von andern Formen der Anbetung begleitet, daher der Psalmist fortfährt: Und des HERRN Namen predigen (feierlich an- und ausrufen). Er will sagen, dass er Anbetung, Danksagung und Bitten darbringen wolle und dann trinken von dem Kelche, den der HERR mit seiner heilsamen Gnade gefüllt hat. Welch kostbarer Trank ist das! Auf dem Tische der unendlichen Liebe steht der voll eingeschenkte Segensbecher; uns gebührt es, ihn im Glauben zur Hand zu nehmen, ihn uns persönlich anzueignen und daraus zu trinken und dann mit fröhlichem Herzen den Gnädigen und Barmherzigen zu loben und zu preisen, der ihn uns zugute gefüllt hat, damit wir trinken und erquickt werden. Wir können das sinnbildlich am Tisch des HERRN tun, und geistlich jedes Mal, sooft wir den goldenen Kelch des Bundes ergreifen, die Fülle des darin enthaltenen Segens uns aneignen und durch den Glauben seinen göttlichen Inhalt in unser Innerstes aufnehmen. Geliebter Leser, lass uns hier innehalten und aus dem Becher, den Jesus für uns gefüllt hat, einen langen, tiefen Zug tun und dann mit andächtigem Herzen den Vater aller Gnaden anbeten.
14. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen
vor all seinem Volk.
15. Der Tod seiner Heiligen
ist wert gehalten vor dem HERRN.
16. O HERR, ich bin dein Knecht;
ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn.
Du hast meine Bande zerrissen.
17. Dir will ich Dank opfern
und des HERRN Namen predigen.
18. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen
vor all seinem Volk
19. in den Höfen am Hause des HERRN,
in dir, Jerusalem.
Hallelujah!

14. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen vor all seinem Volk. Der Psalmist hat bereits (V. 13) seinen dritten Entschluss angegeben, nämlich sich der Anbetung Gottes zu widmen, und jetzt beginnt er mit der Vollführung dieses Entschlusses. Die Gelübde, die er in der Angst der Not getan, beschließt er zu erfüllen, und zwar alsbald und öffentlich, vor dem ganzen Volk des HERRN. Gute Entschlüsse kann man nicht leicht zu schnell ausführen; Gelübde werden zu Schulden, und Schulden wollen bezahlt sein. Bei der Begleichung rechtschaffener Schulden ist es gut, Zeugen zu haben; so brauchen auch wir es nicht zu scheuen, wenn Zeugen zugegen sind, da wir heilige Gelübde erfüllen, denn das wird kundtun, dass wir uns unseres HERRN nicht schämen, und es mag denen, die uns dabei sehen und uns öffentlich das Lob unseres Gebet erhörenden Gottes verkündigen hören, von großem Segen sein. Wie aber können diejenigen das tun, die sich nie mit ihrem Munde zu Jesu als ihrem Heiland bekannt haben? O ihr heimlichen Jünger (Joh. 19,38), was sagt ihr zu diesem Verse? Fasset Mut, ans Licht zu kommen und euren Erlöser zu bekennen! Seid ihr in Wahrheit gerettet, so tretet hervor und bezeugt es in der von ihm selbst verordneten Weise.

15. Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn. wörtl.: Kostbar (nicht wohlfeil, dem Sinne nach wie
Ps. 49,9: zu kostbar) ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Heiligen oder Frommen. Darum ließ er nicht zu, dass der Psalmist sterbe, sondern errettete seine Seele vom Tode. Die allgemeine Form der Aussage deutet wohl an, dass das Lied dazu bestimmt war, israelitische Familien an die irgendeinem Glied des Haushalts zuteil gewordenen Wohltaten zu erinnern, wenn der Betreffende schwer krank gewesen und ihm die Gesundheit wieder geschenkt war, weil der HERR das Leben der ihm treu Ergebenen teuer achtet und sie oft erhält, wenn andere umkommen. Sie sollen nicht vorzeitig sterben; sie sind unsterblich, bis ihr Werk getan ist, und wenn ihr Stündlein schlägt, dann wird ihr Tod kostbar sein. Der HERR wacht über ihrem Sterbebette, glättet ihnen die Kissen, hält ihre Herzen aufrecht und nimmt ihre Seele zu sich. Die mit dem kostbaren Blute Erkauften sind Gott so teuer, dass selbst ihr Tod vor ihm wertgeachtet ist. Die Sterbebetten der Heiligen sind auch für die Gemeine des HERRN äußerst kostbar, sie lernt oft viel von ihnen; sie sind allen Gläubigen viel wert, die so gerne die letzten Worte der Hingeschiedenen als kostbaren Schatz sammeln; aber am kostbarsten sind sie dem HERRN selber, der den triumphierenden Heimgang seiner Begnadigten mit heiliger Wonne beschaut. Haben wir im Lande der Lebendigen vor seinem Angesicht gewandelt (V. 9), so brauchen wir uns nicht zu fürchten, vor seinem Angesicht zu sterben, wenn die Stunde unseres Abscheidens vorhanden ist.

16. Während er seine Gelübde bezahlt, weiht der Gottesmann sich aufs Neue dem HERRN. Das Opfer, das er bringt, ist er selbst, denn er ruft: O HERR, ich bin dein Knecht; ich erkenne es mit Freuden an, dass ich dein bin, rechtmäßig, wahrhaftig, von ganzem Herzen, auf immer dein, denn du hast mich befreit und erlöst. Ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn , ein im Hause geborener Knecht, geboren von einer Magd und also als Knecht geboren, darum doppelt dein. Meine Mutter war deine Magd, und ich, ihr Sohn, bekenne es, dass ich ganz und gar dein Eigen bin auf Grund von Ansprüchen, die sich aus meiner Geburt herleiten. O dass die Kinder gottesfürchtiger Eltern so schließen würden! Aber ach, es gibt ihrer viele, die wohl Söhne von des HERRN Mägden, aber selber nicht seine Knechte sind. Sie liefern den traurigen Beweis, dass Frömmigkeit sich nicht vererbt, die Gnade nicht im Blute steckt. Die Mutter des Psalmdichters war offenbar eine gottselige Frau, und er gedenkt mit Freuden dieser Tatsache und sieht darin eine neue Verpflichtung, sich Gott zu weihen. Du hast meine Bande zerrissen - Befreiung aus Sklaverei bindet mich an deinen Dienst. Wer aus den Banden von Sünde, Tod und Hölle erlöst ist, sollte frohlocken, dass er das sanfte Joch des großen Sklavenbefreiers tragen darf. Beachten wir, welch eine Wonne es dem Sänger ist, dabei zu verweilen, dass er dem HERRN angehört; es ist augenscheinlich sein Ruhm, etwas, darauf er stolz ist, eine Sache, die ihm tiefe Befriedigung gewährt. Wahrlich, es sollte uns zur Entzückung hinreißen, wenn wir Jesum unsern Herrn und Meister nennen dürfen und von ihm als seine Knechte anerkannt sind.

17. Dir will ich Dank (-Opfer) opfern. Als dein Knecht bin ich verpflichtet, dir zu huldigen, und da ich geistliche Segnungen von deiner Hand empfangen habe, will ich nicht nur Ochsen und Böcke opfern, sondern will darbringen, was geziemender ist, nämlich den Dank meines Herzens. Meine innerste Seele soll dich voll Dankgefühls anbeten. Und des HERRN Namen predigen , ihn feierlich an- und ausrufen. In Ehrfurcht will ich mich vor dir beugen, mein Herz liebend zu dir erheben, über die innere Herrlichkeit deines Wesens sinnen und dich so, wie du dich offenbarst, anbeten. Er liebt augenscheinlich diese Beschäftigung; mehrmals in diesem Psalm erklärt er, dass er den Namen des HERRN anrufen wolle, während er sich zugleich darüber freut, dass er es so oft zuvor getan. Gute Gemütsregungen und Handlungen vertragen Wiederholung; je mehr herzinnigen Anrufens Gottes, desto besser.

18. Ich will meine Gelübde dem HERRN bezahlen vor all seinem Volk. Er wiederholt auch diese Erklärung. Etwas Gutes darf man wohl zweimal sagen, es ist es wert. Auf diese Weise spornt er sich zu größerem Eifer, Inbrunst und Sorgfalt im Halten seines Gelübdes an - und bezahlt es im selben Augenblick, da er seinen Entschluss, dies zu tun, ankündigt. Die Gnade kam heimlich, der Dank aber wird öffentlich erstattet. Immerhin in gewählter Gesellschaft; er warf seine Perlen nicht vor die Säue, sondern legte sein Zeugnis vor denen ab, die es zu verstehen und zu schätzen vermochten.

19. In den Höfen am Hause des HERRN , am richtigen Ort, wo Gott verordnet hatte, dass man ihn anbete. Sieh, wie bewegt er wird, da er des Hauses des HERRN gedenkt, und wie er von der Heiligen Stadt nicht anders als mit freudiger Erregung sprechen kann: In dir, Jerusalem. Schon der bloße Gedanke an das geliebte Zion brachte sein Herz in Wallung, und er schreibt, als redete er tatsächlich Jerusalem an, dessen Name ihm so teuer ist. Dort will er seine Gelübde bezahlen, an der Stätte der Gemeinschaft, im Herzen Judäas, da die Stämme hinaufgehen, die Stämme des HERRN (Ps. 122,3.4). Nichts Schöneres gibt es, als für Jesum da Zeugnis abzulegen, wo der Bericht davon in tausend Häuser getragen wird. Gottes Lob soll nicht auf ein Stübchen beschränkt bleiben, noch sein Name nur in Ecken und Winkeln geflüstert werden, als scheuten wir es, dass die Leute uns hören. Nein, im dichtesten Gedränge und mitten in den großen Versammlungen sollten wir Herz und Stimme zu dem HERRN erheben und die andern einladen, sich mit uns in seiner Anbetung zu vereinigen, indem wir rufen: Hallelujah, d. i. preist den HERRN. Das ist ein gar passender Schluss für ein Lied, das gesungen werden sollte, wenn das ganze Volk in Jerusalem versammelt war, Fest zu feiern. Der Geist Gottes bewog die Verfasser dieser Psalmen, ihnen eine Form zu geben, die so ganz den Umständen angemessen war, was freilich damals augenscheinlicher zu Tage trat als heute. Aber genug ist doch davon wahrnehmbar, um uns zu überzeugen, dass jede Zeile und jedes Wort den Anlässen eigentümlich angepasst war, für die die heiligen Lieder verfasst waren. Wenn wir dem HERRN Anbetung darbringen, sollten wir mit großer Sorgfalt die Worte sowohl des Bittens als des Lobpreises wählen und nicht uns darauf verlassen, wo das Gesangbuch sich gerade öffnet oder was für Worte sich uns beim Beten ohne Nachdenken darbieten. Lasst alles schicklich und ordentlich zugehen (1.Kor. 14,40) und alles beginnen und enden mit Hallelujah, mit dem Preis des HERRN!

Erläuterungen und Kernworte

Der ganze Psalm geht, so dünkt mich, auf den verherrlichten Christus, der, nach seinem Leiden zur Herrlichkeit erhöht, hier der Welt verkündigt, was für Gnadenerweisungen von Gott er in den Tagen seines Fleisches erlebt und was für Herrlichkeit er in dem Reich seines himmlischen Vaters empfangen hat. Dies alles jedoch ist in eine der Haushaltung des Alten Bundes angepasste Redeweise gekleidet, so dass der höhere geistliche Sinn aus der sinnbildlichen Form herausgeschält werden muss.4 W. H. Tucker 1840.
  Die Absicht dieses Psalms geht dahin, unter dankbarem Angedenken an die genossene Hilfe Gottes sich ganz und gar an ihn aufzuopfern. 1) Der Mann Gottes ist über die Erhörung seines Gebets innig gerührt und fasst den Vorsatz, dem HERRN, seinem Gott, ewiglich anzuhangen, V. 1.2. 2) Er erzählt seine Erfahrung, sowohl was sie für Angst über ihn gebracht, als auch wie er darunter getröstet worden sei, V. 3-9 . 3) Er legt dem HERRN sein dankbares Herz dar, wie er der verschafften Hilfe nimmermehr vergessen, sondern seinem Gott ewiglich anhangen wolle, V. 10-19 . - Bei gesunden oder kranken Tagen sich vom Schrecken des Todes und der Hölle oder doch von ernstlichen Stichen, so die Ewigkeit geben kann, recht durchsuchen lassen, schadet nichts. Es wird viel Härtigkeit der Natur zerbrochen und das Herz zu mancher Erfahrung tüchtig gemacht, die sonst zurückbliebe. Da sieht man, wie die Einfältigen, die sich nicht selbst klug genug sind, noch zu helfen wissen, dem lieben Gott im Herzen liegen; aber auch, mit welcher Beruhigung, Dank, Gehorsam und stiller Zufriedenheit der Glaube seinem Gott und dessen Gnadenvorsatz begegnet und sich unter allem an die bewahrende Gottesmacht hinhängt. K. H. Rieger † 1791.

V. 1. Ich liebe, weil der HERR usw. (Wörtl.) Die meisten Übersetzer wenden den Satz so, als ob durch Versetzung das Wort HERR zu dem ersten Wort zu ziehen wäre: Ich liebe den HERRN, weil er usw. Dadurch wird das Ganze allerdings durchsichtiger und mehr abgerundet; aber die Worte büßen an Nachdruck ein. Denn wenn eines Menschen Herz in Flammen ist und seine Seele von der tiefen Empfindung außerordentlicher erfahrener Huld hingerissen ist, wird seine Gemütsbewegung bewirken, dass er sich in abgebrochenen Sätzen äußert. Daher zeugt diese gedrängte und abgebrochene Redeweise "Ich liebe" von einer völligeren und inbrünstigeren Hingebung, als es eine vollere und fließendere Sprache tun würde. D. W. Gouge 1631.
  O dass wir alle solch ein Herz in uns hätten, dass wir ein jeder wie David, in Davids Gesinnung und mit ebenso gutem Grunde sagen könnten: Ich liebe den HERRN. Das wäre mehr wert, als erstens alle Geheimnisse zu wissen, zweitens zu weissagen, drittens Berge zu versetzen usw. (1.Kor. 13,1 ff.) Ich liebe den HERRN, ist mehr als: Ich kenne den HERRN, denn auch Verworfene können erleuchtet gewesen sein (Hebr. 6,4); mehr als: Ich fürchte den HERRN, denn die Teufel fürchten ihn so sehr, dass sie zittern (Jak. 2,19); und mehr als: Ich bete zum HERRN (Jes. 1,15); kurzum, mehr als alles, getrennt von der Liebe. Denn die Liebe zum HERRN ist das, was allen Dienst und alle Tugenden bei Gott annehmbar macht. D. W. Slater † 1626.
  Ich liebe den HERRN, weil er usw. Wie töricht ist das Gerede, Gott um seiner uns erwiesenen Wohltaten willen zu lieben, sei lohndienerisch und könne nicht reine Liebe sein. Kann überhaupt andere Liebe aus dem Herzen des Geschöpfes gegen seinen Schöpfer fließen? Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat, hat der Jünger gesagt, der seinem Herrn am nächsten stand. (1.Joh. 4,19.) Und unsere Liebe und unser kindlicher Gehorsam werden in eben dem Maße wachsen, als wir uns unserer Liebesschuld gegen Gott tiefer bewusst werden. Liebe erzeugt Liebe. Adam Clarke † 1832.
  Indem Gott unser Flehen hört, tut er dar, wie er auf unsere Umstände achtet, sich um uns persönlich kümmert, mit unserem Elend Mitleid hat, gewillt ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und uns Gutes zu tun. Wie könnten wir daher anders, als ihn lieben? D. W. Gouge 1631.
V. 1.12. Ich liebe. Wie soll ich dem HERRN vergelten? Liebe und Dankbarkeit gleichen den verwandten Elementen, die sich leicht verschmelzen. David beginnt mit dem Bekenntnis seiner Liebe und begründet sie mit der Dankbarkeit (V. 1 b), und um diese Liebe zu noch hellerer Flamme zu entfachen, zählt er in den folgenden Versen so manche Gnadentaten des HERRN auf und ruft dann, da er nun so recht in die Stimmung zum Danken versetzt ist, aus: Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut? W. Gurnall † 1679.
V. 2. Darum will ich mein Leben lang ihn anrufen: in der Zeit der Not zu ihm flehend, in der Zeit der Erfahrung der Hilfe ihn preisend. Raschi † 1105.
  Die Liebe (V. 1) öffnen uns den Mund, dass wir Gott mit fröhlichen Lippen preisen. Die Absicht der Gnadentaten Gottes ist, unser Herz zu ihm zu ziehen. Die Selbstliebe kann uns ins Beten treiben, die Liebe zu Gott hingegen reizt uns zum Loben. Wer darum wohl bittet, aber nicht dankt und lobt, erweist damit mehr, dass er sich selber, als dass er Gott liebt. Thomas Manton † 1677.
  Soll das die Vergeltung sein, die Gott für seine Freundlichkeit, mit der er mich gehört hat, werden soll, dass er nun vor mir keine Ruhe haben soll, weil ich nun beständig zu ihm laufe und ihn anrufe? Bekommt denn Gott irgendetwas durch mein Anrufen, dass ich daraus ein Gelübde machen sollte, als ob ich ihm damit einen Gefallen erwiese? Liebe Seele, ich wollte in der Tat, Gott hätte an mir fortan einen beständigen Bittgänger, wiewohl ich bekenne, dass ich den Freimut dazu nicht hätte, wenn sein eigener Befehl es mir nicht zur Pflicht machte. Soll Gott es mich heißen und ich es nicht tun? Soll Gott ein Ohr neigen und lauschend dastehen und ich schweigen, dass er nichts zu hören bekommt? R. Baker 1640.
  Wenn der Heuchler mit dem Beten Erfolg hat und bekommt, darum er gebeten, hört er mit Beten auf. Ist er vom Krankenlager zu Gesundheit aufgerichtet worden, so lässt er das Beten im Siechbette hinter sich zurück; mit der zunehmenden Kraft wird er schwach im Anrufen Gottes. Und so ist es in andern Fällen. Hat er bekommen, was er beim Beten im Sinne hatte, so verliert er den Sinn zum Beten. Der gottselige Mensch hingegen kann nicht ohne Gebet leben, denn die Gemeinschaft mit Gott ist ihm ein unumgänglich notwendiges Lebensbedürfnis. Die Kreatur ist ihm geschmacklos wie das Weiße im Ei, wenn er sich dabei nicht Gottes erfreuen kann. Joseph Caryl † 1673.
  Mein Leben lang: nicht an etlichen besonderen Tagen, sondern jeden Tag meines Lebens. Denn nur an gewissen Tagen zu beten ist Kennzeichen der Unlust, nicht der Liebe. Ambrosius † 397.
V. 3. Hatten mich getroffen, wörtl.: gefunden. Sie fanden ihn, wie ein Polizist eine Person, die er zu verhaften gesandt ist, alsbald, wenn er sie findet, erfasst und mitnimmt. Wenn Gott Trübsale und Leiden als seine Gerichtsdiener aussendet, um jemand zu packen, so werden sie ihn finden und alsbald an ihn Hand legen. Da gibt es kein Entfliehen, kein sich Loswinden, kein Bitten, kein Bestechen, bis Gott das befreiende Wort spricht: Lasst ihn gehen. Ich stieß auf Jammer und Not, die ich nicht gesucht. Man beachte das Wortspiel im Hebräischen: Ängste der Unterwelt fanden mich, und alsbald fand ich Jammer und Not. Joseph Caryl † 1673.
V. 3-7. In der Regel genießen diejenigen am meisten vom Himmel auf Erden, die zuvor am meisten von der Hölle auf Erden geschmeckt haben. Mt. Lawrence 1657.
V. 4. O HERR, errette meine Seele. Ein kurzes Gebet für eine so schwere Notlage, und doch, so kurz es war, es hatte vollen Erfolg. Haben wir vorher über die Macht, mit der Gott seine Hand auf einen Menschen legen kann, gestaunt, so mögen wir uns nun über die Macht des Gebets wundern, die bei Gott den Sieg davonträgt und erreicht, was nach der Natur unmöglich und für die Vernunft unglaublich ist. R. Baker 1640.
V. 5. Seine Gerechtigkeit ist bereit, nach Verdienst zu vergelten, seine Gnade, über Verdienst, seine Barmherzigkeit, ohne Verdienst mir wohl zu tun. Wäre er nicht gnädig, so könnte ich nicht hoffen, dass er mich hören werde; wäre er nicht gerecht, so könnte ich mich nicht auf seine Verheißungen verlassen; wäre er nicht barmherzig, so könnte ich nicht Vergebung erwarten. Nun er aber gnädig, gerecht und barmherzig ist, wie könnte ich an seiner Willigkeit, mir zu helfen, zweifeln? R. Baker 1640.
V. 6. Wenn er hier sagt: Die Einfältigen behütet der Herr (vergl. Ps. 119,130; Apg. 2,47), so meint er damit nichts anderes, als was auch im Neuen Testamente durch die Einfalt bezeichnet wird: jener lautere Sinn gegen Gott, der ohne Seitenblick auf andere Hilfe und ohne falsche Künste allein von ihm das Heil erwartet. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Die Einfältigen sind die, welche sich selbst nicht zu schützen verstehen und daher auf Jahves Schutz angewiesen sind. (Kimchi.) Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Es sind solche, die ehrlich den geraden Weg der Gebote Gottes einhalten ohne die Schliche und Seitenwege fleischlicher Klugheit, um deren willen Leute bei der Welt für klug gehalten werden. Die Einfältigen schilt die Welt freilich Toren; aber sie sind nicht die Narren, als die man sie einschätzt. Schließlich kommt es doch auf Gottes Urteil an, und danach ist einzig der ein Tor, wer gottesleugnerisch denkt und lebt (Ps. 14,1), der einzige Weise in der Welt hingegen der treu Gesinnte, mit völligem Herzen vor dem HERRN Wandelnde (vergl. 5. Mose 4,6). Diesen Einfältigen, Gottes Toren, die sich in ihren Trübsalen und Nöten nur an die Mittel der Hilfe und des Trostes halten, welche Gott ihnen verordnet hat, gehört diese Verheißung, dass sie vor Unheil und Verderben bewahrt werden sollen. Vergl. Spr. 16,17; 19,16.23, und als Beispiel Asa 2. Chr. 14,8-11, sowie die trefflichen Worte des Sehers Hanani 2. Chr. 16,7-9. D. W. Slater † 1626.
  Wenn ich unterliege, so hilft er mir. Wie gar anders ist Gottes Weise als die der Welt! Wenn da ein Mensch einmal herunterkommt, so tritt man gemeiniglich auf ihm herum, und nur eine Stimme wird laut: Herunter mit ihm, in den Kot! Gottes Lust aber ist es, aufzurichten, die da fallen, und den Unterliegenden zu helfen. R. Baker 1640.
  Er hilft mir das Schwerste tragen und dabei das Größte zu hoffen; hilft mir beten, dass es am ernstlichen Verlangen nach Hilfe nicht fehle, und hilft mir warten, sonst würde mein Glaube aufhören. Mt. Henry † 1714.
V. 7. Kehre, meine Seele, zu deiner Ruhe. (Wörtl.) Der Psalmist war sehr in Unruhe gekommen, er hatte den festen Boden unter den Füßen verloren. Nun aber, da er betet, erfährt er die beruhigende Macht des Gebetes und wiegt er seine Seele in die Ruhe geistlicher Sicherheit. O lerne diese heilige Kunst! Befreunde dich recht mit deinem Gott, lass seinen Willen deinen Willen sein und ruhe in ihm; daraus wird dir viel Gutes kommen. (Hiob 22,21.) Ja, gehe ein in Christi Ruhe. John Trapp † 1669.
  Das Wort Ruhe steht im Grundtext hier in der Mehrzahl, zur Verstärkung, um die volle Ruhe anzuzeigen, die in Gott zu allen Zeiten und unter allen Umständen zu finden ist. D. A. Edersheim 1873.
  Kehre zu der Ruhe, die Christus den Mühseligen und Beladenen gibt (Mt. 11,28 f). Kehre wieder zu deinem Noah (sein Name bedeutet ja Ruhe), wie die Taube, da sie nicht fand, da ihr Fuß ruhen konnte, zu Noah in die Arche zurückkehrte (1. Mose 8,9). Ich wüsste kein besseres Wort, mit dem wir unsere Augen schließen könnten, sei es des Abends, wenn wir schlafen gehen, sei es wenn wir uns zum Tode, dem langen Schlafe, niederlegen. Mt. Henry † 1714.
V. 7.9. Wie können Ruhe und Wandeln beisammen stehen? Ruhe in Gott macht den Menschen nicht müßig, darum ist sie dem Wandeln nicht hinderlich. Und das Wandeln vor dem HERRN macht niemand müde, darum stört es die Ruhe nicht. Nein, sie dienen vielmehr einander, und es wäre schwer zu sagen, ob jene Ruhe der Grund des Wandelns oder umgekehrt der Wandel vor Gott der Grund der Ruhe sei. Es ist beides wahr; denn wer in Gott ruht, kann nicht anders als vor seinen Augen wandeln, und indem wir vor Gott wandeln, kommen wir dazu, in Gott zu ruhen. Das Zurückkehren zu dieser Ruhe ist eine Tat des Glaubens, das Wandeln vor Gott eine Tat des Gehorsams (denn wenn wir ungehorsam sind, gehen wir in der Irre, nur durch Gehorsam wandeln wir auf dem Wege), und diese beiden, Glaube und Gehorsam, sind unzertrennliche Gefährten, die einander stets treu zur Seite stehen. Denn das Gottvertrauen ist der mächtigste Antrieb zum Gehorsam, und der Gehorsam wiederum stärkt das Vertrauen zu Gott. Nathan. Hardy † 1670.
V. 8. Die dankerfüllte Seele zerlegt eine Wohltat in ihre verschiedenen Teile, wie wir es den Psalmisten hier tun sehen. D. Dickson † 1662.
  Einzelne Erfahrungen der befreienden Macht Gottes sind wie Fäden; werden sie aber, wie in unserem Verse, vervielfältigt, so wird aus ihnen eine Schnur, ein Seil der Liebe, das uns zu Gott zieht. Jede Wohltat ist ein Glied, in Menge sind sie wie eine aus vielen Gliedern bestehende Kette, die uns enger an unsere Pflicht bindet. Vereinte Kraft ist stark. Viele Tropfen höhlen einen Stein, und immer neue Wohltaten mögen wahrlich auch auf das steinerne Menschenherz Eindruck machen. Ein Schriftsteller berichtet von einem Manne, den Gott, trotzdem derselbe offenbar ungöttlich gewandelt, so mit Wohltaten überhäuft habe, bis er endlich ausgerufen: "Vicisti, benignissime Deus, indefatigabili tua bonitate - O du gnadenreicher Gott, du hast mich besiegt durch deine unermüdliche Güte", und der von da an sich dem Dienste des HERRN gewidmet habe. Kein Wunder denn, dass der Psalmdichter, nachdem er von so zahlreichen und schweren Bedrängnissen errettet worden, den Entschluss fasst, vor dem HERRN zu wandeln im Lande der Lebendigen. Nathan. Hardy † 1670.
V. 9. Dieser Vers drückt einen heiligen Entschluss aus. Im vorhergehenden hatte er rühmen dürfen, dass der HERR seinen Fuß vom Gleiten gerissen habe, und der erste Gebrauch, den er von dem ihm wiedergeschenkten Gliede machen will, ist, vor dem HERRN zu wandeln. Das erinnert uns an den Bettler vor der schönen Tür des Tempels, zu dem Petrus gesagt hatte: "Im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandele!" und der dann alsbald, als seine Schenkel und Knöchel feststanden, mit den Aposteln in den Tempel ging, wandelte und sprang und Gott lobte vor allem Volk. (Apg. 3,6-9.) Ein dankbares Herz kann man sicher daran erkennen, dass es die Gabe zu Ehren des Gebers nach dessen Sinn verwendet. B. Bouchier 1856.
  Je nachdem wir übersetzen: "Ich werde" oder "Ich will wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen ", sind es Worte vertrauensvoller Erwartung oder gehorsamer Entschließung. Im ersteren Fall verspricht der Psalmist sich etwas von Gott, im letzteren verspricht er selber Gott etwas. Beide Auffassungen sind möglich und nützlich. Vor dem HERRN wandeln kann auch wiederum in zweierlei Sinn gefasst werden: in seinem Dienst, oder: unter seinem Schutz. 1) Auch der Gottlose begehrt im Lande der Lebendigen zu wandeln, ja wenn es möglich wäre, würde er hier ewig bleiben; aber zu welchem Zwecke? Um seinen Lüsten zu frönen, sein volles Teil an Vergnügungen zu bekommen und seinen Reichtum immerdar zu mehren. Des Gottseligen Zweck aber, wenn er zu leben begehrt, ist, vor Gott zu wandeln, dessen Ehre zu fördern und seinen Dienst auszurichten. 2) Vor dem HERRN wandeln kann auch heißen: unter des HERRN sorgsamem Auge. Im Hebräischen lauten die Worte: vor dem Angesicht des HERRN, womit des HERRN Gegenwart, und zwar nicht seine allgemeine, sondern seine besondere Gegenwart oder seine Gnadennähe gemeint ist, in der nicht alle Menschen, sondern nur die Gottseligen wandeln. In diesem Sinne ist Gottes Angesicht soviel wie Gottes Huld. Wie von dem Angesicht des HERRN verstoßen sein heißt: unter seinem Zorne sein, so heißt vor seinem Angesicht wandeln: bei ihm in Gnaden sein. Demnach freut sich also der Psalmist darüber, dass er sicher und wohl behütet in dieser Welt leben wird unter dem sorgsamen Schutz des Allmächtigen. Nathan Hardy 1654.
V. 10. Ich glaube, darum rede ich. Es genügt nicht, dass du glaubst, wenn du nicht auch offen bekennst vor Ungläubigen, Tyrannen und jedermann. Auf Glauben folgt Bekennen; darum haben solche, die kein Bekenntnis ablegen, sich zu fürchten, wie anderseits diejenigen guter Hoffnung sein dürfen, die frei heraus sagen, was sie glauben. Joh. Paulus Palanterius 1600.
  Dieser Vers sollte mit dem vorhergehenden verbunden werden. Ich glaube fest, was ich sage, dass ich nämlich wandeln werde vor dem HERRN im Lande der Lebendigen; darum spreche ich es ohne Zögern, ohne Bedenklichkeit aus. Sam. Horsley † 1806.
  Manche übersetzen die Worte in folgender Weise: Ich glaubte, als ich sprach5 : "Ich bin sehr geplagt", glaubte, als ich in meiner Bestürzung sagte. "Alle Menschen sind Lügner". Das heißt: Wiewohl es auch bei mir nicht immer glatt durchging, sondern bald auf, bald ab, ich mich also in meinen Trübsalen durch gar verschiedene Stimmungen und Gemütsverfassungen hindurchzukämpfen hatte, hielt ich dennoch Glauben, ließ in der Unruhe und Verwirrung die Glaubenshand, mit der ich Gott gefasst, nicht los. John Trapp † 1669.
  Herz und Zunge sollten zusammen gehen. Die Zunge sollte stets des Herzens Dolmetsch, das Herz allezeit der Einflüsterer der Zunge sein. So sollte es sein bei allem, was wir mitteilen oder wo wir ermahnen, sonderlich aber, wenn wir über die göttlichen Dinge reden und die Geheimnisse des Himmels verwalten. David redete aus seinem Herzen, als er aus seinem Glauben redete, denn das Glauben ist eine Tat des Herzens. Joseph Caryl † 1673.
  Ich war aber sehr geplagt. Nachdem unser Sänger von seinem Glauben und dem Reden des göttlichen Wortes gesprochen hat, singt er nun vom Kreuz. Christi Wort und das Kreuz sind unzertrennliche Gefährten. Wie der Schatten dem Körper, so folgt das Kreuz dem Worte Christi; und wie Feuer und Hitze nicht voneinander zu trennen sind, so können das Evangelium Christi und das Kreuz nicht auseinander gerissen werden. Thomas Becon 1542.
V. 11. Alle Menschen sind Lügner. Das heißt, jeder, der nach der gewöhnlichen Menschenweise über das Glück redet und auf die nichtigen und vergänglichen Dinge dieser Welt den Hauptwert legt, ist ein Lügner; denn wahres, gediegenes Gluck ist in dem Lande der Lebendigen nicht zu finden. Diese Erklärung löst den von Basil aufgesetzten Trugschluss: "Sind alle Menschen Lügner, dann war auch David ein Lügner; darum lügt er, wenn er spricht: Alle Menschen sind Lügner." Darauf lässt sich leicht antworten; denn als David also redete, tat er es nicht als Mensch, sondern aus Eingebung des Heiligen Geistes. Kardinal Robert Bellarmin † 1621.
  Welche Beleidigung, jemand einen Lügner zu schelten! Und doch wird kein denkender Mensch den Psalmdichter dafür fordern, dass er hier alle Menschen Lügner nennt, so wenig als den Johannes oder Paulus, wenn sie sagen, wir seien alle Sünder. Wie könnte in der Tat ein Mensch dem entgehen, ein Lügner zu sein, sintemalen das Sein des gefallenen Menschen eine Lüge ist, nicht nur Eitelkeit und in der Waage gewogen weniger denn nichts, sondern wirklich eine Lüge, da er Großes verspricht und doch geradezu nichts zu tun vermag, wie Christus selber gesagt hat (Joh. 15,5). Doch wenn auch von allen Menschen mit Recht gesagt werden kann, dass sie Lügner seien, so doch nicht von allen Menschen in allen Stücken - denn dann würde David selber in dieser seiner Aussage ein Lügner sein - sondern gemeint ist, dass völlig Wahrheit in keinem Menschen zu finden ist - außer in dem einen, der kein bloßer Mensch war. R. Baker 1640.
V. 12. Wie soll ich dem HERRN vergelten usw.? Dankbare Liebe und Treue ist ein Grundzug der echten Frömmigkeit. Wie die Treugesinntheit gegen den Herrscher dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist, so ist es Pflicht und Freude der Frömmigkeit, Gott zu geben, was Gottes ist. Man vergleiche, wie in dem Gleichnis vom Weinberg das, was wir Gott schuldig sind, als ein Geben der Früchte des Weinbergs dargestellt wird
(Mt. 21,41). Siehe ferner Ps. 56,13; Hos. 14,3; 2. Chr. 34,31. Henry Hurst l690.
  Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltaten? Aus der freudelosen Finsternis des Nichtseins hat er uns zum Leben erweckt. Er hat uns durch die Gabe der Vernunft geadelt, uns Künste gelehrt, die das Leben veredeln. Er hat der Erde, sie fruchtbar machend, geboten, uns Nahrung darzureichen, hat den Tieren befohlen, uns als ihre Herren anzuerkennen. Für uns quillt der Regen hernieder, für uns sendet die Sonne ihre Leben weckenden Strahlen aus. Die hochragenden Berge, die blühenden Täler bieten uns angenehme Wohnung und schützende Zuflucht. Für uns fließen die Ströme, murmeln die Quellen; das Meer öffnet seinen Busen, um unsern Handel aufzunehmen, und die Erde erschöpft ihre Schätze uns zugute. Wohin wir blicken, überall bietet sich neue Freude, neuer Genuss dar. Die ganze Natur schüttet ihre Güter zu unsern Füßen aus, durch die freigebige Güte dessen, der da will, dass alles unser sei. Basil der Große † 379.
  Alle. Nur für das eine oder andere danken genügt so wenig wie in einzelnen Stücken gehorsam sein. Nicht, dass irgendein Gotteskind es vermöchte, alle Wohltaten Gottes zusammenzurechnen oder gar für jede einzelne Wohltat eine besondere Dankesquittung zu erstatten. Aber wie der Gläubige Herz und Auge auf alle Gebote des HERRN richtet, so begehrt er auch jede Wohltat Gottes hoch zu schätzen und nach allen seinen Kräften Gott für alles die Ehre zu geben. Wie das Überspringen einer Note den ganzen Wohlklang der Musik zerstören kann, so beeinträchtigt Undankbarkeit in einem Stück unsern Dank im Ganzen. W. Gurnall † 1679.
V. 13. Wie allein er seinem Retter danken kann und will, sagt der Dichter hier. Der Kelch des Heils ist der, welcher unter Dank für das erlebte mannigfaltige und reiche Heil (darum im Grundt. die Mehrzahl) emporgehoben und getrunken wird. Der Dichter hat, wie das Folgende zeigt, das Schelamim-Dankopfermahl im Sinne, wobei in dankvoll heiterer Stimmung gegessen und getrunken wird. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Der Kelch des Heils ist ein sinnbildlicher Ausdruck, anknüpfend an den symbolischen Becher der Danksagung bei dem Passahmahle. Zion, das von der Hand des HERRN den Kelch seines Grimmes getrunken hatte (Jes. 51,17.22), durfte nun aufstehen und den Kelch des Heiles trinken. Und Jesus trank in der Passahnacht von dem bitteren Wein des Zornes Gottes, dass er den Becher für die Seinen wieder füllen könne mit Freude und Heil. D. W. Kay 1871.
V. 13.14.17-19. Das Kämmerlein ist der erste Ort, wo das Herz seine Freude vor Gott ausströmen lässt. Von dort wird die Gemütsbewegung sich zum Familienaltar fortpflanzen, und von hier wiederum weiter zu dem Heiligtum des Höchsten, der Gemeine. J. Morison 1829.
V. 14. Warum vor all seinem Volk ? Nicht, damit der Beter um seines Gebets und seiner Opfer willen bewundert werde, sondern damit die Leute Gott mit ihm und seinem Beispiel folgend preisen. Das Beispiel war umso wichtiger, wenn der Sänger des Psalms der König David war, denn eines Königs Tun hat großes Gewicht beim Volke. Ist es nicht bedeutsam, dass Unfruchtbarkeit in Israel als ein Fluch galt? Wer aber seine Gelübde nicht vor allem Volk bezahlt, mag wohl als unfruchtbar gelten, da er keine geistliche Nachkommenschaft durch sein Beispiel erzeugt. R. Baker 1640.
  Die Zeugen des Gelübdes seien auch Zeugen der Erfüllung desselben. Das eine entspreche dem andern. Das ganze Volk war Zeuge der Drangsale, Bitten und Gelübde Davids gewesen; so will er auch vor ihrer aller Augen den Dank erstatten, den er gelobt. Suche nicht mehr Zeugen bei der Erfüllung deiner Gelübde, als die Vorsehung zu Mitwissenden deiner Versprechungen gemacht hat, es möchte dir sonst als Sucht, dich zur Schau zu stellen und Ruhm zu ernten, ausgelegt werden; sie aber ziehe soviel möglich alle herbei, du könntest sonst eine Gelegenheit, durch dein Beispiel zu wirken, verfehlen oder aber in den Verdacht kommen, dass du dein Gelübde nicht haltest. Hast du auf dem Krankenbett vor deinen Angehörigen und Nachbarn ein Gelübde ausgesprochen? Wende Bedacht darauf, es vor ihnen zu erfüllen; lass sie merken, dass du bist, was du zu sein gelobtest. So gibst du andern Anlass, deinen Vater im Himmel zu preisen. Henry Hurst 1690.
V. 15. Aus dem Erlebten ergibt sich dem Dichter, dass die Frommen Jahves unter dessen besonderer Vorsehung stehen. Eigentlich sollte es wohl heißen, ihre Seele, d. i. ihr Leben, oder ihr Blut sei kostbar usw., wie in der Grundstelle Ps. 72,14. Aber die Bemerkung von Grotius, mit dem, was kostbar sei, gehe man nicht freigebig um, passt auch so. Der Tod seiner Frommen ist Gott nicht wohlfeil, er lässt es nicht leicht dazu kommen, er lässt die Seinen sich nicht durch den Tod entreißen. - Nach Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Wie ist doch die Sache des Evangeliums durch den Duldertod eines Ignatius, Polykarp, Latimer, Ridley, Huß und des ganzen Heeres der Märtyrer gefördert worden! Was schuldet die Menschheit nicht solchen Szenen, wie sie sich auf den Sterbebetten eines Baxter, Thomas Scott, Halyburton, Payson und anderer ereigneten! Was für ein kraftvoller Beweis für die Wahrheit des Evangeliums, welch eine Verherrlichung seiner aufrecht erhaltenden Kraft und welch eine Quelle des Trostes für diejenigen, die am Sterben sind, dass das Evangelium den Gläubigen nicht im Stich lässt, wenn er seine Kraft und seinen Trost am meisten bedarf, dass es uns in der schwersten Prüfung unseres ganzen diesseitigen Daseins zu erhalten vermag, dass es den Ort erleuchtet, der von allen der finsterste, freudloseste, schrecklichste ist, das Tal der Todesschatten. Albert Barnes † 1870.
  Im Jahr Christi 303 unter der zehnten heidnischen Verfolgung wurde auch ein Knabe von sieben Jahren über dem Bekenntnis der Wahrheit zum Tode verurteilt, den seine Mutter selbst dem Scharfrichter hingab und mit Vorhaltung eines Tuchs sein Haupt, das ihm abgeschlagen wurde, auffing und es nochmals an ihre Brust drückte und dabei die Worte gebrauchte: Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem HERRN. O HERR, ich bin dein Knecht; ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn. K. H. Rieger † 1791.
V. 16. O HERR, ich bin dein Knecht. Die Männer Gottes haben stets einen heiligen Stolz darein gesetzt, Gottes Knechte zu sein. Es kann auch in der Tat keine größere Ehre geben, als einem solchen Herrn zu dienen, der über Himmel, Erde und Hölle gebietet. Denke doch nicht etwa, dass du Gott ehrst, indem du ihm dienst; vielmehr ist das die Weise, wie Gott dich ehrt, indem er dir gestattet, sein Knecht zu sein. David konnte sich keinen höheren Würdentitel beilegen, als indem er sich in der Demut des Glaubens Gottes Knecht und den Sohn der Magd des HERRN nannte. Ja der Apostel schätzt diese Würde so hoch, dass er den Titel Knecht vor den des Apostels setzt (Röm. 1,1). Groß war sein Amt als Apostel, größer noch sein Glück, ein Knecht Jesu Christi zu sein. Das eine ist ein Beruf zur Wirksamkeit nach außen, das andere eine innere Gnade. Es hat einen Apostel gegeben, der der Verdammnis anheimfiel, niemals aber ist einem Knecht des HERRN dieses Schicksal widerfahren. Thomas Adams 1614.
  Ich bin dein Knecht. Du hast meine Bande zerrissen. Gnaden werden uns verliehen, um uns anzureizen, Gott zu dienen, und sollten eben zu dem Ende von uns im Gedächtnis behalten werden. Der Regen strömt auf die Erde nieder, dass sie fruchtbarer werde. Wir sind nur Verwalter; was uns verliehen, ist nicht unser eigen, sondern soll in des Meisters Dienst nutzbar gemacht werden. Große Gnadentaten verpflichten uns zu vorzüglichem Gehorsam. Gott setzte den zehn Geboten die Erinnerung an seine Gnade, die Israel aus Ägypten erlöst hatte, voraus. Mit welchem Eifer der Hingebung bekennt der Psalmdichter sich als Gottes Knecht, da er erwägt, wie Gott seine Bande zerrissen. "Die Erinnerung an deine Gnade macht, dass ich von nichts anderem etwas wissen will, als dass ich dir zum Knecht verbunden bin." Wenn wir gedenken, wie Gott an uns handelt, so soll uns das vor allem erinnern, dass wir ihm noch mehr und noch hingebender zu dienen haben. Untertänigkeit, williger Gehorsam ist die einfache Folge der Gnade. Es ist ein Zeichen, dass wir Gottes Ehre im Sinn hatten, da wir um Gnade flehten, wenn wir auch nach Gottes Verherrlichung trachten, nun wir die Gnade empfangen haben. Es beweist, dass die Liebe uns die Erinnerung an die Wohltat ins Herz geflüstert hat, wenn sie uns zugleich den Entschluss einflüstert, die empfangene Gnade nutzbar anzuwenden. Nicht die Zunge nur, unser Leben soll Gott preisen; denn auch die Gnade wird nicht einem Gliede gegeben, sondern dem ganzen Menschen. Steph. Charnock † 1680.
V. 18. Gelübde. Wohlbedachte Gelübde können der Frömmigkeit bei uns und andern sehr förderlich sein, aber sie sind mit aller Vorsicht zu machen, denn sie binden aufs strengste. Darum warte ja, bis Gott dir besonderen geziemenden Anlass zum Geloben gibt. Manche Christen zeigen eine unbedachte, törichte Hast in diesem Stück. Gott ist es zufrieden, wenn du seine beständig dir zuströmenden Wohltaten gewöhnlicher Art dankbar anerkennst; er verlangt dafür keine außerordentlichen Dankesbezeugungen. Legt er dir aber durch außerordentliche Gnadenerweisungen es nahe, deinem Dank in besonderer Weise Ausdruck zu geben, dann sei nicht karg. Henry Hurst 1690.
  Vor all seinem Volk. Verkündigt frei und mutig, ihr Knechte des HERRN, den Ruhm eures Gottes. Geht ins Gedränge des Volkes und preiset den HERRN. Wie frech verkündigen die Gottlosen ihre Lästerungen, um Gott zu entehren; sie kümmern sich nicht darum, wer immer es höre. Sie nehmen keinen Anstand, es mitten in der Stadt zu tun. Sollen sie mehr Frechheit beweisen, Gott seine Ehre zu rauben, als wir Eifer, ihm seine Ehre zu geben? Denke daran, dass Christus sich so eifrig erweisen wird, dich zu bekennen, als du es bist und nur sein kannst, ihn zu bekennen. (Mt. 10,32.) Solch heilige Kühnheit ist der gerade Weg zur Herrlichkeit. D. W. Gouge 1631.
V. 19. In dir, Jerusalem. In dieser Anrede an die Stadt Gottes kommt die Liebe des Psalmisten und seine Lust an ihr zum Ausdruck. Dort war ja das Haus Gottes! Also sollte auch unser Herz in Liebe wallen gegen die Gemeine des HERRN, da Gott wohnt, gegen den Tempel Gottes, der erbaut ist nicht aus Steinen, sondern aus den Herzen der Gläubigen. Wolfg. Musculus † 1563.

Homiletische Winke

V. 1.2. 1) Gegenwart: Ich liebe. 2) Vergangenheit: Er hat gehört usw. 3) Zukunft: Ich will usw.
  Unsere Erfahrung in Betreff des Gebets. 1) Wir haben gebetet, oft beständig, auf verschiedene Weise usw. 2) Wir sind erhört worden. Tun wir einen dankbaren Rückblick auf die alltäglichen wie auf besondere Erhörungen. 3) Unsere Liebe zu Gott ist dadurch mächtig gefördert worden. 4) Die Überzeugung von dem Wert des Betens ist so stark geworden, dass wir vom Gebet nicht mehr lassen können.
V. 1.2.9. Im 1. Verse finden wir ein Bekenntnis der Liebe zum HERRN, im 2. ein Gelübde, allezeit zu beten, im 9 . den Entschluss, vor dem HERRN zu wandeln. Diese drei Stücke sollten jedem Gläubigen ein Hauptanliegen sein: die Hingebung des Herzens, das Bekenntnis des Mundes und der Wandel. Das ist liebliche Harmonie in Gottes Ohren, wenn nicht nur die Stimme singt, sondern die Saiten des Herzens dazu erklingen und der Wandel damit Schritt hält. Nath. Hardy † 1670.
V. 2. Er neigte usw., darum will ich usw. Gottes Gnade die bewegende Kraft unseres Gebetslebens.
V. 2.4.13.17. Das Anrufen des HERRN wird viermal in lehrreicher Weise erwähnt: Ich will es tun
(V. 2), ich habe es erprobt (V. 4), ich will es tun beim Nehmen (V. 13) und beim Darbringen (V. 17).
V. 2.9.13.14.17. Fünf treffliche Entschlüsse: Ich will anrufen
(V. 2), wandeln (V. 9), nehmen (V. 13), bezahlen (V. 14), opfern (V. 17).
V. 3-5. Die Geschichte einer im Leidenstiegel geläuterten Seele. 1) Wo ich war, V. 3. 2) Was ich tat, V. 4. 3) Was ich gelernt habe,
V. 5.
V. 3-6. I. Die Not. 1) Leibliche Trübsal. 2) Schrecken des Gewissens. 3) Herzenskummer. 4) Selbstanklagen. II. Die Bitte. 1) Unmittelbar an den HERRN gerichtet. 2) Sofort, da die Trübsal kam. Das Gebet war bei ihm das erste Mittel, zu dem er seine Zuflucht nahm, nicht wie bei so vielen das letzte. 3) Kurz - auf das eine, was Not ist, sich beschränkend. 4) Dringend. III. Die Hilfe. 1) Angedeutet in
V. 5. Gnädig. usw. 2) Ausdrücklich bezeugt, a) allgemein: Der HERR behütet usw.; b) persönlich: Als ich am Unterliegen war, half er mir. Er half mir beten, half mir aus der Trübsal in Erhörung meines Flehens und half mir ihn preisen (V. 5) für seine Gnade, gerechte Treue und Barmherzigkeit, die er in meiner Errettung erwiesen. Gott wird verherrlicht durch die Trübsale seiner Kinder: die Einfältigen werden in der Trübsal erhalten, V. 6a, die tief Gebeugten daraus erhöht, V. 6b. G. Rogers 1878.
V. 3.4.8. Für geängstete Seelen. Predigt von C. H. Spurgeon. Schwert und Kelle II, S. 369; Botschaft des Heils I, S. 417. Bapt. Verlagshandlung, Kassel.
V. 5. 1) Ewige Gnade, oder der Ratschluss der Liebe. 2) Vollkommene Gerechtigkeit, oder das Problem (die schwierige Aufgabe) der Heiligkeit. 3) Schrankenlose Barmherzigkeit, oder die Frucht der Sühne.
V. 6. 1) Eigenartige Leute: Die Einfältigen. 2) Eine eigenartige Tatsache: Der HERR behütet sie. 3) Ein eigenartiger Erweis dieser Tatsache: Als ich am Unterliegen war, half er mir.
V. 7. Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe. (Wörtl.) Aus vierfachem Grunde kann die Ruhe in Gott als dem Volke Gottes zugehörend bezeichnet werden. 1) Auf Grund des ewigen Ratschlusses der Liebe. 2) Auf Grund der Erlösung. Sie haben die Ruhe in Gott, deren sie als Geschöpfe bedürfen, durch die Sünde verscherzt. Aber Christus gab sein Leben hin, um sie ihnen wieder zu erwerben. 3) Auf Grund der Verheißung. 2. Mose 33,14; Mt. 11,28 f.; Hebr. 4,9 f. 4) Auf Grund der eigenen Wahl der begnadigten Seelen. Dan. Wilcox † 1733.
  Kehre, meine Seele, zu deiner Ruhe. Wann soll ein Kind Gottes also zu seiner Seele sprechen? 1) Täglich, wenn es in den Geschäften seines Berufs mit der Welt zu tun gehabt hat. 2) Wenn es an des Herrn Tag zu dem Hause Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, wallt. 3) In allen Trübsalen. 4) Wenn es aus dieser Welt abscheidet. Dan. Wilcox † 1733.
  I. Die Ruhe der Seele in Gott. 1) Die Seele ward dazu erschaffen, in Gott ihre Ruhe zu finden. 2) Darum kann sie nirgends anders Ruhe finden. II. Ihr Verlassen dieser Ruhe. (Aus dem Ausdruck "Kehre wieder" zu entnehmen.) III. Ihre Rückkehr. 1) In der Buße. Durch den Glauben, auf dem für die Rückkehr gebahnten Wege. 3) Durch Gebet. IV. Die Ermunterung zur Rückkehr. 1) Die Ruhe sollst du ja nicht in dir, sondern in Gott finden. 2) Nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Güte Gottes: Denn der HERR tut dir Gutes. Die Güte Gottes soll dich zur Buße leiten. G. Rogers 1878.
V. 8. Einheit in Mannigfaltigkeit in der Gnadenerfahrung. 1) Einheit. Alle Gnadenerfahrungen strömen aus einer Quelle: Du. 2) Mannigfaltigkeit: Befreiung von Seele, Auge, Fuß; von Strafe, Kummer, Sünde; zu Leben, Freude, Standhaftigkeit. 3) Einheit. Alles für mich und an mir geschehen: meine Seele usw.
V. 9. Der Wandel des Geretteten (V. 8) vor dem HERRN. a) im Vertrauen auf ihn, b) in Liebe zu ihm, c) im Gehorsam gegen ihn. G. Rogers 1878.
V. 10.11. 1) Die Regel: Ich glaube, darum rede ich. Wohlerwogen, aus fester Überzeugung, in Übereinstimmung mit der Glaubenserfahrung. 2) Die Ausnahme: Ich sprach in meiner Bestürzung. a) Da redete er ungerecht. Wohl Wahrheit darin, aber nicht volle Wahrheit. b) In Hast, ohne genügende Überlegung. c) Im Zorn, unter dem Einfluss seiner Leiden, bei der Erfahrung der Unzuverlässigkeit so mancher. Die Natur handelt eher als die Gnade, die eine instinktmäßig, die andere mit Bedacht. G. Rogers 1878.
V. 11. Ein übereiltes Wort. 1) Es war viel Wahrheit darin. 2) Er irrte damit nach rechts ab, denn sein Sprechen bewies, dass er sich mehr auf Gott als auf die Kreatur verließ. 3) Er irrte aber dennoch, denn sein Wort fegte das Gold mit dem Staube weg, war zu hart und zu misstrauisch. 4) Er wurde bald zurechtgebracht. Ein gutes Mittel gegen solch hastige Reden: Geh auf Werk in dem Geist des 12. Verses.
V. 12. Überwältigend große Verpflichtungen. 1) Eine gewaltige Addition: alle seine Wohltaten. 2) Ein Schuldenüberschlag: Wie soll ich vergelten? 3) Eine persönlich zu lösende Aufgabe: Wie soll ich usw.?
V. 13. Abendmahlsansprache. Wir nehmen den Kelch des Heils 1) zum Gedächtnis dessen, der unser Heil ist; 2) als Zeichen, dass unser Glaube ihn erfasst; 3) als Erweis unseres Gehorsams gegen ihn; 4) als Sinnbild unserer Gemeinschaft mit ihm; 5) in der Hoffnung, bald neu mit ihm von dem Gewächs des Weinstocks zu trinken.
  Die verschiedenerlei in der Schrift erwähnten Kelche würden einen anziehenden und fruchtbaren Gegenstand der Betrachtung bilden.
V. 15. 1) Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten (köstlich) vor dem HERRN. a) Weil sie selber ihm wert sind. b) Weil die Erfahrungen, die sie im Sterben machen, ihm köstlich sind. c) Weil sie im Sterben ihrem Bundeshaupt ähnlich gemacht werden. d) Weil ihr Tod ihren Kümmernissen ein Ende macht und sie zu ihrer Ruhe bringt. 2) Wie erweist sich jenes? Indem er a) sie vor dem Tode bewahrt, b) sie im Sterben stützt und bewahrt, c) ihnen den Sieg über den Tod verleiht, d) sie nach dem Sterben verherrlicht.
V. 16. Geweihter Dienst. 1) Eifrig gelobt. 2) Redlich vollbracht. 3) Wohl begründet: Sohn deiner Magd. 4) Vereinbar mit wohlbewusster Freiheit.
V. 17. Dankopfer gebühren unserem Gott, sind gesegnet für uns selbst und ermutigend für andere.
  Dankopfer. 1) Wie wir sie bringen können. In stiller Liebe, mit dem Wandel, in heiligen Liedern, durch öffentliches Zeugnis, mit besonderen Gaben und Werken. 2) Wofür wir sie bringen sollten. Für erhörte Gebete
(V. 1.2.4), für denkwürdige Errettungen
(V. 3), für gnädige Bewahrung (V. 6), für wunderbare Wiederherstellung (V. 7.8), für die Tatsache, dass wir seine Knechte sind
(V. 16). 3) Wann wir sie bringen sollten. Jetzt, da Gottes Gnadentaten frisch in unserem Gedächtnis sind, und sooft wir neue Gnadentaten erleben.
V. 18. 1) Wie können wir öffentlich unsere Gelübde bezahlen? Indem unser erster Gang nach der Genesung uns zu der Versammlung des Volkes Gottes führt; indem wir herzlich in den Gesang einstimmen; indem wir am Tisch des Herrn teilnehmen; sodann durch besondere Dankopfer und indem wir passende Gelegenheiten wahrnehmen, offen von des HERRN Güte zu zeugen. 2) Eine Schwierigkeit bei der Sache: Sie dem HERRN zu bezahlen, nicht zur Schaustellung unserer Frömmigkeit oder als leere Form. 3) Die Nützlichkeit solch öffentlicher Handlung. Sie macht anderer Aufmerksamkeit rege, bewegt ihre Herzen, ist ihnen ein heilsamer stillschweigender Vorwurf oder aber eine Ermutigung usw.
V. 19. Der Christ daheim 1) in Gottes Haus, 2) unter Gottes Hausgenossen, 3) bei seinem Lieblingswerk, dem Preise Gottes.

Fußnoten

1. Im Hebr. Steht: Ich liebe, wozu als logisches oder auch grammatisches (dann ausgefallenes oder in den folgenden
Satzteil versetztes) Objekt Jehovah (oder dich) zu ergänzen
sein wird. Dafür spricht, dass V. 3 und V. 4 aus Ps. 18
geflossen sind, der ja ebenfalls mit einem Bekenntnis der
Liebe zu Jehovah beginnt, und dass das ykIi in
V. 1 wie in V. 2 kausal (denn) zu verstehen sein wird. Luthers (Raschi folgende) Fassung ist sprachlich nur mühsam zu halten.

2. Das Wort Stimme wird im Hebr. allerdings auch jeweils von unartikulierten Lauten sowohl der Tiere als auch weinender, jammernder Menschen gebraucht; ein Grund, diese Bedeutung hier anzunehmen, liegt jedoch umso weniger vor, als das y i in yliOq hier einfach das Chirek compaginis sein dürfte, Stimme also (gegen die Akzente) mit mein Flehen zu verbinden sein wird: die Stimme meines Flehens, bei welchem häufigen Ausdruck Stimme zur Umschreibung von laut dient: mein lautes Flehen.

3. Wörtl. wohl: denn ich rede. Sein Reden ist ein Beweis seines Glaubens; aber eben weil es ein Ausfluss seines Glaubens ist. Daher ist Luthers den LXX folgende Übersetzung zwar sprachlich nicht richtig, sachlich aber zutreffend.

4. Tucker führt dies am ganzen Psalm durch. Wir müssen jedoch auf die Wiedergabe verzichten, umso mehr, als die Deutung allzu künstlich ist. - J. M.

5. Gegen diese Verbindung, die auch von anderen, z. B. Delitzsch, vorgeschlagen wird, spricht, dass der Psalmist das Zeitwort reden (nicht. sagen, sprechen) gebraucht.