Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 150


Überschrift

Wir haben nun den letzten Gipfel der hehren Bergkette der Psalmen erreicht. Er ragt hoch in die klare Himmelsluft hinein, und seine Spitze badet sich in dem Sonnenlichte der Welt der ewigen Anbetung. Der Dichter ist ganz erfüllt von himmlischer Begeisterung. Er hält sich nicht dabei auf, zu begründen, zu lehren oder zu erklären, sondern ruft mit glühendem Eifer: Lobet ihn, lobet ihn, lobet den HERRN!

Auslegung

1. Hallelujah!
Lobet den HERRN in seinem Heiligtum;
lobet ihn in der Feste seiner Macht!
2. Lobet ihn in seinen Taten;
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
3. Lobet ihn mit Posaunen;
lobet ihn mit Psalter und Harfe!
4. Lobet ihn mit Pauken und Reigen;
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
5. Lobet ihn mit hellen Zimbeln;
lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln!
6. Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!
Hallelujah!

1. Hallelujah! Diese Ermahnung, den HERRN zu loben, ergeht an alles, was ist, auf Erden oder im Himmel. Sollten nicht alle Geschöpfe die Herrlichkeit dessen verkündigen, zu dessen Ruhme sie geschaffen wurden? Jehovah, der eine und alleinige Gott, sollte der eine Gegenstand aller Anbetung sein. Auch nur das kleinste Teilchen seiner Ehre einem andern geben ist schmählicher Hochverrat; sich zu weigern, ihm die Ehre zu geben, ist gefühlloser Raub. Lobet Gott (Grundt.) in seinem Heiligtum. Lobet El , den Starken, im himmlischen und im irdischen Heiligtum. Beachten wir, wie hier schon, gleichwie hernach im zweiten Versgliede, Macht und Heiligkeit miteinander hervorgehoben werden. Das Lob des HERRN beginnt daheim. Das himmlische Allerheiligste werde mit Gottes Lobpreis erfüllt, gerade wie der Hohepriester das irdische Allerheiligste mit dem süßen Duft des Weihrauchs erfüllte. In Gottes Gemeine hienieden und in dem himmlischen Tempel sollen beständig Lobopfer dem Höchsten dargebracht werden. Er wohnt im Heiligtum, denn er ist der Heilige. So oft wir uns zu heiligen Zwecken versammeln, soll es unser Hauptgeschäft sein, den HERRN, unsern Gott, zu loben. Lobet ihn in der Feste seiner Macht , d. h. in seiner gewaltigen Feste. Es ist für uns von hohem Wert, dass in unserm Gott Heiligkeit und Macht vereinigt sind. Macht ohne Gerechtigkeit wäre Bedrückung, und Gerechtigkeit ohne Macht würde zu schwach sein, um sich uns von Nutzen zu erweisen; aber beides zusammengefügt, und zwar jedes in unendlichem Maße genommen, siehe, das ist der lebendige Gott Israels, den wir anbeten. In welch unfassbarer Weite dehnt sich das Firmament aus, diese allgewaltige Feste. Mögen alle Weiten dieses unermesslichen Raumes mit dem Lobe des Ewigen erfüllt werden. Mögen alle Himmelswelten von dem Ruhme des dreimal heiligen Jehovah widerhallen, während die Heiligtümer der Erde den Allmächtigen preisen.

2. Lobet ihn in seinen Taten, Grundt.: ob seinen gewaltigen Taten. Da ist Stoff genug zum Loben. In seinen Machttaten sehen wir ihn selber. Diese Erweisungen seiner alles überwindenden Stärke geschehen stets zum Besten von Wahrheit und Gerechtigkeit. Seine Taten der Schöpfung, der Vorsehung und der Erlösung, sie fordern alle zum Preise seines Namens auf; sind sie doch sein ureigenstes und alleiniges Werk. Lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit, oder: nach der Fülle seiner Größe (Grundt.). Sein Wesen ist von überschwänglicher Größe, und sein Lob sollte dementsprechend auch überschwänglich groß sein. Es gibt an Gott nichts, das klein wäre, und es gibt getrennt von ihm nichts, das wirklich groß ist. Wenn wir stets darauf bedacht wären, unsere Anbetung unserem großen Gott angemessen zu gestalten, wie viel besser würden wir singen, mit wie viel mehr Ehrfurcht würden wir beten!

3. Lobet ihn mit Posaunenhall (Luther 1524), eigentlich: mit Hörnerschall. Mit lautem, hellem Tone ruft das Volk zusammen. Lasst es alle Menschen wissen, dass wir uns nicht schämen, den HERRN öffentlich anzubeten. Ruft sie mit unmissverständlichem Rufe auf, sich vor ihrem Gott anbetend zu neigen. Das Blasen der Posaunen war mit den erhabensten und denkwürdigsten Ereignissen der israelitischen Geschichte verknüpft, wie mit der Gesetzgebung auf dem Berge Sinai (2. Mose 19,16), der Ausrufung des Halljahres (3. Mose 25,9), der Krönung israelitischer Könige (1.Kön. 1,34), den Kriegen (Richter 6,34; 1. Samuel 13,3 und oft) usw. Wir denken an das Posaunenblasen auch in Verbindung mit dem zweiten Kommen unseres Herrn Jesus und der Auferstehung der Toten (1.Thess. 4,16 und and. Stellen). Verzichten wir auch darauf, dies Instrument in unsern Gottesdiensten zu verwenden, so möge doch unser Lob des HERRN so deutlich und so herzhaft sein, wie wenn wir dazu ins Horn stoßen würden. Lasst uns ferner nie vor uns her posaunen lassen (Mt. 6,2) zu unserer Ehre, sondern alles Posaunen und Trompeten einzig für Gottes Ehre aufsparen. Sind die Leute dann durch den Hall der Posaune zusammengerufen, dann lobet ihn mit Psalter und Harfe. Saiteninstrumente sollen ebenso gebraucht werden wie solche, die durch Blasen zum Ertönen gebracht werden. Die weicheren, lieblicheren Töne sollen ebenso heiligen Zwecken geweiht werden wie die mehr zum Aufwecken dienenden Klänge. Der evangelische Sinn der Worte ist, dass alle Kräfte und Fähigkeiten den HERRN preisen sollen; Leute aller Art, in allerlei Umständen und von allerlei Gemütsbeschaffenheit sollen dem, der da Herr ist über alles, Ehre erweisen. Jede Kraft und Gemütseigenschaft, jede Anlage und Geschicklichkeit, jede geistliche Macht des Einflusses auf andere, alles werde dem Dienste des großen Wohltäters des Alls geweiht. Psalter und Harfe, Leier und Zither, das Beste und Lieblichste, es sei alles unseres Herrn.

4. Lobet ihn mit Pauken und Reigen. Diese Form, den HERRN zu preisen, war in der Erinnerung des Volkes mit seiner Erlösung am Schilfmeer verknüpft und stellt die jubelndste, frohlockendste Art dar, der Freude am HERRN und seinem Heile Ausdruck zu geben. Hände und Füße traten da zusammen in Dienst, und der ganze Körper bewegte sich in Übereinstimmung mit den Gliedern. Gibt es nicht Zeiten im Leben, wo wir so von überströmendem Glückgefühl bewegt sind, dass wir fast vor Freude tanzen möchten? Lassen wir solchen Frohsinn sich nicht in niederen Dingen verzehren, sondern möge das herrliche Wesen und Tun des HERRN uns zu solcher Begeisterung der Freude erregen. Es ist in unserem allerheiligsten Glauben dessen genug, was den höchsten Grad der Wonne und Freude zu erzeugen und zu rechtfertigen vermag. Wenn Christen im Lobe des HERRN stumpf und schläfrig sind, so handeln sie nicht in Übereinstimmung mit den Grundzügen der Religion, zu der sie sich bekennen. Lobet ihn mit Saiten und Pfeifen. Wir haben in diesem Verse somit Instrumente der drei Hauptklassen: die Pauken oder Handtrommeln, die geschlagen werden, ferner Saiteninstrumente und Pfeifen; mögen alle dazu herangezogen werden, den HERRN zu preisen. Nichts ist gemein oder unrein; alles kann zu den höchsten Zwecken geheiligt werden. Viele Menschen, viele Sinne gibt es, und diese sind so verschieden wie Geigen und Pfeifen; aber es gibt nur einen Gott, und diesen einen sollen alle anbeten und loben. Unter den Pfeifen mag entweder die Sack- oder die Rohrpfeife (oder Hirtenflöte) gemeint sein. Ohne Zweifel hat gar mancher fromme Schäfer in Israel manch liebliches Pastorale auf seiner Schalmei geblasen und damit seinen Gott gepriesen.

5. Lobet ihn mit hellen Zimbeln; lobet ihn mit wohlklingenden, Grundt.: mit schallenden Zimbeln. Es sind wohl heller und dunkler, zugleich stärker klingende Zimbeln gemeint. Die Orientalen lieben lärmende Musik. Lasset, will der Psalmist sagen, den Schall der lautesten Instrumente dem HERRN geweiht sein, und den fröhlichen Klang der hellsten Töne lasst ebenso ihn, und ihn allein, loben. Die Musik hat die Pauke geschlagen, die Saiten der Harfe gerührt und die Posaune geblasen, und nun macht sie noch eine letzte Anstrengung und schlägt die Metallbecken aneinander, um auch die trägsten Schläfer zu erwecken und die Gleichgültigsten aufzurütteln und mit hellen und laut schallenden Tönen den Ruhm des HERRN zu verkünden.

6. Alles, was Odem hat, lobe den HERRN. "Die Gesamtheit des Odems", d. i. alle lebendigen Wesen, sollen ihn preisen. Er hat ihnen den Odem des Lebens gegeben (1. Mose 2,7), so mögen sie denn auch diesen Odem dazu gebrauchen, sein Lob zu sagen und zu singen. Ein alter Ausleger meint, der Name Jah oder Jahve im Hebräischen sei mehr aus Hauchen als aus Buchstaben zusammengesetzt, um uns zu lehren, dass aller Odem von dem HERRN komme; darum werde auch jeder Atemzug unseres Lebens für ihn gebraucht. Alle ihr lebendigen Wesen, stimmet ein in den ewigen Lobgesang. Seid ihr klein oder groß, gehört ihr zu den Geringsten oder zu den Höchsten, haltet mit eurem Lobe nicht zurück. Was für ein Tag wird das sein, wenn alle Geschöpfe allerorten darin eins sind, den einen allein wahren und lebendigen Gott zu preisen! Das wird der volle, der letzte und nimmer endende Triumph der Gemeine Gottes sein.
  Hallelujah. Noch einmal die Aufforderung: Lobet den HERRN! So schließt der Psalm sich zu einem Kettenring des Lobes zusammen, und zugleich endet der ganze Psalter mit diesem liebeglühenden Wort der Anbetung. Lieber Leser, lass uns der Aufforderung jetzt nachkommen und unsern Gott loben, und möge dieser letzte Ton des Psalters in deinem und in meinem Herzen fortklingen bis zu dem großen Hallelujah der Ewigkeit!

Erläuterungen und Kernworte

Zu Psalm 148-150. Der Psalter schließt mit einem Chorgesang zum Preise Gottes, in welchem sich zu vereinigen der Dichter alle Völker, alle Instrumente heiliger Musik, alle Elemente und alle Sterne aufruft. Erhabenes Finale jenes in wohl sechzig Jahren von dem Hirtenknaben, dem Helden, dem König und dem Greise gesungenen musikalischen Dramas! In diesem Schluss des Psalters sehen wir die Begeisterung des lyrischen Dichters fast keiner Sprache fähig, so rasch drängen sich ihm die Worte auf die Lippen und schweben sie aufwärts zu Gott, ihrer Quelle, gleich dem himmelan strebenden Rauche eines großen vom Sturme angefachten Feuers der Seele. Hier sehen wir David oder vielmehr das menschliche Herz selber mit all seinen gottgegebenen Tönen des Kummers, der Freude, der Tränen und der Anbetung - geheiligte Poesie im höchsten Sinne des Wortes, ein Gefäß mit köstlicher Narde, zerbrochen an der Schwelle des Tempels und ihren Wohlgeruch ausströmend vom Herzen Davids hin zu dem Herzen der Menschheit. Jede Klage, jedes Gebet, jeder Lobgesang der Menschen hat aus diesem Gefäße, einst auf den Höhen Jerusalems verschüttet, die Worte entnommen. Der Hirtenknabe ist der Sangmeister des geweihten Chores des Weltalls geworden. Es gibt keine Anbetung auf Erden, die nicht mit seinen Worten betet, mit seiner Stimme singt. David ist der Psalmsänger der Ewigkeit - welch ein wunderbares Lebensgeschick! Was für eine Macht hat die Dichtkunst, wenn sie von Gott inspiriert ist! Was mich selber betrifft - wenn mein Gemüt erregt ist oder andächtig gestimmt oder traurig, oder wenn es ein Echo für seine Begeisterung, seine Andacht oder Wehmut sucht, öffne ich nicht Pindar oder Horaz oder Hâfis, diese rein akademischen Dichter, und ebenso wenig finde ich in mir selber Laute, um meine Gefühle auszudrücken. Ich öffne das Buch der Psalmen, und dort finde ich Worte, die von der Seele der Jahrhunderte und Jahrtausende auszugehen scheinen und allen Generationen ins Herz dringen. Glücklich der Barde, der so das ewige Lied, das personifizierte Gebet der ganzen Menschheit geworden ist! Wenn wir auf das ferne Zeitalter zurückschauen, da solche Gesänge durch die Welt erschallten, und bedenken, dass damals die lyrische Poesie aller der gebildetesten Nationen nur von Wein, Liebe, Blutvergießen und den Siegen der Wettläufer sangen, dann erfasst uns tiefes Staunen über die mystische Sprache des Propheten im Hirtengewande, der mit dem Schöpfer spricht, wie ein Freund mit seinem Freunde redet, der Gottes große Werke versteht und preist, seine Gerechtigkeit bewundert, seine Gnade erfleht und gleichsam ein voraustönendes Echo wird von der wundersamen evangelischen Geschichte, indem er die sanften Worte Christi redet lange vor dessen Kommen. Ob man nun als Christ in ihm einen Propheten sieht oder dem Glauben skeptisch gegenübersteht, niemand kann in diesem königlichen Dichter eine Inspiration leugnen, die keinem andern Menschen je zuteil geworden. Lies griechische oder lateinische Poesie nach einem Psalm und siehe, wie schal sie ist! Alphonse de Lamartine (berühmter französischer Dichter und Staatsmann) † 1869.
  Zum ganzen Psalm. Mit diesem voll tönenden Finale endet der Psalter. Wie auf fünf Stufen emporgestiegen, schwebt er in diesem Schlusspsalm auf der seligen Höhe des Endes, wo, wie Gregor von Nyssa († um 394) sagt, alle Kreatur, nachdem die von der Sünde angerichtete Zertrennung und Verwirrung hinweggetan, harmonisch zu einem Reigen geeinigt und der Chor der Menschheit mit dem Engelchor konzertierend zu einer Zimbel göttlichen Lobes geworden und Gott dem Triumphator (tw&& tropaiou/cw&) das schließliche Epinikion (Siegeslied) zujauchzen wird. Einer besonderen Schlussberacha (Schluss-Lobpreisung wie am Ende der andern vier Psalmbücher) bedarf es nun nicht. Dieser ganze Schlusspsalm ist eine solche. Nicht einmal eines Amen (106,48, vergl. 1. Chr. 16,36) bedarf es. Das Hallelujah schließt es in sich und überbietet es. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Der Psalm ist ein Gegenstück zu Ps. 148, dessen beide Teile Ps. 150,1 kurz zusammenfasst, um dann, wie Ps. 148 alle Geschöpfe zum Lobe Gottes auffordert, durch Aufzählung aller Musikinstrumente, mit denen Gott gepriesen werden soll, einen ähnlichen Erfolg zu erreichen wie jener Psalm. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Dreizehn Hallelujah, nach der Zahl der Stämme Israels (mit Levi und dem in Ephraim und Manasse geteilten Stamme Josephs). J. H. Michaelis † 1738.
  Die Synagoge zählt nach 2. Mose 34,6 f. dreizehn göttliche Attribute, denen nach Kimchis Bemerkung das dreizehnmalige halal (loben) dieses Psalmes entspricht. Es ist aber wahrscheinlicher, dass im Sinne des Dichters das von Hallelujahs umfangene zehnmalige halalu bedeutsam ist; denn die Zehn ist die Zahl der Abrundung, der Vollendung, der Abgeschlossenheit, der erschöpften Möglichkeit. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Es ist wert, erwähnt zu werden, dass in früheren Zeiten, als der Guss der Kirchenglocken noch mehr eine religiöse Zeremonie war, dieser Psalm von den in feierlicher Ordnung rings um den Ofen stehenden Brüdern der Zunft in dem Augenblick gesungen wurde, wenn man sich anschickte, das geschmolzene Metall in die Form laufen zu lassen. Wir können uns die schwarzen Gesellen gut vorstellen, wie sie da im Kreise um die rote Glut des Feuers standen, die sich auf ihren Angesichtern spiegelte, und mit ihren tiefen Stimmen diesen Lobpsalm sangen. Barton Bonchier † 1865.

V. 1. Lobet Gott mit starkem Glauben, mit inbrünstiger Liebe und heiliger Wonne, mit völligem Vertrauen auf Christum, mit Gewissheit des Sieges über die Mächte der Finsternis, mit ernstlichem Verlangen nach Gott und voller Sättigung des Herzens an seiner Gemeinschaft, mit Gehorsam gegen alle seine Gebote, mit heiterer Unterwerfung unter alles, was er zu verfügen für gut findet, mit Frohlocken über seine Liebe und mit Stillung der Seele an seiner großen Güte, durch Fördern der Anliegen des Reichs seiner Gnade und mit lebendiger, wartender Hoffnung auf sein Herrlichkeitsreich. Mt. Henry † 1714.
  Sehr oft finden wir ja den Ausdruck halalu-jah, lobet Jehovah; hier aber steht halalu-el, lobet Gott oder den starken Gott. Adam Clarke † 1832.
  Das Heiligtum (Ps. 63,3; 74,3) kann an und für sich sowohl das irdische wie das himmlische sein. An Letzteres denkt Delitzsch , an Ersteres schon das Targum. Da der Dichter doch gewiss nicht allein die Engel, sondern auch die Erdenbewohner zum Lobe Gottes auffordern will, so ist die Auffassung des Targum sicher die richtige. Erst in V. 1b werden auch die himmlischen Wesen zum Lobe Gottes aufgerufen. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Die Feste seiner Macht ist hier die von Gottes Allgewalt ausgespannte und von Gottes Allgewalt (Ps. 68,35) zeugende Feste, nicht nach ihrer der Erde zugewandten Vorderseite, sondern nach ihrer der himmlischen Welt, welche sie von der irdischen abgrenzt, zugewandten Kehr- oder Innenseite. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Die Wege oder Taten Gottes, die von dem Himmel, der Feste seiner Macht, ausgehen, waren stets in Übereinstimmung mit seiner Offenbarung in dem Heiligtum, von wo aus er über Israel regierte, und erhärteten seine Selbstoffenbarung, wie sie vom Heiligtum ausging. J. N. Darby † 1882.
V. 2. Lobet ihn nach der Fülle seiner Größe. (Grundt.) Gott verlangt Lobpreis, der ihm angemessen ist. Wenn die Schrift sagt: "Gott ist groß", so ist das der Kraft nach mehr, als wenn sie sagen würde, er sei der Größte, denn sie legt ihm damit die Größe in einzigartiger Weise, in ausschließlichem Sinne bei. Man vergl. Jes. 40,15-17 : Siehe, die Heiden sind geachtet wie ein Tropfen, so im Eimer bleibt, und wie ein Scherflein, so in der Waage bleibt. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu gering zum Feuer und seine Tiere zu gering zum Brandopfer. Alle Heiden sind vor ihm nichts und wie ein Nichtiges und Eitles geachtet. Joseph Caryl † 1673.
V. 3. Mit Posaunen, eigentlich: mit Hörnerschall. Ursprünglich ist das Widderhorn mit dem betreffenden Wort gemeint, dann alle Instrumente, die in Anlehnung an das Horn gemacht sind. J. Stainer 1882.
V. 3-5. Es ist, wie Augustinus († 430) sagt: "Keinerlei Fähigkeit ist hier ausgelassen; alle werden zum Lobe Gottes angeworben." Der Odem wird dazu angewendet, die Posaune zu blasen, die Finger sollen Leier und Zither rühren, sei es streichend, sei es die Saiten pflückend, die ganze Hand wird in Anspruch genommen zum Schlagen der Pauke, die Füße bewegen sich beim Reigen; ferner haben wir zusammengesetzte Instrumente, wie die aus einer Vielheit von Röhren bestehende Schalmei, und auch bei der Zimbel schallen die Becken aneinander. D. Christ. Wordsworth † 1885.
  Das Posaunenblasen war Sache der Priester; auf Harfe und Zither spielten die Leviten; Pauken wurden auch von den Frauen geschlagen, und Reigen, Saitenspiel, Schalmei und Zimbel waren ebenfalls nicht den Leviten vorbehalten. Die Aufforderung zum Lobe Gottes ergeht also an Priester, Leviten und Laien. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Simon Patrick († 1707) führt zu Ps. 149,6 ein Wort des Clemens von Alexandrien an, wie jedes Volk sich durch irgendein Instrument zum Gefecht zu ermuntern pflege. Die alten Etrurier hätten hierzu die Trompete gebraucht, die Arkadier die Flöte, die Sizilianer die sogenannte Pektis, die Kretenser die Harfe, die Spartaner die Pfeife, die Thracier das Horn, die Ägypter die Trommel und die Araber die Zimbel. Dürfen wir nicht annehmen, dass in der Aufzählung der verschiedenen Musikinstrumente in dem vorliegenden Psalm auch eine Anspielung vorliege auf die unter den Menschen herrschende mannigfaltige Weise, ihrer Freude Ausdruck zu geben und ihr Gefühl anzuregen? Andrew A. Bonar 1859.
V. 6. Alles, was in den Psalmen vorgekommen, vom Reich Gottes überhaupt, von den vorzüglichen Gütern und Früchten desselben, von den Reichen der Welt, von den Anfängen des Reichs Gottes auf Zion, von der Ausbreitung desselben in der letzten Zeit, das wird nun alles in diesem letzten Psalm vorausgesetzt und zusammengefasst, was das für einen Zug zum ununterbrochenen Lob Gottes an allen Orten seiner Herrschaft tun solle. Alle Lobpsalmen sind zugleich auch heimliche Trostpsalmen und Versicherungen, dass Gott noch alles überall von seiner Erkenntnis und so auch von seinem Lob voll machen werde, und dass er auch das, was von der Welt lange zur Üppigkeit missbraucht worden, wie z. B. die Musik, noch zu seinem Dienst heiligen wolle. Es ist eine große Frechheit, dass die Menschen auf der Welt, als in diesem Jammer- und Tränentale, doch so sicher tun. Alles, was in der Welt Schönes, Liebliches, Ergötzliches zurückgelassen ist, sollte man nur als eine Anmahnung an unsern Verlust und an unsere im Reich Gottes wieder vorgehaltene gute Hoffnung gebrauchen, so auch die Musik unter der Erkenntnis: sie gehört Gott (Off. 14,2.3; 15,2.3). Er will uns aber gern dadurch etwas zur Erweckung zu seinem Lob zugehen lassen und uns unter unserer Mühe und Arbeit auf Erden trösten und mit einem Geschmack von den Kräften der zukünftigen Welt aufrichten. Wer nicht viel von dergleichen Erweckung genießt, dem sollen die Psalmen und übrigen Worte der Schrift diesen Dienst tun. "Sobald ich einen Psalm oder Spruch vor mich nehme", sagt der liebe selige Luther, "so leuchtet’s und brennt’s ins Herz, dass ich einen andern Sinn und Mut gewinne." Ein Psalm zieret die Fröhlichkeit und lindert die Traurigkeit, die um Gottes willen ist, und es ist ein Zeugnis, dass einer mit in der Gemeinschaft der Heiligen ist, wenn sich einer ihre Worte so reimen und so ein Lied mit ihnen singen kann: Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Hallelujah! Karl H. Rieger † 1791.
  Wer nun will ein wahres Glied der Kirche sein, der helfe Gottes Namen loben, preisen und ausbreiten. Und weil aus Gott aller Kreaturen Leben fließt als ein Strahl aus der Sonne, als eine ausgehende Kraft von Gott, soll auch billig alles, was Odem hat, Gott loben. Zu dem Ende hat uns Gott das Leben gegeben. Joh. Arnd 1621.

  Hallelujah! Süße Weise, ewig freudenreicher Klang!
  Hallelujah! Aller Engel mächtig lieblicher Gesang!
  Wer da bleibt im Haus des Vaters, singt dich froh Äonen lang.

  Hallelujah! Liebe Mutter, Salem, welche droben ist,
  Mit dem Rufe Hallelujah froh dein Bürger dich begrüßt.
  Sieh die Tränen, die an Babels Wassern unser Aug’ vergießt.

  Hallelujah stets zu singen ist uns hier noch nicht erlaubt;
  Unsrer Schuld Bewusstsein oft noch uns das Hallelujah raubt,
  Und die Sünde heißt uns trauernd niedersenken unser Haupt.

  Hör’ uns, die wir preisen, flehen, heilige Dreieinigkeit!
  Tagen lass den Ostermorgen, der auf ewig uns befreit,
  Dann ein selig Hallelujah schallet durch die Himmel weit.

  Nach dem mittelalterlichen Alleluja dulce carmen, in den "Stimmen des christl. Lebens im Liede" von Charl. Philippi.
  In Hallelujah läuft, wie das Leben der Gläubigen und das Geschick der Kirche, so auch der Psalter mit allem seinem Rufen aus der Tiefe aus. Prof. D. W. E. Hengstenberg 1845.
  Wenn wir alles gesagt, was wir zu Gottes Lobe zu sagen fähig sind, dann haben wir nur wieder von vorne zu beginnen. Das lehrt uns die Wiederholung der Ermahnung: "Lobet den HERRN (Hallelujah)" am Schlusse verschiedener Psalmen und so auch hier am Ende aller Psalmen: Hallelujah, d.i. Lobet den HERRN! So heißt’s auch in der Offenbarung Johannis Off. 19,3: Und sprachen zum andern Mal: Hallelujah! Man vergl. dazu dort V. 1.4.5.6. David Dickson † 1662.

Homiletische Winke

V. 1. Lobet Gott in seinem Heiligtum : 1) In seiner Heiligkeit. 2) In der Person seines Sohnes. 3) Im Himmel. 4) In der Versammlung der Gläubigen. 5) In der Stille des Herzens.
V. 1-6. Gott soll gepriesen werden. Wo? (V. 1.) Wofür? (V. 2.) Womit? (V. 3-5.) Von wem? (V. 6.) C. A. Davis 1885.
V. 1b. Lobet ihn nach der Fülle seiner Größe. (Grundt.) 1) Ehrfürchtig, gemäß der Größe seines Wesens. 2) Dankbar, entsprechend der Größe seiner Liebe. 3) Zurückblickend, entsprechend der Größe seiner Gaben. 4) Vorwärtsblickend, entsprechend der Größe seiner Verheißungen. W. Jackson 1885.
V. 2a. Lobet ihn ob seinen gewaltigen Taten 1) für uns (Erwählung, Erlösung, Inspiration usw.), 2) in uns (Erleuchtung des Verständnisses, Reinigung des Herzens, Erweckung des Gewissens, Unterwerfung des Willens usw.), 3) durch uns (er ist es, der in uns und durch uns als seine Werkzeuge gedacht, gefühlt, geredet, gewirkt hat. Ihm sei aller Ruhm). W. Jackson 1885.
V. 2. Was ist nötig, wenn die Aufforderung unseres Textes erfüllt werden soll? 1) Dass die Menschen Gottes Werke und Taten erforschen und die Größe oder Herrlichkeit Gottes darin wahrnehmen. 2) Dass sie über die Größe des HERRN nachsinnen, bis sie ihre Fülle in ganzer Stärke fühlen. 3) Dass sie offen Gott die Ehre geben, die ihm gebührt. 4) Dass sie mit ihrem Leben dem Lobe ihres Mundes nicht widersprechen. John Field 1885.
V. 3. Lobet ihn mit Posaunenhall. 1) Wenn ihr kämpft. 2) Wenn ihr siegt. 3) Wenn ihr zusammenkommt in heiliger Versammlung. 4) Wenn ihr sein Wort verkündigt. 5 Wenn ihr das große Halljahr ankündigt.
V. 3-6. I. Die mannigfaltige Weise, wie man Gott im Alten Bunde lobte, machte nicht geringe Aufwendungen notwendig, erforderte es, dass sich die mannigfaltigsten Gaben Gott zu Dienst stellten, und erheischte ferner ernste und anhaltende Bemühungen. II. Was können wir daraus lernen? 1) Gott sollte in einer seiner königlichen Würde entsprechenden Weise verehrt werden. 2) Die Bemühungen der besten Gaben und Fähigkeiten sind ein rechtmäßig ihm zukommender Tribut. 3) Alle Leistungen der Menschen können ihm kein seiner Herrlichkeit entsprechendes Opfer zu Füßen legen. III. Was ist die Seele und das Wesen des wahren Gottesdienstes? IV. Was ist erforderlich, damit die Gemeine des HERRN in der gegenwärtigen Zeit ihren Gottesdienst ausrichte? W. B. Haynes 1885.
V. 6. 1) Der erhabene Spender von Leben, Odem und allem (Apg. 17,25). 2) Der rechte und schuldige Gebrauch des von Gott geschenkten Lebens und seiner Kräfte. 3) Das Ergebnis: Die Erde lebt wieder in einer reinen, Gott geweihten Atmosphäre und hallt wieder von den tausendstimmigen Hallelujah des Tausendjährigen Reiches. W. B. Haynes 1885.
  Ein gar schicklicher Schluss zum Psalter ob wir die Worte als Wunsch, Gebet oder Ermahnung betrachten. 1) Als Wunsch gefasst sind die Worte der rechte Ausdruck des mächtigen Gefühls, welches Lob Gott gebührt, welcher Gottesdienst dem edlen Beruf des Menschen entspricht und welche Gesinnung der Herzen die ganze Welt zu einer heiligen Bruderschaft vereinen würde. 2) Als Gebet erflehen die Worte den Untergang alles Aberglaubens, die allgemeine Ausbreitung der Wahrheit und die Bekehrung jeglicher Menschenseele. 3) Als Ermahnung sind die Worte deutlich, ganz den Kern der Sache treffend, unverfälscht an Frömmigkeit und vollkommen an Liebe. John Field 1885.

Hallelujah!