Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 93


Überschrift

Dieser kurze Psalm ist ohne Überschrift, sein Inhalt aber ist schon aus der ersten Zeile ersichtlich. Er besingt die allgewaltige Königsherrlichkeit des Höchsten. Jehovah herrscht erhaben über allen Widerstand. Was konnte es für das Volk Gottes wohl Tröstlicheres geben?

Auslegung

1. Der HERR ist König und herrlich geschmückt;
der HERR ist geschmückt und hat ein Reich angefangen,
soweit die Welt ist, und zugerichtet, dass es bleiben soll.
2. Von Anbeginn stehet dein Stuhl fest;
Du bist ewig.
3. HERR, die Wasserströme erheben sich,
die Wasserströme erheben ihr Brausen,
die Wasserströme heben empor die Wellen,
4. die Wasserwogen im Meer sind groß
und brausen mächtig;
der HERR aber ist noch größer in der Höhe.
5. Dein Wort ist eine rechte Lehre.
Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses,
o HERR, ewiglich.

1. Der HERR ist König. Was für Widerstand sich auch erheben mag, Jehovahs Thron bleibt unerschüttert; der HERR hat regiert, regieret und wird regieren immer und ewiglich. Wieviel Unruhe und Aufruhr auch unterhalb der Wolken sein mag, der ewige König thront über allem in erhabener Ruhe, und er bleibt überall Meister, mögen seine Feinde toben, so viel sie wollen. Alles wird nach den ewigen Absichten des Höchsten geordnet, sein Wille geschieht. Dem Grundtext entspricht noch besser die frühere Übersetzung Luthers: Der HERR ist König worden. Es ist, als hätte der HERR für eine Weile anscheinend dem Thron entsagt gehabt, aber jetzt auf einmal seinen königlichen Schmuck wieder angelegt und seinen erhabenen Sitz abermals eingenommen, so dass sein glückliches Volk ihn mit neuer Freude als König ausruft mit dem Jubelklang: Der HERR ist nun König! Was kann einem treuen Untertanen größere Freude gewähren, als wenn er seinen König in seiner Schöne sehen darf? Lasst uns die Freudenkunde "Der HERR ist König" weitertragen, lasst uns sie den Verzagenden ins Ohr flüstern und den Feinden kühn und laut entgegenrufen. Mit Hoheit hat er sich angetan. (Wörtl.) Nicht mit Abzeichen der Majestät (wie Purpur, Krone, Zepter und dergl.), sondern mit Majestät selbst hat er sich geschmückt; alles an ihm und um ihn ist majestätisch. Bei ihm ist die Hoheit nicht Schein und Äußerlichkeit sondern Wirklichkeit. In der Natur, in der Vorsehung und in dem Heilswerk ist Gott von unbegrenzter Majestät. Glücklich das Volk, in dessen Mitte der HERR in der ganzen Herrlichkeit seiner Gnade erscheint, ihre Feinde besiegend und alles sich unterwerfend; da wird er so recht geschaut als mit Hoheit angetan.
  Der HERR hat sich angetan, hat sich mit Stärke gegürtet. (Grundt.) Das Hoheitsgewand ist nicht sein einziger Schmuck, er trägt auch Kraft als seinen Gurt. Wie der Morgenländer seine Lenden gürtet, wenn er hurtig gehen oder arbeiten will, so ist’s auch, wenn der HERR sich zu Taten bereitet, als gürte er sich mit seiner Allmacht. Gerade wie er stets seinem Wesen nach voller Hoheit ist, aber zuzeiten seine Herrlichkeit verhüllt und wiederum zu anderen Zeiten sie enthüllt, so dass er sich dann gleichsam mit seiner Majestät bekleidet und in ihr vor aller Welt zeigt, so ist er ja auch stets der Allgewaltige, verbirgt aber doch sehr oft seine Macht, bis er, als Antwort auf das Flehen seiner Kinder, sich mit Kraft gürtet, den Thron einnimmt und die Seinen verteidigt. Ach dass der HERR in unseren Tagen in seiner Gemeine in offenbarer Majestät und Macht erscheine, Sünder rettend, Irrtümer niederschlagend und seinen heiligen Namen zu Ehren bringend! O dass wir sähen einen Tag des Menschensohnes (Lk. 17,22), den Tag, an welchem der König Immanuel, der Allmächtige (Off. 1,8), auf seinem herrlichen hohen Throne stehen wird, mit Furcht verehrt von allen und wunderbar sich erweisend an seinen Gläubigen. Es sollte unser stetes Flehen sein, dass sich doch in unsern Zeiten die Herrschaft des HERRN offenbaren und sich seine Macht in der Gemeine und zu ihren Gunsten erweisen möge. "Dein Reich komme", das sei unsere tägliche Bitte, und dass der Herr Jesus tatsächlich herrscht, unser täglicher Lobpreis.
  So steht denn der Erdkreis fest und wird nicht wanken. (Grundt.) Weil Jehovah seine Herrschergewalt offenbart, und solange er das tut, stehen die irdischen Dinge fest. Wir könnten über gar nichts sicher sein, wenn wir nicht sicher wären, dass der Höchste das Regiment in den Händen hat. Wenn er seine offenbare Gegenwart von der Menschheit zurückzieht, gerät alles aus Rand und Band. Dann rasen die Lästerer, toben die Verfolger, werden die Ruchlosen frech und werfen die Wüstlinge den letzten Rest von Scham ab. Aber wenn Gottes Macht und Herrlichkeit sich wieder zeigen, wird die Ordnung wieder hergestellt und kommt die arme verstörte Welt wieder zur Ruhe. Die menschliche Gesellschaft würde von den niederträchtigsten Leuten wie ein Fußball hin und her geschleudert werden, wenn Gott sie nicht in seiner Hand behielte, und selbst die Erdkugel würde, wie die Distelwolle über die Wiese, haltlos durch den Weltenraum fliegen, wenn der HERR sie nicht in der ihr bestimmten Bahn festhielte. Dass überhaupt in der Welt und in der christlichen Gemeine Beständigkeit da ist, das haben wir dem Walten des HERRN zu verdanken. Vergessen wir es nicht, ihn dafür anzubeten. Die Gottlosigkeit ist die Mutter der Zuchtlosigkeit; die Herrschermacht Gottes, wie sie in der wahren Frömmigkeit anerkannt wird, ist die einzige Bürgschaft für das menschliche Gemeinwesen. Der Glaube an Gott ist der Grund- und Eckstein eines wohlgeordneten Staates.

2. Von Anbeginn stehet dein Stuhl fest. Wiewohl du gerade jetzt in mehr sichtbarer Majestät hervortrittst, ist deine Herrlichkeit doch nicht die eines Emporkömmlings; schon in den urältesten Zeiten hatte deine Herrschaft sicheren Bestand, ja vor aller Zeit war dein Thron bereits aufgerichtet. Wir reden oft von uralten Herrschergeschlechtern; aber was sind sie, verglichen mit dem HERRN? Sind sie nicht wie die Schaumblasen, die, soeben aus der Brandung geboren, kaum dass man sie erblickt hat, schon verschwunden sind? Du bist ewig. Der HERR selber ist von Ewigkeit her. O möge der Gläubige darüber frohlocken, dass die Autorität, der er sich unterstellt hat, von einem unsterblichen Herrscher ausgeübt wird, dessen Regiment von aller Ewigkeit her besteht und noch blühen wird, wenn alle erschaffenen Dinge für immer vergangen sein werden. Vergeblich ist aller Aufruhr der Sterblichen, das Königtum Gottes wird davon nicht erschüttert.

3. Es erhoben Wasserströme, HERR, es erhoben Wasserströme ihr Brausen; Wasserströme erheben ihr Getöse. (Grundt.) Menschen haben je und je wie zornige Fluten getobt, aber nichtig war all ihr Rasen; und noch jetzt wallen und wüten sie, aber ohnmächtig müssen dennoch die Wellen zurückfallen. Lasst uns beachten, dass der Psalmist sich zu dem HERRN wendet, da er die Wogen schäumen sieht und das Brausen der Brandung an sein Ohr schlägt. Er verschwendet den Atem nicht an einen Versuch, zu den tosenden Wogen oder den tobenden Menschen zu reden, sondern gleich Hiskia breitet er die Lästerungen der Gottlosen vor dem HERRN aus. (Jes. 37,14 ff.) - Die Wiederholungen sind wohl um der Poesie und Musik willen nötig, aber sie deuten zugleich die Häufigkeit und Heftigkeit der ruchlosen Angriffe gegen die Königsherrschaft Gottes an, wie auch die wiederholten Niederlagen, die sie erleiden. Manchmal wüten die Menschen mit Worten - sie erheben ihre Stimme (wörtl.), und zu anderen Zeiten erheben sie sich zu Gewalttaten - sie erheben ihre Wellen 1 ; aber der HERR hat sie in beiden Fällen in seiner Gewalt. Die Gottlosen sind lauter Schaum und Gischt und brausen und tosen schrecklich während der kurzen Stunden, die ihnen gegeben sind; aber dann wendet sich die Flut zur Ebbe oder der Sturm wird gestillt - und wir hören nichts mehr von ihnen, während die Königsherrlichkeit des Ewigen in der Erhabenheit ihrer Macht bestehen bleibt.

4. Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig; der HERR aber ist noch größer in der Höhe. Ob ihre Macht auch aufs höchste steigt, für ihn ist all ihr Wüten doch nur ein ohnmächtiges und darum verächtliches Lärmen. Wenn die Menschen sich verbünden, um den Thron Jesu umzustürzen, wenn sie sich hinterlistig beraten und nach und nach auch offen toben, so achtet der HERR es doch nicht mehr, als wir uns auf sicherem hohem Felsengrund durch das Tosen und Zischen der Brandung beunruhigen lassen. Jehovah, der Selbstherrliche und Allmächtige, kümmert sich nicht um den Widerstand sterblicher Menschen, mögen sie noch so zahlreich oder mächtig sein. Gar erhaben ist unser Vers nach dem Laut des Grundtextes:

  Mehr als das Donnern der großen Wasser,
  der majestätischen, der Brandung des Meeres,
  ist majestätisch Jehovah in der Himmelshöhe. 2

  Ob der Sturm auch "himmelhohe" Wogen aufwühlt und sie mit schrecklicher Gewalt vorwärts treibt, an Gottes erhabenen Sitz reichen sie doch nicht; und wenn frevelnde Menschen noch so sehr schäumen und rasen, so ist es dem HERRN doch ein Kleines, ihr Toben zu beschwichtigen und ihre Bosheit zum Guten zu lenken. Könige und Pöbelrotten, goldgekrönte Kaiser und blutbesudelte Kannibalenbanden, alle sind in Gottes Hand, und er kann ihnen verbieten, seinen Heiligen auch nur ein Haar zu krümmen.

5. Deine Zeugnisse sind sehr gewiss. (Luther 1524.) Wie, was die Vorsehung betrifft, der Thron Gottes über alle Gefahr erhaben feststeht, so ist auch, was die Offenbarung betrifft, Gottes Wahrheit unzweifelhaft gewiss. Sein Wort ist eine rechte Lehre hat Luther später übersetzt - mögen andre Lehren unzuverlässig sein, die Bezeugungen des Himmels sind unfehlbar und unverbrüchlich. Wie der Fels mitten in dem Aufruhr des Meeres unbeweglich feststeht, so widersteht die göttliche Wahrheit all den wechselnden Strömungen der menschlichen Meinungen und all den Stürmen der menschlichen Zänkereien. Die Zeugnisse Gottes sind nicht nur gewiss, sondern sehr gewiss . Gepriesen sei Gott, wir sind nicht durch klug ersonnene Fabeln betrogene Leute; unser Glaube ist auf die ewige Wahrheit des Höchsten gegründet. Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, o HERR, ewiglich. Die Wahrheit wandelt sich nicht in ihren Lehren, die vielmehr sehr gewiss sind, noch die Heiligkeit in ihren Vorschriften, die unvergänglich sind. Gottes Lehre und Gottes Wesen unterliegen beide keiner Veränderung. Gott hat noch nie etwas Böses bei sich bleiben lassen und wird es nie in seinem Hause dulden; er ist auf ewig der Feind alles Bösen und immerdar der geschworene Freund der Heiligkeit. Seine Gemeine muss unverändert bleiben und allezeit das "Heilig dem Herrn" an ihrer Stirn tragen; ja, ihr König wird sie bewahren, dass kein Fuß eines Eindringlings sie beflecken wird. Die Gemeine Jesu Christi ist dem HERRN geweiht und wird eben darum allezeit erhalten bleiben. "Jehovah ist König", das ist das erste Wort und die Hauptlehre des Psalms, und Heiligkeit ist das Schlußergebnis: die rechte Ehrfurcht vor dem erhabenen König aller Könige wird uns zu einem der Gegenwart vor ihm entsprechenden Verhalten führen. Gottes Majestät bekräftigt seine Verheißungen als gewisse Zeugnisse, gibt aber auch seinen Vorschriften besonderes Gewicht.
  Der ganze Psalm ist sehr eindrücklich und ist darauf berechnet, die Traurigen zu trösten, den Furchtsamen guten Mut einzuflößen und den Frommen in der Anbetung zu helfen. O du, der du ein so erhabener und gnädiger König bist, herrsche über uns immerdar! Wir begehren gar nicht, deine Gewalt anzuzweifeln oder zu beschränken, sondern dein ganzes Wesen ist solcher Art, dass wir jauchzen, wenn wir dich die Rechte eines unumschränkten Alleinherrschers ausüben sehen. Dein ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit. Hosianna, Hosianna!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Neben solchen Psalmen, welche die messianische Zukunft, sei es prophetisch oder nur typisch, oder typisch und prophetisch zugleich, als das weltüberwindende und weltbeglückende Königtum des Gesalbten Jahves vorausschauen, gibt es andere, in denen die vollendete Theokratie als solche vorausgeschaut wird, nicht als Parusie eines menschlichen Königs, sondern Jahves selber, als das in seiner Herrlichkeit offenbare Reich Gottes. Diese theokratischen Psalmen bilden mit den christokratischen zwei einander parallel laufende Reihen der Weissagung auf die Endzeit. Die eine hat zum Zielpunkt den Gesalbten Jahves, der von Zion aus alle Völker beherrscht, die andere Jahve über den Cherubim sitzend, dem der ganze Erdkreis huldigt. Diese beiden Reihen konvergieren im Alten Testament zwar, kommen aber nicht zusammen; erst die Erfüllungsgeschichte macht es klar, was im Alten Testament nur an einigen Höhepunkten der Prophetie aufblitzt, dass die Parusie des Gesalbten und die Parusie Jahves ein und dieselbe sind. - Komm. von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 1. Der HERR ist König. Das spielt an auf die Formel, deren man sich bei der Proklamation des Regierungsantrittes irdischer Könige bediente, vergl. 2. Samuel 15,10; 1.Kön. 1,11.13; 2.Kön. 9,13 . Schon diese Anspielung zeigt, dass hier nicht von dem beständigen Regimente des HERRN die Rede ist, sondern von einer neuen herrlichen Offenbarung seiner Herrschaft, gleichsam einer neuen Thronbesteigung. Michaelis richtig: rex factus est. Auf dasselbe Resultat führen uns auch die Parallelstellen Psalm 96,10; 97,1; 99,1, wo dieselbe Formel vorkommt: überall ist dort von dem Kommen des HERRN in seinem Reiche die Rede. Ebenso Jes. 24,23, vergl. Obadja V. 21; Sach. 14,9 und besonders Offenbarung 11,17; 19,6. Im Angesichte also der hochfahrenden Ankündigungen der Weltmacht, dass sie nunmehr ihre Herrschaft über die Erde, über das Reich Gottes antrete, im Angesichte des "Assur oder Babel herrscht" ruft der Sänger sein Jehovah herrscht , kündigt er an, dass die Herrschaft des HERRN, weit entfernt, durch solche ohnmächtige Anläufe gestürzt zu werden, nun erst sich in ihrer vollen Glorie offenbaren werde. Sein "der HERR herrscht" fand den Anfang seiner Bewährung in dem Sturze Babels und in der Errettung Israels, seinem vollen Gehalte nach aber ist es messianisch: in Christo ist der HERR wahrhaft herrschend geworden und wird es in Zukunft noch herrlicher werden, vergl. die angeführten Stellen der Apokalypse. Dies "der HERR herrscht" rufen seine Diener noch immer den tollen Anläufen der Welt gegen die Kirche entgegen, mit denen sie nichts weiter ausrichtet, als dass sie eine neue, herrlichere Offenbarung seiner Offenbarung herbeiruft. Es ist das heilige Feldgeschrei der Kirche im Angesichte der Welt, wobei man der Worte Calvins wohl zu gedenken hat: "Mit dem Munde bekennen alle, was der Prophet hier lehrt, aber wie viele wohl setzen diesen Schild, wie es sich ziemt, der feindlichen Weltmacht entgegen, so dass sie nichts fürchten, und sei es auch noch so furchtbar?" Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
  Die Gottesherrschaft oder Theokratie (der Ausdruck ist von Josephus c. Apion . gemünzt) ist keine besondere Staatsverfassung. Die wechselnden Regierungsformen waren nur mannigfache Arten ihrer menschlichen Vermittlung. Sie selber ist ein über diese Vermittlungen erhabenes Wechselverhältnis Gottes und der Menschen, welches damit seinen ersten offenkundigen Anfang genommen, dass Jahve Israels König geworden (5. Mose 33,5, vergl. 2. Mose 15,18), und welches schließlich sich dadurch vollendet, dass es diese nationale Selbstbeschränkung durchbricht, indem der König Israels zum König der ganzen innerlich und äußerlich überwundenen Welt wird. Darum ist die Theokratie ein Gegenstand der Weissagung und der Hoffnung. Und malak (er ist nun König) mit Bezug auf Jahve wird nicht nur gebraucht von dem ersten Anfang seiner Reichsherrschaft und von der Tatoffenbarung derselben an heilsgeschichtlichen Höhepunkten, sondern auch von dem Beginn der Reichsherrschaft in ihrer vollendeten Herrlichkeit. In diesem endzeitigen, gipfelhaften Sinne lesen wir es z. B. Jes. 24,23; 52,7 und besonders unverkennbar Offenbarung 11,17; 19,6. Und in diesem Sinne ist "der HERR ist König" die Losung der theokratischen Psalmen. So schon 47,9; der erste aber der mit dieser Losung beginnenden Psalmen ist Ps. 93 . Sie sind alle nachexilisch. Der Höhepunkt, von welchem aus der endgeschichtliche Fernblick sich auftut, ist die Zeit der jungen Freiheit und des wiederhergestellten Staates. - Komm. von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 2. Dieser Thron ist erhaben über alle die Wechselfälle, durch welche die irdischen Throne und Reiche so oft erschüttert werden, wie den Tod der Könige oder leitenden Staatsmänner oder die Untreue der Untertanen oder Minister oder die List und Gewalt der Feinde. Nichts von alledem kann Gottes Herrschaft stören. Martin Geier † 1681.
V. 3 f. Es erheben Ströme ihr Brausen. (Grundt.) Das letzte Wort bezeichnet das Getöse, das die Wellen machen, wenn sie sich brechen . Die Feinde Gottes und seines Reiches haben sich erhoben wie die Wasserwogen, wenn Flut und Sturm sie schwellen, mit brüllendem Toben kommen sie heran. Aber wo sie dem Schiffe nahen, das den König trägt, erweist sich ihr Lärm nur als von Wogen, die zu Schaum zerstäuben. Wo sie am nächsten kommen, ist’s nur zu ihrem Verderben, und ihr größtes Lärmen ist das von sich brechenden, in nichts zusammensinkenden Wellen. So hoch sich Sturm und Wogen auch erheben mögen, höher ist Jehovah, hoch erhaben über alle Gefahr und über alles Getöse der Welt. Wie trefflich malt dies Bild mit wenigen Strichen die Geschichte der Regierung Gottes und seiner Gemeine! Die Stillung des Sturmes auf dem See Genezareth war demnach nicht nur ein Gleichnis der Geschichte des Reiches Gottes, sondern auch ein Vorbild auf die schließliche Vollendung desselben; ein Abriß der Vergangenheit, eine Weissagung auf die Zukunft und ein Vorbild des Endes. Und was für die Kirche als Ganzes gilt, das bewahrheitet sich auch an dem einzelnen Gläubigen. Lasst uns des stets eingedenk sein, dass unsere größten Gefahren brechende Wellen sind, Wellen, die sich legen zu Seinen Füßen. So lange Jehovah regiert und wir unter seinem Schutze stehn, hat es keine Not. Alfred Edersheim l866.
V. 4. Der HERR aber ist noch größer in der Höhe. Darum schaue nicht so sehr auf deine Not, sondern vielmehr auf deinen Erretter, und wenn der Menschen Verbündung in der Bosheit dich schreckt, so lass dich deine Verbindung mit Gott stärken. Die Gefahr mag deinem Widerstand überlegen sein, aber nicht Gottes Beistande; die Macht der Feinde mag deine Kraft, ihre List deine Klugheit übersteigen, aber nimmer können sie die Weisheit und die Macht des Gottes, der mit dir ist, übertreffen. O darum lerne es doch, Gott in seiner Kraft zu erproben, ihm in schwierigen Lagen zu vertrauen; und wenn die unbarmherzigen Wogen dich zu verschlingen drohen, so befiehl dich seiner Hut. Der Seemann schaut in der Not zum Himmel aus; so tu du desgleichen, und gedenke, dass mächtiger noch als das Donnern gewaltiger majestätischer Wasser, mächtiger als das Donnern der Meeresbrandung, ist Jehovah in der Himmelshöhe. Abraham Wright 1661.
V. 5. Die Heiligkeit, die dem Hause eines solchen Gottes ziemet (vergl. Ps. 33,1 Grundt.), muss ihm durch ihn selbst erhalten werden. Gott ziemt es, dass er dafür sorge, dass es nicht mit frevelhafter Hand entheiligt werde. (Vergl. Ps. 74; 79,1) Er kann es zuzeiten zur Strafe der Sünden seines Volkes der Verwüstung durch die gottlose Welt hingeben, aber immer muss er dafür sorgen, dass es wie ein Phönix aus der Asche wieder sich erhebe, dass ihm seine Heiligkeit wiederhergestellt werde. Und er hat dafür gesorgt. An die Stelle des durch die Chaldäer zerstörten ersten Hauses trat das zweite, und dies ging erst dann unter, als es bloße Schale ohne Kern geworden, als in der christlichen Kirche ein herrlicher Neubau des Hauses Gottes ins Leben getreten war. Die Welt hat es nicht zerstört, sondern Gott selbst hat den ärmlichen vorläufigen Bau niedergerissen, als der eigentliche vollendet war, und dem letzteren zu allen Zeiten, trotz aller Anläufe der zerstörungslustigen Welt, seine Heiligkeit erhalten. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
  Heiligkeit steht jedem Hause gut an, sonderlich aber dem Hause Gottes , und jedermann, sonderlich aber den Dienern des Evangeliums, die der Spiegel sind, in dem die Leute den Himmel sehen, und die Führer, die ihnen den Weg dorthin weisen. Ist nun der Spiegel trübe, so sehen sie wohl gar statt eines Engels eine Furie; und ist der Wegweiser falsch, so ist er gefährlicher als der Weg. Darum sollte niemand vorsichtiger wandeln als die Diener des göttlichen Wortes. Abraham Wright 1661.

Homiletische Winke

V. 1-5. , angewandt als Beschreibung geistlicher Erweckungen. 1) Gott erweist sich als König. 2) Seine Macht wird erfahren. 3) Sein Reich wird befestigt. 4) Der Widerstand wird besiegt. 5) Das Wort wird geschätzt. 6) Heiligkeit wird gepflegt.
V. 1.2. Unser König. 1) Seine Würde. a) Er herrscht , als der König aller Könige; er schaut den Ereignissen aus Erden nicht müßig zu, sondern ordnet alles weise, gerecht und machtvoll. b) Er ist ein herrlicher König: angetan mit Hoheit usw. c) Er ist ein mächtiger König: gegürtet mit Stärke. d) Er ist ein königlicher Kriegsheld: er hat sich gegürtet , hat sein Schwert über die Rüstung angezogen, den Feinde zum Trutz, seinem Reiche zum Schutz. 2) Sein Reich. a) Es ist weltumfassend, das einzige wirkliche Weltreich: so weit die Welt ist. b) Es ist fest gegründet: zugerichtet, da es bleiben soll. c) Es ist ewig: von Anbeginn - Du bist ewig. Adam Clarke † 1832.
  1) Die Königsproklamation. 2) Die königliche Gewandung. 3) Das wohl befestigte Reich. 4) Der uralte Thron. 5) Der ewige König. Ch. A. Davis 1874.
  1) Proklamation des erhabenen Königs. Bezeuge die Rechtmäßigkeit, die Festigkeit, das Alter, die Ausdehnung und die Dauer seiner Herrschaft. 2) Schilderung der verschiedenen Gemütsbewegungen, die diese Ankündigung hervorruft: in den aufrührerisch Gesinnten, den Schuldbewußten, den Königstreuen usw. 3) Aufforderung, diesem König zu huldigen. Ch. A. D.
V. 3. Das Brausen der Wasser. 1) Die Stimme der Natur ist eine Stimme Gottes. 2) Sie zeugt von Gott. 3) Sie zeugt für Gott.
V. 4. Gott ist 1) groß in der Schöpfung, 2) größer noch in der Vorsehung, 3) am größten in der Erlösung. George Rogers 1874.
V. 5. 1) Treue ziemt dem Worte Gottes, 2) Heiligkeit dem Hause Gottes. G. R.
V. 5b. 1) Heiligkeit war die Zierde des vorbildlichen Hauses Gottes, des israelischen Heiligtums. 2) Sie ist die Zierde seines geistlichen Hauses, der Gemeine. 3) Seines kleineren geistlichen Hauses, des Gläubigen. 4) Seines ewigen Hauses, des Himmels.

Fußnoten

1. So Luther u. die engl. Bibel. Das Wort des Grundtextes bedeutet wohl das Getöse, welches durch das Aneinanderschlagen der Wellen verursacht wird.

2. Schon Luthers Übersetzung beruht auf einer richtigen Änderung der hier unbrauchbaren masoretischen Akzentuierung. Siehe z. B. Delitzsch z. d. St.