Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 139


Überschrift

Dieser Psalm ist nach der hohen Schönheit seiner dichterischen Form wie nach seinem reichen theologischen Inhalt eines der ausgezeichnetsten heiligen Lieder. Er besingt die Allwissenheit und Allgegenwart Gottes und schließt von da aus auf den endlichen Umsturz aller Gott feindlichen Mächte, da der Heilige, der die abscheulichen Taten und Worte der sich wider ihn Empörenden sieht und hört, sicherlich an ihnen nach seiner Gerechtigkeit handeln wird. Der Lichtglanz dieses Psalms gleicht in seiner durchdringenden Schärfe dem eines Saphirs oder Hesekiels "furchtbarem Kristall" (Hes. 1,22); Blitz um Blitz flammt in ihm mit so hellem Lichte auf, dass die Nacht in Tag verwandelt wird. Den berühmten Leuchtturm von Pharus noch übertreffend, wirft dieser heilige Lehrpsalm seine Strahlen bis an die äußersten Enden des Meeres, uns warnend vor den Klippen jenes praktischen Atheismus, der die Gegenwart Gottes leugnet und dadurch die Seele Schiffbruch erleiden lässt.

Überschrift
Vorzusingen, oder: Dem Vorsänger. Dieser Überschrift begegneten wir das letzte Mal in Ps. 109 . Das vorliegende Lied ist der Kunst des besten Sangmeisters würdig und wird geziemend dem Leiter des heiligen Tempelgesanges gewidmet, dass er es in Musik setze und dem Chor der Leviten wohl einübe, damit es seinem erhabenen Inhalt entsprechend kunstvoll und andächtig in den feierlichen Gottesdiensten des Höchsten gesungen werde. Ein Psalm Davids. Dieser Dukaten von lauterstem Golde trägt nicht nur die Überschrift, sondern auch das Bild Davids an sich und hätte unserer Ansicht nach aus keiner anderen Münze als der des Sohnes Jesse hervorgehen können.1

Auslegung

1. HERR, du erforschest mich und kennest mich.
2. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehest meine Gedanken von ferne.
3. Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehest alle meine Wege.
4. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht alles wissest.
5. Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
6. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar
und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

1. HERR, du erforschest mich und kennest mich. In anbetender Bewunderung ruft der Psalmist Jehovah, den Allwissenden, bei seinem Namen an, und fährt dann fort, seine Größe zu bewundern, indem er eine seiner ihm ausschließlich eigenen Vollkommenheiten feierlich ausruft. Wollen wir Gott in einer wirklich seiner würdigen Weise loben, so müssen wir den Inhalt unserer Lobpreisungen aus der Fülle seines eigenen Wesens schöpfen: HERR, du. Keiner der vermeintlichen Götter, die ihr Scheinleben den Gedanken der Menschen verdanken, weiß irgendetwas von uns; der wahre Gott aber, Jehovah, versteht uns durch und durch, er ist aufs gründlichste bekannt mit unserem Ich, unserem ganzen Sein und Wesen. Wohl uns, wenn wir den Gott kennen, der uns also kennt! Die göttliche Erkenntnis ist im höchsten Grade durchdringend, alles ergründend; es ist, als hätte er uns durchforscht, wie der Grenzwächter einen Verdächtigen auf Schleichware untersucht oder wie Plünderer ein Haus nach Beute durchwühlen. Doch dürfen wir die Deutung des Bildes nicht übertreiben über das Maß dessen, was der Dichter damit hat sagen wollen. Der HERR kennt alle Dinge ohne weiteres von selbst und nicht etwa erst infolge einer anstrengenden Untersuchung. Etwas erforschen, das setzt im gewöhnlichen Sprachgebrauch irgendeine Unkenntnis voraus, die durch aufmerksames Beobachten gehoben wird; selbstverständlich kann davon bei dem HERRN keine Rede sein, sondern die Meinung des Psalmisten ist, dass der HERR uns so durch und durch kennt, als ob er uns umständlich geprüft und in die verborgensten Winkel unseres Wesens hineingespäht hätte. Diese untrügliche Kenntnis war stets da - man vergleiche das Perfektum des Grundtextes - und besteht fort bis auf den gegenwärtigen Augenblick, da Gott ja nimmer vergessen kann, was er je gewusst hat. Es hat also nie eine Zeit gegeben, da wir von Gott nicht gekannt waren, und es wird nie ein Augenblick kommen, da wir außer dem Bereich seiner Beobachtung wären. Beachten wir, wie persönlich der Psalmdichter die Wahrheit anwendet, die ihn bewegt; er sagt nicht: "HERR, du kennst alle Dinge", sondern: "HERR, du kennst mich." Das ist echte Weisheit, wenn wir die Wahrheit so ins eigene Herz dringen lassen. Wie erstaunlich ist der Abstand zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand seiner Beobachtung: Jehovah und ich ! Doch besteht zwischen ihm und uns diese innigste Bekanntschaft, von der der Psalm redet, und darauf ruht unsere Hoffnung. Will der liebe Leser sich ein Weilchen still hinsetzen und versuchen, sich die beiden Pole, um welche sich die Aussage unseres Verses dreht, den allerhabenen Jehovah und den kleinen, schwachen Menschen, recht lebhaft zu vergegenwärtigen, so wird es ihm an Anlass zum Verwundern und Bewundern nicht mangeln.

2. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es . Du kennst mich und alles, was mich betrifft; keiner der wechselnden Zustände meines Lebens ist dir verborgen. Ich bin von dir beobachtet, wenn ich mich still hinsetze, und ebenso, wenn ich mich entschlossen erhebe. Meine allergewöhnlichsten und zufälligen Handlungen, meine willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen werden von dir bemerkt, und du kennst die geheimen Gedanken, die all mein Tun und Lassen regeln. Ob ich in demütiger Selbstverleugnung niedersinke oder in Stolz auffahre, du siehst die Bewegungen meines Gemütes so gut wie diejenigen meines Körpers. Es ist eine Tatsache, deren wir jeden Augenblick eingedenk sein sollten, dass, ob wir nachdenkend dasitzen oder aufstehen, um zu handeln, unser Herr uns allezeit sieht, kennt und durchschaut. Du verstehest meine Gedanken von ferne. Noch ehe meine Gedanken mein bewusstes Eigentum sind, sind sie von dir zuvor erkannt und erfasst. Wiewohl mein Denken etwas Unsichtbares ist, ob ich auch selber noch nicht erkennen kann, welche Gestalt es anzunehmen im Begriff ist, steht es doch schon unter deiner prüfenden Betrachtung, und du nimmst seine Wesensart, seine Quelle, seine Ziele und seine Frucht wahr. Niemals beurteilst du mich falsch, nie missdeutest du eines meiner Worte, eine meiner Taten, denn mein innerstes Dichten und Denken, mein gesamtes Geistes- und Seelenleben liegt vor deinem unparteiischen Blicke offen. Und wenn du mein Herz nur mit einem Blicke streiftest und mich beschautest, wie wir Menschen einen in weiter Ferne dahinfliegenden Meteor, so würdest du doch mit diesem einen schnellen Blick all die Gedanken und Absichten meiner Seele zusammen überschauen, so durchsichtig ist alles vor dem durchdringenden Feuer deiner Augen.

3. Ich gehe oder liege, so bist du um mich. Du bist um meinen Pfad und um mein Lager. Wo ich bin und was ich tue, ob ich gehe oder stehe, ob ich haste oder raste, immer bin ich in dem Kreise deiner Blicke. Du umgibst mich allüberall und immer, wie die Luft beständig alle lebenden Wesen auf Erden umgibt. Ich bin eingeschlossen in den Mauern deiner Allgegenwart, überall umringt von dem Grenzwall deines Wissens. Ob ich wache oder schlafe, du beobachtest mich. Ich kann deinen Weg verlassen, du aber folgst allen meinen Spuren. Ich mag entschlummern und im Schlafe mich und dich vergessen, du aber schläfst noch schlummerst nie und sinkst nie in einen Zustand des Vergessen. - Wir müssen jedoch Luthers Übersetzung "so bist du um mich" aufgeben; das Zeitwort des Grundtextes bedeutet worfeln, auseinander werfen, daher sichtend prüfen, bis auf den Grund untersuchen: Mein Wandeln und mein Liegen prüfst (sichtest, durchschaust) du. Der HERR beurteilt aufs genaueste unser Schaffen und unser Ruhen und bemerkt in beiden, was gut und was böse ist. Auch unter unserm besten Weizen befindet sich Spreu, und der HERR scheidet dazwischen mit niemals irrender Genauigkeit. Und bist vertraut (Grundt.) mit allen meinen Wegen. Du kennst aufs gründlichste all mein Handeln; nichts von allem, was ich tue, ist dir verborgen oder überrascht dich oder wird von dir irrig aufgefasst. Ob unser Fuß auf alten Straßen der Gewohnheit wandelt oder wir diesen oder jenen neuen Pfad betreten, ob unsere Wege den Menschen bekannt oder geheim sind, dem Ewigen sind sie ganz bekannt, nach Anfang, Mitte und Ende. Diese Wahrheit sollte uns mit heiliger Scheu erfüllen, dass wir uns vor dem Sündigen hüten, - mit Mut, so dass wir nichts fürchten, - mit Freude, so dass wir nicht klagen.

4. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wissest. Auch das noch ungestaltete Wort, das noch im Verborgenen des Mundes ruht wie das Samenkorn im Boden, ist dem Herzenskündiger genau und vollständig bekannt. Eine verneinende Aussage wird hier, wie ja oft, gebraucht, um eine Behauptung recht kräftig ins Licht zu stellen; nicht ein Wort sei dem HERRN unbekannt, das ist eine nachdrückliche Weise, zu sagen, dass jedes Wort ihm wohlbekannt ist. Die göttliche Kenntnis ist vollkommen, da sich ihr nicht ein einziges Wort, ja auch kein noch unausgesprochenes Wort entzieht und jedes einzelne ihr ganz und gar, völlig bekannt ist. Welche Hoffnung, dass irgendetwas verborgen bleiben könne, mag da noch bestehen, wenn die Worte, mit denen so viele ihre Gedanken zu verhüllen suchen, alle vor dem HERRN durchsichtig sind wie Glas? O HERR, wie groß bist du! Ist dein Auge von solcher Kraft, was muss die vereinte Kraft deines ganzen Wesens sein!

5. Hinten und vorne (wörtl.), d. h. von allen Seiten umgibst du mich. Wie Menschen, die aus dem Hinterhalt umzingelt werden, oder wie eine Stadt, die von einem Heere belagert wird, das ringsum alle Tore und Wälle besetzt, so sind wir von der Allgegenwart des HERRN eingeschlossen. Gott hat uns dahin gestellt, wo wir uns befinden, und hält uns umstellt, wo immer wir seien. Hinter uns ist Gott, unsere Sünden aufzeichnend oder aber in seiner Gnade ihr Gedächtnis austilgend, und vor uns ist Gott, alle unsere Wege vorherwissend und für alle unsere Bedürfnisse vorsorgend. Wir können uns nicht rückwärts wenden und also ihm entfliehen, denn er ist hinter uns, und ebenso wenig vermögen wir vorwärtseilend ihn zu überholen, denn er ist immer vor uns. Er sieht uns nicht nur, sondern er hält uns umzingelt; und damit uns jeder Gedanke, ihm entschlüpfen zu können, vergehe und wir uns nicht etwa einbilden, seine uns umgebende Gegenwart sei eine ferne, fügt der Psalmist hinzu: Und legst deine Hand auf mich (Grundt.). Der Gefangene schreitet dahin, umgeben von einer Wache und mit festem Griffe gepackt von dem Vertreter des Gesetzes. Gott ist uns sehr nahe; wir sind völlig in seiner Gewalt; vor dieser Macht gibt es kein Entrinnen. Es heißt nicht, Gott werde uns umzingeln und ergreifen, sondern das ist eine vollzogene Tatsache (vergl. wiederum die Perfekta des Grundtextes). Sollen wir das Bild nicht etwas ändern und sagen, unser himmlischer Vater habe seine Arme um uns geschlossen und zärtlich liebkosend die Hand aufgelegt? Auch das ist wahr, nämlich bei denen, die durch den Glauben Kinder des Höchsten geworden sind.

6. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar. Ich kann sie nicht fassen, kann es kaum ertragen, darüber nachzudenken. Der Gegenstand überwältigt mich völlig, ich bin ganz außer Fassung vor Staunen und heiliger Scheu. Diese Erkenntnis geht nicht nur über mein Verstehen, sondern auch über mein Vorstellungsvermögen. Und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen, wörtl.: ich werde ihrer nicht mächtig. Mag ich noch so hoch emporsteigen, diese Wahrheit ist mir zu erhaben. Immer noch schwebt sie über mir, selbst wenn ich mich zum höchsten Fluge geistlichen Denkens aufschwinge. Ist das nicht mit allen Eigenschaften Gottes der Fall? Können wir uns irgendeinen der Wirklichkeit entsprechenden Begriff bilden von seiner Macht oder seiner Weisheit oder seiner Heiligkeit? Unserem Verstande gebricht es an einer Messschnur, mit der wir das Unendliche messen könnten. Zweifeln wir deshalb? Sagen wir lieber, dass wir eben deshalb glauben und anbeten. Es überrascht uns von ferne nicht, dass der große, herrliche Gott mit seinem Wissen hoch über all dem Wissen ist, zu dem wir gelangen können; es muss ja vielmehr mit zwingender Notwendigkeit so sein, da wir solch kleine, in engen Schranken befangene Wesen sind. Mögen wir uns auch auf die Zehen stellen und uns recken, soviel wir wollen, wir reichen doch noch nicht zu der niedersten Stufe des Thrones des Ewigen.
7. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist,
und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht?
8. Führe ich gen Himmel, so bist du da.
Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da.
9. Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
10. so würde mich doch deine Hand daselbst führen
und deine Rechte mich halten.
11. Spräche ich: Finsternis möge mich decken!
so muss die Nacht auch Licht um mich sein.
12. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtet wie der Tag,
Finsternis ist wie das Licht.

7. In dem nun folgenden Abschnitte ist die Allgegenwart der Gegenstand der Betrachtung - eine Wahrheit, zu der die Allwissenheit von selber hinführt. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? Nicht dass der Psalmist gewünscht hätte, von Gott weg zu gehen oder sich dem Einfluss der göttlichen Lebenskraft zu entziehen; er stellt die Frage, um die Tatsache ins Licht zu setzen, dass niemand dem alles durchdringenden Wesen und Wissen des großen unsichtbaren Geistes zu entrinnen vermag. Beachten wir, wie der Psalmist auch hier wieder die Sache unmittelbar auf sich bezieht: Wo soll ich hingehen? Es wäre gut, wenn wir die Wahrheit alle immer so auf unsern eigenen Fall anwendeten. Das ist Weisheit von oben her, wenn jeder zu sich sagt: Der Geist des HERRN umgibt mich allezeit; Jehovah ist allgegenwärtig für mich. Und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Ob ich auch, von Furcht gejagt, noch so sehr eilen wollte, um dieser Nähe Gottes, wenn sie mir ein Schrecken geworden, zu entrinnen, welche Richtung könnte ich einschlagen? Wohin, wohin? - er wiederholt den Ruf, aber keine Antwort kommt ihm. Die einzige Antwort auf sein erstes "Wohin?" ist das Echo dieser Frage, ein zweites "Wohin?". Vor Gottes Blick, ob er in Gnade oder Zorn auf ihn gerichtet ist, kann er sich nicht verbergen; aber das ist noch nicht alles - der ganzen unmittelbaren, wirksamen, beständigen Gegenwart des Ewigen vermag er sich nicht zu entziehen. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen Gott so nahe sein, wie unsere Seele unserm Körper ist. Das macht es zu einer schrecklichen Sache, zu sündigen, denn wir beleidigen damit Gott ins Angesicht und begehen hochverräterische Handlungen unmittelbar vor seinem Throne. Weder von Gott weg gehen noch vor ihm fliehen können wir; weder durch beharrliches Wandern noch durch eilige Flucht vermögen wir uns der immer und überall uns umgebenden Gottheit zu entziehen. In ihm leben, weben und sind wir. Sein Wille ist in unserm Willen, ja er selber ist in uns. Sein Geist waltet über unserem Geist, und unsere Gegenwart ist stets in seiner Gegenwart.

8. Führe ich gen Himmel, so bist du da. Auch die erhabensten Regionen mit seiner noch erhabeneren Gegenwart erfüllend, ist Jehovah in den himmlischen Ortern; dort ist sein Thron, dort ist er gleichsam daheim. Selbst wenn es dem Erdensohn möglich würde, zu diesen höchsten Höhen emporzufliegen, so wäre doch der Versuch, auf diese Weise dem Ewigen zu entfliehen, gänzlich zwecklos; es hieße sich mitten ins Flammenmeer stürzen, um der Hitze zu entgehen. Der Mensch würde dort unmittelbar dem Gott gegenüberstehen, dessen Persönlichkeit ihm so schrecklich ist. Beachte die nachdrucksvolle Kürze des Grundtextes: "Du - da!" - Bettete ich mir in die Hölle (die Unterwelt), siehe, so bist du auch da. Stiegen wir hinab in die tiefsten nur denkbaren Tiefen, hinab mitten in die Totenwelt, so würden wir auch dort dem Allgegenwärtigen begegnen. "Siehe - du!" sagt der Psalmist, offenbar von dem Gefühl durchdrungen, dass Gott allerorten der eine wahrhaft Seiende ist. Was immer der Hades sein mag, wer immer dort sein oder nicht sein möge, eins ist gewiss: Du, Jehovah, bist da! Zwei Gebiete, das eine das Gebiet der Lichtherrlichkeit, das andere das der Todesfinsternis, werden hier einander gegenüber gestellt und dieselbe eine Tatsache von beiden versichert: Du bist da! Ob wir uns erheben oder uns niederlegen, ob wir auffahren mit Flügeln wie Adler oder uns in den Abgrund betten, immer werden wir Gott nahe finden. Ein Siehe! ist der zweiten Aussage eingefügt, weil es so viel seltsamer erscheint, Gott in der Hölle zu begegnen als im Himmel, im Hades als im Paradiese. Natürlich bringt die Gegenwart Gottes an diesen beiden Orten sehr verschiedene Wirkungen hervor, aber sie ist unzweifelhaft an beiden vorhanden, als die Wonne der einen, als das Grausen der andern Stätte. Welch ein schrecklicher Gedanke, dass manche Menschen augenscheinlich entschlossen sind, sich ihr Nachtlager in der Hölle zu bereiten, und zwar für jene ewige Nacht, die keinen Morgen kennt!

9. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe (ließe mich nieder) am äußersten Meer. Könnte ich mit solcher Schnelligkeit fliegen wie die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne, könnte ich eine Wohnstätte finden in den fernsten Fernen, wo kein Segler je die Wogen durchfurcht hat, so vermöchte ich dennoch die Grenzen der göttlichen Gegenwart nicht zu überschreiten. Das Licht fliegt mit unfasslicher Geschwindigkeit (zu einer Reise um die ganze Erde braucht es nur ein Achtel einer Sekunde), und seine Strahlen dringen in Fernen, die unermesslich weit über den menschlichen Gesichtskreis hinaus liegen; es erleuchtet das weite Weltmeer und macht dessen entfernteste Wogen schimmern und leuchten; und doch würde alle Schnelligkeit der Lichtstrahlen gänzlich versagen, wollten wir uns ihrer bedienen, um vor dem HERRN zu entfliehen. Eilten wir auf den Schwingen der Morgenröte dahin, stürmten wir mit Blitzesschnelle in unbekannte Ozeane, die noch auf keiner Seekarte verzeichnet wären, so würden wir dennoch den HERRN dort schon gegenwärtig finden. Er, der aus den äußersten Nöten zu retten Macht und Willen hat, ist bei uns auch an den äußersten Enden des Meeres.

10. So würde mich doch deine Hand daselbst führen. Nur durch Gottes eigene Macht vermöchten wir vor ihm zu fliehen. Der HERR würde uns leiten, schirmen, erhalten, selbst wenn wir wie Jona Flüchtlinge wären, die ihm zu entrinnen suchten. Und deine Rechte mich halten oder vielmehr: erfassen. An den entlegensten Enden des Meeres würde meine Verhaftung ebenso gewiss sein wie daheim: Gottes rechte Hand würde auch dort den Ausreißer packen und festhalten. Wird uns ein Auftrag, der uns in die fernsten Fernen führt, so dürfen wir uns aufs allergewisseste darauf verlassen, dass die erhaltende Rechte des HERRN mit uns sein wird mit der ganzen Fülle der göttlichen Gnade, Weisheit und Macht. Der Missionar, der in unbekannte Länder Forschungsreisen macht, wird auf seinen einsamen Wanderungen geleitet, in seiner Schwachheit, da niemand ihm beistehen, ihn beschützen, pflegen, trösten kann, wunderbar erhalten. Beide Hände Gottes sind mit seinen Dienern, sie zu schirmen, und wider die Empörer, sie zunichte zu machen; und in dieser Hinsicht ist es ganz ohne Belang, in welche Fernen sie sich begeben, denn Gottes wirksame Kraft umgibt sie allüberall.

11. Spräche ich: Finsternis möge mich decken!2 Dichteste Finsternis mag mich, mir das Herz beklemmend, umgeben; aber von dir kann sie mich nicht abschließen, noch auch dich von mir. Du siehst ohne Licht so gut wie bei Licht, denn du bist von dem Lichte, das du ja selbst geschaffen hast, nicht abhängig, um von deinem Wahrnehmungsvermögen vollen Gebrauch zu machen. Auch bist du bei mir gegenwärtig, welche Stunde es auch sein mag; und als der Gegenwärtige gewahrst du alles, was ich denke, fühle oder tue. Die Menschen sind noch immer so töricht, dass sie die Nachtzeit und das Dunkel für die Ausführung ihrer bösen Taten vorziehen; und doch ist es so unmöglich, dass irgendetwas vor dem HERRN verborgen bleibe, dass sie ihre Missetaten gerade so gut im hellen Tageslicht vollbringen könnten. Gottes Hand fasst seine Feinde ebenso sicher im mitternächtlichen Dunkel wie im grellen Sonnenschein. Ein guter Mensch wird nicht wünschen, dass die Finsternis ihn verberge, und der Verständige wird nichts Derartiges erwarten. Gehören wir aber zu den Toren, die sich vor der Entdeckung sicher wähnen, weil der Ort, da sie weilen und sündigen, in Dunkel gehüllt ist, so mag uns die Tatsache wohl aus unserer Sicherheit aufschrecken, dass wir für Gott immer und allezeit im Lichte sind; denn vor ihm leuchtet auch selbst die Nacht in alles offenbar machendem Lichte: So muss die Nacht auch Licht um mich sein.3 Lasst uns daran denken, wenn je die Versuchung an uns herantritt, aus der Finsternis eine Freiheit zum Sündigen abzuleiten: Es ist Licht um mich! Ist selbst die Finsternis Licht, wie hell muss das Licht sein, in dessen Strahlen wir uns allezeit befinden! Achten wir recht darauf, wie der Psalmist sein Lied immer in der ersten Person hält; mögen auch wir mit Hagar beten: Du, Gott, siehst mich (1. Mose 16,13).

12. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir. Dir verhüllt sie nichts mit ihrem Schleier; für dich verbreitet die Nacht kein Dunkel, durch das deine Augen nicht dringen könnten. Vor Menschen mag die Finsternis mich verbergen, aber nicht vor dir. Und die Nacht leuchtet wie der Tag. Sie ist sozusagen nur eine andere Gestalt des Tages; sie leuchtet mit alles offenbarendem Lichte, enthüllt alles, was da geschieht, geradeso klar und deutlich wie das helle Tageslicht. Finsternis ist wie das Licht. Dieser letzte Satz des Abschnittes fasst das Vorangegangene zusammen und verneint aufs nachdrücklichste jeden Gedanken, als ob man sich unter den Fittichen der Nacht verbergen könnte. Die Menschen klammern sich ja gerade an diesen Gedanken, da es leichter und weniger kostspielig erscheint, sich in der Finsternis zu verstecken, als wer weiß in welche Fernen zu fliehen; darum wird dieser törichte Gedanke von dem Psalmisten mit solcher Wucht in Stücke zerschlagen durch eine Reihe unwiderleglicher Sätze. Aber die Gottlosen lassen sich trotz alledem durch die niedrigen Vorstellungen, die sie von Gott hegen, elendiglich täuschen und fragen doch noch: Wie sollte Gott wissen? (Ps. 73,11 .) Sie bilden sich offenbar ein, er sei in seinem Beobachtungsvermögen geradeso beschränkt wie sie; und doch, wenn sie nur einen Augenblick nachdenken wollten, so müssten sie zu dem Schlusse kommen, dass ein Wesen, das im Dunkel nicht zu sehen vermöchte, kein Gott sein und ein Wesen, das nicht allüberall gegenwärtig wäre, nicht der allmächtige Schöpfer sein könnte. Wahrlich, es unterliegt keinem Zweifel: Gott ist an allen Orten zu allen Zeiten, und schlechterdings nichts kann auf irgendeine Weise vor seinem alles wahrnehmenden, alles durchschauenden Blicke beiseite geschafft werden. Er, der Erhabene, der ganz Geist ist, umschließt in sich allen Raum und alle Zeit und ist doch unendlich größer als diese oder was irgend sonst er geschaffen hat.
13. Denn du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe.
14. Ich danke dir darüber, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke,
und das erkennet meine Seele wohl.
15. Es war dir mein Gebein nicht verhohlen,
da ich im Verborgenen gemacht ward,
da ich gebildet ward unten in der Erde.
16. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war,
und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten, als derselben keiner da war.
17. Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihrer so eine große Summe!
18. Sollte ich sie zählen, so würde ihrer mehr sein denn des Sands.
Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir.

13. Denn du hast meine Nieren bereitet. Dass all mein Tun, mein Reden und mein Denken bis ins Verborgenste dir offenbar ist, das liegt ja klar auf der Hand; bin ich doch ganz und gar und auch bis ins Verborgenste hinein von dir geschaffen. Die Nieren galten den Hebräern als der Sitz der geheimsten und zartesten Empfindungen und der heimlichen Begierden; vielleicht bezeichnen sie hier im Allgemeinen die verborgensten und wesentlichsten Teile unseres Inneren. Gott kennt diesen innersten Herd der Gefühlsregungen und hat ihn ganz in seiner Gewalt, denn er hat ihn bereitet. Und hast mich gebildet (wörtl.: gewoben) im Mutterleibe. Du hast mich wunderbar aus Knochen, Sehnen und Adern zusammengeflochten oder damit durchwoben. Ganz ähnlich spricht sich Hiob (Kap. 10,11) aus. So künstlich und fein hast du mich bereitet. Einzelne Erklärer halten diese Übersetzung für nicht ganz sicher und bleiben lieber bei der Auffassung: Und schirmtest mich (Luther: warest über mir) im Mutterleibe. Dort, im Schoße meiner Mutter, lag ich verborgen, von dir behütet. Ehe ich dich kennen, ehe ich von dir oder von sonst irgendetwas auch nur das Geringste wissen konnte, da waltetest du schon sorglich über mir und verbargst mich wie einen Schatz, bis du es für gut fandest, mich ans Licht zu bringen. In seinen verborgensten Teilen - seinen Nieren - und in seinem verborgensten Zustand - als er noch ungeboren war - war der Psalmist unter der Aufsicht und der Hut des HERRN.

14. Ich danke dir (darüber, dass ich wunderbar gemacht bin). Der Psalmist unterbricht hier seine Schilderung mit einem Ausruf des Dankes. Wer den HERRN lobpreisen will, der braucht nach einem Anlass nicht weit zu suchen; die Gegenstände drängen sich ihm in der allernächsten Nähe auf. Wir denken zu selten über unsere Erschaffung nach und all die Kunst und liebreiche Sorgfalt, die der Schöpfer auf unseren Körperbau verwendet hat; der liebliche Sänger Israels aber war darin besser unterwiesen und bereitete deshalb für den Tempelchor ein Lied, das auch von unserer Geburt und all dem göttlichen Wirken und Bilden, das dieser vorangeht, handelt. Wir können nicht zu früh damit anfangen, unserm Schöpfer zu danken und ihn zu loben, der so frühe schon mit seinem Segnen bei uns begonnen hat; eben damit, dass er uns erschuf, schuf er auch schon Gründe für uns, seinen Namen zu preisen. Darüber, dass ich erstaunlich (eigentlich schauerlich) wunderbar (Grundt.) gemacht bin. Wer könnte auch nur eine Zeichnung unseres anatomischen Baues ohne Verwunderung und ehrfürchtiges Staunen betrachten? Wer vermöchte irgendeinen Teil des menschlichen Körpers zu zergliedern, ohne die Kunst und Feinheit des Baues zu bewundern und zugleich über seiner Zerbrechlichkeit innerlich zu erzittern? Der Psalmist hatte schwerlich jemals hinter den Vorhang geschaut, der das feine Gebilde der Nerven, Sehnen und Blutgefäße vor unsern Blicken verbirgt; die Wissenschaft der Anatomie war ihm etwas völlig Unbekanntes. Und dennoch hatte er von dem Bau des menschlichen Körpers schon genug gesehen, dass Bewunderung für das Werk und Ehrfurcht vor dem Urheber desselben in ihm erregt ward. Wunderbar sind deine Werke. All die Teile meines Körpers sind dein Werk, und wiewohl sie die mir nächstliegenden sind, mit denen ich es alle Tage zu tun habe, sind sie doch im höchsten Grade wundersam. Es sind Werke in meinem eigenen Inneren, und doch gehen sie hoch über mein Verständnis hinaus und erscheinen mir als ebenso viele Wunder der Kunst und Macht. Wir haben es nicht nötig, in ferne Länder zu reisen, um Wunder zu schauen, ja wir brauchen nicht einmal über die Schwelle der Hütte unseres Leibes zu gehen; es ist ihrer eine Fülle in unserem eigenen Körper. Wo immer aber wir unsern Blick auf Gottes Werke richten, da ist des Staunens kein Ende, und da wird die Seele erfasst von heiligen Schauern vor dem großen Gott, der solche Wunder zu schaffen vermag. Und das erkennet meine Seele wohl. Der Psalmist war kein Mann vom Schlage unserer modernen Naturforscher, die sich ihres Nichtwissens rühmen und es für vornehm halten, am hellen Tage die Sonne nicht zu sehen - er hatte ein Wissen; er war auch kein Zweifler - seine Seele war diesem Wissen ergeben; und er war kein Gimpel, der sich alles vorschwätzen lässt - seine Seele erkannte wohl, sein Wissen war rechter Art, sein Erkennen klar und gründlich. Das sind die Leute, die wirklich und in Wahrheit Erkenntnis erlangen, die zuerst und vor allem den HERRN selber kennen lernen und dann alles in ihm, in dem Lichte, das von ihm ausstrahlt, erkennen. Der Psalmdichter hatte die wunderbare Art der Werke Gottes mit einer sicheren und genauen Erkenntnis kennen gelernt, denn er hatte es durch Erfahrung herausgefunden, dass der HERR in allem seinem Tun ein Meister ist, der unnachahmliche Wunder wirkt, in denen er die Ratschlüsse seiner Güte ausführt. Sind Wunder schon an uns vollbracht worden, noch ehe wir geboren waren, was sollen wir dann erst von dem wunderbaren Walten sagen, das Gott jetzt an uns betätigt, nachdem wir aus seiner geheimen Werkstatt ans Licht gebracht sind, und da er nach seinem Wunderrat uns durch die Pilgerschaft des Lebens führt? Und was sollen wir vollends erst von der Wiedergeburt sagen, die noch geheimnisvoller ist als unsere erste, leibliche Geburt und die Liebe wie auch die Weisheit des HERRN noch heller ins Licht stellt?

15. Es war dir mein Gebein nicht verhohlen. Der feste Kern meines Leibeslebens lag vor deinem allsehenden Auge offen; die Knochen, die das Gerüst meines Körpers bilden, wurden zusammengefügt von deiner Hand. All die Bestandteile meines Wesens waren, schon ehe sie zu einem Organismus verbunden waren, in dem Bereiche deines alles durchdringenden Wissens. Vor der Erkenntnis und den Augen aller Menschen, selbst der eigenen Mutter, war ich verborgen, aber nicht vor dir; du hast mich von jeher aufs genaueste gekannt. Da ich im Verborgenen gemacht ward. Mit keuscher Zartheit und gar ansprechend wird hier geschildert, wie unser Wesen vor der Zeit unserer Geburt gebildet ward. Große Künstler arbeiten in ihrer Meisterstätte gerne ganz allein und lassen niemand ihr Werk sehen, bis es vollendet ist; so hat auch der HERR uns gebildet, wo kein Auge uns schauen konnte, und der Schleier ward nicht gelüftet, bis jedes Glied, jeder Teil vollkommen fertig war. Von der Bildung unseres inneren Menschen geht jetzt noch vieles im Verborgenen vor sich; darum ist es für uns so wichtig, viel mit dem HERRN allein zu sein. Die wahre Gemeine des Herrn wird auch im Verborgenen gebildet, so dass niemand rufen darf: "Siehe, hier" oder "Siehe, da!", als ob das, was hienieden davon sichtbar ist, je als mit dem unsichtbar wachsenden Leibe Christi völlig gleichbedeutend angesehen werden könnte. Da ich gebildet, wörtlich: gewirkt ward in Erdentiefen. "Kunstvoll gewirkt", das ist eine hochdichterische, aber genau entsprechende Beschreibung der Gestaltung der Adern, Sehnen, Muskeln und Nerven. Welches Kunstgewebe vermöchte sich dem Bau des menschlichen Körpers zu vergleichen? Dieses Meisterwerk entsteht so im Geheimen, als ob es im Erdinnersten gemacht würde. Der Ausdruck ist nämlich als ein dem Dichter wohl zustehender abgekürzter Vergleich anzusehen: an einem Orte, so geheimnisvoll und finster wie das Erdinnere, die Unterwelt. Die dichterische Redeweise umhüllt den Gedanken mit einem Schleier, durch den dennoch das durchschimmert, was der Psalmist eigentlich meint. Delitzsch vermutet, es klinge in dem Ausdruck die Erinnerung an die erste Gestaltung des Menschenleibes aus Staub von der Erde an. "In der Entstehung jedes Menschen", sagt er, "wiederholt sich nach der Anschauung der Schrift die uranfängliche Schöpfungsweise, Hiob 33,4.6; vergl. Sirach. 40,1 . Die Erde war der Mutterschoß Adams, und der Mutterschoß, aus dem das Adamskind hervorgeht, ist die Erde, von der es genommen." Näher scheint jedoch hier nach dem Wortlaut der Vergleich des dunklen Mutterschoßes mit dem Dunkel der Unterwelt, dahin der Mensch zurückkehrt, zu liegen, vergl. Hiob 1,21 . Dass der Schöpfer uns von Anfang, ja vor unserem Anfang aufs genaueste kennt, da er uns so kunstvoll bereitet hat, das stellt der Psalmdichter uns hier in anziehender Weise vor Augen. Sollte der, der uns so wunderbar im Verborgenen gemacht hat, nicht auch sein Werk der Macht und Weisheit fortsetzen können, bis er uns ganz zur Vollkommenheit geführt hat, wiewohl wir uns gänzlich unfähig fühlen, ihm bei dieser Entwicklung zu helfen, sondern im Gegenteil mit Furcht und Betrübnis, ja mit Selbstverabscheuung in völliger Hilflosigkeit daliegen und es uns oft ist, als wären wir in die tiefsten Tiefen der Erde geworfen?

16. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war. Als ich noch eine ungeformte Masse (Grundt.) war, sahst du mich, wie der Töpfer in dem Ton, den er auf der Scheibe hat, schon das fertige Gefäß sieht. Wie aus dem Folgenden hervorgeht, ist dies Sehen des HERRN ein sehr aufmerksames, mit einer bestimmten Absicht verbundenes und wirksames Sehen. Ferner nimmt Gottes Geist alles mit so klarer und bestimmter Erkenntnis wahr, wie sie sich bei uns Menschen durch den Augenschein vermittelt. Er kennt uns nicht vom Hörensagen, sondern persönlich aus eigener Anschauung. Und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war.4 Dein Allwissen erstreckt sich wie über allen Raum, so über alle Zeit. Als ich noch nicht zur Welt gekommen war, sondern noch im dunkeln Schoß der Mutter ruhte, da war meine ganze Lebensgeschichte schon deinem Wissen gegenwärtig mit all den Einzelheiten jedes Tages. Ehe mein irdisches Leben begonnen hatte, war in deinem ewigen Rate schon die Dauer desselben genau bestimmt, und nicht nur die Dauer, sondern auch all die wechselnden Geschicke desselben lagen offen vor dir. Du sahst die Spiele meiner Kindheit mit ihrer oft so tiefen Bedeutung, die Träume und das Streben des Jünglings, das Ringen des Mannes, die Wechselfälle des Alters; mein ganzes Leben, vom ersten Schrei des Neugeborenen bis zum letzten Seufzer der Todesstunde, alle meine Taten, alle meine Wege, alle meine Tränen, alle meine frohen Stunden, alles, womit ich selber meines Lebens Glück und Unglück schmieden, alles, womit andere in die Gestaltung meines inneren und äußeren Werdens eingreifen würden, kurzum jeder Tag, jede Stunde, jede Sekunde meines ganzen Erdenlaufes war dir offenbar. Ja du hast als weiser Architekt den Plan meines Lebens entworfen und aufgezeichnet, dass auch nicht ein Stein in dem ganzen Bau ist, der nicht in dem Plan enthalten wäre. Bei aller Freiheit, die du mir unter freiwilliger Selbstbeschränkung deiner souveränen Macht gegeben, da du mich nach deinem Willen zu einer sittlichen, mit Denken und Wollen begabten Persönlichkeit geschaffen hast, ist mein Leben doch gänzlich abhängig von dir. Du hast mir die Grundlage gegeben, meine leiblich-geistige Natur, auf der meine Freiheit ruht, du hast mir die Schranken gesetzt, in denen sich meine Freiheit bewegt, du hast mir die Ziele gesteckt, zu denen mein Leben gelangen soll, und innerhalb dieser Entwicklung hast du alles in deinem ewigen Rat geordnet und vorherbestimmt, das Größte wie das Kleinste, für Zeit und Ewigkeit. Nicht ein Haar kann von meinem Haupte fallen ohne deinen Willen, in Himmel und Erde muss dir alles dienen, und mein und aller Kreaturen Wille bleibt bei aller Freiheit, die du dem Geschöpfe gesetzt hast, dennoch immer und allezeit deinem höchsten Willen untergeordnet. Alle Rätsel meines Lebens finden in deinem erhabenen Rate ihre Lösung, und die Geschicke meiner Tage sind nicht ein Spiel des Zufalls, auch nicht das Ergebnis meiner oder anderer Menschen Willkür, sondern die Ausführung dessen, was deine Hand und dein Rat zuvor bedacht haben, dass es geschehen sollte (Apg. 4,28).

17. Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Der Dichter unseres Psalms wird durch die Erkenntnis der Tatsache, dass Gott alles an ihm und über ihn kennt und weiß und alle seine Tage vorher aufgezeichnet hat, nicht erschreckt und beängstigt; im Gegenteil, es ist ihm das ein Trost, und er fühlt sich dadurch bereichert wie mit einem Schatzkästlein voll köstlicher Edelsteine. Dass Gott an ihn denkt,5 das ist des Gläubigen Schatz und Freude. "Wie köstlich sind mir, o Gott, deine Gedanken, wie teuer ist mir deine stete Aufmerksamkeit!" Er denkt über Gottes Gedanken mit Wonne; je mehr er von ihnen ins Herz fassen kann, desto höher steigt seine Freude. Es ist in der Tat eine Freude, die Welten wert ist, dass Gottes hohe Gedanken über uns armen, geringen, so bedürftigen Menschenkindern walten; diesen Gedanken nachzudenken, an ihn zu denken, der zuerst an uns gedacht, und also, ob auch nur nach unserer ärmlichen Weise, Denken mit Denken, Liebe mit Liebe zu erwidern, das ist etwas, das unser ganzes Innere mit Seligkeit erfüllt. Wie ist ihrer so eine große Summe! Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Gott von Anfang an, ja von Ewigkeit her an uns gedacht hat, dass er fortfährt, jeden Augenblick unser zu gedenken, und dass sein liebendes Gedenken uns umfangen wird, wenn es keine Zeit mehr gibt, so mögen wir wohl mit dem Psalmisten staunen. Gedanken von solcher Art, wie sie dem Schöpfer, dem Erhalter, dem Erlöser, dem Vater, dem Freunde natürlich sind, strömen in einem fort aus seinem Herzen. Gedanken, die die Tilgung unserer Schuld, unsere Erneuerung, unsere Bewahrung, unsere Versorgung, unsere Erziehung und Vollendung zum Gegenstand haben, und unzählige andere Gedanken, einer herrlicher als der andere, wallen unaufhörlich in dem liebreichen Herzen unseres Gottes auf. Es sollte uns mit anbetender Bewunderung und ehrfürchtigem Staunen erfüllen, dass er, der Unendliche und Erhabene, so viele Gedanken an uns wendet, die wir so unbedeutend und so unwürdig sind. In welch einem Gegensatz steht dies alles zu der Weltanschauung derjenigen, die das Dasein eines persönlichen, seiner selbst bewussten und alles wissenden und bis ins Kleinste ordnenden Gottes leugnen. Stelle dir die Welt vor ohne diesen lebendigen, denkenden Gott! Wie wäre es, wenn die Weltregierung wirklich als solch eine unerbittliche Maschine arbeitete, wie die Materialisten es behaupten? Das ist eine eisig kalte, eisern harte Philosophie. Da könnte der Mensch sein Haupt ebenso gut auf der Schneide eines haarfein geschliffenen Schwertes zur Ruhe legen wie in solchen Vorstellungen Trost suchen. Wir brauchen einen Gott, der allezeit an uns denkt; durch einen solchen Gott gibt’s eine glückliche Welt, ein reiches Leben in dieser Zeit und eine Zukunft voll himmlischer Herrlichkeit.

18. Sollte ich sie zählen, so würde ihrer mehr sein denn des Sands. Dies Bild besagt, dass die Gedanken Gottes schlechterdings unermesslich sind; denn es gibt für unsere Vorstellung nichts, das an Zahl die Sandkörner übertreffen könnte, die das große Weltmeer und all die kleineren Gewässer der Erde umgürten. Die Aufgabe, Gottes Liebesgedanken zu zählen, würde eine endlose Arbeit sein. Jeder Versuch, sie zu berechnen, muss scheitern, denn das Unendliche ist nicht in dem Bereich unserer schwachen Verstandeskraft. Selbst wenn wir es fertig brächten, die Sandkörner am Meeresufer zu zählen, selbst dann wären wir noch außerstande, Gottes Gedanken auszurechnen, denn ihrer ist "mehr als des Sandes". Das ist nicht eine Übertreibung dichterischer Redeweise, sondern eine Tatsache, die hier in Kraft der Erleuchtung des göttlichen Geistes bezeugt wird. Auch Gottes Denken an uns ist, seinem Wesen entsprechend, unendlich; es gibt eine (freiwillige) Grenze für die Schöpfertätigkeit Gottes, aber keine Schranken für die Macht seiner Liebe.
  Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir. Der Gedanken deiner Liebe sind so viele, dass mein Sinnen von ihnen nicht loskommt; sie umgeben mich zu allen Stunden des Tages und der Nacht. Wenn ich schlafen gehe, so ist Gott mein letzter Gedanke; und wache ich auf, so finde ich mich noch mit meinem Gemüte um die Tore seines Palastes schwebend. Gott ist stets bei mir, und ich bin allezeit bei ihm. O welch seliges Leben, ein Leben, das wahrhaft den Namen verdient! Wenn im Schlafe mein Gemüt ins Land der Träume wandert, so wandle ich auch dann auf heiligem Boden, und sowie ich erwache, ist mein Herz auch wieder bei seinem Herrn. Der Psalmdichter sagt nicht: "Wenn ich erwache, kehre ich zu dir zurück", sondern: "dann bin ich noch bei dir"; sein Sinnen geht gleichsam unaufhörlich fort, und seine Gemeinschaft mit dem HERRN wird durch nichts unterbrochen. Bald werden wir uns zum letzten Mal zum Schlafe niederlegen; gebe Gott, dass wir uns, wenn uns die Posaune des Erzengels erweckt, noch bei ihm finden!
19. Ach, Gott, dass du tötetest die Gottlosen,
und die Blutgierigen von mir weichen müssten!
20. Denn sie reden von dir lästerlich,
und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
21. Ich hasse ja, HERR, die dich hassen,
und es verdrießt mich an ihnen, dass sie sich wider dich setzen.
22. Ich hasse sie in rechtem Ernst,
sie sind mir zu Feinden geworden.
23. Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz;
prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine.
24. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

19. Ach, Gott, dass du tötetest die Gottlosen! In tiefem Unmut wendet sich der Psalmist nun gegen jene, die einen solchen Gott nicht ehren und lieben, sondern hassen und lästern. Er sehnt ihren Untergang herbei, und was der Psalmdichter hier wünscht, es wird schließlich in Erfüllung gehen. Es kann darüber kein Zweifel sein; sieht Gott doch all die Missetaten seiner Widersacher, die ja in seiner Gegenwart geschehen. Hat er lange genug all die Reizungen und Herausforderungen getragen, so wird er schnell mit ihnen ein Ende machen. Von Verbrechen, die vor dem Angesicht des Richters begangen werden, ist es nicht wahrscheinlich, dass sie ungestraft bleiben. Ist der Anblick des Bösen Gott ein Dorn im Auge, so ist die Erwartung berechtigt, dass er das ihm so Unleidliche entfernen wird. Vor irdischen Herrschern mag mancher Übeltäter aus Mangel an Beweisen ungestraft ausgehen, oder es mag das Gesetz unvollstreckt bleiben, weil es dem Richter an Tatkraft fehlt; aber weder das eine noch das andere kann bei dem Ewigen geschehen. Er trägt das Schwert nicht umsonst. Seine Liebe des Guten und sein Hass des Bösen sind so vollkommen, dass er unerbittlich Krieg führen wird mit allen, deren Herz und Leben böse ist. Er wird nicht immerdar dulden, dass seine liebliche Schöpfung durch das Dasein der Gottlosigkeit entstellt und verderbt wird. Wenn irgendetwas, dann ist dies gewiss, dass Gott sich seiner Widersacher entledigen wird. Ihr Blutmenschen, weichet von mir! (Grundt.) Menschen, auf denen Blutschuld lastet und die an Blutvergießen ihre Freude haben, sind keine passenden Gefährten für solche, die mit Gott wandeln. David sagt sich energisch von ihnen los, er jagt sie von seinem Königshofe; er kann die nicht tragen, die auch Gott selbst nicht leiden mag. Es ist, als sagte er: "Wenn Gott euch nicht in seiner Nähe duldet, so will ich euch auch nicht bei mir wohnen haben. Ihr geht darauf aus, andere zu verderben; darum will ich euch nicht in meiner Gesellschaft leiden. Ihr werdet selber verderbt werden, ich begehre euch nicht in meinem Dienst. Weichet von mir, denn ihr weichet von Gott." In eben dem Maße, wie es unsere Wonne ist, den heiligen Gott uns allezeit nahe zu haben, begehren wir auch aufs lebhafteste, dass gottlose Menschen von uns so weit wie nur möglich entfernt werden. Uns ist bange in der Gesellschaft der Ruchlosen, das über ihnen schwebende Gericht könnte plötzlich über sie hereinbrechen, dass wir sie tot zu unsern Füßen liegen sehen müssten. Wir wünschen nicht, dass unsere traute Wohnstätte sich in eine Richtstätte verwandle; drum hinweg aus unserer Nähe mit denen, die schon das Urteil des Todes und der Verdammnis in sich tragen.

20. Denn sie reden von dir lästerlich. Warum sollte ich ihre Gesellschaft dulden, da ihre Rede mich anekelt? Sie stoßen ihre hochverräterischen und lästerlichen Reden aus, sooft es ihnen beliebt, und tun das ohne den geringsten Entschuldigungsgrund, ohne dass sie irgend dazu veranlasst oder gereizt werden; mögen sie sich darum dahin begeben, wo sie Gesinnungsgenossen finden - ich will nichts mit ihnen zu schaffen haben! Leute, die wider Gott lästerlich reden, werden sicher auch gegen uns ihre tückische Zunge gebrauchen, sobald ihnen das zu ihren Zwecken passt. Gottlose Menschen sind nicht der Stoff, aus dem man jemals treue Freunde machen kann. Gott hat diesen Leuten ihre Zunge gegeben, und doch richten sie sie mit Arglist, aus reiner Bosheit und mit ausgesuchter Schlechtigkeit wider ihren Wohltäter. Und deine Feinde sprechen deinen Namen zum Nichtigen aus, d. h. sie gebrauchen ihn freventlich. (And. Übers.6 Das ist ihre liebste Beschäftigung; Jehovahs erhabenen Namen zu schänden, ist ihnen ein Vergnügen - freilich ein Vergnügen der Hölle, ohne Freude und ohne irgendwelchen Nutzen. Der Mond erschrickt nicht sehr, wenn die Hunde ihn anbellen. Es ist ein sicheres Kennzeichen der echten Feinde des HERRN, dass sie die Unverschämtheit haben, seine Ehre anzugreifen, und es versuchen, seinen Ruhm in den Staub zu ziehen. Was kann Gott schließlich anderes tun, als das Gericht an ihnen vollstrecken? Und wie könnten wir anders handeln, als dass wir uns von jeder Art der Verbindung mit ihnen zurückziehen? Welch eine ungeheuerliche Sünde ist das doch, dass Menschen ein solches Wesen voller Güte schmähen und lästern! Die Frechheit derer, die seinen Namen freventlich missbrauchen und wider ihn boshaft reden, wird uns umso unbegreiflicher, wenn wir erwägen, dass der, wider den sie reden, allezeit um sie ist und jede Verunglimpfung, die sie seinem heiligen Namen beifügen, zu Herzen fasst. Wir sollten uns nicht darüber wundern, wenn Menschen uns kränken und verlästern; tun sie doch dem Höchsten dasselbe an.

21. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen? (Grundt.) Sein Hass war rechter Art, denn er hasste nur diejenigen, die das Gute hassen. Darum schämt er sich seines Hasses nicht, sondern spricht davon offen vor Gott, in der festen Überzeugung, mit diesem Hass eine Tugend zu üben, der Gott selbst Zeugnis geben werde. Gewiss sollen wir alle Menschen lieben mit der Liebe des Wohlwollens; gottlosen Menschen jedoch die Liebe des Wohlgefallens zuzuwenden wäre ein Verbrechen. Niemand dürfen wir um seiner selbst willen oder wegen irgendeines Unrechts, das er uns zugefügt hat, hassen; aber einen Menschen darum zu hassen, weil er allem Guten widerstrebt und ein Feind aller Gerechtigkeit ist, das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Pflicht, die uns obliegt. Je inniger wir Gott lieben, desto größer wird unsere Entrüstung werden über diejenigen, die ihm ihre Zuneigung verweigern. "So jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei Anathema" (1.Kor. 16,22). Das ist Eifer der Liebe, der fest ist wie die Unterwelt (Hohel. 8,6). Ein treuer Untertan darf dem, der an der Majestät seines Königs Verrat übt, keine Gunst erweisen. Und verabscheuen die, so sich wider dich setzen? (Grundt.) Er legt es dem HERRN vor, ob es anders sein könne und dürfe, als dass er Abscheu und Grauen empfindet über das böse Wesen und Tun derer, die sich wider seinen Herrn und Gott auflehnen. Er, der Allgegenwärtige und Allwissende, kennt unsere innersten Gefühle gegen die Unheiligen und Ungöttlichen; er weiß, dass es uns so fern liegt, solchen Beifall zu geben, dass vielmehr schon ihr Anblick uns ein Leiden ist.

22. Ich hasse sie in rechtem Ernst, wörtl.: Mit äußerstem, mit vollendetem Hasse hasse ich sie. Er lässt es nicht ungewiss, wie er zu ihnen steht; er denkt nicht daran, sich neutral zu verhalten. Sein Hass gegen schlechte, lasterhafte, gotteslästerliche Menschen ist tief, ungeteilt, tatkräftig. Er hasst die Gottlosigkeit ebenso mit seinem ganzen Herzen, wie er mit ganzem Herzen wahre Frömmigkeit liebt. Sie sind mir zu Feinden geworden, d. h. sie gelten mir als eigene Feinde. Er macht daraus eine persönliche Sache. Sie mögen ihm nichts Böses getan haben; aber wenn sie Gott Hohn bieten und wider sein Gesetz und die erhabenen Grundsätze der Wahrheit und Gerechtigkeit ankämpfen, dann erklärt er ihnen den Krieg. Die Gottlosigkeit trägt manchem die Gunst solcher ein, die an der Ungerechtigkeit ihre Lust haben; aber sie schließt von der Gemeinschaft der Gerechten aus. Wir ziehen die Zugbrücke auf und halten die Mauern wohlbesetzt, wenn Belialsleute an unserer Burg vorübergehen. Die Gesinnung solcher Leute ist für uns casus belli, ein gerechter Kriegsgrund; wir können nicht anders als wider die streiten, die mit Gott in Fehde sind.

23. Erforsche mich, Gott,. und erfahre (erkenne) mein Herz. Der Psalmist ist sich bewusst, kein Genosse derer zu sein, die dem himmlischen König feind sind. Er hat ihnen in aller Form den Krieg erklärt, und er beruft sich nun auf Gott, dass er auch nicht im geheimsten Innern mit ihnen irgendwelche Gemeinschaft hat. Er will, dass Gott selbst ihn erforsche, und zwar durch und durch, bis jede Falte seines Herzens bloßgelegt, jeder Gedanke gelesen, jede geheimste Regung seines Innersten erkannt sei; denn er ist dessen gewiss, dass auch bei einer solch peinlich genauen Untersuchung keinerlei Gesinnungsgemeinschaft mit den Gottlosen in ihm erfunden werden wird. Das muss in der Tat ein aufrichtiger, wahrhaft treuer Mann sein, der so die Untersuchung herausfordern, sich mit vollem Bedacht freiwillig solch hochnotpeinlichem Verhör aussetzen kann. Doch ist es für jeden von uns notwendig, eine solche Prüfung zu begehren; denn es wäre für uns das schrecklichste Unglück, wenn in unsern Herzen Sünde unbekannt und unentdeckt bliebe. Prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine (wörtl.: und erkenne meine Gedanken). Prüfe mich auf jede irgend erdenkliche Weise. Lass mich mit Feuer und mit Wasser erprobt werden. Lies nicht nur die Wünsche meines Herzens, sondern auch die flüchtigen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Erkenne mit alles durchdringender Erkenntnis alles, was in den verborgenen Kammern meines Gemütes ist oder je gewesen ist. Welch eine große Gnade ist es doch, dass es einen gibt, der uns vollkommen zu erkennen vermag! Er ist in unserem Innersten daheim. Und er ist uns aufs herzlichste zugetan und stellt mit Freuden seine Allwissenheit unserer Heiligung zu Dienst. Lasst uns die Bitte des Psalmisten zu der unsrigen machen, und zwar mit der gleichen Aufrichtigkeit wie er. Wir können unsere Sünde ja nicht verbergen; die Hilfe liegt in der entgegengesetzten Richtung, darin, dass alles Böse in uns völlig aufgedeckt wird und wir wirksam davon geschieden werden.

24. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, genauer: ob ein Weg der Pein, d. i. ein Weg, der zu Schmerzen führt, bei mir (zu finden) ist. O du Herzenskündiger, siehe wohl zu, ob in meinem Herzen oder meinem Leben mir selber unbewusst irgendetwas Böses ist. Findest du solch einen bösen Weg bei mir, o so erlöse mich davon. Einerlei wie lieb mir das Böse geworden sein mag oder wie sehr es sich in meinem Innern, mein Denken, Urteilen und Handeln bestimmend, festgesetzt haben möge, reiße es völlig aus meinem Herzen, auf dass ich nichts dulde, was vor dir nicht taugt. Wie ich die Gottlosen in ihren Wegen hasse, so möchte ich auch jeden gottlosen Weg bei mir selber hassen. Er müsste ja doch zu Schmerzen führen, zu inneren Gewissensqualen und zu Strafe und Beschämung; es wäre ja doch ein Weg der Pein, der ein Ende mit Schrecken nähme. Und leite mich auf ewigem Wege. Hast du mich in deiner Gnade bereits auf den guten alten Weg geführt, o so bewirke es durch dieselbe Gnade, dass ich darauf bleibe, und führe mich Schritt für Schritt weiter auf ihm, dem Ziele zu. Es ist ja der Weg, den du selber schon vor alters bereitet hast, er ist gegründet auf die ewigen Grundlagen der Wahrheit und Gerechtigkeit, und es ist eben der Weg, darauf die der Sterblichkeit entnommenen Erlösten ewig mit Lust wandeln werden. Er hat ewig dauernden Bestand, und die darauf wandeln, haben selber ewigen Bestand. Leite mich darauf, und führe mich an deiner Hand diesen ganzen Weg entlang. Leite mich durch deine Vorsehung, durch dein Wort, durch deine Gnade, durch deinen Geist, hier in der Zeit und bis in Ewigkeit.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Aben Ezra († 1167) behauptet, dieser Psalm sei der herrlichste und ausgezeichnetste im ganzen Buch, die Krone des Psalters. Ein ganz vorzüglicher Psalm ist er sicherlich; aber dass er der vorzüglichste sei, werden wir schwerlich sagen. So hoch er steht, es gibt noch Psalmen, die ihn an Köstlichkeit übertreffen. D. John Gill † 1771.
  Werden unsere Herren Klüglinge nach diesem Psalm noch immer auf die braven Hirten Palästinas als auf einen Haufen roher, ungebildeter Tölpel niederschauen? Lasst sie doch, wenn sie es können, aus den Klassikern Gedanken herbeibringen, die erhabener, feiner oder in der Form der Darstellung vollendeter sind; zu geschweigen von der gesunden, wahrhaft des Namens würdigen Theologie und der gediegenen Frömmigkeit, die aus dem Psalme hervorleuchten. Claude Fleury † 1723.
  Die Ausführungen der ersten sechzehn Verse sind, wie von hoher poetischer Schönheit, so von höchstem theologischem Wert; sie sind ein beredtes Zeugnis von der Reinheit und Geistigkeit der Vorstellungen von Gott, die sich auf dem Boden schon der alttestamentlichen Gottesoffenbarung gebildet haben. Der Psalm konnte daher ein locus classicus auch für die christliche Lehre von Gott, insbesondere von der providentia specialissima Gottes (der Vorsehung Gottes in ihrem Walten über den Frommen und Gläubigen) werden. Lic. H. Keßler 1899.
  Der Psalm hat im Wesentlichen zwei sehr verschiedene Gesamtauslegungen erfahren, je nachdem welche Bedeutung für die Richtung des Psalms man den Versen 19-22 zuerkannte.
  Die meisten Ausleger (und so auch Spurgeon) halten das anbetende Bekenntnis des das ganze Leben des Psalmisten nach Ursprung, Wegen und Zielen umschließenden Wesens Gottes, V. 1-16 (oder 18), mit der diese betende Betrachtung trefflich zu einem Ganzen abrundenden Schlussbitte V. 23.24 für den Hauptkörper des Psalms. Der Ausdruck des Hasses gegen die Frevler, die einen so erhabenen Gott nicht gläubig verehren und lieben, sondern ihn sogar hassen und lästern, V. 19-22 , ist diesen Auslegern nur ein Nebenstück, die Kehrseite der anbetenden Liebe des Psalmisten zu dem großen Gott, von dem er sich so ganz umfasst weiß und dessen Gedanken ihm so köstlich sind, dass er Tag und Nacht, gleichsam wachend und schlafend, mit diesem seinem herrlichen Gott beschäftigt ist.
  Seit Olshausen (1853) hat sich aber eine andere Erklärung des Psalms einzubürgern versucht, die auch in Bäthgen und Keßler warme Vertreter gefunden hat. Nach diesen Auslegern zerfällt der Psalm in die zwei Teile V. 1-16 und V. 17-24. Den Wendepunkt bilde der 17. Vers, der dann übersetzt wird: Für mich aber - wie schwer sind deine Gedanken, Gott! "Du umfassest des Menschen ganzes Leben, sein ganzes Denken und Sein - andererseits aber, wie unmöglich ist es für den Menschen, Gottes Gedanken und Wege zu begreifen!" Unter den vielen Geheimnissen der göttlichen Weltregierung ist es besonders eines, das dem Psalmisten schwer zu schaffen macht: Warum tötet Gott die Gottlosen nicht, die sich so freventlich wider ihn, den Allerhabenen, empören? Der Psalmist weiß auf diese Frage keine Antwort; eins aber weiß er: zu schaffen haben darf und will er mit diesen Frevlern nichts. Er hasst sie mit vollendetem Hasse. Möge Gott sein Herz prüfen, ob er damit die Wahrheit rede; möge er ihn aber auch bewahren auf dem rechten Wege. - Nach dieser Auffassung gehört der Psalm inhaltlich also zu dem 73. und den diesem verwandten Psalmen, sowie zu dem Buche Hiob Das Problem sei, in gewisser Beziehung, dasselbe wie in Hiob Die Lösung, die im Buche Hiob in der demütigen Unterwerfung unter Gottes Fügung liegt, bestehe im Psalm in dem Vorsatz, den Hass gegen die Bösen unter allen Umständen zu bewahren - ein Gedanke, der allerdings auch Hiob nicht fremd ist. Die Betrachtung der göttlichen Allwissenheit V. 1-16 ist dann lediglich der freilich sehr breite Untergrund für die Rechtfertigung der sittlich-religiösen Haltung des Psalmisten.
  Zu dieser Auffassung mag beigetragen haben, dass sich in dem Psalm auch in den Einzelheiten manche Berührungen mit dem Buche Hiob finden, sowohl sachlicher Art (z. B. Personifizierung des Morgenrots V. 9, vergl. Hiob 3,9; 41,10; Vorherbestimmung der Lebenstage V. 16 mit Hiob 3; 14,5; Bildung des Embryo V. 13-16 mit Hiob 10,9-11), als auch nicht wenige sprachlicher Art (z. B. der Gottesname Eloah V. 19, das nur noch bei Hiob sich findende, nicht hebräische l+q V. 19 und manche andere Aramaismen). Bäthgen stellt auf Grund des Inhalts und der Sprache des Psalms die Vermutung auf, der Psalm stamme wohl gar von dem Dichter des Buches Hiob selbst.
  So manches für diese Auffassung des Psalms zu sprechen scheint, dünkt uns doch, dass die Bedeutung der Verse 1- 16 bei ihr zu kurz kommt. Diese so inhaltsreiche und, wenn als Hauptteil angesehen, bei allem Bilderreichtum doch knapp gehaltene Betrachtung würde, als Einleitung zu V. 17-22 (resp. V. 21.22) aufgefasst, doch von ganz unverhältnismäßiger, ja fast unerträglicher Breite erscheinen. (Eine so lange Einleitung könnten wohl nur wir Deutsche uns leisten!) Für die ältere Auffassung spricht die sich bei ihr ergebende Einheit des Grundgedankens des Psalms: die göttliche Allwissenheit (welchem sich auch V. 19 ff. einordnen lassen als Wunsch, Vorsatz und Gebet, die aus der Betrachtung der göttlichen Allwissenheit entspringen), und von Äußerlichem, dass sich dann der Psalm ungezwungen in vier Teile zu je sechs Versen zerlegt. Dass rqy ebenso kostbar sein bedeuten kann wie schwer sein, ist ja keinem Zweifel unterworfen. - J. M.
  Der Psalm ist nicht eine rein theologische Abhandlung über gewisse göttliche Eigenschaften, sondern hat einen unmittelbar praktischen Endzweck, der gegen den Schluss hin deutlich hervortritt. Wenn Gott so ist, wie der Psalm ihn schildert, wenn seine Kraft und Wirksamkeit sich über alle seine Geschöpfe erstreckt, alles durchdringt und auch die tiefsten und dunkelsten Winkel erleuchtet; wenn sein Wissen keine Schranken hat, auch in die geheimnisvollen Vorgänge des Entstehens des Lebens eindringt, in die kleinsten, noch völlig unentwickelten Keime; wenn sein Auge sogar die noch feineren und verborgeneren Vorgänge unseres Gedanken- und Gemütslebens zu erkennen vermag, so dass er selbst die erst in der Entwicklung begriffenen Gedanken und die erst keimenden Wünsche und Begierden schon "von ferne" kennt; wenn wirklich schon vor aller in den Grenzen von Raum und Zeit sich bewegenden Existenz sein vorher bestimmender Ratschluss ergangen ist; wenn in jenen Urkunden der Ewigkeit wirklich schon der ganze Bau des Menschenleibes mit all seinen unzähligen Bestandteilen und Gliedern und der ganze Verlauf des Menschenlebens mit all seinen Tagen und den Ereignissen dieser Tage zuvor verzeichnet ist; kurzum, wenn des Menschen gesamtes Dasein nach Ursprung, Wegen und Zielen völlig in Gottes Rat und Hand beschlossen liegt: dann ergeben sich daraus für den Diener dieses Gottes auf Erden zwei überaus wichtige, sein Leben bestimmende Folgerungen: erstens, dass er mit allen denen, die diesem erhabenen Gott widerstreben, keinerlei Gemeinschaft pflegen darf, und zweitens, dass in ihm der heiße Wunsch entstehen muss, dass dieser Gott seine, des redlichen Gottverehrers, Seele erforschen möge, damit sich nicht in den unergründeten Tiefen seines Wesens irgendeine Sunde berge, damit nicht in seinem Innersten irgendein finsteres Gebiet unerforscht bleibe, das sich bei dem gegenwärtigen Stande seiner Erkenntnis der Gerichtsbarkeit seines Gewissens entzieht und einzig von dem Auge des Allwissenden erforscht werden kann. Bela B. Edwards † 1852.
  Die Sprachgestalt des Psalms, die er nicht erst, was Klostermann als möglich hinstellt, im gemeindlichen Gebrauch erhalten hat, sondern welche die selbsteigne Erscheinungsform seiner Gedanken ist, gibt sich als eine in der davidischen Zeit unerhörte; es ist dem Anschein nach das in den Dienst der Poesie genommene aramäisch-hebräische Idiom (=Mundart) der nachexilischen Zeit. Er scheint7 zu den Psalmen zu gehören, welche bei aller Klassizität der Form Anzeichen des Einflusses enthalten, welchen die aramäische Sprache des babylonischen Reiches auf die Exulanten ausübte. Dieser Einfluss ergriff zunächst die Volkssprache, aber auch die Buchsprache; selbst die Psalmenpoesie entzog sich ihm nicht. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Bei der immer stärkeren Annäherung der hebräischen Sprache an den verwandten westaramäischen Dialekt, durch die sich das zweite oder silberne Zeitalter der hebräischen Sprache und Literatur (von der Rückkehr aus dem Exil bis zu den Makkabäern) charakterisiert, ist weniger an einen Einfluss der aramäischen Umgebung im Exil zu denken - denn gerade die Propheten aus dem Ende desselben schreiben ein verhältnismäßig reines Hebräisch - als vielmehr an den Einfluss der Aramäer, welche in Verbindung mit der wenig volkreichen neuen Kolonie Jerusalem lebten und deren Mundart schon als die offizielle Sprache der Westhälfte des persischen Reiches von Bedeutung war. Bei alledem ging die Verdrängung des Hebräischen durch das Aramäische nur ganz allmählich vor sich, und es fehlt auch jetzt nicht an Erzeugnissen, welche an Reinheit der Sprache und an ästhetischem Wert den Schriften des goldenen Zeitalters wenig nachgeben, so z. B. mehrere späte Psalmen (Ps. 120 ff.; Ps. 137; 139). - Nach Prof. E. Kautzsch 1889.
  Die äußerst stark aramaisierende Sprache des Psalms erklärt sich nicht ausschließlich aus später Abfassung, noch jüngere Psalmen weisen zum Teil weit reineres Hebräisch auf. (Sie muss daher in Person und Umständen des Dichters begründet sein.) Nach Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Die Beischrift "Dem Vorspieler", welche z. B. auch der jedenfalls nicht früher als zur Zeit der chaldäischen Katastrophe verfasste Ps. 74 trägt, beweist höchstens nur, dass der Psalm schon zur Zeit des ersten Tempels in liturgischem Gebrauch war. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 1. HERR, du erforschest mich und kennest mich. Der Psalmist bezeugt hier die große Wahrheit, dass Gott eine vollkommene Erkenntnis unseres ganzen Wesens hat, und zwar tut er das zunächst in der Weise einer Ansprache an Gott: HERR, Du usw. Er sagt es zu Gott, er erkennt es an vor ihm, ihm dafür die Ehre gebend. Die göttlichen Wahrheiten nehmen sich ganz ebenso gut aus, wenn wir sie durchbeten, als wenn wir über sie predigen, und jedenfalls viel besser, als wenn man über sie disputiert. Wenn wir über Gott zu ihm selber sprechen, so finden wir uns veranlasst, sowohl mit der strengsten Aufrichtigkeit als auch mit der größten Ehrfurcht zu reden, und das wird dazu dienen, dass die Eindrücke der Wahrheit sich umso mehr vertiefen. Zweitens aber bezeugt der Psalmist die Wahrheit in Anwendung derselben auf sich selbst. Er spricht nicht in allgemeinen Sätzen von der göttlichen Allwissenheit, sondern sagt: HERR, du erforschest mich und kennest mich . Dann erst haben wir eine heilsame Erkenntnis der Wahrheit, wenn wir sie auch in ihrer Beziehung zu uns erkennen, die Wahrheit auf uns anwenden. - David war ein König, und der Könige Herz ist unerforschlich (Spr. 25,3) - aber nicht für den, der auch ihr Herr ist. Mt. Henry † 1714.
  Wie ganz wendet der Psalmist schon vom ersten Verse an die Wahrheit auf sein eigenes Herz und Gewissen an! Wie leichtfertig der Mensch über Wahrheiten, wenn sie in allgemeiner Form ausgedrückt werden, hinweggeht, das wissen wir zur Genüge vom Allsündertum her. Ähnlich geht es auch mit der Allwissenheit. An solchen allgemeinen Wahrheiten haben so viele teil, dass der einzelne immer noch hofft, in der Menge verschwindend sich ihr entziehen zu können. Wie gerne überhört der Mensch den persönlichen Ruf der Wahrheit! Nicht so der Psalmist: HERR, du erforschest mich! Barton Bouchier † 1865.
  Und kennest (Grundt.), nämlich mich, wie Luther richtig ergänzt; das beim ersten Zeitwort genannte Objekt gilt auch für das zweite, wie Ps. 107,20; vergl. auch 1. Mose 27,5; 30,31; Jes. 46,5. - J. M.
V. 2. Du weißt usw. (Grundt.) Der Psalmist stellt das Du nachdrücklich an die Spitze. Du, und im ganzen Weltall du allein, o Gott, weißt alles und jedes, was mich betrifft, bis in meine innersten, geheimsten Gedanken und Seelenregungen sowohl, als auch meine äußeren Zustände und meine Handlungen. Martin Geier † 1681.
  Dass Gott Sonne, Mond und Sterne in ihren Bahnen hält, an diesen Gedanken sind wir gewöhnt; aber kümmert sich der Allerhabene auch wirklich um unser Sitzen und unser Aufstehen und dergleichen Kleinigkeiten? Die Schrift bezeugt es. Mehrmals wird in der Schrift vom Ein- und Ausgehen der Kinder Gottes als von etwas Wichtigem gesprochen. "David zog aus und ein vor dem Volk, und er hielt sich klüglich in alle seinem Tun, und der HERR war mit ihm" (1. Samuel 18,13 f.). "Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang" (Ps. 121,8). Behütung in den Gefahren und Weisheit zum Handeln, beides ward David bei seinem Aus- und Einziehen zuteil. Beides war nötig, denn vieler Augen waren auf ihn gerichtet. Auf uns nicht auch? Vielleicht mehr, als wir denken! Lady (Elizabeth) Hope 1884.
  Oder stehe auf. Der HERR weiß, wenn wir des Morgens aus dem Bett aufstehen, ob unsere Gedanken noch bei ihm sind
(V. 18), ob wir uns der erfahrenen Behütung und Erhaltung bewusst sind, ob wir dankbar sind für den genossenen Schlaf, ob die Stimme des Gebetes und des Lobpreises sich hören lässt usw. Oder wenn wir vom Tische aufstehen, so weiß der HERR, ob Essen und Trinken uns zu einer Schlinge geworden sind oder nicht. Das Targum bezieht das Aufstehen auf Davids Ausziehen zu den Kriegen des HERRN. D. John Gill † 1771.
  Du verstehest meine Gedanken von ferne; jeden Gedanken, wiewohl es ihrer unzählige sind, die auch nur an einem Tage durch uns ziehen. Die göttliche Kenntnis reicht bis zu ihrem Ursprung, der verborgenen Werkstatt, wo sie gebildet werden. Darum weiß er auch, welche Richtung sie nehmen werden, wohin der Vogel fliegen wird, wenn er flügge geworden. Er kennt sie mit der schärfsten Genauigkeit, als der Richter der Herzen. Stephen Sharnock † 1680.
  Er versteht unsere Gedanken, wenn sie erst innerlich, der Kraft nach, aber noch nicht in äußerlicher Wirklichkeit vorhanden sind, wie der Gärtner in dem Samen schon die Pflanze sieht, oder weiß, was für Unkraut dieser oder jener Boden hervorbringen wird, da noch nichts zu sehen ist. Vergleiche, was der HERR von Israel sagt: Ich weiß ihre Gedanken, damit sie schon jetzt umgehen, eh ich sie ins Land bringe, das ich geschworen habe (5. Mose 31,21). William Greenhill † 1677.
  Auch wenn meine Gedanken voneinander noch so weit entfernt, einander fremd sind, verstehst du ihren Zusammenhang, siehst du ihre Kette, wohingegen so viele derselben meiner Beobachtung entgehen, dass ich ihren Zusammenhang nicht überblicken kann, wozu es mir überdies an Einblick in das innerste Wesen derselben mangelt. Mt. Henry † 1714.
  Gedanken. Das nur hier (im Singular) und V. 17 (im Plural) vorkommende Wort erklären jüdische Ausleger, wie Bäthgen bemerkt, richtig als "Wollen und Denken"; es bezeichnet die Gesamtheit des menschlichen Geistes und Seelenlebens. - J. M.
  Vor Menschen sind wir wie ein undurchsichtiger Bienenkorb: Die Leute können die Gedanken aus- und eingehen sehen; aber was für Arbeit diese im Inneren des Menschen tun, das vermögen sie nicht wahrzunehmen. Vor Gott hingegen sind wir wie Glas-Bienenstöcke; alles, was unsere Gedanken in uns machen, sieht und versteht er vollkommen. Henry W. Beecher † 1887.
  Der Ausdruck "von ferne" ist wie Ps. 138,6 zu verstehen im Gegensatz zu dem Wahn (Hiob 22,12-14), dass Gottes Wohnen im Himmel ihn an Wahrnehmung der Dinge auf Erden hindere, vergl. Jer. 23,23. D. K. B. Moll 1884.
  Von ferne: sowohl räumlich, so weit der Mensch auch seine Gedanken vor Gott zu verstecken suchen möge, als auch der Zeit nach, indem Gott die Gedanken des Menschen kennt, bevor dieser sie gebiert. Ja, Gott kennt sie in seinem ewigen Vorherwissen. - Die Ägypter nannten Gott sinnig das Auge der Welt. Thomas Le Blanc † 1669.
V. 3. Mein Wandeln und mein Liegen sichtest du. (Grundt.) Das Zeitwort ist hier in der Bedeutung worfeln oder sichten gebraucht, vergl. Spr. 20,8.26 . Ob der Dichter geht oder auf seinem Lager liegt, Jahve entfernt alle Hülsen, die den innersten Kern seiner Gedanken und Taten verhüllen könnten. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Und bist vertraut mit allen meinen Wegen (Grundt.), wie wenn du allezeit mit mir zusammen gelebt und dadurch mich und meine Weise, zu handeln, ganz kennen gelernt hättest. Henry Cowles 1872.
  Gott nimmt jeden Schritt wahr, den wir machen, jeden richtigen und jeden falschen. Er weiß, nach welcher Regel wir einhergehen, welchem Ziele wir zuschreiten und in was für Gesellschaft wir wandeln. Religious Tract Society Commentary.
V. 4. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge usw. Die Worte lassen einen doppelten Sinn zu: entweder, dass Gott wisse, was wir zu sagen im Begriff seien, noch ehe die Worte auf unserer Zunge gebildet seien, oder, dass wir, auch wenn wir nicht ein Wort sagen und durch Schweigen unsere geheimen Absichten zu verbergen suchen, uns doch Gottes Beachtung nicht entziehen können. Beides kommt übrigens auf das Gleiche hinaus. Der Gedanke, auf den der Vers abzielt, ist jedenfalls der: Während die Zunge das Mittel ist, wodurch der Mensch dem Menschen sein Denken mitteilt, ist Gott, der Herzenskündiger, von unsern Worten unabhängig. Und das "Siehe!" ist gebraucht, um mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass die innersten, verborgensten Kammern und Winkel unseres Seelenlebens Gottes Blick offen stehen. Jean Calvin † 1564.
  Unsere Gedanken sind für Gott Worte. M. Henry † 1714.
  Die Götter wissen, was in unserem Inneren vorgeht, ohne dazu der Augen, der Ohren, der Zunge zu bedürfen. Auf dieser göttlichen Allwissenheit beruht die Überzeugung der Menschen, dass die Götter sie hören, wenn sie stillschweigend einen Wunsch hegen oder ein Gebet darbringen, um von den Göttern etwas zu erlangen. Markus Tullius Cicero † 43 v. Chr.
V. 2-4. Wähne nicht, dein Benehmen, deine Haltung, deine Mienen, deine Kleidung oder irgendetwas in deinem ganzen Verhalten entgehe Gottes Wahrnehmung; du betrügst dich selbst. Meine nicht, deine Gedanken unterstünden nicht der göttlichen Aufsicht, könnten frei ein- und ausgehen. Denke nicht, deine Worte verhallten in der Luft, ehe Gott im Himmel sie hören könne; nein, Gott kennt sie schon, wenn sie noch auf deiner Zunge sind. Gib dich nicht dem Wahne hin, deine Wege, deine Handlungsweisen seien so verborgen, so geheim, dass niemand sie kenne und rügen könne. Du irrst dich, Gott ist vertraut mit allen deinen Wegen. - Nach Joh. D. Frisch 1731.
V. 5. Von allen Seiten umgibst du mich. Was würdest du dazu sagen, wenn du, nach welcher Richtung immer du dich wendetest, was immer du tätest, was immer du dächtest, ob du in der Öffentlichkeit wärest oder im stillen Kämmerlein, ob du einem vertrauten Freunde deine Geheimnisse offenbartest oder für dich allein deinen Gedanken und Plänen nachhingest, - wenn du, sage ich, ein Auge beständig auf dich gerichtet sähest, dessen überwachendem Blicke du dich, so sehr du auch es versuchen würdest, niemals entziehen könntest, und das jeden deiner Gedanken läse? Schon die Vorstellung davon ist schrecklich, aber schrecklicher die Wirklichkeit: es gibt solch ein Auge! De Vere.
  Hinten und vorn hast du mich umschlossen und deine Hand auf mich gelegt. (Grundt.) Hier wird schon der Gedanke von V. 7 ff. angeschlagen: Jahve hält den Menschen gewissermaßen von allen Seiten fest umschlossen, so dass er seinem Blick nicht entgehen kann, vergl. Hiob 13,27 . Analog (dem entsprechend) ist die zweite Vershälfte zu verstehen: Jahve hält den Menschen mit seiner Hand fest, so dass er ihm nicht entfliehen kann, vergl. V. 10 und Hiob 13,21. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
V. 1-5. Gott ist ebenso völlig und (nach Menschenweise geredet) ausschließlich mit der prüfenden Untersuchung der Gedanken und Handlungen des einzelnen Menschen beschäftigt wie mit der Ordnung und Leitung der wichtigsten Angelegenheiten des Weltalls. Das ist etwas für uns Unbegreifliches, V. 6 , und doch ist es etwas, wovon unsere Vernunft uns sagt, dass es wahr sein müsse, und wovon die Offenbarung bezeugt, dass es in der Tat wahr ist. Gott kann nichts unvollkommen tun, und die gesamten Kräfte der Gottheit richten sich ebenso völlig auf das Kleinste und Unbedeutendste wie auf das Größte und Wichtigste. Die Allweisheit und Allmacht Gottes treten ebenso völlig und ungeteilt in Wirksamkeit bei der Bildung des kleinsten Käferchens wie bei der Erschaffung einer Welt; und das Wissen Gottes, sein Denken, sein Prüfen, seine Fürsorge wenden sich mir so ganz, so ausschließlich zu, als ob es außer mir für ihn nichts gäbe. - Gott kennt und weiß alles vollkommen, und er kennt und weiß alles sofort, in weniger als einem Augenblick, mit mehr als Blitzesschnelle. Solche alles umfassende, alles durchdringende Erkenntnis würde ein Wesen, wie ich es bin, in die größte Verwirrung bringen; aber Gottes Geist ist kein schwacher Menschenverstand. Möge dieser Gedanke, dass Gott all dein Wesen und Tun also kennt, als ob du das einzige existierende Geschöpf wärest und der Ewige einzig und allein damit beschäftigt wäre, dich zu beobachten, dein Gemüt mit heiliger Scheu und mit Bußfertigkeit erfülle. Henry Kirke White † 1806.
  Auf welchem Wege David zu solcher Erkenntnis des Wissens Gottes (V. 1-4) gekommen ist, gibt er V. 5 zu verstehen: "Hinten und vorne hältst du mich umschlossen und hast deine Hand auf mir liegend ". Gott hat ihn völlig in seiner Macht; gänzliche Macht setzt aber gänzliches Wissen voraus. Die Bewegungen der göttlichen Hand in den Führungen Davids haben so genau seinem Tun und seinen Zuständen und auch seinen verborgensten Gedanken entsprochen, dass David nicht bezweifeln kann, dass Gott ihn allezeit gänzlich durchschaut hat. Es ist ihm eine Tatsache der Erfahrung, die ihm feststeht, obwohl er sie nicht erklären kann (V. 6). - G. T. 1885.
V. 6. Man kann diesen Vers in zweierlei Sinn auffassen, entweder: Zu wunderbar ist mir solches zu begreifen (t(adIa als Infinitiv gefasst), oder: Solche Erkenntnis, solches Wissen, nämlich Gottes Allwissenheit, ist mir zu wunderbar. Dann ist t(aadIa Substantivum. Man macht gegen diese Auffassung geltend, dass der Artikel fehle. Delitzsch meint, der Dichter lasse das Wort absichtlich ohne nähere Bestimmung stehen, um damit auszudrücken: ein Wissen, so alles durchdringend, alles befassend wie das Wissen Gottes. Man kann aber allenfalls den Artikel auch aus dem vorhergehenden Wort gewinnen, indem man t(adIaha y)il:pIi liest. (Das Prädikat kann ja, wenn es vorausgeht, auch im Mascul., gleichsam unflektiert, stehen.) - J. M.
  Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch usw. Gerade dann erkennen wir am meisten von Gott, wenn wir erkennen, dass er unbegreiflich ist, wenn wir uns ganz überwältigt finden von den Gedanken an seine Vollkommenheit und uns genötigt sehen, anbetend vor ihm niederzusinken wie der Psalmist hier. David Dickson † 1662.
  Wie erstaunlich ist im Vergleich zu unserer beschränkten Erkenntnis das Wissen Gottes! Da er alle Dinge gemacht hat, muss er genau bekannt sein nicht nur mit ihren Eigenschaften, sondern mit ihrem innersten Wesen. Sein Auge überblickt in der gleichen Sekunde alle Werke seiner für uns ganz unermesslichen Schöpfung. Er beobachtet genau nicht nur das vielverschlungene Getriebe des Weltalls, sondern ebenso die geringfügigste Bewegung des kleinsten, mit Hilfe des Mikroskops kaum zu erkennenden Lebewesens. Vor ihm sind offenbar nicht nur die erhabensten Gedanken und Willensregungen der Engel, sondern ebenso der niederste Hang des unwertesten Geschöpfes. In dem jetzigen Augenblick lauscht er auf die Lobgesänge, die in den fernsten Welten von dankerfüllten Herzen ertönen, und liest er jeden niederträchtigen Gedanken, der durch den unreinen Sinn gefallener Adamskinder zieht. Mit einem Blicke überschaut er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Keine Unachtsamkeit hindert ihn am Wahrnehmen, keine Schwäche des Gedächtnisses oder des Urteilsvermögens trübt seine Fassungskraft. In seinem Gedächtnis häufen sich auf alle die Vorgänge nicht nur unserer Erdenwelt, sondern aller Welten im ganzen All - nicht nur die Ereignisse der Tausende von Jahren, die seit dem Anfang des Menschengeschlechts vergangen sind, sondern die Ereignisse einer Dauer ohne Anfang. Ja, und die zukünftigen Dinge, die sich auf eine Dauer ohne Ende erstrecken, sind ihm ebenfalls gegenwärtig. Die Ewigkeit der Vergangenheit und die Ewigkeit der Zukunft stehen zu gleicher Zeit vor seinem Auge, und mit diesem ewigen Auge überblickt er die Unendlichkeit der Schöpfung. Wie erstaunlich! Wie unfassbar! Henry Duncan † 1846.
  Es ist ein Geheimnis um die Allgegenwart Gottes, das wir auch nach Jahren des Nachdenkens nicht ergründen lernen. Da Gott Geist ist, ohne Dimensionen, ohne Teile und ohne Teilbarkeit, ist er gleichermaßen, das heißt völlig, gegenwärtig zu allen Zeiten an allen Orten. In jedem gegebenen Augenblick ist er nicht zum Teil hier gegenwärtig und zum Teil an der äußersten Grenze des fernsten Sonnensystems, als ob er gleich einer vollkommen gedachten Milchstraße in erhabenster Pracht sich durch den Weltenraum ausdehnte, was immer noch an Sonderung und Teilung denken ließe, sondern er ist in jedem Punkt des Raumes in der Ganzheit seiner herrlichen Eigenschaften gegenwärtig. Das ergibt sich unleugbar aus der einfachen Geistigkeit des höchsten Wesens. Alles, was Gott an einem Orte ist, ist er an allen Orten. Alles, was von Gott ist, ist überall. Ja seine Gegenwart ist völlig unabhängig von Raum und Stoff. Seine Eigenschaft der Wesensgegenwart würde ganz die gleiche sein, wenn das ganze Weltall, die gesamte Materie ausgelöscht würden. Nur bildlich kann man sagen, dass Gott im Universum sei; denn dieses wird von ihm umfasst, ist in ihm beschlossen. Die ganze schrankenlose Herrlichkeit der Gottheit ist ihrem Wesen nach gegenwärtig an jedem Fleckchen der Schöpfung, so mannigfaltig auch die Kundgebungen dieser Herrlichkeit zu verschiedenen Zeiten und an den verschiedenen Orten sein mögen. - Hier haben wir eine Wahrheit, welche diejenigen belehren und ernüchtern sollte, die in ihrer seichten Weisheit nach einer Religion ohne Geheimnisse verlangen. Das würde eine Religion ohne Gott sein; denn wer kann "den tiefsten Grund in Gott erreichen oder bis zum letzten Ende bei dem Allmächtigen hingelangen?" (Hiob 11,7 Grundt.) James W. Alexander 1860.
V. 7. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? usw. Unter dem Geist Gottes haben wir hier wie an mehreren andern Stellen der Schrift nicht nur die Macht Gottes, sondern seinen Verstand und sein Wissen zu verstehen. Im Menschen ist der Geist der Sitz der Verstandeskräfte, und so ist es hier bei Gott gemeint, wie sich deutlich aus dem zweiten Teil des Verses ergibt, wo mit dem Angesicht Gottes seine Erkenntnis oder Einsicht gemeint ist. Jean Calvin † 1564.
  Der Geist Jahves, parallel mit seinem Antlitz, ist Jahve selbst, sofern er in der Welt wirksam ist. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Durch den Ausdruck "göttliches Angesicht" wird hier offenbar dieses bezeichnet, dass die durch den Geist, der das Universum durchdringt, vermittelte Allgegenwart Gottes überall eine persönliche Gegenwart Gottes sei. Prof. Dr. Gust. Fr. Oehler † 1872.
  Ein heidnischer Philosoph fragte einst: "Wo ist Gott?" Der Christ antwortete: "Lass mich erst dich fragen: Wo ist er nicht?" John Arrowsmith † 1659.
  Wo soll ich hinfliehen? Es gibt kein Wohin zum Entfliehen; die es versuchen, Gott zu entrinnen, machen es nur wie der Fisch, der da schwimmt, soweit die Leine reicht, aber mit dem Haken im Munde. John Trapp † 1669.
  Der Wachsamkeit eines menschlichen Feindes mögen wir entschlüpfen und uns außer seinen Bereich begeben. Gott aber füllt allen Raum - es gibt keinen Ort, da sein durchdringendes Auge nicht auf uns gerichtet wäre und seine erhobene Hand uns nicht finden könnte. Der Mensch muss bald zuschlagen, wenn er überhaupt treffen will, denn für ihn gehen die Gelegenheiten vorüber, und sein Opfer mag seiner Rache durch den Tod entzogen werden. Aber bei Gott gibt es kein Entschwinden der Gelegenheit, und das macht seine Langmut zu einer so ernsten Sache. Gott kann warten, denn er hat eine Ewigkeit vor sich, in der er das Übel rächen kann. Was von seinem Worte gesagt ist, gilt auch von ihm selbst: Und ist keine Kreatur vor ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen, mit dem wir es zu tun haben. (Hebr. 4,13 Grundt.) Fred. W. Robertson † 1853.
  Das müsste ein seltsames Exil sein, das uns Gotteskinder von Gott scheiden könnte! Ich rede nicht von dem allzu gewöhnlichen Trost, dass es in allen Landen, an jeder Küste seine Sonne ist, die über uns scheint, seine Elemente des Wassers oder der Erde, die uns tragen, seine Luft, die wir einatmen, sondern von jenem eigentümlichen besonderen Vorrecht, dass seine Gnadengegenwart überall und allezeit bei uns ist, dass kein Weltmeer so breit ist, dass es uns von seiner Huld scheiden könnte, dass überall, wo wir leben, er unser Hirte ist, der uns nährt, dass, wo immer wir uns lagern, die Fittiche seiner gnädigen Vorsehung sich über uns ausbreiten. Thomas Adams † 1784.
  Der große Naturforscher Linné († 1778) legte in seinen Unterredungen, seinen Schriften und Handlungen ein mächtiges Gefühl von der Gegenwart Gottes an den Tag. Ein Zeugnis, wie stark er davon durchdrungen war, ist die Inschrift über der Tür seiner Bibliothek: "Innocue vivite, numen adest!" (Lebet unsträflich, die Gottheit ist gegenwärtig!) George S. Bowes 1884.
V. 7-12. Nie wirst du von der Gottheit übersehen werden, und ob du so klein wärest, dass du in die Tiefen der Erde versänkest, oder so erhaben, dass du zum Himmel emporfliegen könntest, sondern du wirst von den Göttern die verdiente Strafe empfangen, ob du hier bleibest oder ins Totenreich gehest oder an einen noch schauerlicheren Ort fahrest. Plato † 347 v. Chr.
  Der Psalm ist ganz offenbar nicht von einem Pantheisten geschrieben; der Psalmist redet von Gott als einer Person, und zwar als einem Wesen, das überall in der Welt gegenwärtig ist und doch von der Welt unterschieden ist. Beachte in diesen Versen die Ausdrücke: dein Geist, dein Angesicht, du bist da, deine Hand, deine Rechte, Finsternis nicht finster ist bei dir. Gott ist überall im Weltall, aber er ist nicht das Weltall. William Jones 1879.
  Auf die positive Beschreibung der göttlichen Allwissenheit,
V. 1-6, folgt V. 7-12 (auf Grund der Erfahrungsgewissheit des Dichters, dass er überall in Gottes Hand ist, V. 10, vergl. V. 5) die negative Beschreibung des göttlichen Wissens: die Unmöglichkeit, sich demselben zu entziehen, oder die Unabhängigkeit des göttlichen Wissens von den unserem Wissen gesetzten Schranken. Wir, die wir als körperliche Wesen an den Raum gebunden sind, bedürfen des materiellen Lichtes, um zu sehen, und sehen dabei doch nur die Oberfläche der Dinge, und zwar nur diejenigen, die uns nahe sind. Gott bedarf des äußeren, fremden Lichtes nicht, V. 11 f., und für sein Wissen bildet das Außer- und Nebeneinandersein der Dinge im Raum kein Hindernis, V. 7-10, weil er Geist, und zwar alles durchdringender und durchleuchtender Geist ist. Darum erscheint hier V. 7-12 Gottes Allwissenheit zugleich als Allgegenwart. Jene erklärt sich aus dieser, beide aber beruhen darauf, dass Gott Geist ist, was deshalb V. 7 an der Spitze dieses Abschnitts steht. G. T. 1885.
  Da bei dem schuldbewussten Menschen nicht sobald der Gedanke an die göttliche Allwissenheit erwacht, als auch sofort, wie damals schon bei Kain, das erschreckte Gewissen den Gedanken an Flucht eingibt, so schildert David, wie alle Flucht hier vergebens sei. Nicht die Höhe, nicht die Tiefe, nicht der Osten, nicht der Westen ist von Gott fern. Soweit der Raum geht, reicht sein erkennender Geist, reicht sein schauendes Angesicht, reicht seine Rechte , um den der Strafe Verfallenen auf seiner Flucht zu ergreifen. Kann also der Raum, so weit er ist, an keinem seiner Enden den Schuldigen decken - wohl denn, so möcht er in Finsternis sich hüllen! - aber vor dem Lichte des göttlichen Auges wird auch die Nacht Licht und leuchtet wie der Tag. - Dünkt es uns auch gegenwärtig, nachdem Gott solche Offenbarung seines Wesens durch den Psalmisten den Menschen geschenkt hat, dass nur allbekannte Wahrheit in diesen Worten enthalten sei, so gehört doch sehr viel dazu, um dieselbe so ganz in der Tiefe des Gemüts zu empfinden und sie mit dieser Kraft auszusprechen. Wie käme es sonst, dass Gedanken wie diese, welche auch den tiefsten Schläfer aufzuwecken geeignet sind, von Tausenden als Wahrheit bekannt werden und dennoch so wenig Einfluss auf das Leben ausüben? Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
V. 8. Die Hölle bezeichnet an manchen Stellen der Schrift die Unterwelt ohne den Gedanken an Strafe. So sind auch hier Himmel und Hölle einfach als die obersten und untersten Weltgebiete genannt. Der an andern Stellen mit ihnen verbundene Gedanke an den Ort der Seligkeit und der Strafe kommt hier gar nicht in Betracht, sondern nur ihre Ferne. Joseph Caryl † 1673.
  Wollte man mit Vorstehendem aber etwa der homiletischen Verwendung des Verses Schranken ziehen, so wäre zu sagen, dass die Tatsache, welche der Dichter hier bezeugt, gerade nach dem Lehrinhalt des Psalms von allen Himmeln und wie von der Hölle als der Unterwelt, so auch von der Hölle als Gehenna schrankenlos wahr ist, und dass eben diese Tatsache es vor allem ist, was den Himmel zum "Himmel" und die Hölle zur "Hölle" macht. - J. M.
V. 9. Flügel der Morgenröte. Ich bin der Meinung, dass wir darunter gewisse wundervolle Wölkchen zu verstehen haben, die nach meiner regelmäßigen Beobachtung im späten Frühjahr und Sommer, besonders aber im Herbst, in Palästina zu sehen sind, und zwar nur in den frühesten Morgenstunden, unmittelbar vor und bei Sonnenaufgang. Gerade das gänzliche Fehlen der Wolken zu allen andern Tageszeiten, ausgenommen während der kurzen Winterregenzeiten, ist es, was den Schilderungen der zweiten Zukunst des Herrn, wo von ihm gesagt wird, dass er kommen werde mit den Wolken des Himmels, solche Feierlichkeit und beredte Kraft verleiht. Dieser Zug der Majestät des Kommenden verliert in Ländern wie dem unsrigen, wo die Wolken solch gewöhnliche Vorkommnisse sind, dass sie nur selten am Himmel fehlen, alle Kraft der Bedeutung. Die Morgenwolken der Sommer- und Herbstzeit sind stets von leuchtendem Silberweiß, außer zu der Zeit, da sie in den bunten Farbentönen der Morgendämmerung schillern. Sie hangen ziemlich niedrig über den Bergen von Judäa und bringen unbeschreiblich schöne Eindrücke hervor, wenn sie in die Tiefe der Täler hinabgleiten oder wenn sie in die Höhe steigen, um sich um die Gipfel der Berge zu hüllen. Fast immer sind gegen sieben Uhr diese flockigen Wolken durch die Wirkung der Hitze verflogen: für die lebhafte Einbildung des Morgenländers hat die Morgenröte dann ihre vordem ausgebreiteten Fittiche eingezogen. James Neil 1882.
  Die Flügel der Morgenröte sind die Strahlen der aufgehenden Sonne, und der Grund, der den Dichter veranlasst, das Bild anzuwenden, ist die unglaubliche Schnelligkeit des Lichts. D. J. A. Alexander † 1860.
V. 10. Manche englische Ausleger, unter den deutschen auch Hitzig, denken bei diesem Verse an das gnädige Leiten und Halten Gottes. Als eine aus dem Verse zu ziehende Schlussfolgerung möchten wir uns diesen Gedanken voll kräftigen Trostes nicht entgehen lassen. Zunächst ist aber festzustellen, dass der Psalmdichter nach dem Zusammenhang offenbar nur daran denkt, dass Gott ihn, wenn er entfliehen wollte, gefangen fortführen würde, wohin es ihm beliebe, da seine Rechte den Flüchtling schnell ergreifen (Grundt.) würde. - J. M.
V. 11. Und ich sprach (wörtl.). Luther übersetzt (nach Hieron.): Spräche ich. In der Tat ist es dem Sinne nach ein hypothetischer Satz; der Dichter drückt sich aber in echt poetischer Weise so aus, als ob er tatsächlich den Versuch gemacht hätte, Jahve zu entfliehen: Da sprach ich usw. Nach Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  So möge Finsternis mich doch decken! Die ärgsten Abscheulichkeiten haben stets gesucht, sich in dem Schutze der Nacht zu verbergen. Der Dieb, der Fälscher, der Räuber, der Meuchelmörder, der Verführer fühlen sich im Dunkel der Mitternacht gewissermaßen sicher, weil kein menschliches Auge ihre Handlungen erspähen kann. Aber wie, wenn es sich erweisen sollte, dass die schwarze Nacht, so widersinnig es auch klingen mag, von allem, was in ihr geschieht, Lichtbilder aufnimmt mit niemals irrender Genauigkeit? Wie, wenn die ruchlosen Menschen, wann sie ihre Augen von dem Todesschlafe öffnen, das Universum ringsumher behangen fänden mit getreuen Abbildungen ihrer irdischen Gräueltaten, die sie für immer ausgelöscht wähnten in der Vergessenheit der Nacht? Was für eine Bildergalerie zum ewigen Anschauen! Jetzt mögen die Übeltäter freilich über solch eine Vorstellung lächeln; aber schon die Enthüllungen der Naturwissenschaft, der Physik und Chemie, sollten sie zum Zittern bringen. Die Analogie macht es zu einer wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit, dass jede Handlung des Menschen, so tief die Finsternis auch sein mag, in der sie vollbracht worden ist, ihr Bild der Natur eingeprägt hat, und dass es Reagentien (Prüfungsmittel) geben mag, die sie ans Tageslicht zu ziehen und auf immer sichtbar zu machen vermögen. Edw. Hitchcock 1851.
V. 12. Finsternis ist wie das Licht. Der Dichter sagt nicht, dass die Finsternis irgendwie dem Lichte vergleichbar, dem Lichte ähnlich sei (was einfaches kI:, bezeichnen würde), sondern dass Finsternis und Licht (für Gott) einander völlig gleich sind (doppeltes kI:, deutsch etwa: So die Finsternis wie das Licht). - J. M.
V. 13-18. Die Allwissenheit Gottes ist, wenn sie an sich uns auch in manchem unerklärlich ist, V. 6, doch eine Forderung des Glaubens an Gott als den Weltschöpfer, vergl. Ps. 94,9. Darum wird hier wie Ps. 33,15 (Er bildete ihnen insgesamt das Herz, er merkt auf alle ihre Taten) auf die Schöpfung, besonders auf die Zubereitung des Menschen im Mutterleibe zurückgegangen. Zugleich aber, und das ist hier der Hauptzweck, will David die Allwissenheit Gottes von einer andern Seite betrachten und beleuchten: War V. 7-12 der Gesichtspunkt: das Wissen Gottes im Verhältnis zum Nebeneinandersein der Dinge im Raum, so ist hier der Gesichtspunkt das Verhältnis eines Wissens zum Nacheinandersein der Dinge in der Zeit. Wenn er V. 16 sagt "In deinem Buch waren sie alle geschrieben, die Tage, die gebildet werden sollten, während keiner unter ihnen da war", so kann dies nur bedeuten, dass jeder einzelne Tag des menschlichen Lebenslaufes dem göttlichen Wissen gegenwärtig ist, als Idee oder Gedanke in dem göttlichen Wissen existiert, ehe noch der Mensch nur einen Tag erlebt hat. Somit erscheint alles, was nach und nach in die endliche Welt eintritt, nur als Offenbarung und Realisierung (sichtbare Verwirklichung) der im Wissen Gottes von Ewigkeit her bestehenden Gedanken. Daher folgt V. 17 f. ein Blick auf die Gedanken Gottes, deren Menge nicht zu zählen ist, wie das allumfassende Wissen Gottes, in welchem sie ihre Einheit haben, nicht zu begreifen war, V. 6. - G. T. 1885.
V. 13. Denn du hast meine Nieren bereitet. Weil dieser Teil unseres Körpers für Schmerzen äußerst empfindlich ist, galt er den Hebräern als der Sitz der Empfindung und des Gefühls sowie auch des Begehrens und Sehnens (Ps. 73,21; Hiob 16,13; 19,27). Manchmal stehen die Nieren für das Innere im Allgemeinen (Jer. 20,12; 11,20), aber auch, als Organe der Scheidung und Absonderung, für das geistige Scheidungs- und Unterscheidungsvermögen (Ps. 16,7; Spr. 23,16). William L. Alexander † 1884.
V. 14. Alle alten Übersetzer haben das Zeitwort in der zweiten Person gelesen: "Dass du dich schauerlich wunderbar erwiesen hast ". Zugunsten dieser Lesart wird die folgende Vershälfte angeführt; allein gerade sie scheint uns dagegen zu sprechen, da sie bei Annahme jener Lesart nur eine Wiederholung wäre. Andere (z. B. Zunz, Kautzsch) übersetzen den rezipierten Text, indem sie hlp von )lp gesondert halten wollen: "dass ich erstaunenswürdig ausgezeichnet bin"; dem Zusammenhang nach dünkt uns jedoch die Übersetzung: "dass ich in schauerlich (d. h. Schauer des Staunens erregend) wundersamer Weise gewirkt bin" den Gedanken des Psalmdichters besser zum Ausdruck zu bringen. - J. M.
  Ich danke dir darüber, dass ich erstaunlich wunderbar bereitet bin. (Grundt.) Alle Werke Gottes sind bewundernswert, aber der Mensch ist doch das Wunderbarste vom Wunderbaren. Und wozu bewegt diese Erkenntnis den Psalmisten? "Ich danke dir (oder lobe dich) darüber." Wenn wir ihn nicht preisen, der uns gemacht hat, wird es ihn nicht reuen, dass er uns gemacht hat? O dass wir recht erkennten, was die Seligen im Himmel tun und wie die Wonne dieser ihrer Beschäftigung alle irdischen Freuden so ganz in den Schatten stellt. Was tun sie? Sie singen Preis und Ehre dem HERRN. Wofür? Dass er alle Dinge geschaffen hat (Off. 4,11). Wenn uns ein ganz ausgezeichnetes Stück Arbeit zu Gesicht kommt, so forschen wir alsbald danach, wer es gemacht hat, mit der Absicht, seine Kunst andern zu empfehlen, und es gibt kein größeres Leid für einen Künstler, als wenn er, nachdem er ein ruhmwürdiges Werk gemacht hat, sehen muss, dass es unbeachtet bleibt und niemand es der Mühe wert hält, es sich genauer anzusehen. Der Mensch ist als eine kleine Welt mitten in die große hineingesetzt, um Gott zu verherrlichen; das ist der erhabene Zweck, zu dem er geschaffen worden. Thomas Adams 1614.
  Manche der englischen Erklärer (vergl. auch Spurgeons Auslegung) legen in das "schauerlich " neben der Bedeutung des die Kunst und Feinheit des menschlichen Körperbaues und der sich darin offenbarenden Größe Gottes bewundernden Erstaunens auch die Bedeutung des Erschauerns oder Erzitterns über die Zerbrechlichkeit des so überaus feinen Mechanismus des menschlichen Körpers. (Man vergleiche zu diesen Gegensätzen auch die von Spurgeon hier wieder angeführten poetischen Zeilen von Edward Young, die sich zu Psalm 8,5 in Bd. 1 der Schatzkammer Davids (1. Aufl., S. 115) übersetzt finden.) Der Gedanke ist immerhin beachtenswert. Dagegen spricht allerdings, dass der Ausdruck tO)rfOn mehr auf schauerlich Erhabenes hindeutet sowie dass hier im Ganzen von dem erstaunlichen Werden des Menschen im Mutterleibe die Rede ist, nicht von dem fertigen Körper. - J. M.
  Wir sind so erstaunlich wunderbar gemacht, dass unser Leibesorganismus an Geschicklichkeit, an Scharfsinn der Erfindung, an Zweckmäßigkeit und an Angemessenheit der dazu gewählten Mittel nicht nur die kunstvollste und verwickeltste Maschinerie, die je durch Menschenhand gemacht worden ist, unermesslich übertrifft, sondern auch alles, was der Menschengeist sich von solchen Maschinerien je mit seiner Phantasie ausdenken könnte. Richard Warner 1828.
  Wohl recht sagt der Psalmist von dem Menschenleibe, er sei erstaunlich wunderbar gemacht, oder V. 15 , er sei kunstvoll gewirkt. Wir erstaunen je mehr, je genauer wir die einzelnen Teile desselben betrachten. Was soll ich von dem menschlichen Auge sagen, worin solch wunderbar feine Kunst ist, dass manche schon, als sie zum ersten Mal etwas Genaueres davon kennen lernten, dazu getrieben wurden, Gottes Schöpfergröße zu bekennen? Oder welch wunderbare Anordnung der Hand und der Finger, mit der Fähigkeit, sich zu öffnen und zu schließen und zu allen Arbeiten, den feinsten und den schwersten, zu dienen, ohne dass sie im Laufe der Jahre sich abnutzen! Wären unsere Hände von Marmor oder von Eisen, so würden sie sich bei solch beständigem Gebrauche bald abnutzen; nun aber, da sie doch von zartem Fleisch sind, halten sie ein ganzes Leben aus! Und was wäre von den Ohren, den Lungen, dem Gehirn usw. zu sagen! Es wäre trotz allen Geheimnissen, die der menschliche Körper birgt, ein Leichtes, über die erstaunlich wunderbare Bereitung desselben lange zu reden; aber ich soll ja eine Predigt halten und nicht eine anatomische Vorlesung. Darum kurz: jeder Teil unsers Körpers ist so wunderbar gebildet und so ganz an die richtige Stelle gesetzt, als ob Gott seine ganze Weisheit auf diesen einzelnen Teil verwendet hätte.
  Doch haben wir bisher nur von dem Schmuckkästlein gesprochen, darin das Juwel verborgen ist. Die Seele, dieser göttliche Funke und Lebenshauch, wie beweglich, wie behende, wie mannigfaltig und wie unermüdlich ist sie in ihren Tätigkeiten, und von welch umfassenden Fähigkeiten! Wie belebt sie den Körper und ist - darin in ihrem Maße Gott selbst gleich - ganz in allen Teilen des Leibes! Wie unbegreiflich ist ihre Verbindung mit dem Leibe, so dass unser Leben und unser Sterben uns immer wieder eine Menge Fragen vorlegen, auf die wir keine Antwort wissen. D. Thomas Manton † 1677.
  Wie können Geist und Stoff sich mischen? Wie ist es möglich, dass die Erde, auf die unsere Fußsohlen treten, einen Bestandteil unseres Wesens bildet, und wir dennoch den Engeln verwandt sind? Ja wie kann ein Etwas in uns sein, das uns mit dem Staube verkettet, und dabei noch viel mehr, das uns Gott selber zugesellt? Dies alles sind Wunderdinge, die wir nicht verstehen. Wo ist der Punkt, da der Geist die Materie berührt? Wie geht es zu, dass mein Wille meine Hand, meinen Finger in Bewegung zu setzen vermag? Wie wirkt der Geist auf den Stoff? Lauter Fragen, die leicht zu stellen sind; aber wo ist die Antwort? C. H. Spurgeon 1883.
  Mose beschreibt 1. Mose 2,7 die Erschaffung des Menschen. Was Gott damals ohne Mittelwerkzeuge getan, das tut er noch heute mittelbar. Niemand denke, dass Gott zwar am Anfang den Menschen erschaffen, seither aber die Menschen einander gemacht hätten. Siehe, wie Hiob die Sache ansieht, da er von dem Knechte redet: "Hat ihn nicht auch der gemacht, der mich im Mutterleibe machte?" (Hiob 31,15.) Und der Psalmist nimmt hier gar keinen Bezug auf Vater und Mutter als Erzeuger, sondern schreibt sein Werden ganz Gott zu. Joseph Caryl † 1673.
V. 13-16. Wir könnten den Gegenstand, von dem diese Verse reden, viel eingehender mit mannigfaltigen Einzelheiten erläutern; aber die besondere Zartheit der Ausdrucksweise, die uns hier und sonst in der Schrift entgegentritt, lehrt uns, dass wir gut tun, nicht allzu sehr auf anatomische Einzelheiten einzugehen. Adam Clarke † 1832.
V. 15. Nicht verborgen war mein Gebein (das Knochengerüst, und von da aus allgemeiner: der Wesensbestand als Inbegriff der Wesensbestandteile) vor dir, der ich gewirkt ward im Geheimen, buntgestickt in Erdentiefen. (Wörtl.) Das letzte Zeitwort, das bunt gewirkt oder gestickt werden bedeutet, ist hier von der Durchäderung des Körpers und der bunten Färbung seiner einzelnen Glieder, besonders der Eingeweide, gemeint, vielleicht aber allgemeiner, mit zurücktretender Farbenvorstellung, von der dem unentwickelten Anfange folgenden Gestaltung der Glieder und des Organismus überhaupt. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Bei dem Ausdruck bunt oder kunstvoll gewirkt mögen wir uns auch dessen erinnern, dass diese Kunst in Israel vornehmlich für das Heiligtum, für das priesterliche Gewand sowie für den Vorhang und die innerste Decke der Stiftshütte verwendet worden war (2. Mose 28,39; 26,36; 27,16) und die Ausübung der Kunst zu dem gedachten Zwecke auf besondere göttliche Ausrüstung der Künstler zurückgeführt wird (2. Mose 35,35). D. Robert Lowth † 1787.
  Im Verborgenen gemacht. Wenn ein Künstler sich vornehmen wollte, ein Kunstwerk in einer finstern Höhle in Angriff zu nehmen, wo ihm alles Licht mangelte, wie sollte er da Hand ans Werk legen, wie könnte er damit voranschreiten und was für eine Arbeit würde dabei herauskommen? Gott aber macht das vollkommenste aller seiner Werke im Finstern, denn er bildet den Menschen im Mutterleibe. Jean Calvin † 1564.
  Die Tiefen der Erde bedeuten stets die Unterwelt oder Hölle (vergl. Ps. 63,10; 86,13 usw.), die aber hier, im Parallelismus mit "im Verborgenen" nur zur Vergleichung dient, als Bild eines verborgenen Orts, der dunkeln Werkstätte der Bildung des Menschen (im Mutterleib, V. 13). Eine gänzliche Verkennung des poetischen Sprachgebrauchs ist es, wenn einige Neuere daraus den Hebräern die Vorstellung von einer Werkstätte der ungeborenen Kinder in der Unterwelt (wie von einer Präexistenz [einem früheren Dasein] im Schattenreich, vergl. Virgils Äneide) aufgebürdet haben. Prof. D. Herm. Hupfeld 1862.
V. 16. Der Vers lautet: Meinen Knäuel (oder meinen noch ungestalteten Klumpen) sahen deine Augen, und in dein Buch wurden sie alle (oder wurde es insgesamt) geschrieben; Tage wurden gebildet, und nicht einer von ihnen ... Bei der Schwierigkeit des Verses mag es von Interesse sein, die hauptsächlichsten Deutungen hier anzuführen. Eine Hauptfrage ist, worauf sich das "sie alle" bezieht. Die meisten Ausleger nehmen mit Luther an, dass es auf die im Folgenden genannten Tage weise. In der Tat scheint diese Deutung die beste zu sein, wiewohl man dann die massoretische Interpunktion ändern muss, welche hinter "geschrieben" den Haupteinschnitt macht. (Sehr einfach würde sich der Satzbau gestalten, wenn man mit Bäthgen von den vier Sätzchen des Verses das zweite und dritte umstellen dürfte: Tage wurden gebildet und in dein Buch geschrieben, als noch nicht einer von ihnen [vorhanden war].) Zu Luthers Übersetzung ist noch zu beachten, dass es im Grundtext nicht heißt: "Tage, die noch werden sollten", sondern: "Tage wurden gebildet " (Perfektum); aber dies Bilden ist hier (wie oft in Psalmen und Jes.) allerdings vom Entwerfen oder Vorherbestimmen im göttlichen Ratschlusse gemeint. - Hupfeld versteht unter dem Knäuel nicht den Embryo, sondern den noch zusammengewickelten Lebensfaden (vergl. Jes. 38,12), und kommt von da aus dazu, das "sie alle" auf die in diesem Lebensfaden-Knäuel enthaltenen einzelnen Tage zu deuten. Da für das im Alten Testament nur hier vorkommende Wort jedoch durch den Talmud die Bedeutung ungeformte Masse und in spezieller Anwendung derselben die Bedeutung Embryo bezeugt ist, wird man besser bei dieser bleiben. - Ganz eigen ist die (auf Kimchi zurückgehende) Auffassung der englischen Bibel (auch der revidierten), welche das "sie alle" auf die in dem Embryo-Knäuel noch unentwickelten Glieder bezieht und das Mymiyf als adverbialen Akkusativ deutet: "im Verlaufe von Tagen" = allmählich, nach und nach, also übersetzt: "und in deinem Buche waren alle meine Glieder geschrieben, die allmählich gebildet wurden, als noch keines derselben war". Noch andere beziehen das "sie alle" auf alle künftigen Menschen (als Embryonen), z. B. Zunz : "Meine Masse sahen deine Augen, und in dein Buch wurden sie alle verzeichnet, die künftig gebildet werden, und unter denen kein einziger da ist." Die beiden letztgenannten Auffassungen lassen sich zwar besser mit der massoretischen Versteilung vereinigen, erscheinen aber dennoch zu gekünstelt. - Delitzsch endlich, dessen Auffassung des Verses sich sonst mit derjenigen von Luther ziemlich deckt, zieht das Keri Olw: vor: "Tage sind vorentworfen worden, und für ihn (nämlich für den geboren werden sollenden Embryo) einer (unter diesen Tagen)." - J. M.
V. 17. Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie kalt und arm sind die wärmsten Gedanken, die wir gegen Gott hegen, wie unaussprechlich voll Liebe und wie wunderbar reich seine Gedanken gegen uns! Vergl. Eph. 1,18 usw. A. R. Fausset 1866.
V. 17.18. Das Wissen um die Gedanken Gottes , die im Buch der Kreatur und der Offenbarung geschrieben stehen, ist der Lieblingsbesitz des Dichters, und ihnen nachzudenken seine Lieblingsbeschäftigung: sie sind ihm köstlich, eigentlich schwergewertet, cara (nicht: schwer begreiflich). Ihre Summen sind gewaltig (Ps. 40,6) und lassen sich auf keine Summa Summarum bringen. Will er sie zählen, so zeigen sie sich mehr denn der Sand mit seinen Körnern, also als unzählig: er schläft über dem Nachdenken darüber ermattet ein, und wacht er auf, so ist er noch bei Gott, d. i. immer noch in die Betrachtung des Unausforschlichen versunken, welche selbst der Schlaf der Ermüdung nicht gänzlich unterbrechen konnte. Wie derjenige "zu Gott" ist (Ps. 130,6), der mit seinem Sehnen und Harren ihm zugekehrt ist, so ist derjenige "mit (oder bei) Gott", der sein Leben, das denkende sowohl als das handelnde, auf ihn bezieht. Der Dichter will sagen, dass er wachend und träumend und erwachend von Gott, dem Unausdenkbaren, festgehalten ist - erwachend ist er immer noch bei Ihm. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Siehe hier Davids Liebe zu seinem Gott: wachend und schlafend laufen seine Gedanken und die Bewegungen seines Gemütes auf ihn hin. Es bedarf keiner besonderen Anlässe, um uns diejenigen ins Gedächtnis zu bringen, die wir lieben; wir vergessen uns sogar selber, um an sie zu denken. Ein Menschenkind, das von der Liebe gepackt ist, spannt sein Denken und Sinnen unermüdlich an, vergisst Essen und Trinken, wohl gar Geschäft und alles über dem Gegenstand seiner Liebe, der sein ganzes Herz erfüllt und an dem sich zu weiden sein ein und alles ist. Wenn der Mensch etwas liebt, das er nicht lieben sollte, so bedarf er nicht, dass man ihn mit Sporen dazu hintreibt, vielmehr Zaum und Gebiss, um ihn davon abzuhalten. Prüfe daran deine Liebe zu Gott. Denkst du nicht häufig an Gott, so liebst du ihn nicht. Kannst du hingegen mit glänzendem Gewinn an Geld und Gut, mit Vergnügungen aller Art, an dem Umgang mit Freunden und an allen Dingen dieser Welt dein Herz nicht stillen, sondern wirst du innerlich getrieben, alles, selbst Geschäft und Arbeit (ohne Versäumung deiner Pflichten) jeweilen zurückzustellen, um täglich an Gott zu denken, dann liebst du ihn. Francis Taylor 1654.
V. 18. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir. Ein großer Vorzug des Christen vor anderen Menschen ist der, dass er seinen besten Freund stets bei sich hat und nie, es sei denn durch eigne Schuld, von ihm fern sein muss. Mag er von allen andern Abschied nehmen müssen, so doch nie von ihm. Und während es Freunden sonst wohl begegnet, dass sie träumen, sie wären beieinander, um dann beim Erwachen zu merken, dass sie weit voneinander getrennt sind, so darf der Gläubige, wie wir es hier an David sehen, es beim Erwachen innewerden, dass er noch bei Gott ist.
  Ein gottseliges Menschenkind sollte in Gottes Armen in den Schlummer sinken, wie ein Kind auf der Mutter Schoß; selige Gedanken an Gott sollten es in Schlaf lullen. Und das wird die Seele umso geschickter machen zum trauten Umgang mit Gott am folgenden Tage. Das ist die Freude eines Christen, der darauf bedacht ist, mit Gott beschäftigt einzuschlafen, dass er sein Werk am Morgen gleich wieder da aufnehmen kann, wo er es liegen gelassen, indem er sich beim Erwachen in der gleichen Gemütsverfassung findet wie am Abend, da er sich niederlegte. Wie wir unsere Uhr, die wir am Abend aufgezogen, am andern Morgen ruhig im Gang begriffen finden, so ist es auch gleichsam mit dem Christen, der sein Herz aufwindet, ehe er sich zur Ruhe legt. Lasst uns des eingedenk sein, und sonderlich am Abend vor dem Sabbat. Thomas Horton † 1673.
  Es ist von großem Vorteil für die Heiligung des Lebens, wenn wir den Tag mit Gott beginnen. Gottes Kinder sind es gewohnt, ihr Herz über Nacht beim HERRN zu lassen, damit sie es am Morgen auch in seiner Gemeinschaft finden. Es ist so wichtig, dass wir, ehe wir Eindrücke von der Außenwelt empfangen und die irdischen Dinge uns überfluten, unser Herz mit Gedanken an Gott in einen guten Zustand versetzen und die ersten frischen, noch nicht verunreinigten Regungen unseres Fühlens, Denkens und Wollens Gott weihen, ehe die Kräfte unserer Seele sich niedrigeren Gegenständen preisgeben. Wenn schon gleich am Morgen die weltliche Gesinnung vor der Frömmigkeit einen Vorsprung bekommt, so vermag diese kaum im Laufe des ganzen Tages jene zu überholen, und so bleibt das Herz den ganzen Tag hindurch ein Knecht der Eitelkeit. Wenn wir hingegen mit Gott beginnen, so nehmen wir ihn mit in alle Geschäfte und auch in alle Erholungen des Tages, die uns umso wohltuender und lieblicher sind, wenn sie mit der Liebe zu Gott und der Ehrfurcht vor ihm gewürzt sind. Thomas Case † 1682.
V. 19. Ihr Blutmenschen, weichet vor mir! Das gut hebräische w (und) vor dem Vokativ "ihr Blutmenschen" lässt sich im Deutschen nicht wiedergeben; es verstärkt die Lebhaftigkeit der plötzlichen Anrede an die Frevler. Lic. H. Keßler 1899.
  Der Ausdruck Blutmenschen kann beides bezeichnen: mit Blutschuld Befleckte, und: Blutgierige . Dabei brauchen wir jedoch nicht nur an Mörder im gewöhnlichen Sinn des Wortes zu denken, sondern an alle, die andere zu verderben suchen, auch an Seelenmörder und an Hasser (1.Joh. 3,15). Kardinal R. Bellarmin † 1621.
  Weichet von mir! Da die Angeredeten nur als Feinde Gottes und Empörer bezeichnet werden, ohne eine Spur davon, dass der Hass des Psalmdichters persönliche Gründe hätte oder Nationalhass wäre, sie vielmehr nach V. 22 nur durch ihre Feindschaft gegen Gott seine Feinde geworden sind, auch nur dadurch die Erklärung seines "vollkommenen Hasses", V. 22, gegen sie sich rechtfertigt, so kann in diesem Zuruf: "Weichet von mir!" nur die Lossagung von aller Gemeinschaft mit ihnen liegen, welche die negative Erklärung oder Bewährung seiner Anhänglichkeit an Gott ist. Prof. D. Herm. Hupfeld 1862.
V. 21. Sollte ich nicht, muss ich nicht, HERR, hassen, die dich hassen? sie hassen, nämlich nicht, wie der Mensch hasst, sondern wie Gott hasst. D. J. A. Alexander † 1860.
  Kann der Mann, welcher Treue und Redlichkeit für das Heiligste im Leben hält, es vermeiden, dem Manne feind zu sein, der, zum Schatzmeister des Staates berufen, zu berauben, zu betrügen und mit öffentlichen Geldern durchzubrennen sich erfrecht hat? Und kann, wer den unsterblichen Göttern die ihnen gebührende Verehrung darzubringen wünscht, irgendwie dem aus dem Wege gehen, ein Feind des Mannes zu sein, der alle ihre Tempel geplündert hat? M. T. Cicero † 43 v. Chr.
  Und verabscheuen usw. (Grundt.) Man sagt von Dr. Adam Smith († 1790), es sei ihm nichts widerlicher gewesen als sittliche Lauheit, jene Stumpfheit des sittlichen Empfindens, die den Menschen unfähig macht, den weiten Unterschied zwischen Tugend und Laster klar zu sehen und stark zu empfinden, und die unter dem Vorwande der freiheitlichen Gesinnung selbst für die schwärzesten Verbrechen nur Milde und Nachsicht hat. Bei einer Abendgesellschaft im Schlosse des Herzogs von Bucclongh, wo einer der Geladenen in der diesem Herrn eigenen albernen Weise für gewisse Schurkenstreiche, auf die die Rede kam, allerlei Beschönigungen vorbrachte, wartete Smith in geduldigem Schweigen, bis der Betreffende aufgebrochen war; dann aber rief er: "Jetzt kann ich wieder freier atmen! Ich mag den Menschen nicht leiden, er hat keinen Funken von Entrüstung in sich!" C. H. Spurgeon 1885.
V. 21.22. Was müssen wir hassen ? Erstens die Gesellschaft offenbarer und hartnäckiger Sünder, die sich nicht bessern lassen wollen; allen vertraulichen, freiwilligen Umgang mit solchen haben wir zu meiden. Zweitens ihre Sünden selbst. Das ist nicht das Gleiche; man kann mit offenbaren Sündern nichts zu schaffen haben wollen und doch an denselben Sünden, den gleichen unfruchtbaren Werken der Finsternis teilhaben. Drittens müssen wir alle Anlässe und Reizungen zu solchen Sünden hassen. Viertens müssen wir das Böse in jeglicher Gestalt (1.Thess. 5,22 Grundt.) hassen. Manche hassen z. B. den Stolz, lieben jedoch den Geiz oder hegen eine andere Lieblingssünde; wir aber müssen jede und alle Sünden hassen, welcher Art sie auch seien; sie sind ohne Ausnahme hassenswert und Gott ein Gräuel. William Perkins † 1602.
V. 22. Was heißt das: Ich hasse sie mit vollkommenem8 Hasse? Ich hasse in ihnen ihre Sünden, ich liebe in ihnen dein Geschöpf. Das heißt mit vollkommenem Hasse hassen, wenn du weder die Menschen persönlich hassest um des Schlechten willen, das sie tun, noch das Schlechte liebst um der Menschen willen, von denen es getan wird. Denn siehe, was er hinzufügt: Sie sind mir zu Feinden geworden. Nicht nur als Gottes, sondern auch als seine eigenen Feinde beschreibt er sie jetzt. Wie denn wird er an ihnen beides erfüllen, sowohl sein eigenes Wort: "Ich hasse ja, HERR, die dich hassen", als auch des Herrn Gebot: "Liebet eure Feinde"? Wie kann er dies erfüllen, außer durch jenen "vollkommenen" Hass, indem er an ihnen hasst, dass sie böse sind, und doch sie als Menschen liebt? Denn sogar in der Zeit des Alten Bundes, da das fleischlich gesinnte Volk durch äußere Strafgerichte im Zaum gehalten wurde, wie war es bei Mose, dem Knechte Gottes, der seinem geistlichen Verständnisse nach zum Neuen Bunde gehörte? Wieso hasste er die Sünder, da er doch für sie betend ins Mittel trat, oder wieso hasste er sie nicht, da er sie doch erwürgen ließ (siehe z. B. 2. Mose 32,11.26-28.30-32; 33,12.15 f.), es sei denn, dass er sie eben mit solchem "vollkommenen" Hasse hasste? Denn mit solcher Vollkommenheit hasste er das Böse, das er strafte, dass er die Menschen liebte, für die als solche er betete. Aurel. Augustinus † 430.
V. 23. Prüfe mich. Echter Glaube ist köstlich; er ist wie Gold, er verträgt das Feuer. Die Zuversicht des Eigendünkels ist nur eine Nachahmung, die die Probe nicht aushält. Ein wahrhaft Gläubiger fürchtet die Prüfung nicht. Er will, dass Gott ihn prüfe, lässt es sich auch gefallen, dass andere ihn prüfen, und ist viel damit beschäftigt, sich selber zu prüfen. Er möchte sich in keiner Sache, und zumal nicht in einer so unendlich wichtigen, auf unerprobte Vermutungen stützen. Er ist willig, das Schlimmste so gut wie das Beste zu hören, wenn es nur die Wahrheit ist. Diejenige Art der Predigt gefällt ihm am besten, bei der die richtende und durchdringende Kraft des Wortes Gottes
(Hebr. 4,12) am besten zur Geltung kommt. Es graut ihm davor, sich durch nichtige Hoffnungen zu betrügen. Er möchte um keinen Preis durch glatte Reden in einen falschen Wahn über seinen geistlichen Zustand gewiegt werden. Bieten sich Proben dar, so befolgt er den Rat, den der Apostel 2.Kor. 13,5 den Christen gibt. David Clarkson † 1686.
  In welch furchtbarer Klemme sind wir hier! Der Heilige wandelt sich ja nicht (Mal. 3,6), wenn er ins Menschenherz kommt, um es einer Besichtigung zu unterziehen. Er ist derselbe da wie in den höchsten Himmeln. Seine Augen sind so rein, dass sie Böses nicht anschauen mögen (Hab. 1,13); wie kann ein Menschenherz ihn da einladen, in seine verborgenen Kammern einzutreten? Wie kann das lodernde Feuer das löschende Wasser willkommen heißen? Dem Gedächtnis lässt sich das schöne Gebet des Psalmisten freilich bald einprägen. Und die toten Buchstaben, durch häufigen Gebrauch glatt geworden, mögen ganz leicht von unempfindlich gewordenen Lippen kommen und kein Gefühl des Brennens im Gewissen zurücklassen. Und doch, wiewohl die Worte Worte göttlicher Wahrheit sind, mögen sie beim Aussprechen in eine Lüge verwandelt werden. Das Gebet ist nicht wahr, trotzdem es der Bibel entlehnt ist, wenn der Beter den Allsehenden zu sich in sein Herz einladet und dabei doch, wenn es möglich wäre, tausend Welten darum geben würde, wenn er ihn dadurch für immer draußen halten könnte.
  Wer hilft uns aus dieser Klemme? Christus, der uns mit Gott versöhnt und uns zum Vater führt. Das Kind, das Vergebung erlangt hat, das weiß, dass des Vaters Herz ihm offen steht, freut sich über des Vaters Schritt, sehnt sich nach seiner Nähe. Wie aber, ist denn kein Flecken noch Runzel mehr an dem Gläubigen, dass er es wagt, die Untersuchung durch den Allwissenden herauszufordern und sein Herz dem HERRN offen zu stellen? Ach, noch ist er nicht so rein, das weiß er wohl. Gar manche Flecken entstellen ihn noch; aber er verabscheut sie jetzt und sehnt sich danach, von ihnen befreit zu werden. Der Unterschied zwischen einem Unbekehrten und einem Bekehrten ist nicht der, dass der eine Sünden hat, der andere nicht, sondern dass der eine für seine Sünden, die er liebt und pflegt, Partei nimmt wider den Gott, den er scheut, und der andere sich auf die Seite Gottes, mit dem er versöhnt ist, stellt wider seine Sünden, die er hasst. Er hat gebrochen mit seinen früheren Freunden und ist nun im Bunde mit dem, dessen Widersacher er ehemals war. Die Bekehrung ist eine Wendung; nur eine Wendung, aber als solche bringt sie sofort und notwendig zwei ganz bestimmte Wirkungen hervor: während das Angesicht des Menschen vormals von Gott weg und zu seinen Sünden hin gerichtet war, ist es nun von seinen Sünden weg zu Gott hin gerichtet.
  Solange Gott wider mich ist, bin ich auch wider ihn, bin ich sein Feind. Das ist so, und niemand kann es ändern, sowenig wie die glatte Fläche sich davon abhalten kann, die Sonnenstrahlen, die auf sie fallen, zurückprallen zu lassen. Nur Gottes Liebe, wenn sie vom Angesicht Jesu aus in mein dunkles Herz fällt, öffnet mein Herz für Gott, macht es zu meines Herzens Wonne, Gottes Wohnstatt sein zu dürfen. Die Angen des gerechten Rächers kann ich an dieser Stätte voller Sünde nicht dulden; dem Auge des mitleidigen Arztes hingegen gestatte ich gerne den Zutritt zu dieser Stätte der Krankheit, denn er kommt ja vom Himmel zur Erde nieder, um solch sündenkranke Seelen wie die meine zu heilen. Wenn ein Gläubiger von dem lebendigen Gott geprüft zu werden begehrt, so deutet er damit nicht an, dass es keine Sünden in ihm zu entdecken gebe; im Gegenteil, er gibt damit zu verstehen, dass dieser seiner Widersacher so viele sind und sie ihm so hart zusetzen, dass nichts sie zu bezwingen vermag, als wenn Gott selber auf dem Kampfplatz erscheint und sie seine Macht erfahren lässt. William Arnot † 1875.
V. 23.24. Achten wir zunächst auf die vor nichts zurückschreckende Tapferkeit, die in diesen Worten des Psalmisten an den Tag tritt. Hier sehen wir einen Mann, der entschlossen ist, die Winkel seines Herzens zu erforschen. Hat ein Bonaparte, ein Nelson, ein Wellington je einen solch heldenmütigen Vorsatz kundgetan? Wenn alle die berühmten Helden des Altertums gegenwärtig wären, so wollte ich sie miteinander fragen, ob sie je den Mut gehabt haben, in ihr eigenes Herz einzudringen. David war ein tapferer Mann. Als er dem Löwen nachlief, der ein Schaf von seiner Herde wegschleppte, und ihn an seinem Barte fasste und erschlug, als er das ähnliche Abenteuer mit dem Bären hatte, oder als er dem Goliath mit Stab und Schleuder entgegenging, da legte er unzweifelhafte Proben seines Mutes ab; aber niemals hat er solch einzigartige Kühnheit an den Tag gelegt, als da er diesen Entschluss kundtat, in sein eigen Herz hineinzuschauen. Wenn du auf einer Anhöhe stündest und alle die raubgierigen und giftigen Bestien, die es auf der Erde gibt, in einem Haufen versammelt vor dir sähest, so würde es nicht solchen Mut brauchen, dich auf diese Schar zu stürzen, als den Kampf mit deinem eigenen Herzen aufzunehmen. Jede Sünde ist ein Teufel und kann sagen: Legion heiße ich, denn unser ist viel (Mk. 5,9). Wer weiß, was es heißt, sich selber, seinem eigenen verderbten Wesen die Stirne zu bieten? Und doch muss dies geschehen, wenn wir denn selig werden wollen.
  Achten wir zweitens auf die Aufrichtigkeit des Psalmisten. Er wünschte alle seine Sünden zu kennen, um von ihnen frei zu werden. Da jedermann ohne Ausnahme zur einen oder andern Zeit einmal doch seine Sünden offenbar gemacht sehen muss, wird ein weiser Mensch suchen, sie hienieden kennen zu lernen, weil die jetzige Zeit die einzige ist, da wir Gott dadurch verherrlichen können, dass wir unsere Sünden bekennen, uns von ihnen lossagen und sie überwinden. Das ist gerade eine der Eigenschaften der Sünde, dass sie dem Menschen sein eigenes Wesen zu verhüllen sucht, dass sie ihm seine Hässlichkeit verbirgt, ihn davon abhält, sich ein richtiges Urteil über seinen Zustand zu bilden. Es ist eine erschütternde Tatsache, dass es im Herzen des Teufels selber kein Element des Bösen, keine Schlechtigkeit gibt, deren Gift nicht auch in unseren Adern ist und von der wir nur durch die völlige Erneuerung unseres ganzen Wesens durch die Kraft des Heiligen Geistes frei werden können. Dass sich diese bösen Anlagen nicht beständig in ihrer ganzen abschreckenden Hässlichkeit entwickeln und enthüllen, das verdanken wir einzig der sie eindämmenden und ihr maßloses Wachstum beschneidenden Gnade Gottes.
  Achten wir drittens auf die Weisheit des Psalmisten, die sich darin kundtut, dass er dies Anliegen seines Herzens Gott selbst als Bitte vorträgt, dem einzigen Wesen im ganzen All, das sich selbst durchaus kennt und in seinem eigenen Lichte auch alle andern Wesen ganz erschaut. Wollen wir uns selbst erkennen, so müssen wir uns in Gottes Licht sehen. Und endlich nehmen wir auch daran die Weisheit des Psalmisten wahr, dass er mit dem Herzen beginnt, dass er seine Triebe und Grundsätze von einem urteilsfähigen Richter geprüft wissen und alles Schlechte aus ihnen abgeschieden haben will. Das Herz und sein Dichten und Trachten muss zurecht gebracht sein, ehe Handel und Wandel richtig werden können. William Howels † 1832.
  Es bedarf meines Erachtens eines hohen Grades wahrer Frömmigkeit, um die Bitten dieser Verse mit voller Aufrichtigkeit zu sprechen. Oder kannst du etwa leugnen, dass es oft vorkommt, dass Menschen, selbst während sie in der Selbstprüfung begriffen sind, den stillen Wunsch hegen, in gewissen Punkten unwissend zu bleiben, das Begehren haben, nicht davon überführt zu werden, dass sie auf falschem Wege sind, wenn irdischer Vorteil oder Herzensneigung oder beide miteinander das entgegengesetzte Gutachten ersehnen lassen? Du weißt bei der Selbstdurchforschung genau, wo die zarten Punkte sind, und an diese rührst du nicht, denn das würde dir wehe tun, und du wünschest nicht, dass es offenbar werde, wie sehr du ein die krankhaften Entartungen zerstörendes Ätzmittel oder das Messer nötig hast. Henry Melvill † 1871.
  Die Selbstprüfung ist nicht eine so einfache Sache, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Gegenteil, gibt es wohl irgendeine Tätigkeit, die sich für uns in der Erfahrung als so unbefriedigend, so gänzlich unzulänglich, so beinahe ganz unausführbar erweist wie gerade die Selbstprüfung? Den komplizierten Bau des menschlichen Körpers mögen wir bis in seine kleinsten und feinsten Teile zergliedern, aber die Anatomie des Herzens spottet aller unserer Kunst. So einiges, hier ein wenig und da ein wenig, was gerade auf der Oberfläche liegt, entdeckt der Mensch da wohl; aber in diesem Labyrinth des Sünderherzens gibt es verborgene Schlupfwinkel, ganz versteckte Geheimkammern in den Kammern, die keine bloß menschliche Untersuchung je erforschen wird. Es ist Gottes Sache ausschließlich, das Menschenherz zu erforschen.
  Ich zögere nicht, dem Gotteskinde - diesem Wesen, das allen andern Menschen an Selbsterkenntnis weit voraus ist - zu sagen: Es sind in diesem Augenblick Sünden in dir als verborgene Kräfte, von denen du keine Ahnung hast; doch bedarf es nur eines größeren Maßes geistlicher Erleuchtung bei dir, um sie zu entdecken. Aber während ich dies sage, mahne ich zugleich jeden, die Kosten wohl zu überschlagen, ehe er den kühnen Schritt wagt, Gott zu bitten, dass er ihn "erforschen" möge. Denn sei dessen gewiss: wenn du Gott wirklich im Ernste bittest, dich zu erforschen und zu prüfen, so wird er es tun, tun wie nur er es vermag, und solche Prüfung wird keine leichte Sache sein. Was mag die Folge dieser Bitte des Psalmisten gewesen sein? Etwa jene schwerste Leidenszeit Davids unter dem Aufruhr Absaloms? Wir wissen es nicht; aber das ist nicht zu bezweifeln, dass diese Schlussworte des Psalms eine ernste Geschichte im Gefolge hatten. James Vaughan 1878.
  Wie schön ist doch die Demut des Psalmisten! Er kann von den Gottlosen nicht anders als in Ausdrücken gerechter Entrüstung reden, und er kann nicht anders als die hassen, welche seinen Gott hassen; doch scheint er alsbald wieder zu ruhiger Selbstbesinnung zu kommen, und frei von aller Selbstüberhebung bittet er vielmehr: "Erforsche mich, Gott, und dringe auf den Grund meines Herzens." So zeigt uns auch Abrahams demütige Weise des Betens, in welchem Geiste er von derselben Höhe aus, wo er so vor dem HERRN gefleht hatte, auf das rauchende Sodom hinabgeschaut haben wird. (1. Mose 18,27; 19,27 f.) James Ford 1871.
  Es ist, als sagte der Psalmist: "HERR, ich habe mich selbst geprüft und kann keinen bösen Weg bei mir entdecken; aber dein Blick, o HERR, ist ja so viel schärfer als der meine, und darum bitte ich dich, siehe du zu, ob nicht etwa irgendein böser Weg (oder ein Weg, der zu Schmerzen führt) bei mir zu finden ist." Welch hohen Grad der Heiligung musste der Psalmist erreicht haben, dass er göttliche Erforschung nötig hatte, um von weiteren Fehlern und Mängeln überführt zu werden! Vergl. Paulus, 1.Kor. 4,4. J. Caryl † 1673.
  Es gibt mancherlei bösen Weg. Da ist der Weg des Unglaubens, den zu gehen wir sehr geneigt sind, oder der Weg der Eitelkeit und des Stolzes, an den wir uns leicht gewöhnen, oder der Weg der Selbstsucht, auf dem wir uns so manchmal ertappen. Dann der Weg der Liebe zur Welt, auf dem wir hohlen Vergnügungen, eitlen Ehren und dergleichen nachjagen. Oder der Weg der geistlichen Faulheit, wenn wir lässig sind im Gebet, in dem Erforschen des Wortes Gottes und der Anwendung desselben aufs eigene Herz. Oder der Weg der falschen Selbständigkeit, wodurch wir oft Gott Unehre bereiten und uns selber Schaden tun. Dann leider auch der Weg des Ungehorsams oder doch des halben, kalten, zögernden Gehorsams. Alle diese Wege führen zu Schmerzen. T. Wallace 1879.

Homiletische Winke

V. 1.23. Eine Tatsache zur Gebetssache gemacht, oder: Ein Beispiel bester praktischer Theologie: 1) Anbetende Versenkung in die Wahrheit. 2) Anwendung der Wahrheit aufs eigene Herz. 3) Verwandlung der erkannten Wahrheit in Bitten.
V. 1. HERR, du erforschest mich und kennest mich. 1) Ein ermunternder Gedanke für solche, die fühlen, dass sie Sünder sind. Wenn Gott uns nicht völlig kennte, wie hätte er eine völlige Erlösung für uns erfinden können? 2) Ein tröstlicher Gedanke für die Gläubigen. "Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürfet." G. Rogers 1885.
V. 1-5. I. In diesen Versen schildert der Psalmist Gottes Allwissenheit als ein Wissen, 1) das sich auf alle unsere Zustände und einzelnen Handlungen, auch die kleinsten und anscheinend unbedeutendsten, bezieht: Ich sitze oder stehe auf; 2) das auch von unseren Gedanken und deren verborgenen Beweggründen Kenntnis hat: Du verstehest meine Gedanken von ferne; 3) das alle unsere Handlungsweisen sichtend prüft: Mein Wandeln und mein Liegen sichtest du (Grundt.); 4) das jedes unserer Worte augenblicklich, sobald es geredet ist, wägt, ja auch unsere unausgesprochenen Worte völlig erkennt: Denn siehe usw.; 5) das die ganze Vergangenheit des Menschen umfasst und ebenso mit seiner Zukunft völlig vertraut ist: Hinten und vorne hältst du mich umschlossen (Grundt.); 6) das jeden Augenblick den Menschen unter schärfster Beobachtung hält: Und hast deine Hand auf mir liegend (Grundt.). II. Diese göttliche Allwissenheit wendet der Psalmist, sich in sie vertiefend und ihr Gewicht in ganzer Stärke fühlend, auf sich selber an: HERR, du erforschest mich usw. Beachten wir, wie sich das "mich", "mein" usw. durch das Ganze hindurchzieht. Lassen wir uns so von dem Bewusstsein der Allwissenheit durchdringen und wenden wir die Wahrheit so an, dann wird diese Wahrheit 1) tiefe Ehrfurcht in uns erzeugen, 2) uns mit Zuversicht des Glaubens erfüllen, 3) uns zu einem in allen Stücken vorsichtigen Wandel führen. John Field 1885.
V. 2-4. Gottes Wissen erstreckt sich: 1) Auf unsere Bewegungen und Zustände: wenn wir sitzen, lesend, schreibend, uns unterhaltend, und wenn wir aufstehen zu tätigem Dienst usw. 2) Auf unsere Gedanken: welcher Art sie früher gewesen sind, jetzt sind, in Zukunft sein werden, unter den und jenen Umständen gewesen wären oder sein würden. Gott, der den Menschen die Denkkraft gegeben, weiß, was ihre Gedanken zu allen Zeiten sein werden; sonst könnte er weder zukünftige Dinge weissagen noch überhaupt die Welt regieren. Gott kann unsere Gedanken wissen, auch wo er nicht ihr Urheber ist. 3) Auf unsere Handlungen, V. 3 . Er kennt jeden Schritt, den wir bei Tage tun, und ebenso alles, was wir in wachen Stunden der Nacht uns zu tun vornehmen. All unser Tun und Lassen, im persönlichen, häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben, sichtet er, um das Gute vom Bösen darin zu scheiden, wie der Weizen bei dem Worfeln von der Spreu geschieden wird. 4) Auf unsere Worte, V. 4 . Man hat behauptet, alle Worte der Menschen würden in der uns umgebenden Luft aufgezeichnet und könnten sämtlich wieder hörbar gemacht werden. (Vergl. den Phonographen und die drahtlose Telegraphie und Telephonie) Mag dem so sein oder nicht, zweifellos sind sie in Gottes Gedächtnis als einem untrüglichen Phonographen aufgezeichnet. G. Rogers 1885.
V. 2a. Die Wichtigkeit unserer gewöhnlichsten Handlungen.
V. 2b. Welch ernste Dinge sind unsere Gedanken! Sie sind alle Gott bekannt; sie werden von ihm durchschaut, so dass ihre Triebfedern, ihre Richtung und ihre Endziele von ihm klar erkannt werden; und er achtet auf sie, während sie noch erst im Entstehen sind.
V. 4. 1) Unsere Worte sind auf allen Stufen ihrer Geschichte, auch schon ehe wir sie ausgesprochen, Gott bekannt. 2) Es sind der Worte auf unserer Zunge viel; doch ist keines unter ihnen Gott unbekannt. 3) Die Worte der Menschen haben oft einen Sinn, der andern verdeckt ist, ja manchmal können wir die tief und weit reichende Bedeutung unserer eigenen Worte nicht erfassen; Gott aber kennt sie völlig, durch und durch. Mahnung: Gib Acht auf die Worte auf deiner Zunge!
V. 5. Die Gefangennahme einer Menschenseele. Im Laufe gestellt, umzingelt, verhaftet. Was hat sie getan? Was soll sie machen?
V. 1-4.5. Die uns allerseits und immer umschließende Gegenwart Gottes.
V. 6. 1) Wie unvollkommen ist unsere Erkenntnis Gottes! 2) Wie vollkommen kennt Gott uns Menschen! (Man hat wohl gesagt, verständige Leute wunderten sich über nichts mehr; uns dünkt vielmehr, sie kämen aus der Verwunderung gar nicht heraus.) G. Rogers 1885.
  Thema: Gerade die Wahrheiten der Offenbarungsreligion, die zu wunderbar sind, als dass wir sie völlig verstehen könnten, sind diejenigen, über welche wir uns zu freuen am meisten Ursache haben. I. Beweisen wir das an einigen Hauptbeispielen. l) Die für uns unbegreiflichen Eigenschaften Gottes verleiten seinen Verheißungen unermesslichen Wert. 2) Die Menschwerdung Gottes ist zugleich die vollkommenste und die uns köstlichste Offenbarung Gottes; dennoch ist gerade sie die unerklärbarste. 3) Die Erlösung durch den Tod Jesu ist die höchste Bürgschaft unseres Heils, die sich nur denken lässt; aber wer will sie verstandesmäßig ergründen? 4) Die göttliche Eingebung macht die Bibel zu Gottes Wort, wiewohl niemand eigentlich auseinandersetzen kann, wie diese Eingebung in jenen Männern gewirkt hat, die geredet und geschrieben haben, getrieben von dem Heiligen Geist. 5) Die Auferstehung des Leibes und dessen Verklärung befriedigen das tiefste Sehnen unserer Seele (Röm. 8,23; 2.Kor. 5,2-4); aber das Wie kann niemand begreifen. II. Wenden wir nun diese Wahrheit praktisch an. 1) Lasst uns an Lehren und Tatsachen der Schrift nicht deshalb Anstoß nehmen, weil sie wunderbar und uns zu hoch sind. 2) Lasst uns Gott dafür danken, dass er die großen Geheimnisse (Offenbarungs-Wahrheiten) nicht deshalb zurückgehalten hat, weil er wusste, dass einige sich an ihnen ärgern würden. 3) Lasst uns vielmehr bereitwillig all den Gewinn und die Freude ausschöpfen, welche diese Geheimnisse für uns enthalten, und mit der Ruhe des Glaubens warten, bis das Licht des Himmels sie uns noch besser verstehen lehren wird. John Field 1885.
V. 7-10. 1) Gott ist, wo immer ich mich befinde. Ich fülle nur einen verschwindend kleinen Teil des Raumes aus; er erfüllt allen Raum und wird von allem Raume nicht umfasst. 2) Gott ist, wo immer ich je sein werde. Nicht er bewegt sich mit mir, sondern ich in ihm; denn in ihm leben, weben und sind wir (Apg. 17,28). 3) Gott ist, wo immer ich sein könnte. Führe ich gen Himmel - bettete ich mir in der Hölle: siehe du ! Flüchtete ich mit der Schnelligkeit der Lichtstrahlen zu den fernsten Gebieten der Erde oder des Himmels oder des Meeres, ich wäre doch in deiner Hand. Mit keiner Silbe erwähnt der Dichter die Vernichtung, als ob sie möglich wäre; und doch wäre sie die einzige Ausflucht vor der Gegenwart Gottes, denn Gott ist nicht ein Gott der Toten, der Vernichteten, nach der Bedeutung, welche alte und neue Sadduzäer dem Worte Tod gegeben haben, sondern der Gott der Lebendigen (Mt. 22,32). Der Mensch ist immer und in Ewigkeit irgendwo, und Gott ist immer und in Ewigkeit überall. G. Rogers 1885.
V. 8. Die Seligkeit des Himmels und der Schrecken der Hölle: Du.
V. 9.10. I. Ein Vorschlag für den Sünder, der ihm die größte Sicherheit und Ermunterung zur Flucht bietet, die sich denken lässt. 1) Der vorgeschlagene Ort: die äußersten Enden des Meeres, worunter wir überhaupt den entlegensten, verborgensten Winkel der Schöpfung verstehen mögen. 2) Seine behende Flucht an diese vermeintliche Zuflucht und Freistatt sofort nach Begehung der Sünde: "Nähme ich Flügel der Morgenröte". II. Aber diese vermeintliche Sicherheit, diese Ermunterung zur Flucht wird völlig zerstört durch V. 10. John Flavel † 1691.
V. 11.12. Finsternis und Licht sind völlig gleich für Gott. 1) In der Natur: Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis (Jes. 45,7). 2) In der Vorsehung: Geschicke, die für uns dunkel sind, sind für ihn licht. Wir ändern uns in unserem Verhalten gegen ihn, nicht wandelt er sich gegen uns (Mal. 3,6). 3) Im Geistlichen: Der im Finstern wandelt usw.
(Jes. 50,10). Ob ich schon wanderte im finstern Tal usw. (Ps. 23,4). Der HERR zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule und des Nachts in einer Feuersäule (2. Mose 13,21). Er war derselbe Gott in der Wolke des Tages und dem Licht der Nacht. G. Rogers 1885.
V. 14. Der Mensch ist ein erstaunlich (schauerlich) wunderbares Wesen. Wie der Psalmist dies mit Bezug auf sein leibliches Werden aussagt, so gilt es auch von dem ganzen Wesen des Menschen: 1) in seinem ursprünglichen Zustand der Unschuld, 2) in seinem beklagenswerten gefallenen Zustand, 3) in dem neuen Zustand der Wiedergeburt, 4) in seinem unveränderlich gewordenen Zustande in der Hölle oder dem Himmel. W. Williams 1885.
V. 13-16. Der Leib des Menschen ein schauerlich wunderbares Werk Gottes. 1) Ein Wunder der Allmacht, Allweisheit usw. Gottes. 2) Als solches ein Zeuge gegen eine gottesleugnerische Naturwissenschaft. 3) Aber auch ein Zeuge gegen das gottesleugnerische Leben der Menschen. 4) Eine Mahnung, Leib und Leben dem zu weihen, der uns so wunderbar bereitet hat.
  Gottes völlige Kenntnis unseres ganzen Wesens und Lebens, hergeleitet aus der wunderbaren Bereitung unseres Leibes.
V. 16. Unsere ganze Lebensgeschichte ist schon geschrieben - vor unserem Lebensanfang - in Gottes Buch. 1) Diese Tatsache ist begründet in Gottes Wesen. 2) Wie aber verhält sie sich zu der geschöpflichen Freiheit? 3) Welches Licht wirft sie auf unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?
V. 17. Die ganze große Welt und auch die kleine Welt meines Lebens ein Aufbau (System) göttlicher Gedanken der Wahrheit und Weisheit.
V. 17.18. Gottes Gedanken 1) unser größter Schatz, 2) unsere liebste Beschäftigung.
  I. Gottes Gedanken über uns. 1) Wie gewiss, 2) wie zahlreich oder vielmehr unzählig, 3) wie herablassend, 4) wie voll zarter Liebe, 5) wie weise, 6) wie wirksam, 7) wie beständig. II. Unsere Gedanken über Gottes Gedanken. 1) Wie selten denken wir wirklich Gottes Gedanken nach, und wie sehr geziemt uns doch solches Nachdenken, 2) wie köstlich ist es, 3) wie trostreich, 4) wie stärkt es den Glauben, 5) wie reizt es zur Liebe! III. Unsere Gedanken über Gott selber. 1) Sie bringen uns Gott nahe, 2) sie halten uns Gott nahe, 3) sie bringen uns zu Gott zurück. Sind wir es gewohnt, mit Gott Umgang zu pflegen, so sind wir bei Gott, wenn wir aus dem leiblichen Schlafe aus Augenblicken der Schlafsucht, aus dem Tode erwachen.
  1) Der Gläubige ist Gott köstlich. Der HERR denkt an ihn mit zärtlicher Liebe, auf unzählige Weisen, ohne Unterlass. 2) Gott ist dem Gläubigen köstlich. Dieser achtet auf die Erweisungen der göttlichen Liebe, Weisheit usw., zählt sie, sinnt immer neu über sie, kehrt auch beim Erwachen zu ihnen zurück. 3) Gottes Liebe zu uns und unsre Liebe zu Gott in seliger unlöslicher Verbindung: "Noch bei dir". W. B. Haynes 1885.
V. 18b. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir. 1) Das Erwachen ist hier zunächst im natürlichen Sinne, von der Rückkehr aus dem Schlafe zum bewussten Leben, zu verstehen. 2) Wir können es aber auch anwenden a) im sittlichen Sinne auf das Erwachen aus dem Sündenschlafe, und b) auf das Erwachen aus dem Tode. Thomas Horton † 1673.
  Der Christ auf Erden und doch im Himmel. (Man vergl. auch das Erwachen der Jünger auf dem Verklärungsberge.) Th. Watson 1660.
  Noch bei dir: 1) in meinem Sinnen mit dir beschäftigt, 2) in geheimer Lebensverbindung mit dir, 3) auch in meinem Tun und Wirken mit dir verbunden. Thomas Horton † 1673.
V. 19-22. 1) Die Allwissenheit Gottes führt notwendig zu der Erwartung des Gerichtes über die Gottlosen. 2) Die aus der Allwissenheit Gottes sich ergebende Unvermeidlichkeit des Gerichts über die Gottlosen ist ein kräftiger Grund, uns von diesen zu scheiden. W. B. Haynes 1885.
V. 20. Kennzeichen der Feinde Gottes.
V. 21.22. 1) Solchen Hasses braucht man sich nicht zu schämen. 2) Solcher Hass ist kein Gegensatz zu der Liebe und anderen Tugenden. 3) Solchen Hass gilt es aber rein zu halten von Befleckung (vergl. V. 23.24). 4) Solcher Hass führt in Leiden. 5) Solcher Hass führt tiefer in Gottes Gemeinschaft und damit in Freuden.
V. 23.24. Diese Gebetsworte sind die Sprache I. der Selbstprüfung 1) als im Angesicht Gottes, 2) mit herzlichem Begehren nach Gottes Beistand, V. 23. Prüfe mich durch und durch und lass mich wissen, was dein Urteil über mich ist. II. Der Selbstentsagung: Siehe ob usw., V. 24 . Zeige mir jede noch unvergebene Sünde, jede unbezwungene böse Neigung, jede noch nicht bekämpfte üble Gewohnheit, damit ich dem allen entsagen könne. III. Der Selbstweihung: Leite mich auf ewigem Wege. Der Beter übergibt sich damit für alle Zukunft der göttlichen Leitung. G. Rogers 1885.
V. 24. I. Der böse Weg. Ist von Natur bei uns, kann verschiedener Art sein, führt aber immer zu Schmerzen, muss von uns entfernt werden, und dazu ist göttliche Hilfe nötig. II. Der ewige Weg. Es gibt nur einen. Wir bedürfen es, darauf geleitet zu werden. Es ist der gute alte Weg, und er hat kein Ende, denn er führt zu einer Seligkeit ohne Ende.

Fußnoten

1. Spurgeon fährt fort: "Natürlich sprechen die Gelehrten diese Dichtung dem David ab auf Grund von gewissen aramäischen Ausdrücken, die sich darin finden. Wir glauben, dass es mit den heutzutage beliebten Grundsätzen der Kritik ein Leichtes wäre, zu beweisen, dass Milton das Verlorene Paradies nicht geschrieben habe. Der Schulmeister muss erst noch kommen, der uns so gescheit macht, dass wir einsehen, David habe keine Ausdrücke der Sprache der alten Patriarchenheimat gebrauchen können. Wer vermag uns zu sagen, wieviel von der alten Sprache (man vergl. den aramäischen Namen, welchen Laban dem Denksteine 1. Mose 31,47 gibt) mit gutem Bedacht von den vornehmeren Geistern, welche die Erinnerung an die Abstammung ihres Geschlechts hochhielten, festgehalten worden sein mag? Da uns wohlbekannt ist, zu welch abenteuerlichen Schlüssen sich die Herren von der Kritik an andern Punkten verstiegen haben, ist uns fast alles Vertrauen zu ihnen verloren gegangen, und wir ziehen es daher entschieden vor, aus inneren Gründen des Stiles und des Inhalts David für den Verfasser dieses Psalms zu halten, als uns der Entscheidung von Männern unterzuordnen, deren Urteil offenkundig unverlässlich ist." - Man vergl. jedoch das in den "Erläuterungen und Kernworten" zu dieser Frage Gesagte.

2. Das K) ziehen manche zu dem folgenden Worte: "nur oder eitel Finsternis", andere als Konjunktion zu dem ganzen Satze: "Nun (wenn ich auch sonst nicht entrinnen kann), so möge Finsternis mich doch decken". - J. M.

3. V. 11b wird jedoch (vergl. V. 9) nicht als Gegensatz, sondern als Fortsetzung von V. 11a aufzufassen sein: und zu Nacht (nachdrucksvoll vorausgestelltes Prädikat) werde das Licht um mich her. Den Nachsatz bringt dann (wie vorher V. 10) erst V. 12: so würde auch die Finsternis nicht finster sein für dich und die Nacht leuchten wie der Tag. - J. M.

4. Über den genauen Wortlaut des ganzen Verses nach dem Grundtexte und dessen verschiedene Deutungen vergl. man die "Erläuterungen und Kernworte", S. 348.

5. Allerdings ist bei V. 17.18 nicht ganz außer Acht zu lassen, dass der Dichter V. 1-16 das Wissen Gottes auf seine eigene Person bezieht. Dennoch fasst Spurgeon den vorliegenden Vers entschieden zu eng, als ob dastünde: Dein Denken an mich.

6. Der ganze Vers ist in der uns vorliegenden Textgestalt voll sprachlicher Rätsel. Auch Luthers Übersetzung ist nur geraten. Die in der Auslegung im zweiten Halbvers befolgte Auffassung ist die der engl. Bibel, welche nach 2. Mose 20,7 zu )w#l)#n als Objekt "deinen Namen" ergänzt; sie kommt mit Delitzschs Auffassung überein. (Andere gelangen zu dem gleichen Sinn, indem sie das sehr fragliche Kfyre(f willkürlich in Kfme$: umändern.) So passt zwar der zweite Halbvers zu dem ersten, wenn man diesen übersetzt: "Sie erwähnen dich zu Arglist" (Delitzsch, etwas ähnlich Luther), aber abgesehen von den sprachlichen Bedenken erwartet man doch über die Blutmenschen noch eine Aussage andern Inhalts. Die meisten suchen daher den Text zu ändern. - J. M.

7. Man beachte, wie vorsichtig sich der gewiegte Sprachkenner ausdrückt. - J. M.

8. Dass wir die Bemerkungen Augustins aufgenommen haben, wiewohl seine Auffassung des Wortes "vollkommen" als Bezeichnung der sittlichen Qualität des Hasses (statt als Bezeichnung des Maßes desselben) auf Missverstand beruht, wird uns der Leser gewiss nicht zürnen. - J. M.