Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 142


Überschrift

Eine Unterweisung1 Davids. Der Psalm lehrt uns hauptsächlich durch das Beispiel, wie wir unsere Gebete in Zeiten der Trübsal gestalten sollen. Solche Unterweisung gehört zu den notwendigsten und nützlichsten Stücken unserer geistlichen Erziehung. Wer gelernt hat, wie er beten soll, der hat sich die erfolgreichste aller Künste und Wissenschaften angeeignet.
  Da er in der Höhle war. Ein Gebet. David befand sich in einem seiner Schlupfwinkel, sei es in Engedi oder Adullam oder in irgendeiner anderen weltverlorenen Höhle, wo er sich vor Saul und dessen Bluthunden versteckte. Höhlen eignen sich gar wohl als Gebetskämmerlein; ihr Dämmerlicht und ihre einsame Stille sind für die Andacht sehr förderlich. Hätte David in seinem Palaste so viel gebetet wie in den Höhlen, so wäre er gewiss vor jenem schweren Fall bewahrt geblieben, der über seine späteren Lebensjahre so viel Jammer brachte.

Inhalt
Es kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass dieses Gebetslied aus jener Zeit stammt, wo David von Saul so heftig verfolgt wurde und er sich in großer Seelennot befand, welche vermutlich durch jene Glaubensschwäche veranlasst war, die ihn dazu verleitet hatte, sich mit heidnischen Fürsten einzulassen. Seine Lage war offenbar verzweifelt schlimm, und was noch trauriger war, sein Ansehen hatte schwer gelitten; trotz alledem beweist er auch jetzt herzliches Vertrauen zu seinem Gott, vor dem er all seine Not ausschüttet. Das Dunkel der Höhle liegt über dem Psalm ausgebreitet, und doch ist es, als sehe der Mann Gottes schon von ferne einen hellen Lichtschein zur Höhle hereindringen.

Auslegung

2. Ich schreie zum HERRN mit meiner Stimme;
ich flehe dem HERRN mit meiner Stimme;
3. ich schütte meine Rede vor ihm aus
und zeige an vor ihm meine Not.
4. Wenn mein Geist in Ängsten ist,
so nimmst du dich meiner an.
Sie legen mir Stricke
auf dem Wege, darauf ich gehe.
5. Schaue zur Rechten und siehe!
da will mich niemand kennen.
Ich kann nicht entfliehen;
niemand nimmt sich meiner Seele an.
6. HERR, zu dir schreie ich
und sage: Du bist meine Zuversicht,
mein Teil im Lande der Lebendigen.
7. Merke auf meine Klage,
denn ich werde sehr geplagt;
errette mich von meinen Verfolgern,
denn sie sind mir zu mächtig.
8. Führe meine Seele aus dem Kerker,
dass ich danke deinem Namen.
Die Gerechten werden sich zu mir sammeln,
wenn du mir wohltust.

2. Ich schreie zum Herrn mit meiner Stimme. In der Einsamkeit der Höhle konnte David seine Stimme frei gebrauchen; in seiner großen Seelenangst ließ er darum die Gewölbe widerhallen von seinem Schreien zu dem HERRN. Er war für jetzt geborgen in einem Versteck, wo ihn keiner der nach seinem Blute dürstenden Feinde so leicht zu finden vermochte; da konnte er sich ungestört ganz dem hingeben, seinen Gott im Gebet zu suchen. Und er tat es mit der ganzen Kraft seiner Stimme. Doch war nicht das die Hauptsache, dass er möglichst viel Lärm machte; es war in seinem Gebet eine Stimme, die zum Herzen Gottes drang. Nicht nur seine Kehle, sein Herz schrie zum Himmel. Ich flehe zum HERRN mit meiner Stimme. Offenbar war es seinem Gemüt eine große Erleichterung, dass er laut beten konnte; er wiederholt es nachdrücklich. Siehe, wie der fromme Mann sich ausschließlich an Jehovah wendet. Er rennt nicht hierhin und dorthin zu Menschen, sondern eilt schnurstracks zu dem HERRN, seinem Gott. Möchten wir recht von solcher Weisheit lernen! Beachten wir ferner, wie das Gebet des Psalmisten, während er im Beten voranschreitet, Gestalt gewinnt. Erst machte er dem Drang seines Herzens in Rufen und Schreien Luft; dann aber nahm er all seine Denkkraft zusammen und ordnete seine Gedanken - er flehte zum HERRN. Echte Gebete mögen in ihrer Form und Ausdrucksweise verschieden sein, aber nicht in ihrer Richtung: ein im Drang des Augenblicks geborener Seufzer oder Schrei und das mit Vorbedacht und nach ernster Sammlung der Gedanken gesprochene Gebet müssen beide gleicherweise zu demselben Gebet erhörenden Gott emporsteigen, und dieser nimmt beide mit gleicher Bereitwilligkeit an. Der Hauptton liegt in den beiden Zeilen dieses Verses auf dem "zum Herrn". Dass das Gebet des Psalmisten so ganz persönlich war, ist ebenfalls unserer Beachtung wert. Ohne Zweifel war er für die Gebete anderer dankbar; aber er konnte sich nicht damit zufrieden geben, selber zu schweigen. Es ist gut, wenn wir je und je in der Form der Mehrzahl beten: "Unser Vater", aber in Zeiten dringender persönlicher Not werden wir uns genötigt fühlen, anders zu beten und zu sprechen: "Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!"

3. Ich schütte mein Sorgen oder meine Klage (Grundt., vergl. Luther in Ps. 102,1) vor ihm aus. Sein Inneres wurde von schweren Gedanken umgetrieben, und je mehr er sann, desto mehr ward sein Herz ganz von Sorgen erfüllt; das bittere Herzwasser stieg ihm bis zum Munde. Was war da zu tun? Er muss sich Luft machen, er kann nicht an sich halten; so lässt er denn seiner Klage freien Lauf, damit sein Herz erleichtert werde. Aber er nimmt sich wohl in Acht, wo er seine Klage ausschüttet, um nicht Unheil anzurichten oder aber übel anzukommen. Wenn er, was ihn drückt und ängstigt, vor Menschen laut werden ließe, so wäre es leicht möglich, dass er nur Verachtung von den Hochmütigen, Hartherzigkeit von den Gleichgültigen oder erheucheltes Mitleid von den Falschen erführe. Darum entschließt er sich, nur vor Gott seinen Herzensjammer sich ergießen zu lassen. Er wird sicherlich mit ihm Mitleid haben und ihm helfen! Das Wort des Grundtextes heißt, wie wir gesehen haben, nicht nur einfach Klage im gewöhnlichen Sinn des Wortes; aber selbst wenn wir zunächst an diese Bedeutung denken, so können wir aus dem Verse lernen, dass unser Klagen nie derart sein darf, dass wir damit nicht vor Gottes Angesicht kommen dürften. Wir mögen vor Gott klagen, aber nie über Gott. Muss geklagt sein, dann sei es nicht vor Menschen, sondern vor Gott allein. Und zeige an vor ihm meine Not. Er trug alles, was ihn ängstigte und quälte, dem einen Freunde vor, der seinen Jammer zu stillen vermochte; er geriet nicht auf jenen verfehlten Weg, den so viele einschlagen, nämlich den Kummer vor solchen zu offenbaren, die einem doch nicht helfen können. Dieser Vers ist in seinen beiden Hälften dem ersten gleichlaufend: Erst schüttet David seine Klage aus, lässt sie sich in natürlicher Weise frei ergießen, und dann macht er eine mehr vorbereitete und überdachte Darstellung seiner Not gerade wie er im Anfangsverse mit Schreien begonnen und dann zu alles wohl überdenkendem Beten übergegangen war. Die Gebete von Leuten, die im rechten Gebetsgeist stehen, nehmen gewöhnlich während des Betens an Güte zu. Wir wollen nicht vergessen, dass wir unsere Not nicht zu dem Zweck vor dem HERRN kundmachen, damit er sie sehe, sondern damit wir ihn sehen. Es geschieht zu unserer Erleichterung, wenn wir einen genauen Bericht über unsere Nöte und Ängste aufnehmen und dem HERRN vortragen, und nicht etwa, um ihn davon in Kenntnis zu setzen. Es ist uns nützlich, wenn wir unsere Sorgen und Kümmernisse genau besehen; denn vieles davon verschwindet bei solcher Prüfung wie ein Gespenst, das das Tageslicht nicht verträgt, und das Übrige verliert viel von seinem Schrecken, weil durch bestimmtes und wohlbedachtes Feststellen der uns zu schaffen machenden Tatsachen der Nebelschleier des Geheimnisvollen davon genommen wird. Schütte deine schweren Gedanken und Sorgen aus, so wirst du sehen, was wirklich daran ist; suche deine Not genau darzustellen, so wirst du ihren Umfang kennen lernen; und tue das beides vor dem HERRN, dann wird im Vergleich mit der Größe seiner Macht und Liebe deine Trübsal dir wie nichts erscheinen.

4. Wenn mein Geist in Ängsten ist, sich in mir umnachtet und verschmachtet (wörtl.), so kennst du doch meinen Pfad. (Grundt.) Auch das tapferste Herz findet sich manchmal in schweren Ängsten. Ein dichter Nebel lagert sich über das Gemüt, man kann nicht drei Schritte vor sich sehen, und es scheint kein Entrinnen möglich. Und nicht nur der Blick umflort sich, auch das Herz wird einem zusammengepresst, man kann nicht atmen, man meint vergehen zu müssen. Undurchdringliches Dunkel ist um einen, eine schwere Last drückt auf einen, man wird ganz verwirrt von all den Schwierigkeiten, überwältigt von den Unmöglichkeiten, die einem rings entgegenstarren. David war ein Held, und doch entfiel ihm zu Zeiten der Mut; er konnte einen Riesen niederschmettern, aber sich selber aufrecht zu erhalten, das ging über seine Kräfte. Er verstand seinen eigenen Weg nicht, und ebenso wenig fühlte er sich fähig, seine Bürde zu tragen. Beachten wir, wie er Trost fand: er schaute weg von seiner eigenen Lage und hin zu seinem alles wahrnehmenden, alles wissenden und durchschauenden Gott. Wie wertvoll ist es für uns, zu wissen, dass Gott das weiß, was wir nicht wissen, und alles das genau kennt, was uns verborgen ist. Wir verlieren wohl einmal den Kopf, aber unser Gott hält immer seine Augen offen; unser Urteil kommt manchmal aus dem Gleichgewicht, aber die Gedanken des Ewigen sind allezeit klar.
  Sie legen mir Stricke auf dem Wege, darauf ich gehe. Das weiß der HERR und kann daher seinen Knecht zur rechten Zeit warnen. Der Sänger freut sich, dass er einen so treuen Hüter hat, der ihn vor Gefahren bewahrt, die er selber nicht sehen kann. Nichts ist vor Gott verborgen; darum kann auch keine noch so geschickt versteckte Falle dem schaden, der unter dem Schutz des Höchsten steht. Dass unsere Feinde solch heimliche Schlingen für uns legen, als ob wir wilde Tiere wären, ist eine Schmach für sie; aber es kümmert sie wenig, wie niederträchtig die Ränke sind, wenn sie nur ihren Zweck erfüllen. Böse Menschen müssen irgendetwas finden, womit sie ihre Bosheit ausüben können; dürfen sie keinen offenen Angriff wagen, so suchen sie den Frommen heimlich zu umgarnen. Sie überwachen ihn, um zu entdecken, wo er seine Gänge hat, und dort stellen sie ihre Fallen aus; aber sie tun es mit der größten Vorsicht, dass niemand es bemerke, damit ihr Opfer nicht etwa einen Wink empfange und der Schlinge entgehe. Das ist große Not, aber der HERR ist noch größer und verschafft, dass wir mitten in der Gefahr sicher wandeln; denn er kennt uns und unsere Feinde, unsern Weg und die Schlingen, die darauf gelegt sind. Sein Name sei gepriesen!

5. Schaue zur Rechten und siehe!2 da will mich niemand kennen. Dass es ihm an einem Freunde fehlte, hatte nicht etwa darin seinen Grund, dass er nicht nach einem solchen ausgeschaut oder ihn nicht an der Stelle gesucht, wo er zu vermuten war. Gewiss musste sich doch irgendein Freund als Helfer an seiner rechten Seite finden. Diese ist nicht nur der Ehrenplatz, sondern auch die Stelle, die der Helfer im Kampfe (vergl. Ps. 110,5) wie der Verteidiger im Rechtsstreite (Ps. 109,31) einnimmt. Erwartungsvoll schaute er dahin; aber kein freundlicher Blick antwortete seinem suchenden Auge. So unbegreiflich es scheinen mag, alle stellten sich gegen David fremd. Er hatte viele gekannt, aber nun kennt ihn keiner. Es ist seltsam, wie schwach das Gedächtnis der bisherigen Freunde wird, wenn jemand in üblen Geruch kommt. Wenn Freunde sich nach uns umsehen, dann haben sie uns schon von klein auf gekannt; wenn hingegen wir uns nach Freunden umsehen, dann hält es merkwürdig schwer, die Erinnerung an frühere Zeiten in ihnen aufzufrischen. O wie schmerzlich sind solche Erfahrungen! Es ist wahrlich noch besser, von Feinden angegriffen, als von Freunden im Stich gelassen zu werden! Wenn es wenigstens wahr wäre, dass man uns nicht kennt! Aber diese Unwissenheit ist eine vorsätzliche: man will uns nicht kennen! Wie wohl tat es dagegen Ruth, der Armen, vom Unglück Heimgesuchten, als der edle Boas sie beachtete (Ruth 2,19 , wo dasselbe Wort steht wie hier), ihrer mit Wohlmeinen wahrnahm als rücksichtsvoller Gönner und Freund und sie freundlich anblickte, wiewohl sie eine Ausländerin (V. 10) und im Elend war. Ich kann nicht entfliehen , um Zuflucht ist’s für mich geschehen. Wo ich in glücklicheren Tagen einen sichern Hafen fand, da ich Schutz suchen konnte, da entdecke ich jetzt nichts. Meine Zuflucht hat die Flucht ergriffen, mein Bergungsort ist mir verschlossen, und kein Klopfen öffnet ihn. Auf Erden gibt es keine Zuflucht mehr für mich. Niemand nimmt sich meiner Seele an, oder wörtlich: fragt nach meiner Seele. Ob ich noch lebe oder tot bin, es kümmert niemand. Ich bin wie ein Ausgestoßener, dessen Namen man nicht auf die Lippen nimmt. Ich wohne im Niemandsland, wo kein Mensch mich haben will und keine Seele sich um mich bekümmert. Welch traurige Lage, wenn man wie der Psalmist keine Stätte hat, da man sein Haupt hinlegen kann, und niemand findet, der willig wäre, einem solch ein Plätzlein zu geben. Wie vergnügt rieben sich die Feinde die Hände, da sie sahen, wie der Freund Gottes ohne Freund dastand! Und wie traurig muss es ihm zu Mute gewesen sein, da er sich in der äußersten Not so gänzlich verlassen fand! Können wir uns nicht vorstellen, wie David in der Höhle klagte, dass selbst die Höhle ihm keine Zuflucht mehr war, weil Saul sogar dorthin eindrang? Sein Ausblick war hoffnungslos; aber bald werden wir ihn aufwärts blicken sehen.

6. HERR, zu dir schreie ich. Da kein Mensch ihn beachten wollte und niemand sich um seine Rettung kümmerte, ward David zu Jehovah, seinem Gott, getrieben. War das nicht Gewinn aus Verlust, Reichtum, gewonnen aus hoffnungslosem Bankrott? Was immer uns dazu bringt, zu Gott zu schreien, das ist ein Segen für uns. Zum zweiten Mal in diesem kurzen Psalm spricht der Psalmist von seinem Schreien3 zu Jehovah. Wir hören oft von dem gellenden Notschrei des Auswurfs unserer Millionenstädte; auch in unserem Psalm ertönt ein schriller Hilferuf, und auch er kommt von einem Ausgestoßenen, dessen Wohnung eine elende Höhle war und der vergessen ward von denen, die ihm hätten helfen sollen. Und sage: Du bist meine Zuversicht, oder besser: Zuflucht, mein Teil im Lande der Lebendigen. Es zieht sich eine Art steigernder Wiederholung durch dieses ganze heilige Lied. Erst schrie der Psalmist, dann aber sprach er. Sein Hilferuf war schrill, aber was er dann sagt, ist lieblich; sein Notschrei war heftig und kurz, aber seine folgende Rede ist inhaltsreich und erquickend. Welch herrliches Bekenntnis des Glaubens liegt hier vor uns! David spricht zu Gott und von Gott: "Du bist meine Zuflucht". Er sagt nicht: "Du hast mir eine Zuflucht bereitet", sondern: "Du selber bist meine Zuflucht". Er flüchtete sich zu Gott allein; er barg sich unter den Fittichen des Ewigen. Er glaubte das nicht nur, sondern er sagte es und übte es. Und dies war noch nicht alles; denn David, der von seinem Erbteil im Gelobten Lande verbannt und von dem Genuss all der Güter, auf die er Anspruch hatte, abgeschnitten war, fand sein Teil in Gott, ja Gott selber war sein Teil. Und dies meint er nicht nur in Hinsicht auf einen künftigen Zustand, sondern das war schon jetzt, hienieden, unter dem Geschlechte der Lebendigen der Fall. Es ist manchmal leichter, an ein Erbteil im Himmel zu glauben als an ein solches auf Erden; wir vermöchten es leichter, im Glauben zu sterben, als im Glauben zu leben - wenigstens meinen wir das oft. Aber es gibt kein schöneres Leben im Lande der Lebendigen, als wenn wir von dem lebendigen Gott selber leben. Dass der Gottesmann solch köstliche Dinge in der Stunde der höchsten Not sagen konnte, war eine große Errungenschaft, ein herrlicher Gewinn. Es ist leicht, große Worte des Glaubens in den Mund zu nehmen, wenn man in behaglichen Umständen ist; aber in wirklicher Trübsal mit voller Zuversicht von Gott und zu Gott sprechen ist etwas anderes.
  Selbst in diesem einen Ausspruch finden wir zwei Teile, deren zweiter sich weit über den ersten erhebt. Es ist etwas, Jehovah zur Zuflucht zu haben; aber es ist alles, ihn zum Teil zu haben. Wenn David nicht zu Gott geschrien hätte, so würde er nicht hernach so Köstliches zu sagen gehabt haben, und wenn er nicht den HERRN zu seiner Zuflucht genommen hätte, so würde er ihn nie als sein Teil haben rühmen können. Die niedrigere Stufe ist ebenso notwendig wie die höhere; dagegen ist es nicht nötig, dass wir immer auf der ersten Sprosse der Leiter stehen bleiben.

7. Merke auf meine Klage. Gottesmännern ist das Gebet etwas Wirkliches und Wirksames; darum sind sie nicht zufrieden ohne die Gewissheit, dass der HERR auf ihr Flehen achtet. Auch haben sie solches Vertrauen zu Gottes herablassender Gnade, dass sie zuversichtlich hoffen, er werde ihr Gebet nicht verachten, ob es auch nur ein Klagegeschrei ist. Denn ich bin gar sehr schwach (Grundt.), und darum ist mein Flehen nur ein klägliches Jammern. Aber eben seine große Schwäche macht er vor Gott geltend: er ist in einem so traurigen Zustand, dass er umkommen wird, wenn ihm nicht bald Hilfe zuteil wird. Gottselige Menschen können in tiefes Elend geraten, ja es mag mit ihnen bis aufs Äußerste kommen; aber dies sollte für sie kein Grund sein, an der Wirksamkeit ihrer Gebete zu zweifeln, sondern es darf ihnen vielmehr dazu dienen, ihre Bitte zu begründen, dass der HERR ihnen besondere Aufmerksamkeit zuwenden möge. Errette mich von meinen Verfolgern. Fällt er ihnen in die Hände, so werden sie ihn auf der Stelle töten; und da er sich außerstande sieht, ihnen zu entrinnen, so ruft er zu Gott: Errette mich. Denn sie sind mir zu mächtig. Wie er soeben in seinem herabgekommenen Zustand, in seiner Schwäche und Ohnmacht einen Stützgrund seiner Bitte gefunden, so jetzt in der Stärke seiner Widersacher. Saul und seine Hofleute waren im Besitze der Macht und konnten über den Beistand aller derer gebieten, welche die Gunst des Königs begehrten; der arme David aber war in der Höhle, und jeder Nabal durfte ihn anschnauben und verhöhnen. Saul war ein Herrscher, David ein Flüchtling; Saul hatte alle Paragraphen des Gesetzes für sich, David hingegen war für vogelfrei erklärt. Der HERR aber tritt für die Unterdrückten ein und liebt es, seine Macht darin zu erweisen, dass er die Tyrannen stürzt; darum war für Davids Flehen guter und schneller Erfolg zu hoffen. Wir sehen in diesen Versen, wie ausführlich der Gottesmann im vertrauten Gespräch mit dem HERRN seine Lage schildert; er schüttet wirklich, wie er V. 3 gesagt, vor ihm seinen Kummer aus und zeigt seine Not an.

8. Führe meine Seele aus dem Kerker, dass ich danke deinem Namen oder deinen Namen preise. Dass Gott verherrlicht werde, ist ein anderer höchst beachtenswerter Stützgrund unserer Gebete um Errettung. Wer dem Kerker entronnen ist, wird sicher von dem wohlreden, der ihm zur Freiheit verholfen. Befreiung der Seele ist die edelste Art der Befreiung und verpflichtet zum inbrünstigsten Dank; wer aus dem Kerker der Verzweiflung herausgeführt worden, der kann nicht anders als dem Namen des HERRN lobsingen. Wir befinden uns in einem so festen Gefängnis, dass niemand als Gott selbst uns daraus erretten kann, und wenn er das tut, dann gibt er uns ein neues Lied in unsern Mund. Die Höhle war bei weitem nicht ein so schreckliches Gefängnis für Davids Körper wie dasjenige, in welches die Verfolgung und Anfechtung seine Seele eingeschlossen hatten. Von der Gemeinschaft der Gottseligen verbannt zu sein ist schlimmer als leibliche Einkerkerung; darum hebt David es als ein hervorragendes Stück seiner Befreiung hervor, dass er dadurch wieder des Vorrechtes der Gemeinschaft der Gerechten teilhaftig werden würde: Die Gerechten werden sich um mich sammeln. Die Heiligen scharen sich um ein Gotteskind, wenn der himmlische Vater ihm besondere Gunst erweist; sie kommen, um sein freudiges Zeugnis zu vernehmen, sich mit ihm zu freuen und ihren Glauben an seiner Erfahrung zu stärken. Alle wahren Gläubigen in den zwölf Stämmen scharten sich froh um Davids Banner, als der HERR ihn aus der Anfechtung führte; sie priesen Gott für ihn, mit ihm und durch ihn. Sie beglückwünschten ihn, gesellten sich zu ihm, krönten ihn zum König und wetteiferten mit ihm im Preise Gottes.4 Das war eine überaus köstliche Erfahrung für den gerechten David, der vordem so manchmal unter das tadelnde Urteil aufrichtiger Menschen gekommen war. Er hatte ihre Schläge mit Sanftmut ertragen (Ps. 141,5); aber jetzt begrüßt er ihre Zustimmung und die Bestätigung seiner Unschuld umso mehr mit Dankbarkeit. Wenn du mir wohltust. Gottes freundliches Walten zieht uns auch die herzliche Teilnahme und die Bundesgenossenschaft aller derer zu, die dem erhabenen König nahe stehen und sich selber seiner Gunst erfreuen. In welch eine gewaltige Veränderung lasst uns doch die Glaubenssprache dieses Psalmes blicken: Zuvor suchte der Psalmist ringsum nach nur einem Freunde, aber niemand wollte ihn kennen; und nun scharen sich Verbündete haufenweise mit der größten Begeisterung um den Mann nach dem Herzen Gottes! Können wir einen Psalm mit Hilfegeschrei beginnen, so dürfen wir hoffen, ihn mit Lobsingen schließen zu können. Die Stimme des Flehens erweckt bald die Stimme des Lobpreises.

Erläuterungen und Kernworte

V. 1. Eine Unterweisung ist dieser Psalm allerdings. Wichtige Lektionen hatte der Dichter desselben in der Höhle gelernt, und zwar gelernt auf den Knien und so, dass es ihm ein Anliegen war, sie auch andere zu lehren. M. Henry † 1714.
  Da er in der Höhle war. Wir ließen unsere Pferde in der Obhut einiger Araber und brachen mit einem Araber als Führer nach der Höhle bei Chareitun auf, welche von der (schwerlich richtigen) Überlieferung als die Höhle Adullam bezeichnet wird. Unter uns hatten wir eine schauerliche tiefe Schlucht, über uns gewaltige Felsklippen, und unser Pfad wand sich wie ein schmales Band am Felsen entlang. Nach längerer Wanderung kamen wir bei einem großen überhangenden Felsen an den Eingang der Höhle. Mit einem großen Satz gelangten wir an die fensterähnliche Öffnung an der Felswand. Ein Stück weit mussten wir fast auf Händen und Füßen durch einen engen Gang kriechen, dann aber standen wir unter der Wölbung der ersten großen Halle dieser geheimnisvollen, das Gemüt bedrückenden finsteren Höhle. Alles, was wir an Lichtern bei uns hatten, machte nur eben das feuchte Dunkel sichtbar. Nachdem wir so lange herumgetappt waren, wie es unsere verfügbare Zeit erlaubte, kehrten wir an das Tageslicht zurück mit der vollen Überzeugung, dass, wenn David mit seinen löwenkühnen Mannen eine solche Höhle besetzt hielt, die ganze Heeresmacht Israels unter Saul sich nicht hätte den Eingang erzwingen können, ja nicht einmal den Versuch gewagt haben würde. W. M. Thomson 1881.
V. 3. Wir übersetzen: Ich schütte meine Klage vor ihm aus. Die Meinung ist aber nicht die, dass er über Gott oder Menschen geklagt hätte, sondern dass er die sorgenden Gedanken über seine Lage, deren sein Herz voll war, vor dem HERRN ausschüttete. Die machte er völlig, in inbrünstigem Gebet und voll Vertrauens vor Gott kund. Albert Barnes † 1870.
  Das Herz ausschütten heißt all sein innerlich verborgenes, heimliches Anliegen eröffnen, nichts verhehlen oder verschweigen, sondern all seine Betrübnis, Furcht und Sorge rein bekennen und das Herz davon leer und ledig machen. Johann Arnd † 1621.
  Und zeige an vor ihm meine Not. Geh in deinem Gebet im Kämmerlein recht in die Einzelheiten ein. Scheue dich nicht, all deine Not, all deine Bedürfnisse vor Gott zu offenbaren. Vor ihm dürfen wir frei heraus reden, da dürfen wir sogar die Namen der Personen nennen, die uns angreifen, kränken und auf allerlei Weise Angst und Not bereiten; und wehe denen, welche ein Gotteskind nach reiflicher Überlegung im Gebet vor seinem himmlischen Vater in solcher Weise nennt! Ich finde in der Schrift keinen Fall, wo solch ein Gebet leer zurückgekommen wäre. Eine der vornehmsten Ursachen, warum wir aus unsern Gebeten so wenig Nutzen ziehen, ist ohne Zweifel die, dass wir zu sehr bei Allgemeinheiten stehen bleiben; selbst wenn es nicht ganz am Erfolge fehlt, ist dieser dann doch nur unklar, so dass wir oft nicht wissen, was wir eigentlich daran haben. Zudem würde es, wenn wir in unsern Gebeten mehr ins Einzelne eingingen, sehr dazu dienen, die Gedanken vom Abschweifen zurückzuhalten, denn unser Geist wäre dann gespannt auf bestimmte wichtige Dinge gerichtet, und das Wachsen in der Gnade würde sich gerade in unserem Gebetsleben sichtlich zeigen. Samuel Lee † 1691.
V. 4. "Wenn selbst mein Geist , der doch meine Seele erheben sollte, sich in mir umnachtet und wie in Ohnmacht fällt, so dass mein Gemüt schwer bedrückt wird ..." Was an dieser Stelle von dem Geiste gesagt wird, wird häufiger der Seele, dem Sitz des Gefühls und der Leidenschaften, zugeschrieben, siehe Ps. 42,6.12; 43,5; 131,2 . Die Traurigkeit des Geistes stellt einen noch kummervolleren und niedergeschlageneren Zustand dar als das Verschmachten der Seele. Vergl. in Ps. 143 Vers 3.4 sowie die Worte unseres Heilandes Joh. 12,27: "Jetzt ist meine Seele betrübt" mit dem Bericht des Evangelisten Joh. 13,21: Da ward Jesus betrübt im Geist. Vergl. auch Joh. 11,33. D. Christopher Wordsworth † 1885.
  Einige ziehen V. 4a noch zu V. 3: Ich will meine Drangsal vor seinem Angesichte vortragen, wenn verschmachtet in mir mein Geist (Hupfeld). Andere, z. B. Kautzsch, übersetzen, V. 4b als Parenthese nehmend: Während mein Geist in mir verschmachtet - Du aber kennst meinen Pfad! - haben sie mir auf dem Wege, den ich gehen muss, eine verborgene Schlinge gelegt. - J. M.
V. 5. Da will mich niemand kennen. Das lehrt uns, wie gering geschätzt Gottes Kinder in der Welt und bei den weltlich gesinnten Menschen sind. Th. Wilcocks † 1608.
V. 4-6. Beachten wir die schöne Gegenüberstellung von "Du kennst", V. 4, und "Niemand kennt mich", V. 5, ferner: "Um Zuflucht ist’s für mich geschehen", V. 5, und: "Du bist meine Zuflucht", V. 6. A. R. Fausset 1866.
V. 5.6. Dass David, obwohl von einer Schar Getreuer umgeben, keinen wahren Freund zu haben bekennt, ist ähnlich zu erklären, wie wenn Paulus Phil. 2,20 sagt: Ich habe keinen Gleichgesinnten. Alle menschliche Liebe ist, seit sich die Sünde der Menschheit bemächtigt hat, mehr oder weniger selbstisch, alle Glaubens- und Liebesgemeinschaft unvollkommen, und es gibt Lagen des Lebens, in denen diese Schattenseiten sich überwältigend fühlbar machen, so dass der Mensch sich völlig vereinsamt erscheint und umso angelegentlicher sich Gott zuwendet, der allein das Liebesbedürfnis der Seele ausfüllen kann, der schlechthin uneigennützig und unveränderlich und trübungslos liebt, dem die Seele alles, was sie drückt, ohne Rückhalt anvertrauen kann und der ihr Bestes nicht allein redlich will, sondern auch unhintertreiblich durchzusetzen vermag. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  In Zeiten, da wir der Freunde viel haben, ist Gott unser bester Freund; aber wenn die Welt uns hasst und nirgends ein freundlicher Blick uns zuteil wird, und zumal wenn, wie der Prophet Jesaia Kap. 66,5 davon redet, unsere Brüder uns hassen und ausstoßen um des Namens des HERRN willen und sprechen: "Lasset sehen, wie herrlich der HERR sei, lasset ihn erscheinen zu eurer Freude", - wenn es so um uns steht, sage ich, dann wird unsere Seele mit Gewalt zu Gott hingetrieben, um sich aufs Neue ihres Anteils an seiner Liebe zu versichern und sich dessen zu getrösten, dass wir bei ihm in Gnaden angenommen sind. Joseph Caryl † 1673.
V. 6. Du bist mein Teil im Lande der Lebendigen. Eine geisttraurige Seele (V. 4) begehrt nichts denn Gott. Gott soll ihr Teil sein, und das ist zumal ein großes Teil, Gott selbst, und zwar im Lande der Lebendigen; und welche Seele Gott hoch adeln will, die macht er geisttraurig, auf dass sie nicht irdisch Ding begehren soll im Lande der Toten, sondern Gott im Lande der Lebendigen. Joh. Arnd † 1621.
  Jahve ist der Lebendige, und wer ihn zu Eigen hat, der befindet sich eben damit im Lande der Lebendigen (27,13; 52,7). Er kann nicht sterben, nicht untergehen. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 7. Denn sie sind mir zu mächtig. Aber sie sind nicht stärker als du, und du vermagst uns mächtiger zu machen denn unsere Feinde (Ps. 105,24). Er, der stärker ist als der starke Gewappnete (Lk. 11,22) und dessen Schwachheit stärker ist, denn die Menschen sind (1.Kor. 1,25), wird sein Volk erretten von der Hand des Mächtigen, der es bedrückt (Jer. 31,11; Ps. 18,18). A. R. Fausset 1866.
V. 8. Führe meine Seele aus dem Kerker. Ach ja, HERR, ich bin ein armer Gefangener, Sünde und Satan halten mich gebunden. Ich möchte so gerne von diesen Mächten frei werden, um an dein Wort zu glauben und keinen Willen zu tun; aber ach, ich kann es nicht. Die Türen meines Gefängnisses sind fest verschlossen mit vielen Riegeln, ich finde bei jedem Versuche, mich zu befreien, der Hindernisse viele, die ich nicht zu bewältigen vermag. Darum tue du, o gnadenreicher Herr, das für mich, was weder ich selber noch auch alle die Freunde, die ich je gewinnen kann, für mich zu tun imstande sind. Führe du meine Seele aus dem Kerker, dass ich danke deinem Namen. Mt. Lawrence 1657.
  Die Gerechten werden sich zu mir sammeln usw. Auch in so großer persönlicher Gefahr, die ihm einen neuen Hilferuf auspresst, bleibt der Psalmdichter doch mit seinem Blicke nicht bloß bei sich selbst stehen, sondern denkt daran, dass an sein Geschick der Glaube des Häufleins der Gerechten geknüpft ist, und auch um ihretwillen und im Hinblick auf ihre Glaubensstärken fleht er um seine eigene Rettung. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Wenn du mir wohltust. Die Gnadenerweisungen, die andern widerfahren, sollten Gegenstand unserer Lobpreisungen Gottes sein; und wiederum sollte, dass andere unsertwegen Gott preisen, ein Gegenstand unseres Verlangens und, wenn es geschieht, unserer Freude sein. Mt. Henry † 1714.

Homiletische Winke

V. 1-3. Besonders günstige Zeiten für das Gebetsleben: Zeiten äußerer und innerer Not. Besonders wirksames Gebet in solchen Zeiten: Ich schreie - flehe - schütte meine Sorge vor ihm aus - zeige an vor ihm meine Not.
V. 3. 1) Der rechte Ort zum Beten: vor ihm. 2) Der Freimut des Glaubens im Gebet.
V. 4. Menschennot und Gottes Treue.
V. 4c. Anfechtungen. 1) Womit sind sie zu vergleichen? Mit Schlingen. 2) Wer legt diese Schlingen? 3) Wie legt man sie uns? Verborgen, hinterlistig, auf unserem Wege. 4) Was wird aus dem angefochtenen Gläubigen? Er bleibt unversehrt, um andern seine Erfahrungen zu Warnung und Trost zu berichten und Gott zu preisen.
V. 5. Niemand nimmt sich meiner Seele an. Kann nicht manches Menschenkind diese Klage erheben? Betrachten wir die Gleichgültigkeit gegen die Menschenseelen. I. Erwägen wir den Wert der Menschenseele. 1) Die Seele wird ewig existieren. 2) Ewiges Glück oder ewiges Elend wird ihr Los sein. 3) Ein teurer Preis ist für sie gezahlt. II. Stellen wir einander gegenüber die Sorge, die wir den Menschenseelen, und diejenige, die wir den irdischen Dingen zuwenden. 1) Die Sorge um die Güter dieser Welt. 2) Die Sorgfalt, die wir der Ausbildung unserer Kinder fürs irdische Leben zuwenden. 3) Der Eifer, den viele in ihrem Geschäft oder auf der Jagd nach Ehren, ja oft für die nichtigsten Dinge entwickeln. 4) Wie ängstlich ist man bemüht, das irdische Leben eines Menschen zu retten. Man schildere das Suchen nach einem verlorenen Kinde. 5) Vergleichen wir unsere Sorge um die Seelen unserer Mitmenschen mit der Sorge, welche unser Heiland und seine treuen Knechte, ein Paulus, Luther, Whitefield und andere den Menschenseelen zugewandt haben. III. Bringen wir uns einige Stücke in Erinnerung, die uns von dem Mangel an der rechten Sorge um die Seelen überführen: 1) Wenn wir das Gebet im Kämmerlein vernachlässigen. 2) Wenn wir die Last der Seelen nicht auf uns liegen fühlen. 3) Wenn wir die Hausandacht über dem Geschäft und anderem vernachlässigen oder sie nur gewohnheitsmäßig abhalten. 4) Wenn wir uns nicht mit andern zur Fürbitte für die Menschenseelen vereinigen. Erwägen wir die große Verantwortung, die auf jedem Christen lastet. Jakob Knapp 1882.
  Die Last der Seelen. I. Was heißt sich der Seelen anderer annehmen? Dazu gehört 1) zunächst eine tiefe Überzeugung von dem unendlichen Wert der Menschenseelen, 2) herzliche Sorge um ihr Heil, 3) Unruhe wegen ihrer Gefahr, 4) eifrige Bemühungen, sie zu retten. II. Wer sollte solche Sorge besonders betätigen? 1) Eltern, 2) Prediger und Lehrer, 3) alle Gemeindeglieder. III. Das Frevelhafte der Vernachlässigung. Sie ist 1) undankbar, 2) grausam, 3) verhängnisvoll für uns selber. W. Wythe 1870.
V. 5.6. I. Eine schreckliche Notlage: kein Freund, kein Helfer, kein erbarmendes Herz. II. Ein bewegendes Gebet. 1) Ein Hilferuf. 2) Ein Glaubenswort.
  I. Menschenhilfe versagt gerade dann, wenn sie am nötigsten wäre: 1) in äußeren, 2) in inneren Nöten. II. Gottes Hilfe erweist sich dann am herrlichsten, wenn sie am nötigsten ist. 1) Eine Zuflucht, wenn jede andre Zuflucht uns genommen ist. 2) Ein kostbares Gut, wenn alles andre uns gebricht. Im Glück hat der Mensch viele Freunde, im Unglück nur einen. G. Rogers 1885.
  I. Warum machen die Gottseligen in ihren größten Nöten Gott zu ihrer Zuflucht und zum Gegenstand ihres Glaubens und ihrer Hoffnung? 1) Gott hat sich den Gläubigen im Gnadenbunde als ihren Gott zu Eigen gegeben und ihnen zugesagt, dass sie sein Volk sein sollen. 2) Gott gibt ihnen viele Beweise seiner Liebe und Treue. 3) Die Gläubigen haben auch ihrerseits in der Kraft der Gnade ihn als ihr Teil erwählt und ihr höchstes Glück. II. Welche Vollkommenheiten sind in Gott, die ihn zu einer sichern Zuflucht für die Gläubigen machen und zu einem geeigneten Gegenstand ihres Vertrauens? Gott ist 1) unermesslich in seiner Gnade, 2) unfehlbar in seiner Weisheit, 3) unbeschränkt in seiner Macht, 4) allwissend und allgegenwärtig, 5) unveränderlich in seiner Liebe, 6) schlechterdings unabhängig und der Beherrscher und Leiter aller Dinge. III. Welch köstliche Vorteile erwachsen den Gläubigen aus dieser Gewohnheit, Gott auch in den größten Nöten zu ihrer Zuflucht zu machen? 1) Ihr Glaube wird davor bewahrt, unter den schweren Bürden zusammenzubrechen. 2) Sie schöpfen aus Gott stets neue, ganz ihren gegenwärtigen Bedürfnissen angepasste Zuflüsse der Gnade und der Kraft zum Dienst. 3) Der HERR erquickt die Seinen mit göttlichen Tröstungen für die Zukunft. John Farmer 1744.
V. 7.8. Vier Bitten und vier Stützgründe des Gebets.
  I. Die Sprache des Zagens: Ich bin überaus schwach, meine Feinde sind mir zu mächtig, meine Seele ist im Kerker. II. Die Sprache des Gebets: Merke auf meine Klage, errette mich, führe meine Seele aus dem Kerker. III. Die Sprache des Dankes: 1) für die Zuwendung der Liebe der Gerechten, 2) für die eigene Befreiung und empfangene Wohltaten.
V. 8. Ein Gefangener. Ein Befreiter. Ein Sänger. Ein Sammelpunkt. Ein Wunder.

Fußnoten

1. Über maskil vergl. die Anm. zu Ps. 32, Band I, S. 595.

2. Schon die LXX haben, offenbar statt der Imperative zwei infin. abs. h)rfw: +ybI"ha lesend, in der 1. Person übersetzt; danach auch die engl. Bibel und Spurgeons Auslegung. Ebenso Ewald, Bäthgen, Keßler: Ich blicke nach rechts und schaue. Hält man mit Luther, Delitzsch usw. an dem Imperativ fest, so ist entweder Gott oder ein gedachter teilnehmender Zuhörer angeredet. - J. M.

3. Im Unterschied von dem Imperf. V. 2 hier im Perf.: "Ich habe schon sonst immer geschrien und schreie auch jetzt zu dir" (Keßler).

4. Andere übersetzen: Ob mir werden (sich kränzen, d. h. triumphieren,) sich rühmen Gerechte.