Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 52


Überschrift

Eine Unterweisung Davids, vorzusingen. Sogar die Bosheit eines Doeg kann einem David zur Belehrung dienen und Anlass zu einem viel Unterweisung in sich bergenden Psalme werden. Da Doeg, der Edomiter, kam und sagte Saul an und sprach: David ist in Ahimelechs Haus kommen. Mit dieser hinterlistigen Angeberei führte Doeg den Tod der sämtlichen Priester von Nob herbei. Es wäre ja ein todeswürdiges Verbrechen gewesen, einem Empörer und Hochverräter Beihilfe zu leisten; aber David war kein solcher, und Ahimelech wusste nichts von der Wandlung, die sich in dem Verhältnis Sauls zu David vollzogen hatte. Der Priester hatte also dem David das Schwert Goliaths und die Schaubrote im guten Glauben gegeben. David empfand lebhaft, wie schurkisch dieser Doeg gehandelt hatte, und klagt ihn in diesem Psalm scharf an. Es mag aber auch sein, dass er nicht Doeg, sondern Saul dabei im Auge hat.

Einteilung. Wir richten uns nach den Pausen, die der Dichter selbst durch die Sela V. 5.7 kenntlich macht.

Auslegung

3. Was trotzest du denn, du Tyrann, dass du kannst Schaden tun,
so doch Gottes Güte noch täglich währet?
4. Deine Zunge trachtet nach Schaden
und schneidet mit Lügen wie ein scharf Schermesser.
5. Du redest lieber Böses denn Gutes,
und Falsches denn Rechtes. Sela.

3. Was rühmst du dich der Bosheit, du Held?1 (Grundt.) Doeg hatte wahrlich wenig Grund, sich des zu rühmen , dass er die Hinschlachtung von fünfundachtzig wehrlosen Priestern nebst ungezählten friedlichen Einwohnern Nobs auf dem Gewissen hatte. Ein Held fürwahr, der darin seinen Ruhm sucht, Leute hinzumorden, die nie ein Schwert berührt hatten! Er hätte sich vielmehr seiner Feigheit schämen sollen. Ehrentitel werden zu Spottnamen, wenn ihre Träger niederträchtig und unbarmherzig sind. Wenn David aber diese Worte etwa nicht auf Doeg, sondern auf Saul gemünzt haben sollte, so will er damit wohl nicht spottend, sondern mitleidsvoll sagen: Wie kann ein Mann, der von Natur zu edeln Taten so berufen und befähigt ist, sich so weit erniedrigen, dass er in einem grausamen und unheilvollen Gemetzel einen Anlass sich zu rühmen findet? So doch Gottes Güte noch täglich (wörtl.: den ganzen Tag, d. i. allezeit) währet. Ein herrlicher Gegensatz. Die Glut des Hasses des Tyrannen kann den ewig fließenden Strom der göttlichen Gnade nicht auftrocknen, und die Stärke des gewaltigsten Recken vermag doch nichts gegen den starken Gott (El) der die Seinen schützt. Ob Priester erschlagen werden, der HERR, dem sie gedient haben, bleibt, und er bleibt derselbe in Ewigkeit. Ob Doeg eine Weile triumphiert, Jehova wird ihn überleben und das Unrecht rächen, das er den Frommen zugefügt hat. Das sollte wahrlich das übermütige Frohlocken der Gottlosen mäßigen oder in Weinen verkehren; denn dieweil Jehova lebt, hat die Bosheit wenig Ursache, auf ihre Taten zu pochen.

4. Deine Zunge trachtet nach Schaden, wörtl.: sinnt Verderben. Du sprichst mit argen Hintergedanken. Die Berichterstattung Doegs über das, was er zu Nob gesehen hatte, sollte dem Anschein nach nur für Saul eine Hilfe sein; aber in Wahrheit hasste der Edomiter die Priester des Gottes Jakobs. Es ist ein Zeichen tiefer Verkommenheit, wenn das Böse, das jemand spricht, listig darauf berechnet ist, noch Schlimmeres herbeizuführen. Wie ein scharf Schermesser, du Ränkemacher. (Grundt.) Du gehst mit deiner glatten, schmeichlerischen Zunge darauf aus, andern die Ehre abzuschneiden, ja sie ums Leben zu bringen, wie ein zum Meuchelmörder gedungener Barbier, der einem Manne unversehens mit seinem haarscharfen Messer den Hals abschneidet. Die Bosheit war Doegs Wetzstein gewesen, und Schlauheit hatte ihm die Hand geführt; so hatte er sein unmenschliches Werk mit fluchwürdiger Meisterschaft vollbracht.

5. Du liebest Böses vor Gutem, d. h. statt des Guten. Der Sinn ist, dass er das Gute gar nicht liebte. Wäre beides, das Gute und das Böse, gleich zweckdienlich und angenehm gewesen, so hätte er doch das Böse vorgezogen. Redest lieber Falsches denn Rechtes. Er war im Lügen mehr daheim als im Wahrheitreden. Er sprach die Wahrheit nicht, außer ganz zufällig; Lügen und Trügen aber war ihm eine Herzenslust. Sela. Lasst uns einen Augenblick innehalten und den hochmütigen, prahlerischen Lügner und Verleumder betrachten. Doeg ist dahin, aber sein Geschlecht ist nicht ausgestorben. Dieser dämonische Verfolger der Heiligen ist begraben; aber dem Teufel fehlt es auch heute nicht an Treibern, welche die Frommen am liebsten alle miteinander wie Schafe zur Schlachtbank hetzen würden.
6. Du redest gerne alles, was zu verderben dienet, mit falscher Zunge.
7. Darum wird dich Gott auch ganz und gar zerstören
und zerschlagen und aus deiner Hütte reißenund aus dem Lande der Lebendigen ausrotten. Sela.

6. Du liebst alle verderblichen (wörtl.: verschlingenden) Reden. (Grundt.) Nichts entspricht so deinem Geschmack wie Worte, die andern zum Verderben dienen. Es gibt Reden, die gleich einer boa constrictor (einer Riesenschlange) die Menschen bei lebendigem Leibe verschlingen oder gleich einem Löwen sie in Stücke reißen, dass nichts übrigbleibt. Den Bösewichtern sind solche Worte die liebsten. Sie werden um so beredter, je freier sie ihren Hass und ihre Blutgier auslassen können. Man kann darauf gehen, dass sie stets die Mittel anwenden, welche am besten geeignet sind, die niedrigsten Leidenschaften zu entflammen, und sie halten diese ihre kupplerischen Verführungskünste, mit denen sie die Toren ihren Zwecken dienstbar machen, sogar für eine Beredsamkeit höherer Art. Du falsche Zunge. (Grundt.) Solche Menschen bringen es fertig, die schändlichsten und schädlichsten Dinge zu sagen und dennoch alles in den Schein der Rechtlichkeit zu hüllen. Sie behaupten, für Recht und Wahrheit zu eifern; aber die Wahrheit ist, dass sie entschlossen sind, alle Wahrheit und Heiligkeit niederzutreten und auszurotten, und dass jene angebliche Gerechtigkeitsliebe nur eine Maske ist, die sie sich aufsetzen, um mit solcher List ihre Zwecke desto sicherer zu erreichen.

7. So wird dich denn Gott auch niederreißen für immer. (Wörtl.) Am liebsten risse der ruchlose Verfolger die Kirche Gottes ganz und gar und für immer nieder; darum wird Gott ihn zerstören, sein Haus einreißen, seinen stolzen Bau zertrümmern, dass es für immer mit ihm vorbei ist, ohne alle Hoffnung der Wiederaufrichtung. Er wird dich wegraffen (Grundt.), wie man etwa Kohlen mit der Zange fasst und aus dem Feuer holt, oder (nach andern) wegschaufeln, wie man Trümmer entfernt. Und aus (deiner) Hütte reißen , gleich einer Pflanze, die von dem Ort, da sie gewachsen ist, ausgerissen wird, oder gleich einem Verbrecher, der aus seinem Hause geschleppt wird. Wie Ahimelech und seine priesterlichen Brüder aus ihrem Heim herausgerissen worden waren, gerade so soll es denen ergehen, welche ihre Ermordung geplant und betrieben hatten. Und aus dem Lande der Lebendigen ausrotten. Der Verfolger soll ausgewurzelt, mit der Wurzel ausgegraben, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Er suchte den Tod anderer; so soll ihn selber der Tod überfallen. Er war eine Landplage im Lande der Lebendigen; so soll er in das Land verbannt werden, wo die Gottlosen mit Toben aufhören müssen (Hiob 3,17). Wer andern nicht das Leben gönnt, hat selber auch kein Recht, zu leben. Gott wird das Blatt wenden und den Boshaftigen mit ihrem eigenen Scheffel Unheil zumessen. Sela. Halt abermal inne und sieh, wie sich die göttliche Gerechtigkeit der menschlichen Bosheit gewachsen zeigt.
8. Und die Gerechten werden’s sehen und sich fürchten
und werden sein lachen:
9. Siehe, das ist der Mann, der Gott nicht für seinen Trost hielt,
sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum,und war mächtig, Schaden zu tun.
10. Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes,
verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewiglich.
11. Ich danke dir ewiglich, denn du kannst’s wohl machen;
und will harren auf deinen Namen, denn deine Heiligen haben Freude dran.

8. Und die Gerechten - eben diejenigen, welche der Tyrann so hasste - werden seine Feindschaft überleben: sie werden’s sehen , werden zuschauen, wie der ruchlose Unterdrücker mit Schrecken ein Ende nimmt. Gott erlaubt Mardochai, Haman am Galgen hangen zu sehen. David brachte die Gebeine seines Feindes Saul an sich (2. Samuel 21,13). Und sich (vor dem heiligen Gott) fürchten. Heilige Scheu wird die Rechtschaffenen erfassen; sie werden ehrfurchtsvoll den Gott anbeten, der sich so majestätisch als der Gerechte erweist. Und werden sein - des gestürzten Wüterichs - lachen: nicht mit Schadenfreude (Spr. 24,17), aber mit heiliger Verachtung. Sind doch all die so künstlich geschmiedeten Ränke vernichtet, die listigen geheimen Pläne durchkreuzt und zuschanden gemacht! Mephistopheles ist übertrumpft, die alte Schlange in ihrer eignen List gefangen! Da ist wohl Anlass zu jenem innerlichen Lachen, das dem heiligen Ernst näher verwandt ist als ausgelassener Fröhlichkeit.

9. Siehe. Schaut her und leset die Grabschrift des Mannes, der sich während der kurzen Stunde, da er die Macht in Händen hatte, so tyrannisch gebärdete und den Auserwählten des HERRN seinen Fuß auf den Nacken setzte. Das ist der Mann, der Gott nicht zu seiner Schutzwehr machte. (Wörtl.) Seht, da liegt er, der eitle, ruhmredige Mann. Wohl meinte er, eine starke Feste zu haben; aber er betrog sich damit, weil er nicht Gott zu seiner Burg machte. Er rühmte sich seiner Macht, vergaß aber, dass Gottes allein die Macht ist. Wo ist er nun? Wie ist’s ihm ergangen in der Stunde der Not? Schaut, wie er untergegangen ist, und nehmt eine Lehre daraus. Sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum und dünkte sich stark in seiner Bosheit, wörtl. in seiner Gier , Schaden zu tun. Das Vermögen, das er sich gesammelt, und die Freveltaten, die er begangen hatte und noch plante, waren sein Ruhm. Sein Dünkel schwoll immer mehr an. Reichtum und Ruchlosigkeit sind schreckliche Gefährten; wo sie sich verbinden, erzeugen sie ein Ungeheuer. Wenn der Teufel über gespickte Geldbörsen verfügen kann, übertrifft er sich selbst in Teufelei. Wo Beelzebub und Mammon miteinander für Gottes Kinder den Ofen schüren, da wird er siebenmal heißer denn sonst; aber zuletzt müssen sie doch nur sich selber zum Vererben helfen. Wo immer wir in unsern Tagen einen Menschen wahrnehmen, der an Gold und Freveln reich ist, werden wir gut tun, auf sein Ende vorauszublicken und diesen Vers als die göttliche Denkschrift anzusehen, die einst in Flammenschrift über seinen modernden Gebeinen zu lesen sein wird.

10. Ich aber werde, wiewohl ich jetzt so von Feinden gehetzt bin, bleiben wie ein grüner Ölbaum. Ich werde nicht ausgewurzelt oder zerstört werden (V. 7), sondern allezeit einer in saftig frischem Lebenstrieb stehenden Olive gleichen, die aus dem Felsen süßes Öl gewinnt und auch bei großer Dürre lebt und gedeiht. Im Hause Gottes. David war ein Glied der Familie Gottes, und aus der konnte ihn niemand ausstoßen; sein Platz war in der Nähe seines Gottes, und da war er sicher und glücklich, trotz all den Ränken seiner Feinde. Er brachte Frucht und seine Blätter verwelkten nicht, und er wird auch dann noch grünen und blühen, wenn alle seine stolzen Widersacher gleich abgehauenen Zweigen verdorrt sein werden. Verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewiglich. Die ewige Gnade ist meine Zuversicht. David wusste, dass Gottes Gnade aus der Ewigkeit stammt und in alle Ewigkeit währt; darum wusste er auch, dass er mit vollkommener Ruhe auf sie trauen durfte. Wohl dem, der sich auf diesen Fels gründet und in dieser Feste Zuflucht sucht.

11. Ich will dich ewiglich preisen. (Grundt.) Wie deine Gnade ewig währt, so soll auch mein Dank nimmer schweigen. Rühmen andere ihre Reichtümer, so will ich meinen Gott rühmen; und wenn das Prahlen jener auf ewig in der Grube verstummt ist, soll mein Lied noch ohne Aufhören verkündigen, wie freundlich der HERR ist. Dass du es wohl gemacht, wörtl. (wie 22,32) dass du es getan hast. Das alles ist nicht Menschenwerk sondern dein Werk. Du hast dem Gerechten zu seinem Recht verholfen und den Gottlosen gestraft. Gottes denkwürdiges Walten, sowohl den Heiligen als den Sündern gegenüber, hat Anspruch auf unsere Dankbarkeit. David sieht sein Flehen als schon erhört, Gottes Verheißungen als schon erfüllt an2; darum hebt er sofort den Dankpsalm an. Und will harren auf deinen Namen, weil er gut (gütig) ist. (Grundt.) Der Psalmist gelobt, auch ferner auf Gott zu hoffen und nirgendwo anders Hilfe zu suchen. Das ist eine gute Art, seine Dankbarkeit zu erweisen. Es ist recht und billig, dass wir für alle Zukunft Gutes erwarten von dem, dessen Name, d. i. dessen Selbstoffenbarung, sich schon bisher so herrlich als vollkommen gut und wunderbar gütig erwiesen hat. Angesichts deiner Frommen. (Grundt.) Diese Worte, nachdrücklich an den Schluss gestellt, gehören zu den beiden Zeitwörtern preisen und harren . Angesichts aller, die Gott treugesinnt sind, will David dem HERRN danken und auf ihn harren, ihnen wie sich selber zur Stärkung und Freude. Er will den Heiligen im Lobpreisen der Wohltaten Gottes wie im stillen Warten auf seine Hilfe vorangehen. Der HERR wird sich zur rechten Stunde erweisen als der, der er ist. Über die Menschen sollen wir uns nicht zu sehr aufregen; unsere Kraft liegt im Stillesein. Mögen die Mächtigen prahlen und wüten, wir wollen des HERRN harren; und wenn sie sich jetzt auch mit ihrem hastigen, hitzigen Treiben zu Ehren aufschwingen, so wird doch die Reihe an uns kommen, und die Ehre, die wir mit stillem Harren erlangen, wird besserer Art sein als die, welche sie jetzt eine Weile genießen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Die beiden Vershälften von V. 3 enthalten das Thema des Psalms: V. 3a wird V. 4-7 ausgeführt, V. 3b dagegen V. 8-11. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1892.

V. 3. Es ist kein Wunder, dass der oberste Hirt (1. Samuel 21,7) eine so glänzende Rolle spielte. Nach unsern heutigen Begriffen kommt dieses Amt den Oberstallmeistern gleich, die sich an königlichen Höfen befinden. Jean Calvin †1564.
  Ist es etwas Großes, sich der Bosheit zu rühmen? Ein Haus zu bauen, das bringen nur wenige Menschen fertig; aber niederreißen kann es jeder noch so Unverständige. Einen Acker bearbeiten, Korn säen, die reife Frucht mähen und dreschen, das ist eine Kunst, die gelernt sein will; aber jeder beliebige Schuft kann mit einem Funken die ganze Hoffnung des Landmanns in Flammen aufgehen lassen. Was bist du im Begriff zu tun, du Mächtiger (Saul)? Du gehst darauf aus, einen Menschen zu töten - das Heldenstück kann auch ein Skorpion, ein Fieber, ein giftiger Schwamm vollbringen. Ist das deine ganze Größe? Aurelius Augustinus † 430.
V. 4. Dass jemand einen ruchlosen Anschlag geschickt und glatt ausführt, macht die Sache nicht weniger frevelhaft. Einen Menschen mit einem kunstfertigen Schnitt eines haarscharfen Schermessers töten ist gerade so entsetzlich, wie wenn man ihn mit einer Axt oder einem Knüttel hinmordet. Eine scharfsinnig erdachte und mit glatter Zunge vorgebrachte Lüge ist zum wenigsten eine eben so große Sünde wie der plumpste Versuch, jemand zu täuschen. D. William S. Plumer 1867.
V. 4-6. Dem Obdachlosen, welchem ungerechter Hass und Verdacht nach dem Leben trachtet, lässt wohl auch der rohe Mensch Wohlwollen angedeihen. Als Saul den Aufenthalt des gescheuchten David von seinen Dienern erfragt, als er Verheißungen bietet, bleiben sie wenigstens alle stumm. Es hätte sich wohl ein Wort der Besänftigung, der Verteidigung geziemt; denn in Blindheit wähnt Saul, dass ihm David nach dem Leben stehe. Sie schweigen, aber Doeg redet; doch statt zu besänftigen, nährt er mit trügerischer Rede den Verdacht. Er hat es gesehen, wie der mitleidige Priester dem Gesalbten des HERRN, der gar ans Israels Grenzen fliehen muss, eine Wegzehrung und eine Waffe gegeben. Das Werk der Menschenliebe schwärzt er als ein Werk des Verrates an. Er kann wohl ahnen, was auf dieses Wort des Verrates folgen wird, aber - das Wort fällt, und es schneidet wie das Schermesser. Fünfundachtzig unschuldige Menschen, wehrlose Priester Gottes in leinenen Schulterkleidern, befiehlt der König zu töten. Des Königs Diener schaudern vor der Tat zurück - nicht so der Verräter; zum Verrate fügt er den Mord. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
V. 7. Hier sind quot verba tot tonitrua, so viel Worte, so viel Donnerschläge. John Trapp † 1669.
  Der Dichter häuft schwere, schreckliche Worte und reiht verschiedene Bilder aneinander, um die Verstörung dieses Mannes in recht lebhaften Farben zu schildern. Hermann Venema † 1787.
  Wäre noch eine weitere Erklärung dieser Bilder nötig, so könnten wir sie finden in der Geschichte der Feinde Davids und derer, welche den Davidssohn ans Kreuz geschlagen haben; aber die erschütterndste, letzte Auslegung wird die Stelle einst in der schrecklichen Zerstörung finden, welche am jüngsten Tage über die gesamte gottlose Welt ergehen wird. Bischof D. George Horne † 1792.
V. 8. Und die Gerechten werden’s sehen usw. Es wird, wie M. Geier († 1681) bemerkt, nicht ein Gericht sein, das sich im Geheimen vollzieht oder nur wenigen bekannt wird, sondern die Kunde von dieser furchtbaren Züchtigung der Gottlosen wird sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und das ganze Reich verbreiten. Die Gerechten werden an diesem denkwürdigen Ereignis auch nicht gleichgültig vorbeigehen, sondern es ernstlich betrachten. Ich füge hinzu: und werden daraus Trost und Freude schöpfen und es sich dazu dienen lassen, desto mehr den HERRN zu fürchten. Hermann Venema † 1787.
  Freilich wird Doegs Untergang auch für die Verworfenen und Gottesverächter ein Schauspiel sein; aber um eines doppelten Grundes willen wird gesagt, dass vornehmlich die Gerechten ihn sehen sollen. Denn die Verworfenen zeigen sich auch offenbaren Erweisungen Gottes gegenüber blind, so dass man sich nicht wundern darf, wenn sie aus seinen Gerichten keinen Nutzen ziehen. Aber die Gerechten werden es sehen, denn sie haben sehende Augen. Der zweite Grund ist, da Gott zugunsten der Seinen ein Zeugnis dafür ablegen will, wie eifrig er für sie sorgt: so verwandelt er ihre Schmerzen in Freude, indem er die stolze Macht der Gottlosen zerbricht. Dass aber die Gerechten, denen Gott insbesondere ein Schauspiel vor Augen stellt, sich fürchten, damit schreibt er ihnen nicht einen Schrecken zu, wie er die Menschen angesichts der Rache Gottes oft niederschlägt und erzittern lässt, sondern deutet auf die freudige und willige Ehrfurcht, mit welcher die Gläubigen anerkennen, dass Gott sie wert achtet, sich ihrer anzunehmen und ihren Feinden zu widerstehen. Jean Calvin † 1564.
  Und werden sein lachen. Solches Frohlocken über eines Menschen Untergang scheint unserm modernen Empfinden schrecklich, weil wir es uns kaum ohne eine Beimischung persönlicher Rachsucht denken können. Aber es gibt wirklich einen heiligen Hass und einen heiligen Spott. Es gibt wirklich ein heiliges Frohlocken angesichts des Sturzes von Tyrannen und Unterdrückern und des Triumphes von Gerechtigkeit und Wahrheit über Unrecht und Falschheit. J. J. Stewart Perowne 1864.
  Es ist zweierlei Lachen. Eines, wenn man aus bösem, rachgierigem Herzen des Unglücks seines Feindes lacht. Das tut kein christlich tugendhaft Gemüt, sondern sie haben Mitleid auch mit ihrem Feinde. Das andere Lachen aber kommt aus Betrachtung der wunderlichen Gerichte und Gerechtigkeit Gottes, als wenn sich ein Mensch so hoch vermisst, er frage weder nach Gott noch Menschen, und will mit Gott streiten, wie Pharao sagt: "Ich frage nichts nach dem HERRN, ich will auch Israel nicht ziehen lassen," und musste bald darauf im Roten Meer ersaufen. Ist das nicht lächerlich, dass ein Mensch wider Gott will streiten, und Gott schlägt ihn an ein Ohr mit einem Knipplein, dass er umfällt, oder Gott befiehlt den Läusen, dass sie solche große Könige plagen müssen wie den Pharao? Herodes wollte Gott selbst sein und ward von Würmern gefressen; ist das nicht ein großer Gott? Sollte man des nicht lachen und Gottes Gericht anbeten? Johann Arnd † 1621.
V. 9. Siehe, das ist der Mann usw. Es geht einem reichen Frevler wie einem Bären. Wenn er noch im Walde geht, so darf ihm niemand begegnen; wenn er aber gefangen wird, so legt man ihm einen Ring in die Nase, legt ihn an eine Kette und bricht ihm die Zähne aus und verhauet ihm die Klauen, und dann lachet man seiner und spricht: Du armer Schalk, ist dir’s dahin kommen? Johann Arnd † 1621.
V. 10. Das Wort, welches grün übersetzt ist, hat in Wirklichkeit nichts mit der Farbe zu tun, sondern bezeichnet den gedeihlichen, kräftigen, saftig frischen Zustand der Pflanze. Die Blätter des Ölbaums sind ja bekanntlich gar nicht grün zu nennen; ihre Farbe ist vielmehr ein mattes Grau. Richard Mant † 1849.
  Manche Ausleger nehmen an, es hätten im Vorhof des Heiligtums Ölbäume gestanden, wie heute in der Tat auf dem Platz des Haram (dem alten Tempelplatz) einige Oliven wachsen. Aber es dünkt uns, in jenen Zeiten wären Bäume beim Heiligtum eine zu gefährliche Annäherung an die heidnische Sitte der Götzenhaine gewesen, als dass sie, wenigstens zu Davids Zeiten, geduldet worden wären. Wir verbinden wohl richtig "im Hause Gottes" nicht mit "Ölbaum", sondern mit "ich werde bleiben." C. H. Spurgeon 1870.
  David vergleicht sich mit einem Ölbaum, einem immergrünen, sehr ausdauernden und fruchtbaren Baume, dessen Frucht höchst nützlich und angenehm ist. Damit schildert er seinen zukünftigen Stand als fröhlich, herrlich, dauernd und den Menschen wohlgefällig und nutzbringend. Er scheint uns damit sowohl auf seinen königlichen wie seinen prophetischen Beruf hinzuweisen; durch seine Regierung und Unterweisung wird er andere gleich einem Ölbaum mit Öl versorgen. Er verstärkt dies Bild, indem er sich mit einem (grünen, d. h.) wohlgedeihenden, mächtig wachsenden, weit sich ausbreitenden, reiche Frucht tragenden Ölbaum vergleicht. Aber warum fügt er hinzu: im Hause Gottes ? Damit will er, irre ich mich nicht, anzeigen: a) dass er eine Stätte haben werde dort, wo das Haus Gottes war, von dem er jetzt durch die Verleumdungen Doegs und die Angriffe Sauls verbannt war; b) dass er dem Hause Gottes Dienste leisten werde, indem er es schmücken und den nun vernachlässigten Gottesdienst wiederherstellen werde; c) dass er all sein Wohlgedeihen der Gnade des Gottes, des dies Haus war, zu verdanken haben werde; d) dass er, als Sohn im Hause Gottes, traute Gemeinschaft mit Gott pflegen und Erbe seiner Güter und Verheißungen sein werde. Hermann Venema † 1787.

Homiletische Winke

V. 3. Die Zuversicht des Glaubens. 1) Die Umstände waren sehr entmutigend. a) David wurde falsch beurteilt. b) David war verbannt. c) Ein schlechter Mann stand in Macht. d) Gottes Priester waren erschlagen. 2) Dennoch war David guten Muts, denn es blieb ihm der Trost: a) Es gibt einen Gott. b) Gott ist gut. c) Seine Güte währet allezeit. d) Darum muss das Gute den Sieg erringen. 3) Davids Antwort war triumphierend: Was rühmst du dich der Bosheit, du Held? a) So groß das angerichtete Unheil ist, berührt es doch nicht das höchste Gut. b) Das Böse wird zum Guten gelenkt werden. c) Es wird auf die Unheilstifter zurückfahren und sie d) dem Hohnlachen preisgeben.
V. 5. In welchen Fällen lieben Menschen offenbar das Böse mehr als das Gute?
V. 7-10. Die Zukunft des Weltmenschen und des Gläubigen: jener ein ausgewurzelter Baum, dieser ein immergrüner, kräftig gedeihender, fruchtbarer, wohlgepflegter Ölbaum.
V. 11. Zwei Pflichten des Gläubigen und ihre Begründung.

Fußnoten

1. Man kann zwar rwbg Starker auch im bösen Sinne nehmen = Gewalttätiger, Tyrann (Luther, Bäthgen, Kautzsch u. a.); ebenso möglich aber ist, dass es wie Jes. 5,22 sarkastisch gemeint ist: Du Held! (Spurgeon, Delitzsch u. a.)

2. Das Perf. des Grundt. blickt nicht auf Vergangenes zurück, sondern nimmt das noch Zukünftige als gewisse Tatsache voraus.