Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 44


Überschrift

Die Überschrift dieses Psalms ist der des 42. gleich: Eine Unterweisung der Kinder Korah, vorzusingen. Der unbekannte Verfasser, ein echter Patriot, singt in trüber Zeit von der einstigen Herrlichkeit seines Volkes und dessen gegenwärtigem Kummer, von den heiligen Überlieferungen vor alters erlebter Gnadenwunder und der gegenwärtigen bittern Leidenserfahrung. Diesem Inhalt entsprechend wechselt auch der Ton des Liedes zwischen zuversichtlichem Glauben und schmerzlicher Klage. Der Gemeinde des neuen Bundes wird der Psalm in Zeiten schwerer Anfechtung und Verfolgung stets besonders köstlich sein.

Einteilung. Die Verse 2-4 frischen das Gedächtnis der großen Taten auf, welche Gott zum Besten Israels gewirkt hat, und in der Kraft dieser heiligen Erinnerungen legt der Psalmist im Namen seines Volks V. 5-9 ein Bekenntnis festen Gottvertrauens ab. Dann aber hören wir V. 10-17 tiefe Klagetöne. V. 18-23 bezeugt der Psalmist, dass Israel seinem Gott treu gewesen sei, und V. 24-27 folgt darauf das dringende Flehen, dass der HERR sich seiner Elenden annehmen möge.

Auslegung

2. Gott, wir haben mit unsern Ohren gehöret,
unsre Väter haben’s uns erzählet,
was du getan hast zu ihren Zeiten vor alters.
3. Du hast mit deiner Hand die Heiden vertrieben, aber sie hast du eingesetzt;
du hast die Völker verderbet, aber sie hast du ausgebreitet.
4. Denn sie haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert,
und ihr Arm half ihnen nicht,
sondern deine Rechte, dein Arm und das Licht deines Angesichts;
denn du hattest Wohlgefallen an ihnen.

2. Gott, wir haben mit unsern Ohren gehöret. Von deinen berühmten Wundern haben wir nicht nur in Büchern gelesen, sondern auch im täglichen Gespräch der Leute gehört. Unter den gottesfürchtigen Israeliten wurde die Geschichte ihres Volkes mit großem Fleiß und gewissenhafter Genauigkeit durch mündliche Überlieferung erhalten. Diese Art, die Kenntnis der Geschichte zu bewahren und weiter zu verbreiten, hat ihre Nachteile, aber auch den Vorteil, dass sie auf das Gemüt einen viel lebhafteren Eindruck macht als irgendeine andere. Was wir mit den Ohren hören, wirkt viel stärker auf uns als was wir mit den Augen lesen. Das sollten wir brachten und uns jede sich darbietende Gelegenheit zunutze machen, das Evangelium von unserm Herrn und Heiland mit der lebendigen Stimme zu verkündigen, da dieses das weitaus wirksamste Mittel der Ausbreitung desselben ist. Der Ausdruck: wir haben mit unsern Ohren gehöret, mag uns andeuten, mit welchem Vergnügen sie den Erzählungen lauschten, wie gespannt ihre Aufmerksamkeit war, und wie unvergesslich sich die spannenden, das Innerste erregenden Geschichten in ihr Gedächtnis eingeprägt hatten. Nur zu viele haben Ohren und hören nicht; wohl denen, die hören gelernt haben.
  Unsre Väter haben’s uns erzählet. Bessere Lehrer hätten sie nicht haben können. Den Schulmeistern alle Ehre, die ihnen gebührt! Aber gottselige Väter sind sowohl nach der Ordnung der Natur als der der Gnade die besten Unterweiser ihrer Söhne; auch können sie ihre heilige Pflicht auf niemand abladen. Wir fürchten, dass manche Kinder solcher Eltern, die sich als Christen bekennen, in Verlegenheit kämen, wenn sie, wie der Psalmist hier, vor Gott geltend machen sollten, was ihre Väter ihnen von Gottes heiligem Walten erzählt haben. Väter, denen im Verkehr mit ihren Kindern in Bezug auf die göttlichen Wahrheiten die Zunge gefesselt ist, brauchen sich nicht zu wundern, wenn die Herzen ihrer Kinder in Sünden gefesselt bleiben. In allen freien Völkern lieben es die Familienhäupter, die Ihrigen um den häuslichen Herd zu sammeln und ihnen die Heldentaten zu erzählen, welche ihre Vorfahren in der guten alten Zeit vollbracht haben; gerade so vereinigten auch die Väter des alttestamentlichen Gottesvolkes ihre Lieben um sich und erfreuten sie immer wieder durch die alten und doch ewig neuen Geschichten von dem Wunderwalten Jehovas, ihres Gottes. Religiöse Gespräche brauchen durchaus nicht langweilig zu sein und sie könnten es wahrlich nie sein, wenn sie sich, wie in dem vorliegenden Fall, mehr mit Tatsachen und weniger mit Meinungen befassten. Was du getan hast zu ihren Zeiten vor alters. Die Erzähler begannen mit dem, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten, und gingen dann über zu dem, was ihnen in ihrer Jugend von ihren Vätern überliefert worden war. Man beachte, dass Kern und Stern der Geschichte, die so von den Vätern auf Kind und Kindeskind überliefert wurde, das war, was Gott getan hatte. Gottes Wirken ist in der Tat gleichsam das Mark der Geschichte; darum kann niemand richtig Geschichte schreiben, der für das Walten Gottes kein Verständnis hat. Es ist köstlich, die Fußspuren des HERRN auf den Meereswogen der wechselnden Ereignisse zu sehen, den Allmächtigen zu schauen, wie er dahinfährt auf dem Wirbelwind des Krieges, der Seuche und der Hungersnot, und vor allem seine unwandelbare Fürsorge für seine Auserwählten zu beobachten. Wer von seinem Vater gelehrt worden ist, Gott in der Geschichte zu sehen, der hat eine wichtige Lektion gelernt, und kein Sohn gläubiger Eltern sollte in Betreff einer so heiligen Wissenschaft in Unwissenheit gelassen werden. Eine Nation wie das Volk Israel, das in einer so wunderbaren Geschichte, wie es die seine war, unterwiesen worden war, hatte damit stets ein mächtiges Mittel in der Hand, Gott in der Not zur Hilfe zu bewegen, da er, der Unwandelbare, uns in jeder Gnadentat ein Pfand zukünftiger Erweisungen der Barmherzigkeit darreicht. Die Erfahrungen der Vergangenheit sind ein sicherer Rechtsgrund, auf dem wir bei unsern Bitten um Hilfe in der Gegenwart fußen können.

3. Du hast mit deiner Hand die Heiden vertrieben. Die Austilgung der Kanaaniter aus dem Gelobten Lande ist das Gotteswerk, dessen hier zuerst gedacht wird. Zahlreiche, kriegsgeübte und tapfere Völkerschaften, unter denen sich sogar Riesengeschlechter befanden und die fest im Lande eingewurzelt und in starken Festungen verschanzt waren, wurden durch ein weit schwächeres Volk ausgetrieben, weil Jehova in dem Kampfe wider sie war. Es geht aus der Schrift hervor, dass der HERR die Einwohner des Landes mit äußern und innern Schrecknissen heimsuchte und ihnen dadurch allen Mannesmut nahm (vergl. z. B. 5. Mose 7,19 f.; Jos. 24,12; 2,9. 11; vielleicht deutet auch der Ausdruck 4. Mose 13,32 "das Land frisset seine Einwohner" auf Seuchen), so dass die leichten Siege Josuas nur die Folge dessen waren, dass Gott vordem schon diese götzendienerischen Völker seine Hand hatte fühlen lassen. Aber sie hast du eingesetzt. Die Stämme Israels wurden in die Stätten eingepflanzt, welche vordem die Heiden innehatten. Die Heviter und Jebusiter wurden aus ihren Festungen verjagt, um Ephraim und Juda Raum zu machen. Der große Wundertäter riss die Eichen Basans mit der Wurzel aus, um an ihrer Statt seinen auserwählten Weinberg von edlen Reben zu pflanzen. Du hast die Völker verderbet oder übel behandelt . Die dem Gericht Vergebenen Völker wurden mit allerlei Heimsuchungen und Plagen gequält; ja mit Feuer und Schwert wurden sie zu Tode gejagt, bis sie alle verderbet waren. Aber sie hast du ausgebreitet. Derselbe, der seine und seines Volkes Feinde plagte, bewies den Seinen mächtige Huld. An den gottlosen Amoritern übte er Rache, aber seine Gnade sparte er auf für das auserwählte Volk. Wie lieblich ist die Barmherzigkeit, wenn sie der Gerechtigkeit zur Seite steht! Hell leuchtet der Stern der Gnade inmitten der Nacht des Zorns. Es ist ein erhabener Gedanke, dass die Größe der göttlichen Liebe in der Größe seiner heiligen Entrüstung ihr Gegenstück hat. Der wunderbaren Israel erwiesenen Gnade hält das Gleichgewicht die furchtbare Rache, welche die Tausende der Amoriter und Hethiter mit der Schärfe des Schwerts zur Unterwelt sandte. Die Hölle ist so tief, wie der Himmel hoch ist, und das Feuer Tophet eben so unauslöschlich wie das Licht der himmlischen Herrlichkeit. Diese sich sowohl in Taten der Barmherzigkeit als der Gerechtigkeit kundgebende Macht Gottes sollten wir uns in Trübsalszeiten zur Stärkung des ermattenden Glaubens in Erinnerung rufen.

4. Denn sie haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert. Sieh, wie Jehova sich dadurch verherrlichte, dass er sein Volk in das Land brachte, darinnen Milch und Honig floss! Er hatte in seiner erwählenden Gnade zwischen den Kanaanitern und Israel einen Unterschied gemacht und kämpfte darum mit seiner unwiderstehlichen Macht für seine Erkorenen gegen deren Widersacher. Die Stämme fochten um ihr Erbteil, aber den Erfolg verdankten sie einzig dem HERRN, der mit ihnen focht. Die israelitischen Krieger waren nicht untätig; aber ihre Tapferkeit kam erst in zweiter Linie in Betracht gegenüber jenem geheimnisvollen göttlichen Wirken, das Jerichos Mauern fällte und der Heiden Herz verzagt machte. Jeder einzelne Israelit musste seine Pflicht tun; da aber alle Anstrengungen ohne Gottes Beistand vergeblich gewesen wären, wird alle Ehre dem HERRN dargebracht. Wir können die vorliegende Schriftstelle als ein schönes Gleichnis des Heilswerks ansehen. Niemand wird errettet ohne Gebet, Buße usw., und doch machen diese keinen Menschen selig; das Heil ist des HERRN, einzig des HERRN. Kanaan ward nicht ohne das Heer Israels erobert; aber eben so wahr ist es, dass es nicht durch das Heer Israels erobert ward. Jehova war der rechte Kriegsmann (2. Mose 15,3) und das Volk nur die Waffe in seiner Hand. Und ihr Arm half ihnen nicht. Nie und nimmer konnten sie ihre denkwürdigen Siege sich selber zuschreiben; ihm, der Sonne und Mond um ihretwillen hatte stillstehen lassen, gebührte allein aller Ruhm. Die Ehre des Sieges wird sowohl ihren Waffen als ihnen selber abgesprochen, als sollte durch diese doppelte Verwahrung angedeutet werden, wie bereit wir Menschen sind, unsere Erfolge Mittelursachen zuzuschreiben. Sondern deine Rechte, dein Arm und das Licht deines Angesichts. Gottes Rechte focht für sie, Gottes Arm unterstützte sie mit übermenschlicher Tatkraft, und Gottes Huld begeisterte sie zu nie verzagendem Mute. Wer sollte mit solch dreifacher Hilfe nicht den Sieg erringen können, ob auch die ganze Welt und Tod und Hölle sich wider ihn zum Kampf erhöben? Was hatte da die Riesengröße der Enakskinder zu bedeuten oder die schreckliche Macht ihrer eisernen Streitwagen? Sie waren wie nichts, als Jehova sich erhob, um Israel an seinen Feinden zu rächen.
  Denn du hattest Wohlgefallen an ihnen. Dies Wohlgefallen Gottes an Israel hatte seinen Grund nicht in Israels Tugend, sondern in Gottes freier Liebe. (Vergl. 5. Mose 7,7 f.; 9,5 f.) Die freie Gnade ist der Quell, aus der jeder Strom der Barmherzigkeit entspringt. Gottes Lust zu seinem Volke, seine Liebesneigung, seine Erwählung, das ist die Triebfeder, die alle Räder der göttlichen Vorseht zugunsten der Erwählten in Bewegung setzt. Israel war das Volk der Wahl, daher seine Siege und die Niederlagen seiner Feinde; die Gläubigen sind das Volk der Wahl, daher ihre geistlichen Segnungen und Eroberungen. Nichts war in dem Volk selbst, das ihm Erfolg verbürgt hätte, des HERRN Huld allein richtete das große Werk aus; und geradeso ist es stets bei uns: unsere Hoffnung auf die schließliche Herrlichkeit darf nicht auf irgend etwas, das in uns wäre, ruhen, sondern einzig auf dem freien Liebesratschluss des HERRN der Heerscharen.
5. Du, Gott bist mein König,
der du Jakob Hilfe verheißest.
6. Durch dich wollen wir unsre Feinde zerstoßen;
in deinem Namen wollen wir untertreten, die sich wider uns setzen.
7. Denn ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen,
und mein Schwert kann mir nicht helfen;
8. sondern du hilfest uns von unsern Feinden
und machest zuschanden, die uns hassen.
9. Wir wollen täglich rühmen von Gott
und deinem Namen danken ewiglich. Sela.

5. Du, Gott, bist mein König. Ich kenne gar wohl deine Macht und deine Gnade; darum ist es meines Herzens Wonne, dich als meinen Herrn und Gebieter anzuerkennen. Wer unter allen Machthabern hat solchen Ruhmesglanz wie du? Wem anders sollte ich denn huldigen, an wen sonst mich um Hilfe wenden? Du, der du von alters her der Gott meiner Väter gewesen bist, du bist meines Herzens König, mein Herr, dem ich angehöre mit allem, was ich bin und habe. Entbiete Hilfe für Jakob! (Grundt.) Von wem anders sollte ein Volk Hilfe erwarten als von seinem König? Er ist’s, der kraft seines Amtes die Kämpfe seines Volks zu dessen Heil ausficht. Wie leicht ist’s unserm himmlischen König, alle unsere Feinde zu zerstreuen. Jehova, du König aller Könige, mit welcher Leichtigkeit kannst du dein Volk befreien! Ein Wort aus deinem Munde kann es vollbringen; gib nur den Befehl, so ist dein unterdrücktes Volk frei. Das lange Leben des Erzvaters Jakob war reich an Trübsalen und an Errettungen, und seine Nachkommen werden hier mit seinem Namen genannt, als sollte dadurch die Ähnlichkeit ihrer Erfahrungen mit denen ihres großen Vorfahren abgebildet werden. Wer die Segnungen Israels erlangen will, muss die Kämpfe Jakobs teilen. Unser Vers enthält ein persönliches Glaubensbekenntnis und eine Fürbitte. Für andere betend eintreten kann am besten, wer seines persönlichen Anteils an Gott gewiss ist; und diejenigen, welche die vollste Gewissheit haben, dass der HERR ihr Gott ist, sollten darum auch vor allen andern für ihre heimgesuchten Brüder flehen.

6. Durch dich wollen wir unsre Feinde zerstoßen. Das ist die Sprache des Glaubens. Der Kampf mag heiß werden, es mag zum Handgemenge kommen, wo die Bogen nutzlos sind und selbst das Schwert keinen Dienst mehr tut, wo der Dolch gezückt wird und Mann mit Mann im Ringkampf liegt. Im Ringen hat einst Jakob obgelegen (1. Mose 32,29); wie, wenn Jakobs Gott nun dessen Samen im Ringen auf die Probe stellt? Wird da auch der Glaube den Sieg erringen? Kann er Brust an Brust mit dem Feinde kämpfen und das Feld behalten? Ja, siegreich kehrt er aus der Schlacht zurück; denn gerade im scharfen Handgemenge erweist sich der Glaube stark. Alle seine Widersacher überwindet er, denn der HERR ist sein Helfer.
  In deinem Namen wollen wir untertreten, die sich wider uns setzen. Der Name des HERRN ist die beste Waffe; er befähigt die, welche ihn im Glauben brauchen, sich mit siegesgewisser Tapferkeit auf ihre Feinde zu stürzen und sie unter die Füße zu treten. Mit Gott vollbringen die Heiligen Wunder; ist er für uns, wer mag wider uns sein? Man beachte wohl, dass es von all den Siegen dieser Glaubenshelden heißt: sie geschehen durch dich, durch deinen Namen. Lasst uns das nie vergessen, damit wir nicht auf unsern eigenen Sold in den Krieg ziehen und schmählich zuschanden werden. Doch lasst uns auch nicht in die eben so gefährliche Sünde des Misstrauens fallen; denn der HERR kann den Schwächsten unter uns mit solcher Stärke gürten, dass er allem gewachsen ist. Ob wir auch heute so furchtsam und wehrlos sind wie Schafe, kann er uns doch durch seine Macht stark machen wie einen erstgeborenen Stier und uns Hörner geben wie eines Einhorns Hörner, dass wir alle, die sich wider uns erheben, niederstoßen, dass sie nicht wieder aufstehen. Solche, die sich in eigner Kraft kaum auf den Füßen halten können, sondern gleich Kindlein wanken und fallen, werden durch Gottes Beistand zu Helden, die ihre Feinde zu Boden stürzen und den Fuß auf deren Nacken setzen. Lies in Bunyans Pilgerreise, wie Christ mit Apollyon focht und den grausigen Feind in die Flucht schlug.

7. Denn ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen, und mein Schwert kann mir nicht helfen. Unsere Vorväter haben unter deiner Führung die Heiden vertrieben und ihr Land eingenommen, nicht durch Kunst der Waffen und Tapferkeit, sondern allein durch deine Macht; darum entsagen wir auf immer allem Vertrauen auf Bogen und Schwert, womit andere sich brüsten, und werfen uns ganz auf die Allmacht unseres Gottes. Tüchtige Bogenschützen wurden in jenen alten Zeiten sehr geschätzt; aber hier werden die Pfeile samt dem alles bezwingenden Schwert beiseite getan, damit Raum sei für den Glauben an den lebendigen Gott. Dieser Vers mag in seiner persönlichen Fassung als Glaubensbekenntnis jedes einzelnen Gläubigen gelten, der auf seine eigene Gerechtigkeit und Stärke verzichtet und einzig auf Jesus blickt. O dass uns Gnade gegeben werde, bei diesem Verzicht zu beharren; ist unsere hochmütige Natur doch zu sehr geneigt, ihr Vertrauen auf die aufgeblasene Scheinmacht der Kreatur zu setzen! Du Arm von Fleisch, wie darf ich es wagen, auf dich zu trauen? Wie darf ich über mich den Fluch bringen, welcher denen droht, die sich auf Menschen verlassen?

8. Sondern du hilfest uns von unsern Feinden, und machest zuschanden, die uns hassen. So ist’s von jeher gewesen.1 Alle Errettungen der vergangenen Zeiten verdanken wir dir, Gott. Nie hast du uns im Stich gelassen. Aus jeder Gefahr hast du uns immer wieder herausgeführt. Mit derselben Hand, mit der du uns Heil gabst, hast du unsern Feinden einen Schlag versetzt, dass sie ihr Angesicht verhüllten. Du hast sie in solcher Weise niedergeschlagen, dass sie sich vor sich selber schämten, von solch einem winzigen Feind, wie es das Volk Israel in ihren Augen war, über den Haufen geworfen worden zu sein. Gottes zwiefaches Tun ist wohl zu beachten: er gibt seinem Volke Heil und macht dessen Feinde zuschanden. Pharao wird ersäuft, und Israel zieht mitten durchs Meer; Amalek wird geschlagen, und das Volk des HERRN frohlockt; die Heiden werden aus ihren Wohnstätten vertrieben, und das Geschlecht Jakobs ruht unter seinen Weinstöcken und Feigenbäumen.

9. Gottes rühmen wir uns täglich. (Grundt.) Dazu haben wir allen Grund, da solch mächtige Taten des HERRN als Tatsachen der Geschichte vor uns stehen. Wie selig und wie segensreich ist solches Rühmen! Es ist das einzige, das wir dulden wollen. Alles andere Manna ward stinkend, außer dem, das vor dem HERRN gelassen wurde; so ist auch alles andere Rühmen ekelhaft, außer diesem, da man sich im HERRN rühmt. Das ist löblich und lieblich vor Gott und Menschen. Und deinem Namen danken (ihn preisen) wir ewiglich. Unser Dank und Lobpreis soll beständig zum HERRN aufsteigen. Selbst wenn wir keine neuen Liebestaten erführen, sollen wir doch den HERRN preisen für das, was er an seinem Volke getan hat. Hoch lasst den Lobgesang erschallen, indem wir uns der ewigen Liebe erinnern, die uns erwählt, um einen teuren Preis erlöst und dann mit aller Gottesfülle erfüllt hat!
  Sela! Wohl ziemt hier eine Pause, denn der Psalm fällt plötzlich aus dem höchsten in den tiefsten Ton. Nicht mehr Mirjams Pauke, sondern Rahels Weinen tönt uns nun ins Ohr.
10. Warum verstößest du uns denn nun
und lässest uns zuschanden werden
und zeuchst nicht aus unter unserm Heer?
11. Du lässest uns fliehen vor unserm Feind,
dass uns berauben, die uns hassen.
12. Du lässest uns auffressen wie Schafe
und zerstreuest uns unter die Heiden.
13. Du verkaufest dein Volk umsonst
und nimmst nichts drum.
14. Du machest uns zur Schmach unsern Nachbarn,
zum Spott und Hohn denen, die um uns her sind.
15. Du machst uns zum Beispiel unter den Heiden,
und dass die Völker das Haupt über uns schütteln.
16. Täglich ist meine Schmach vor mir,
und mein Antlitz ist voller Scham,
17. dass ich die Schänder und Lästerer hören
und die Feinde und Rachgierigen sehen muss.

10. Und doch hast du uns verstoßen und ließest uns in Schmach fallen. (Grundt.) Jetzt beginnt der Sänger, als warmer Vaterlandsfreund der herrlichen Geschichte seines Volkes das gegenwärtige Elend und Unglück gegenüberzustellen. Letzteres schreibt er aber nicht etwa dem Sturz eines menschlichen Helden oder einem Kriegsunglück zu, sondern einzig dem, dass Israels Gott sich von seinem Volk zurückgezogen hat. Es schien dem tiefbetrübten Sänger, als sei Jehova seines Volkes überdrüssig worden und habe es mit Abscheu von sich gestoßen, wie ein Mensch ein mit dem Aussatz beflecktes Gewand wegwirft, vor dessen Anblick ihm ekelt. Um sein Missfallen zu zeigen, hatte Gott sein Volk dem Spott der Heiden preisgegeben, dass Israel mit Schmach bedeckt ward, weil seine Feinde über seine größten Heere leichter Hand den Sieg errangen. Wehe der Kirche und wehe den Menschen, von denen sich der HERR zurückzieht, dass er nicht mehr mit seinem Geiste in ihnen wirkt; sie bedürfen wahrlich keiner größeren Schmach und keiner härteren Züchtigung. Gott verwirft sein Volk nicht gänzlich und endgültig; aber schon manche Kirche und Gemeinde ist um der Sünde willen dem Verfall und der Schande überlassen worden, und das sollte uns alle zur äußersten Wachsamkeit veranlassen, damit uns nicht Gleiches widerfahre. Armut und Trübsal sind keine Schmach, weder für die einzelnen noch für eine Volks- oder Kirchengemeinschaft; aber wenn der HERR von einer Gemeinde weicht, das nimmt ihr alle Herrlichkeit, wie Ikabods Mutter mit brechendem Herzen und hellsehendem Auge erkannt hat: "Die Herrlichkeit ist dahin von Israel, denn die Lade Gottes ist genommen." (1. Samuel 4,19 ff.) Und zeuchst nicht aus unter unsern Heerscharen. Ist denn dein Name "HERR der Heerscharen" nimmer gültig? Wenn der HERR nicht der Heerführer ist, was nützen die gewaltigsten Kriegerscharen? Nichtig sind die vereinten Anstrengungen der eifrigsten und fähigsten Reichsgottesarbeiter, wenn des HERRN Arm sich nicht offenbart. O dass unser keiner in unsern Gemeinden je darüber zu trauern habe, dass er in seinem Wirken im Predigtamt, in der Sonntagsschule, beim Evangelisieren, bei den Hausbesuchen von Gott sich selber überlassen sei! Geht unser allmächtiger Bundesgenosse nicht mit uns, so ist unsre Niederlage unvermeidlich.

11. Du lässest uns fliehen vor unserm Feind. Das niederschmetternde Bewusstsein, dass der HERR sie verlassen hat, macht die Helden zu Memmen. Feiges Zurückweichen und schmähliche Flucht bilden das Ende des Kampfes bei denen, welchen der HERR nicht als Herzog vorangeht. Und die uns hassen, haben sich Beute gemacht (Grundt.), wie es ihnen beliebte. Auf Niederlage und Zurückweichen folgte Beraubung. Das arme Volk musste seine Besiegung schrecklich büßen. Plünderung und Mord verwüsteten das eroberte Land, und die Eindringlinge beluden sich mit allen Kostbarkeiten, die sie nur wegschleppen konnten. Auch im Geistlichen wissen wir, was es heißt, von den Feinden ausgeplündert zu werden. Zweifel und Befürchtungen berauben uns alles Trostes, und schreckliche Vorahnungen nehmen uns alle unsere Hoffnungen dahin; und dies alles, weil der HERR es aus weisen Absichten für gut findet, uns allein zu lassen. O des Jammers solcher verlassenen Seele! Kein Unglück gleicht dem, von Gott verlassen zu sein, ob es auch nur für einen kleinen Augenblick wäre.

12. Du lässest uns auffressen wie Schafe. Wie Schafe, die in Menge der Schlachtbank überliefert werden, um zur Speise zu dienen, ward das Volk in ganzen Haufen erschlagen. Wehrlos wie die Schafe verfielen sie dem Messer. Ihr Tod war kein würdevoller Opfertod, sondern eine grausame Hinschlachtung. Gott schien sie dahinzugeben wie Schafe, die dem Schlächter überwiesen sind, sie im Stich zu lassen wie ein Mietling, der seine Herde den Wölfen preisgibt. Wahrlich, die Klage sucht an einschneidender Beredsamkeit ihresgleichen! Und hast uns unter die Heiden zerstreut. (Grundt.) Viele waren in Gefangenschaft geführt und mussten in weiter Ferne, abgeschnitten von den Gottesdiensten des Heiligtums, als Verbannte unter den Götzendienern schmachten. Dies alles wird dem HERRN zugeschrieben, als von ihm zugelassen und sogar durch seinen Ratschluss also angeordnet. Wir tun wohl daran, der Hand Gottes in unsern Kümmernissen nachzuspüren, denn sie ist gewiss da zu finden.

13. Du verkaufest dein Volk umsonst.2 Wie Kaufleute ihre Ware an jeden verkaufen, der sie nur haben will, so schien der HERR sein Volk jeder beliebigen Nation preiszugeben, der es einfiel, mit Israel Krieg anzufangen. Und dabei war nicht ersichtlich, dass auch nur das geringste Gute aus all den Trübsalen Israels hervorgehe. Soviel der Psalmdichter entdecken konnte, empfing des HERRN Name keinerlei Ehre durch all die Leiden seines Volkes. Gott verschenkte gleichsam Israels Söhne und Töchter an ihre Feinde, als wären sie von ihm so geringgeschätzt, dass sie nicht einmal eines Sklavenpreises wert wären, und als wäre es dem HERRN ganz gleichgültig, ob er etwas für sie bekomme oder nichts, solange sie nur litten. Das Weh, das sich in dieser Zeile ausspricht, ist wie Essig mit Galle vermischt; die Klage wäre eines Jeremia würdig. Und nimmst nichts drum, wörtlich: und gewannst nichts durch ihren Kaufpreis. Wenn Jehova durch all dies Elend verherrlicht worden wäre, so könnte man es mit Geduld ertragen; aber das Gegenteil war der Fall. Das Unglück Israels hatte dazu gedient, dass des HERRN Name von den übermütigen Heidenvölkern, die die Niederlage Israels als eine Niederlage Jehovas selber ansahen, verächtlich gemacht wurde. Es erleichtert einem Gotteskinde stets die Trübsal, wenn es einsehen kann, dass Gottes erhabener Name durch dieselbe werde verherrlicht werden; dagegen macht es unser Elend unerträglich bitter, wenn es scheint, als würden wir ganz umsonst gemartert und gequält. Doch zu unserm Trost lasst uns die Wahrheit zu Herzen fassen, dass der HERR ganz gewiss verherrlicht wird und dass er, wenn ihm auch nicht offenbar ein Tribut an Ehre gezollt wird, nichtsdestoweniger seine verborgenen Absichten ausführt, deren wunderbares Ergebnis sich zu seiner Zeit glorreich enthüllen wird. Wir leiden nicht für nichts, noch sind unsere Trübsale nutzlos.

14. Du machest uns zur Schmach unsern Nachbarn. Schmähungen sind stets überaus bittere Tropfen im Leidenskelch der Unterdrückten. Die Sticheleien und Witzeleien der Sieger verwunden die Bezwungenen nicht minder schmerzlich als Schwert und Spieß. Es war in der Tat ein wunderlich Ding, dass Gott sein königliches Volk, das Volk seines Eigentums, dem Gespött aller benachbarten Völker überließ. Zum Spott und Hohn denen, die um uns her sind. Das niedergetretene Volk war jedermanns Spott. "Verächtlich wie Israel" ward eine alltägliche Schimpfrede bei den Tyrannen, und so allgemein war es Sitte geworden, Israel zu verhöhnen, dass die benachbarten Völker, ob auch vielleicht eben so geknechtet, die Stichelreden der Eroberer nachahmten und in das allgemeine Gespött mit einstimmten. Aller Welt zur Belustigung zu dienen, von jedermann, ob stark oder schwach, ob über oder unter uns oder uns gleich stehend, mit Schimpf und Verachtung behandelt zu werden, das ist schwer zu ertragen. Der Zahn des Spottes beißt bis auf die Knochen. Der Psalmdichter schildert die Roheit des Feindes mit vielen Worten, um Gottes Mitleid zu bewegen. Das war das beste Mittel um Zweck; denn die Leiden seiner Auserwählten rühren Gottes Herz mehr als alle andern Beweggründe. Auch unser großer Fürsprecher droben weiß sich dieses mächtigen Mittels zu bedienen, und wenn wir etwa zu dieser Stunde um der Wahrheit willen Schmach leiden, so macht er dies unzweifelhaft vor Gottes Thron geltend. Und sollte Gott nicht seinen Auserwählten Recht schaffen? Ein Vater kann nicht lange zusehen, wie sein Kind schlecht behandelt wird; und ob er es eine Weile geschehen ließe, so wird seine Liebe doch schnell seinen Zorn entflammen, und dann wird es dem Verfolger und Schmäher schlimm ergehen.

15. Du machst uns zum Beispiel (zum Sprichwort) unter den Heiden, und dass die Völker das Haupt über uns schütteln. Die Wehklage wird erneuert. Sie waren in der öffentlichen Meinung so tief gesunken, dass ihnen niemand Achtung bezeugte, sondern sie allgemein und öffentlich mit Schimpf und Schande überhäuft wurden. Wer jemand besonders kränken wollte, der schmückte seine Schimpfreden, indem er Israels Name hereinzog; und wo sich einer von den Söhnen Jakobs auf der Straße blicken ließ, da wies man auf ihn mit höhnenden Gebärden, um ihn zu kränken und zu belästigen. Und wer den leersten Kopf hatte, der schüttelte ihn über diese seltsamen Leute, die so gar anders lebten als alle Welt. Sie waren die Zielscheibe für jedes Narren Pfeile. Solches ist das Los der Gerechten in den vergangenen Zeiten gewesen, dasselbe ist auch heute in gewissem Maße ihr Teil, und es mögen Zeiten kommen, wo die Frommen in noch schlimmerer Weise solches erfahren werden. Die Welt kennt den wahren Adel nicht und hat für wirkliche Trefflichkeit kein Auge. Sie hat für den Meister ein Kreuz gezimmert, und nur ein Tor könnte erwarten, dass sie den Jüngern des Gekreuzigten Kränze winden werde.

16. Täglich (wörtl.: den ganzen Tag, d. i. immerfort) ist meine Schmach vor mir. Der Dichter spricht hier als Vertreter des Volks und bezeugt, wie seine Seele unter der nationalen Schmach unaufhörlich leide. Es zeugt von einem schlechten Gemüt, wenn jemand den Leiden der Gemeinde oder des Volks, denen er angehört, gleichgültig gegenübersteht. Je edler ein Herz ist, desto lebhafter ist sein Mitgefühl. Und mein Antlitz ist voller Scham. Die Purpurröte der Scham stieg ihm nicht nur zuweilen ins Gesicht, sondern bedeckte es beständig, vor Gott und Menschen. Vor Gott fühlte er, dass die Züchtigung wohl verdient war, und vor den Menschen, dass er und sein Volk nun in der Tat verächtlich geworden waren, da Gott ihnen seine Hilfe entzogen hatte. Wohl dem Volke, das noch Männer in seiner Mitte hat, die sich seine Sünde und Schmach zu Herzen nehmen. Gott wird sich der Gezüchtigten annehmen, und es ist ein Pfand der kommenden Hilfe, wenn er uns treue Knechte sendet, Männer von heiligem Ernst und zarter Liebe, die des Volkes Not zu ihrer eigenen machen.

17. Dass ich die Schänder und Lästerer hören muss. Es scheint, die Widersacher seien vom Verspotten des Volkes Gottes zum Schmähen Gottes selber übergegangen. Vom Verfolgen der Heiligen schritten sie fort zu der nächstverwandten Sünde, der Gotteslästerung. Und die Feinde und Rachgierigen sehen muss. Hass und Rachgier waren auf dem Angesicht der Feinde zu lesen. Diese rühmten sich, die Niederlagen, welche ihre Vorfahren von Israel erlitten hatten, wieder wettgemacht zu haben, und nahmen für die früheren Siege Israels bittere Rache, indem sie das nun darniederliegende Volk in der übermütigsten Weise kränkten und misshandelten. Ja, Israel war wahrlich in großem Jammer; und doch war seine Lage keineswegs hoffnungslos, denn derselbe HERR, der all dies Übel über das Volk hatte ergehen lassen, konnte es eben so leicht wieder von ihm wenden. Solange Israel auf seinen Gott und nicht auf seinen eignen Arm vertraute, war kein Feind imstande, es mit seinem Fuße zu Boden gedrückt zu halten; Israel musste sich bald wieder aus dem Staube erheben, denn Gott war auf seiner Seite.
18. Dies alles ist über uns kommen; und haben doch dein nicht vergessen
noch untreulich in deinem Bund gehandelt;
19. unser Herz ist nicht abgefallen
noch unser Gang gewichen von deinem Weg,
20. dass du uns so zerschlägest am Ort der Schakale
und bedeckest uns mit Finsternis.
21. Wenn wir des Namens unsers Gottes vergessen hätten
und unsre Hände aufgehoben zum fremden Gott,
22. würde das Gott nicht finden?
Er kennet ja unsers Herzens Grund.
23. Denn wir werden ja um deinetwillen täglich erwürget
und sind geachtet wie Schlachtschafe.

18. Dies alles ist über uns kommen; und haben doch dein nicht vergessen. In den nun folgenden Versen macht der Psalmsänger nachdrücklich geltend, dass Israel seinem Bundesgott die Treue nicht gebrochen habe. Können wir mitten in großem Kummer Gott mit liebendem Gehorsam anhangen, dann steht es wohl um uns. Ein Diener, der seinem Herrn mit ganzer Treue ergeben ist, kann auch rauhe Behandlung von ihm ertragen. Menschen, die Gott um des irdischen Lohnes willen dienen, den sie von ihm zu bekommen hoffen, werden ihn bald verlassen, wenn sich Trübsal und Verfolgung erhebt; aber nicht so der aufrichtige Christ. Er kann seines Gottes nicht vergessen, und ob ihn Unglück um Unglück trifft, eins schlimmer als das andere. Noch untreulich in deinem Bund gehandelt. Israel duldete zu der Zeit, da der Dichter diesen Psalm schrieb, keinerlei Götzenverehrung, der verordnete Gottesdienst ward nicht vernachlässigt, Jehova wurde vom ganzen Volke als sein Gott anerkannt, und das gibt dem Psalmisten Mut, desto dringender zu flehen, dass Gott doch ins Mittel treten wolle. Dieser sowie der nächste Vers ziemen sich im Munde solcher, die um des HERRN willen leiden; man könnte den ganzen Psalm eine Märtyrerklage nennen. Nicht um der Sünde, sondern um der Gerechtigkeit willen litten diese Heiligen; nicht der Falschheit, sondern der Wahrheit halben; nicht weil sie den HERRN verlassen hatten, sondern weil sie ihm so treulich nachgefolgt waren. Leiden solcherart mögen schrecklich sein, aber sie sind höchst ehrenvoll, und Gottes Tröstungen werden sicher denen nicht mangeln, die gewürdigt werden, um seines Namens willen Schmach und Verfolgung zu leiden.

19. Unser Herz ist nicht abgefallen, noch unser Gang gewichen von deinem Weg. Gesinnung und Wandel stimmten überein, und zwar waren beide dem Wege des HERRN treu. Weder innerlich noch äußerlich hatten sich die gottseligen Dulder vergangen. Selbstredend waren sie nicht schlechthin vollkommen; aber sie wussten sich aufrichtig von aller vorsätzlichen Übertretung frei. Es war ein glückverheißendes Zeichen, dass der Gottesmann, welcher diesen Psalm dichtete, der Aufrichtigkeit des Volkes gegen Gott ein solches Zeugnis geben konnte. Weit öfter hätten die Propheten ein ganz anders lautendes Urteil über das Volk abgeben müssen; denn die Stämme Israels waren gar sehr geneigt, andern Göttern Altäre aufzurichten und den Fels ihres Heils zu verlassen.

20. Dass du uns so zerschlägest am Ort der Schakale und bedeckest uns mit Finsternis. Hätten wir dir die Treue gebrochen, so wären deine Züchtigungen, so bitter sie sind, verständlich; nun aber sind sie uns unerklärlich. Solche Klage finden wir nun freilich bei vielen; aber während die einen sich von dem Gott lossagen, dessen Führungen sie nicht verstehen, klammern sich die andern, ob auch mit tief verwundetem Herzen, allen einstürmenden Zweifeln zum Trotz desto fester an Gott und lassen ihn nicht, bis er sie segnet und ihnen wieder Licht und Frieden spendet, wie wir es hernach in diesem Psalm auch sehen. Der aufrichtige Glaube darf kühn mit Gott reden und nach Licht ringen; aber die mit dem HERRN hadern, müssen umkommen. Der Vers schildert den trostlosen Zustand der Kinder Israel in grellen Farben. Gott hat sie zermalmt, und das am Ort der Schakale; eine heulende Wildnis umgibt sie, und schauerliche Finsternis des Todesschattens bedeckt sie ganz; da ist nichts als Tod und Verzweiflung, sie sind wie eingesargt in Hoffnungslosigkeit.

21. Bei diesem entsetzlichen Elend beruft sich der Dichter für Israels Unschuld auf Gottes Allwissenheit. Gott selber möge Zeugnis geben, dass Israel keinerlei Götzendienst aufgerichtet oder geduldet hatte. Wenn wir des Namens unsers Gottes vergessen hätten. Das wäre der erste Schritt des Abfalls gewesen. Die Menschen vergessen erst das Wahre, dann beten sie das Falsche an. Und unsre Hände aufgehoben zum fremden Gott. Das Ausstrecken der Hände war Gebärde der Huldigung oder des Flehens. Sie hatten weder Anbetung noch Bitten irgendeinem Götzen der Heiden dargebracht.

22. Würde das Gott nicht finden, oder (wörtl.:) erforschen? Könnte solcher Götzendienst vor ihm verheimlicht werden? Würde er nicht solche Treulosigkeit mit heiliger Entrüstung aufgedeckt haben, selbst wenn sie tief im Herzen verborgen worden wäre und sich im Wandel durch nichts verraten hätte? Er kennet ja unsers Herzens Grund, wörtlich: die Geheimnisse des Herzens. Vor ihm sind die innersten Falten unsers Herzens aufgedeckt, darum hätte ihm solches nicht entgehen können. Nicht das Herz allein, dies verborgene Ding, sondern die Verborgenheiten des Herzens, diese heimlichsten Heimlichkeiten der geheimen Kammer, liegen alle vor Gott offen da, wie das Buch vor dem Leser. Die Schlussfolgerung ist, dass der HERR selber wisse, wie treu das Volk ihm nachfolge, und dass er es daher nicht um der Sünde willen heimsuche. So musste denn offenbar die Trübsal einer ganz andern Ursache entspringen.

23. Nein, sondern um deinetwillen werden wir erwürget täglich. (Grundt.) Nicht um Abfalls willen, sondern weil wir dir treu gehorchen, werden wir immerfort dahingewürgt . Die Verfolgung ruhte nie, sie kamen nicht zu Atem und fanden kein Entrinnen; und das alles um Gottes willen, weil sie ihren Bundesgott und König nicht verlassen wollten. Und sind geachtet wie Schlachtschafe: als wären wir nur dazu da, getötet zu werden; als wären wir Geschöpfe, eigens dazu geschaffen, dem Schlachtmesser zu verfallen; als wäre es eine so geringe und unschuldige Sache, uns hinzumetzeln, wie Schafe zu töten. In diesem wie dem folgenden Verse hören wir deutlich die Stimme der Märtyrer zu Gott schreien. Von Piemont und Smithfield, aus dem Gemetzel der Bartholomäusnacht und den Qualen der Dragonaden steigt der Ruf zum Himmel, während die Seelen unter dem Altar (Off. 6,9 f.) ebenfalls unablässig Gottes Vergeltung herbeirufen. Nicht ewig wird die Gemeinde Gottes auf solche Weise zu Gott schreien müssen; ihre Schmach wird an den Feinden vergolten werden, bald wird der Jubeltag anbrechen.
24. Erwecke dich, Herr! Warum schläfest du?
Wache auf und verstoße uns nicht so gar!
25. Warum verbirgest du dein Antlitz,
vergissest unsers Elends und Drangs?
26. Denn unsre Seele ist gebeuget zur Erde;
unser Leib klebt am Erdboden.
27. Mache dich auf, hilf uns
und erlöse uns um deiner Güte willen!

24. Erwecke dich, Herr! Warum schläfest du? Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht; aber der Psalmist braucht diesen Ausdruck für Gottes Zögern, als könnte er keine andere Erklärung dafür finden, dass Gott nicht eingreift. Er möchte durchaus sehen, dass der Weltrichter der Unterdrückung ein Ende mache und den Frommen Ruhe verschaffe; darum ruft er: Erwecke dich, Herr! Er kann nicht verstehen, warum Gott es duldet, dass die Tyrannei herrscht und die Tugend unterdrückt wird; darum fragt er: Warum schläfest du? Wache auf! Das ist alles, was du zu tun brauchst; sowie du dich regst, sind wir gerettet. Und verstoße uns nicht so gar, wörtl.: für immer. Lang genug hast du uns dem Elend überlassen, die schrecklichen Folgen deines Fernbleibens richten uns gar zugrunde; mache du unserem Jammer ein Ende und lass deinen Zorn sich besänftigen.

25. Warum verbirgest du dein Antlitz, vergissest unsers Elends und Drangs? Nicht im trotzigen Geist des Haderns mit Gott, wohl aber im demütigen Geist des Flehens und Forschens dürfen wir Gott über das Warum fragen, wenn seine Führungen geheimnisvoll sind. Es ist uns erlaubt, unsere Sache mit Beweisen zu belegen und uns vor dem Angesicht der erhabenen himmlischen Majestät auf das Recht zu berufen. Was ist der Grund, HERR, dass du der Leiden deine Kinder zu vergessen scheinst? Diese Frage können wir weit leichter aufwerfen als uns beantworten. Es ist in der Tat sehr schwer, wenn wir mitten in der Verfolgung stehen, den Grund zu erkennen, warum wir solch bittern Leiden preisgegeben werden.

26. Denn unsre Seele ist gebeugt bis zum Staube. (Grundt.) Unsre Seele liegt so tief darnieder als nur möglich, so tief wie der Staub unter der Menschen Füßen. Unser Leib klebt am Erdboden. Wir liegen hingestreckt am Boden und ohne Macht, uns wieder aufzurichten; es ist, als wären wir an den Erdboden festgeleimt. Leib und Seele, der ganze Mensch ist im tiefsten Elend festgebannt, gefesselt in Schmach, gebunden mit den Stricken der Verzweiflung. Ja, die Heiligen Gottes können so in den Staub gebannt sein, wie wir’s an einem Hiob und einem Lazarus sehen; aber der Tag ihrer Erlösung kommt. Sei unverzagt! Bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach.

27. Mache dich auf, hilf uns! Ein kurzes, aber liebliches und kräftige Gebet, geradeswegs aufs Ziel gehend, deutlich, einfach, dringend; so sollten unsere Bitten sein. Und erlöse uns um deiner Güte (besser: Gnade) willen. Das ist der letzte Anlauf, mit dem der Beter Gott bestürmt. Was er erbittet, ist Erlösung, und der Grund, auf den er seine Bitte stützt, ist nunmehr nichts anderes als Gottes Gnade . Und doch handelt es sich um treue Dulder, die ihres Gottes nicht vergessen hatten, sondern um seines Namens willen so geschmäht und zertreten wurden. Solchem Flehen kann’s nicht fehlen. Das ist die höchste Kunst des Betens, sich auf Gottes Gnade zu berufen. Und wären wir gewürdigt, zu den auserwählten Heiligen zu zählen, die ihr Zeugnis auf dem Scheiterhaufen besiegeln, so wollten wir doch nichts anderes vor Gott bringen als den heiligen Jesusnamen, in welchem Gottes Gnade uns verbürgt ist.
  Der erhabene Psalm ist nun zu Ende; aber im Himmel wirkt er fort. Sein Räucherwerk steigt zu Gottes Thron auf und bewegt Gottes Herz, sein schwer geprüftes Volk zu erlösen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Der 44. Psalm hat mit noch einigen andern (z. B. dem 74 .) das an sich, dass er sich deutlich auf eine ganz bestimmte geschichtliche Lage Israels bezieht, ohne dass es uns gelingen will, in der Geschichte des Volks eine Zeit zu entdecken, in der sich die sämtlichen Züge des Psalms vereinigt wiederfinden ließen. Die Gelehrten haben den Psalm in der Tat, wie Keßler sich ausdrückt, durch die Jahrhunderte spazieren geführt, aber ohne sicheres Ergebnis. Eine große Zahl alter und neuer Ausleger weist ihn der makkabäischen Periode zu, so schon die Antiochenische Schule, ferner Calvin usw. In der Tat finden wir da viele Züge des Psalms beisammen: kämpfende Heere (V. 10), Zerstreuung des Volks (V. 12), bewusste Bundestreue (V. 18-22), Religionsverfolgung (V. 23). Der Haupteinwurf gegen die Annahme makkabäischer Psalmen, dass nämlich zu jener Zeit der dreiteilige Kanon schon festgestanden habe, hat durch die Entdeckung eines Teils des hebräischen Textes des Jesus Sirach. durch Halévy (vor 1897) und den Nachweis, dass diese Schrift, die ja auf den Psalter Bezug nimmt (Jesus Sirach. 47,8-10) schon mindestens um das Jahr 300 v. Chr. verfasst sei, eine sehr beachtenswerte Verstärkung erfahren. Immerhin wird man die Möglichkeit, dass noch vereinzelte Dichtungen dieser Zeit, wie z. B. Ps. 149 , der Sammlung angehängt worden seien, nicht unbedingt verneinen können. Schwieriger liegt schon die Sache, wenn es sich wie hier um eine Einfügung von Psalmen handelt. Delitzsch macht außerdem geltend, dass das Volk damals, wenn auch Tausende den Märtyrertod erlitten hatten, doch nicht über Niederlagen seiner Heere zu klagen, vielmehr für Siege zu danken gehabt habe. Auch wäre es dann seltsam, dass die doch auch vorhandenen Abtrünnigen in dem Psalm gar nicht erwähnt würden. - Die exilische Gemeinde, auf welche einzelne den Psalm bezogen haben, konnte sich nicht so nachdrücklich, wie es im Psalm geschieht, auf ihre Bundestreue beziehen. - Keßler will ihn aus der Lage nach der Schlacht bei Megiddo erklären. Er macht darauf aufmerksam, dass der Psalm durchweg ein Echo der Töne sei, die das Deuteronomium angeschlagen habe. Vergl. V. 2 mit 5. Mose 6,7; 11,19; (32,7); V. 3 das deuteronomische Lieblingswort #ry V. 4 vergl. mit 5. Mose 7,7; 10,15; 8,17 f.; V. 10 vergl. mit 5. Mose 20,1-4; V. 12 mit 5. Mose 4,27; 28,64; V. 14 mit 5. Mose 28,37 . Er sagt: "Die Klagen und Bitten des Psalms erklären sich vortrefflich aus der gedrückten Stimmung derjenigen Volkskreise, welche an die josianische Reform große nationale Hoffnungen geknüpft hatten. Diese sanken mit Josias Niederlage und Tod bei Megiddo dahin; Jahve, der Bundesgott, konnte bundbrüchig erscheinen, während auf die Toten von Megiddo, ja auf das ganze Volk der Glanz auch religiösen Martyriums fiel. Unter dem frischen Eindruck des Unglücks von Megiddo dürfte der Psalm gedichtet sein, noch ehe Jojakim dem alten Synkretismus sich wieder ergab. Auch V. 12 ff. erklärt sich aus dieser Situation hinlänglich und braucht nicht auf das Exil zu gehen." - Delitzsch ging mit andern auf die davidische Zeit (vergl. die Unfälle des syrisch-ammonitischen Krieges) zurück, weil vor dem Exil nur damals (und in den ersten Jahren Salomos) das Volk als Ganzes sich habe rühmen dürfen, von heidnischem Kultus rein zu sein, die späteren Zeitbestimmungen aber nicht durchweg passten. - J. M.

V. 2. Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, d.i. wir haben es nicht nur gehört, sondern auch beachtet, mit gespanntester Aufmerksamkeit und herzlicher Lust gehört. Der Ausdruck ist nicht sowohl pleonastisch als emphatisch. John Trapp † 1669.
  Unsre Väter haben’s uns erzählet. Höret dies, ihr Väter , die ihr es versäumt, eure Kinder solche Dinge zu lehren, welche in ihnen Furcht und Liebe zu Gott wirken können, und Glauben, sich in allen Zeiten der Gefahr auf ihn zu verlassen und ihn zu suchen. Jene Väter machten ihren Mund gleichsam zu dem Buch, darin die Kinder die mächtigen Taten des HERRN lesen konnten, damit sie den HERRN priesen und ihr Herz zu ihm gezogen würde. Basilius der Große † 379.
  Ein Werk hat du gewirkt zu ihren Zeiten. (Wörtl.) Warum steht die Einzahl, ein Werk , während Gott doch so unzählige Erlösungstaten vollbracht hatte, von der Durchführung durchs Rote Meer bis zur Vernichtung der hundertfünfundachtzigtausend Assyrer, welche Jerusalem belagerten? Weil alle diese einzelnen Taten nur Teile des einen großen Ganzen der Erlösung Israels und nur Vorbilder des einen großen Heilswerkes sind, da der Satan besiegt, der Tod vernichtet und das Himmelreich allen Gläubigen erschlossen worden ist. Bischof Ambrosius † 397.
  Das war das schöne Geschäft der Greise in Israel, Gottes Taten unsterblich zu machen unter ihrem Volk, dass wie in ununterbrochener Kette ihr Gedächtnis hinliefe von Jahrhundert zu Jahrhundert. Auch andere Völker pflanzen von Geschlecht zu Geschlecht in Liedern und Geschichten die großen Begebenheiten der Vorzeit fort, aber während Israel nur von den Taten Gottes lobsingt, gelten ihre Loblieder den Großtaten ihrer Ahnen. Prof. D. A. Tholuck 1843.
  Kinder sind die Erben ihrer Väter; es wäre unnatürlich, wenn ein Vater seine Schätze vor seinem Tode in die Erde vergrübe, so dass seine Kinder sie nicht finden und genießen könnten. Nun sind aber die Gnadenerweisungen Gottes wahrlich nicht der geringste Schatz eines gottseligen Vaters, noch sind sie das geringste Erbteil seiner Kinder, da sie mächtige Mittel zur Förderung des Glaubens, der Dankbarkeit und des Gehorsams sind, wie wir hier sehen. Was Gott an den Vätern getan hat (V. 2-4), das ist’s, worauf die Nachkommen ihre Zuversicht zu Gott gründen (V. 5) und was sie zu dankbarem Rühmen des HERRN treibt (V. 9). Und gerade wie die Kinder die Schätze ihrer Väter erben, so übernehmen sie auch die Schulden ihrer Väter. Die große Schuld nun, mit der jeder Heilige bei seinem Tode belastet bleibt, ist die Liebesschuld für Gottes Gnadenerweisungen; darum ist es nicht mehr als billig, wenn er seine Nachkommen verbindlich macht, Gott diese Schuld - oder, da sie untilgbar ist, doch wenigstens die Zinsen zu bezahlen. William Gurnall † 1679.
V. 4. Denn du hattest Wohlgefallen an ihnen. Gottes freie Gnade war die Hauptursache all ihrer Glückseligkeit. Gott liebte sie, weil er sie liebte. Er erwählte sie aus seinem freien Liebeswillen und liebte sie dann auf Grund seiner Wahl. (5. Mose 7,7 f.) John Trapp † 1669.
  Der Prophet stellt nicht irgendwelche Würdigkeit der Person Abrahams, noch ein Verdienst seiner Nachkommen als Grund auf, um dessentwillen Gott so gütig gegen sie gehandelt hatte, sondern schreibt alles einzig dem Wohlwollen Gottes zu. Und zwar handelt der Psalmsänger hier nicht von dem allgemeinen Wohlwollen Gottes, welches sich auf das ganze Menschengeschlecht erstreckt, sondern er redet von dem Unterschied, welcher zwischen den Erwählten und der übrigen Menschenwelt besteht, und führt als Ursache dieses Unterschieds den freien Liebeswillen Gottes an. Jean Calvin † 1564.
V. 5. Mein König. Der Personenwechsel in den einzelnen Versen lässt sich leicht daraus erklären, dass der Sänger teils im Namen seines Volkes, teils, sich mit seinem Volke zusammenfassend, in seinem eigenen Namen redet. Lic. Dr. H.V. Andreä 1885.
  Du, Gott, bist mein König; entbiete Hilfe für Jakob. (Grundt.) Die Hilfserweisungen (Mehrzahl) werden von Gott wie Engel zum Schutz seines Volkes entboten, vergl. 43,3; 91,11. Prof. D. Fr. Bäthgen 1892.
  Entbiete. Weil er Gott seinen König genannt hatte, so bedient er sich eines Wortes, das auf die königliche Autorität und Machtvollkommenheit hinweist. J. H. Michaelis † 1738.
V. 6. Durch dich stoßen wir unsre Feinde nieder. (Wörtl.) Das Bild ist hergenommen von dem Stier oder von gewissen gefährlichen Antilopen, die ihre Feinde mit den Hörnern niederstoßen. Adam Clarke † 1832.
V. 7. Ja, ich habe wohl Bogen und Schwert. Denn es ist ja mein Schwert und mein Bogen. Man soll und muss gerüstet sein mit Wehr und Waffen, wo man sie haben kann, auf dass man Gott nicht versuche; aber ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen oder auf meine Rüstung. Das Verlassen und Vertrauen auf eigene Macht und Rüstung, das verderbt’s gar und ist rechte Abgötterei. Denn vertrauen oder verlassen gehört allein Gott zu. Martin Luther † 1546.
  Je weniger Vertrauen wir in uns selber oder irgend etwas außer Gott setzen, desto gewisser ist, dass unser Glaube an Gott aufrichtig ist. David Dickson † 1662.
V. 7.8. Die beiden Verse entsprechen genau dem V. 4 . So wie dort in Bezug auf die Vergangenheit das Heil allein auf Gott zurückgeführt worden ist, so hier in Bezug auf die Zukunft. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.
V. 12.23. Das Schaf war und ist noch heute im Morgenlande das Tier, dessen Fleisch hauptsächlich zur Nahrung dient, sofern überhaupt zur Mahlzeit Fleisch verwendet wird. - J. M.
V. 13. Du verkaufest dein Volk umsonst und nimmst nichts drum. Der Sinn ist: Du hast dein Volk ohne weiteres, ohne dass sie den Sieg irgend teuer erkaufen mussten, in die Gewalt der Feinde gegeben, wie einer, der ein Gut, das ihm verächtlich und verhasst ist, um es nur los zu werden um jeden Preis losschlägt. Parallel ist Jer. 15,13: Dein Vermögen und deine Schätze will ich der Plünderung geben, nicht um Kaufpreis. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.
  Euseb sagt mit Bezug auf die Belagerung Jerusalems durch Titus: Viele wurden um einen geringen Preis verkauft; viele waren zu verkaufen, aber es gab wenig Käufer.
V. 15. Du machest uns zum Gleichnis unter den Heiden. Das Elend Israels ist so groß, dass man einen Elenden bildlich einen Juden nennt, wie man die Lügner Kretenser nannte (vergl. Tit. 1,12), elende Sklaven Sardier. So weit ist es mit dem Volke der "Gesegneten des HERRN" gekommen, bei dem nach der Verheißung alle Heiden sich segnen sollen. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.
V. 16. Täglich ist meine Schmach vor mir. Wenn die sichtbare Kirche von Unglück heimgesucht wird, sind die echten Glieder derselben Teilhaber der Drangsal, des Kummers und der Schmach, welche die Kirche treffen. David Dickson † 1662.
V. 18-23. Dieser Psalm enthält eine bewegliche Klage der Heiligen über eine allgemeine schwere Drangsal. Bei solchen Umständen haben nun sonst die Gnadengenossen Gottes in ihren Bußgebeten demütige Sündenbekenntnisse für sich und ihr ganzes Volk abgelegt, z. B. Dan. 9,5.8.15; Jes. 64. In diesem Psalm aber berufen sich die heiligen Beter vielmehr auf ihren treulichen Wandel im Bunde Gottes . Es liegt freilich unter solchen Gebeten etwas Unaussprechliches, das eigentlich Dem allein bewusst ist, der an des Herzens Grunde ersiehet seine Lust. Es ist etwas Tiefes, warum der Geist der Gnade und des Gebets die Heiligen Gottes das eine Mal so stimmt, dass sie sich bei der Demütigung vor Gott und Bekenntnis der Sünden unter den allgemeinen Haufen der Übertreter hinstellen und allen Ruhm und Trost ihres guten Gewissens gleichsam darüber vergessen, das andere Mal aber sie mit so vieler Freudigkeit zu Gott ausrüstet, dass sie ihren geängsteten Geist und ihr zerschlagenes Herz darbringen als ein Opfer, das er nicht verachten werde, und dabei sie von ihrem rechtschaffenen Anhangen an Gott so reden, als wie wenn sie ihrer selbst und ihres Volkes halber keine Anklage zur Beschämung wider sich hätten. Der Geist vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Karl Heinrich Rieger † 1791.
  Man hat diesen Psalm einer oberflächlichen Auffassung der Sünde beschuldigt, wodurch der Verfasser verleitet worden sei, Gott des Treubruchs anzuschuldigen, statt die Schuld bei der Gemeinde zu suchen. Dieses Urteil ist unbillig. Der Verfasser kann ja nicht Sünden der einzelnen und auch nicht diese und jene Gebrechen des Ganzen in Abrede stellen wollen. Aber Abfall der Nation von ihrem Gott, woraus sich die Verwerfung derselben erklären ließe, ist nicht vorhanden. Die den Heiden über Israel gegebene Obmacht ist also eine Abnormität, und eben deshalb fleht der Dichter auf Grund der Treue Israels und der Gnade Gottes um baldige Erlösung. Ein unmittelbar aus dem Herzen der neutestamentlichen Gemeinde geborener Psalm würde freilich anders lauten. Denn die neutestamentliche Gemeinde ist kein Volksgemeinwesen, und sowohl in Ansehung des Verhältnisses ihrer Wirklichkeit zu ihrer Idee, als in Ansehung des Verhältnisses ihrer Leihen zu Gottes Beweggrund und Absicht reicht ihr Blick ungleich tiefer. Sie weiß, dass es Gottes Liebe ist, welche sie der Passion Christi gleichförmig macht, damit sie, der Welt gekreuzigt, durch Leiden hindurch der Herrlichkeit ihres Herrn und Hauptes teilhaft werde. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 22. Würde das Gott nicht finden? Sendet Gott so mannigfaltige Trübsale, um die Aufrichtigkeit der Tugenden eines Menschen zu prüfen, wie töricht und vergeblich ist dann alle Heuchelei, und wie zwecklos mühen sich die Menschen ab, sie zu verdecken! Sowenig wie ein Mord kann Heuchelei verborgen bleiben. Kein Dunkel der Nacht kann sie verhüllen; sie kommt ans Tageslicht, und alle Kunst und List kann’s nicht verhindern. Ein vergoldetes Kupferstück mag eine Weile von Hand zu Hand gehen, aber der Prüfstein entdeckt das gemeine Metall; und wenn der Prüfstein nicht, so wird’s das Feuer tun. Joh. Flavel † 1691.
  Wer Gott fürchtet, wagt es nicht, heimlich zu sündigen. Er weiß, dass Gott in das Verborgene siehet. Wie wir Gott nicht mit unsern Künsten überlisten können, so können wir ihn auch nicht von unsern Heimlichkeiten ausschließen. Thomas Watson 1660.
V. 23. Die Kirche hat den Namen und Titel der Schafe oder der Herde nicht allein darum, dass sie ihre große Unschuld beweise, niemand Gewalt noch Unrecht tue, still, sanftmütig und freundlich sei, sondern auch, dass angezeigt werde, wie sie dem Kreuz, mancherlei Anfechtung, Trübsal, Angst und Not unterworfen sei und jedermann müsse unter den Füßen liegen. Die rechte Kirche hat einen ewigen Feind, den Teufel, der treibt unter dem Schein der Heiligkeit die Kainiten wider ihre Brüder (Joh. 8,44). Aber Christi Reich stehet also, dass es ein Reich des Lebens und so starken Lebens ist, dass es mitten im Tode lebt, und so starker Gnade, dass sie in der Sünde Überhand behält und dem Teufel mitten im Rachen regieret, denn es ist ein geistlich Reich. Darum gib dich zufrieden und zähle dich unter den Haufen, davon Christus sagt: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Es müssen alle Heiligen diesen Psalm singen. Es muss Leid und Unglück sein, sollen wir des Trostes teilhaftig sein. Man soll das Kreuz predigen und tragen, nicht den Schutz und Trutz lehren und suchen. Lieber zehnmal tot sein, denn solch Gewissen haben, dass unser Evangelium sollte eine Ursach gewesen sein einigen Bluts, oder Schadens, so von unsertwegen geschehen, weil wir sollen die sein, die da leiden, und nicht uns selber rächen und verteidigen, sondern dem Zorn Gottes Raum lassen (Röm. 12,19). Wenn nur das Wörtlein deine dazukommt, welches solche Leiden von uns nimmt und auf eine andre Person legt, dass wir sagen können: Lieber Herr Christe, deiner, deiner Leiden haben wir viele, wir werden um deinetwillen täglich erwürget, so werden denn uns allerlei Leiden nicht allein leicht und erträglich sein, sondern auch lieblich und tröstlich (Mt. 11,30). Martin Luther † 1546.
  (Euseb sagt, wo er von den Grausamkeiten des oströmischen Tyrannen Maximinus redet:) Er bezwang alle, nur die Christen nicht, die den Tod nicht fürchteten und seine Tyrannei verachteten. Die Männer erduldeten standhaft, dass man sie verbrannte, enthauptete, kreuzigte, von wilden Tieren zerreißen ließ, im Meer ertränkte, ihren Körper verstümmelte oder gliedweise röstete, ihnen die Augen durchbohrte oder aus dem Kopfe riss, den ganzen Körper in Stücke zerhieb oder sie im Gefängnis schmachten und Hungers sterben ließ; kurz, sie erduldeten lieber jederart Foltern um des Dienstes Gottes willen, als dass sie die Anbetung Gottes aufgegeben und den Götzen geopfert hätten. Auch schwache Frauen gaben den Männern durch die Kraft des Wortes Gottes an Märtyrerfreudigkeit nichts nach, sondern gürteten sich mit Mannesmut und litten entweder dieselben Qualen mit den Männern oder bewiesen in andern Leiden die gleiche Meisterschaft der Tapferkeit. Bischof Euseb von Cäsarea † 338.
  Leonhard Schöner hat unter andern Papieren folgendes Trostgebet für solche, die um Christi willen leiden, hinterlassen: Wir bitten dich, o du ewiger Gott, neige gnädiglich dein Ohr zu uns. Jehova Zebaoth, du HERR der Heerscharen, höre unsre Klage, denn große Trübsal und Verfolgung hat sich erhoben. Die Stolzen sind in dein Erbe eingefallen, und viele, die sich für Christen ausgeben, haben sich mit ihnen verbündet und so den Gräuel der Verwüstung angerichtet. Sie verstören dein Heiligtum. Sie zertreten es unter ihren Füßen, und der Gräuel der Verwüstung wird als Gott angebetet. Sie haben die heilige Stadt bedränget, deinen heiligen Altar umgestürzt und deine Knechte erschlagen, wann immer sie Hand an sie legen konnten. Und nun, da wir nur noch als so kleine Herde übergeblieben sind, haben sie uns mit Schmach und Schande in alle Länder vertrieben. Wir sind verstreuet wie Schafe, die keinen Hirten haben. Wir sind gezwungen worden, Haus und Hof zu verlassen. Wir gleichen den Nachteulen, die in den Felsen wohnen; unsre Gemächer sind Löcher und Klüfte. Sie lauern auf uns wie Raubvögel. Wir wandern umher in den Wäldern, sie spüren uns mit Hunden auf. Sie schleppen uns weg, gefesselt wie Schafe, die ihren Mund nicht auftun. Sie erheben wider uns Geschrei als gegen aufrührische Leute und Ketzer. Man führt uns wie Schafe zur Schlachtbank. Viele schmachten unter schwerer Bedrückung und kommen in den Fesseln um. Schon manche sind ihren Leiden erlegen und sind gestorben ohne Tadel. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen. Es ist notwendig, dass wir hienieden durch Leiden erprobt werden. Die Treuen hat man erhängt, erwürgt, in Stücke zerhauen und im Geheimen und öffentlich ertränkt. Nicht nur Männer, sondern gleicherweise Frauen und Jungfrauen haben für die Wahrheit Zeugnis abgelegt, dass Jesus Christus die Wahrheit, der einzige Weg zum Leben ist. Die Welt wütet noch und ruht nicht; sie tobt wie wahnsinnig. Man erdichtet Lügen wider uns. Die Scheiterhaufen erlöschen nicht, die Mordpläne nehmen kein Ende. Sie machen uns die Welt zu enge. HERR, wie lange willst du schweigen? Wie lange willst du nicht rächen das Blut deiner Heiligen? Lass seine Stimme vor deinen Thron kommen. Ist doch der Tod deiner Heiligen wert gehalten vor dir! Darum haben wir dennoch Trost bei aller unserer Not und eine Zuflucht bei dir, bei dir allein und niemand anderm; aber in der Welt wird uns weder Trost noch Ruhe. Doch keiner wird zuschanden, der auf dich harret. HERR, kein Leiden, sei es noch so groß, kann uns von dir scheiden; darum rufen wir unablässig zu dir, durch Christum, deinen Sohn, unsern Herrn, den du uns aus freier Gnade zum Trost und Heil gegeben hast. Er hat uns den schmalen Weg, den Weg zum ewigen Leben, bereitet und ihn uns kundgetan. Dir werde dargebracht, jetzt und in Ewigkeit, Ehre und Herrlichkeit, Ruhm und Preis, und deine Gerechtigkeit bleibe ewiglich. Möge alles Volk deinen heiligen Namen preisen durch Christum, den gerechten Richter, der da kommt, zu richten die ganze Welt. Amen. - Märtyrergeschichte der Taufgesinnten, von E. B. Underhill 1850.
  Um deinetwillen. Welch wunderbare Gnade ist es, dass Gott, da er uns doch um unserer Sünden willen strafen könnte, unsere Züchtigungen in Ehre umwandelt und unsere Leiden der Sache des Guten dienstbar macht. David Dickson † 1662.
  Der Vers wird von Paulus Röm. 8, 36 angeführt zum Beweis der Tatsache, dass die Gemeinde Gottes zu allen Zeiten Verfolgung erlitten hat. Aber es ist ein bemerkenswerter Unterschied zwischen dem Ton, in welchem der Psalmist, und dem, in welchem der Apostel dies sagt: Jener kann die Züchtigung nicht verstehen und klagt darüber, dass Gottes Hand ohne Ursache schwer auf seinem Volke laste, während dieser auch in der Verfolgung frohlockend ausrufen kann: Aber in dem allen überwinden wir weit um des willen, der uns geliebt hat. J. J. Stewart Perowne 1864.
  O was ist Gott für ein verborgener Gott! Wie muss man auch beim Glauben nicht meinen, dass man ihn am Schnürlein habe. Er kommt durch Umwege, durch widrig scheinende Wege zu seinem Zweck. Er kann abbrechen, was er selbst gebaut, er kann ausrotten, was er selbst gepflanzt hat, sein Reich verliert dabei doch nichts. Was die Kirche Gottes unter solchem Druck zu verlieren scheint, das wird durch den Sieg der Rechtschaffenen, durch der Überbleibenden bewährte Gottseligkeit und durch die unter dem Leiden erlangte heilsame Erfahrung reichlich ersetzt. Pauli Siegeslied: Ich bin gewiss usw. (Röm. 8,38), findet sich erst nach dergleichen Kreuzpsalmen. Karl Heinrich Rieger † 1791.
V. 24. Erwecke dich, Herr! Warum schläfest du? Stehen diese Worte nicht im Widerspruch mit Ps. 121,4 ? Antwort: Es ist ein Unterschied zwischen dem, was die leidende Gemeinde Gottes in der Hitze ihrer Anfechtung ausruft, und dem, was der Geist der Wahrheit zum Trost der Heiligen bezeugt. Es ist gewöhnlich, selbst bei den frömmsten Gotteskindern und den Märtyrern, dass sie, wenn das Unwetter tobt, zu Gott gehen wie Petrus zu Christus, da dieser beim Sturme hinten auf dem Schiff schlief, und mit solch dringendem Flehen ihm zusetzen, als merkte er so wenig von ihrer Angst, wie Jona von dem Geschrei der Leute auf seinem Schiff, die im Begriff waren, in der tobenden See unterzugehen. So weckte Petrus den Herrn Jesus und schrie: Meister, fragest du nichts danach, dass wir verderben? Wache auf! Warum schläfest du? William Streat 1654.
V. 26. Wir sind nach Leib und Seele geschlagen und darniedergeworfen, gleichsam mit der Erde zusammengewachsen, dass wir uns nicht erheben können. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1843.
  Das Bild soll entweder die Tiefe ihres Elends oder ihres Kummers und ihrer Demütigung anzeigen. Bei der ersteren Deutung denkt man an einen Krieger, der in der Schlacht niedergeworfen oder tödlich verwundet ist und sich im Staube wälzt, oder aber an einen Toten, der in die Erde gebettet ist, vergl. Ps. 22, 15. Bei der andern Deutung wäre daran zu erinnern, dass es die übliche Gebärde der Demütigung und auch der Trauer war, dass man sich platt auf die Erde warf und im Staube kroch. So legte man, als Herodes Agrippa starb, Säcke an und lag weinend auf der Erde. Thomas Manton † 1677.

Homiletische Winke

V. 2. Die ermutigenden kirchengeschichtlichen Überlieferungen.
  Der Väter Pflicht und der Kinder Vorrecht.
  Familiengespräche und ihr nützlichster Gegenstand.
  Die wahre Herrlichkeit der guten alten Zeiten.
V. 3. Der große Gegensatz, oder: Wie Gott an den Sündern und wie er an seinen Kindern handelt.
V. 4. Die Einnahme Kanaans eine Verherrlichung Gottes. Denn 1) nicht durch seine eigene Macht hat Israel das Land erobert, sondern 2) Gottes Macht hat das zustande gebracht, und zwar 3) aus freier Gnade.
  1) Die Kreatur erniedrigt, 2) der HERR erhöht, 3) die erwählende Gnade enthüllt.
V. 4c. Die ewige Quelle aller Heilserweisungen.
V. 5. 1) Gottes Königsherrlichkeit anerkannt. 2) Sein königliches Eingreifen erbeten. 3) Sein königliches Wort in Anspruch genommen.
  Persönliche Ergebenheit an Gott und Fürbitte für andere.
  Mein König, das heißt: 1) mein Gebieter, 2) mein Gönner, 3) mein Anführer, 4) mein Verteidiger.
V. 6. Wie wir unsere Feinde überwältigen, in welcher Kraft und in welcher Gesinnung.
  Wie tätig unsere Feinde sind, wie nahe sie auf uns eindringen, wie gewiss ihr Unterliegen ist und worin das Geheimnis unserer Stärke besteht.
V. 7. Verzicht auf alle fleischliche Kraft. Mein Bogen kann des Zieles fehlen, kann zerbrechen, kann mir entwunden werden. Mein Schwert kann zerspringen oder stumpf werden oder meiner Hand entgleiten. Wir sollen nicht auf unsere Fähigkeiten, unsere Erfahrungen, unsern Scharfsinn, unsern Reichtum usw. trauen.
  Verzicht auf alles Eigne die Pflicht des gereiften Christen wie des Sünders.
V. 8. Hilfe in der Not. Wie nicht zu finden (sondern). Von wem sie kommt (du). Wem sie gilt (uns). Wie vollkommen Gottes Hilfe ist (errettest uns von unsern Feinden, machst zuschanden, die sich wider uns setzen).
V. 9. Beständiges Lobpreisen. Wie können wir dazu kommen, Gott beständig zu preisen? Wie sollen wir diesen beständigen Lobpreis zum Ausdruck bringen? Welchen Einfluss wird das auf uns haben? Und welche Gründe sollen uns dazu treiben?
V. 10. Eine Klage über den Niedergang der Kirche.
  Inwiefern kann Gott sein Volk verstoßen und warum?
V. 10b. Das schlimmste Unglück für unsre Gemeinden.
V. 13. Wie Gott und wie Menschen den Nutzen der Verfolgungen abschätzen.
  Antwort auf die Klage unsers Verses: 1) Gottes Kinder verlieren in Wirklichkeit nichts durch ihre scheinbaren Niederlagen. 2) Die Gottlosen gewinnen nichts durch ihre scheinbaren Siege. 3) Gott verliert von seiner Herrlichkeit nichts durch die (uns jetzt oft rätselhafte) Weise, wie er an beiden, seinen Kindern und deren Feinden, handelt. George Rogers 1870.
V. 14. Prüfung durch unbarmherzigen Spott. Wie sollen wir uns darunter verhalten, womit mögen wir uns dabei trösten und welchen Lohn wird sie bringen?
V. 15. Profane Sprichwörter, oder: Gottlose Übernamen.
V. 16. Bekenntnis eines Bußfertigen.
V. 18. Die Prüfung der Gerechten, deren Aufrichtigkeit und endlicher Triumph.
  Verteidigung der eigenen Aufrichtigkeit und Treue. Was heißt es, dem Bund Gottes die Treue brechen?
V. 19a. Wann dürfen wir des gewiss sein, dass unser Herz nicht abtrünnig geworden ist?
V. 19. 1) Die wichtigste Frage ist, wie unser Herz zu Gott steht. 2) Danach fragt es sich, wie unser Wandel beschaffen ist. 3) Herz und Wandel sollen übereinstimmen - und zwar sollen 4) beide Gott treu sein.
  Der Zusammenhang zwischen Gesinnung und Wandel, sowohl wenn wir Gott treu sind als wenn wir von ihm abfallen.
  Die Aufrichtigen weichen nicht von Gottes Weg, ungeachtet aller Anfechtungen, Trübsale und Entmutigungen.
V. 22. Eine einschneidende Frage und eine noch tiefer einschneidende Antwort.
V. 23. 1) Unschuld mitten in schwerem Leiden: Schafe. 2) Ehre mitten in tiefer Schmach: um deinetwillen. George Rogers 1870.
V. 24. Der Ruf der bedrängten Gemeinde. Die Klage einer verlassenen Seele.
V. 25. Gründe für die Entziehung des göttlichen Trostes.
V. 26.27. Große Not, eine große Bitte und der Beweggrund, auf den diese sich stützt.
V. 27. Ein Gebet, passend für Seelen, die in Sündennot sind, für Gläubige, die in Trübsal oder Verfolgung stehen, und für die Gemeinde bei Bedrückung oder Verfall.

Fußnoten

1. Die Perf. des Grundt. drücken die Erfahrungstatsache aus.

2. Andere übersetzen: (um einen Nicht-Preis =) um einen Spottpreis.