Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 106


Überschrift

Allgemeine Bemerkungen. Dieser Psalm beginnt und endet mit Hallelujah, Preiset den HERRN! Was zwischen diesen beiden Ausdrücken des Lobpreises steht, ist nichts anderes als eine Schilderung der jammervollen Sündenfälle Israels und der außerordentlichen Langmut Gottes; und sicherlich ist es angemessen, den HERRN sowohl am Anfang wie am Schluss unserer Betrachtungen zu preisen, wenn sie Sünde und Gnade zum Gegenstand haben. Dieses heilige Lied beschäftigt sich mit dem geschichtlichen Teil des Alten Testaments, und es gibt ihrer noch viele mit derartigem Inhalt. Das sollte eine genügende Zurechtweisung sein für diejenigen, welche von den geschichtlichen Büchern verächtlich reden; es steht einem Kinde Gottes übel an, gering zu denken von dem, was die Heilige Schrift so häufig zu unserer Belehrung benützt. Welche anderen Schriften hatte denn David außer eben jenen Geschichtsbüchern, die so abschätzig behandelt werden? Und doch schätzte er sie höher als sein täglich Brot und entnahm ihnen den Stoff zu seinen Liedern in dem Hause seiner Wallfahrt.
  Die Geschichte Israels wird hier beschrieben mit dem Zweck, die menschliche Sünde zu zeigen, gerade wie der vorhergehende Psalm auf die Verherrlichung der göttlichen Güte abzielte. Der Psalm ist tatsächlich eine nationale Beichte und enthält ein Geständnis der Übertretungen Israels in Ägypten, in der Wüste und in Kanaan, nebst inbrünstiger Bitte um Vergebung, so dass sich der Psalm zum Gebrauch in allen folgenden Geschlechtern eignete, besonders in Zeiten nationaler Knechtschaft. Er wurde wahrscheinlich von David geschrieben - jedenfalls finden sich sein erster und die letzten zwei Verse in jenem heiligen Lied, das David dem Asaph bei der Überführung der Bundeslade übergab. (1. Chr. 16,34-36.)
  Während wir diesen heiligen Psalm betrachten, lasst uns in dem alten Volke Gottes stets uns selbst erblicken und unsere eigenen Sünden beklagen, durchs die auch wir den Allerhöchsten herausgefordert haben; zugleich aber lasst uns auch seine unendliche Geduld bewundern und ihm Anbetung dafür darbringen. Möge der Heilige Geist diese Beschäftigung weihen zu unsrer Förderung in der Demut und Dankbarkeit!

Einteilung. Lob und Bitte sind in der Einleitung verbunden (V. 1-5). Dann kommt die Geschichte von der Sünde des Volks. Diese Schilderung erstreckt sich bis zu den bittenden und preisenden Schlussworten der letzten zwei Verse. In dem Sündenbekenntnis erwähnt der Psalmist die in Ägypten und am Roten Meer begangenen Sünden (V. 6-12), die Lüsternheit des Volks in der Wüste (V. 13-15), die Empörung gegen Mose und Aaron (V. 16-18), die Verehrung des Goldenen Kalbes (V. 19-23), die Verachtung des Gelobten Landes V. 24-27), die Versündigung mit dem Baal-Peor (V. 28-31) und die Geschichte vom Haderwasser (V. 32-33). Dann bekennt er Israels Verfehlungen seit der Ansiedlung in Kanaan und erwähnt die darauf folgenden Strafen (V. 34-43) zugleich mit Gottes Erbarmen, das alsbald ihnen Rettung verschaffte, wenn sie gedemütigt waren (V. 44-46). Die Verse 47.48 bringen als Schluss noch Gebet und Lobpreisung.

Auslegung

1. Hallelujah!
Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
2. Wer kann die großen Taten des HERRN ausreden
und alle seine löblichen Werke preisen?
3. Wohl denen, die das Gebot halten
und tun immerdar recht.
4. HERR, gedenke mein nach der Gnade, die du deinem Volk verheißen hast;
beweise uns deine Hilfe,
5. dass wir sehen mögen die Wohlfahrt deiner Auserwählten
und uns freuen, dass es deinem Volk wohlgeht,
und uns rühmen mit deinem Erbteil.

1. Hallelujah, d. h.: preiset Jehovah! Dieses Lied ist für das versammelte Volk bestimmt, und alle werden aufgefordert, sich im Lob Jehovahs zu vereinigen. Es ziemt sich nicht, dass nur etliche wenige des HERRN Preis singen und die Übrigen schweigen, sondern alle sollten zusammenwirken. Wenn David in einer Kirche wäre, wo Quartette und Chöre das ganze Singen besorgen, so würde er sich sicherlich zu der Gemeinde wenden und sagen.: Preiset ihr den HERRN! Die vorliegende Betrachtung handelt zwar von der menschlichen Sünde; aber bei allen Gelegenheiten und Beschäftigungen ist es zeitgemäß und nutzbringend, den HERRN zu preisen.
  Danket dem HERRN, denn er ist freundlich. Für uns bedürftige Geschöpfe ist die erste Eigenschaft Gottes, die uns zum Preise stimmt, seine Güte ; darum nimmt unser Lobpreis die Form des Dankes an. Dann kommt der Preis des HERRN von Herzen, wenn man ihm Dank sagt für das, was man von seiner Güte empfangen hat. Lasst uns nie säumig sein, dem HERRN den schuldigen Lobpreis zu erstatten. Ihm zu danken ist das Geringste, was wir tun können; so wollen wir das wenigstens nicht vernachlässigen. Und seine Güte (oder Gnade) währet ewiglich. Güte gegen Sünder ist Gnade; darum sollte das Lob der Gnade stets in allen unseren Gesängen hell durchklingen. Da der Mensch nie aufhört, in sich selbst sündig zu sein, ist es ein großer Segen, dass Jehovah nie aufhört, gnädig zu sein. Ein Menschenalter um das andere trägt der HERR seine Gemeinde mit Huld und Langmut, und gegen jedes einzelne Glied derselben ist er in seiner Gnade beständig und zuverlässig immer und ewiglich. Auf engem Raum haben wir hier zwei Beweggründe zum Preise Gottes: "Denn er ist freundlich; denn seine Güte währet ewiglich;" und diese beiden Sätze sind in sich selbst Lobpreisungen. Die beste Sprache der Anbetung ist diejenige, welche in schlichten, klaren Worten einfach die Wahrheit über unsern herrlichen Herrn ausspricht. Es bedarf da keines Blumenschmuckes menschlicher Redekunst oder dichterischen Überschwangs; die nackten Tatsachen sind erhabene Poesie, und sie mit Ehrfurcht zu erzählen, ist schon dem Wesen nach Anbetung. Dieser erste Vers ist der Text zu allem Folgenden; wir sollen nun sehen, wie Gottes Gnade gegen sein erwähltes Volk von Geschlecht zu Geschlecht währte.

2. Wer kann die großen Taten des HERRN ausreden? Welche Menschen- oder Engelszunge vermöchte die erhabenen Erweisungen der Macht Gottes würdig zu schildern? Sie sind unbeschreiblich. Selbst die Augenzeugen konnten sie nicht vollkommen erzählen. Und wer all seinen Ruhm verkündigen ? (Wörtl.) Seine Taten erzählen ist dasselbe wie sein Lob kundtun; denn seine eigenen Werke sind seine beste Empfehlung. Wir können nicht ein Zehntel soviel zu seinem Ruhm sagen wie seine eigene Vollkommenheit und seine Taten bereits selber predigen. Die den HERRN preisen, haben einen unbegrenzten Gegenstand, der auch von den umfassendsten Geistern in alle Ewigkeit nicht erschöpft werden wird, ja auch nicht durch die ganze Menge der Erlösten, die doch kein Mensch zählen kann. Auf die Fragen dieses Verses kann niemals eine Antwort erfolgen, die Herausforderung von niemand angenommen werden, es sei denn in dem bescheidenen Maße, das ein heiliges Leben und ein dankbares Herz erreichen kann.

3. Da der HERR so gütig ist und so wert, gepriesen zu werden, so muss es uns eine Wonne sein, ihm zu gehorchen. Wohl denen, die das Recht halten, dem, der immerdar Gerechtigkeit übt. (Grundt.) Mannigfach sind die Segnungen, welche auf die ganze Gemeinschaft derer herabkommen, die den Weg der Gerechtigkeit einhalten, und besonders auf den so seltenen Einzelnen, der immer in allen Stücken dem folgt, was recht ist. Heiligkeit ist Seligkeit. Der Weg der Gerechtigkeit ist der Weg des Friedens. Dennoch verlassen ihn die Menschen und ziehen die Pfade des Seelenmörders vor. Darum steht die nun folgende Geschichte in traurigem Gegensatz zu dem hier geschilderten Glück, weil Israels Weg nicht der des Rechts und der Gerechtigkeit, sondern der Torheit und Ungerechtigkeit war. Während der Psalmist die Vollkommenheiten Gottes betrachtete, wurde er von dem Eindruck erfüllt, dass die Diener eines solchen Wesens glücklich sein müssten; und wenn er dann Umschau hielt und sah, wie es den zwölf Stämmen in alter Zeit wohlergangen war, wenn sie gehorcht hatten, und Not über sie gekommen war, wenn sie gesündigt hatten, wurde er noch völliger von der Wahrheit seines Schlusses überzeugt. O könnten wir doch nur der Sünde los sein, so wären wir auch alles Kummers ledig! Wir wären nicht nur gerecht, sondern würden auch auf Recht halten; wir wären dann nicht damit zufrieden, gelegentlich recht zu handeln, sondern würden zu jeder Zeit Gerechtigkeit üben.

4. HERR, gedenke mein nach der Gnade, die du deinem Volk verheißen hast (wörtl.: mit dem Wohlwollen gegen dein Volk). So unbedeutend ich bin, vergiss doch mein nicht! Denke huldvoll an mich, wie du deiner Auserwählten gedenkst. Mehr kann ich nicht bitten, doch möchte ich auch nicht weniger begehren. Geh mit mir um wie mit dem Geringsten deiner Heiligen, so bin ich’s zufrieden. Es sollte uns genügen, wenn es uns geht wie den übrigen Kindern Gottes. Wenn ein Bileam nicht mehr wünschte, als des Todes der Gerechten zu sterben, so mögen wir wohl zufrieden sein, wenn es uns im Leben und Sterben geht wie ihnen. Bei solcher Gesinnung verginge uns der Wunsch, von Versuchung, Verfolgung und Züchtigung verschont zu bleiben. Sie sind nun einmal das Los der Heiligen; warum sollten sie uns erspart werden?

  Soll ich auf duft’gem Rosenpfühl
  Zum Himmel schweben auf,
  Indes durch Blut und Kampfgewühl
  Die andern führt ihr Lauf?

  Wir bitten mit den Worten unseres Psalms zugleich um das Süße wie um das Bittere, das sie haben. Ruhte des HERRN Gnadenblick auf ihnen, so können auch wir uns nicht ohne sein freundliches Lächeln beruhigen. Wir möchten weilen, wo sie weilen, uns freuen, wie sie sich freuen, Leid tragen, wie sie Leid tragen, und in allen Dingen für immer eins mit ihnen sein, umschlossen von des HERRN Gnade. Die Worte sind ein liebliches Gebet, ebenso demütig und untertänig wie voll hohen und umfassenden Begehrens; die Bitte passt gleichermaßen für einen sterbenden Schächer und einen lebenden Apostel; lasst uns sie jetzt zu der unsrigen machen. Besuche uns (Grundt.: mich) mit deinem Heil (L. 1524). Bringe es mir in mein Heim. Kehre bei mir ein in Herz und Haus und gib mir das Heil, das du bereitet hast und allein geben kannst. Wir hören manchmal davon, dass jemand stirbt durch eine Heimsuchung Gottes; aber hier ist einer, der weiß, dass er nur durch die Einkehr Gottes bei ihm leben kann. Jesus sagte von Zachäus: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren", und dies war so, weil er selbst da eingekehrt war. Es gibt kein Heil, das losgelöst vom HERRN bestehen könnte; er muss selbst damit zu uns kommen, sonst erlangen wir es nie. Wir sind zu krank, zu unsrem großen Arzt zu gehen; darum kommt er zu uns. O dass unser großer Bischof eine allgemeine Kirchenvisitation hielte und seiner ganzen Herde seinen Segen spendete. Bisweilen scheint die zweite Bitte dieses Verses uns zu groß; wir fühlen uns nicht wert, dass der HERR unter unser Dach eingehe. Du mich besuchen, HERR? Kann das sein? Darf ich darum bitten? Und dennoch, ich muss die Bitte wagen, denn du allein kannst mir Heil bringen; darum, HERR, flehe ich dich an, komm zu mir und bleibe bei mir immerdar!

5. Dass ich (Grundt.) sehen möge die Wohlfahrt deiner Auserwählten. Sein Verlangen nach Erweisung der göttlichen Huld wurde durch die Hoffnung bestärkt, dass er dann an all dem Guten werde teilnehmen dürfen, das dem Volke Gottes dank seiner Erwählung zufließt. Der Vater hat uns gesegnet mit allerlei geistlichem Segen durch Jesum Christum, da er uns in ihm erwählt hat; und dieser kostbaren Segnungen wünschen wir teilhaftig zu werden durch den heilbringenden Besuch des HERRN. Wir begehren kein anderes Glück zu sehen, zu genießen und zu ergreifen als dasjenige, welches den besonderen Schatz der Heiligen ausmacht. Und mich freuen an der Freude deines Volkes. (Wörtl.) Nachdem der Psalmist um sein Teil an den Gütern der Auserwählten nachgesucht hat, erbittet er sich nun auch Anteil an ihrer Freude: denn von allen Völkern unter dem Himmel sind die Kinder Gottes das glücklichste. Und mich rühmen mit deinem Erbteil. Er wollte Anteil haben an ihrer Ehre ebenso wie an ihrer Freude. Er war entschlossen, seine Ehre da zu finden, wo die Heiligen sie finden. Dem HERRN zu dienen und um seinetwillen Schmach zu tragen ist die Herrlichkeit der Heiligen hienieden -: HERR, gönne mir die Freude, hiervon mein Teil zu bekommen! Bei Gott droben zu sein, selig für immer in Jesu Christo, ist die Herrlichkeit der Heiligen droben: o HERR, lass es dir gefallen, auch dort mir einen Platz zuzuteilen!
  Obgleich diese einleitenden Worte des Dankes und der Bitte am Anfange des Psalmes stehen, sind sie doch zweifellos das Ergebnis der ihnen folgenden Betrachtungen und können nicht nur als die Vorrede, sondern auch als die Schlussfolgerung des ganzen heiligen Liedes angesehen werden.
6. Wir haben gesündigt samt unsern Vätern,
wir haben missgehandelt und sind gottlos gewesen.
7. Unsre Väter in Ägypten wollten deine Wunder nicht verstehen;
sie gedachten nicht an deine große Güte
und waren ungehorsam am Meer, am Schilfmeere.
8. Er half ihnen aber um seines Namens willen,
dass er seine Macht beweise.
9. Und er schalt das Schilfmeer, da ward’s trocken;
und führte sie durch die Tiefen wie in einer Wüste
10. und half ihnen von der Hand des, der sie hasste,
und erlöste sie von der Hand des Feindes;
11. und die Wasser ersäuften ihre Widersacher,
dass nicht einer übrig blieb.
12. Da glaubten sie an seine Worte
und sangen sein Lob.

6. Wir haben gesündigt samt unsern Vätern. Hier beginnt eine lange, ins Einzelne gehende Beichte. Die Sünde zu bekennen ist der geradeste Weg, eine Antwort aus die am Schlusse von V. 4 ausgesprochene Bitte zu erlangen: Gott sucht mit seinem Heil die Seele heim, die anerkennt, eines Heilands zu bedürfen. Dass sie in Gemeinschaft mit ihren Vätern sündigen, kann man von solchen Menschen sagen, die ihren Vätern im Bösen nachahmen, dieselben Ziele verfolgen und ihr ganzes Leben zu einer bloßen Fortsetzung der Torheiten ihrer Vorfahren gestalten. Auch war Israel in der Tat als Volk die ganze Zeit eine Einheit, und die nun beginnende Beichte spricht weniger von der Sünde der Einzelnen als von der Sünde des Volkes in seiner Gesamtheit. Die Einzelnen erfreuten sich nationaler Vorrechte als Glieder des Volkes der Wahl, darum hatten sie auch mitzutragen an der nationalen Schuld. Wir haben missgehandelt und sind gottlos gewesen. So wird das Bekenntnis dreimal wiederholt, ein Zeichen, dass es aufrichtig war und von Herzen kam. Unsere Sünden der Unterlassung, der Schwachheit und des offenen Widerstrebens sollten wir in unserem Bekenntnis deutlich unterscheiden, um eine gebührende Empfindung von der Menge und der Abscheulichkeit unserer Missetaten an den Tag zu legen.

7. Unsre Väter in Ägypten wollten deine Wunder nicht verstehen. Die Israeliten sahen die wunderbaren Plagen, aber sie staunten sie an als Leute, die nichts davon begriffen. Die Liebesabsichten dieser Wunder, die tiefen sittlichen und geistlichen Lehren und die Offenbarungen göttlicher Macht und Gerechtigkeit, die darin lagen, konnten sie nicht erfassen. Der lange Aufenthalt unter Götzendienern hatte den Geistesblick des auserwählten Geschlechts getrübt und die unbarmherzige Sklaverei es heruntergebracht zu geistiger Trägheit und Stumpfheit. Ach, wie viele Wunder Gottes werden auch von uns nicht wahrgenommen oder falsch verstanden! Wir fürchten, die Söhne haben es darin nicht viel weiter gebracht als die Väter. Wir erben von unsern Vätern viel Sünde und wenig Weisheit; sie konnten uns nur hinterlassen, was sie selbst besaßen. Wir ersehen aus unserem Verse, dass der Mangel an Verständnis keine Entschuldigung für die Sünde ist; er bildete vielmehr selbst einen Posten in Israels Schuldliste. Sie gedachten nicht an deine große Güte oder der Fülle deiner Gnaden. Sünden des Verständnisses führen zu Sünden des Gedächtnisses. Was man nicht begriffen hat, vergisst man bald. Hülsen aufzubewahren gibt sich niemand Mühe; weiß man nichts von dem Kern, der darin steckt, so achtet man der Schalen nicht. Israels Sünde war umso schwerer, als der Gnadenerweisungen Gottes eine solche Fülle war und sie sie dennoch vergessen konnten. Es hätten doch einige aus dieser Menge von Wohltaten ihrem Herzen unvergesslich eingeprägt sein sollen; aber wenn die Gnade uns nicht das rechte Verständnis gibt, wird die Natur bald das Andenken an Gottes große Güte auslöschen. Und waren widerspenstig am Meer, am Schilfmeere. Schon gleich am Beginn des Laufs auszubrechen ist ein schlechtes Zeichen für einen Renner. Wer nicht einmal einen guten Anfang macht, von dem kann man schwerlich erwarten, dass er zum guten Ende kommen werde. Noch ist Israel nicht ganz aus Ägypten, da fängt es schon an, Gott zu erzürnen, indem es an seiner Macht es zu befreien und an der treuen Erfüllung seiner Verheißung zweifelt. Das Meer hieß nur rot, aber ihre Sünden waren wirklich scharlachrot.

8. Er half ihnen aber um seines Namens willen, dass er seine Macht kundtäte. Konnte er sonst keinen Grund finden für seine Gnadentaten, so fand er ihn in seiner eigenen Verherrlichung und nahm die Gelegenheit wahr, seine Macht zu entfalten. Verdient Israel es nicht, errettet zu werden, so muss doch Pharaos Stolz zerschmettert werden; darum soll Israel Befreiung erfahren. Der HERR wacht eifrig über seines Namens Ehre. Man soll nie von ihm sagen, dass er sein Volk nicht erretten könne oder wolle, oder dass er den Übermut seiner trotzigen Feinde nicht zu Boden zu schlagen vermöge. Diese Rücksicht auf seine eigene Ehre führt ihn je und je zu Taten der Gnade; darum können wir froh sein, dass er ein eifriger Gott ist.

9. Und er schalt das Schilfmeer, da ward’s trocken. Ein Wörtlein tat’s. Das Meer hörte seine Stimme und gehorchte. Wie oft schilt Gottes Wort uns umsonst! Sind wir nicht unlenksamer als der Ozean? Gott fuhr gleichsam das Meer an: "Was sperrst du meinem Volke den Weg? Ihr Pfad nach Kanaan führt quer durch dein Bett, wie darfst du sie aufhalten?" Das Meer erkannte seinen Herrscher und den königlichen Samen und gab alsbald den Weg frei. Und führte sie durch die Tiefen wie in einer Wüste. Als wandelte es auf den Angern der Wüste, so zog das Volk über den Grund des Meeres, und ihr Zug war nicht verwegen - hieß Er sie doch gehen, noch gefährlich - Er führte sie ja. Auch wir sind unter Gottes Schutz schon durch viel Anfechtungen und Trübsale gegangen und haben dabei, weil wir den HERRN zu unserem Führer hatten, weder Furcht empfunden noch Gefahren erlebt. Wir sind durch die Fluten geführt worden als auf trockenem Land.

10. Und half ihnen von der Hand des, der sie hasste. Pharao lag auf dem Meeresgrund, und Ägyptens Macht war so lahmgelegt, dass Israel durch all die vierzig Jahre seiner Wanderung nie wieder von seinen alten Zwingherren bedroht wurde. Und erlöste sie von der Hand des Feindes. Das war eine Erlösung mit starkem Arm, eines der lehrreichsten Vorbilder auf die Erlösung des Volkes des HERRN von Sünde und Hölle durch die Kraft, die da in uns wirkt.

11. Und die Wasser ersäuften (wörtl. bedeckten) ihre Widersacher, dass nicht einer übrig blieb. Der HERR tut nichts halb. Was er anfängt, führt er durch. Doch machte dies auch Israels Sünde desto größer; sahen sie doch, wie gründlich Gott richtet und wie vollkommen seine Treue ist. Dass das Wasser die Feinde bedeckte, ist ein Vorbild der Vergebung unserer Sünden; sie sind wie ins Meer versenkt, um nie wieder emporzutauchen; und, gelobt sei Gott, es ist nicht eine übrig geblieben, nicht eine einzige Sünde, ob in Gedanken, Worten oder Werken begangen, Jesu Blut hat sie alle bedeckt! Es ist erfüllt, was Micha (7,19) prophezeit hat: Er wird alle unsere Sünden in die Tiefen des Meers werfen.

12. Da glaubten sie an seine Worte ; das heißt also: sie glaubten die Verheißung, als sie sie erfüllt sahen, eher nicht. Diese Bemerkung dient nicht zu ihrem Lob, sondern zu ihrer Schande. Leute, die Gottes Wort nicht glauben, bis sie es erfüllt sehen, zählen überhaupt nicht zu den Gläubigen. Wer sollte wohl nicht glauben, wenn die Tatsache ihm ins Angesicht starrt? Das hätten die Ägypter ebenso getan. Und sangen sein Lob. Wie konnten sie auch anders? Ihr Lied war überaus herrlich und ist ein Vorbild des himmlischen Lobgesanges (Off. 15,3); aber so lieblich dieser Gesang war, so kurz war er auch, und als er zu Ende war, begannen sie zu murren. Vom Singen zum Sündigen war es bei Israel kaum ein Schritt. Ihr Singen war gut, solange es währte, aber kaum begonnen war es schon wieder aus.
13. Aber sie vergaßen bald seiner Werke,
sie warteten nicht seines Rats.
14. Und sie wurden lüstern in der Wüste
und versuchten Gott in der Einöde.
15. Er aber gab ihnen ihre Bitte
und sandte ihnen genug, bis ihnen davor ekelte.

13. Aber sie vergaßen bald seiner Werke. Es war ihnen allem Anschein nach darum zu tun, die Gnadentaten des HERRN so schnell wie nur möglich aus dem Gedächtnis zu bekommen; sie beeilten sich, undankbar zu sein. Sie warteten nicht seines Rats. Weder sein Befehlswort noch sein verheißendes Wort warteten sie ab, da sie darauf erpicht waren, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selber zu vertrauen. Das ist noch heute ein allgemeiner Fehler bei dem Volk des HERRN; wir lernen es nur sehr langsam, auf des HERRN Wink zu warten und seiner Hilfe zu harren. Bei ihm ist beides, Rat und Stärke; wir aber sind eitel genug, sie bei uns selbst zu suchen. Darum machen wir so böse Irrwege.

14. Und sie wurden lüstern in der Wüste. Auf Gottes Willen wollten sie nicht warten; dagegen brennen sie nun vor Begierde, ihren eigenen Willen zu bekommen. Als sie die zuträglichste und wohlschmeckendste Speise in Fülle hatten, mundete diese ihnen doch nicht lange, sondern sie wurden naschhaft, rümpften verächtlich die Nase über das Engelbrot und mussten durchaus Fleisch haben, das doch in dem heißen Klima und bei ihrem bequemen Leben ungesunde Kost war. Diese Begier hegten sie, bis sie bei ihnen zur Sucht wurde und sie fortriss wie ein wildes Ross seinen Reiter. Für ein Fleischgericht waren sie bereit, ihrem Gott Valet zu sagen und das Land daranzugeben, das von Milch und Honig floss. Welch ein Wunder, dass Gott sie nicht beim Wort nahm! Jedenfalls musste es ihn im höchsten Grade reizen: und sie versuchten Gott in der Einöde. An dem Ort, wo sie vollständig von ihrem Gott abhingen und jeden Tag durch seine unmittelbare Fürsorge ernährt wurden, hatten sie die Vermessenheit ihn herauszufordern. Er sollte die Pläne seiner Weisheit ändern, ihre sinnlichen Gelüste gewähren und Wunder wirken, um ihrem gottlosen Unglauben entgegenzukommen. Der Ewige gibt freilich uns zu Gefallen seine Heiligkeit nicht preis; aber sie gingen so weit wie möglich, um ihn dahin zu bringen. Ihr gottloses Unterfangen schlug fehl nicht wegen irgendetwas Gutem auf ihrer Seite, sondern weil Gott nicht kann versucht werden; Versuchung hat über ihn keine Macht, er weicht weder den Drohungen noch den Versprechungen der Menschen.

15. Da gab er ihnen ihr Begehren. Gott kann eine Bitte im Zorn gewähren und aus Liebe abschlagen. Dass Gott jemand seinen Wunsch erfüllt, beweist noch nicht, dass er bei ihm in Gunst steht; es kommt ganz darauf an, was für ein Wunsch das war. Und (engl. Übers.: aber er) schickte Auszehrung in ihr Inneres. (Grundt.) Ach dieses Aber! Es vergällte ihnen alles. Das Fleisch war Gift für sie, da Gottes Segen nicht darauf ruhte.1 Wie gerne hätte Israel wohl seine Bitte unterlassen, wenn es gewusst hätte, was die Erhörung nach sich ziehen werde. Gebete der Lüsternheit kosten hernach viele Tränen. Wir seufzen und stöhnen vor Ungeduld, bis wir haben, was wir wollen - und dann fängt das Stöhnen erst recht an, weil die Erfüllung unseres Wunsches in schmerzlicher Enttäuschung mündet.
16. Und sie empörten sich wider Mose im Lager,
wider Aaron, den Heiligen des HERRN.
17. Die Erde tat sich auf und verschlang Datan
und deckte zu die Rotte Abirams,
18. und Feuer ward unter ihrer Rotte angezündet,
die Flamme verbrannte die Gottlosen.

16. Und sie empörten sich (eifersüchtig) wider Mose im Lager. Obwohl sie ihm als dem auserwählten Rüstzeug des HERRN alles zu verdanken hatten, missgönnten sie ihm die Autorität, die er doch zu ihrem Heil ausüben musste. Einige zeigten offener ihren aufrührerischen Sinn und wurden die Anführer der Empörung, aber der Geist der Unzufriedenheit war allgemein; darum wird die Auflehnung dem ganzen Volke zur Last gelegt. Wer darf hoffen dem Neid zu entgehen, wenn der sanftmütigste der Menschen (4. Mose 12,3) die Zielscheibe desselben geworden ist? Wie unvernünftig war diese Eifersucht, da Mose der Mann war, der im ganzen Lager am härtesten arbeitete und am meisten zu tragen hatte! Sie hätten von ganzem Herzen zu ihm stehen und ihm seine schwere Bürde zu erleichtern suchen sollen; ihn zu beneiden war lächerlich. Wider Aaron, den Heiligen des HERRN. Durch göttliche Wahl war Aaron ausgesondert, dem HERRN geheiligt zu sein; anstatt nun Gott zu danken, dass seine Gnade ihnen einen Hohenpriester geschenkt hatte, durch dessen Vermittlung ihre Gebete dargebracht werden sollten, benörgelten sie die göttliche Wahl und haderten mit dem Mann, der für sie zu opfern hatte. So war ihnen weder die staatliche noch die kirchliche Ordnung recht; dem Mose wollten sie das Zepter, Aaron die Mitra entreißen. Es ist ein Kennzeichen schlechter Menschen, dass sie auf die Guten neidisch und gegen ihre größten Wohltäter gehässig sind.

17. Die Erde tat sich auf und verschlang Datan und deckte zu die Rotte Abiram. Korah wird nicht erwähnt, weil sein Haus begnadigt wurde, obgleich er selbst umkam. Die Erde konnte nicht länger die Last dieser Empörer und Undankbaren tragen. Gottes Geduld war erschöpft, als sie anfingen, über seine Knecht herzufallen; denn seine Kinder sind ihm sehr teuer. Wer sie antastet, der tastet seinen Augapfel an. Auf Moses Wort hatte das Meer sich zu ihrer Befreiung aufgetan, und nun, da sie ihn erzürnen, tut sich die Erde auf zu ihrem Untergang. Es war Zeit, dass die Schande ihrer Sünde bedeckt wurde und die Erde ihren Mund auftat, um die zu verschlingen, die ihren Mund gegen den HERRN und seine Knechte aufgetan hatten

18. Und Feuer ward unter ihrer Rotte angezündet, die Flamme verbrannte die Gottlosen. Diejenigen Leviten samt ihrem Anhang, die es mit Korah hielten, kamen durch Feuer um; dieser Tod passte so recht für die, welche sich ins Priestertum hinein drängten und somit fremdes Feuer darbrachten. Gott hat mehr denn einen Pfeil in seinem Köcher; Feuer kann die verzehren, die das Erdbeben übrig lässt. Diese schrecklichen Gerichte sind hier erwähnt, um zu zeigen, wie hartnäckig das Volk fortfuhr, sich gegen den HERRN aufzulehnen. Schreckensgerichte waren an ihnen ebenso verloren wie Liebesbeweise; bei ihnen half kein Ziehen und kein Treiben.
19. Sie machten ein Kalb in Horeb
und beteten an das gegossene Bild
20. und verwandelten ihre Ehre
in ein Gleichnis eines Ochsen, der Gras frisst.
21. Sie vergaßen Gottes, ihres Heilands,
der so große Dinge in Ägypten getan hatte,
22. Wunder im Lande Hams
und schreckliche Werke am Schilfmeer.
23. Und er sprach, er wollte sie vertilgen,
wo nicht Mose, sein Auserwählter,
in den Riss getreten wäre vor ihm,
seinen Grimm abzuwenden, auf dass er sie nicht gar verderbte.

19. Sie machten ein Kalb in Horeb. An eben dem Ort, wo sie dem HERRN feierlich Gehorsam geschworen hatten, brachen sie das zweite, wenn nicht schon das erste seiner Gebote, indem sie das ägyptische Gottesbild, einen Stier, aufstellten und sich davor niederwarfen. Das Bild des Ochsen wird hier, wie auch sonst oft, verächtlich ein Kalb genannt. Götzenbilder verdienen keine Ehrfurcht. Der Spott ist nie berechtigter, als wenn er sich über einen der vielen Versuche, den unsichtbaren Gott sinnfällig darzustellen, ergießt. Die Israeliten waren in der Tat Narren, als sie meinten, auch nur den geringsten Schimmer der göttlichen Herrlichkeit in einem Bullochsen, ja in dem bloßen Bildnis eines solchen zu sehen. Zu glauben, das Bild eines Stiers könne ein Bild Gottes sein, erforderte wirklich große Leichtgläubigkeit. Und beteten an das gegossene Bild. Ihm erwiesen sie göttliche Ehre und sagten: Das sind deine Götter, oder wohl richtiger: das ist dein Gott, Israel. Das war der helle Wahnwitz. Nach der gleichen Weise meinen auch die Ritualisten (siehe über diese Band I, S. 567 f.), durchaus ihre Bilder haben und ihrer viel machen zu müssen. Für geistliche Gottesverehrung scheinen sie keine Verständnisfähigkeit zu haben; ihr Gottesdienst ist im höchsten Grade sinnlich, er wendet sich an Auge, Ohr und Nase. Ach, dass die Menschen so töricht sind, sich die Tür zu wohlgefälligem Gottesdienst selbst zu versperren und den Weg der Anbetung im Geist und in der Wahrheit, der für unsere Natur ohnehin schon schwer ist, sich noch mehr zu erschweren durch die Steine des Anstoßes, die sie darauf werfen. Wir haben oft genug den Reichtum des römischen Kultus in hohen Worten rühmen hören; aber wenn ein Götzenbild auch aus Gold gemacht ist, ist es deswegen noch nicht um ein Jota weniger verabscheuungswürdig, als wenn es aus Dreck und Unrat gemacht wäre. Die Schönheit der Kunst kann die Hässlichkeit der Sünde nicht verhüllen. Man spricht wohl von der eindrucksvollen Sinnigkeit der Bilder; aber was hat das zu sagen, wenn Gott ihren Gebrauch verbietet? Umsonst wendet man auch ein, es sei aber doch Wärme und Eifer in solchem Gottesdienst. Umso schlimmer; es steigert nur die Übertretung, wenn man mit dem ganzen Herzen bei einer verbotenen Handlung ist.

20. Und verwandelten ihre Ehre in ein Gleichnis eines Ochsen, der Gras frisst. Sie sagten, dass sie damit nur den einen Gott verehren wollten unter einem passenden und ausdrucksvollen Sinnbilde, in welchem den Massen seine große Kraft vergegenwärtigt werde. Sie wiesen wohl auch, wie andere in unseren Tagen, auf die mächtige Belebung des religiösen Eifers hin, die auf diese Rückkehr zu einem prunkvolleren Zeremoniell folgte; denn das Volk drängte sich um Aaron und tanzte vor dem Kalbe mit aller Macht. In Wirklichkeit aber hatten sie den wahren Gott aufgegeben, den anzubeten ihre Ehre gewesen war, und hatten einen Nebenbuhler, nicht ein Bild von ihm aufgestellt; denn wie könnte er mit einem Bullochsen verglichen werden? Der Psalmist spricht darüber voll Verachtung, und mit Recht; Unehrerbietigkeit gegen die Götzen ist die Kehrseite der Ehrfurcht vor Gott. Falsche Götter jeder Art, alle Versuche, den wahren Gott bildlich darzustellen, und überhaupt jede religiöse Verehrung und Anbetung materieller Dinge sind lauter Schandflecke auf dem Angesicht der Erde. Wir sprechen viel zu sachte von diesen unerhörten Gräueln: Gott verabscheut sie, so sollten wir es auch tun. Die Herrlichkeit der geistlichen Gottesverehrung für äußeres Gepränge hinzugeben ist der Gipfel der Verblendung und verdient, danach behandelt zu werden.

21.22. Sie vergaßen Gottes, ihres Heilands. Indem sie auf das Kalb ihr Denken richteten, hatten sie schon Gottes vergessen. Er hatte ihnen geboten, sich kein Bildnis zu machen, und indem sie sich unterstanden, ungehorsam zu sein, vergaßen sie seine Gebote. Überdies müssen sie ganz die wahre Natur Jehovahs aus dem Sinn verloren haben, sonst hätten sie nie ein grasfressendes Tier zu seinem Gleichnis machen können. Manche Leute meinen, sie könnten ihre Sünden und ihren Gott zugleich festhalten, während in Wahrheit, wer sündigt, schon so weit von dem HERRN abgekommen ist, dass er ihn tatsächlich vergessen hat. Der so große Dinge in Ägypten getan hatte. Gott hatte dort alle Götzen überwältigt, und doch vergaßen sie ihn so sehr, dass sie ihn mit jenen verglichen. Konnte ein Ochse Wunder wirken? Konnte ein Goldenes Kalb über Israels Feinde Plagen senden? Es war Unvernunft, solch ein jämmerliches Widerspiel der Gottheit aufzustellen, nachdem sie gesehen hatten, was der wahre Gott in Wirklichkeit vermag. Wunder im Lande Hams und schreckliche Werke am Schilfmeer. Sie hatten verschiedene Reihen von Wundern gesehen; der HERR tat nicht kärglich mit Beweisen seiner ewigen Macht und Gottheit. Und doch genügte es ihnen nicht, ihn auf die von ihm verordnete Weise anzubeten; sie mussten durchaus eine Liturgie eigener Erfindung haben, ein kunstvolles Ritual, nach dem alten ägyptischen Muster ausgearbeitet, und einen greifbaren Gegenstand der Verehrung, der ihnen hülfe, Jehovah anzubeten. Das war genug, den HERRN herauszufordern; wie oft aber auch in unserem eigenen Lande sein Unwille erregt wird, kann gar niemand sagen.

23. Und er sprach, er wollte sie vertilgen. Die Drohung der Vertilgung kam zuletzt. Zur Strafe für die erste Sünde in der Wüste sandte er Auszehrung in ihr Inneres, für die zweite rottete er die Schuldigen aus, die Flamme fraß die Gottlosen; für die dritte drohte er sie zu vertilgen; für die vierte erhob er seine Hand wider sie und hätte sie beinahe niedergeschlagen (V. 26); für die fünfte schlug er sie wirklich: da brach die Plage unter sie (V. 29), und so wurde die Strafe in dem Maße ihres Beharrens in der Sünde schwerer. Das ist beachtenswert und sollte jedem zur Warnung dienen, der in seinen Missetaten fortfährt. Gott versucht’s mit Worten, ehe er mit Streichen kommt: er sprach, er wollte sie vertilgen; aber mit seinen Worten ist nicht zu spaßen, denn es ist ihm ernst damit und er hat die Macht sie auszuführen. Wo nicht Mose, sein Auserwählter, in den Riss getreten wäre vor ihm. Gleich einem Helden, der kühn die Mauer deckt, die schon dem Feinde eine Bresche bietet, durch welche das Verderben sich über die Stadt zu ergießen droht, so hielt Mose die rächende Gerechtigkeit mit seinen Gebeten auf. Mose hatte großen Einfluss bei Gott. Er war ein besonderes Vorbild unseres Herrn, der ähnlich wie Mose hier genannt wird "mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat." Wie der auserkorene Erlöser zwischen dem HERRN und einer sündigen Menschheit ins Mittel trat, so stellte sich hier Mose zwischen Jehovah und sein ihn erzürnendes Volk. Diese Geschichte, wie Mose selbst sie erzählt, ist höchst anziehend und lehrreich und dient sehr dazu, die Güte des HERRN zu verherrlichen, der sich so von seinem heftigen Grimm abbringen ließ. In selbstlosem Liebesdrang und edlem Verzicht auf die ihm und seinem Hause angebotenen Vorrechte legte der große Gesetzgeber bei dem HERRN Fürsprache ein, seinen Grimm abzuwenden, auf dass er sie nicht gar verderbte. Seht, was die Fürbitte eines Gerechten vermag! So mächtig Israels Sünde war, die Rache herauszufordern, war das Gebet doch noch mächtiger, sie abzuwenden. Wie eifrig sollten wir bei dem HERRN für diese schuldbeladene Welt eintreten, und sonderlich für sein eigenes untreues Volk! Wer wollte nicht eine so wirksame Macht zu einem so heilvollen Zwecke ausüben? Der HERR hört noch auf die Stimme eines Menschen; sollen sich denn unsre Stimmen nicht oft hören lassen in der Fürbitte für eine sündige Menschheit?
24. Und sie verachteten das liebe Land,
sie glaubten seinem Wort nicht
25. und murrten in ihren Hütten;
sie gehorchten der Stimme des HERRN nicht.
26. Und er hob auf seine Hand wider sie,
dass er sie niederschlüge in der Wüste
27. und würfe ihren Samen unter die Heiden
und zerstreute sie in die Länder.

24. Und sie verachteten das wonnige Land. (Grundt.) Sie sprachen verächtlich davon, während es doch das Kleinod unter den Ländern war. Sie hielten es nicht für der Mühe wert, es zu erstreben und zu erobern; sie sprachen sogar von Ägypten, dem Lande, wo sie in eisernen Fesseln der Sklaverei geschmachtet hatten, so, als zögen sie es Kanaan vor, dem Lande, da Milch und Honig floss. Es ist ein schlechtes Zeichen für einen Christen, wenn er anfängt, von dem Himmel und himmlischen Dingen gering zu denken; das zeigt, dass es in seinem Innern nicht mehr stimmt, dass sein Sinn verkehrt ist. Überdies ist es eine schwere Beleidigung für den HERRN, das zu verachten, was er so hoch schätzt, dass er es in seiner unendlichen Liebe für seine Auserwählten vorbehält. Irdische Dinge den himmlischen Segnungen vorziehen heißt Ägypten für Kanaan wählen, das Land der Knechtschaft statt des Landes der Verheißung. Sie glaubten seinem Wort nicht. Das ist die Grundsünde, die Wurzel alles andern Bösen. Glauben wir Gottes Wort nicht, so werden wir natürlich auch die Gaben, die es verheißt, nicht achten. Sie konnten nicht hineinkommen um des Unglaubens willen (Hebr. 3,19) - das war der Schlüssel, der die Pforte vor ihnen zuschloss. Wenn Pilger nach der himmlischen Stadt dem Herrn des Weges misstrauen, so werden sie bald auch von der Ruhe, die ihrer am Ende der Reise wartet, geringschätzig denken, und dies ist das sicherste Mittel, sie zu schlechten Wanderern zu machen. Der Unglaube Israels verlangte (5. Mose 1,22) Kundschafter, das Land zu erforschen; der Bericht, den diese brachten, war vermischter Art, und daraus sprosste eine neue Unglaubenssaat auf mit höchst beklagenswerten Folgen.

25. Und murrten in ihren Hütten. Vom Unglauben zum Murren ist nur ein kleiner, leichter Schritt. Sie fingen sogar an zu weinen und zu jammern (4. Mose 14,1), wo sie doch allen Grund hatten zu frohlocken. Das Murren ist eine schwere Sünde, nicht eine bloße Schwachheit; es schließt Unglauben, Hochmut, Empörung, ja ein ganzes Heer von Sünden ein. Diese Sünde hat zwar anscheinend eine Tugend an sich: die Häuslichkeit, denn die Jammerbasen üben ihr klägliches Gewerbe gewöhnlich in ihren Hütten aus; aber es ist dort ebenso schlimm, als wenn es auf offener Straße geschähe, und kränkt den HERRN nicht minder. Sie gehorchten der Stimme des HERRN nicht. Mit ihrem Gemurre machten sie so viel Lärm, dass sie für ihren besten Freund kein Ohr mehr hatten. Murrende Leute haben immer ein schlechtes Gehör.

26.27. Und er hob auf seine Hand (zum Schwur) wider sie, dass er sie niederschlüge in der Wüste. Er schwor in seinem Zorn, sie sollten nicht zu seiner Ruhe kommen. Er begann an ihnen Gericht zu üben; da fing alsbald das Sterben unter ihnen an. Gott braucht nur seine Hand wider einen Menschen aufzuheben, so hat seine Stunde geschlagen; schrecklich fällt, wen Jehovah niederwirft. Und würfe ihren Samen unter die Heiden und zerstreute sie in die Länder. Da er voraussah, dass ihre Nachkommen ihre Sünde wiederholen würden, erklärte er feierlich, er werde sie der Gefangenschaft und dem Schwert übergeben. Diejenigen, die in der Wüste hinstarben, waren in gewissem Sinne verbannt aus dem Land der Verheißung und, von vielen feindlichen Stämmen umringt, tatsächlich in fremdem Lande; fern von dem Erbland ihrer Väter sterben zu müssen, war ein gerechtes und schweres Gericht, das sie durch ihre Empörung reichlich verdient hatten. Unser eigener Mangel an Gemeinschaft mit Gott und die Zwistigkeiten in unseren Gemeinden sind zweifellos oft göttliche Züchtigungen für die Sünden, aus denen sie erwachsen. Ehren wir den HERRN nicht, so können wir auch nicht erwarten, dass er uns ehre. Unsere hoch gepriesene Freiheit wird sich bald in jämmerliche Knechtschaft, unser Adel in Gefangenschaft verwandeln, wenn wir unserer Abhängigkeit vom HERRN vergessen und seine Gnade gering achten. Unser Singen wird sich in Seufzen verkehren und unser Jubel in Jammer, wenn wir dem HERRN zuwider wandeln.
28. Und sie hingen sich an den Baal-Peor
und aßen von den Opfern der toten Götzen
29. und erzürnten ihn mit ihrem Tun;
da brach auch die Plage unter sie.
30. Da trat herzu Pinehas und schlichtete die Sache;
da ward der Plage gesteuert;
31. und ward ihm gerechnet zur Gerechtigkeit
für und für ewiglich.

28. Und sie hingen sich an den Baal-Peor. Der selbsterwählte Formendienst führte zur Anbetung falscher Götter. Wenn wir eine falsche Weise des Gottesdienstes erwählen, werden wir in nicht allzu ferner Zeit auch einen falschen Gott erwählen. Baal-Peor, dieser Gräuel der Moabiter, war ein Götze, in dessen Dienst die Frauen ihren Leib der schamlosesten Fleischeslust preisgaben, wie dies auch in dem Namen des Götzen wie in dem hier gebrauchten Zeitwort (vergl. dazu 1.Kor. 6,16) angedeutet sein mag. Und so tief sank das Volk des heiligen Gottes! Und aßen von den Opfern der Toten, d. i. der toten Götzen. Zu den wüsten Gelagen, womit die Baalsdiener ihren verabscheuungswürdigen Götzendienst feierten, kamen auch die Israeliten und ließen sich sogar in den inneren Kreis der eigentlichen Götzenanbeter aufnehmen, indem sie an den Opfern teilnahmen, wiewohl die Götter nur tote Götzen waren. Vielleicht beteiligten sie sich auch an Totenbeschwörungen, die bezweckten, einen Verkehr mit abgeschiedenen Geistern herzustellen, und wollten so das Siegel der göttlichen Vorsehung brechen und in die geheimen Kammern eindringen, die Gott verschlossen hat. Menschenkinder, die es leid geworden sind, den lebendigen Gott zu suchen, haben je und je eine Neigung zu schwarzen Künsten gezeigt und Umgang mit Dämonen und Geistern angestrebt. Welch kräftigen Irrtümern werden oft solche preisgegeben, die die Furcht Gottes von sich werfen! Diese Bemerkung ist leider heute ebenso nötig wie in alten Tagen.

29. Und erzürnten ihn mit ihrem Tun; da brach auch die Plage unter sie. Solche öffentliche Ausschweifung und unverhohlene Abgötterei waren zu stark, um übersehen werden zu können. Diesmal schrien die Übertretungen nach rächendem Gericht, und dies erfolgte alsbald. Vierundzwanzigtausend Menschenleben gingen an einer tödlichen Krankheit zu Grunde, die plötzlich ausbrach und das ganze Lager zu ergreifen drohte. Die neue Sünde beschwor auch eine für sie neue Krankheit über sie herauf. Wenn die Menschen ihre Erfindungsgabe dazu anwenden, Sünden zu ersinnen, so säumt auch Gott nicht, Strafen dafür zu erfinden. Ihre Laster waren eine sittliche Pest; darum wurden sie mit einer Pest an ihrem Leibe heimgesucht. So zahlt Gott mit gleicher Münze heim.

30. Da trat herzu Pinehas und vollzog Gericht (Grundt.); da ward der Plage gesteuert. Gott hat auch in den schlimmsten Zeiten seine Streiter, die auf den Kampfplatz treten, wenn der Augenblick für sie gekommen ist. Seine gerechte Entrüstung riss den Pinehas hin zu einer schnellen Straftat an zwei offenbaren Missetätern. Sein ehrenhafter Sinn konnte es nicht ertragen, dass öffentlich Unzucht getrieben werde, und das zu einer Zeit, da ganz Israel vor der Hütte des Stifts weinte. (4. Mose 25,6.) Solch dreiste Verhöhnung Gottes und alles Gesetzes konnte er nicht gewähren lassen; so durchbohrte er mit seinem scharfen Speer die beiden Schuldigen mitten in ihrer Tat. Heiliger Zorn war’s, der ihn entflammte, nicht Feindseligkeit gegen die eine oder andere der Personen, welche er tötete. Die Umstände waren so außergewöhnlich und die Sünde so frech, dass es für einen Mann von öffentlichem Beruf eine schwere Verfehlung gewesen wäre, wenn er ruhig zugesehen hätte, wie Gott in dieser Weise verhöhnt und Israel verunreinigt wurde. Pinehas war nicht von diesem Schlag Leute; er war kein Wetterhahn oder Beschöniger der Sünde. Sein Herz hing fest an Gottes Rechtsordnungen, und sein ganzes Wesen glühte von Eifer für Gottes Ehre. Darum nahm er, obwohl er ein Priester war und seinem Amt nach somit nicht verpflichtet, selbst das Gericht zu vollziehen, die unwillkommene Aufgabe auf sich. Und obwohl beide Übertreter fürstlicher Abstammung waren, achtete er doch kein Ansehen der Person, sondern übte an ihnen Gericht, wie wenn sie die Geringsten im Volke gewesen wären. Weil diese kühne und entschiedene Tat bewies, dass es noch aufrichtige Seelen in Israel gab, war sie so angenehm vor Gott, dass die tödliche Heimsuchung nicht weiter ging. Er schlichtete die Sache, wie Luther, mit dem Blick auf den Erfolg, übersetzt. Zweier Tod hatte genügt, das Leben Hunderttausender zu retten.

31. Und ward ihm gerechnet zur Gerechtigkeit für und für (wörtl.: von Geschlecht zu Geschlecht) ewiglich. Bis herab auf die Zeit, da dieser Psalm geschrieben wurde, stand das Haus Pinehas in Israel in Ehren. Seine Treue hatte eine kühne Tat verrichtet, und seine Gerechtigkeit wurde vom HERRN dadurch, dass das Priestertum dauernd in seiner Familie verblieb, bezeugt und geehrt. Er war von so reinen Beweggründen geleitet, dass das, was sonst eine Bluttat gewesen wäre, vor Gott gerechtfertigt war, ja sogar als vollgültiger Beweis dafür galt, dass Pinehas ein Gerechter war. Nicht Ehrgeiz oder persönliche Rachsucht oder selbstsüchtige Leidenschaft oder auch religiöser Fanatismus beseelten den Gottesmann; sondern Eifer um Gott, Empörung über unverhüllte Unflätigkeit und echter Patriotismus drängten ihn zu seiner Tat. Wieder einmal haben wir Ursache, die Gnade Gottes zu beachten, dass er, als sein Befehl schon ergangen und sein Gericht im Vollzug begriffen war, seine Hand wieder zurückzog auf die Bitte eines Mannes hin; er fand darin sozusagen eine Entschuldigung für seine Gnade gegenüber seiner Gerechtigkeit, die augenblickliche Rache zu fordern schien.
32. Und sie erzürnten ihn am Haderwasser,
und Mose ging es übel um ihretwillen.
33. Denn sie betrübten ihm sein Herz,
dass ihm etliche Worte entfuhren.

32. Und sie erzürnten ihn (wörtl. erregten den Grimm) am Haderwasser. Wird es nicht endlich aufhören? Die Verhältnisse werden anders, ihr Verhalten nicht! Schon einmal hatten sie wegen Wassermangels gemurrt, wo ein Gebet die Wüste bald in einen See verwandelt hätte; jetzt aber tun sie es wieder, obwohl sie damals die göttliche Güte erfahren haben. Das machte ihren Frevel zwiefach, ja siebenfach schwer und Gottes Zorn umso furchtbarer. Und Mose ging es übel um ihretwillen. Mose ward zuletzt erschöpft; er begann zornig zu werden auf sie und jede Hoffnung zu verlieren, dass sie je anders werden würden. Können wir uns darüber wundern, da er ein Mensch war und nicht Gott? Nachdem er sie vierzig Jahre getragen hatte, riss dem sanften Mann die Geduld, seine Selbstbeherrschung brach zusammen, und er zeigte unheiligen Zorn; darum ward ihm nicht gestattet, das Land zu betreten, das er so sehnlich zu ererben wünschte. Wohl durfte er vom Berge Pisga einen herrlichen Blick tun über das gute Land in seiner ganzen Ausdehnung (5. Mose 34,1-3), aber der Eintritt wurde ihm verwehrt; so ging es ihm übel. Ihre Sünde reizte ihn, aber er musste die Folgen tragen. So klar es sein mag, dass andere schuldiger sind als wir, so sollten wir doch immer des eingedenk bleiben, dass uns das nicht schützt, sondern ein jeglicher seine eigene Last tragen wird. (Gal. 6,5.)

33. Denn sie betrübten ihm sein Herz,2 dass ihm etliche Worte entfuhren, wörtl.: und er redete unbedacht mit seinen Lippen. Im Vergleich mit den Sünden anderer Leute erscheint diese Verfehlung geringfügig. Aber es war Moses Sünde, des auserwählten Dieners Gottes, der so viel von Gottes Wesen und Walten gesehen und erfahren hatte; darum konnte sie nicht übersehen werden. Er redete nicht gotteslästerlich oder boshaft, sondern nur übereilt und ohne Bedacht. Aber das ist ein bedenklicher Fehler bei einem Gesetzgeber, und sonderlich bei einem solchen, der im Namen Gottes sprach. Diese Stelle ist uns eine der furchtbarsten in der Bibel. Fürwahr, wir dienen einem eifrigen Gott! Dennoch ist er nicht ein harter Herr von rücksichtsloser Strenge; solche Meinung dürfen wir von ihm nicht hegen. Aber wir müssen umso eifriger und argwöhnischer über uns selbst wachen, dass wir umso vorsichtiger wandeln, umso bedachtsamer sprechen, da wir einem solchen Herrn dienen. Auch das wollen wir uns merken, wie sorgfältig wir zu sein haben in der Art und Weise, wie wir den Dienern am Evangelium begegnen, da wir durch Erregung ihres Geistes sie zu unziemlichem Verhalten treiben können, das Gottes Züchtigung über sie bringen würde. Unzufriedene und streitsüchtige Leute lassen sich wenig von den Gefahren träumen, in die sie ihre Seelsorger durch ihr widriges Benehmen bringen.
34. Auch vertilgten sie die Völker nicht,
wie sie doch der HERR geheißen hatte,
35. sondern sie mengten sich unter die Heiden
und lernten derselben Werke
36. und dienten ihren Götzen;
die gerieten ihnen zum Ärgernis.
37. Und sie opferten ihre Söhne
und ihre Töchter den Teufeln
38. und vergossen unschuldig Blut,
das Blut ihrer Söhne und ihrer Töchter,
die sie opferten den Götzen Kanaans,
dass das Land mit Blutschulden befleckt ward;
39. und verunreinigten sich mit ihren Werken
und hurten mit ihrem Tun.
40. Da ergrimmte der Zorn des HERRN über sein Volk
und gewann einen Gräuel an seinem Erbe
41. und gab sie in die Hand der Heiden,
dass über sie herrschten, die ihnen gram waren.
42. Und ihre Feinde ängsteten sie;
und sie wurden gedemütigt unter ihre Hände.
43. Er errettete sie oftmals;
aber sie erzürnten ihn mit ihrem Vornehmen
und wurden wenig um ihrer Missetat willen.

34. Auch vertilgten sie die Völker nicht, wie sie doch der HERR geheißen hatte. Sie waren beauftragt, Gottes Gericht zu vollstrecken an Völkern, die wegen ihrer unnatürlichen Laster zum Tode verurteilt waren; aber infolge von Trägheit, Feigheit und sündiger Nachsicht steckten sie das Schwert zu früh in die Scheide, was ihnen später Gefahr und Unruhe genug brachte. Es ist sehr traurig, dass so manche, die sich zum HERRN bekennen, nicht eifrig auf die Ausrottung jeder inneren und äußeren Sünde ausgehen. Wir schließen Friedensverträge, wo wir den Krieg bis aufs Messer erklären sollten. Wir schützen unser natürliches Temperament, unsere früheren Gewohnheiten, den Druck unserer Verhältnisse vor oder brauchen irgendeine andere schlechte Ausrede zur Rechtfertigung dafür, dass wir uns begnügen, unser Leben in einzelnen Stücken zu heiligen, wenn es überhaupt eine Heiligung ist. Wir sind auch lässig im Strafen der Fehler anderer und geneigt, Sünden zu schonen, die für vornehm gelten und wie Agag (1. Samuel 15,32) mit lustig tänzelnden Schritten einhergehen. Als Maßstab für die Ausrottung der Sünde darf uns nicht unsere Neigung gelten oder die Gewohnheit anderer, sondern des HERRN Befehl. Wir haben keine Ermächtigung, mit irgendeiner Sünde milde zu verfahren, heiße sie wie sie wolle.

35. Sondern sie mengten sich unter die Heiden und lernten derselben Werke. Nicht die Wüste war schuld an Israels Sünde; denn hernach, als sie in dem Gelobten Lande wohnten, waren sie ebenso ungehorsam. Sie fanden schlechte Gesellschaft, und sie gefiel ihnen. Eben die Leute, welche sie hätten vertilgen sollen, machten sie zu ihren Freunden. Wiewohl sie selber schon Fehler genug hatten, waren sie doch bereit, noch bei den unflätigen Kananitern in die Schule zu gehen, um sich in den Künsten der Lasterhaftigkeit noch besser auszubilden. Sicherlich konnten sie doch nichts Gutes lernen von Leuten, die der HERR dem gänzlichen Untergang geweiht hatte. Es wird wenig Leute geben, die Lust hätten, in der Zelle eines zum Tode verurteilten Verbrechers in die Lehre zu gehen; doch Israel setzte sich wirklich zu den Füßen des fluchbeladenen Kanaan und machte denn auch reißende Fortschritte in allen Gräueln. Dies ist auch ein leidiger, aber häufiger Fehler bei solchen, die sich Christen nennen: sie bewegen sich gerne in weltlicher Gesellschaft, bewerben sich um die Gunst von Weltleuten und ahmen weltliche Sitten nach, während es doch ihr Beruf ist, gegen alles solches Zeugnis abzulegen. Es ist unsagbar, wie viel Böses schon aus dem albernen Wesen der Weltförmigkeit hervorgegangen ist.

36. Und dienten ihren Götzen; die gerieten ihnen zum Ärgernis, das ist zum Fallstrick. Sie wurden bezaubert von den Reizen des Götzendienstes, obwohl dieser über seine Anhänger Unheil bringt. Man kann der Sünde nicht dienen, ohne ihren Schwingen zum Opfer zu fallen. Sie ist gleich dem Vogelleim; wer sie berührt, ist schon gefangen. Simson legte sein Haupt in den Schoß der philistäischen Frau, und es dauerte nicht lange, da erwachte er, seiner Locken und seiner Kraft beraubt. Das Spielen mit der Sünde ist verhängnisvoll für unsere geistliche Freiheit.

37.38. Und sie opferten ihre Söhne und ihre Töchter den Teufeln. Das hieß in der Tat umstrickt sein. Sie lagen in den Zauberfesseln eines blutdürstigen Aberglaubens und wurden soweit hingerissen, dass sie sogar Mörder ihrer eigenen Kinder wurden zu Ehren der abscheulichsten Gottheiten, die eher Teufel als Götter waren. Und vergossen unschuldig Blut. Die armen Kleinen, die sie als Opfer umbrachten, hatten an ihrer Sünde noch nicht teilgenommen, und Gott blickte mit äußerster Entrüstung auf den Mord der Unschuldigen. Das Blut ihrer Söhne und ihrer Töchter, die sie opferten den Götzen Kanaans. Wer kann sagen, wozu das Böse ihn noch bringen wird? Es machte diese Menschen nicht nur gottlos, sondern auch unmenschlich. Hätten sie nur einen Augenblick nachgedacht, so hätten sie einsehen müssen, dass eine Gottheit, die an dem von den eigenen Eltern vergossenen Blut ihrer Kinder Gefallen haben konnte, unmöglich eine Gottheit sein könne, sondern eine dämonische Macht sein müsse, wert verabscheut, aber nicht angebetet zu werden. Wie war es nur möglich, dass sie solchen Dienst dem Jehovahs vorzogen? Riss er etwa die Säuglinge vom Busen der Mutter und lächelte bei ihrem Todeswimmern? Aber die Menschen tragen eher noch das eiserne Joch Satans als die sanfte Last des HERRN. Beweist das nicht offenkundig die tiefe Verderbtheit der Herzen? Ist der Mensch nicht gänzlich verderbt - was könnte er noch Schlimmeres tun, wenn er es wäre? Ist das, was in diesem Verse beschrieben wird, nicht das non plus ultra (der denkbar höchste Grad) des Bösen? Dass das Land durch Blutschulden entweiht ward. (Wörtl.) Das Gelobte Land, das Heilige Land, das die Krone aller Länder war, weil Gott daselbst thronte, wurde besudelt mit dem rauchenden Blut unschuldiger Kinder, und zwar durch die blutbefleckten Hände ihrer Eltern, welche sie erwürgten, um Dämonen damit zu huldigen. Wehe, wie musste das den Geist des HERRN reizen, das also entweihte Land den Heiden preiszugeben!

39. Und verunreinigten sich mit ihren Werken und hurten mit ihrem Tun. Nicht nur das Land, auch seine Einwohner wurden befleckt und entweiht. Sie brachen den Ehebund zwischen ihnen und Jehovah und verfielen in geistliche Hurerei. Die Sprache ist derb, aber die Sünde konnte mit weniger starken Ausdrücken nicht passend bezeichnet werden. Wie ein Gatte tief entehrt und bis ins Herz verwundet ist, wenn seine Frau sich der Unzucht ergibt und in seinem eigenen Hause mit einer Menge von Liebhabern buhlt, so war der HERR ergrimmt darüber, dass sein Volk viele Götter und viele Herren in Jehovahs eigenem Lande einführte. Sie machten und ersannen neue Götter und beteten dann an, was sie gemacht hatten. Welcher Wahnwitz! Ihre neuen Gottheiten waren ekelhafte Ungeheuer und grausame Dämonen, und doch huldigten sie ihnen! Welche Gottlosigkeit! Und um diese Torheit und Gottlosigkeit zu begehen, gaben sie den wahren Gott auf, dessen Wunder sie gesehen hatten und dessen auserwähltes Volk sie waren. Das war eine Herausforderung der schlimmsten Art.

40.41. Da ergrimmte der Zorn des HERRN über sein Volk und gewann einen Gräuel an seinem Erbe. Nicht dass er jetzt gleichfalls seinen Bund gebrochen und sein sündigendes Volk ganz verworfen hätte; aber er fühlte die tiefste Entrüstung, ja er blickte mit Abscheu auf sie herab. Das hier beschriebene Gefühl gleicht dem des Gatten, der seine schuldbeladene Frau noch immer liebt und doch, wenn er ihrer Schamlosigkeit gedenkt, fühlt, wie sein ganzes Wesen sich in gerechtem Zorn über sie empört, so dass ihr Anblick schon seine Seele kränkt. Wie weit Gottes Zorn gegen die entbrennen kann, die sein Herz dennoch liebt, wäre schwer zu sagen; jedenfalls hat Israel das Äußerste getan, es an der eigenen Erfahrung zu erproben. Und gab sie in die Hand der Heiden. Damit gab er seinem Abscheu durch die Tat Ausdruck. Er ließ sie die Frucht der Sünde schmecken. Sie schonten die Heiden, vermengten sich mit ihnen und ahmten ihnen nach und hatten bald unter ihnen zu leiden, denn feindliche Horden wurden auf sie losgelassen, sie zu plündern, soviel sie Lust hatten. Die Menschen binden sich Ruten für ihren eigenen Rücken und erfinden sich selber ihre Strafen. Dass über sie herrschten, die ihnen gram waren. Wen könnte das wundern? Sünde bringt nie treue Liebe hervor. Sie verbanden sich mit den Heiden in ihrer Gottlosigkeit, aber ihre Herzen gewannen sie nicht, zogen sich vielmehr ihre Verachtung zu. Wenn wir uns mit den Kindern der Welt einlassen, werden sie bald unsere Herren und Tyrannen werden, und Schlimmeres können wir uns nicht wünschen.

42. Und ihre Feinde ängsteten sie. Das entsprach deren Natur; ein Israelit fährt immer schlecht unter der Hand von Heiden. Ihre Milde gegen die Völker Kanaans erwies sich als Grausamkeit gegen sie selbst. Und sie wurden gedemütigt unter ihre Hände. Sie wurden von Knechtschaft und hartem Dienst niedergebeugt und von Tyrannei zu Boden gedrückt. An ihrem Gott hatten sie einen gütigen Herrn gehabt, aber in denen, mit welchen sie in ihrer Verkehrtheit hatten Brüderschaft schließen wollen, fanden sie Despoten der barbarischsten Art. Wer seinen Gott aufgibt, gibt das Glück hin für Elend. Gott kann unsere Feinde zu Ruten in seiner Hand machen, mit denen er uns zu unserem besten Freunde zurücktreibt.

43. Er errettete sie oftmals. Aus dem Buch der Richter können wir ersehen, wie wahr dieser Satz ist; wieder und wieder wurden ihre Feinde niedergeworfen und wurden sie in Freiheit gesetzt - nur um mit neuer Kraft auf ihre früheren Sündenwege zurückzukehren. Sie aber blieben widerspenstig in ihrem Rat oder Vornehmen. (Grundt.) Mit Überlegung kamen sie überein, sich aufs Neue zu versündigen; der Eigenwille war ihr Ratgeber, und sie folgten ihm zu ihrem eigenen Verderben. Und wurden wenig (wörtl.: sanken zusammen, kamen herunter) durch ihre Missetat. Immer schlimmer wurde das Unglück, das sie über sich brachten, immer tiefer fielen sie in die Sünde und infolgedessen auch ins Elend. In Gruben und Erdhöhlen mussten sie sich verbergen; aller Kriegswaffen wurden sie beraubt und von ihren Unterdrückern ganz und gar verachtet. Sie waren eher ein Haufe Sklaven als ein Volk von Freien, bis der HERR sie in Gnaden wieder erhob. Könnten wir die Schrecken all der Kriege, die Palästina verheerten, und die Verwüstungen, welche Teurung und Hungersnot anrichteten, völlig übersehen, so würde uns schaudern vor den Sünden, die also gestraft wurden. Tief in ihr Inneres musste sich die Sünde der Abgötterei eingefressen haben, sonst würden sie angesichts so schwerer Strafen nicht mit solcher Beharrlichkeit immer wieder in dieselbe zurückgefallen sein. Wir brauchen darüber nicht zu staunen, es gibt noch ein größeres Wunder: der Mensch wählt Sünde und Hölle lieber als Gott und den Himmel.
  Uns, dem Volke Gottes, wird hier die Lehre gegeben, demütig und gewissenhaft vor dem HERRN zu wandeln und vor allem uns zu hüten vor den Abgöttern. Wehe denen, die an dem Götzendienst der großen mit Purpur und Scharlach bekleideten Hure Anteil nehmen; sie werden auch an ihren Plagen teilhaben. Schenke der HERR uns Gnade, den schmalen Weg weiterzupilgern und uns von den Abgöttern jener unbefleckt zu erhalten.
44. Und er sah ihre Not an,
da er ihre Klage hörte
45. und gedachte an seinen Bund, den er mit ihnen gemacht hatte;
und es reute ihn nach seiner großen Güte;
46. und er ließ sie zur Barmherzigkeit kommen
vor allen, die sie gefangen hatten.
47. Hilf uns, HERR, unser Gott,
und bringe uns zusammen aus den Heiden,
dass wir danken deinem heiligen Namen
und rühmen dein Lob.

44. Und er sah ihre Not an, da er ihre Klage hörte. Obwohl sie ihn durch ihr Widerstreben so herausgefordert und solch abscheuliche Gräuel begangen hatten, hörte der HERR ihr Flehen und erbarmte sich über sie. Das ist wunderbar, wahrhaft göttlich! Man hätte denken sollen, Gott würde in Anbetracht dessen, dass sie ihre Ohren seinen Warnungen verschlossen hatten, auch sich ihrem Gebet verschlossen haben; aber nein, er hatte ein Vaterherz, der Anblick ihrer Leiden rührte ihn, der Ton ihrer Klage übermannte sein Herz, und er blickte voll Mitleid und Erbarmen auf sie nieder. Sein stärkster Grimm seinem Volke gegenüber ist nur eine zeitweilig lodernde Flamme, aber seine Liebe brennt ewig wie das Licht seines unvergänglichen Wesens selbst.

45. Und gedachte ihnen zugute (Grundt.) an seinen Bund. Der Bund ist der sichere Grund der Gnade. Und wenn das ganze Gebäude seines sichtbaren Gnadenwirkens, wie es an seinen Heiligen offenbar wird, in Trümmern liegt, steht doch noch der Bund da als das unerschütterliche Fundament seiner Liebe, und auf ihm beginnt der HERR einen neuen Bau der Gnade zu errichten. Die Bundesgnade ist fest wie der Thron Gottes. Und es reute ihn nach seiner großen Güte. Er führte das begonnene Vernichtungsgericht nicht zu Ende. Nach Menschenweise geredet, besann er sich eines andern und überließ sie nicht ihren Feinden zu gänzlicher Vertilgung, weil er sah, dass in diesem Falle sein Bund würde gebrochen werden. Der HERR ist so voller Güte, dass er nicht nur Gnade hat, sondern eine Fülle der Gnaden (Grundt.), und diese liegen allzumal in dem Bunde beschlossen und bergen einen Schatz von Heilsgütern für die irrenden Menschenkinder.

46. Und er ließ sie zur Barmherzigkeit kommen vor allen, die sie gefangen hatten. Da er die Herzen aller Menschen in seiner Hand hat, erweckte er Mitleid selbst in der Brust von Heiden. Gerade wie er für Joseph in Ägypten Freunde fand, erweckte er mitfühlende Herzen für seine gefangenen Knechte. In der allerschlimmsten Lage hat unser Gott Mittel und Wege, die Härte unserer Leiden zu mildern; er kann uns Helfer erstehen lassen aus denen, die unsere Bedränger waren; und er wird es tun, wenn wir in Wahrheit sein Volk sind.

47. Dieser Vers ist das Schlussgebet, das in prophetischem Geiste abgefasst ist für die, welche in künftigen Zeiten Gefangene sein würden, aber auch für alle passte, die vor Davids Thronbesteigung durch die Willkürherrschaft Sauls aus der Heimat vertrieben worden waren oder durch Hunger und Elend in dem eisernen Zeitalter der Richter in die Zerstreuung getrieben und dann in der Fremde geblieben waren. Hilf uns, HERR, unser Gott. Der V. 45 erwähnte Bund ermutigte die Niedergeschlagenen, den HERRN ihren Gott zu nennen, und dies gab ihnen die Kraft, noch kühner zu werden und ihn zu bitten, dass er für sie eintrete und sie rette. Und bringe uns zusammen aus den Heiden. Sie sind der Gottlosigkeit und aller ihrer eigenen Wege müde und verlangen danach, in das von dem HERRN ihnen zu eigen gegebene, von der Völkerwelt abgesonderte Land gebracht zu werden, wo sie sich wieder der Gnadenmittel erfreuen, mit ihren Brüdern heilige Gemeinschaft pflegen, dem ansteckenden Einfluss des schlechten Beispiels entgehen und zum Dienst des HERRN frei sein könnten. Wie oft sehnen sich treue Gotteskinder auch heutzutage danach, einer gottentfremdeten Umgebung entrückt zu werden, in der ihre Seele durch den Wandel der Gottlosen gequält wird. (2. Petr. 2,7 f.) Dass wir danken deinem heiligen Namen und rühmen dein Lob. Nachdem sie des Götzendienstes entwöhnt sind, wünschen sie nur noch Gottes Namen zu nennen und die Wohltaten zu rühmen, die sie seiner ewig währenden Treue und Liebe verdanken. Der HERR hatte ihnen oft geholfen um seines heiligen Namens willen; darum ist es ihnen ein Anliegen, nach ihrer Wiederherstellung allen Dank seinem Retternamen abzustatten. Ja, es solle ihr Ruhm sein, Jehovah zu preisen und sonst nichts.
48. Gelobet sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
und alles Volk spreche: Amen, Hallelujah.

48. Gelobet sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Hat seine Güte in der Tat nicht immerdar gewährt, und soll darum nicht auch sein Lob ebenso lang währen? Jehovah, der Gott Israels, hat sein Volk erhöht; soll es nicht auch ihn erhöhen? Und alles Volk spreche: Amen! Sie alle hat seine Gnade durchgebracht; darum sollen alle sich vereinigen, mit lauter Stimme und einmütig ihn anzubeten. Welchen Jubelsturm des Preises wird das geben! Doch wenn auch das ganze Volk ihn so verherrlichte, ja wenn alle Völker der Vergangenheit und Gegenwart sich zu solchem Freudenjubel der Anbetung vereinigten, so würde es doch noch weit hinter dem zurückbleiben, was Ihm gebührt. Selig der Tag, wo alles Fleisch die Herrlichkeit Gottes sehen und alle laut seinen Ruhm verkündigen werden! Hallelujah, das ist: Preiset den HERRN!
  Lieber Leser, preise auch du den HERRN, wie der Schreiber dieses schwachen Versuchs einer Auslegung des Psalms es jetzt von ganzem Herzen tut.

   Nun, dein erkauftes Volk allhie
   Spricht: Hallelujah! Amen!
   Wir beugen jetzt schon unsre Knie
   In deinem Blut und Namen,
   Bis Du uns bringst zusammen dort
   Aus allem Volk, Geschlecht und Ort.

   Was wird das sein! Wie werden wir
   Von ew’ger Gnade sagen,
   Wie uns Dein Wunderführen hier
   Gesucht, erlöst, getragen!
   Da jeder seine Harfe bringt
   Und sein besondres Loblied singt!
   (G. Tersteegen † 1769.)

Erläuterungen und Kernworte

V. 1. Denn er ist gut. Wenn Gott uns also segnet, dass seine Güte mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, indem er Reichtum, Ehre, Friede, Gesundheit und dergleichen schenkt, dann ist es leicht, anzuerkennen, dass Gott gut ist; solches Bekenntnis kann dann selbst ein fleischlich gesinnter Mann ablegen. Anders steht die Sache aber, wenn Gottes Gnade sich als züchtigende und strafende erweist. Das Fleisch vermag in der strengen Züchtigung nicht die heilsame Gnade zu schauen und weigert sich daher, die Güte Gottes in den Rutenstreichen und Leiden anzuerkennen. Der Prophet hingegen preist durch diesen ganzen Psalm hindurch an mannigfachen Beispielen, wie das Volk auf seinen bösen Wegen aufgehalten und gezüchtigt worden. Und als er den Psalm der Gemeinde zum Gebrauch im Gottesdienste übergab, befand sich Israel ebenfalls in Kreuz und Trübsal. Dennoch verlangt er, Israel solle bekennen, dass der HERR gut sei und seine Gnade ewiglich währe, selbst wo er den Übertreter züchtigt. Das allein ist demnach ein echtes und volles Bekenntnis der göttlichen Güte, das nicht nur im Wohlstand, sondern auch im Unglück abgelegt wird. Wolfgang Musculus † 1563.
V. 2. Wer kann die großen Taten des HERRN ausreden? Die Antwort muss lauten: Niemand; aber es wäre unsinnig, wenn wir die Tatsache, dass wir nicht ein Zehntel der Vollkommenheit erreichen können, zum Vorwand nehmen wollten, nicht den hundertsten Teil zu erreichen. Jean Calvin † 1564.
  Unser Sehvermögen verlässt uns, wenn wir in die Sonne blicken, wir werden durch den Glanz ihrer Strahlen überwältigt; und unser Gemüt erleidet Ähnliches bei jeder Betrachtung Gottes, und je mehr Aufmerksamkeit wir darauf wenden, über Gott nachzusinnen, desto mehr wird das Auge unserer Vernunft durch das Licht der einströmenden Gedanken geblendet. Denn was kannst du von ihm sagen, was, wiederhole ich, kannst du Angemessenes von ihm sagen, der erhabener ist als alle Höhe und tiefer als alle Tiefe, klarer als alles Licht und heller als alle Helle und glänzender als aller Glanz, stärker als alle Stärke, kraftvoller als alle Kraft, schöner als alle Schönheit, wahrer als alle Wahrheit, mächtiger als alle Macht, größer als alle Größe und majestätischer als alle Majestät, reicher als aller Reichtum, weiser als alle Weisheit, milder als alle Milde, gerechter als alle Gerechtigkeit, gnädiger als alle Gnade? Qu. Tertullian † um 230.
V. 3. Wohl denen, die auf Recht halten und allezeit Gerechtigkeit üben. (Grundt.) - die gerechte Grundsätze und redliche Handlungsweise haben. Das ist die rechte und echte Art, Gott zu preisen. Dankbarkeit üben in Taten ist die Probe auf das Danken in Worten, und das gottselige Leben der Dankbaren ist das echte Leben der Dankbarkeit. Wer das "Gott sei dank" nur im Munde führt und nichts weiter tut, der ist nicht nur ein schändlicher, sondern auch ein schädlicher Mensch. John Trapp † 1669.
  Von dem König Ludwig von Frankreich habe ich gelesen, er habe einmal aus Unbedacht einen ungerechten Richterspruch abgegeben, alsbald aber, da er die Worte des Psalmisten gelesen: Wohl dem, der immerdar Recht tut, sich besonnen und nach nochmaliger Überlegung das Urteil gerade entgegengesetzt gefällt. Thomas Brooks † 1680.
V. 4. Suche mich heim mit deinem Heil. (Wörtl.) Bemerkenswert ist eine alte jüdische Glosse, der Psalmist begehre, an der Auferstehung in den Tagen des Messias teilzuhaben, um die wunderbare Wiederherstellung des leidenden Volkes Gottes schauen zu können. J. M. Neale 1871.
V. 5. Dass ich sehen möge das Glück deiner Auserwählten , d. i., dass das Angesicht des HERRN uns zu schauen gegeben werde; denn dann, wenn wir ihn sehen werden, wie er ist, werden wir ihm ähnlich sein, 1.Joh. 3,2. Mich freue mit der Freude deines Volkes : dass wir an der unaussprechlichen Freude teilhaben mögen, die aus dem seligen inneren Schauen entspringt; denn dieses ist das eigentümliche Teil der Auserwählten, die Freude, von der kein Fremder, keiner, der nicht zu dem Volke Gottes gehört, etwas kosten kann; diese ist es, wovon gesagt ist: Gehe ein zu deines Herrn Freude. Kard. Robert Bellarmin † 1621.

V. 4 ff. Wie der Sänger leidet mit seinem ganzen Volke, so hofft er auch die Wiederaufrichtung mit seinem ganzen Volke, und da Demütigung und Buße die nächste Bedingung derselben ist, so spricht er im Namen seines Volkes das Bekenntnis aus, in der Drangsal eine gerechte Strafe zu ertragen. Wie Ps. 78 folgt dann auch hier eine Aufzählung des Wechsels von Untreue auf Seiten des Volks und von Treue auf Seiten Gottes, welcher züchtigt, aber mit Maßen, so dass er den Bund seiner Gnade niemals vergaß. Professor D. A. F. Tholuck 1843.
V. 6-43. Der Zweck des Sündenbekenntnisses ist zunächst der, das Hindernis der Erlösung in seinem ganzen Umfange und mit voller Schärfe darzulegen, so dass der erfinderische Geist der durch das Bewusstsein der Sünden Angefochtenen nichts dazu zu tun vermochte. Es kommt in solchem Falle alles darauf an, dass nicht verklebt und beschönigt wird; nur wo das erwachte Gewissen eine unbedingt wahre Darlegung der Schäden erblickt, vermag es den ihm dargebotenen Trost sich anzueignen. Zugleich aber soll die ausführliche Darlegung der Sünden, wodurch das Volk das Gericht verdient hat, unter dem es jetzt seufzt, dazu dienen, die bisherigen Wege Gottes vollständig zu rechtfertigen und also ein mächtiges Hindernis der Hoffnung zu beseitigen. Nur wer Gott vollständig die Ehre gibt in Bezug auf das Leiden, wer in ihm nichts anderes erblickt als die verdiente Strafe, die nicht an Gott irre machen kann, sondern zu seiner Verherrlichung dient, kann ihm auch die Ehre geben in Bezug auf die Errettung. Nur wahre Sündenerkenntnis erhellt, indem die vergangenen zugleich auch die zukünftigen Wege Gottes. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
V. 6. Wir haben gesündigt samt unsern Vätern. "Wie eure Väter, also auch ihr" (Apg. 7,51.) Dass etwas aus dem hohen Altertum stammt, ist kein untrüglicher Beweis, dass es gut ist. Wenn der Kirchenvater Tertullian sagt, die ersten Dinge seien die besten, und je weniger von dem Anfang entfernt, desto reiner wären sie, so ist das nur von heiligen Gebräuchen zu verstehen. Denn auch die Sünden können ihr Altertum geltend machen: Wer eine Mordtat begeht, findet ihr altes Vorbild in der des Kain; die Trunkenheit kann man auf Noah, die Verachtung der Eltern auf Ham, die Leichtfertigkeit der Weiber auf die Töchter Lots zurückführen. Es gibt keine Sünde, die nicht Greisenhaare hätte und ein erstaunliches Alter auszuweisen vermöchte. Ja, wir können noch weiter zurückgehen, bis auf Adam; so hoch ist das Alter der Sünde. Kein Wunder, dass St. Paulus vom "alten Menschen" spricht! Die Sünde ist fast so alt wie die Wurzel, älter als alle Zweige des Stammbaumes der Menschheit. Thomas Adams 1614.
V. 6.12.13.14.21.24. Wiewohl die heiligen Schriftsteller durch die göttliche Eingebung vor Übertreibung unfehlbar geschützt waren, bedienen sie sich doch der mannigfaltigsten starken, verurteilenden Ausdrücke über die Sünde (V. 6). Wahrlich, das Böse kann nicht eine Kleinigkeit sein. Es bricht bei jedem Anlass und auf allen Seiten aus. Bald als ein Vergessen Gottes (V. 13 und V. 21), bald als ungestüme Eigenwilligkeit (V. 13b), dann wieder als mächtige, alles unter sich zwingende böse Lust (V. 14), oder aber als schändlicher Unglaube (V. 12 und V. 24), und wie der ganze Katalog von Sünden gegen Gott und Menschen weiter lautet. O wie niederträchtig und schändlich sind wir doch! D. W. S. Plumer 1867.
V. 7. Obwohl die Ältesten Israels mit Mose zum Könige in Ägypten gingen (2. Mose 3,18) und ihn seinen Auftrag und die Forderung im Namen Jehovahs, Pharao solle Israel ziehen lassen, ausrichten hörten, ja obwohl sie die Gerichte Gottes über Ägypten sahen, begriffen sie doch nicht, dass diese Wunder ihre Erlösung bewirken würden, meinten sogar zuerst, es gehe ihnen desto ärger (5,19-21). Noch viel weniger verstanden sie, dass ihre Befreiung ein Vorbild der ewigen Erlösung sein sollte und dass Gott ihr Gott sein wollte. Und weil sie seine Wunder nicht verstanden, gedachten sie auch nicht seiner Gnadentaten. Ein oberflächliches Verständnis erzeugt ein kurzes Gedächtnis. Nathaniel Homes 1652.
  Jede Sünde ist eine Stufe zu einer andern noch hässlicheren: auf das Nichtverstehen folgt das Nichtgedenken, und Vergessen der Pflicht führt zu offenem Ungehorsam und Empörung. D. Dickson † 1662.
V. 8. Er half ihnen aber um seines Namens willen usw. Dennoch! Wie sollte auch sonst die Herrlichkeit seiner Gnade offenbar werden? Wenn ein Arzt nur Leute heilte, die eine kleine Erkältung oder sonst ein leichtes Unwohlsein hätten, so würde das nicht große Kunst und Geschicklichkeit bei dem Arzt erweisen. Aber wenn jemand schon mit einem Fuße im Grabe steht oder nach allem, was der Verstand sagt, seine Genesung völlig ausgeschlossen ist und der Arzt ihn dennoch heilt, dann ist dessen Ruhm groß. So auch wenn Gott nur solche Leute rettete und heilte, die im Großen und Ganzen gut wären, wie würde die Vortrefflichkeit der Gnade dann in die Erscheinung treten? Aber wenn Menschenkinder unaufhaltsam dem Verderben zueilen, ja schon in den letzten Zügen liegen, und der HERR sie aus seiner freien Gnade um seines Namens willen wieder aufrichtet und genesen lässt, das stellt die Herrlichkeit seiner Gnade ins Licht. William Bridge † 1670.
  Um seines Namens willen. Mache dir seinen Namen in jedem Fall zunutze; denn der HERR hat für jeden Mangel, jedes Bedürfnis einen entsprechenden Namen. Bedarfst du es, dass Wunder für dich gewirkt werden? Sein Name ist Wunderbar (Jes. 9,5); erwarte von ihm, dass er es tun wird, um seines Namens willen. Brauchst du Rat und Leitung? Sein Name ist Rat; vertraue dich ihm und seinem Namen auch in dieser Hinsicht an. Hast du es mit mächtigen Feinden zu tun? Sein Name ist Kraft-Held; bitte ihn, dass er seine Macht um seines Namens willen dir zugute ausübe. Bedarfst du seines väterlichen Mitleids? Sein Name ist Ewig-Vater; wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, so ihn fürchten. Wende dich an sein Erbarmen um seines Namens willen. Brauchst du Frieden, äußeren oder inneren und ewigen? Sein Name ist Friedefürst; flehe zu ihm um seines Namens willen, dass er dir Frieden gebe. Bist du krank an Leib und Seele? Sein Name ist: Der HERR dein Arzt (2. Mose 15,26); suche bei ihm um seines Namens willen Heilung für alle deine Gebrechen. Bedarfst du Vergebung? Sein Name ist: Der HERR unsere Gerechtigkeit (Jer. 23,6); wende dich an ihn um seines Namens willen, dass er gnädig sei aller deiner Ungerechtigkeit. Bedarfst du Verteidigung und Schutz? Sein Name ist: Der HERR mein Panier (2. Mose 17,15); bitte ihn um seines Namens willen, dass sein Banner der Liebe und Gnade über dir entfaltet sein möge. Brauchst du Versorgung in bitterem Mangel? Sein Name ist: Der HERR wird’s versehen (1. Mose 22,14). Bedarfst du der göttlichen Gnadengegenwart? Sein Name ist Immanuel, Gott mit uns (Jes. 7,14); glaube es, dass er mit dir ist, um seines Namens willen. Begehrst du Gehör für deine Bitten? Sein Name ist: Der Gebetserhörer (Ps. 65,3). Brauchst du Trost? Sein Name ist: Der Trost Israels (Lk. 2,25), Der Gott alles Trostes (2.Kor. 1,3). Hast du eine Zuflucht nötig? Sein Name ist Zuflucht (Ps. 90,1 und oft). Hast du nichts und bedarfst alles? Gott ist alles in allen (1.Kor. 15,28). Und so suche weiter alle deine Mängel und Bedürfnisse zu nennen; du wirst finden, dass für ein jedes derselben ein entsprechender Name Gottes vorhanden ist. Traue denn auf dessen Namen, der dir hilft um seines Namens willen. Ralph Erskine † 1752.
V. 9. Er schalt das Schilfmeer. Die Macht, mit welcher Gott wirkt, ist sehr verborgen und geheimnisvoll, eine Macht, durch welche er verursacht, dass selbst Dinge, die ohne Verstand sind, unverzüglich seinem Willen gehorchen. Augustinus † 430.
  Wie in einer Wüste, worunter nicht eine Sandwüste zu verstehen ist, sondern ausgedehnte Gebiete spärlich bewachsenen, dürren Bodens, zur Schafweide geeignet, wie manche unserer Dünen und Heiden. Vergl. Jes. 63,13. D. W. Kay 1871.
V. 11. Dass nicht einer übrig blieb. Wie dies ein Vorbild ist von der gänzlichen Vernichtung unserer geistlichen Feinde, der Sünde, des Satans und seiner Herrschaften und Mächte sowie des Todes, so weist es auch hin auf das Verderben aller Gottlosen am Jüngsten Tage, Mal. 3,19. D. John Gill † 1771.
V. 12. Da glaubten sie an seine Worte. Das ist ein zeitweiliger, wetterwendischer Glaube (Mk. 4,17), der weniger eine Frucht des Geistes der Wiedergeburt ist als vielmehr eine gewisse natürliche Stimmung und Gemütsbewegung, die der Veränderung unterworfen ist; daher solcher Glaube bald vergeht. Auch war es bei Israel nicht ein freiwilliger Glaube, sondern ein solcher, der das Ergebnis des Zwanges der Umstände ist, indem nämlich die Menschen, ob sie wollen oder nicht, durch die Empfindung der Macht Gottes genötigt sind, eine gewisse Ehrfurcht vor Gott zu zeigen. Diese Schriftstelle sollte wohl beachtet werden, damit die Menschen, wenn sie einmal sich Gott unterworfen haben, sich nicht täuschen, sondern wissen, dass der Prüfstein des Glaubens das ist, wenn sie das Wort Gottes freiwillig aufnehmen und in ihrem Gehorsam gegen dasselbe beständig fest bleiben. Jean Calvin † 1564.
  Hochgehende religiöse Gemütsbewegungen und Stimmungen werden den Anfechtungen wohl eine Weile standhalten; aber warte, bis der Gießbach abnimmt, so wirst du sehen, was daraus wird. Welch eine Anwandlung von gläubiger Zuneigung zum HERRN hatten die Israeliten, als ihre Augen die wunderbare Errettung am Schilfmeer gesehen hatten! Welche Lobgesänge erschollen da! Welche Vorsätze fassten sie, ihm nie wieder zu misstrauen! Der Satan reizte sie nicht alsbald zu Murren und Unglaube, wiewohl das sein Endzweck war, sondern wartete ruhig, bis jene Anwandlung vorüber war, dann konnte er sie bald versuchen, seiner Taten zu vergessen. Richard Gilpin 1677.
V. 12.13. Sie sangen sein Lob. Aber sie vergaßen bald seiner Taten. Das Kapitel, welches dasjenige Stück der Gerichte Israels enthält, worauf hier hingedeutet ist, 2. Mose 15 , beginnt mit begeisterten Ausdrücken der Dankbarkeit und schließt mit dem Murren der Unzufriedenheit; beides kommt von denselben Lippen, in dem kurzen Zwischenraum dreier Tage. (2. Mose 15,22 .) Ihr Lobgesang wurde hervorgerufen durch jene wunderbare Entfaltung der göttlichen Eigenschaften, die sie von dem Heer Pharaos errettete und ihre Feinde vernichtete; ihr Murren entstand über einer verhältnismäßig kleinen Unannehmlichkeit, die in wenigen Stunden gehoben war. Dieser Dank der Israeliten ähnelt der Freude eines Kindes über ein glänzendes Spielzeug, das mit Entzückung begrüßt wird und für eine Stunde das Kindesherz füllte; aber wenn der Reiz der Neuheit geschwunden ist, wird es gleichgültig weggeworfen und zugleich mit der Gabe auch der Geber vergessen. Da diese Dankbarkeit keiner höheren Quelle als der befriedigten Selbstsucht entspringt, ist sie weder Gott wohlgefällig, noch bewirkt sie Gehorsam gegen seine Befehle, und sie gleicht in keiner Beziehung jener heiligen, dem Himmel entspringenden Liebe, deren Sprache sie sich oft aneignet und mit deren Namen sie sich schmückt. Wir können sie zur Unterscheidung die Dankbarkeit der Sünder nennen, die, wie sie lieben, die sie lieben, natürlich auch gegen die dankbar sind, welche sich ihnen gütig erweisen, dankbar auch gegen Gott, wenn und solange er ihnen gütig erscheint. - Lasst uns ähnliche Beispiele dieser unechten, wetterwendischen Dankbarkeit suchen. Da ist z. B. die Begeisterung über die Werke der Schöpfung. Diese stellen sich unsern Sinnen in so eindrücklicher Weise dar, sie weisen so viel Mannigfaltigkeit, Schönheit und Erhabenheit, so viel Macht, Weisheit und Güte auf, dass vielleicht kein Mensch, jedenfalls niemand, der auch nur etwas Fähigkeit der Empfindung, Geschmack und Bildung besitzt, sie ohne Gemütsbewegung, ohne Gefühle der Ehrfurcht, des Staunens, der Bewunderung oder Wonne betrachten kann. Aber ach, wie flüchtig und wie unfruchtbar an wirklich heilsamen Wirkungen erweisen sich diese Gemütsaufwallungen! Die Leidenschaften, die für einen Augenblick zum Schweigen gebracht waren, dringen bald wieder mit ihrem Ungestüm auf uns ein; der Glanz des Reichtums, des Ansehens und der weltlichen Macht verfinstert uns wieder die Herrlichkeit des HERRN; unversehens sanken wir aus der himmelstrebenden Höhe, zu der wir uns aufzuschwingen meinten, herunter, um uns aufs Neue in den Strudel der weltlichen Vergnügungen und des Trachtens nach Irdischem zu stürzen. Wir vernachlässigten den Ewigen und waren ihm ungehorsam, den wir anzubeten bereit gewesen waren, und fuhren fort, ohne Gott zu leben in einer Welt, die wir eben noch voll seiner Herrlichkeit geschaut hatten. - Aber auch von den Taten der Vorsehung werden die Menschen oft vorübergehend ganz hingenommen. Gottes Vollkommenheiten werden darin so beständig und oft so deutlich entfaltet, unsere Abhängigkeit von ihm tritt uns oft in ihrer ganzen Wirklichkeit so augenscheinlich entgegen und die Führungen Gottes stehen in vielen Fällen so unmittelbar und so offenkundig in der engsten Beziehung zu unseren liebsten zeitlichen Interessen, dass selbst die Unempfindlichsten sich nicht immer gleichgültig gegen sie stellen können. Aber diese Gefühle sind meist von kurzer Dauer, und kaum dass wir das Bekenntnis abgelegt haben, haben wir es schon wieder vergessen.- In gleicher Weise werden die Menschen auch oft durch Gottes Taten des Heils bewegt. Für einen Augenblick sind unsere Herzen wie zerschmolzen; wir fühlen es und sind bereit, es zu bekennen, dass Gott freundlich, der Heiland gnädig ist, dass wir seine Liebe erwiedern sollten, dass der Himmel in der Tat begehrenswert ist. Gleich einer Klasse von Hörern, welche der unvergleichliche Lehrer schildert, nehmen wir das Wort mit Freuden auf, und wir singen Gottes Lob. Aber wir verlassen das Gotteshaus, die dort hervorgerufenen Gemütsbewegungen legen sich, und gleich der Erde, die von winterlichen Sonnenstrahlen oberflächlich erweicht ist, versinkt unser Herz bald wieder in den Zustand frostiger Erstarrung. Die Wunder der göttlichen Gnade sind vergessen, und Gott hat Ursache, mit Bekümmernis und Missfallen zu sagen: Deine Liebe ist wie eine Morgenwolke und wie ein Tau, der frühmorgens vergeht. (Hos. 6,4.) D. Edw. Payson † 1827.
V. 13. Aber sie vergaßen bald seiner Werke. Die Ärzte sagen, das Gedächtnis sei das erste, das schwinde; im Geistlichen ist es ebenso. Th. Watson 1660.
  Wie bei einem Sieb oder Mehlbeutel das gute, feine Mehl durchfällt, die leichte Spreu und die grobe Kleie aber zurückbleiben, oder wie bei einer Fruchtseihe der süße Saft durchgeschlagen wird, während die Treber darin bleiben, oder wie ein Rost das reine Wasser durchlaufen lässt, aber alles, was sich von Stroh, Holz, Schlamm oder Schmutz darin findet, zurückhält: so geht es mit unserem Gedächtnis. W. Gouge † 1653.
  Es mochte auch da wohl heißen: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht (Joh. 4,48). Sie warteten nicht seines Rats: da bei ihm schon beschlossen war, wann und wie er ihnen helfen wollte. Berleburger Bibel 1742.
  Sie warteten nicht seines Rats. Die Unersättlichkeit unserer Begierden ist erstaunlich; kaum einen Tag gibt man Gott Zeit sie zu befriedigen. Denn tut er’s nicht augenblicklich, so werden wir alsbald ungeduldig und sind in Gefahr, gar in Verzweigung zu fallen. Die Israeliten warfen nicht ihre Sorgen auf Gott, riefen ihn nicht mit getrostem Glauben an und warteten nicht geduldig, bis es ihm gefiel, ihre Bitten zu beantworten, sondern stürmten mit unbedachter Hast vor, als wollten sie Gott vorschreiben, was er zu tun habe. Die Menschen gestehen es Gott nicht zu, dass er im Besitz aller Weisheit ist, und halten es nicht für tunlich, von seinem Rat abzuhängen, sondern wollen selber die Vorsehung spielen und lieber Gott regieren, als sich von ihm regieren lassen. Jean Calvin † 1564.
  Sie hätten bedenken sollen, dass so große Taten Gottes, wie sie ihnen zugute geschehen waren, nicht ohne einen erhabenen Endzweck sein könnten, sondern sie zu einem nimmer endenden Glück führen sollten, auf das sie mit Geduld zu warten hätten. Aber statt dessen suchten sie sich selbst glücklich zu machen mit zeitlichen Dingen, die doch keinem Menschen wahre Glückseligkeit geben, weil sie das Verlangen des zur Ewigkeit erschaffenen Menschenherzens nicht stillen können; denn es ist, wie der Herr Joh. 4,13 sagt: Wer dieses Wassers trinkt, den wird wieder dürsten. Augustinus † 430.
  Ein gläubiger Mensch, der von seinem Glauben Gebrauch macht, hat große Vorteile vor einem ungläubigen. Dieser ist eigensinnig und leidenschaftlich, hitzig und hastig, wenn er sich in einer Klemme befindet. Er wartet nicht auf Gottes Rat , stürmt los, bevor er weiß, welchen Weg er zu nehmen hat. Der Gläubige dagegen ist ruhig und zuversichtlich, still und geduldig; er hält an am Gebet und steht auf seinem Wartturm, zu sehen, was Gott zu seiner Zeit ihm antworten wird. M. Lawrence 1657.
V. 14. Und wurden lüstern in der Wüste : dort, wo sie mit jeder Art der Versorgung hätten zufrieden sein sollen, wo sie aber Brots die Fülle hatten, wo sie ganz auf Gottes Güte angewiesen waren und so wunderbare Erfahrungen von Gottes Freundlichkeit und Macht, zu helfen, gemacht hatten, wo sie aber auch nun, aller Wahrscheinlichkeit nach, so nahe bei dem Lande waren, da Milch und Honig floss. M. Henry † 1714.
V. 16-18. Ein solch fröhlich Ding ist es, den gemeinen Pöbel regieren. Ich wollte, dass alle seltsamen, wunderlichen und aufrührerischen Köpfe nur zwei Jahre regieren sollten, sie würden die Hörner bald abstoßen. Dies ist die Schule, die uns lehrt, dieses Lebens müde und matt zu werden. Aber man muss den Undank verbeißen und mit Geduld überwinden und ausharren, auf dass nur der Gottesdienst rein bleibe. Denn wir sollen der Welt dienen und ihr Gutes tun, ob sie wohl das Gute mit Bösem vergilt. M. Luther † 1546.
V. 17. Die Erde tat sich auf und verschlang usw. Solche Bissen war die Erde nicht gewohnt. Sie verzehrt die menschlichen Leichname; aber Leiber, in denen die lebendige Seele ist, hatte sie noch nie zuvor verschlungen. Hätte man jene Aufrührer vom Schlage getroffen tot auf der Erde liegen sehen, das wäre schrecklich gewesen; aber zu sehen, wie die Erde ihr Nach-Richter und ihr Grab, beides in einem, war, das war doch noch viel entsetzlicher. Weder das Meer noch die Erde sind ihrer Natur nach dazu geeignet, einen offenen Durchlass zu bilden. Die Fluten des Meeres halten zusammen und wollen sich nicht trennen lassen, und die feste Erde öffnet sich nicht von Natur noch schließt sie sich, wo ein Riss entstanden, wieder von selbst zusammen. Doch teilte sich das Meer, um Israel zu dessen Errettung freie Bahn zu machen, und die Erde zerspaltete sich, um die Verschwörer in den Abgrund stürzen zu lasen; und beide, Meer und Erde, schlossen ihren Rachen über den Widersachern Gottes. Nun konnte Israel sehen, dass es es mit einem Gott zu tun hatte, dem es ein Leichtes ist, Vergeltung zu üben. - Es gab zweierlei Art Empörer. Die Erde verschlang die einen, Feuer die andern. Alle Elemente vereinigen sich im Dienst der Strafgerechtigkeit ihres Schöpfers. Nadab und Abihu hatten geeignete Personen, aber ungeeignetes Feuer vor Gott gebracht; diese Leviten hier bringen das rechte Feuer, aber unberufene Personen vor ihn: Feuer verzehrt beide. Es ist eine gefährliche Sache, sich heilige Dienstverrichtungen widerrechtlich anzumaßen. Das geistliche Amt heiligt nicht den Mann, wohl aber kann der Mann das Amt entweihen. Bischos Joseph Hall † 1656.
  Nur Datan und Abiram werden erwähnt, in Übereinstimmung mit 4. Mose 26,11, wo es heißt: Aber die Kinder Korahs starben nicht. Und das Gleiche ist aus 4. Mose 16,27 zu schließen, wo gesagt wird, dass unmittelbar bevor das furchtbare Ereignis eintrat, Datan und Abiram (Korah wird hier nicht erwähnt) herausgegangen und an die Tür ihrer Hütten getreten seien. Vergl. 5. Mose 11,6. J. J. St. Perowne 1868.
V. 19. Sie machten ein Kalb. Warum gerade ein Kalb? Konnten sie unter all den Geschöpfen kein passenderes Sinnbild Gottes finden? Warum nahmen sie nicht lieber den königlichen Löwen, um Gottes Hoheit abzubilden, oder den riesigen Elefanten als Bild der Unermesslichkeit, oder die kluge Schlange als Symbol der Weisheit, oder den langlebigen Hirsch, um die Ewigkeit Gottes, oder den schnellen Adler, um die Allgegenwart Gottes darzustellen, statt des dummen Kalbes, das Gras frisst? Aber die besondere Gestalt des Bildnisses ist nicht von Belang; wird Gott überhaupt irgendeiner Kreatur gleichgestellt, so mag man nehmen was man will; denn es ist ebenso unstatthaft, ihm die Gestalt eines Engels wie eines Wurmes zu geben, da das Gebot ebenso wohl ein Gleichnis von solchem, das oben im Himmel ist, als von solchem, das unten auf Erden ist, verbietet. Jedenfalls zogen die Israeliten das Kalb deswegen andern Darstellungsformen vor, weil sie von dem ägyptischen Apisdienst gelernt hatten. So nahmen also die Israeliten nicht lauter Gold und Silber aus Ägypten mit, sondern auch Schlacken und Unrat. - Bei den Rabbinen findet sich der Gedanke, dass Gott nie über Israel eine Gerichtsheimsuchung kommen lasse, ohne dass darin auch ein Lot seines Zornes sei über das Goldene Kalb, das die Väter gemacht hatten. D. Th. Fuller † 1661.
  Sehr leicht werden Menschen dazu hingezogen, solchen Götzendienst auszuüben, welchen sie an Orten, wo sie lange gelebt haben, vor Augen zu sehen gewohnt gewesen sind. Wer sich vor dem Götzendienst hüten will, der hüte sich vor Ägypten; selbst die Luft ist dort gleichsam ansteckend. Vergleiche auch Jerobeams Aufenthalt in Ägypten. 1.Kön. 11,40. Bischof Th. Westfield 1658.
V. 20. Eines Ochsen, der Gras frisst. Wenn die Ägypter den Apis befragten, brachten sie ihm ein Bündel Heu oder Gras dar, und wenn der Ochse es nahm, hielten sie das für ein günstiges Zeichen D. D. Creßwell † 1844.
V. 21. Sie vergaßen Gottes. Gegossene oder gemalte Bilder zu machen, um uns Gott in Erinnerung zu rufen, ist ein Vergessen beides, des Wesens Gottes und seines Befehls, der solche Sinnbilder verbietet. D. Dickson † 1662.
  Das taten sie (verwandelten ihre Herrlichkeit in ein Gleichnis eines Ochsen, der Gras frisst) zu einer Zeit, da sie kurz vorher durch die Erscheinung Gottes auf dem Berg Sinai erschreckt, durch seine Stimme gerührt und in den Bund Gottes durch ihre Einwilligung eingetreten und durch Opferblut eingeweiht worden waren. O wie vergesslich, wie leichtsinnig, wie verkehrt, wie untreu ist des Menschen Herz! Wie so gar nicht ist auf alle menschlichen Vorsätze und Versprechungen zu bauen, wenn kein neues Herz dabei ist, ja wenn nicht die Gnade den Menschen hält und befestigt! Prälat M. Friedr. Roos 1773.
V. 23. Mose trat in den Riss und wendete den Zorn Gottes ab. Die Mauer der Religion war durch die Aufrichtung des Goldenen Kalbes eingerissen worden; da richtete er sie wieder auf. 4. Mose 17,6 murrte das Volk, empörte sich wider Mose und Aaron und riss den Wall der Autorität nieder, worauf die Plage unter sie brach; alsbald tritt Aaron in den Riss, da ward der Plage gewehrt, 4. Mose 17,13 . Auch wir haben dank der Gnade Gottes unter uns Männer gehabt, die gleich Mose und Aaron unsere Lücken gebessert und manchen Riss verstopft haben. Aber alle unsere Lücken sind noch nicht gedeckt. Gibt es nicht Breschen in der Festung der Wahrheit, durch welche Irrtümer eindringen? Sind nicht ihrer viele, die mit Macht alle irdische und geistliche Autorität niederreißen? Sind nicht Lücken im Zaun der Gewissen? Ist nicht der Friede oft gestört? Wahrlich, wenn wir Angen haben zu sehen, so nehmen wir Breschen genug wahr. W. Greenhill † 1677.
  Wenn man die Christen dazu bringen könnte, von dem Wert und der Macht der Fürbitte ein richtiges Bewusstsein zu haben, so würde der Fürbitte viel sein. Es ist ein schwerer Vorwurf, der den Lügenpropheten zu Hesekiels Zeiten gemacht wird: Ihr seid nicht vor die Risse getreten, noch habt ihr eine Mauer um das Haus Israel gezogen, um fest zu stehen im Kampfe am Tage des HERRN. (Hes. 13,5.) D. W. S. Plumer 1867.
V. 24. Ein großes Hindernis der Seligkeit ist die geistliche Trägheit. Von Israel heißt es: Sie verachteten das wonnige Land. Was konnte die Ursache sein? Kanaan war ein Paradies der Wonne, ein Vorbild des Himmels; ja, aber sie dachten daran, dass es sie viel Mühsal und Gefahr kosten würde es einzunehmen, darum wollten sie lieber darauf verzichten und schätzten es also gering. Gibt es aber nicht auch unter uns zu Millionen Leute, die lieber schlafend zur Hölle als schwitzend in den Himmel gehen? Th. Watson 1660.
V. 24.25. Das Murren hat viel Unglauben und Misstrauen gegen Gott in sich. Sie konnten’s nicht glauben, dass die Wüste der rechte Weg nach Kanaan sei, dass Gott ihnen in der Wüste einen Tisch bereiten (Ps. 78,19) und ihnen in allen ihren Verlegenheiten helfen werde. So hadern auch wir in der Trübsal mit Gottes Vorsehung, weil wir seinen Verheißungen nicht glauben; wir glauben nicht, dass dies und jenes mit Gottes Liebe vereinbar sein oder uns zum Besten dienen könne. J. Willison † 1750.
  Das Murren muss entweder eine eigentümliche Krankheit des israelitischen Volkes gewesen sein oder jener Wüste angehaftet haben. Fortwährend hören wir, wenn wir Israel auf dem Wüstenzug begleiten, seine schrillen Misstöne. Sie heben ihre Augen auf und sehen die Ägypter hinter ihnen herziehen: alsbald murren sie, 2. Mose 14,10 ff. Sie kommen zu einer Quelle, deren Wasser bitter ist, und murren wieder, 2. Mose 15,23 f. Sie haben kein Brot, das Murren wird verdoppelt, (2. Mose 16,2). Mose verzieht, von dem Berge zu kommen; wieder Murren, 2. Mose 32,1 . Er nimmt zu viel auf sich: noch mehr Murren. Wann werden wir ins verheißene Land kommen? Außerordentliches lautes Murren. Wir sind nahe bei dem Lande, aber seine Einwohner sind Riesen und ihre Städte bis an den Himmel vermauert. O wie sind wir getäuscht! Und der letzte Atemzug der letzten Überlebenden dieses murrenden Geschlechtes ist noch ein Murren! James Hamilton † 1867.
V. 28. Den Baal-Peor oder bloß Peor der Moabiter (4. Mose 25,1 ff.; 31,16; Jos. 22,17) verehrte man durch Preisgebung junger Mädchen (daher nach den Rabbinen der Name von r(p öffnen, nämlich hymenem virgineum), also vergleichbar dem Priapus und Mutunus . Wäre die rabbinische Ableitung richtig, so würde der Götze dem Berge Peor, wo der Sitz seines Dienstes war, den Namen gegeben haben; möglich aber, dass er selbst von dem Berge den unterscheidenden Namen empfing wie sonst von Städten. Prof. Dr. G. B. Winer 1847.
  Opfer der Toten. Die Götzen der Heiden waren meistens Menschen - Krieger, Könige oder Gesetzgeber - die nach ihrem Tode vergöttert worden, wiewohl ihrer viele im Leben verwünscht worden waren. S. Bagster.
V. 30. Da trat zu Pinehas. Ganz Israel sah das freche, schamlose Tun Simris, aber ihre Herzen und ihre Augen waren so voll Kummers, dass die Entrüstung bei ihnen nicht durchbrechen konnte. Anders Pinehas. Da er sieht, wie Simri durch sein Tun Gott Hohn spricht und den Kummer seines Volkes verspottet, entbrennt sein Herz in heiligem Zorn, und alsbald greift die Hand, die sonst gewohnt war, Rauchfass oder Opfermesser zu halten, zum Speer und vereinigt die beiden Leiber im Tode, die sich in der Sünde vereinigt hatten. O welch edler, heroischer Mut, der, wie er von Gott belohnt wurde, es wert ist, von Menschen bewundert zu werden! Pinehas steht nicht grübelnd da: "Wer bin ich, dass ich solches tun sollte? Ich bin doch der Sohn des Hohenpriesters. Mein Amt ist ein Amt des Friedens und der Gnade; ich bin dazu berufen, für die Sünden des Volks zu opfern und zu beten, und nicht, Leute um ihrer Sünden willen hinzuopfern. Meine Pflicht ruft mich, den Zorn Gottes zu besänftigen, nicht die Sünde der Menschen zu rächen, für die Bekehrung der Sünder zu beten, nicht das Verderben eines Sünders zu bewirken. Und wer sind diese? Ist nicht der eine ein vornehmer Fürst in Israel, die andere eine Fürstentochter aus Midian? Kann der Tod zwei so vornehmer Personen ungerächt bleiben? Oder wenn solche Tat ungefährlich und schicklich ist, warum tut sie mein Onkel Mose nicht selber, vergießt lieber die eigenen Tränen als ihr Blut?" Aber der Eifer um Gott (4. Mose 25,13) schließt alle schwächlichen Bedenken aus, und er hält es für seine Pflicht und seine Ehre, das Urteil an einem so schamlosen Übertreterpaare zu vollziehen. Und nun die Sünde gestraft ist, hört die Plage auf. Gottes Strafe verfolgt immer die Sünde; aber wenn die Strafe durch Menschen (die gewöhnlich später kommt) die göttliche Strafe überholen kann, so überlässt Gott ihr das Feld. Wie oft schon hat die Verhängung einer geringeren Züchtigung eine größere verhindert. Es gibt keine besseren Freunde für den Staat, als mutige und unparteiische Diener der öffentlichen Gerechtigkeit. Bischof Joseph Hall † 1656.
  Ihr Gläubigen, könnt ihr dies lesen, ohne euch zu schämen? Bezeugen kühne Taten euren Eifer? Sünder lästern Gottes Namen; straft ihr sie? Seine Sabbate werden entweiht; legt ihr dagegen Einspruch ab? Falsche Grundsätze laufen um; entlarvt ihr die Betrüger? Das Laster stolziert im Gewande der Tugend einher; reißt ihr ihr die Maske ab? Der Satan unterjocht die Welt; leistet ihr ihm Widerstand? Oder ist’s nicht vielmehr so: ihr legt die Hände in den Schoß und schlummert, als ginge es euch nichts an. Ob Christi Sache vorwärts geht oder niedergeworfen wird, euch kümmert’s wenig! Wenn rechtschaffener Eifer eure Lenden gürtete und euren Mut stählte, das Steuerruder eures Herzens lenkte und die Segel eurer Tatkraft schwellte, würde Gott dann wohl so unbekannt und die Gotteslästerung so frech sein? - Aber lasst uns auch beachten, dass der Eifer des Pinehas bei aller Stärke doch nüchtern ist. Er ist nicht wie ein wildes Pferd ohne Zügel, ein uneingedämmter Gießbach, ein Sturmwind ohne Halten. Seine Schritte gehen in dem Pfad der Ordnung. Er richtet Gottes Willen nach Gottes Weisung aus. Das Urteil sagt: Die Sünder sollen sterben. So führt er denn den Todesstoß mit gehorsamer Hand. Der Eifer, den der Himmel entzündet, ist als Gnadengabe an seiner Untertänigkeit, an der demütigen Gottergebenheit erkennbar. Henry Law 1858.
  Er trat auf, um ebenso mannhaft sein Werk des Eifers zu vollbringen, wie Mose V. 23 aufgetreten war, um seine Pflicht als fürbittender Mittler zu erfüllen. M. A. Cassiodor † 560.
  Er wendete den Grimm des HERRN von den Kindern Israel (4. Mose 25,11), weil er mit demselben Eifer für Gottes Ehre und Israels Bestes erfüllt war wie Gott selbst und sich nicht fürchtete, sein Leben für Gottes Sache einzusetzen. Chr. Neß † 1705.
V. 33. In einer Religionsanstalt, die selber der Hauptsache nach eine Veranstaltung der Gnade war und eine andere vorbildete, die ganz Gnade sein sollte, war es von höchster Wichtigkeit, dass die mittlerischen Personen barmherzig und freundlich, liebreich, geduldig und langsam zum Zorn seien. Und das waren sie auch in erstaunlicher Weise. Und doch kamen sie zu Fall in jener verhängnisvollen Stunde. - So übervoll an Lehre dieses Ereignis ist, müssen wir uns doch mit wenigen Bemerkungen begnügen. 1) Wie sorgfältig sollten Prediger des Evangeliums und Schriftausleger sein, dass sie nicht etwa einen irrigen Eindruck hinterlassen von dem, was Gottes Sinn oder Botschaft ist. Der nötige Scharfsinn des Verstandes ist eine seltene Gabe, aber der rechte Geist ist noch seltener. Aber was ist der richtige Geist? Ein hingebender, liebreicher, sanfter, treuer, des Weltsinns entwöhnter Geist, ein Geist, der spricht: "Rede, HERR, dein Knecht hört," und der hinzufügt: "Alles, was der HERR mir sagt, das will ich reden". (1.Kön. 22,14; Jer. 42,4 .) Solch trefflichen Geist gibt nur der gute Geist Gottes. Denn wenn sich dieser zurückzieht, so hört selbst ein Mose auf, sanftmütig zu sein, und wird alsbald ein schlechter Seelenhirt und irriger Lehrer, schlägt den Felsen im Zorn und predigt die gute Botschaft verdrießlich. Er, der das lebendige Wasser quellen lässt, gibt es nicht widerwillig und missgünstig; aber manchmal noch heute sagt der Prediger, statt freundlich lockend zu rufen: "Wen da dürstet, der komme!", unwirschen Mutes: "Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch auch Wasser bringen aus diesem Fels?" und macht dadurch, dass das, was eine Einladung sein soll, abstoßend und zurückstoßend wirkt. 2) Wie traurig ist es, wenn jemand, der einen langen Lauf hinter sich hat, wenige Schritte vor dem Ziele strauchelt! Wenn Mose einen irdischen Wunsch hatte, so war es gewiss der, Israel wohlbehalten in seinem Erbteil zu sehen, und sein Wunsch war ganz nahe daran, in Erfüllung zu gehen. Sein Glaube und seine Geduld hatten fast vierzig Jahre ausgehalten; nun nur noch wenige Monate mehr, dann musste der Jordan überschritten und das Werk vollendet sein. Wer weiß, vielleicht trug gerade diese Nähe des Siegespreises dazu bei, in Mose etwas von anmaßendem Selbstvertrauen zu erzeugen? Sein Temperament war ja anfangs hitzig genug; er war keineswegs der ausnehmend mehr als alle Menschen auf Erden sanftmütige Mann (4. Mose 12,3), als er den Ägypter erschlug und den Leichnam im Sande verscharrte. Aber er hatte seither gelernt, seinen Geist zu beherrschen, und nach dem langen Aufenthalt bei Jethro und bei all der Selbstzucht, die nötig gewesen war, das große Volk zu regieren, mochte er denken, er habe nun seinen Fuß für immer auf dem Nacken des Feindes - da wird plötzlich die Sünde wieder lebendig, und Mose stirbt! - Wohl dem, der sich allewege fürchtet (Spr. 28,14). Wohl dem, der, wiewohl lange Jahre ohne einen Versuch, bei ihm einzubrechen, vergangen sind, doch seine Tür verriegelt und zusieht, dass die Fenster wohl verschlossen sind. Wohl dem, der, obwohl seit dem letzten Ausbruch des Kraters ein Menschenalter vergangen ist, doch es vermeidet, auf dem vulkanischen Boden zu bauen und das Feuer fürchtet, das vierzig Jahre lang still geraucht hat. Wohl dem, der, auch wenn die hohe See durchschifft und das Land in Sicht ist, in der Vorsicht nicht nachlässt, sondern noch immer Ausschau hält. Wohl dem, der selbst an den Grenzen Kanaans vor seinem bösen Herzen auf der Hut ist, auf dass er nicht, trotz der Verheißung, dahinten bleiben müsse um Unglaubens willen! 3) Würde und Sanftheit des Gemütes sind Perlen von hohem Wert, und wenn wir sie zu bewahren wünschen, wird es gut sein, dass wir Gott selbst bitten, sie in Hut zu nehmen. Als Mose seinen Glaubensgehorsam verlor, hatte er zuvor die Selbstbeherrschung verloren; und wenn jemand diese verliert, so ist schwer zu sagen, was er nächstens verlieren mag. Gleich einem rasend gewordenen Krieger, der seinen Schild als Wurfgeschoss braucht und seinem Feinde an den Kopf schleudert, ist er fortan allen feurigen Pfeilen ausgesetzt, den Hieben und Stichen jedes Angreifers schutzlos preisgegeben. John Newton bemerkt treffend, die Gnade Gottes sei zur Erzeugung der rechten Gemütsverfassung einem Christen ebenso nötig, wenn es sich um das Zerbrechen eines Porzellantellers handelt, wie um den Tod des einzigen Sohnes. Und da niemand beim Anbruch eines Tages sagen kann, ob der Tag nicht vielleicht der schwerste, prüfungsreichste seines ganzen Lebens sein werde, wie weise ist es denn, ohne Unterlass zu beten: Erhalte mich nach deinem Wort (der Verheißung). Setze meinem Mund eine Wache, HERR, bewahre die Tür meiner Lippen! Wer kann merken, wie oft er fehlt? Verzeihe mir die verborgenen Fehle. (Ps. 119,116; 141,3; 19,13.) J. Hamilton † 1867.
  Und er redete unbedacht mit seinen Lippen. (Wörtl.) Der HERR will, Mose soll mit dem Felsen reden, er aber spricht zu Israel; Gott will, er soll zu dem unbeseelten Stein ein Wort sagen, Mose schlägt ihn zweimal. Gott ist noch willig, das Volk sein Eigentumsvolk bleiben zu lassen, aber Mose behandelt sie unwillig und kränkend. Gott will helfen und dem Volke in seinem Durst eine Erquickung geben, und Mose ist dazu ausersehen, mit Gott zusammenzuwirken in solcher Freude; aber siehe, wie sich eben an diesem Tage ein tiefer Zwiespalt zwischen Gottes und Moses Sinn zeigt. Gott ist geneigt, Verzeihung zu gewähren - Mose neigt zu Strafe; vorher schien das gerade Gegenteil obzuwalten. Gott ist nachsichtig - Mose voller Bitterkeit; Gott sucht seine Gnade zu verherrlichen - bei Mose tritt das eigene Ich, nicht Gott in den Vordergrund. "Können wir" - nicht: kann der HERR - "euch wohl Wasser bringen aus diesem Felsen?" Wir sehen jetzt an diesem Propheten, der zu andern Zeiten so stark war, die ersten deutlichen Anzeichen von Verfall der Kraft und Verdrossenheit. Er ist müde geworden (und wahrlich, das sollte uns nicht seltsam erscheinen, denn wer von uns hätte wohl einen solchen Kampf wie den seinen auch nur die halbe Zeit ausgehalten?), diese eigensinnigen Kinder noch länger zu tragen. Der so wahrhaft große Mann hat bisher noch nie einen Augenblick seine Würde vor dem ganzen Israel vergessen; aber jetzt ist er nicht mehr seiner selbst Herr. Prof. D. J. J. van Oosterzee 1874.
V. 37.38. Sowohl aus der Heiligen Schrift als aus dem, was heidnische Schriftsteller und andere Zeugen berichtet haben, wissen wir, dass von den heidnischen Gottheiten aller Welt nichts so allgemein befohlen und bereitwillig angenommen wurde wie das Vergießen von Menschenblut und das Opfern von Männern, Mädchen und Kindern. Selbst bei den gebildetsten Völkern, so bei den Athenern, Karthagern und Römern, waren Menschenopfer im Gebrauch, und nicht nur in den dunkeln Urzeiten, sondern in den Zeiten des Glanzes. Cäsar Augustus soll sie zuerst in Rom verboten haben, und wie Tertullian berichtet, soll Tiberius so strenge gegen sie vorgegangen sein, dass er die Priester, welche Menschenopfer darbrachten, kreuzigen ließ. Aber dieser Brauch ist dem heidnischen Wesen so eingefleischt, dass trotzdem selbst noch zu des Lactantius Zeiten, also im vierten Jahrhundert nach Christo, solche Opfer dem Jupiter Latiums dargebracht wurden. Niemand als der Satan selbst, der Menschenmörder von Anfang, konnte solche Verzerrung des Gottesdienstes den Menschen ins Herz geben. R. Jenison 1621.
  Und sie opferten usw. Daraus lernen wir, dass unbesonnener Eifer ein nichtiger Vorwand zu Gunsten einer gottesdienstlichen Handlung ist. Denn je stärker die Juden unter dem Einfluss brennenden Eifers waren, desto größerer Bosheit und Gottlosigkeit beschuldigt sie der Prophet, da ihre Begeisterung sie zu solcher Raserei hinriss, dass sie selbst ihrer eigenen Kinder nicht schonten. Wären, wie die Beschützer von Abgöttereien meinen, gute Absichten verdienstlich, dann wäre das Aufopfern aller natürlichen Zuneigung, wie es in dem Darbringen der eigenen Kinder zu Tage tritt, eine Tat, die das höchste Lob verdiente. Aber wenn Menschen unter dem Drang ihrer Einfälle und launenhaften Stimmungen handeln, dann vermehren sie, je mehr sie sich äußeren gottesdienstlichen Handlungen widmen, ihre Schuld. Denn welcher Unterschied war zwischen Abraham und den hier erwähnten Leuten, als dass der Erstere unter dem Einfluss des Glaubens bereit war, seinen Sohn aufzuopfern, während die Letzteren, durch den Drang leidenschaftlichen Eifers fortgerissen, alle natürliche Zuneigung von sich warfen und ihre Hände in das Blut ihrer eigenen Kinder tauchten? Jean Calvin † 1564.
  Wir stehen ohne Zweifel staunend vor solch gräulicher, barbarischer und widernatürlicher Gottlosigkeit, Kinder, und dazu die eigenen, im Feuer dem Moloch zu opfern; aber wie wenig bedenkt man, dass Kinder, die in Unwissenheit, Irrtum, Eitelkeit, Torheit und Lastern auferzogen werden, in noch erfolgreicherer Weise dem Erzfeind des Menschengeschlechts geweiht werden! Bischof D. G. Horne † 1792.
V. 40. Und gewann einen Gräuel. Wenn große Liebe sich in großen Hass verwandelt, so nennt man’s Abscheu. Joh. Lorinus † 1634.
V. 43. Und kamen herunter durch ihre Verschuldung. Die Sünde hat eine entkräftende, ausmergelnde Natur. Sie hat die ganze Menschheit geschwächt, ihr die Kraft zum Guten genommen und sie zu Armut und Mangel gebracht, hat die Söhne des Höchsten zu Bettlern gemacht und in hoffnungsloser, hilfloser Lage gelassen. Ja, sie bringt auch die Kinder Gottes noch manchmal nach ihrer Bekehrung in einen armseligen Zustand, wenn Gott der Sünde wegen sein Antlitz vor ihnen verbirgt, die Versuchungen mächtig werden, die Gnade in ihnen hingegen schwach wird und sie lau und gegen geistliche Dinge gleichgültig werden. D. John Gill † 1771.
V. 44-46. Da sehen wir das getreue Herz Gottes gegen uns, wie ihn unsre Not bewegt zur Hilfe und wie er sich als das ewige Gut gern selbst mitteilt und uns erfüllt, dass wir nicht verderben. Denn im Menschen ist eine große, grundlose, tiefe Verderbung, dass der Mensch nicht anders kann, denn in sein Verderben eilen, in Gott aber ist die große grundlose Tiefe der Errettung, dass er von Natur nicht anders kann, denn gern helfen. Joh. Arnd † 1621.
V. 46. Und ließ sie zur Barmherzigkeit kommen vor allen, die sie gefangen hielten. Solche durch Gottes Einwirkung zum Bessern veränderte Empfindung gegen die Juden sehen wir z. B. Dan. 1,9, wie auch Josephs Gefangenschaft durch Gottes Huld erleichtert worden war, 1. Mose 39,21. So behandelte auch Evil-Merodach, der König zu Babel, Jojachin, den König Judas, freundlich. 2.Kön. 25,27-30. A. R. Fausset 1866.
V. 48. Amen. Luther hat bekanntlich vom Unservater gesagt, es sei der größte Märtyrer auf Erden, weil es so häufig gedanken- und gefühllos, ohne Ehrfurcht und Glauben gebraucht wird. Diese Bemerkung, die ebenso wahr wie traurig ist, lässt sich vielleicht mit noch größerer Kraft auf das Wort Amen anwenden. Von Jugend auf sind wir mit dem Klang dieses Wortes vertraut, das überall, wo die Völker den Gott und Heiland Israels anbeten gelernt haben, heimisch geworden ist. Es ist in allen Sprachen, in denen das Evangelium von Jesu, dem Sohne Davids, gepredigt wird, angenommen und unübersetzt beibehalten worden. Die wörtliche Bedeutung "Also geschehe es" ist allbekannt; doch nur wenige beachten den tiefen Sinn, die erhabene Feierlichkeit und den überschwänglichen Trost, die in diesem Wort liegen, das jahrhundertelang den Schluss der Gebete und Lobpreisungen des Volkes Gottes gebildet hat. Ein Wort, das oft ohne die gebührende Bedachtsamkeit gebraucht worden ist und ohne die Empfindung, welche hervorzurufen es bestimmt ist, verliert seinen Wert eben durch die Vertrautheit mit demselben, und wiewohl es beständig auf unseren Lippen ist, liegt es schließlich krank darnieder im Schlafgemach unserer Seele. Aber es ist ein großes Wort, dieses Wörtlein Amen, und Luther hat recht gesagt: "Wie dein Amen ist, so ist dein Gebet gewesen." Dies Wort hat eine ehrwürdige Geschichte in Israel und in der Gemeinde des Herrn. Das Wort führt sein Alter bis auf das Gesetz Moses zurück. Wenn ein feierlicher Schwur von dem Priester ausgesprochen worden war, bestand die Antwort der Person, welcher der Eid auferlegt worden war, einfach in dem Worte Amen. In gleicher Weise antwortete das Volk Amen, als von den Höhen des Ebal und des Garizim der Segen und der Fluch des göttlichen Gesetzes verkündigt worden war. Wiederum bei dem großen Feste, das David veranstaltete, als die Lade Gottes von dem Hause Obed-Edoms hinaufgebracht wurde, schloss der Lobpsalm, den Asaph und seine Brüder sangen, mit den Worten Ps. 106,47 und 48, und dem Amen der ganzen Volksmenge, siehe 1. Chr. 16,35 f. Adolph Saphir 1870.
  Der Psalm ist ein im Kultus gebrauchtes und wahrscheinlich für ihn auch von vornherein bestimmtes Beichtgebet. Diese Annahme macht zugleich auch wahrscheinlich, dass V. 48 , welcher jetzt die Schlussdoxologie des vierten Psalmbuchs bildet, zwar kein unmittelbar ursprünglicher, wohl aber ein mit der gottesdienstlichen Verwendung desselben gegebener Bestandteil des Psalms sei, dem erst in zweiter Linie durch den Redaktor des Psalters seine jetzige Bestimmung angewiesen wurde. Für diesen Hergang der Sache spricht insbesondere auch der bei den Doxologien von Ps. 41; 72; 89 fehlende Zusatz: Und alles Volk spreche: Amen. Unter dieser Voraussetzung fällt es auch nicht weiter auf, dass der Hallelujahpsalm 1. Chr. 16,8 ff., gleichfalls ein Kultuslied, neben dem V. 1 und V. 47 auch den V. 48 des vorliegenden Psalms ohne weiteres entlehnt hat. Lic. H. Keßler 1899.

Homiletische Winke

V. 1. Nehmen wir diesen Vers in seinem Zusammenhang mit dem ganzen Psalm, so ergibt sich, dass 1) seine Aufforderung, den HERRN zu preisen, an Leute gerichtet ist, die auserwählt und erlöst worden waren, aber viel gesündigt hatten, mit großer Geduld getragen worden waren und Vergebung empfangen hatten; dass 2) diese Aufforderung mit vielen Gründen gestützt ist. Nicht der Mensch ist zu preisen, denn er sündigt; Gott gibt in seiner Freundlichkeit und vergibt in seiner Gnade, darum gebührt ihm tiefer Dank. Und wir sehen, dass 3) jene Aufforderung heute ebenso passend ist wie je; ist doch unsere Geschichte ein Nachbild der Geschichte Israels.
V. 2. 1) Eine Herausforderung: Wer kann usw. 2) Ein Wink: Lasst uns wenigstens tun, was wir können. 3) Eine große Aussicht: Im zukünftigen Zeitalter werden wir mit der Gemeine der Erlösten, den Engeln und allen vernunftbegabten Wesen die großen Taten des HERRN, an uns geschehen, kundtun. 4) Eine persönliche Frage: Werde ich dann dabei sein?
V. 3. Der Segen eines gottseligen Lebens.
V. 4. 1) Die Sprache der Demut: HERR, gedenke mein. Lass mich nicht deiner Beachtung entgehen unter den vielen Millionen Geschöpfen, die unter deiner Fürsorge stehen. 2) Die Sprache des Glaubens. a) Gott hat ein Volk des Eigentums, dem er besondere Huld erzeigt. b) Er selbst hat für sein Volk das Heil bereitet. 3) die Sprache des Gebets. a) um die freie Gabe des Heils; b) um das für alle vorhandene Heil. Der Psalmist begehrt nichts Besonderes für sich, sondern ist es wohl zufrieden, wenn er an der Gnade, die dem ganzen Volke Gottes bestimmt ist, hienieden und droben Anteil hat.
V. 4.7.45. In V. 4 Gottes Gedenken erbeten. In V. 7 des Menschen Nichtgedenken beklagt. In V. 45 das göttliche Gedenken gepriesen.
V. 5. 1) Die Leute, von denen die Rede ist: Deine Auserwählten, dein Volk, dein Erbteil. 2) Die Vorrechte, die sie genießen: die Wohlfahrt deiner Auserwählten, die Freude deines Volks, der Ruhm deines Erbteils. 3) Die Bitten des Psalmisten: Lass mich sehen, mich freuen, rühmen usw. Sie waren einst, was ich jetzt bin; mache mich zu dem, was sie jetzt sind. Mein Heil gilt mir alles. Ihrer sind viele, ich bin nur einer usw. G. Rogers 1874.
V. 6. Inwiefern Menschen der Sünden ihrer Väter teilhaftig sein können.
V. 7.8. 1) Auf Seiten der Menschen Verfinsterung des Verstandes, undankbare Vergesslichkeit und empörerischer Ungehorsam. 2) Auf Seiten Gottes: sein Verstand entdeckt einen Grund zur Gnade, sein Gedächtnis gedenkt des Bundes, seine Geduld beweist, was sie vermag.
V. 8. 1) Eine starke Herausforderung: Auflehnung am Schilfmeer. 2) Eine mächtige Errettung: Er half ihnen aber. 3) Ein erhabener Zweck: um seines Namens willen - dass er seine Macht beweise. G. Rogers 1874.
  Das Heil aus Gnaden eine erhabene Entfaltung der göttlichen Macht.
  1) Der herrliche Helfer: Er. 2) Was waren das für Leute, denen geholfen wurde? Es waren a) unverständige Leute, V. 7a; b) undankbare Leute, V. 7b; c) Leute, die den HERRN durch ihren Ungehorsam gereizt hatten, V. 7c. 3) Warum half er ihnen? Um seines Namens - um seines Wesens, das Liebe ist, und um seiner Verherrlichung willen. Wir dürfen auch sagen: um Christi willen - "mein Name ist in ihm" (2. Mose 23,21).
V. 9-12. Israel am Schilfmeer. I. Israels drei Schwierigkeiten. 1) Das Schilfmeer vor ihnen. Dies war nicht von einem Feinde, sondern von Gott selbst dahin gesetzt. Ein Abbild gewisser starker Prüfungen, die von der Vorsehung jedem wiedergeborenen Gotteskinde in den Weg gelegt werden, um seinen Glauben und die Aufrichtigkeit seines Gottvertrauens zu erproben. 2) Die Ägypter hinter ihnen - das Abbild der Sünden, von denen wir meinten, sie wären tot und für immer verschwunden. 3) Die glaubensmatten Herzen in ihnen. II. Israels drei Helfer. 1) Gottes Führerschaft. 2) Ihr eigenes Bewusstsein, dass sie das Bundesvolk Gottes waren. 3) Der Mann Mose. So ist auch die Hoffnung und Hilfe des Gläubigen in dem Gottmenschen Jesus Christus. III. Gottes erhabener Zweck bei dieser Führung: ihnen eine Taufe zu seinem Dienst zu geben, sie auf immer ihm zu weihen. (1.Kor. 10,1 f.)
V. 9b. Schwierige und gefährliche Pfade werden durch Gottes Führerschaft sicher und leicht.
V.11b. Dass nicht Einer übrig blieb. Ein Lobgesang über getilgte Sünden.
V. 12-14. Ein bloß natürlicher Glaube, der auf dem, was man sieht, gegründet ist, verursacht wohl vorübergehende Freude, verflüchtigt sich aber schnell, endet in völligem Unglauben und führt zu noch schwereren Sünden.
V. 13-15. 1) Wohltaten werden schneller vergessen als Trübsale: Eilends vergaßen sie seine Taten. Wir schreiben unsere Trübsale in Marmor, unsere Erfahrungen der göttlichen Hilfe in den Sand. 2) Wir sollten ebenso sehr auf Gottes Winke warten wie seiner Hilfe harren: Sie warteten nicht seines Rats. 3) Ungezügeltes Begehren nach solchen irdischen Gütern, die wir nicht haben, versucht Gott, uns das zu nehmen, was wir haben, V. 14. 4) Gebete können ebenso wohl zu unserem Unheil wie zu unserem Heil erhört werden: Er gab ihnen ihre Bitte und sandte Auszehrung in ihr Inneres, V. 15 . Wie mancher schon hat erfahren müssen, dass die Gewährung seiner fleischlichen Gelüste seiner geistlichen Gesundheit übel bekommen ist.
V. 14. Die Verwerflichkeit unordentlicher Gelüste. 1) Sie sind nicht am Platze: in der Wüste. 2) Sie sind Angriffe auf Gottes Heiligkeit: und versuchten Gott . 3) Sie schließen Verachtung früher empfangener Wohltaten ein, siehe die vorhergehenden Verse. 4) Sie stürzen in ernste Gefahren, siehe
V. 16. Der Neid. Gemein von Art, herzlos in seinem Tun, gewissenlos in seiner Undankbarkeit, frech in seinen Angriffen, ein Gräuel vor Gott.
V. 19-22. I. Die Sünde, deren hier gedacht wird. 1) Götzendienst: sie vergaßen nicht nur Gottes und verleugneten ihn, sondern setzten ein Götzenbild an seine Statt 2) Götzendienst der schlimmsten Art: sie verwandelten ihren herrlichen Gott in ein Gleichnis eines Ochsen, der Gras frisst. 3) Der Götzendienst Ägyptens, unter dessen Druck sie geschmachtet und aus dem sie errettet worden waren. 4) Götzendienst, nachdem der wahre Gott in vielen wunderbaren Taten für sie eingetreten war. II. Das Gedenken an die Sünde dient 1) zur Demütigung: es war die Sünde ihrer Väter; 2) zum Selbstgericht: Wir haben gesündigt samt unseren Vätern, V. 6. Es war unsre Natur in ihnen und ist ihre Natur in uns, die diese große Sünde begangen hat.
V. 23. Mose der Fürbitter, ein Vorbild unseres Herrn. Man betrachte eingehend ein Flehen, wie es in 2. Mose 32 berichtet ist.
  1) Das Eintreten eines Mittlers war notwendig: Gott sprach, er wollte sie vertilgen. 2) Ein Mittler bot sich dar: Mose trat in den Riss. 3) Sein Eintreten ward angenommen: er konnte Gottes Grimm abwenden. 2. Mose 32. G. Rogers 1874.
V. 24-26. Das Murren 1) entspringt aus Geringschätzung unserer Gnadenvorrechte, 2) wird genährt durch den Unglauben, 3) wird an allerlei Orten ausgeübt, 4) macht taub für die Stimme des HERRN, 5) fordert schwere Gerichte heraus.
V. 24-27. 1) Die verheißene Ruhe: das wonnige Land. 2) Das Ausschlagen der angebotenen Ruhe: sie verachteten usw. 3) Der Grund des Ausschlagens: sie glaubten seinem Worte nicht, vergl. Hebr. 3,19. G. Rogers 1874.
V. 30.31. Die Wirkungen einer entschiedenen Tat für Gott. Die unmittelbaren Wirkungen, die Folgen für den Vollbringer selbst und für seine Nachkommen.
V. 32.33. 1) Was heißt unbedacht reden? 2) Was ist eine der vornehmsten Ursachen dazu? Sie betrübten ihm sein Herz. 3) Was für Folgen kann es haben? Es erging Mose übel.
V. 33. Die Langmut Gottes ist größer als die Langmut der besten Menschen.
V. 34-42. 1) Was die Israeliten nicht taten. Sie machten zwar einen guten Anfang, aber sie vollendeten nicht die Besiegung ihrer Feinde, V. 34. 2) Was sie taten: V. 35-39 a) Sie traten mit ihnen in freundschaftlichen Umgang. b) Sie eigneten sich ihre Sitten an. c) Sie nahmen ihre Religion an. d) Sie ahmten ihre Unmenschlichkeiten nach. e) Sie begingen schlimmere Sünde als jene, da sie nicht Heiden, sondern Gottes Bundesvolk waren. 3) Was Gott ihnen tat: V. 40-42 . Er gab sie in die Hand ihrer Feinde und ließ es zu, dass sie von ihnen unterjocht, geängstet und gedemütigt wurden. Auch für uns gilt es ein Entweder - Oder: Entweder müssen wir alle Feinde unserer Seele besiegen, oder wir werden von ihnen besiegt.
V. 37. Molochdienst der heutigen Zeit: In den höheren Ständen werden Kinder der Sitte und Mode, dem Reichtum, Ehen ohne Liebe usw. geopfert; in den niederen Schichten des Volks dem bösen Beispiel, der Trunksucht usw. Leider ein sehr nötiges Thema.
V. 43-45. Sünde bei Gottes Volk 1) Erzürnt Gott sehr. 2) Zieht sicher Züchtigungen nach sich. 3) Muss aufrichtig bereut werden (ihre Klage). 4) Wird dann nach der Bundeszusage gnädig vergeben werden, und oft werden auch ihre Folgen abgewendet.
V. 47. l) Ein inbrünstiges Gebet: Hilf uns, HERR. 2) Ein gläubiges Gebet: HERR, unser Gott. 3) Ein demütiges Gebet: Bringe uns zusammen aus den Heiden. 4) Ein aufrichtiges Gebet: Dass wir danken deinem heiligen Namen, anerkennend, dass du gerecht und heilig bist in allen deinen Wegen. 5) Ein zuversichtliches Gebet: und rühmen dein Lob. Nur zerbrochene Nardengefäße strömen solchen Wohlgeruch aus. G. Rogers 1874.
V. 48. 1) Gott ist preiswürdig als der Gott a) des vorbildlichen, b) des geistlichen Israel. 2) Er ist als solcher zu preisen unter allen Verhältnissen, für seine Züchtigungen sowohl als für seine Wohltaten. 3) Allezeit: von Ewigkeit zu Ewigkeit. 4) Von allen: und alles Volk spreche: Amen. 5) Am Anfang und am Schlusse eines jeden Liedes: Hallelujah, V. 1 und V. 48. G. Rogers 1874.

  Und alles Volk spreche: Amen! Eine Ermahnung zu allgemeinem Lobpreis. Alle Menschen sind Gott zu Dank verbunden, alle haben gesündigt, alle hören das Evangelium, alle, die zu seinem Volke gehören, sind errettet. Einmütigkeit im Lobe Gottes ist lieblich und fördert die Einigkeit in andern Dingen.

Fußnoten

1. Zu der buchstäblichen, aber dem Sinn nach falschen engl. Übersetzung: in ihre Seelen, bemerkt Spurgeon weiter: Mochte das Fleisch ihre Leiber noch so fett machen, es war doch armselige Nahrung, da es die Seele mager machte. Müssen wir Mangel kennen lernen, so gebe Gott, dass es nicht Mangel der Seele sei! Doch kommt dieser meist im Gefolge des zeitlichen Wohllebens. Vermehrter Reichtum bringt vielen einen Zustand zeitlichen Gedeihens, aber geistlicher Aufzehrung. Silber gewinnen und Gold verlieren ist ein trauriger Gewinn; aber Gewinn fürs Fleisch und Verlust im Geiste ist noch viel schlimmer.

2. Grundt.: Denn sie hatten seinem Geiste widerstrebt. Dies kann nach ständigem Sprachgebrauch wohl nur auf die Versündigung des Volkes gegen Gottes Geist bezogen werden, vergl. Jes. 63,10. V. 33a steht somit parallel zu