Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 73


Überschrift

Ein Psalm Asaphs. Dieser Psalm ist der zweite, der dem Asaph zugeschrieben ist, und der erste in einer Reihe von elfen, welche den Namen dieses berühmten Sängers tragen. Man vergleiche die Vorbemerkungen zu dem 50. Psalm. David, die Sonne der Psalmdichtung, hat in dem Monde Asaph einen Trabanten.

Inhalt
Merkwürdigerweise ist der vorliegende 73. Psalm seinem Inhalt nach mit dem 37 . nahe verwandt; es wird dem Gedächtnis junger Leute eine gute Hilfe sein, wenn sie aus die umgekehrten Zahlen achten. - Das Thema ist jener alte Stein des Anstoßens, über welchen auch die Freunde Hiobs, wie so viele brave Leute, nicht hinwegkommen konnten, nämlich das gegenwärtige Glück so vieler Gottlosen und die Leiden der Gottesfürchtigen. Heidnische Philosophen haben sich schon an diesem Rätsel zerarbeitet, das auch Glaubensmännern nur zu oft eine harte Anfechtung geworden ist.

Einteilung. Im 1 . Vers bezeugt der Psalmdichter sein Gottvertrauen und stellt sich damit auf festen Grund, ehe er sich anschickt, seinen inneren Kampf zu erzählen. V. 2-14 legt er seine Anfechtung dar; V. 15-17 sehen wir ihn in großer Verlegenheit, wie er handeln solle; doch findet er zuletzt einen Ausweg aus der gefährlichen Klemme. Er beschreibt V. 18-20 mit Schaudern das Schicksal der Gottlosen, verurteilt sodann seine eigene Torheit und betet die Gnade Gottes an, V. 21-24; er schließt V. 25-28, indem er seinem Gott die Huldigung erneuert, den er mit frisch erglühender Liebe als sein Teil und seine Wonne umfasst.

Auslegung

1. Israel hat dennoch Gott zum Trost,
wer nur reines Herzens ist.

  Ja wahrlich oder, wie andere ebenfalls richtig übersetzen, nur gut ist Gott gegen Israel. (Grundt.) Er ist nur gut, nichts als Güte gegen diejenigen, mit welchen er den Bund geschlossen hat. Er kann gegen sie nicht ungerecht oder unfreundlich handeln; seine Güte gegen sie ist unbestreitbar und ist ohne jede fremde Beimischung, ist rein und völlig. Gegen die, so reines Herzens sind. Diese sind das wahre Israel; nicht diejenigen, welche eine äußerliche, levitische Reinheit haben, sondern die, welche wirklich rein sind, rein im Innersten, im Mittelpunkt und Herd der ganzen Lebenstätigkeit. Für solche ist Gott die Güte selbst und muss es seinem Wesen nach sein. Der Verfasser des Psalms stellt dies als seine feste Überzeugung hin. Wir tun wohl, uns das, was uns gewiss ist, vor Augen zu stellen; denn das wird uns ein guter Ankergrund sein, wenn wir von den unheimlichen Stürmen bedrängt werden, die aus der Region dessen, was wir nicht verstehen, herausziehen. Was immer wahr oder nicht wahr sein mag in Bezug auf so manche geheimnisvolle und unerforschliche Dinge, so gibt es doch anderes, das ganz sicher ist. Die Erfahrung hat uns gewisse handgreifliche Tatsachen erfassen lassen; so wollen wir uns denn an diese fest anklammern. Das wird uns davor bewahren, von den Windstößen des Unglaubens hinweggefegt zu werden, die sich auch heute noch aus der Wüste erheben und wie Wirbelwinde an die vier Ecken unseres Hauses stoßen, um es womöglich über den Haufen zu werfen. Hilf mir, o Gott, dass ich, in wie große Unruhe und Verwirrung ich auch geraten mag, doch von Dir nie schlecht denke! Auch wenn ich dich nicht verstehen kann, lass doch meinen Glauben an dich nicht aufhören. Es muss dennoch so sein und kann sich nicht anders verhalten: du bist gut gegen die, welche du in deiner Gnade gut gemacht hast, und wirst das Herz, das du erneuert hast, nicht seinen Feinden in die Hände fallen lassen.
2. Ich aber hätte schier gestrauchelt mit meinen Füßen,
mein Tritt wäre beinahe geglitten.
3. Denn es verdross mich der Ruhmredigen,
da ich sah, dass es den Gottlosen so wohl ging.
4. Denn sie sind in keiner Gefahr des Todes,
sondern stehen fest wie ein Palast.
5. Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute
und werden nicht wie andre Menschen geplagt.
6. Darum muss ihr Trotzen köstlich Ding sein,
und ihr Frevel muss wohlgetan heißen.
7. Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst;
sie tun, was sie nur gedenken.
8. Sie achten alles für nichts und reden übel davon
und reden und lästern hoch her.
9. Was sie reden, das muss vom Himmel herab geredet sein;
was sie sagen, das muss gelten auf Erden.
10. Darum fällt ihnen ihr Pöbel zu
und laufen ihnen zu mit Haufen wie Wasser;
11. und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen?
Was sollte der Höchste ihrer achten?
12. Siehe, das sind die Gottlosen;
die sind glückselig in der Welt und werden reich.
13. Soll es denn umsonst sein, dass mein Herz unsträflich lebt
und ich meine Hände in Unschuld wasche?
14. Und bin geplagt täglich,
und meine Strafe ist alle Morgen da.

2. Nun beginnt die Erzählung von einem großen Seelenkampf, einem geistlichen Marathon, einer heißen, tapfer ausgefochtenen Schlacht, aus welcher der schon halb Unterlegene schließlich als vollkommener Sieger hervorging. Ich aber: Er stellt sich seinem allezeit guten Gott gegenüber; er gibt zu, dass er selber der Güte ermangle, und vergleicht sich dann auch mit denen, die reines Herzens sind, und bekennt, dass er befleckt sei. Der HERR ist gut gegen seine Heiligen; ich aber - bin ich denn einer von diesen? Darf ich erwarten, an seiner Huld teilzuhaben? Doch ja, Anteil habe ich wohl an Gottes Liebe; aber ich habe mich ihrer nicht würdig betragen, bin in meinem Verhalten einem wirklich von Herzen Reinen sehr unähnlich gewesen. Ich hätte schier gestrauchelt mit meinen Füßen. Irrtümer, an denen Herz und Verstand zugleich beteiligt sind, beeinflussen bald auch den Wandel. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Herzen und den Füßen. Asaph vermochte kaum zu stehen; mit seiner aufrechten Stellung war es vorbei, seine Knie knickten ein wie eine einstürzende Mauer. Wenn Menschen die Gerechtigkeit Gottes in Zweifel ziehen, kommt ihre eigene Unsträflichkeit bald ins Wanken. Mein Tritt wäre beinahe (um ein Haar) geglitten. Asaph kam keinen Schritt mehr vorwärts auf dem guten Wege; seine Füße gingen unter ihm durch, wie wenn er sich auf Glatteis befunden hätte. Er war zu aller nützlichen Tätigkeit unfähig und in großer Gefahr tatsächlicher Sünde; er war somit ganz nahe daran, einen schmählichen Fall zu tun. Wie sollten wir doch über dem wachen, was in unserem Herzen vorgeht, da es eine so mächtige Wirkung auf unseren Wandel ausübt! Das Geständnis, welches der Psalmdichter in unserm Verse ablegt, ist, wie es sich auch gebührt, sehr bestimmt und unumwunden.

3. Denn es verdross mich der Ruhmredigen. Diese fordern durch ihr übermütiges, prahlerisches Benehmen allerdings sehr die Unzufriedenheit heraus, und mancher, der innerlich nicht mehr gut auf dem Zeug ist, wird durch das Gebaren solcher Leute von der zehrenden Krankheit des Neides angesteckt. Andere übersetzen: Ich ereiferte mich über die Toren,1 und Toren sind ja in der Tat alle Gottlosen, sonderlich aber diejenigen, welche mit ihrer Gottlosigkeit prahlen und von dem Scheinglück, das sie genießen, so viel Geschrei machen. Es ist aber doch ein traurig Ding, wenn ein Erbe des Himmels wie Asaph hier bekennen muss: "Ich war neidisch;" schlimmer noch, wenn sein Geständnis so lauten muss: "Ich war neidisch auf die Toren." Und doch sind die meisten von uns, fürchte ich, dies Geständnis schuldig. Da ich sah, dass es den Gottlosen so wohl ging. Sein Blick war zu sehr nur auf eins gerichtet: er sah, wie es den Gottlosen in der Gegenwart ging, und vergaß darüber, welche Zukunft ihnen bevorsteht; er betrachtete den äußeren Schein und Glanz, der sie umgibt, und übersah den trostlosen Zustand ihrer Seele. Wer beneidet den Ochsen um sein Fett, wenn er an die Schlachtbank denkt? Dennoch ist mancher Gläubige in Zeiten der Trübsal schwer versucht gewesen, den Gottlosen ihren irdischen Überfluss zu missgönnen. Alles in allem hatte aber der reiche Mann wahrlich mehr Grund, den Lazarus zu beneiden, als dieser, auf jenen neidisch zu sein.

4. Denn sie haben keine Qualen bei ihrem Sterben. (And. Übers.2 Dies erwähnt der Psalmist an erster Stelle als besonders verwunderlich; denn wir erwarten in der Regel, dass sich in der ernsten Stunde des Todes zwischen den Frommen und den Gottlosen ein Unterschied zeigen wird und die letzteren augenscheinlich in Not geraten werden. Es herrscht auch heute noch bei einer Menge von Leuten die Anschauung, dass ein ruhiges Sterben ein glückliches Leben im Jenseits bedeute. Der Psalmdichter hatte aber beobachtet, dass vielfach das gerade Gegenteil wahr ist. Sorglose Menschen werden verhärtet und verharren sogar bis zum Ende in vermessener Sicherheit. Manche erschrecken wohl vor dem nahenden Gericht; aber noch zahlreicher sind die Leute, welche in Verblendung dahingegeben sind, dass sie der Lüge glauben. Mit Hilfe einer guten Dosis Morphium und ihres Unglaubens oder falschen Friedens gleiten sie ohne Kampf in die Ewigkeit. Wir haben manche gottseligen Menschen schwer von Zweifel und Seelenangst, die ihrem heiligen Ernst entsprangen, angefochten gesehen; aber die Gottlosen wissen nichts von solchen Nöten; sie kümmern sich weder um Gott noch um den Teufel. Sondern stehen fest wie ein Palast.3 Was kümmert sie der Tod? Sie haben eine eherne Stirn; ihre Frechheit hält den ernstesten Mahnungen gegenüber stand, sie bringen es fertig, sogar noch auf dem Sterbekissen Lästerungen auszustoßen. Das mag die Gottseligen mit Staunen und Schmerz erfüllen, sollte aber doch gewiss in ihnen keinen Neid erregen; denn in diesem Falle ist der schrecklichste innere Kampf der tiefsten Ruhe, welche die freche Vermessenheit erzeugen kann, unendlich vorzuziehen. Mögen die Gerechten sterben wie immer, mein Ende sei doch wie ihr Ende!

5. Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute. Sie entrinnen all der langsam tötenden Mühsal, mit welcher die andern Sterblichen sich quälen müssen, und scheinen gegen alles Unglück gefeit zu sein: "Dem Volk kann weder Wasser bei noch Feuer." (Schiller.) Sie brauchen sich nicht ums liebe Brot zu plagen, und der Wein läuft bei ihnen wie das Wasser aus dem Brunnen. Sie brauchen nicht zu fragen: Woher sollen wir Brot nehmen für unsere Kinder und Kleider für unsere Kleinen? Das sonst allen Menschen gemeine häusliche und persönliche Ungemach scheint sie ganz zu verschonen. Und werden nicht wie andre Menschen geplagt. Keine schweren Trübsalsstürme erheben sich wider sie; sie brauchen sich nicht unter Gottes Zuchtrute zu winden. Während viele Fromme in Armut und Leiden sind, weiß mancher Gottlose von beiden nichts. Er ist schlechter als andere Menschen und hat es doch besser als sie. Er pflügt am wenigsten und hat das meiste Futter. Er verdient die heißeste Hölle und hat das behaglichste Nest. Dies alles ist dem Auge des Glaubens durchsichtig, denn der Glaube löst das Rätsel; aber dem trüben Blick des natürlichen Verstandes scheint es ein unlösbares Gewirr von Widersprüchen. Doch - es ist ja das Los der Gottlosen, hernach nichts zu haben; so lasst sie hienieden genießen, soviel immer möglich; was sie besitzen, sind ja doch nur Dinge untergeordneten Wertes, und dass eben solche Leute sie besitzen, soll uns gerade lehren, die vergänglichen Dinge nur gering einzuschätzen. Wenn das irdische Gut von hohem Wert wäre, würde der HERR nicht ein so großes Maß davon solchen geben, die an seiner Liebe am wenigsten teilhaben.

6. Darum ist Hochmut ihr Halsgeschmeide. (Wörtl.) Sie halten sich selber für so große Leute, als ob sie Ratsherren im neuen Jerusalem wären; sie bedürfen keines andern Schmuckes als ihrer eigenen Hoffart. Kein Juwelier könnte sie geziemend schmücken; sie tragen ihren Stolz als einen Halsschmuck, der die schwerste goldene Kette an prunkendem Glanz übertrifft. Gewalttat umhüllt sie als Gewand. (Grundt.) Statt sich der Unbill, die sie den Geringen antun, zu schämen, putzen sie sich damit heraus. Sie tragen die Livree des Teufels und finden sie schön. Sowie man sie sieht, merkt man, dass man ihnen Platz machen muss; denn sie sind fest entschlossen, ohne Rücksicht aus die Gefühle und Rechte ihrer Mitmenschen ihren Willen durchzusetzen und ihre Zwecke zu erreichen. Sie prahlen und poltern, wüten und wettern, als ob sie einen Freibrief hätten, auf scharf tbbeschlagenen Rossen über die ganze Menschheit hinzureiten.

7. Ihre Augen glotzen aus dem Fett hervor. (Grundt.) Bei übermäßig korpulenten Leuten werden die Augen gewöhnlich durch das sie einschließende Fett dem Anschein nach kleiner, hie und da treten sie aber auch glotzend aus dem Schmergesicht hervor; in beiden Fällen verliert das Antlitz seine menschliche Form und nähert sich dem eines fetten Schweins. Das Angesicht zeigt in solchem Fall deutlich, wie der Mensch beschaffen ist, dem es gehört: er hat mehr als genug, er ist mit Wohlleben übersättigt und gehört doch zu den Gottlosen, die Gott ein Gräuel sind. Es wallen über die Gedanken ihres Herzens. (Grundt.) Was sie im Herzen denken und planen, bricht wie eine durch nichts zurückzuhaltende Flut in frechen Reden und Taten hervor. Nichts hält sie in Schranken. Sie tun, was sie nur gedenken, und kennen keinen Zaum noch Zügel ihrer bösen Begierden und ihres stolzen Selbstgefühls. Die englische Bibel hat die Worte mit mehreren Rabbinern und Calvin anders verstanden: Ihre Erfolge gehen über die Gedanken ihres Herzens hinaus; sie haben mehr, als das Herz wünschen kann. Alle ihre Wünsche werden erfüllt, und mehr als das: ihre Gier wird noch übertroffen von dem, was ihnen zufällt. Sie begehren einen Trunk Wassers, und die Welt reicht ihnen Milch; sie verlangen Hunderte, und Tausende werden ihnen zu Füßen gelegt. Das Herz ist gierig ohne Maß, und doch scheint es bei manchen gottlosen Millionären, die mit einem Sardanapal an Üppigkeit und Verschwendung wetteifern, als würden ihre Wünsche noch überboten und übersteige die Fülle ihrer Krippe noch ihre Fressgier.

8. Sie achten alles für nichts. Ihr loser Mund höhnt und spottet über alles; nichts ist ihnen heilig oder ehrwürdig, frech setzen sie sich über alle Autoritäten hinweg. Und reden boshaft Unterdrückung. (Grundt.4 Ihr Inneres ist voller Bosheit; das wird an dem, was sie reden, offenbar: sie reden Unterdrückung , verteidigen die Gewalttätigkeit, als hätte diese das größte Recht, rühmen sich ihrer und möchten sie zur allgemeinen, unter allen Völkern herrschenden Regel machen. "Was sind die Armen? Wozu sind sie auf der Welt? Wozu anders, als sich zu plagen und zu schinden, damit die Leute von Bildung und Stand sich amüsieren können? Zum Henker mit dem Pack, das von seinen Rechten schwatzt! Eine Bande betrügerischer Volksverführer reizt sie aus, um sich mit der Wühlerei ein leichtes Brot zu verschaffen. Lasst die Leute arbeiten wie Pferde und füttert sie wie Hunde, und wenn sie es wagen sich zu beschweren, so werft sie ins Loch oder lasst sie im Arbeitshaus sterben!" Es gibt auch heute noch nur zu viel solcher ruchlosen Reden, und wiewohl die arbeitenden Klassen ihre Fehler und zum Teil sehr große und bedenkliche Fehler haben, so gibt es doch eine Sorte Menschen, die von jenen sprechen, als ob sie eine niedrige Art Tiere wären. Gott vergebe den Elenden, die solche Reden führen. Und reden und lästern hoch her, wörtl.: sie reden von oben herab. Hoch wie ein Schornstein blicken sie ins Land hinaus, und wie bei einem solchen ist, was aus ihnen kommt, schwarz und schmutzig. Sie haben ein großes Maul wie Goliath, ihre Sprache ist an Kraftausdrücken überreich, ihre Prahlerei großartig. Sie haben die Weisheit gepachtet und wissen in allem Bescheid; sie sprechen als vom Richterstuhl und erwarten, dass alle Welt sich vor ihnen bücke.

9. Sie richten ihren Mund gegen den Himmel.5 Gegen Gott selbst schleudern sie ihre Lästerungen. Hört man sie, so sollte man meinen, sie wären selber Halbgötter und reichten mit ihrem Haupt bis über die Wolken; denn sie sprechen von oben herab auf die andern Menschen nieder, als ob sie eine unvergleichlich erhabene Stellung einnähmen. Doch dürften sie Gott füglich in Ruhe lassen; denn ihr Hochmut macht sie Gott schon genug zu Feinden, ohne dass sie ihn noch durch Lästerreden herausfordern müssten. Und ihre Zunge ergeht sich auf Erden. (Wörtl.) In vielgeschäftigem Müßiggang durchziehen sie alle Lande, um Opfer für ihre Verleumdungen und Ohrenbläsereien zu finden. Ihre Zunge lauert in jedem Winkel fern und nah und schont niemandes. Gleich den Schlangen lassen sie überall, wo sie gehen, ihren Schleim zurück; wäre noch ein Paradies auf Erden zu finden, so würde seine Unschuld und Schönheit es nicht vor ihrem Unflat schützen. Sie selber sind ungemessener Ehren wert, alle übrigen Menschen aber, mit Ausnahme einiger weniger, die ihnen als Schmarotzer ankleben, sind Schurken, Narren, Heuchler oder noch etwas Schlimmeres. Wenn diese Großmäuler sich auf Erden ergehen, dann wehe denen, die ihnen begegnen; denn sie stoßen alle, die ihren Weg kreuzen, in die Gossen und Pfützen. Leider ist es unmöglich, ihnen allezeit zu entgehen, denn sie wandeln in der alten und in der neuen Welt umher und machen ihre Reisen zu Wasser und zu Land. Die Städte sind von ihnen nicht frei, und die Dörfer wissen ebenfalls von ihnen. Sie wegelagern auf den Reichsstraßen, aber sie jagen auch in Feld und Busch. Ihre Peitsche hat einen langen Schweif und trifft beides, Hohe und Niedere.

10. Darum wendet sich sein Volk hierher.6 (Wörtl.) Die Worte sind dunkel. Manche Ausleger beziehen das "sein" auf Gott : so groß ist die Anziehungskraft dieser von Geld und Glück strotzenden Frevler, dass Gottes auserwähltes Volk abtrünnig wird und sich ihrem gottlosen Wesen zukehrt. Näher liegt es, trotz des plötzlichen Übergangs in die Einzahl als Attribut zu Volk die Frevler zu denken, von denen ja im ganzen Psalm die Rede ist. Der plötzliche Übergang in die Einzahl erklärt sich wohl daraus, dass der Psalmdichter hier einen der Rädelsführer vor andern ins Auge fasst. Und Wasser in Fülle wird von ihnen geschlürft. (Wörtl.) Gierig saugen die Betörten die verderblichen Lehren jener Volksverführer ein. Armes Volk, das den edlen Wein der göttlichen Wahrheit verschmäht und statt dessen die wässerigen Irrlehren frecher Gottesleugner schlürft!

11. Und sprechen: Wie weiß denn Gott (wörtl.), d. h.: Wie kann Gott es wissen? So wagen die Gottlosen zu reden. Sie. schwatzen sich vor, der Himmel beachte es nicht, dass sie die Frommen und Elenden unterdrücken und verfolgen. Wenn es überhaupt einen Gott gibt, so ist er doch gewiss viel zu sehr mit andere Dingen beschäftigt, als dass er wissen sollte, was auf dieser Welt vorgeht. Mit solch törichten Gedanken trösten sie sich, wenn ihnen Gerichte angedroht werden. Wiewohl sie von ihrem eigenen Wissen so viel halten, haben sie doch die Stirn zu fragen: Und wie gäbe es ein Wissen (um solches) beim Höchsten? Heißen sie nicht mit Recht Toren? Gott und nicht wissen -.wer anders als ein Narr kann diese beiden Begriffe verbinden? Solcherart ist aber gerade die tatsächliche Torheit der gottvergessenen Deisten der neueren Zeit, die sich zwar Deisten oder Gottesbekenner nennen, weil es nicht zum guten Ton gehört, ausgesprochen ungläubig zu sein, die aber ohne allen Zweifel in Wirklichkeit Atheisten sind; leugnen sie doch entschieden den Gott der Offenbarung.7

12. Siehe, das (oder, vergl. Hiob 18,21: so beschaffen) sind die Gottlosen, die sind glückselig in der Welt. Siehe! Schaut her und verwundert euch; denn hier ist das stehende Rätsel, der gordische Knoten der Vorsehung, der Stein, an dem schon so mancher redliche. Gläubige sich empfindlich gestoßen hat. Die Ungerechten werden belohnt, ihnen werden alle Wünsche erfüllt. Von Jugend auf schwimmen diese Menschen im Glück, sie, die es wert wären, im schrecklichsten Elend zu ertrinken. Sie verdienten es, in Ketten aufgehängt zu werden, und man hängt ihnen goldene Ketten um den Hals; sie wären es wert, aus der Welt herausgejagt zu werden, und doch fällt die ganze Welt ihnen als Besitz zu. Sie sollten von Rechts wegen Tag und Nacht keinen Augenblick Ruhe haben, und doch sind sie, wie der Grundtext wörtlich lautet, in steter Ruhe, erfreuen sich immerdar ungestört ihres Wohllebens. Die arme, kurzsichtige Vernunft ruft: "Seht nur! Verwundert euch und staunet und bringt das mit der Gerechtigkeit der Vorsehung in Einklang, wenn ihr könnt!" Und werden reich, wörtlich (mit dem Vorhergehenden): und häufen in steter Ruhe Reichtum (oder Macht) an. Vermögen und Einfluss sind ihre Aussteuer. Sie haben nicht den Schuldturm zu fürchten, sie erliegen nicht dem Bankrott, sondern Raub und Wucher häufen ihr Vermögen. Geld kommt zu Geld, die Dukaten fliegen in Haufen herzu, dass die Reichen noch reicher, die Stolzen noch stolzer werden. HERR, wie soll man das begreifen? Deine elenden Knechte, die nur immer ärmer werden und unter ihren Bürden seufzen, müssen sich wundern über deine geheimnisvollen Wege.

13. Soll es denn umsonst sein, dass mein Herz unsträflich lebt? Oder, wie die meisten mit der engl. Bibel in noch schärferem Ton übersetzen: Fürwahr, umsonst habe ich mein Herz rein erhalten! Der arme Asaph! Er zieht den Wert der Heiligkeit in Frage, weil ihr Lohn in der Münze der Trübsal ausbezahlt wird. Ohne irgendwelchen Nutzen hat er sich der Unsträflichkeit beflissen, keinerlei Vorteil hat er von der Reinheit seiner Gesinnung geerntet; denn diejenigen, deren Herz im Schmutz lebt, sind erhöht und weiden sich an dem Mark des Landes. Solch törichte Schlüsse machen die weisesten Menschen, wenn ihr Glaube einschläft. Asaph war ein Seher (2. Chr. 29,30), aber er konnte nichts sehen, als ihn die Vernunft im Dunkeln stecken ließ; selbst die heiligen Seher bedürfen zum Sehen des Sonnenlichtes der geoffenbarten Wahrheit, sonst tasten sie umher wie die Blinden. Nach der Gegenwart der zeitlichen Umstände mag der Schluss allerdings berechtigt scheinen, dass die Gerechten sich ganz umsonst einer unsträflichen Gesinnung beflissen hätten; aber wir sollen ja nicht nach dem Augenschein urteilen. Und ich meine Hände in Unschuld wasche. Asaph hatte auf seine Hände so sorgsam achtgehabt wie aus sein Herz, hatte seinen äußeren Wandel so rein gehalten wie seine innere Gesinnung, und es war ein peinlicher Gedanke, dass ihm dies alles ohne Nutzen gewesen sei und ihn sogar in einer schlimmeren Lage gelassen habe als Weltleute mit schmutzigen Händen und einem schwarzen Herzen. Gewiss muss gerade dies, dass der Schluss, den Asaph zog, so schrecklich war, dazu geholfen haben, ihn in seinem Herzen als unhaltbar zu beweisen; es konnte nicht wirklich so sein, solange Gott Gott ist. Der Schluss roch doch zu stark nach einer Lüge, als dass er in dem Herzen dieses redlichen Mannes lange hätte geduldet werden können. So sehen wir denn auch bald, schon nach wenigen Versen, dass Asaphs Sinn sich einer andern Richtung zukehrt.

14. Und bin geplagt täglich, wörtl.: den ganzen Tag, d. i. immerfort. Er wurde gezüchtigt von dem Augenblick, da er aufwachte, bis zu der Zeit, da er sich zu Bett legte. Und seine Leiden zogen sich nicht nur in die Länge, sondern erneuerten sich mit jedem anbrechenden Tag: und meine Strafe ist alle Morgen da. Welch greller Gegensatz zu dem Lose der Gottlosen! Für die Verworfenen gibt es Kränze, für die Auserwählten Kreuze. Wie seltsam: die Heiligen müssen seufzen und die Sünder können singen. Den Friedensstörern wird Ruhe gegönnt, während den Friedensstiftern die Ruhe verweigert wird. Der niedergeschlagene Prophet grübelte über diese Rätsel der Vorsehung und konnte aus dem Labyrinth seiner Gedanken nicht herausfinden. Die Lebensführungen der Menschen schienen ihm ein dicht verworrener Knäuel zu sein. Wie konnte der gerechte Richter es zulassen, dass die Dinge so auf den Kopf gestellt wurden und der ganze Lauf der Gerechtigkeit auf so schiefe Bahn geriet?
  Die Sache wird hier sehr deutlich zur Sprache gebracht, und gar mancher Christ wird in dem entworfenen Bilde seine eigenen Erfahrungen wiedererkennen. Auch wir haben solche Knoten zu lösen versucht und uns dabei die Finger wund gerieben und die Zähne zerbrochen. Wir haben unsere Weisheit teuer erkauft, aber erlangt haben wir sie, und seither erhitzen wir uns nicht mehr über die Bösewichter (Ps. 37,1); denn der HERR hat uns gezeigt, was ihr Ende sein wird.
15. Ich hätte auch schier so gesagt wie sie;
aber siehe, damit hätte ich verdammt alle deine Kinder, die je gewesen sind.
16. Ich gedachte ihm nach, dass ich’s begreifen möchte;
aber es war mir zu schwer,
17. bis dass ich ging in das Heiligtum Gottes
und merkte auf ihr Ende.

15. Der Versanfang lautet wörtlich: Wenn ich (bei mir) gesprochen hätte: "Ich will demgemäß erzählen", was wir etwas freier wiedergeben: Wenn ich mir vorgenommen hätte, mich also auszusprechen. Es ist nicht immer klug, dem, was man denkt, Ausdruck zu geben. Wenn unsere törichten oder argen Gedanken in uns verschlossen bleiben, schaden sie wenigstens nur uns selber; sind sie aber einmal ausgesprochen, so kann das Unheil, das sie anrichten, groß sein. Von den Lippen eines solchen Mannes kommend, wie der Dichter unseres Psalms einer war, wären die Äußerungen, welche sein Unmut ihm nahelegte, für die ganze Brüderschaft der Frommen ein schwerer Schlag gewesen und hätten sie tief entmutigt. Er durfte sich daher nicht entschließen, diese Gedanken, solange er sich noch nicht zur Klarheit durchgerungen hatte, vor anderer Ohren zu äußern; so hielt er sie denn zurück, und er tat daran wohl, denn in seinem Fall waren die Nachgedanken weitaus die besseren. Siehe, so hätte ich treulos gehandelt am Geschlecht deiner Kinder. (Wörtl.) Er hätte sie geärgert und betrübt und wohl gar verführt, selber auch an Gott irre zu werden. Wir müssen stets bedenken, welche Wirkung unser Reden auf die andern, insonderheit auch auf die Gemeinde Gottes haben kann. Wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! Übereilte, innerlich nicht verarbeitete, schlecht überlegte Äußerungen haben viel von dem Groll der Herzen und der Verwirrung in den Gemeinden zu verantworten. Wollte Gott, dass die Leute ihre Zunge wie Asaph im Zaum hielten! Wo wir irgendwie Verdacht schöpfen, wir könnten Unrecht haben, ist es besser, still zu sein. In solchen Dingen den Mund zu halten kann nicht schaden; dagegen kann es das größte Unheil anrichten, wenn wir in Hast und Unruhe gefasste Meinungen ausbreiten. Gottes Kindern durch treuloses Handeln und Verrat an der Wahrheit Verdruss und Versuchungen zu bereiten ist eine so abscheuliche Sünde, dass die Verkäufer von Irrlehren ihre Waren nicht mit so geläufiger Zunge ausrufen würden, wenn ihr Gewissen nicht wie mit einem glühenden Eisen gebrannt wäre. Redeweisen, welche den Eindruck hinterlassen, als handle der HERR ungerecht oder unfreundlich, sind, besonders wenn sie dem Munde solcher entschlüpfen, die wegen ihrer Ehrenhaftigkeit und Erfahrung allgemein geschätzt sind, so gefährlich wie Feuerbrände unter der Spreu. Von den Schlechtgesinnten werden sie zu lästerlichen Zwecken benutzt, und die furchtsamen, zaghaften Seelen werden sicher durch sie noch tiefer zu Boden gedrückt.

16. Ich gedachte ihm nach, dass ich’s begreifen möchte; aber es war mir zu schwer. Äußerlich konnte er wohl still sein, um ja keinem Gliede der Gottesfamilie zu schaden; aber in seinem Innern, da goren und kochten seine Gedanken und erfüllten ihn mit unerträglicher Pein. Das Reden hätte ihm vielleicht in einer Hinsicht Erleichterung verschafft; aber da es ein anderes, größeres Übel verursacht hätte, verschmähte er ein so gefährliches Hilfsmittel. Doch wühlten dabei noch immer die von Anfang empfundenen Schmerzen in seinem Busen und wurden sogar immer schlimmer, bis sie ihn ganz zu überwältigen drohten. Heimlicher Gram ist schwer zu ertragen. Die Gewissenhaftigkeit gegen andere nötigt uns, den Wolf unter unserm Gewand verborgen zu halten; aber dieser Sieg des Gewissens wird teuer erkauft, denn das Untier nagt da im Verborgenen an unserm Leben. Feuer, das heimlich in den Gebeinen brennt, wütet ärger, als wenn es sich durch den Mund Luft machen kann. Wer Asaphs verzweifelte Lage aus Erfahrung kennt, wird ihn bemitleiden, wie es andere nicht vermögen.

17. Bis dass ich ging in das Heiligtum Gottes. Sein innerer Sinn drang in die Ewigkeit ein, wo Gott als in seinem Heiligtum thront; er trat aus dem Kreis des sinnlich Wahrnehmbaren ein in die Grenzen des Unsichtbaren. Sein Herz schaute hinter den Vorhang; er nahm seinen Stand da, wo der dreimal heilige Gott steht. Und wunderbar: bei dieser Veränderung des Standpunktes, von dem aus er die Dinge betrachtete, löste sich die augenscheinlichste Unordnung in Harmonie auf! Die Planeten laufen, von unserer Erde aus betrachtet, die selber auch nur ein Wandelstern ist, wirr durcheinander: die einen scheinen vorwärts, die andern rückwärts zu gehen, noch andere stillzustehen; könnten wir aber unsere Sternwarte auf der Sonne errichten, die der Mittelpunkt des ganzen Systems ist, so würden wir wahrnehmen, dass die Wandelsterne alle in vollkommener Ordnung um das Haupt der großen Weltenfamilie kreisen. Und merkte auf ihr Ende. Bisher hatte sein Blick nur an der Gegenwart gehaftet; das war ein zu enger Gesichtskreis, als dass Asaph sich ein richtiges Urteil zu bilden vermocht hätte. Sobald aber sein Blick erweitert ward, änderte sich auch sein Urteil: in Gottes Heiligtum ward ihm das Auge geöffnet, dass er die Zukunft der Gottlosen sah, und die unmittelbare Folge davon war, dass seine Seele sich nicht mehr über ihr gegenwärtiges Glück ereiferte. Nicht mehr nagt jetzt der Neid an seinem Herzen, sondern ein heiliger Schrecken erfüllt seine Seele, sowohl vor dem über ihnen schwebenden Schicksal als vor ihrer gegenwärtigen Schuld. Er schaudert davor zurück, in derselben Weise behandelt zu werden wie die stolzen Sünder, deren Glück er eben noch mit Bewunderung betrachtet hatte.
18. Ja, du setzest sie aufs Schlüpfrige
und stürzest sie zu Boden.
19. Wie werden sie so plötzlich zunichte.
Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.
20. Wie ein Traum, wenn einer erwacht,
so machst du, Herr, ihr Bild in der Stadt verschmäht.

18. Was den Psalmdichter so tief gegrämt hatte, war nicht so sehr die Tatsache, dass es den Gottlosen so wohl geht, als dass Gott es so geordnet hat. Wäre es von ungefähr, dann hätte er sich wohl darüber gewundert, aber keinen Grund zum Klagen gefunden; wie aber der allweise Lenker der Geschicke seine zeitlichen Gunstbeweise so verteilen könne, das war die den Psalmdichter quälende Frage. Da sieht er nun auf einmal, dass Gott diese Menschen absichtlich in wohlhäbige und glänzende Umstände versetzt, nicht um sie zu segnen, sondern zum geraden Gegenteil. Ja, du setzest sie aufs Schlüpfrige. Ihre Stellung ist voller Gefahren; darum setzt der HERR nicht seine Freunde, sondern nur seine Feinde auf solches Glatteis. Für seine Auserkorenen wählt er in seiner weisen Liebe einen rauheren, aber sichereren Stand. Und stürzest sie zu Boden, wörtl.: zu Trümmern. Die gleiche Hand, die sie den Tarpejischen Felsen hinaufgeführt hatte, schleuderte sie von dannen hinab. Nicht aus Gunst, sondern kraft richterlicher Verfügung wurden sie erhöht, damit das Urteil in um so schaurigerer Weise an ihnen vollstreckt werde. Die Gerichte der Ewigkeit werden im Gegensatz zu der früheren Wohlfahrt derjenigen, welche ihnen entgegenreifen, um so furchtbarer sein. Im Ganzen genommen ist die Lage der gottfeindlichen Menschen durch und durch schrecklich, und ihre zeitliche Freude macht in Wirklichkeit, statt das Schaurige zu mindern, die Sache nur umso entsetzlicher, gerade wie bei einem Unwetter das Leuchten des Blitzes die dicke Finsternis, welche ringsum herrscht, nicht aufheitert, sondern desto schwärzer erscheinen lässt. Dass Haman so hoch hinaufsteigen musste an den unseligen, fünfzig Ellen hohen Galgen, diente wesentlich dazu, den Schrecken des Urteils: "Hängt ihn daran!" zu vermehren. Würden die Gottlosen nicht so hoch erhöht, so könnten sie nicht so tief fallen.

19. Wie werden sie so plötzlich zunichte, wörtl.: zur Wüste. Ein Ausruf gottseliger Verwunderung darüber, dass das Verderben so unvermutet und mit so vernichtender Gewalt über die sicheren Sünder hereinbricht. Hals über Kopf stürzen sie hin; ohne Vorwarnung, ohne eine Möglichkeit des Entrinnens, ohne die Hoffnung, sich je wieder zu erheben. Trotz ihrer goldenen Ketten und Ehrenzeichen, trotz ihrer prächtigen Gewandung macht der Tod mit ihnen keine Umstände, sondern jagt sie vor sich her, und die strenge Gerechtigkeit stößt sie, von ihrem Reichtum unbestochen, ins Verderben. Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken. Es bleibt ihnen weder Wurzel noch Zweig. Unter den Menschenkindern dieser Welt existieren sie nicht mehr, und in der jenseitigen Welt ist nichts mehr übrig von all ihrer Herrlichkeit. Gleich Bäumen, die vom Blitz getroffen sind und nun ihre dürren Äste in die Lust strecken, sind sie Denkmale der rächenden Gerechtigkeit; wie die Ruinen von Babel enthüllen sie durch die Schrecklichkeit ihrer Verwüstung, wie furchtbar der HERR Gericht übt an allen, die sich ungebührlich selbst erhöhen. Die Augenblicksherrlichkeit profaner Menschen ist in einem Augenblick ausgelöscht, ihre Hoheit in einem Nu dahin für immer.

20. Wie einen Traum nach dem Erwachen, so verschmähst du, Herr, wenn du erwachst,8 ihr (Schatten-) Bild. (Grundt.) Dass sie noch leben und wohlgedeihen, verdanken sie der Langmut Gottes, welche der Psalmdichter einem Schlummer vergleicht; wie aber ein Traum, sobald der Mensch erwacht, verschwindet, so wird auch in dem Augenblick, da der HERR seine Gerechtigkeit auszuüben und die Menschen vor sich zu rufen beginnt, der Prunk und die Wohlfahrt der stolzen Übertreter in ein Nichts zusammenschmelzen. Wenn Gott zum Gericht erwacht, werden diejenigen, welche ihn verachten, wieder verachtet werden. Schon jetzt sind sie ihrem nichtigen Wesen nach den Träumen gleich; dann aber wird das fundamentlose Gebäude so zusammenbrechen, dass nicht einmal eine Ruine zurückbleibt. Lasst sie doch die kleine Zeit, welche sie haben, sich aufblähen, die armen, hohlen Schaumgebilde, sie werden bald dahin sein; wenn der Tag anbricht und der HERR wie ein Starker aus seinem Schlaf erwacht, werden sie vergehen. Wer kehrt sich an den Reichtum des Fabellandes? Wer anders als Narren? HERR, überlass uns nicht dem Wahnsinn, der nach nichtigen Gütern trachtet, sondern lehre uns allezeit deine wahre Weisheit!
21. Da es mir wehe tat im Herzen
und mich stach in meinen Nieren,
22. da war ich ein Narr und wusste nichts,
ich war wie ein Tier vor dir.
23. Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,
24. du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich endlich mit Ehren an.

21. Der heilige Dichter schaut hier abermals auf seinen inneren Kampf zurück und erteilt sich selber eine Rüge wegen seiner Torheit. Seine Seelenpein war äußerst heftig gewesen. Er sagt: Da es mir wehe tat in meinem Herzen. Sein Kummer saß tief und war derart, dass sein Innerstes davon durchbohrt ward. Sein Herz war verbittert worden; das ist wohl die Meinung des Grundtextes. Er hatte sich zu herben, finstern Urteilen hinreißen lassen. Er war voll bitterer Galle geworden, melancholisch und cholerisch; er hatte sein eigenes Leben an seiner Quelle vergiftet, so dass alles, was daraus hervorströmte, bitter wie Galle war. Und mich stach in meinen Nieren. Er war so voller Schmerzen wie jemand, der von einem Nierenleiden heimgesucht ist; seine harten Gedanken saßen wie so viele Gallensteine in seinen Eingeweiden. Er war jämmerlich elend und ganz in Traurigkeit versenkt, und das alles durch eigene Schuld, infolge der Betrachtungen, welche er angestellt hatte. Welch jämmerliche Philosophie, die das Gemüt auf die Folter spannt und rädert! Aber gesegnet sei der Glaube, der die Inquisitoren davontreibt und den Gefangenen in Freiheit setzt!

22. Da war ich ein Narr. Wiewohl er ein Heiliger Gottes war, hatte er doch gehandelt, als ob er einer der Toren wäre, welche Gott verabscheut. Hatte er diese nicht sogar beneidet? Und was ist das anders, als zu wünschen, ihnen gleich zu sein? Die weisesten Menschen haben Torheit genug in sich, dass diese sie verderben würde, wenn die Gnade dem nicht vorbeugte. Und wusste nichts. Er hatte gehandelt, als ob er gänzlich unwissend wäre, hatte gebabbelt wie ein Blödsinniger, hatte albernes Zeug geschwatzt wie ein Fieberkranker. Er weiß nicht, wie den rechten Ausdruck finden für das lebhafte Gefühl, wie albern er gewesen war. Ich war wie ein Tier vor dir. Sogar in Gottes Gegenwart9 hatte er sich unmenschlich dumm und sinnlich benommen. Wie der Ochse, der Gras frisst, nur ein irdisches Leben hat und daher auch die Dinge nur nach dem Wert, den sie für dies zeitliche Dasein haben, und nach dem sinnlichen Vergnügen, das sie gewähren, beurteilt, geradeso hatte der Psalmdichter das Glück nach dem Maßstab dieses sterblichen Lebens geschätzt, nach dem äußeren Schein und in Hinsicht auf das Ergötzen des Fleisches. So hatte er sich zu der Zeit der Würde eines mit einem unsterblichen Geist begabten Wesens begeben und, als ob er ein Tier wäre, nur nach dem, was seine Augen sahen, geurteilt. Wir verspüren keine Neigung, einen von Gott als Propheten gebrauchten Mann ein Vieh zu nennen; diesen selber aber führte die Buße dazu, sich also zu bezeichnen, ja er braucht wohl des Nachdrucks halber die Form der Mehrzahl. Manche Erklärer fassen das Wort (behemoth) sogar als Namen des Nilpferdes auf, in welcher Bedeutung es bei Hiob 40,15; vorkommt, so dass Asaph sich wenig schmeichelhaft ein Rhinozeros nennen würde! Wie dem auch sei, es ist ein Erweis seiner Weisheit, dass er sich so tief bewusst war, töricht gewesen zu sein. Wir sehen, wie schmerzlich gute Menschen es beklagen, wenn sie geistige Irrwege gegangen sind; sie suchen sich nicht zu entschuldigen, sondern stellen ihre Sünden an den Pranger und überhäufen sie mit den verächtlichsten Schmähworten. O dass uns Gnade gegeben werde, das Böse in jeglicher Gestalt zu verabscheuen!

23. Dennoch bleibe ich stets an dir, wörtl.: mit dir (verbunden). Er lässt seinen Glauben nicht fahren, wiewohl er die Torheit seines Herzens bekennt. Die Sünde mag uns viel Not machen, und wir mögen dabei dennoch mit Gott in Gemeinschaft stehen. Die Sünde freilich, die wir lieben und hegen, die scheidet uns von Gott; wenn wir das Böse aber von Herzen beklagen, so wird der HERR sich uns nicht entziehen. Welchen Gegensatz finden wir hier zwischen diesem und dem vorhergehenden Verse. Asaph ist wie ein Tier, und doch bleibt er stets an Gott! Wie unsere Doppelnatur stets Streit heraufbeschwört, so ist sie auch selbst ein fortwährendes Paradoxon (ein scheinbar widersinniges Ineinander von Widersprüchen): das Fleisch macht uns den Tieren, der Geist Gott verwandt. Denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Wörtl.: Du hast mich erfasst bei der Hand meiner rechten Seite. Wie später ein Paulus darin reiche Stärkung seines Glaubens und Eifers fand, dass er sich von Christus Jesus ergriffen wusste (Phil. 3,12), so gründete Asaph die Gewissheit seiner dauernden Verbindung mit Gott darauf, dass dieser ihn bei seiner Rechten erfasst hatte. Du umfängst mich mit Liebe, begrüßest mich mit Ehren, hältst mich aufrecht mit deiner Macht. Beinahe war er gefallen und doch allezeit aufrecht geblieben. Er war sich selber ein Rätsel, wie er vielen ein Wunder gewesen war. Dieser Vers redet von zwei kostbaren Gnadengütern: der Gemeinschaft mit Gott und der Aufrechterhaltung durch Gott, und da sie beide jemand gegeben waren, der sich selber als einen Toren bekennen musste, dürfen auch wir hoffen, uns ihrer zu erfreuen.

24. Du leitest mich nach deinem Rat. Ich habe es aufgegeben, mir meinen Weg selber zu wählen und einen Pfad durchs Dickicht der Vernunft zu hauen. Er lässt nicht nur den in Frage stehenden Gegenstand fallen, sondern entschlägt sich überhaupt alles Grübelns und Streitens über Gottes Wege und legt seine Hand in die seines himmlischen Vaters mit dem Wunsche, von ihm geleitet zu werden, und mit dem Gelübde, willig zu folgen, welche Wege immer diese Hand ihn führe. Unsere früheren Fehler wandeln sich in einen Segen, wenn sie uns zu solchen Entschlüssen treiben. Wenn wir mit unserer Weisheit zu Ende sind, dann ist Hoffnung, dass die wahre Weisheit bei uns anfange. Bei Ihm ist Rat (Hiob 12,13), und wenn wir uns von ihm leiten lassen, werden wir gewiss recht geführt. Und nimmst mich endlich (wörtl.: hernach) mit Ehren an. Hernach! Ein herrliche Wort. Wir können getrost mit dem uns gegenwärtig beschiedenen Lose fürlieb nehmen, wenn wir auf die Zukunft blicken und sie im Glauben vorausschauen. Was jetzt gerade unsere Umstände sein mögen, ist von geringer Bedeutung im Vergleich zu dem, was zukünftig unser Teil sein wird. Gern will ich mich für die gegenwärtige kurze Zeit mit Niedrigkeit, ja mit Schmach und Leiden bescheiden, wenn du mich hernach mit Ehren annimmst, ja, wie andere noch kräftiger übersetzen, zu Herrlichkeit oder in die Herrlichkeit aufnimmst . Ich soll noch der vollen, ungetrübten Gemeinschaft mit dem allein seligen, herrlichen Gott teilhaftig werden! Deine Leitung wird mich auf diesen unvergleichlichen Gipfel führen, vor dem alle Erdenhöhen zu Maulwurfshügeln werden. Herrlichkeit soll ich haben, und du selber wirst mich in sie einführen. Henoch ward einst nicht mehr gesehen, weil Gott ihn hinweggenommen hatte zu sich, und im Grunde werden alle Heiligen gleichermaßen in die Herrlichkeit aufgenommen werden.
25. Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
26. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,
so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.
27. Denn, siehe, die von dir weichen, werden umkommen;
du bringest um alle, die wider dich huren.
28. Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte
und meine Zuversicht setze auf den Herrn HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.

25. Wen habe ich (sonst) im Himmel? (Wörtl.10 So wendet er sich ganz hinweg von dem Flitter, der ihn betört hatte, zu dem echten Golde, das sein wahrer Schatz ist. Er fühlt, dass sein Gott ihm besser ist als all der Reichtum an Gütern, Gesundheit, Ansehen und Gemächlichkeit, um den er die Weltleute so beneidet hatte; ja, Gott ist nicht nur besser als alles auf Erden, sondern auch köstlicher als alles, was der ganze Himmel ihm bieten könnte. Er sagt allem andern ab, um ganz von seinem Gott erfüllt zu werden. Und außer dir11 begehre ich nichts auf Erden. (Wörtl.) Nicht mehr soll sein Blick begehrlich auf Erden umherschweifen, kein irdischer Magnet sein Herz mehr anziehen; hinfort soll der Ewige allein sein alles sein.

26. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet. Diese waren in der Stunde der Anfechtung schon fast verschmachtet, es wäre beinahe mit ihm aus gewesen; und jedenfalls kam die Stunde des Todes, in der ihm Fleisch und Herz dahinschwinden würden, und wenn er sich auf sie verließe, so würden sie ihn unzweifelhaft alsbald im Stich lassen. So bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost (wörtl.: Fels) und mein Teil. Sein Gott wird nie versagen, weder als sein Schutz noch als die Quelle der Freude. Sein Herz wird durch Gottes Liebe aufrechterhalten und ewig mit himmlischer Wonne erfüllt werden. Asaph war weit hinausgetrieben worden aufs sturmbewegte Meer; aber jetzt wirft er im wohlbekannten heimatlichen Hafen Anker. Wir tun gut, seinem Beispiel zu folgen. Nichts ist begehrenswert außer Gott; so lasst uns denn auch nur Ihn begehren. Alles andere muss über kurz oder lang vergehen; mögen unsere Herzen denn in ihm bleiben, der allein ewig bleibt.

27. Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen. Um zu leben, müssen wir der Lebensquelle nahe bleiben; Gott fern sein durch böse Werke ist der Tod. Du bringest um alle, die wider dich huren. Wenn wir darauf Anspruch machen, des HERRN Knechte zu sein, dann müssen wir stets des eingedenk sein, dass er ein eifriger Gott ist und von allen, die ihm angehören wollen, geistliche Keuschheit verlangt. Vergehungen gegen die gelobte eheliche Treue sind besonders anstößig, und alle Sünden gegen Gott haben dasselbe Gepräge an sich und werden wie jene mit den schwersten Strafen heimgesucht. Die Heiden, die von Gott fern sind, verfallen dem Untergang, wenn ihre Stunde da ist; diejenigen Menschen jedoch, welche sich als zu Gottes Volk gehörig bekennen, gegen ihr Bekenntnis aber untreu handeln, werden unter das ausdrückliche Verdammungsurteil kommen und von Gottes Zorn zermalmt werden. Wir lesen davon Beispiele in Israels Geschichte; mögen wir niemals in unserer eigenen Person ein neuer Beleg dieser Wahrheit werden.

28. Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. Hätte er das ehedem allezeit getan, so würde er nicht in solche Bekümmernis versunken sein; als er es tat, entrann er der gefährlichen Klemme, in welcher er war, und wenn er fortfährt, in der Nähe Gottes zu bleiben, so wird er nie wieder in das gleiche Unglück geraten. Je näher wir uns zu Gott halten, desto weniger werden wir von den Reizen und Leiden der Erde angefochten. Der Zugang zu dem Allerheiligsten ist ein hohes Vorrecht und ein bewährtes Heilmittel für zahlreiche Übel. Die Nähe Gottes ist allen Heiligen gut und köstlich, sie ist es auch mir insonderheit; es ist mir unter allen Umständen gut und wird es stets sein, dem größten Gut, dem Urquell alles Guten, Gott selber, zu nahen. Und meine Zuversicht setze auf den Herrn HERRN. Er nennt mit Nachdruck den glorreichen Namen des Allherrn Jehova und bekennt mit Freuden, dass dieser die Grundfeste seines Glaubens ist. Gott vertrauen ist Weisheit; der Glaube ist der Schlüssel zu den Rätseln des Lebens, der Faden durch das Labyrinth der göttlichen Führungen, der Polarstern, der uns aus dem pfadlosen Ozean des Lebens den Weg zeigt. Der Glaube führt zur Erkenntnis. Glaube, so wirst du erkennen. Dass ich verkündige alle dein Tun. Wer Gott vertraut, wird dazu geleitet, Gottes Tun zu verstehen, und wird dadurch befähigt, es zu verkündigen. Asaph hatte gezögert, seine bösen, argwöhnischen Gedanken auszusprechen; aber er hält nicht zurück, wo es nun gilt, Gutes auszubreiten. Gottes Wege und Werke bewundert man je mehr, je genauer man sie kennt. Wer bereit ist, zu glauben, dass Gott gut ist, wird stets neue Güte sehen, an die er glauben kann, und wer willig ist, Gottes Tun zu verkündigen, wird niemals deshalb schweigen müssen, weil es ihm an Wundern, die er erzählen könnte, fehlt.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Das Ringen und Obsiegen einer durch die Rätsel des Erdenlebens schwer angefochtenen Seele kommt hier in wunderbar tiefen und hohen Tönen zum Ausdruck. Man hat den Psalm einen Lehrpsalm genannt; aber nichts liegt dem Psalmisten ferner, als eine Doktrin zu geben: er will nur aus sich heraussetzen, was ihn bewegt hat und bewegt, die Krankheits- und Genesungsgeschichte seines inneren Lebens.
  Was ihn beinahe zu Fall gebracht hätte, ist das eigentliche Hauptproblem, vor welches sich die alttestamentliche Frömmigkeit gestellt sah (vergl. Hiob), während es für die neutestamentliche Gemeinde von vornherein durch Christi Tod und Auferstehung gelöst ist: die Frage nach dem Zusammenhang von Sittlichkeit und Glück, der erfahrungsmäßige Hiatus (die Kluft) zwischen dem sittlichen Verhalten und dem äußeren Ergehen der Menschen. - Der Psalmist hat zwar der Versuchung, mit seinen Zweifeln andere anzustecken, widerstanden; aber seine Bemühungen, sie zu überwinden, blieben erfolglos, bis ihm im Heiligtum Gottes die Augen aufgingen: dem Blick des Glaubens enthüllte sich ebenso das schreckensvolle Ende der Gottlosen wie der unvergleichliche Wert der Gemeinschaft mit Gott (V. 15-28). Schon das Ende der Gottlosen hatte ihm das Törichte und auch Sündhafte seiner leidenschaftlichen Zweifel zum Bewusstsein gebracht (V. 21.22); aus seinen weiteren Bekenntnissen über den Segen der Gemeinschaft mit Gott sprüht eine Glut religiöser Empfindung und eine Kühnheit des Glaubens, die sonst im Alten Testament unerreicht ist und selbst im Neuen Testament (Röm. 8) nur wenig überboten wird. - V. 24 ff. zeigen den Weg an, auf welchem die alttestamentliche Frömmigkeit dazu kam, auf ihren Höhepunkten selbst über Tod und Scheol (Totenreich) zu triumphieren: man hätte nicht versuchen sollen, den allerdings gewaltigen Satz "in Herrlichkeit wirst du mich aufnehmen" kritisch zu beseitigen oder ihn abzuschwächen. Lic. Hans Keßler 1899.
  Der Psalm ist übergegangen in manche unserer innigsten deutschen Glaubensgesänge: "Von Gott will ich nicht lassen", "Wenn ich ihn nur habe", "Herzlich lieb hab ich dich, o Herr!" A. von Salis 1902.

V. 1. Dennoch. Dies Dennoch ist nur ein kleines Redeteilchen; doch sammelt man ja auch die winzigsten Goldabfälle sorgfältig, und die Perlen haben, wiewohl sie so klein sind, einen hohen Wert. Und diese Perle schillert in gar mannigfaltigem Glanze, wie die verschiedenen zulässigen Übersetzungen zeigen: Dennoch - nur gut - ja wahrlich, gut ist Gott gegen Israel. Simeon Ash 1647.
  Dennoch! Der Graf Johann Georg von Mansfeld hat auf seine Fahne ein einziges kleines Wort schreiben lassen, aber ein gewaltiges, trotzigliches Wort, das Wort Dennoch! Ich weiß nicht, ob der fromme Graf dies Wort von dem Psalmsänger Asaph aus dem 73. Psalm gelernt hat oder ob der Geist der ganzen heiligen Schrift ihm dies geharnischte Wort in das Herz und auf die Fahne geschrieben hat. Denn durch die ganze heilige Schrift geht ein zwiefaches mächtiges Dennoch, ein Dennoch der Gnade und ein Dennoch des Glaubens. W. Faber.
  Gott ist gut. Es liegt eine besondere Schönheit in dem Namen, den die germanischen Sprachen dem höchsten Wesen beilegen. Nur der erhabenste Name, welchen die hebräische Sprache für Gott hat, nämlich Jehova, kommt diesem an Schönheit gleich. Gott bedeutet ja: der Gute, so dass dieser Name diejenige Eigenschaft Gottes hervorhebt, welche für uns die anziehendste ist. Sharon Turner 1847.
  Admiral de Coligny, der morgens und abends und auch bei jeder Mahlzeit einen Psalm zu beten pflegte, war bei der Niederlage zu Moncontras schwer verwundet worden. Ein alter Soldat, L’Estrange, gleichfalls verwundet, näherte sich der Sänfte, sah Coligny an und sprach unter Tränen ihm das eine Wort zu, mit dem im französischen Psalter der 73. Psalm beginnt: Si est ce que Dieu est trés-doux! Dieses kleine Wort, gestand später der Admiral, habe ihn fort und fort tröstend begleitet. F. Bovet 1872.
  Wer nur reines Herzens ist. Wie die Keuschheit das tugendhafte Weib von der feilen Dirne unterscheidet, so unterscheidet sich der wahrhaft Fromme von dem Heuchler durch seine Herzensreinheit. Diese ist der Brillant, mit welchem nur die Auserwählten geschmückt sind. Sie gleicht dem Ordensband des Edelmannes, das als ausschließlich dem Adelsstand gehörendes Ehrenzeichen ihn von dem gemeinen Manne unterscheidet. Th. Watson † 1660.
V. 2. Das nachdrücklich vorangestellte "Ich aber " ist zu betonen; denn der Psalmist weist damit auf die Tatsache hin, dass solche Versuchungen, welche die Ehre Gottes angreifen und den Glauben gefährden, nicht nur die gewöhnliche Klasse der Menschen ankommen oder solche, die nur ein geringes Maß von Gottesfurcht haben, sondern dass der Psalmdichter selbst, der doch vor allen andern hätte in der Schule Gottes gefördert sein sollen, sein Teil davon erlebt hatte. Damit, dass er sich so zum warnenden Beispiel hinstellt, bezweckt er, uns desto wirksamer zur Achtsamkeit gegen uns selbst aufzuwecken und anzuspornen. Jean Calvin † 1564.
  Schier - beinahe - wörtlich: Es fehlte wenig - es fehlte nichts , so wäre ich gefallen, - und doch ist’s nicht geschehen. Darin tritt herrlich zutage, wie der Allmächtige die Aufrichtigen schützt und stärkt. Wiewohl wir hart versucht werden und wohl gar bis an den Rand des Abgrunds kommen, hält er uns doch, dass die Versuchung uns nicht überwältige. John Hooper † 1555.
V. 3 ff. Dass sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben gottlose und ungerechte Menschen so wohl gedeihen, die, wiewohl sie in Wirklichkeit kein glückliches Leben führen, doch von der öffentlichen Meinung für sehr glücklich gehalten werden, wie sie denn auch in den Werken mancher Dichter und in allerhand Büchern ungeziemenderweise gepriesen werden, das mag euch - und ich wundere mich gar nicht über euren Irrtum - zu der Meinung verleiten, als kümmerten sich die Götter nicht um die Angelegenheiten der Menschen. Diese Dinge verwirren euch. Ihr habt euch von törichten Gedanken einnehmen lassen und seid doch andererseits nicht imstande, von den Göttern schlecht zu denken, und dadurch seid ihr zu eurer gegenwärtigen Denkungsart gekommen, so dass ihr zwar glaubt, dass die Götter existieren, aber meint, sie verachteten und vernachlässigten die Angelegenheiten der Menschen. Philosoph Plato † 384 v. Chr.
  Wer hätte die Tiere um die Kränze und Schleifen beneiden wollen, mit welchen sie von den Heiden vor alters geschmückt wurden, wenn sie geopfert werden sollten? Diese äußerlichen Zierate, mit welchen die Gottlosen geschmückt werden, wie Gesundheit, Reichtum, Vergnügungen und irdische Vorzüge mancherlei Art, können sie nicht wirklich glücklich machen oder ihre Natur zum Besseren verändern. Welchen Schein diese Dinge auch in den Augen der Welt haben mögen, so sind sie doch nur wie ein mit schönen Blumen bedeckter ekelhafter Dunghaufen, sind in Gottes Augen so hässlich und widrig, wie es nur sein kann. Und wie schnell ist die Schönheit alles Irdischen dahin! Der Ruhm der Gottlosen steht nicht lange, und die Freude des Heuchlers währet einen Augenblick (Hiob 20,5). Sie haben eine kleine Zeit der Lust, aber eine Ewigkeit voll Jammers. John Willison † 1750.
  Bekannt ist der höhnische Scherz, welchen Dionysius der Jüngere , der Tyrann von Sizilien, machte, als er mit den dem Tempel von Syrakus geraubten Schätzen eine sehr glückliche Heimreise hatte. "Seht ihr nicht," sagte er zu seiner Umgebung, "wie die Götter die Tempelräuber begünstigen?" So nehmen viele die Wohlfahrt der Ruchlosen als eine Ermutigung zum Sündigen; denn wir sind sehr geneigt uns einzubilden, dass die Bösen, weil Gott ihnen so viel von den Dingen dieser Welt gewährt, seine Zustimmung und Gunst genießen müssten. Wir sehen in unserm Psalm, wie das Wohlleben der Gottlosen den Psalmisten bis ins Herz verwundete und ihn beinahe verleitete zu denken, er könne nichts Besseres tun, als sich ihnen zugesellen und ihrer Lebensweise folgen. Jean Calvin † 1564.
  Plagt dich der Neid, wenn du siehst, wie die Ruchlosen in guter Ruhe leben, so schließe die Augen, sieh nicht hin; denn neidische Augen sehen alles, worauf sie hinstarren, vergrößert. Actius Sincerus, ein Mann von seltenem Verstand und großem Ansehen, war in Gegenwart des Königs Zeuge eines Gesprächs, welches einige Ärzte darüber führten, was wohl das wirksamste Mittel wäre, das Gesicht zu schärfen. Dämpfe von Fenchel, sagten einige; der Gebrauch von Brillen, sagten andere, und so nannte der eine dies, der andere das. Ich aber, sagte er, halte den Neid für das beste Mittel. Die Herren Doktoren wunderten sich sehr, und die Zuhörer machten sich auf jener Kosten darüber lustig. Dann fuhr er fort: Lässt der Neid uns nicht alles größer und voller erscheinen? Und was könnte zweckentsprechender sein, als wenn das Sehvermögen selbst vergrößert und verstärkt wird? Thomas Le Blanc † 1669.
  Als Diogenes, der Zyniker, den Harpalus sah, einen lasterhaften Menschen, der aber in der Welt sein Glück machte, erkühnte er sich zu der Behauptung, dass der ruchlose Harpalus so lange in Wohlfahrt lebe, sei ein Beweis, dass Gott es aufgegeben habe, auf die Welt achtzuhaben, und sich nicht mehr darum kümmere, wie es auf Erden zugehe. Aber Diogenes war ja ein Heide. Doch haben aus eben der Ursache manchmal die Lichter im Heiligtum trüb gebrannt, manche Sterne nicht geringer Größe geflackert, Menschen von hervorragenden Gaben, unter ihren Zeitgenossen berühmt wegen ihrer Frömmigkeit, in ihrem Urteil gewankt, weil sie sehen mussten, wie die Gottlosen blühen und gedeihen. Es brachte den Hiob zum Klagen und Jeremia zum Rechten mit Gott; und der Psalmdichter war sogar nahe daran, deswegen den Glauben fahren zu lassen. D. John Donne † 1631.
V. 4. Sie haben keine Qualen. (Grundt.) Das hebräische Wort von zusammenschnüren, daher Jes. 58,6 "Knäuel", wird in gleichem Sinne wie das lateinische tormenta (von torquere, zusammendrehen) von konvulsivisch zusammenziehenden Schmerzen zu verstehen sein. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Es mögen Menschen wie Lämmer sterben und doch ihren Platz aus ewig bei den Böcken haben. Matthew Henry † 1714.
V. 5. Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute; denn Gott hat sie dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste (Röm. 1,24), nach dem Gesetz: Wer unrein ist, der sei fernerhin unrein (Off. 22,11). Sie gleichen einem Kranken, dem ein vernünftiger Arzt nichts mehr verbietet, weil seine Krankheit doch unheilbar ist. Probst Gerhoch von Reichersberg † 1169.
V. 6. Sie rühmen sich ihrer Schande. Plato sagt von Protagoras , dem Sophisten aus Abdera, er habe sich gerühmt, von seinen sechzig Lebensjahren vierzig darauf verwandt zu haben, die Jugend zu verderben. Sie prahlen mit solchem, das sie beweinen sollten. George Swinnock † 1673.
V. 7. Ihre Augen glotzen aus dem Fett hervor. (Grundt.) Am Anblick erkennt man einen Mann, sagt der Sohn Sirachs (Sir. 19,26 [29]). Zornige Leute, Lüstlinge, Schwermütige, Listige usw. tragen oft ihre Gemütsart und ihre herrschenden Leidenschaften stark auf dem Gesicht ausgeprägt; am deutlichsten aber schaut die Seele eines Menschen aus den Augen heraus. Bischof D. George Horne † 1792.
V. 8. Und reden boshaft Unterdrückung. (Wörtl.) Wir sehen in der Tat, dass gottlose Menschen, wenn ihnen eine Zeit lang alles nach Wunsch geraten ist, alle Scham abwerfen und sich gar keine Mühe geben, es zu verbergen, wenn sie im Begriff stehen, Unrecht zu begehen, sondern ihre eigene Schändlichkeit laut verkündigen. "Was!" sagen sie, "steht es nicht in meiner Macht, dir alles zu nehmen, was du hast, ja sogar dir den Hals abzuschneiden?" Gemeine Räuber tun allerdings dasselbe; aber dann verstecken sie sich vor Furcht. Diese Riesen aber, oder besser gesagt, diese Ungeheuer, von welchen der Psalmist spricht, bilden sich nicht nur ein, sie hätten sich keinem Gesetz zu unterwerfen, sondern vergessen ganz, dass sie auch nur schwache Menschen sind, und schnauben und schäumen in ihrer Wut, als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen gut und böse, zwischen Recht und Unrecht. Jean Calvin † 1564.
V. 9. Und ihre Zunge ergeht sich oder geht um auf Erden. (Grundt.) Das deutet die grenzen- und schrankenlose Beweglichkeit und Unruhe ihrer Zunge an. Diese Menschen schonen niemand, wer und was er auch sei. Haben sie es mit Armen und Geringen zu tun, so reden sie davon, wie sie sie zu Boden bringen und bedrücken wollen; widersteht ihnen jemand, so besprechen sie sich zu gewalttätiger Unterjochung. Begegnen sie auf ihren Wanderungen über die Erde der Wahrheit, so schwärzen sie sie mit Lügen an; kommt ihnen die Unschuld in den Weg, so brandmarken sie sie mit falschen Anschuldigungen und empfindlichen Verleumdungen; treffen sie irgendwo eine streng rechtliche Regierung und gute Gesetze, so rufen sie: "Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile!" Finden sie irgendwo ernste Frömmigkeit, so benennen sie sie Sektiererei oder Aberglauben; finden sie Geduld, so missdeuten sie sie als Starrsinn und Störrigkeit; kommen sie mit der Gemeinde Gottes in Berührung, so denken sie aus nichts Geringeres, als sie zu vertilgen, und schreien: "Wir wollen die Häuser Gottes einnehmen" (Ps. 83,13). Stoßen sie auf Gedanken an eine Auferstehung und auf Zukunftshoffnungen, so rufen sie: "Lasst uns essen und trinken, wir sterben doch morgen" (Jes. 22,13). Kein Winkel bleibt von ihrer Lästerzunge undurchsucht. So wandeln sie über die Erde, aber gegen den Himmel richten sie ihr Maul : da stehen sie still, nehmen festen Stand und schleudern ihre Lästerungen gegen diesen Punkt als das vornehmste Ziel, das sie im Auge haben. Bischof Edward Parry 1660.
V. 11. Gewisse Leute mögen glauben, dass es einen Gott gibt, und dennoch die Wahrheit seiner Drohungen bezweifeln. Die Gedanken, welche die Leute sich von Gott machen, so wie es ihren Neigungen entspricht, so dass sie meinen, er sei gleich wie sie (Ps. 50, 21) - diese Gedanken sind Dämpfe und Nebel aus dem Abgrund der Gottentfremdung, und da das Herz ohnehin arglistig ist mehr als alles und bösartig (Jer. 17,9 wörtl.), wieviel vermessener wird seine Bosheit werden, wenn es sich zu solchen Gedanken versteigt: Wie sollte Gott wissen und Erkenntnis sein beim Allerhöchsten? Wenn Menschen solchen Gedanken Raum geben, welche vernünftigen Vorstellungen werden dann noch etwas bei ihnen vermögen? Alle Drohungen der heiligen Schrift verlachen sie als Schreckgespenster und erbärmliche Kunstgriffe, von den Pfaffen erfunden, um die Leute in dummer Furcht zu halten. Richard Gilpin † 1699.
V. 14. Und bin geplagt täglich usw. Wer seine Wege und Gottes Verhalten gegen ihn aufmerksam beobachtet, dem wird selten ein Tag vorübergehen, an dem er nicht auf die eine oder andere Weise die Zuchtrute spürt; aber wie unserm Blick aus Mangel an Aufmerksamkeit so viele Gnadenerweisungen entgehen, so auch gar manche Heimsuchungen. Joseph Caryl † 1673.
  "Der Weg zum Himmel führt durchs Kreuztal," hat ein Märtyrer gesagt, und ein anderer: "Wer in den Himmel reiten will, der muss es auf dem Kreuzholz tun." Von der Königin Elisabeth von England hat man gesagt, sie sei durch ein Meer von Kummer zur Krone geschwommen. Wer zum Himmel segeln will, muss an den Pforten der Hölle vorbei, wer ein Ritter vom göttlichen Orden werden will, muss zum Ritterschlag hinknien, und wer zu der engen Pforte hinein will, muss sich hindurchzwängen. Um zur Hölle zu gehen, braucht man keinen Wanderstab; der Weg ist eben und mit Rosen bestreut; man braucht sich nur einfach dem Bösen hinzugeben, so fällt man von Sünde zu Sünde, kommt von bösen Gedanken zu bösen Handlungen, von bösen Handlungen zu bösen Gewohnheiten, und so geht es immer tiefer hinab. Aber zum Himmel dringen, hic labor, hoc opus est, opus non pulvinaris, sed pulveris, das ist ein schweres Werk, das nicht auf dem Ruhepolster, sondern auf heißem Schlachtfeld vollbracht wird. John Trapp † 1669.
V. 17. Ein Einsiedler, der innerlich stark angefochten war und sich über das Walten der göttlichen Vorsehung gar nicht beruhigen konnte, beschloss, von Ort zu Ort zu ziehen, bis er jemand gefunden habe, der ihm auf seine Fragen befriedigende Antwort gebe. Auf dem Wege gesellte sich ihm ein Engel bei in Gestalt eines Mannes; der sagte ihm, er sei von Gott gesandt, um ihm aus einen Zweifeln zurechtzuhelfen. Die erste Nacht blieben sie in dem Hause eines sehr gottseligen Mannes; sie brachten die Zeit mit Gesprächen über den Himmel und mit Lobpreisen Gottes zu und wurden mit großer Freigebigkeit und Freude bewirtet. Als sie aber am Morgen weiterzogen, nahm der Engel einen großen goldenen Becher mit. Am folgenden Abend kamen sie zu dem Hause eines andere frommen Mannes, der sie auch herzlich willkommen hieß und sich über ihre Gesellschaft und ihre Gespräche höchlich erfreute; trotzdem tötete der Engel, als sie aufbrachen, ein Kindlein in der Wiege, den einzigen Sohn des Mannes, der viele Jahre kinderlos gewesen war und darum an diesem seinem einzigen Kinde mit besonderer zärtlicher Liebe hing. Am dritten Abend kamen sie zu einem Hause, wo sie gleiche Gastfreundschaft wie zuvor fanden. Der Hausherr hatte einen Verwalter, den er sehr hoch hielt, und er konnte seinen Gästen nicht genug rühmen, wie glücklich er sich schätze, einen solchen treuen Diener zu haben. Am Morgen gab er ihnen denselben ein Stück Weges mit, damit er sie zurechtweise. Als sie über eine Brücke gingen, stieß der Engel den Verwalter in den Fluss, so dass er ertrank. Am letzten Abend ihrer Reise kamen sie zu dem Hause eines sehr gottlosen Mannes, wo sie sehr unfreundliche Aufnahme fanden; dennoch schenkte der Engel dem mürrischen Wirt am andern Morgen den goldenen Becher. Nun fragte der Engel den Einsiedler, ob er diese Dinge verstehe. Er gab zur Antwort, seine Zweifel an der Vorsehung seien gewachsen, nicht geschwunden; denn er könnte schlechterdings nicht begreifen, warum der Engel mit jenen gottseligen Leuten, die sie mit solcher Liebe und Freude aufgenommen hätten, so unbarmherzig verfahren sei, dagegen dem gottlosen Menschen, der sie so unwürdig behandelt habe, ein solches Geschenk gegeben habe. Darauf sagte der Engel: "Ich will dir das jetzt alles erklären. In dem ersten Hause, wo wir Herberge nahmen, war der Hausherr ein wirklich frommer Mann; er pflegte aber jeden Morgen aus jenem Becher zu trinken, und da dieser zu groß war, machte ihn das einigermaßen unfähig zur Erfüllung seiner heiligen Pflichten, doch nicht so stark, dass andere oder er selbst es gemerkt hätten. So nahm ich ihm denn den Becher weg, da es offenbar für ihn besser ist, den goldenen Kelch zu verlieren als seine Mäßigkeit. Der Vater der Familie, in welcher wir die zweite Nacht zubrachten, war sehr dem Gebet und frommer Betrachtung ergeben, solange er kinderlos war; er verwandte viel Zeit auf gottesdienstliche Übungen und war sehr freigebig gegen die Armen. Sobald er aber einen Sohn hatte, hängte er sein Herz so an das Kind und verwandte so viel Zeit darauf, mit ihm zu spielen, dass er seine frommen Übungen sehr vernachlässigte und auch den Armen nur wenig mehr gab, indem er meinte, er könne für sein Kind nicht genug beiseite legen. So habe ich denn das Kind in den Himmel gebracht und ihn allein gelassen aus Erden, damit er Gott wieder treuer diene. Der Knecht, den ich ertrinken ließ, hatte sich vorgenommen, in der nächsten Nacht seinen Herrn umzubringen. Und was den gottlosen Mann betrifft, dem ich den goldenen Becher schenkte, so wird er ja in der andern Welt nichts haben; ich gab ihm daher etwas als Besitz in dieser Welt, das sich ihm übrigens als eine Schlinge erweisen wird, denn er wird dadurch noch unmäßiger werden, - denn wer unrein ist, der sei fernerhin unrein."12 Erzbischof D. Thomas Bradwardine † 1349.
  Die Vorsehung ist oft geheimnisvoll und eine Quelle banger Unruhe für uns. Als ich eines Tages im Hydepark in London spazieren ging, sah ich ein Stück Papier auf dem Rasen liegen. Ich hob es auf: es war ein Stück eines Briefes. Der Anfang fehlte, ebenso war der Schluss nicht vorhanden; daher konnte ich nicht daraus klug werden. Geradeso geht es uns mit der Vorsehung: wir können weder den Anfang noch das Ende sehen, sondern nur ein Bruchstück. Wenn wir einst das Ganze überblicken können, dann wird sich das Geheimnis enthüllen. Thomas Jones 1871.
V. 18. Du setzest sie aufs Schlüpfrige. Hierbei muss man aber den heiligen Gott nicht beschuldigen, als ob er an der Gefahr und dem Untergang der Gottlosen schuldig sei. Er setzt sie aufs Schlüpfrige, weil sie es mit Gewalt so haben wollen. Sie reißen Ämter an sich, zu deren rechter Verwaltung sie weder Treue noch Gaben haben. Sie sammeln mit einem geizigen Bestreben einen Reichtum, zu dessen guter Anwendung weder ein guter Wille noch ein guter Verstand bei ihnen ist. Sie heiraten nach ihrer Lust und verwickeln sich dadurch in Schlingen, welche sie in die Sünde und Hölle hineinziehen. Sie mengen sich in Geschäfte, welche man nicht anders als durch schlimme Ränke durchsetzen kann. Sie schwingen sich in eine Gewalt hinein und haben keine Fähigkeit, dieselbe mäßiglich zu gebrauchen. Alles dieses unternehmen sie ohne Gott. Sie fragen ihn nicht im Gebet. Sie empfehlen ihm ihre Wege nicht. Sie merken nicht auf seine warnenden und unterweisenden Winke. Sie fahren durstiglich (vermessen) zu und versuchen Gott, da dann Gott sie auch in Versuchung führt und sie durch seine zulassende und mit Zorn vermengte Vorsehung auf das schlüpfrige Eis setzt, nach welchem sie mit Gewalt streben. Kein Gottloser wird Gott deshalb an jenem Tage beschuldigen, weil einem jeden sein Gewissen sagen wird, er habe sich sein schlüpfriges Eis selber gewählt und Gott sei nach vorhergegangenen treuen Warnungen nicht schuldig gewesen, sein Vornehmen mit Gewalt zu hindern. Besser ist’s, wenn man mit Asaph sagt: Du, o Gott, leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an (V. 24). Prälat M. Fr. Roos 1782.
  Die Türken haben in Anbetracht des meist unglücklichen Endes der Veziere (hoher Staatsbeamter) das Sprichwort: "Wer ein hohes Amt hat, ist eine Statue von Glas." George Swinnock † 1673.
V. 19. Und wenn du so lange lebtest wie Methusalah und deine ganze Lebenszeit mit nichts anderem als lauter Vergnügungen zubrächtest (was noch kein Mensch hat tun können), am Abend deines Lebens aber in der ewigen Pein und dem unauslöschlichen Feuer Wohnung nehmen müsstest, wären diese Ergötzungen wohl ein Gegenwert für die ewige Glut? Ein englischer Kaufmann, der in Danzig lebte, jetzt aber in Gott ruht, erzählte mir das folgende Geschichtchen, das als wahr verbürgt werden kann: Einer seiner Freunde, der ebenfalls Kaufmann war, besuchte, aus welchem Grunde weiß ich nicht, ein Kloster und speiste mit etlichen der Mönche. Er wurde aufs feinste bewirtet und bestens unterhalten. Als das Mahl beendigt war und er sich im Kloster alles besehen hatte, rühmte der Kaufmann gegen die Mönche, welch angenehmes Leben sie doch hätten. "Ja," erwiderte ihm da einer der Klosterbrüder, "wir leben allerdings recht angenehm; hätten wir nur jemand, der für uns in die Hölle ginge, wenn wir sterben!" Giles Firmin † 1697.
V. 20. Der Sinn der Worte ist nicht leicht zu verstehen, scheint aber von Shakespeare gut durchschaut worden zu sein, der den soeben zum König gewordenen Prinzen HeinrichV. zu seinem ehemaligen Günstling Falstaff sagen lässt:

Ich träumte lang von einem solchen Mann,
So aufgeschwellt vom Schlemmen, alt und ruchlos;
Doch nun erwacht, veracht’ ich meinen Traum.

Shakespeare, König Heinrich der Vierte, letzte Szene.
V. 21. Und es mich stach in meinen Nieren. Vor allen andern Eingeweiden sind es die zu beiden Seiten der Lendenwirbel an der hintern Bauchwand gelegenen Nieren, deren die Schrift um so häufiger und in psychisch bedeutsamer Weise gedenkt. Mit ihnen bringt sie die zartesten und innigsten Empfindungen mannigfaltiger Art in Verbindung. Wenn dem Menschen tief innerlichst wehe ist, so stechen ihn seine Nieren (Ps. 73,21); wenn ihn aufreibende Trübsal überkommt, so werden sie gespalten (Hiob 16,13, vergl. Klagl. 3,13); wenn er sich tief innerlichst freut, so frohlocken sie (Spr. 23,16); wenn er sich tief innerlichst gemahnt fühlt, so züchtigen sie ihn (Ps. 16,7); wenn er sich tief innerlichst sehnt, so verschmachten sie in seinem Schoße (Hiob 19,27); wenn er tief innerlichst ergrimmt, so erzittern sie (1.Makk. 2,24). Als allwissender und alles durchwirkender Kenner der geheimsten Verborgenheiten des Menschen heißt Gott von Ps. 7,10 an bis zur Apokalypse häufig Prüfer der Herzen und Nieren13, und von dem Gottlosen heißt es, dass Gott fern von ihren Nieren Jer. 12,2, d. h. dass er, auf sich selbst zurückgezogen, sich ihm nicht zu empfinden gibt. Bibl. Psychologie, S. 268 f. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 22. Ich war wie ein Tier vor dir. Ich ließ mein Gemüt ganz von sinnlichen Dingen einnehmen, wie die Tiere, die der Vernichtung anheimfallen, schaute nicht auf den Stand der Dinge in der Zukunft und unterwarf mich nicht den weisen Absichten der unfehlbaren Vorsehung, ja sann nicht einmal über sie nach. Adam Clarke † 1832.
  Unter den vielen Beweisen, welche dartun, dass die Schriftsteller der Bibel von Gottes Geist inspiriert waren, ist dieser nicht der letzte und geringste, dass sie ihre eigenen Fehler sowie die ihrer Nächsten und Liebsten berichten. Wie grob spricht zum Beispiel der Psalmdichter hier von sich. Und meint ihr, das Angesicht St. Pauli sehe hässlicher aus, weil er es mit seinem eigenen Griffel so gezeichnet hat: Ich war ein Mörder, ein Verfolger, der vornehmste Sünder usw.? Das ist bei den menschlichen Schriftstellern nicht üblich; die rühmen sich vielmehr, so stark sie nur können, und eher, als dass sie einen Tropfen Beifalls verlieren sollten, würden sie ihn mit der Zunge vom Boden auflecken! Cicero schreibt sehr weitläufig von den guten Diensten, welche er dem römischen Staat geleistet habe, sagt aber kein Wort von seiner Habsucht, von seiner Begierde nach öffentlichem Beifall, von seinem Stolz und eiteln Ehrgeiz. Wie sticht davon ab, dass Mose die Sünde und Züchtigung seiner leiblichen Schwester, den Götzendienst und Aberglauben seines Bruders Aaron und seine eigene Verfehlung durch das Schlagen des Felsens, wofür er vom Gelobten Lande ausgeschlossen ward, berichtet. D. Thomas Fuller † 1661.
V. 23. Man beachte, wie der Psalmist sich seines persönlichen Anteils an Gottes Fürsorge und Liebe bewusst war, und das mitten in schwerer Trübsal, da Leib und Seele ihm beinahe verschmachteten, auch trotz manchen verkehrten Gedanken, die eben erst vorübergegangen waren, und unter dem Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit und Torheit. O Brüder, es ist ein köstlich Ding, solchen Glauben zu haben! Charles Bradley 1838.
V. 24. Wir brauchen auf unserer Wanderschaft zum Himmel nicht nur ein Wanderbuch und einen Weg, sondern auch einen Führer. Unser Wanderbuch ist das Gesetz Gottes, der Führer aber ist der Geist des HERRN. Thomas Manton † 1677.
V. 25. Die Heiligen sehen mehr auf Gott als auf alles, das Gottes ist. Sie sagen: Non tua, sed te - wir begehren dich, nicht das Deine, nichts von dem Deinen so wie dich. Wenn Gott ihnen sagen wollte: "Hier habt ihr den Himmel, teilt euch darein, ich aber will mich zurückziehen," sie würden über solchen Himmel weinen und ihn zu einem Tränental machen. Man vergleiche als Bild die Gesinnung Mephiboseths gegen David, 2. Samuel 19,31 [30]: Ziba nehme den Acker auch gar dahin, nachdem mein Herr König mit Frieden heimgekommen ist (und ich wieder an seinem Tische essen darf, V. 29). Joseph Caryl † 1673.
  Gotthold ward an einem Orte zur Mahlzeit gebeten, wobei ihm Hoffnung gemacht ward, dass er einen seiner liebsten Freunde, mit dem er vor andern gern umging, auch daselbst finden würde. Als er nun sich einstellte, fand er, dass sein vermuteter Freund wegen eingefallner Hindernisse ausgeblieben war, worüber er voll Unmuts ward und sich bei solchem Mahl wenig fröhlich bezeigen konnte. Er geriet aber darüber in folgende Gedanken: Einer gottseligen Seele, die den Herrn Jesum herzlich liebt und nach ihm ein brünstiges Verlangen hat, der geht es eben wie mir jetzt. Sie sucht ihren Freund an allen Orten, in allen Dingen, in allen Begebenheiten. Findet sie ihn, wer ist fröhlicher als sie? Findet sie ihn nicht, wer ist trauriger als sie? Ach, mein Herr Jesu, du getreuster Freund meiner Seele! Du bist’s, den meine Seele liebt, denn Du bist’s, der meine Seele liebt. Meine Seele sucht dich, mein Herz sehnt sich nach dir! Was soll mir die Welt mit all ihrer Lust, Pracht, Macht und Herrlichkeit, wenn ich dich nicht darin finde? Was soll mir die niedlichste Speise, der lieblichste Trank, die lustigste Gesellschaft, wenn du nicht dabei bist, wenn ich nicht meinen Bissen in deinen Wunden feuchte, wenn nicht deine Gnade meinen Trunk gesegnet und süß gemacht, wenn du nicht mit meiner Seele freundlich redest? Fürwahr, mein Erlöser, wenn ich sollte im Himmel sein und fände dich im Himmel nicht, so würde ich den Himmel für keinen Himmel achten. Drum, mein Herr Jesu, wenn ich dich mit Tränen, mit Seufzen, mit Flehen, mit Händeaufheben, mit Verlangen, Harren und Hoffen suche, so verbirg dich nicht, sondern lass mich dich finden. Denn, Herr, wenn ich nur dich habe usw., V. 25 f. Christian Scriver 1671.
V. 23-26. Nachdem Gott einmal ihn bei der Rechten erfasst und ihn der Gefahr des Fallens (V. 2) entrissen, hält er sich umso fester an ihn und will seine stetige Gemeinschaft mit ihm nicht wieder durch solche gottentfremdende Anwandlungen durchbrechen lassen. Zuversichtlich gibt er sich der göttlichen Leitung hin, wenn er auch nicht das Geheimnis des Planes dieser Leitung durchschaut: er weiß, dass ihn Gott nachher, d. i. nach diesem dunkeln Glaubenswege, annehmen, d. i. zu sich nehmen und allem Leiden entnehmen wird in Ehren . In dem "nachher" fasst der Dichter, was seiner am Ziele der diesseitigen göttlichen Führung wartet, in einem Gesamtblick zusammen. Die Zukunft ist ihm dunkel, aber durch die gewisse Zuversicht gelichtet, dass sein jenseitiger Weg nicht hinab, sondern hinauf gehen (Spr. 15,24, vergl. 12,28) und dass der Ausgang seines irdischen Daseins eine herrliche Rätsellösung sein wird. Es ist hier wie anderwärts der Glaube, welcher nicht nur das Dunkel des Diesseits, sondern auch die Nacht des Hades (des Totenreichs) durchbricht. Ein Gotteswort vom himmlischen Triumphe der diesseits streitenden Gemeinde war damals noch nicht vorhanden; aber für den Glauben hatte der Jahve-Name schon eine über den Hades hinaus in ein ewiges Leben hineinreichende durchsichtige Tiefe. Der Himmel der Seligkeit und Herrlichkeit ist auch nichts außer Gott ; sondern wer Gott in Liebe sein nennen kann, der hat den Himmel auf Erden, und wer Gott nicht in Liebe sein nennen kann, der hätte nicht den Himmel, sondern die Hölle mitten im Himmel. In diesem Sinne sagt der Dichter V. 25: Wen hab’ ich im Himmel, d. i. wer wäre da ohne dich Gegenstand meiner Lust, Stillung meines Verlangens? Ohne dich ist der Himmel mit all seiner Herrlichkeit eine mich gleichgültig lassende große Öde und Leere, und mit dir, d. i. dich besitzend, hab’ ich keinen Gefallen an der Erde, weil dich mein zu nennen alles Besitztum und alle Lust der Erde unendlich überragt. Himmel und Erde mit Engeln und Menschen gewähren ihm keine Genüge - sein einiger Freund, seine einige Lust und Liebe ist Gott. Die Gottesliebe, welche David Ps. 16,2 in dem kurzen Wort ausspricht: "Herr, Du bist’s, du bist mein höchstes Gut," entfaltet sich hier in unvergleichlicher mystischer Tiefe und Schönheit. Luthers Übersetzung zeigt seine Meisterschaft; nach ihr singt die Kirche in ihrem "Herzlich lieb hab ich dich": "Die ganze Welt nicht erfreuet mich, Nach Himmel und Erden frag ich nicht, Wenn ich nur dich mag haben"; nach ihr fährt sie vollkommen dem Texte unseres Psalms gemäß fort: "Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht, So bist du doch mein’ Zuversicht," oder mit Paul Gerhardt: "Du sollst sein meines Herzens Licht. Und wenn mein Herz in Stücken bricht, Sollst du mein Herze bleiben." Mag sein äußerer und innerer Mensch vergehen, dennoch bleibt Gott ewig seines Herzens Fels als der feste Grund, auf welchem er mit seinem Ich stehen bleibt, wenn alles wankt; Er bleibt sein Teil , d. i. das Besitztum, das ihm nicht entrissen werden kann, wenn er alles, selbst sein seelenleibliches Leben, verliert, und das bleibt ihm Gott auf ewig , er überdauert mit dem Leben, das er in Gott hat, den Tod des alten. Mitten in dem Naturleben der Vergänglichkeit und der Sünde hat ein an Gott hingegebenes neues Personenleben in ihm begonnen, und an diesem hat er die Bürgschaft, dass er nicht untergehen kann, so wahr als Gott nicht untergehen kann, an den es geknüpft ist. Eben das ist auch der Nerv des antisadduzäischen Beweises Jesu für die Auferstehung der Toten (Mt. 22,32). Kommentar von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Von Joh. Abr. Strauß, Pfarrer zu Iserlohn († 1836), wird uns erzählt: Es war etwas Wunderbares um sein Predigen. Keiner merkte, wie lang er gepredigt. Er war nie müde, und seine Zuhörer wurden es auch nicht. Gegen das Ende, wo andern oft die Flügel sinken, da fuhr er mit Kraft empor. Die Gedanken strömten reichlicher, das Maß der Salbung, der andringenden Liebe nahm immer zu. So hatte er einst eine alte Frau zu beerdigen. Er nahm den Text aus dem Psalm 73, V. 25.26 , und predigte von dem herrlichen Zustand einer Seele, die den Herrn hat. Darüber vergaß er völlig alle Zeit. Zwei Stunden hatte er schon gepredigt; da läutete es Mittag, und nun merkte er erst, wie lange es gedauert. Da brach er ab mit den Worten: "Der zweite Teil fehlt noch, und das ist gerade der beste." Er schaute mit selig verklärtem Gesicht die Leute an, deutete mit der Hand nach oben und sagte: "Fortsetzung folgt! Amen!" Emil Frommel 1879.
  Johann Matthesius, Pfarrer zu Joachimstal, der bekannte Biograph Luthers, hielt sich kurz vor seinem Tode am 16. Sonntag nach Trinitatis i. J. 1565 selbst seine Leichenpredigt über die Geschichte vom Jüngling zu Nain. Auf der Treppe vor der Kanzel wurde er ohnmächtig; zwei Gemeindeglieder führten ihn zur Sakristei. "Ich muss nun ausspannen," sagte er, "mein Haupt wird mir schwach, ich will heim." Als seine Umgebung solches von seiner Behausung verstand und nach einem Tragstuhl suchen ging, fügte er hinzu: "Nicht da heim." Unterwegs und dann noch auf dem Sterbelager wiederholte er den Spruch: "Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil." - Nach Balth. Matthesius 1705.

Homiletische Winke

Zum ganzen Psalm. Des Gottesmannes Anfechtung und Sieg. 1) Der harte Kampf zwischen Fleisch und Geist, V. 1-15. 2) Der herrliche Triumph des Geistes über das Fleisch, V. 16-28. G. Swinnock † 1673.
  1) Störungen im Glaubensleben. 2) Ihre Heilung. 3) Die Nachwirkung der Kur.

V. 1. (Grundt.) Das wahre Israel, sein großes Gut und die Sicherheit desselben.
  Man lege den im Text behaupteten Satz auseinander, beweise ihn und wende ihn an.
V. 1a. (Grundt.) Was das Volk des HERRN von seinem Gott erhält, ist 1) an Menge das Größte, 2) an Mannigfaltigkeit das Auserlesenste, 3) an innerem Gehalt das Köstlichste, 4) an Sicherheit das Gewisseste, 5) an Dauer das Beständigste. Simeon Ash 1642.
V. 2. 1) Wie tief ein Gläubiger fallen kann. 2) Wie tief er nicht fallen wird. 3) Was demnach zu befürchten und was nicht zu befürchten ist.
  Rückblick auf frühere Fehltritte; Hinblick auf künftige Gefahren; Ausblick zur rechten Rüstung.
V. 4. nach der Übers.: Sie sind nicht in Qualen bei ihrem Sterben. Ruhiges Sterben. Der Unterschied in der Ursache dieser Ruhe bei den Frommen und den Gottlosen (Glaube - fleischliche Sicherheit). Die Unzuverlässigkeit bloßer Gefühle.
V. 4-7. Des Bastards Teil im Gegensatz zu dem Erbe des rechten Sohnes.
V. 7. Die Gefahren von Überfluss und Üppigkeit.
V. 11. So fragen offen die Gottesleugner, durch ihr Tun die Unterdrücker, im Herzen die Gleichgültigen, und auch das ängstliche Kind Gottes ist in Zeiten großer Anfechtung versucht, ähnlich zu fragen. Was veranlasst zu der Frage, und welche Gründe entscheiden endgültig die Beantwortung der Frage?.
V. 12. Dieser Vers mahnt Leute, die reich werden, zu ernsten Fragen der Selbstprüfung.
V. 14. Die häufigen und manchmal beständigen Züchtigungen der Gerechten. Ihre Notwendigkeit und ihr Zweck, und der in ihnen verborgene Trost.
V. 15. Wie können wir in Anfechtungen andern Gläubigen leicht schaden? Warum sollen wir das vermeiden und wie?
V. 17. 1) Das Eingehen in Gottes Heiligtum; die Vorrechte, die man dort genießt, und wie man dahin gelangt. 2) Was ist im Heiligtum zu lernen? (Unser Text führt ein Stück an.) 3) Was soll die Wirkung davon sein?
V. 18. Der glatte Weg und der schaurige Sturz des Sünders.
  1) Die Gottlosen sind stetig dem plötzlichen Verderben ausgesetzt. Wer auf schlüpfrigem Wege geht, kann jeden Augenblick hinstürzen; er kann auch nicht eine Minute voraussehen, ob er in der nächsten stehen oder stürzen wird, und wenn er fällt, so fällt er plötzlich ohne Vorwarnung. 2) Sie sind in Gefahr, von selbst zu fallen, ohne dass eine Hand sie anrührt. Wer auf schlüpfrigem Boden steht oder geht, stürzt durch das eigene Gewicht. 3) Nichts anderes hält den Gottlosen noch von dem Sturz in die Hölle zurück als das Erbarmen Gottes. Jonathan Edwards † 1758.
V. 18-20. Das Ende des Gottlosen. 1) Es ist nahe: Du setzest sie aufs Schlüpfrige. Es kann jeden Augenblick eintreten. 2) Es wird ein Gericht Gottes sein: Du stürzest sie in Trümmer. (Grundt.) 3) Es wird unerwartet kommen: Wie sind sie so plötzlich zur Wüste geworden. 4) Es wird qualvoll sein: Sie nehmen ein Ende mit Schrecken (sind durch Schrecknisse dahin). 5) Es wird hoffnungslos sein. Sie werden sich selbst überlassen sein, fern von Gott, unbeachtet und verachtet wie ein Traum nach dem Erwachen. Es findet kein weiteres Handeln statt, weder zu ihrer Rettung, noch zu ihrer Vernichtung. G. Rogers 1871.
V. 20. Von Gott verschmäht : ein selbstgerechter oder prahlsüchtiger oder verfolgungssüchtiger oder krittelnder oder reicher Sünder, wenn seine Seele vor Gott gerufen wird.
V. 22. Unsere Torheit, Unwissenheit und Sinnlichkeit. Worin tun sie sich kund? Wie stellt diese Tatsache die göttliche Gnade ins Licht und wozu sollte sie uns treiben?
V. 22-25. 1) Das traurige Geständnis des Psalmisten über sein natürliches Wesen. 2) Das glaubensvolle Bekenntnis seines geistlichen Menschen. 3) Der herrliche Schluss des Ganzen.
V. 23.24. Gemeinschaft mit Gott, Bewahrung vor dem Fall, Weiterführung, Aufnahme in die Herrlichkeit: vier köstliche Vorrechte - köstlich besonders, da sie einem zuteil werden, der selbst bekennen muss, dass er von fleischlichem Eifer erfüllt, töricht, unwissend und in seinem sinnlichen Urteil einem Tiere gleich gewesen sei. Man kehre die Gegensätze hervor.
V. 24. Ein Henoch ähnlicher Wandel und eine Henoch ähnliche Aufnahme in die Herrlichkeit.
V. 25. Gott des Christen bestes Teil.
  Wir mögen mit Asaph Himmel und Erde durchforschen - es ist kein Glück zu finden, das der Freude an dem HERRN selbst gleichkäme. Man schildere mancherlei Güter und Freuden und zeige ihre Minderwertigkeit.
  V. 26. 1) Die Klage des Psalmisten: Leib und Seele verschmachten mir. 2) Sein Trost: Du bist doch, Gott, allezeit usw. Oder: 1) des Fleisches Hinfälligkeit, 2) des Glaubens Beständigkeit. Lehranwendungen: 1) Die Unzuverlässigkeit des Menschen. Selbst auf das Herz des Edelsten und Frömmsten ist kein Verlass. Asaph war ein hervorragender und in der Gnade gereifter Mann; dennoch wäre er der Anfechtung beinahe erlegen. 2) Des Christen Trost besteht auch in der betrübtesten Lage darin, dass Gott sein Teil ist. G. Swinnock † 1673.
  Worauf können wir uns nimmer verlassen und worauf immer?
V. 28. Dass wir uns zu Gott halten, darin liegt unsere Weisheit, unsere Ehre, unsere Rettung, unser Friede und unser köstlichstes Gut. Thomas Watson 1660.

  1) Die Stimme des Gebets: Mir ist die Nähe Gottes köstlich (wörtl.); 2) des Glaubens: Ich setze meine Zuversicht usw.; 3) des Lobpreisens: Ich verkündige usw. George Rogers 1871.

Fußnoten

1. In dem ersten deutschen Psalter (aus dem Jahre 1524) übersetzte Luther das Wort: die Tollen , und diese Übersetzung entspricht der Grundbedeutung. Es ist von Leuten die Rede, die sich durch lautes, lärmendes, unsinniges Gebaren hervortun. Wir sind ihnen schon Ps. 5,6 begegnet und werden sie bald wieder treffen, Ps. 75,5. Vergl. die Anm. Bd. I., S. 58.

2. So ist wohl mit den LXX der überlieferte Text zu deuten. Doch spricht V. 19 dagegen, und es wäre überdies auffallend, wenn der Dichter die Schilderung des Glückes der Gottlosen mit der Schmerzlosigkeit ihres Todes begänne und dann erst (V. 4b Grundt.) auf ihre Gesundheit zu sprechen käme. Daher folgen die meisten neueren Ausleger der Mutmaßung Mörls (1737), es sei Mtf Omlf zu lesen und MtIf zu der zweiten Vershälfte zu ziehen; Sie haben keine Qualen, vollkräftig (MtIf, vergl. Hiob 21,23) und wohlgenährt ist ihr Leib.

3. Die meisten Neueren übersetzen das fragliche MlfW): ihr Leib oder besser ihr Wanst. Zum Sinn des Ganzen vergl. man die vorhergehende Anm. Luther denkt, nach dem Vorgang des Symm. und Hieron., irrtümlich an MlW) Säulenhalle.

4. Nach der Satzteilung der Masora. Doch ist es ansprechender, mit Luther nach den LXX q#(, Unterdrückung, zum zweiten Versglied zu ziehen.

5. So die engl. Bibel nach den LXX, ebenso Bäthgen, Delitzsch usw. Andere stimmen Luthers Übersetzung zu.

6. Oder nach anderer Lesart: wendet er sein Volk hierher. Bei diesem Verse haben wir, wie auch sonst hie und da in ähnlichen Fällen, Spurgeons Auslegung als gar zu gewaltsam streichen zu müssen geglaubt. Spurgeon deutet nämlich das hierher seltsamerweise: zu Gott, so dass sich der Sinn ergibt: Darum wendet sich sein (Jehovas) Volk (betend) zu Gott, und versteht die zweite Vershälfte (wie schon Kimchi) an der Hand der engl. Übers. (und Wasser eines vollen Bechers wird ihnen ausgepresst) von dem Tränenkelch der Frommen.

7. Der englische Deismus, der von der Mitte des 17. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts herrschte, wollte zwar zunächst einen Kern des Christentums aus der Schale der Überlieferung herausschälen, entwickelte sich aber immer mehr zur Opposition gegen den wesentlichen Inhalt der göttlichen Offenbarung.

8. ry(ibbIf für ry(ihfbI:.

9. Das vor dir, eigentlich bei dir, bedeutet hier wohl eher: in deinen Augen, nach deinem Urteil, oder: dir gegenüber.

10. In diesem Verse übertrifft die freie Übersetzung Luthers noch die Schönheit des Grundtextes und gibt den Sinn desselben doch getreu wieder.

11. Andere übersetzen noch kräftiger: Und bin ich mit dir oder bei dir, d. i. genieße ich deiner Gemeinschaft, so begehre usw.

12. Eine Variation dieser Parabel siehe in dem Traktätchen: So sind die Wege Gottes, Christ. Kolportageverein, Baden.

13. In Weisheit 1,6 werden Nieren, Herz und Zunge wie Empfindungen, Gedanken und Worte nebeneinander gestellt. (Delitzsch.).