Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 74


Überschrift

Eine Unterweisung Asaphs. Die Geschichte der leidenden Gemeinde ist stets voller Unterweisung . Indem wir sehen, wie die Getreuen in Zeiten der schwersten Trübsal auf den HERRN trauten und mit ihrem Gott im Gebet rangen, werden wir belehrt, wie wir selber uns in ähnlichen Umständen verhalten sollen. Überdies lernen wir auch, dass uns nichts Seltsames widerfährt, wenn wir von solch heißen Anfechtungen befallen werden, sondern dass wir damit einfach den Fußspuren aller Gottesstreiter folgen. - Wenn man sich nicht mit der Auskunst helfen will, der Psalm sei ein prophetischer, zum Gebrauch in vorher geschauten Trübsalen bestimmt, so muss man als Verfasser ein späteres Glied der berühmten asaphitischen Sängerfamilie annehmen oder die Überschrift deuten: Ein Lied in der Weise Asaphs. Wann der Verfasser gelebt haben mag, ob bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 (2. Chr. 36,19; Jer. 52,13) oder in der makkabäischen Zeit, wird kaum zu entscheiden sein.

Einteilung. V. 1-11 legt der Psalmdichter die Trübsale seines Volkes und die den heiligen Versammlungen angetane Schmach vor dem HERRN dar. Dann macht er frühere Entfaltungen der göttlichen Macht als Grund geltend, dass Gott jetzt seinem Volke helfen möge, V. 12-23.

Auslegung

1. Gott, warum verstößest du uns so gar
und bist so grimmig zornig über die Schafe deiner Weide?
2. Gedenke an deine Gemeine, die du vor alters erworben
und dir zum Erbteil erlöset hast,
an den Berg Zion, da du auf wohnest.
3. Hebe auf deine Schritte zu dem, was so lange wüste liegt.
Der Feind hat alles verderbet im Heiligtum.
4. Deine Widersacher brüllen in deinen Häusern
und setzen ihre Götzen drein.
5. Man siehet die Äxte obenher blinken,
wie man in einen Wald hauet;
6. und zerhauen alle seine Tafelwerke
mit Beil und Barte.
7. Sie verbrennen dein Heiligtum,
sie entweihen und werfen zu Boden die Wohnung deines Namens.
8. Sie sprechen in ihrem Herzen: Lasst uns sie plündern!
Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande.
9. Unsere Zeichen sehen wir nicht
und kein Prophet prediget mehr,
und keiner ist bei uns, der weiß, wie lange.
10. Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher schmähen
und der Feind deinen Namen so gar verlästern?
11. Warum wendest du deine Hand ab?
Zeuch von deinem Schoß deine Rechte und mach’s ein Ende.

1. Gott, warum verstößest du uns so gar? wörtl.: warum hast du uns verstoßen auf immer? Auf eine kleine Weile von dir verlassen zu werden, wäre schon hart; aber dass du dein Volk eine so lange Zeit dahingibst, dass es auf immer verstoßen scheint , ist ein unerträgliches Unglück, der Jammer alles Jammers, ein höllentiefer Abgrund von Elend. Wenn wir unter der Zuchtrute sind, können wir nichts Weiseres tun, als bitten: "HERR, zeige mir doch, weshalb du also mit mir schiltst," und wenn die Heimsuchung lang andauert, sollten wir desto eifriger forschen, was sie zu bedeuten habe. Wenn der HERR sein Angesicht vor uns verbirgt, so werden wir als letzten Grund fast immer die Sünde finden; lasst uns den HERRN bitten, uns die in dem einzelnen Fall zugrunde liegende besondere Art der Sünde zu enthüllen, damit wir sie bereuen, überwinden und fortan meiden können. Wenn eine Gemeinde in einem solchen gottverlassenen Zustande ist, darf sie das nicht mit stumpfer Gleichgültigkeit hinnehmen, sondern muss sich der Hand zukehren, die sie schlägt, und tiefgebeugt fragen, warum der HERR so handle. Doch wollen wir nicht übersehen, dass die Fragestellung unseres Textes falsch ist, denn sie schließt zwei Fehler in sich. In den Worten liegen zwei Fragen, die beide nur eine verneinende Antwort zulassen. "Hat Gott sein Volk verstoßen?" (Röm. 11,1) ist die eine, und die andere: "Wird denn der HERR ewiglich verstoßen?" (Ps. 77,8 .) Gott wird seiner Auserwählten niemals überdrüssig, so dass er sie mit Abscheu von sich stoßen würde, und selbst wenn sein Zorn sich wider sie wendet, geschieht es nur auf einen kleinen Augenblick und in Absicht auf ihr ewiges Heil. Der Kummer stellt in der Verwirrung absonderliche Fragen und malt sich unmögliche Schrecknisse aus. Es ist wunderbare Gnade, dass der HERR uns nicht längst weggeworfen hat, wie Menschen verschlissene Gewänder beiseite tun; aber er kann sich von seinem lieben alten Eigentum nicht trennen und hat unsägliche Geduld mit seinen Auserwählten. Und bist so grimmig zornig (wörtl.: warum raucht dein Zorn) über die Schafe deiner Weide? Sie sind ja dein Eigentum und stehen unter deiner Fürsorge, und sie sind arme, einfältige, wehrlose Geschöpfe; so erbarme dich ihrer doch, vergib ihnen und komm ihnen zu Hilfe. Sie sind ja nur Schafe, darum zürne doch nicht fort und fort mit ihnen. Es ist schrecklich, wenn der Zorn Gottes raucht; aber auch dann ist’s noch unermessliche Gnade, dass er nicht in einer verzehrenden Flamme ausbricht. Es ist naturgemäß, den HERRN zu bitten, er möge jedes Zeichen seines Zornes hinwegtun; denn für diejenigen, welche in Wahrheit seine Schafe sind, ist es überaus schmerzlich, wenn sein Missfallen auf ihnen ruht. Den Heiligen Geist reizen, ist keine geringe Sünde, und doch, wie häufig machen wir uns dessen schuldig; daher ist es kein Wunder, wenn wir uns oft unter einer dunkeln Wolke befinden.

2. Gedenke an deine Gemeine, die du vor alters erworben. Kein besseres Mittel gibt’s, den HERRN im Flehen zu überwinden, als wenn wir uns auf die Erlösung stützen. Kannst du, o Gott, das blutrote Zeichen an deinen Schafen sehen und dennoch zulassen, dass grimmige Wölfe sie zerreißen? Die Gemeinde ist kein erst frischerworbenes Besitztum des HERRN; von den Zeiten vor Grundlegung der Welt an hat Gott seine Auserwählten als durch des Lammes Blut Erworbene betrachtet; soll denn die alte Liebe erlöschen und der ewige Ratschluss dahinfallen? Der HERR hat seinem Volke eingeschärft, des Passahlammes, der mit Blut bestrichenen Türpfosten und der Niederschmetterung Ägyptens zu gedenken; sollte er selber das alles vergessen? Lasst uns ihn daran erinnern, lasst uns ihm miteinander seine Erlösungstaten vorhalten. Sollte er seine Bluterkauften verlassen, seine Erlösten preisgeben können? Kann die Erwählung ungültig werden und die ewige Liebe zu glühen aufhören? Unmöglich. Die Wunden von Golgatha und der Bund, dessen Siegel sie sind, gewährleisten das Heil der Gläubigen.
  Und dir zum Erbteil (wörtl.: zum Stamm deines Eigentums) erlöset (eingelöst) hast. Ein so kräftiges und liebliches Beweismittel verdient es, wiederholt und erweitert zu werden. Des HERRN Erbteil ist sein Volk - wird er sein Eigentum verlieren wollen? Seine Gemeinde ist sein Königreich, über welches er das Zepter seiner souveränen Macht schwingt - sollte er sich seine Besitzungen entreißen lassen? Dass Gott an uns ein Eigentumsrecht hat, ist eine Tatsache, die eine Fülle des Trostes für uns in sich birgt; dass er uns wert hält, dass er über uns herrscht, dass er mit uns durch die engsten Bande verknüpft ist, das sind lauter Lichter, die unser Dunkel erhellen. Niemand wird sein Erbteil willig verlieren und kein Fürst seine Besitztitel darangeben; so sind wir denn auch überzeugt, dass der König aller Könige das, was ihm gehört, festhalten und seine Rechte gegen alle und jeden behaupten wird. An den Berg Zion, da du auf wohnest (Grundt.: gewohnt hast). Dass Jehova Zion zu dem Ort seiner besondern Offenbarung und zum Mittelpunkt des Gottesdienste gemacht hat, ist ein weiterer kräftiger Grund, den die flehende Gemeinde für die Erhaltung oder vielmehr Wiederaufrichtung Jerusalems geltend macht. Soll der geweihte Tempel Jehovas von den Heiden entweiht und der Thron des großen Königs von seinen Feinden geschändet werden? Wird der Heilige Geist es zulassen, dass unsere Herzen, in denen er Wohnung genommen hat, zu Höhlen für den Teufel werden? Hat er uns durch seine Einwohnung geheiligt und wird er doch zuletzt diesen Thron räumen? Das sei ferne!
  Man beachte, dass in diesem Psalm offenbar von dem Tempel die Rede ist und nicht von dem Zelt, das zu Davids Zeiten die Bundeslade barg; die Verwüstungen, welche der Sänger hier beklagt, waren an dem Bildwerk eines soliden Gebäudes verübt worden und nicht an einem leichten Zelte. Diejenigen, welche die Herrlichkeit Gottes in Salomos unvergleichlichem Tempel geschaut hatten, mochten wohl schmerzlich trauern, als der HERR es seinen Feinden zuließ, jenen Prachtbau in eine öde Ruine zu verwandeln.

3. Hebe auf deine Schritte zu dem, was so lange wüste liegt. Die angerichtete Verwüstung war dem Beter schon lange ein Dorn im Auge gewesen, und es schien auch, als sei gar keine Hoffnung auf Wiederherstellung, als müsste das Heiligtum ewig ein Trümmerhaufen bleiben. Verwüstung herrschte darin nicht nur einen Tag oder ein Jahr, sondern mit dauernder Macht. Das ist aber ein neuer Grund, in Gott zu dringen, dass er doch bald dareinsehe. Sollte Gott die Hände in den Schoß legen und ruhig zusehen können, wie sein eigenes Land zur Wildnis, sein Palast zu einer Trümmerstätte gemacht ist? Solange er sich nicht erhob und die Stätte heimsuchte, musste der Gräuel der Verwüstung bleiben; nur seine Gegenwart konnte den Schaden heilen. Darum wird er angefleht, erhobenen Schrittes zur Erlösung seines Volkes herbeizueilen. Der Feind hat alles verderbet im Heiligtum. Jeder Stein des zerstörten Tempels schrie zum Himmel. Überall waren die Spuren ruchloser Zerstörer sichtbar; sogar das Allerheiligste legte ein trauriges Zeugnis ab von ihrer mutwilligen Bosheit. Sollte der HERR das auf unbeschränkte Dauer dulden? Muss er nicht doch endlich herbeieilen, um den Feind niederzuschlagen, der ihn ins Angesicht gehöhnt und den Thron seiner Herrlichkeit geschändet hat? Der Glaube findet in Zeiten großer Trübsal gerade darin, dass die Dinge so schlimm stehen, Bekräftigungsgründe seines Flehens; er bedient sich sogar der am Boden liegenden Steine seiner zerstörten Heiligtümer und stürmt, wenn wir so sagen dürfen, die Tore des Himmels, indem er die Trümmer mit der mächtigen Wurfmaschine des Gebets dagegen schleudert.

4. Deine Widersacher brüllten inmitten deiner Versammlungsstätte. (Grundt.). Wo die Deinen wie Engel sangen, brüllten diese Barbaren wie wilde Tiere. Wenn deine Heiligen zum Gottesdienst zusammenkommen, greifen diese grausamen Menschen sie mit der Wut raubgieriger Löwen an. Sie kennen keine Ehrerbietung auch vor den feierlichsten Versammlungen, sondern drängen sich mit ihren Lästerungen in unsere hochheiligsten Feiern ein. Wie oft hat die Gemeinde de. HERRN in Zeiten der Verfolgung oder übermächtiger Irrlehre solche Sprache aus Erfahrung verstehen gelernt. Möge der HERR uns solchen Jammer ersparen! Wenn Heuchler in der Gemeinde die Überhand bekommen und ihren Gottesdienst verunreinigen, so kommt das der in unserm Psalm geschilderten Not gleich. HERR, bewahre uns vor solch schwerer Prüfung! Und setzen ihre Götzen drein, wörtl. stellten ihre Zeichen als Zeichen (des Sieges) auf. Der Feind richtete götzendienerische Wahrzeichen, wie er sie als Feldzeichen gebrauchte, über Gottes Altar aus, als höhnende Zeichen des Sieges und um damit der Verachtung gegen die Besiegten und deren Gott Ausdruck zu geben. Auch die Römischen, die Arianer und die modernen Schulen der theologischen Neuerer haben ihre Fahnen als Zeichen aufgestellt. Aberglaube, Unglaube und fleischliche Weisheit haben versucht, sich an die Stelle des gekreuzigten Christus zu drängen, zum Schmerz der Kirche Gottes. Die Feinde, welche außer den Toren stehen, fügen uns wenig Schaden zu; diejenigen, welche sich innerhalb der Kirche befinden, die sind es, welche ihr so übel mitspielen. Indem sie die Wahrheit verdrängen und den Irrtum an ihre Statt setzen, betrügen sie die Leute und führen Tausende ins Verderben. Wie der Jude ein heiliges Grauen empfand, wenn er ein Götzenbild an heiliger Stätte ausgerichtet sah, so geht es auch uns, wenn wir in einer evangelischen Kirche römische Torheiten sehen oder von Kanzeln, auf welchen einst Männer Gottes standen, Weltweisheit und leeren Trug verkündigen hören.

5. Man siehet die Äxte obenher blinken, wie man in einen Wald hauet.1 . Einst waren Männer berühmt, weil sie die Zedern des Libanon gefällt und für den Bau des Tempels zugerichtet hatten; jetzt aber findet die Axt andere Arbeit, und die Menschen sind so stolz auf ihr Zerstörungswerk, wie ihre Väter auf ihr Werk des Auferbauens. So führten in den alten Zeiten auch unsere Vorväter wuchtige Hiebe gegen die Wälder des Irrtums und ließen sich keine Arbeit verdrießen, den Bäumen die Axt an die Wurzel zu legen; aber ach, ihre Söhne scheinen gerade so fleißig zu sein, die Wahrheit zu zerstören und alles, was die Väter aufgebaut haben, niederzureißen. Ach, dass die guten alten Zeiten wiederkämen! Dass wir nur eine Stunde wieder Luthers scharfes Beil oder Calvins gewaltige Axt an der Arbeit sähen!

6. Und (Grundt.: und nun) zerhauen (sie) alle seine Tafelwerke mit Beil und Barte (Streitaxt). Die frechen Eindringlinge waren so emsig im Zerstören, wie die alten Erbauer im Aufrichten. Es war barbarisch, solch schönes Schnitzwerk in Stücke zu hauen; aber die Vandalen kannten kein Verschonen, sondern rissen alles nieder mit jedem Werkzeug, das ihnen in die Hand kam. In unsern Tagen brauchen die Leute Beil und Barte gegen das Evangelium und die Gemeinde des HERRN. Die herrlichsten Wahrheiten, viel kostbarer als das kunstvollste Schnitzwerk, werden mit den Hieben der modernen Kritik zerstückelt und zerschmissen. Wahrheiten, welche unzählige Angefochtene aufrecht erhalten und so manchen Sterbenden mit ewigem Trost gestärkt haben, werden von diesen anmaßenden Goten zerhauen, die für sehr gelehrt gelten wollen, aber nicht einmal die Anfangsgründe der Wahrheit kennen. Mit scharfem Hohn und sophistischen Gewaltstreichen zerstören sie den Glauben vieler und möchten am liebsten, wenn es möglich wäre, selbst bei den Auserwählten das Zutrauen zu der biblischen Wahrheit in Stücke bröckeln. Die Assyrer, Babylonier und Römer sind nur Vorbilder der geistlichen Feinde, welche dahin arbeiten, die Wahrheit und das Volk Gottes miteinander zu zermalmen.

7. Sie haben dein Heiligtum in Brand gesteckt. (Wörtl.) Beil und Hammer genügten nicht für das Vorhaben der Zerstörer; sie mussten es noch mit dem Feuer versuchen. Die Bosheit kennt keine Schranken. Die Leute, welche Gott hassen, kargen nie mit den grausamsten Mitteln. Noch bis auf den heutigen Tag ist die Feindseligkeit des Menschenherzens so groß wie je, und wenn Gottes Walten gewisse Mächte nicht im Zaum hielte, würden die Gottseligen auch heute noch auf Scheiterhaufen verbrannt werden. Und die Wohnung deines Namens bis zum Boden entweiht. (Grundt.) Sie haben den Tempel zu einem Trümmerhaufen gemacht und nicht einen Stein auf dem andern gelassen. Als der HERR den Berg Zion preisgab und die Römer zum Heiligtum eindringen konnten, verleitete die Kriegswut die Soldaten dazu, das herrliche Gotteshaus niederzubrennen und sein Gedächtnis auszutilgen. Könnten die Mächte der Finsternis ihre Wünsche durchsetzen, so würde die Gemeinde des HERRN das gleiche Schicksal erleben. "Rottet sie aus mit Stumpf und Stiel," sprechen sie; "schleift sie bis zum letzten Grundstein!" Entweihung und Verunreinigung ist für die Kirche mit Zerstörung gleichbedeutend; ihre Feinde möchten sie entweihen, bis nichts von ihrer Reinheit und folglich von ihrem wahren Wesen übrigbliebe. Und doch, selbst wenn sie all ihren Mutwillen an der Kirche Christi auslassen könnten, wären sie nicht imstande, sie zu zerstören; denn weder Beil noch Feuer kann sie umbringen. Der HERR würde die Feinde dennoch wie Hunde an der Leine halten und endlich alle ihre Anschläge zuschanden machen.

8. Sie sprachen in ihrem Herzen: Lasst uns sie insgesamt Vernichten! (Grundt.) Das war kein müßiger Wunsch, kein leeres Gerede; ihre Grausamkeit war sehr ernst gemeint, war tief gewurzelt, war Sache des innersten Herzens. Das Volk Gottes auszurotten war der Plan Hamans und so manches anderen Tyrannen; kein Rest würde von den Frommen übrigbleiben, wenn die Bedrücker ausführen könnten, was sie im Sinn haben. Die Politik Pharaos, die gefürchtete Nation zu zertreten, hat manchen Späteren als Vorbild gedient; dennoch sind die Juden noch am Leben und werden am Leben bleiben: der Busch mag brennen, wird aber doch nicht verzehrt. Gleicherweise hat die Kirche Christi durch Blut- und Feuertaufen hindurch müssen, ist aber stets nur reiner und herrlicher daraus hervorgegangen. Sie haben alle Versammlungsstätten Gottes im Lande verbrannt. (Wörtl.) Nicht von Versammlungsstätten, wo Menschen sich zusammenfinden, sondern von solchen, wo Gott mit seinem Volke zusammenkommt, ist nach dem Grundtext hier die Rede. Das gewählte Wort (das schon V. 4 steht) ist für die Synagogen, von welchen es manche alte und neuere Ausleger verstanden haben, fast zu erhaben. Andere denken daher an die durch die Gotteserscheinungen der Patriarchenzeit geweihten Orte; da jedoch gesagt wird, dass diese heiligen Stätten verbrannt worden seien, so kann doch wohl nur an gottesdienstliche Häuser oder Räume gedacht werden. Weil aber der HERR nur einen Ort im ganzen Lande erwählt hatte, dass er daselbst seinen Namen wohnen lasse und mit seinem Volke zusammenkomme, denken wir (mit Hengstenberg und andern) an den Tempel und finden den Gedanken ausgedrückt, dass mit der Zerstörung dieses einen Heiligtums alle heiligen Versammlungen mit einem Schlage vernichtet waren. Ein Hauptanliegen der Verfolger ist stets gewesen, allen Versammlungen der Gläubigen, all den Konventikeln oder Muckerbetstunden, wie sie sie zu nennen belieben, ein Ende zu machen. Verhindert die Frommen, sich zu versammeln,. so zerstreuen sie sich von selbst, so haben die Widersacher je und je gesagt. Aber die Kirche ist, Gott sei Dank, nicht an Häuser und Tempel gebunden; die Heiligen Gottes sind dennoch mit Gott zusammen gekommen auf den Bergen und Heiden, in den Katakomben oder in einem Boot auf dem Meer. Doch ist der Versuch, das Volk Gottes zu zersprengen, manchmal beinahe gelungen, und die Jagd war oft so heiß, dass die Treuen einsam umherirren mussten und sich unter solchen Umständen nur schwer und selten zu heiligen Zusammenkünften vereinigen konnten. Was für Seufzer und heiße Gebete sind in solchen Zeiten zu den Ohren des HERRN Zebaoth emporgedrungen! Und wie glücklich sind wir, dass wir uns an jedem Ort zum Gottesdienst versammeln können und niemand uns belästigen darf! Lasst uns unserer Brüder gedenken, die heute noch dies große Vorrecht schmerzlich entbehren.

9. Unsere Zeichen sehen wir nicht. Ach, du armes Israel! Keine Urim und Tummim glänzten mehr auf der Brust des Hohenpriesters, keine Schechina2 leuchtete vom Gnadenthron zwischen den Cherubim. Kein Opferrauch, keine Weihrauchwolke stieg mehr von dem heiligen Berge auf; die feierlichen Festzeiten waren aufgehoben, und sogar die Beschneidung, das Bundeszeichen, war wohl von dem Tyrannen verboten worden. Auch wir, die Gläubigen des neuen Bundes, wissen, was es heißt, die Wahrzeichen des Gnadenstandes zu verlieren und im Finstern umhertappen zu müssen; und ach, wie oft ist es leider der Fall, dass auch unsern Gemeinde die Kennzeichen der Gegenwart des Erlösers fehlen und ihre Lampen ungeschmückt bleiben. Wie wehmütig ist diese Klage des schwer heimgesuchten Volkes! Und kein Prophet prediget (Grundt. ist) mehr. Selbst die Prophetie war außer Dienst gesetzt. Kein ermutigender Psalm, keine tröstliche Verheißung kam mehr einem heiligen Sänger oder Seher von den Lippen. Dann steht es wahrlich schlimm um Gottes Volk, wenn sich die Stimme der Boten Gottes nicht mehr hören lässt und eine geistliche Hungersnot über das Land hereinbricht. Wahrhaft gottgesandte Prediger und Seelsorger sind dem Volke Gottes so nötig wie das tägliche Brot, und es ist ein großes Leid, wenn eine Gemeinde eines treuen Hirten ermangelt. Wir haben Grund zu fürchten, dass trotz der großen Zahl von Predigern, die wir jetzt haben, dennoch ein Mangel ist an Männern, deren Herz und Lippen mit dem himmlischen Feuer gerührt sind. (Jes. 6,6 f.) Und keiner ist bei uns, der weiß, wie lange. Wenn nur jemand ein Ende voraussagen könnte, so ließe sich das Unglück noch einigermaßen mit Geduld ertragen; aber wenn niemand ein Ende der Not sehen und ebensowenig jemand ein Entrinnen verheißen kann, dann gewinnt das Elend ein völlig hoffnungsloses Ansehen und ist ganz überwältigend. Gott sei gepriesen, dass er seine Gemeinde in unsern Tagen nicht so jämmerlich alles ermutigenden Zuspruchs bar dastehen lässt; wir wollen ihn bitten, dass er es nie tue. Aber die Verachtung des göttlichen Wortes ist sehr allgemein, und diese Geringschätzung seiner Gnadengaben könnte den HERRN wohl herausfordern, sie uns zu entziehen; möge seine Langmut die Reizung ertragen und seine Gnade uns fernerhin das Wort des Lebens darreichen.

10. Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher schmähen? Mögen wir nicht wissen, wie lang die Trübsal währen wird, so weißt Du es doch. Zeiten und Stunden stehen bei dir. Wenn Gott geschmäht wird, ist Hoffnung für uns; es mag doch sein, dass er darauf achthat und seinen entehrten Namen rächt. Der Gottlosigkeit ist in der gegenwärtigen Weltzeit viel Freiheit gegeben, und die Gerechtigkeit säumt auf dem Wege. Gott hat aber gute Gründe für sein Zögern und seine bestimmten Zeiten zum Eingreifen, und am Ende wird es ersichtlich sein, dass er nicht die Verheißung verzieht, wie es etliche für einen Verzug achten. Und der Feind deinen Namen so gar (Grundt.: immerfort) verlästern? Er wird damit fortfahren ohne Aufhören, es sei denn, dass du ihn zum Schweigen bringst. Willst du dich denn gar nicht verteidigen und die Lästermäuler verstopfen? Willst du die Hohnreden der Ruchlosen immerfort ertragen? Soll all des Lästerns und Fluchens kein Ende sein? Ja, es soll ein Ende haben, aber nicht so bald. Es gibt eine Zeit, in der der freche Sünder toben kann, eine Zeit, in welcher Gott über ihn Geduld hat; doch ist es nur eine Zeit, und dann, ja dann -!

11. Warum ziehest du deine Hand und deine Rechte zurück? (Wörtl.) Weshalb diese Untätigkeit, diese Gleichgültigkeit gegen deine Ehre und deines Volkes Sicherheit? Wie kühn ist der Beter! Tut er daran unrecht? Nein, wahrlich, wir sind im Unrecht, die wir so kalt und gleichgültig, so träg und zurückhaltend beten. Ach, dass wir die Kunst besser lernten, Gott mit heiligem Flehen zu bestürmen! Er will gebeten sein, und es ist auch durchaus angemessen, dass wir ihn fragen, warum sein Gnadenwerk so langsam vorangeht und der Feind über die Menschen so viel Macht hat. Solche betenden Fragen können zu praktischen Betrachtungen von unendlichem Wert führen. (Ziehe sie) heraus aus deinem Busen, (und) mach’s ein Ende. (Grundt.) Mit dem Busen ist der Bausch des mittelst des Gürtels aufgenommenen langen Gewandes gemeint. Die Sprache des Psalmisten ist in ihrer Kürze sehr kühn; aber Leute, die am Umkommen sind, wagen viel. Wenn Gott gleichsam seine Arme übereinander schlägt, müssen wir nicht das Gleiche tun, sondern im Gegenteil unser Flehen verdoppeln, dass er seine Hand wieder ans Werk lege. Ach, dass unter denen, die Christi Jünger zu sein bekennen, mehr Inbrunst des Gebets wäre; wir würden bald Wunder der Gnade sehen. Die Art, wie der Psalmist mit Gott ringt, kann uns als Vorbild sehr nützlich sein. Er betet demütig, aber kühn, eindringlich, brünstig und kräftig. Das Herz Gottes wird von solchen Bitten stets bewegt. Wenn wir Gott mit den besten Gründen, die wir vorbringen können, anliegen, wird er auch wiederum mit seinen besten Gnadenerweisungen nicht zurückhalten.
12. Gott ist ja mein König von alters her,
der alle Hilfe tut, so auf Erden geschieht.
13. Du zertrennest das Meer durch deine Kraft
und zerbrichst die Köpfe der Drachen im Wasser.
14. Du zerschlägst die Köpfe der Walfische
und gibst sie zur Speise dem Volk in der Einöde.
15. Du lässest quellen Brunnen und Bäche;
Du lässest versiegen starke Strome.
16. Tag und Nacht ist dein.
Du machest, dass beide, Sonne und Gestirn, ihren gewissen Lauf haben.
17. Du setzest einem jeglichen Lande seine Grenze;
Sommer und Winter machest Du.
18. So gedenke doch des, dass der Feind den HERRN schmähet,
und ein töricht Volk lästert deinen Namen.
19. Du wollest nicht dem Tier geben die Seele deiner Turteltaube
und der Herde deiner Elenden nicht so gar vergessen.
20. Gedenke an den Bund;
denn das Land ist allenthalben jämmerlich verheeret, und die Häuser sind zerrissen.
21. Lass den Geringen nicht mit Schanden davongehen;
lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen.
22. Mache dich auf, Gott, und führe aus deine Sache;
gedenke an die Schmach, die dir täglich von den Toren widerfähret.
23. Vergiss nicht des Geschreies deiner Feinde;
das Toben deiner Widersacher wird je länger je größer.

  Nachdem er dem HERRN die traurige Lage vorgestellt hat, macht der Beter eine neue Reihe von Beweisgründen geltend, warum Gott zu helfen verpflichtet sei. Er stützt sich jetzt auf Jehovas frühere Gnadenwunder und Machttaten und erfleht eine Wiederholung derselben.

12. Gott ist ja mein König von alters her. Wie trostreich ist dieses Bekenntnis! Israel erkennt in heiliger Untertanentreue seinen König an, es nimmt in Anspruch, von alters her sein Eigentum zu sein, und leitet daraus ein Anrecht auf seine Verteidigung und Befreiung her. Ist der HERR wirklich der alleinige Herrscher unserer Herzen, so wird er in seiner Liebe seine Macht zu unseren Gunsten aufbieten; hat er uns von Ewigkeit her als sein Eigentum beansprucht, so wird er uns vor den höhnenden Feinden schützen. Der alle Hilfe tut, so auf Erden geschieht, wörtl.: der Heilstaten vollbringt mitten auf der Erde , d. i. vor den Augen aller Völker. Von der fernsten Zeit der Geschichte Israels an hatte der HERR für das Volk große Heilstaten vollbracht, die vor aller Welt offenkundig waren. So kann sich auch jeder Gläubige unserer Tage auf die großen Taten Gottes, auf das Werk von Golgatha, die Niederwerfung von Sünde, Tod und Teufel stützen. Er, der unser Heil vor alters ausgewirkt hat, wird uns jetzt nicht verlassen; er kann sein Werk nicht verleugnen. Jedes frühere Wunder der Gnade gibt uns die Bürgschaft, dass er, der angefangen hat, uns zu erlösen von allem Übel, es vollenden wird. Seine glorreichen Taten der Vorzeit geschahen öffentlich, im Angesicht seiner Feinde, sie waren keine Täuschungen, keine auf die Leichtgläubigkeit ergebener Anhänger berechneten Winkelkünste; darum erwarten wir auch in allen Gefahren wirklichen und offenbaren Beistand und werden ihn sicher empfangen.

13. Du hast durch deine Kraft das Meer zertrennt. (Grundt.) Eine Macht sonder Schranken spaltete das Schilfmeer in zwei Teile. Es war Israel stets eine Freude, dieser ruhmvollen Tat Jehovas wieder zu gedenken. Du zerbrachst die Köpfe der Drachen (der Seeungeheuer) im Wasser. Untiere, die seit langem mit der Tiefe vertraut waren, fanden sich plötzlich auf dem Trocknen. Ungeheuerliche Bewohner der Meereshöhlen und Korallengrotten fanden sich ihres Lebenselementes beraubt und blieben mit zerschmetterten Schädeln auf dem trockenen Meeresbett liegen. Da ward auch Pharao, der grimme Drache, zermalmt, und Ägypten musste es erfahren, dass ihm das Haupt seiner Macht und Pracht mit einem Schlage der Allmacht zerbrochen ward. Ebenso ist die Kraft des uralten Drachen zerbrochen worden durch den, der da kam, um der Schlange den Kopf zu zertreten; und das Meer des Zornes wogt auch nicht mehr vor uns, wir gehen trockenen Fußes hindurch. Unsere Zuversicht für die Gegenwart stärkt sich an frohen Rückblicken auf die Vergangenheit.

14. Du zerschlugest die Köpfe des Leviathans. (Wörtl.) Der HERR ist’s, der dies alles getan hat. Das mächtige ägyptische Krokodil ist gänzlich zerschmettert, seine stolzen Häupter sind in Stücke zerbrochen. Unser Herr Christus ist der rechte Herkules; hundertköpfige Drachen zertritt er unter seinem Fuße und vernichtet auf immer die höllische Hydra. Und gabst sie zur Speise einem Volke, Wüstenbewohnern. (Wörtl.3 Die Scharen der Schakale weideten sich an den Leichnamen der Ägypter; ja auch die Bewohner der Einöden am Meere plünderten die Leichen und bereicherten sich an der Beute. Auch Israel mehrte seine Schätze mit der Hinterlassenschaft seiner umgekommenen Widersacher. Wie oft dienen große Trübsale zu unserm dauernden Besten! Der Leviathan, der uns verschlingen wollte, wird selber verschlungen, und aus dem Ungeheuer sammeln wir wie Simson Honig. Lasst uns der Furcht nicht Raum geben; wir werden vielköpfige Übel erschlagen und ungeheuerliche Schwierigkeiten überwinden, und es wird sich erweisen, dass alles zu unserm Heil dienen muss.

15. Du ließest hervorbrechen Brunnen und Bäche. (Grundt.) Gott spaltete den Felsen und ließ aus seiner Kluft einen mächtigen Bach hervorquellen; so öffnet der HERR auch uns Wasserquellen in der Wüste. Du ließest versiegen starke Ströme. Ströme, die immer flossen (wörtl.), also auch in der Sommerhitze nie versiegten, mächtige Flüsse, nicht vergleichbar mit den nur vorübergehend anschwellenden Sturzbächen, wurden für eine Zeit trocken gelegt. Der Jordan selbst, ein Strom solcherart, bot eine Weile trockenen Durchgang. Man beachte, dass auch hier das Fürwort Du mit Nachdruck wiederholt wird. Aller Preis wird Gott dargebracht und ebenso das Flehen nur an ihn gerichtet. Die ganze Darlegung zielt darauf, dass derjenige, welcher solche Wunder gewirkt hat, das gleiche jetzt zu tun geruhen wolle, da neue Not hereingebrochen ist.

16. Dein ist der Tag, dein auch die Nacht. Du wirst nicht von Zeiten und Zeitläufen beschränkt. Unsere lichtvollen Zeiten des Wohlgedeihens kommen von dir, und unsre Nächte des Ungemachs sind ebenfalls von dir verordnet. Du herrschest in der Finsternis, und ein Blick deiner Augen wandelt sie in hellen Tag. HERR, verziehe nicht, deine Zusagen zu erfüllen; erhebe dich, deinem Volke zu helfen! Du machest, dass beide, Sonne und Gestirn, ihren gewissen Lauf haben. Die Leuchte (wörtl.) der Nacht, also den Mond, und die Sonne des Tages, beide hast Du festgestellt. Einige übersetzen: Licht und Sonne hast Du bereitet,4 so dass der Sinn wäre: beide, Licht und Lichtträger, sind von dir. Es gibt keine Grenzen für deine Macht; so enthülle sie und erfreue dein Volk. Lass, was deine Gnade vorbereitet hat, hervortreten; sprich: "Es werde Licht," so wird alsbald das Licht unsere Düsternis vertreiben.

17. Du hast alle Grenzen der Erde festgestellt. (Grundt.) Land und Meer haben ihre Schranken von dir empfangen. Die Festlande und die Inseln sind von deiner Hand entworfen.5 Man beachte wieder, wie alles der göttlichen Wirksamkeit zugeschrieben wird; kein Wort von Naturgesetzen und Urkräften, sondern der Blick geht einzig auf den HERRN als den, der alles wirkt. Es wird gut sein, wenn alle unsere "- ologien" einen Beischmack von "Theologie" haben und unsere Augen hell sind, den Schöpfer inmitten seines Weltalls am Werk zu sehen. Die Beweisführung unserer Stelle zielt darauf, dass der, welcher das ungestüme Meer in Schranken legt, auch seine Feinde bändigen kann, und er, der die Küsten des Festlandes bewahrt, auch seine Auserwählten erhalten kann. Sommer und Winter, Du hast sie gemacht. So lass uns denn, gütiger Herr, die heiteren Sommertage der Freude wiederkehren. Wir wissen, dass alle Wechsel der Jahreszeiten und der Geschicke von Dir kommen: die Unbilden des Winters haben wir bereits erfahren, so schenke uns jetzt den belebenden Sonnenschein deines dem heitern sommerlichen Glanze vergleichbaren Lächelns. Der Gott der Natur ist auch der Gott der Gnade; darum können wir aus der regelmäßigen Folge der Jahreszeiten schließen, dass der düstere Kummer so wenig wie der Winter das ganze Jahr beherrschen wird, sondern noch Blumen der Hoffnung sprossen und lachende Früchte der Freude reifen sollen.

18. So gedenke doch des, dass der Feind den HERRN schmähet (vergl. V. 10). Wider Dich, den Allerhabenen, haben sie geredet, Deine Ehre haben sie angegriffen, Dir haben sie Hohn gesprochen. Das heißt wahrlich Gott mit Macht aufrufen und bringt uns Josua und Hiskia mit ihrem kühnen Beten in Erinnerung. "Was willst du denn für deinen großen Namen tun?" (Jos. 7,9 .) "- Ob vielleicht der HERR, dein Gott, hören wollte alle Worte des Erzschenken, den sein Herr, der König zu Assyrien, gesandt hat, hohnzusprechen dem lebendigen Gott." (2.Kön. 19,4.) Jehova ist ein eifriger Gott und wird gewisslich seinen Namen verherrlichen: daran findet die Hoffnung festen Halt. Und ein töricht Volk lästert deinen Namen. Jetzt wird Gott vorgehalten, wie verachtenswert der Feind sei. Sünder sind Toren - und sollte es Toren zugelassen werden, Jehova zu lästern und sein Volk zu bedrücken? Sollen Verworfene dem HERRN fluchen und ihm ins Angesicht hohnsprechen? Wenn der Irrtum zu frech wird, so ist sein Tag nahe und sein Fall gewiss. Vermessenheit ist ein Anzeichen, dass das Böse zum Gericht reif wird, und die nächste Stufe ist Fäulnis. Statt zu erschrecken, wenn schlechte Menschen schlimmer und unverschämter werden, dürfen wir vernünftigerweise daraus Mut schöpfen; denn die Stunde ihres Gerichts naht offenbar mit schnellen Schritten.

19. Du wollest nicht dem Tier geben die Seele deiner Turteltaube. Deine arme Kirche ist schwach und wehrlos wie eine Taube; dennoch können ihre Widersacher nicht an sie kommen ohne deine Zulassung. Lass ihnen nicht zu, sie zu zerreißen, überliefere sie nicht den erbarmungslosen Klauen ihrer Feinde. Sie ist dein Täublein, deine Turtel, deine Auserkorene; gib sie nicht ihren Hassern preis. Sei gnädig und schütze die Schwache. So kann auch jeder von uns flehen, und mit guter Hoffnung auf Erfolg, denn der HERR ist voll Mitleids und ein Erbarmer. Und der Herde6 deiner Elenden nicht so gar vergessen. Sie sind völlig auf dich angewiesen, denn sie sind ganz arm und elend; auch sind sie deine Elenden, und ihrer ist eine ganze Herde , von dir selbst gesammelt. So wende ihnen doch nicht länger den Rücken, stelle dich nicht fremd gegen sie, sondern lass ihre Not dich bewegen. Wende dich zu ihnen und suche deine Betrübten heim. In solch bewegende Bitten dürfen auch wir einstimmen, wenn wir zu irgendeiner Zeit schwer geprüft sind und sich des HERRN Nahesein vor unsern Blicken verbirgt.

20. Gedenke an (wörtl. Blicke auf) den Bund. Nun wird der Hauptschlüssel angewendet - vor ihm muss sich die Tür des Himmels öffnen. Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge; er wird seinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus seinem Munde gegangen ist (Ps. 89,35). Der HERR hat verheißen, den Samen Abrahams zu segnen und zum Segen zu setzen, und hier beruft sich dieser Same Abrahams auf jene uralte Zusage, gerade wie wir den Bund, welcher in Jesus mit allen Gläubigen geschlossen worden ist, im Gebet geltend machen können. Wie groß ist diese kleine Bitte! Verstehst du es, lieber Leser, zu flehen: "Gedenke an deinen Bund?" Denn voll sind die Schlupfwinkel (buchstäbl.: die Finsternisse, worunter die meisten dunkle Orte verstehen) des Landes von Stätten der Gewalttat. Raubtiere und Räuber lieben düstere Höhlen und Schlupfwinkel, und die finstere Unwissenheit ist der natürliche Wohnort der Grausamkeit. Die ganze Welt ist in das Dunkel der Sünde gehüllt; so gibt es auch überall grausame Feinde des Volkes Gottes. Aber an manchen Orten hat sich eine siebenfach schwarze Nacht des Aberglaubens und Unglaubens niedergesenkt, und da steigert sich die Wut gegen die Heiligen Gottes zum Wahnsinn. Hat der HERR nicht verheißen, dass alle Welt seiner Herrlichkeit voll werden solle? (4. Mose 14,21 .) Wie kann das geschehen, wenn er es zulässt, dass die Grausamkeit allezeit an finstern Orten lauert? Wahrlich, er muss sich erheben und den Tagen der Bosheit, der Ära der Unterdrückung ein Ende machen. So wird uns der vorliegende Vers zu einer kräftigen Missionsbitte.

21. Lass den Geringen nicht mit Schanden davongehen. Wiewohl sie äußerlich gemartert und innerlich zerbrochen sind, kommen die Deinen doch mit Zuversicht zu dir; lass sie nicht enttäuscht von dir, denn dann würden sie sich schämen, dass sie ihre Hoffnung auf dich gesetzt haben. Lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen. Mache ihre Herzen froh, indem du ihnen auf ihr Rufen schnell antwortest; so werden sie dir begeisterten Gemütes ihre lieblichsten Lieder weihen. Es ist nicht die Weise des HERRN, zu leiden, dass irgend jemand, der auf ihn traut, zuschanden werde; denn sein Wort lautet: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen (Ps. 50,15).

22. Mache dich auf, Gott, und führe aus deine (Streit-) Sache. Antworte du auf die Hohnreden der Ruchlosen mit Tatbeweisen, die die Lästerungen samt den Lästerern vernichten. Gottes Gerichte sind schreckliche Antworten auf die Herausforderungen seiner Widersacher. Wenn er Reiche zerbröckelt und Verfolger ins Herz trifft, so führt er selber seine Sache, wie niemand anders sie hätte verteidigen können. Ach, dass der HERR selber auf das Kampffeld trete! Lang schon schwankt der Streit hin und her; ein Blick aus seinen Augen, ein Wort von seinen Lippen, so wird das Siegesbanner stolz im Winde flattern. Gedenke an die Schmach, die dir täglich (wörtl.: den ganzen Tag, d. i. unaufhörlich) von den Toren widerfähret. Der HERR wird nochmals gebeten, des zu gedenken, dass er selber geschmäht wird, und das von Menschen und von Toren, und er wird auch daran erinnert, dass diese schmutzigen Lästerungen unaufhörlich gegen ihn geschleudert werden und mit jedem neuen Tage neu beginnen. Das heißt tapfer gehandelt, wenn der Glaube sich so aus dem Maul des Drachen feurige Bitten holt und die Lästerpfeile des Feindes zu Waffen des Gebets umschmiedet.

23. Vergiss nicht des Geschreies deiner Feinde. Großer Kriegsheld, lass den Hohn der Feinde dich zum Kampf aufreizen. Sie fordern dich heraus; nimm du den Fehdehandschuh auf und schlage sie mit deiner gewaltigen Hand. Wenn das Rufen deiner Kinder zu schwach sein sollte, als dass du es hörst, so achte doch auf das Gelärm deiner Widersacher und bringe ihre ruchlosen Reden auf immer zum Schweigen. Das Toben deiner Widersacher wird je länger je größer.7 Das gottlose Geschrei wider dich und dein Volk, das Geläster und Getümmel ist laut und hört nimmer auf; sie sprechen dir Hohn, ja Dir, und weil du nicht antwortest, verlachen sie dich. Sie gehen vom Schlimmen zum Schlimmeren, vom Schlimmeren zum Schlimmsten über; ihr Wutgeschrei schwillt an wie der Donner eines heraufziehenden Unwetters. Was wird’s noch werden? Welche Schmähungen und Beleidigungen wird man nächstens auf dich und die Deinen schleudern? Gott, willst du das denn immerwährend ertragen? Gibst du gar nichts um deine Ehre, nimmst du gar keine Rücksicht auf deine Herrlichkeit? -
  So manches aus diesem Psalm ist dem Verfasser dieser Auslegung lebhaft durch den Sinn gegangen, während er die Abgöttereien Roms mit eigenen Augen sah8 und dabei all der blutigen Verfolgungen der Heiligen Gottes gedachte, die von dort ausgegangen sind. Ach HERR, wie lang soll es noch währen, bis du dich dieser nichtswürdigen Priester entledigst und die Hure Babylon in den Pfuhl des Verderbens wirfst? Möge deine Gemeinde nie ablassen, zu dir zu flehen, bis das Gericht vollstreckt wird und der HERR an dem Antichristen volle Rache übt!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Der Psalm hat eine Eigentümlichkeit, die uns stark an Ps. 44 erinnert. Im ganzen Psalm wird nämlich auch nicht einmal nationale oder persönliche Schuld erwähnt, es findet kein Hinweis auf die Gerechtigkeit der göttlichen Züchtigungen statt, wir hören keine Bitte um Vergebung; und doch kann man kaum bezweifeln, dass der Dichter des Psalms, sei er wer immer, die Sünden und Ungerechtigkeiten, welche all das Unglück über das Volk heraufbeschworen hatten, nicht weniger lebhaft erkannt und empfunden habe als ein Jeremia, Hesekiel oder Daniel. Doch ist auch wichtig, dass der Psalmist, so dringend er Gott zum Eingreisen auffordert, sich nicht über Gottes Walten beschwert. Wir finden bei ihm wohl tiefe Trauer, aber keinen Trotz, kein Murren. Wir hören das Weinen eines gezüchtigten Kindes, das sich darüber abhärmt, dass das Angesicht des Vaters sich so mit Missfallen von ihm abgewandt hält und die Hand des Vaters auf dem Kinde, das er doch liebt, so schwer lastet. Barton Bouchier 1855.
  Als die Waldenser infolge des Ediktes Viktor Amadeus II. von Savoyen vom 31. Januar 1685 im Winter das Land verlassen mussten, um in der Schweiz Aufnahme zu finden, überschritten sie - von 14000 nur noch 3000 - die Schweizer Grenze unter dem Gesang des 74. Psalms. - Als sie drei Jahre später zurückkehrten, erreichten sie am Dienstag, dem 27. August 1689, elf Tage nach der Überfahrt über den Genfer See, hoch oben im Nordwestende des Tals von San Martino das erste Dorf ihrer eigenen Täler, Balziglia. Ein Schrecken des HERRN ging vor den Siegern der Brücke von Salabertrand her; eine Abteilung savoyischer Soldaten ergriff schon beim Anblick der waldensischen Vorhut die Flucht. Am 28. August vereinigten sich die in zwei Kolonnen marschierenden Krieger im Dorfe Prali, wo sie das alte Waldensergotteshaus noch unzerstört vorfanden. Es wurde von den Heiligenbildern und andern Zeichen des inzwischen eingezogenen päpstlichen Kultus gereinigt. Dann legten die 700 Mann, die noch übriggeblieben waren, ihre Waffen nieder und sangen wiederum in tiefer Bewegung den 74. Psalm: Gott, warum verstößest du uns sogar! Mache dich auf und führe deine Sache! Und dazu den 129., über welchen dann Arnauld predigte: "Sie haben mich oft gedrängt usw." D. R. Kögel 1895.

V. 1. Zweierlei macht die Gemeinde Gottes in den Worten dieses Verses und im ganzen Psalm vor Gott in heißem Flehen geltend. Erstens die Größe der über sie hereingebrochenen Trübsal, und zwar nach ihrer Ursache, dem Zorn Gottes, ihrer Höhe: dein Grimm rauchet, und ihrer langen Dauer: auf immer? Zweitens das nahe Verhältnis, in welchem sie zu Gott steht: die Schafe deiner Weide. Joseph Alleine † 1668.
  Warum rauchet deine Nase? (Buchstäbl.) Zorn ist Feuer, und bei Menschen und Tieren ist es, wenn sie in heftigen Zorn geraten, als ob Rauch aus ihrer Nase ginge. Xenophon sagt einmal von den Thebanern: Wenn sie zornig sind, schnauben sie Feuer. John Trapp † 1669.
  Lässest deinen Zorn rauchen. (Grundt.) D. i.: Du lässest gar merkliche Zeichen deines entbrannten Zorns blicken und erfahren. Vergl. Ps. 2,12; 18,9. J. D. Frisch 1719.
  Die Bezeichnung der Gemeinde Gottes als Schafherde seiner Weide gehört der Zeit des Exiles an (Ps. 79,13; 95,7; 100,3; Jer. 23,1). Sie sagt mehr, als dass Gott der Hirte und das Volk seine Herde ist (Ps. 80,2). Sie steht in Beziehung darauf, dass Gott dieser seiner Herde das fruchtbare Kanaan zum Weideland gegeben hat (Hos. 13,6; Jer. 25,36) und dass es sich um den Besitz dieses Landes handelt. Gen.-Sup. D. K. B. Moll † 1878.
V. 2. Es hat seinen guten Grund, dass der Psalm nicht sagt: Gedenke an uns, sondern: an deine Gemeinde - nicht unsere, sondern deine Gemeinde; ferner: sie ist nicht erst unlängst dein geworden, sondern du hast sie vor alters erworben und du hast sie erlöst . Desgleichen: Gedenke an den Berg Zion, nicht wo wir wohnen, sondern wo du Wohnung gemacht hast. Israel hatte nichts, was es mit größerer Zuversicht vor seinem zürnenden Gott hätte geltend machen können, als die Barmherzigkeit, welche er von uralters her den Vätern erwiesen hatte. Wolfgang Musculus † 1563.
  Und dir erlöst hast, dir losgekauft und also erworben hast, indem du sie wiederbrachtest, als sie verkauft und andern in die Hände gefallen waren; wie ein Goel oder Nächstverwandter, der einen in Gefangenschaft geratenen Bruder loskauft und ein verkauftes Erbe wieder einlöst. Hermann Venema † 1787.
V. 3. In 1. Mose 29,1 kommt die Redensart vor: die Füße aufheben. Hier ist der Ausdruck viel kräftiger: die Schritte aufheben . Es muss ein schnelles, ungestümes, majestätisches und machtvolles Herzuschreiten gemeint sein, wie eines Helden, der mit schwerem Tritt herbeieilt, dass der Boden davon erdröhnt. Hermann Venema † 1787.
  Im Heiligtum. Ihre Städte, ihre Länder waren verwüstet, ihre Äcker, Weinberge und Ölpflanzungen verderbt worden. Sie selber waren überall niedergehauen worden, ohne dass sie auch nur einen Streich zu ihrer Verteidigung geführt hatten, und die Mittel ihres Unterhalts waren ihnen entrissen worden, ohne dass sie Widerstand geleistet hatten. Trotzdem sagen sie nichts von dem allen; nicht etwa, da die Frommen für solche Verluste unempfindlich gewesen wären, sondern weil der unerträgliche Kummer, dass die Anbetung Gottes ausgetilgt zu werden in Gefahr war, den Schmerz um all das andere Unglück weit überbot. Wolfgang Musculus † 1563.
V. 4. Brüllen. Das Wort wird namentlich von dem Brüllen des Löwen gebraucht. An unserer Stelle können wir bei dem Wort an die Ausbrüche der Siegeslust oder der Schadenfreude denken, womit die Feinde Gott lästerten und Gottes Volk kränkten, oder an die barbarischen, sinnlosen Worte, die sie bei ihrem Götzendienst gebrauchten. Hermann Venema † 1787.
  Und stellten ihre Zeichen als Zeichen auf. (Grundt.) Der Sinn ist, dass der Feind, nachdem er die Zeichen des wahren Gottes, seines Volkes und der Offenbarungsreligion, wie die Beschneidung, die Feste, die Opfer, die andern Verordnungen der Religion und die Zeichen der Freiheit Israels vernichtet hatte, seine eigenen götzendienerischen Zeichen als die Zeichen seiner Herrschaft und seiner Religion an jener Stelle gesetzt hatte. Hermann Venema † 1787.
V. 4-7. (Die Verfolgung unter Antiochus Epiphanes 168 v. Chr.) Der alte Athener (2.Makk. 6,1), welchen Apollonius, der Feldherr des grausamen Antiochus, mit der Hellenisierung des jüdischen Volks beauftragt hatte, rückte nach Jerusalem vor, wo er unter Beihilfe der Besatzung alle Ausübung der israelitischen Religion verbot und unterdrückte, die Leute zwang, den Sabbat zu entheiligen und Schweinefleisch und andere unreine Speisen zu essen, und die Volkssitte der Beschneidung ausdrücklich untersagte. Der Tempel wurde dem olympischen Jupiter geweiht, die Statue dieser Gottheit auf dem Brandopferaltar aufgerichtet und mit Opfern verehrt. Als letzter Hohn wurde das Bacchusfest, dessen ausschweifende Art, so wie es in späteren Zeiten in Griechenland gefeiert ward, die strenge Tugendhaftigkeit. der alten Römer mit höchstem Unwillen erfüllt hatte, an die Stelle des Laubhüttenfestes gesetzt. Die Juden wurden trotz allem Widerstreben gezwungen, diese zügellose Orgien mitzufeiern und Efeu, das Wahrzeichen des Gottes, zu tragen. So nahe war die jüdische Nation und die Anbetung Jehovas der gänzlichen Ausrottung. Henry Hart Milman † 1868.
  (Unter Titus i. Jahr 70 n. Chr.) Und nun brachten die Römer, als die Widerspenstigen in die Stadt geflohen waren und das Heiligtum und alle umliegenden Gebäude verbrannt waren, ihre Zeichen in den Tempel und stellten sie dem östlichen Tempeltore gegenüber auf; dort brachten sie vor diesen Feldzeichen Opfer dar und riefen Titus unter dem lautesten Freudengeschrei zum Imperator aus. Flavius Josephus † 93.
V. 5 ff. Wie unmenschlich der Feind war, zeigt sich daran, dass der Tempel, der mit so großen Kosten auferbaut, so zierlich und herrlich geschmückt und mit unermüdlichem Fleiß und hoher Kunstfertigkeit vollendet worden war, trotzdem nicht vor ihren barbarischen Händen verschont blieb, sondern gänzlich zerstört ward. Vers 5 enthält ein Bild. Dass der Feind die Altäre und die Säulen des Tempels mit Gewalt zerbrach und niederhieb, das wird dem Werk des Holzhauers verglichen, der mit dem Beil in der Hand die hohen Bäume des Waldes niederhaut. D. H. Moller 1639.
  Selbst rohe Eroberer pflegen Prachtgebäude der Kunst zuliebe zu verschonen. Als Demetrius ein von Protogenes gemaltes Bild in einer der Vorstädte von Rhodus genommen hatte, ward er von den Einwohnern gebeten, der Kunst zu schonen und das Gemälde nicht zu zerstören. Er erwiderte, dass er eher die Statuen seines Vaters verbrennen würde als ein so hervorragendes Kunstwerk. Die Roheit dieser Feinde übertraf demnach die Barbarei anderer; denn sie warfen unbarmherzig einen Bau nieder, der aufs kunstvollste mit Schnitzwerk und allerlei Zierat geschmückt war. D. H. Moller 1639.
  Tafelwerke. Das hier gebrauchte Wort steht 1.Kön. 6,29 von den Cherubim, Palmen und Blumengehängen, welche in die Wände des Tempels eingeschnitzt waren. D. William Kay 1871.
V. 8. Alle Häuser Gottes im Lande. Das Vorhandensein von Synagogen vor der babylonischen Gefangenschaft ist sehr bestritten worden, und die meisten Gelehrten neigen sich auf Grund des Schweigens des Alten Testaments zu der Ansicht, dass die Synagogen in Babylon entstanden und nach der Rückkehr Israels ähnliche Bethäuser in Palästina eröffnet worden seien. Man schließt daraus, dass der 74. Psalm in der nachbabylonischen Zeit geschrieben worden sei. Die Beweisführung aus dem Stillschweigen ist aber durchaus nicht zwingend. Übersetzt man in Ps. 74,8 nach Aquila und Symmachus Synagoge, so kann man das gleiche hebräische Wort an mehreren anderen Stellen, die anerkanntermaßen vor der Gefangenschaft geschrieben worden sind, ebenso übersetzen, und die Umstände und Bedürfnisse der Israeliten, deren große Masse vom Tempel weit entfernt war, scheinen uns unwiderleglich darauf hinzuweisen, dass dieselben in ihren Städten und Dörfern irgendeinen Ort gehabt haben müssen, wo sie an den Sabbaten, Neumonden und andern Festtagen zusammenkommen konnten, um sich im Gesetz unterweisen zu lassen und des öffentlichen Gebets zu pflegen. Diese Stätten waren, so verschieden sie von den späteren Einrichtungen gewesen sein mögen, der Ursprung der Synagogen. In welcher Weise solche Versammlungen vor der Gefangenschaft gehalten wurden, ist jetzt unmöglich zu bestimmen. D. Alex. Mac-Caul † 1863.
  D. Pridaux († 1724) behauptet bestimmt, es hätten vor der babylonischen Gefangenschaft keine Synagogen bestanden. Da der Hauptzweck der Synagogen der sei, dem Volke das Gesetz vorzulesen, könne es da keine Synagogen gegeben haben, wo man kein Gesetzbuch zum Vorlesen gehabt habe. Wie selten aber die Rollen des Gesetzes vor der Gefangenschaft in ganz Judäa waren, zeigen 2. Chr. 17,9; 2.Kön. 22,8 und andere Stellen. Alex Cruden 1737.
  Im Alten Testament finden wir keine Spuren von gottesdienstlichen Versammlungen, die in Synagogen stattgefunden hätten. Zeitweilige Altäre, Haine und Höhen wurden von Frommen und Sündern gleicherweise zum Gottesdienst und Götzendienst benutzt. Der einzige vorexilische Fall, der darauf hinzuweisen scheint, dass die Frommen in Israel die Sitte hatten, sich bei bestimmten Gelegenheiten um hervorragende gottselige Männer zu versammeln, um geistlichen Segen und Unterweisung zu empfangen, findet sich in 2.Kön. 4,23 , wo der Mann der Sunamitin diese fragt: "Warum willst du zu ihm (dem Propheten Elisa)? Ist doch heute nicht Neumond noch Sabbat." Doch zeugen 2.Kön. 22,8 ff. und 2. Chr. 34,14 ff. unzweifelhaft gegen das Vorhandensein von Versammlungsstätten in der Königszeit. Erst aus der Zeit der Verbannung, als der Tempeldienst unterbrochen war, haben wir unzweifelhafte Beweise, dass regelmäßige Zusammenkünfte zu gewissen Fastenzeiten stattfanden (Sach. 7,3-5; 8,19). Religiöse Versammlungen wurden auch an Sabbaten und Fasttagen gehalten, um die Verbannten im göttlichen Gesetz zu unterweisen und sie zu ermahnen, dass sie den heiligen Vorschriften gehorchten (Esr. 10,1-9; Neh. 8,1-3; 9,1-3; 13,1-3). Die Versammlungen, welche in der Nähe des Tempels und an anderen Orten gehalten wurden, waren der Ursprung der Synagogen, und die Stätte, wo die Leute zusammenkamen, wurde Haus der Versammlung genannt. So auch die Synagoge im Tempel selbst. Diese Synagogen wurden bald sehr allgemein, so dass der Psalmdichter, indem er den Zustand des öffentlichen Gottesdienstes in der Zeit der Makkabäer schildert, erklärt, es seien die vielen Versammlungsstätten Gottes oder, wie die englische Übersetzung es wohl richtig ausdrückt, die Synagogen Gottes, verwüstet worden. Christian D. Ginsburg 1863.
  Die Versammlungen Gottes (l)" yd"(AOm) können nicht Feste sein (LXX, Theod., Hieron.), da diese nicht verbrannt werden, sondern nur Häuser oder Räume, die gottesdienstlichen Zusammenkünften dienen. Aqu., Symm.: Synagogen. Eine Synagoge heißt freilich in der Mischna gewöhnlich tsenekI: tybI", jedoch ist auch die Bezeichnung d(awa tybI" für Lehrhaus nicht selten. An die alten gesetzwidrigen Höhenkulte zu denken ist unmöglich, weil deren Vernichtung für einen Israeliten kein Anlass zur Klage sein konnte. Handkommentar von Prof. D. Fr. Bäthgen 1892.
  Die Behauptung der Freunde makkabäischer Psalmen, dass nur an die Zerstörung der Synagogen gedacht werden könne, ist um so nichtiger, da die reichhaltigen Quellen für die Geschichte der makkabäischen Zeit einer solchen Zerstörung gar nicht gedenken. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1844.
V. 9. Unsere Zeichen sehen wir nicht. Diese Zeichen waren wohl gewisse äußere Kennzeichen der göttlichen Huld, gewisse Kennzeichen der Gegenwart Gottes, gewisse Merkmale, dass er mit ihnen sei, sie zu segnen. Nun sagen die Juden, es seien fünf Dinge in dem durch Nebukadnezar zerstörten Salomonischen Tempel gewesen, die in dem zweiten, nach der babylonischen Gefangenschaft errichteten Tempel gefehlt hätten, fünf Merkzeichen der göttlichen Gegenwart. Das erste war die Bundeslade, das zweite das Feuer vom Himmel auf dem Brandopferaltar, das dritte die Schechina, d. i. die Wolke über dem Gnadenthron, das vierte die Urim und Tummim (das Licht und Recht) am Brustschildlein des Hohenpriesters, und das fünfte der Geist der Weissagung. Denn wiewohl noch zu der Zeit der Rückkehr und kurz nach derselben die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi auftraten, hörte doch der Geist der Prophetie mit Maleachi auf und trat nicht wieder hervor bis auf Johannes den Täufer, den Vorläufer des Herrn Jesus. J. C. Philpot † 1869.
  Die gewöhnlichen Zeichen Israels als des Eigentumsvolkes Gottes waren das Passah (2. Mose 12,13), der Sabbat (2. Mose 31,13), der Tempel, der Altar und die Opfer; die außergewöhnlichen waren die Wunder, welche Gott seinem Volke zulieb wirkte (Ps. 78,43). A. R. Fausset 1866.
  Kein Prophet ist mehr da. Man beachte, dass sie nicht darüber klagen, dass kein Held und Feldherr mehr da sei, der sie von den Widersachern befreie, sondern dass kein Prophet mehr da sei. Und doch, als die Propheten da waren, waren sie in den Augen aller verächtlich, und sie wurden von den Gottlosen misshandelt und zu Tode gebracht. Wolfgang Musculus † 1563.
  Solche Strafen gingen oft über die Juden, wie geschrieben ist: Zu der Zeit war kein Wort Gottes und kein Prophet im Lande. Das ist die höchste Strafe und Seelennot, wie im Gegenteil Gottes reines Wort der höchste Trost ist, wie Jeremias in Kap. 15 spricht: Erhalt, uns, HERR, dein Wort, denn dasselbe ist unseres Herzens Freude und Trost. Das merket man nicht eher, denn wenn Gott und der edle Schatz hinweg ist. Dann grübe man’s wohl aus der Erden und läuft danach als ein hungriges Hündlein und findet es nicht. Johann Arnd † 1621.
V. 12 ff. Wenn man der Menschen Heldengeschichten und Taten durchläuft, so läuft darin vieles aufs Verderben hinaus; wenn man aber die großen Taten Gottes ansieht, so geht das meiste aufs Wohltun und Erretten der Menschen. Auch das, was Gerichtliches und zum Strafen dazukommt, ist doch aus Errettung der Unterdrückten abgesehen und also in ihrem Betracht eine Hilfe. O wie sollte sich Gott durch alle Hilfe, die er schon getan, einen Namen bei uns gemacht haben, dass wir ihm über alles trauten und ihn auch unter den Gerichten doch noch bei seinem Bund fassten! Karl H. Rieger † 1791.
V. 14. Die Wüstenbewohner werden von vielen Erklärern für die Ichthyophagen oder Fischesser gehalten, welche nach alten Schriftstellern (Agatharchides und Diodorus) einen Teil der Küste des Roten Meeres bewohnten und sich von ausgeworfenen Seetieren nährten. William O’Neill 1854.
  Könnte nicht der Sinn der sein, dass gerade wie die ans Ufer gespülten Seeungeheuer den Anwohnern des Roten Meeres zur Speise dienten, so auch die symbolisch hier mit Leviathan bezeichnete Macht Ägyptens, als sie am Roten Meer zerstört war, Israels Glauben zur Nahrung diente und das Volk sogar für die Reise durch die Wüste mit Vorrat versah durch die Beute, welche die Flut ans Land warf? C. H. Spurgeon 1872.
V. 15. Du lässest versiegen starke Ströme, wie Jos. 3,13.16 . Kann auch den Verlauf mächtiger Reiche bedeuten, die von Gott in solchen Stand gesetzt werden, dass sie andere nicht mehr überschwemmen und verschlingen können wie zuvor, dergleichen schon manchem mächtigen Königreich ist widerfahren. J. D. Frisch 1719.
V. 17. Du hast alle Grenzen der Erde festgestellt. (Grundt.) Nach dem Zusammenhang nicht bloß die Grenzen gegen das Meer oder zwischen den Völkern (5. Mose 32,8; Apg. 17,26), sondern noch mehr die allen Wechsel, auch den der Jahreszeiten, bedingenden Grenzen. Prof. D. Fr. W. Schultz 1888.
  Die Verteilung von Meer und Festland über die Erdoberfläche ist gleicherweise von der größten Bedeutung für die gegenwärtige Gestaltung des organischen Lebens. Wenn z. B. das Weltmeer erheblich kleiner wäre, oder wenn Asien und Amerika auf die heiße Zone beschränkt wären, würden Ebbe und Flut, die Meeresströme und die meteorologischen Erscheinungen, von denen die Existenz des Pflanzen und Tierreichs abhängt, so von Grund auf anders sein, dass es äußerst zweifelhaft wäre, ob der Mensch überhaupt existieren könnte, und ganz gewiss, dass er nie zu einem hohen Grade der Zivilisation hätte gelangen können. Die Abhängigkeit des menschlichen Fortschritts von der vorliegenden Gestaltung der Erdkugel führt uns zu dem Schluss, dass beide das harmonische Werk der gleichen allmächtigen Kraft sein müssen und ein göttlicher und unveränderlicher Plan von Uranfang über dem Schicksal unseres Planeten gewaltet haben muss. Es ist fast überflüssig, darauf hinzuweisen, wie sehr die unregelmäßigen Krümmungen und wellenförmigen Veränderungen der Küsten, die zahllosen über die Wasser verstreuten Inseln, die weit in die See hineinreichenden Vorgebirge und die tief ins Land eindringenden Meerbusen zu der Zivilisation des Menschengeschlechts durch Vervielfältigung der Berührungspunkte des Menschen mit dem Ozean, der großen Verkehrsstraße der Völker, beigetragen haben. G. Hartwig 1866.
  Nun denn, o Gott, der du dies alles und mehr für die Menschenwelt getan hast, solltest du deine Gemeinde vernachlässigen? John Trapp † 1866.
V. 19. Deine Turteltaube. Gottes Kinder sind harmlose, unschuldige Wesen, ganz unfähig, sich selber gegen ihre zahllosen grausamen Feinde zu helfen. Darum werden sie in der Schrift mit Schafen und Tauben verglichen und Waisen, Kleine, Arme, Unmündige und Einfältige genannt. Tugendhaftes Verhalten ist ihnen Pflicht und Natur; sie dürfen nicht einmal einen bösen Gedanken gegen jemand hegen, sie sind berufen, Unrecht zu leiden, nicht Unrecht zu tun. Julian der Abtrünnige höhnte sie deswegen; er gab ihnen einen Streich auf den rechten Backen und sagte ihnen, ihr Meister hätte sie gelehrt, den andern auch darzubieten; seine Soldaten nahmen ihnen den Rock und mahnten sie, dass sie ihnen nach Jesu Worten auch den Mantel lassen müssten. Da die Rechtschaffenen andere nach ihrer eigenen Gesinnung beurteilen, werden sie leicht betrogen und in Schlingen gefangen. So wollte der menschenfreundliche Statthalter Gedalja dem Johanan nicht glauben, was dieser ihm über die Verschwörung Ismaels gegen ihn berichtete, ja er zürnte ihm sogar für sein treues Handeln, und das kostete ihn das Leben (Jer. 40,13-16; 41,2). Ähnlich ging es dem berühmten französischen Admiral Kaspar von Coligny ; wiewohl er von verschiedenen Seiten drüben über dem Meer unterrichtet worden war, dass der Hof gegen ihn Böses im Schilde führe und auf die Versprechungen und Vereinbarungen keinerlei Verlass sei, auch wenn sie mit den feierlichsten Eiden bekräftigt würden, ging er doch dem Löwen entgegen, der ihm mit der einen Tatze schmeichelte und ihn mit der andern zerriss. John Langley 1644.
  Der Ausdruck "deine Turteltaube" mag auch mit der im Altertum wie in unserer Zeit verbreiteten Sitte beleuchtet werden, Tauben als Lieblingstiere zu halten (vergl. Theokritus 5,96 und Virgil, Eklog. 3,5,68.69), und mit der Sorgfalt, mit welcher man diese vor Tieren, die ihnen nach dem Leben stellen, schützt. James Merrick † 1769.
V. 20. Blicke auf den Bund. (Wörtl.) Das Zeitwort bedeutet das Heften der Augen auf einen Gegenstand; so wird es übertragen auf das ernstliche Betrachten und Erwägen einer Sache. Apg. 17,30 finden wir den entgegengesetzten Ausdruck, Gott habe (die Zeiten der Unwissenheit) übersehen. An unserer Stelle ist es dem Volke Gottes, als übersehe er seinen Bund, als achte er weder auf seine übernommenen Bundesverpflichtungen, noch auf sie in ihrem Elend. Francis Taylor 1645.
  Diejenigen Leute, vor allem diejenigen Prediger, welche von der freien Gnade und dem Heil nicht als durch Gottes Bundeszusage verbürgt denken und reden, berauben sich und andere um ein reiches Teil der Tröstungen des göttlichen Wortes. Das war nicht die Art des unter der Eingebung des Geistes schreibenden Psalmdichters. D. W. S. Plumer 1867.
  Wir sind alle Kinder Adams: wir schuldigen lieber Gott als uns selbst an. (1. Mose 3,12 .) So argwöhnen wir, wenn es uns übel geht, eher, dass Gott den Bund gebrochen habe, als dass wir unsere Bundbrüchigkeit anerkennen. Wir sind in Zeiten der Not sehr geneigt, denen zu misstrauen, welche uns am besten helfen könnten. Der Kranke, dessen Übel lebensgefährlich wird, misstraut nicht den Ratschlägen seiner unwissenden Nachbarn, sondern seinem geschickten Arzte. Wer in einem Prozess verliert, verdächtigt niemand leichter als seinen Advokaten oder den Richter. Francis Taylor 1645.
  Blicke hin auf den Bund! Denn voll sind des Landes versteckteste Örter von Wohnungen der Gewalttat. (Grundt.) Der Dichter will sagen: Weil es bis dahin gekommen ist, dass unser ganzes Land mit Fremden so angefüllt ist, dass darin kein auch noch so heimlicher Bergungsort mehr zu finden ist, an dem wir vor den Gewalttaten unserer Dränger sicher wären, so erweise uns doch die Unverbrüchlichkeit deines Bundes, den du mit unsern Vätern geschlossen hast und vermöge dessen du es mit uns nicht zur äußersten Vernichtung kommen lassen kannst. Lic. Dr. H.V. Andreä 1885.
V. 22. Mache dich auf, HERR, und richte deine Sache. Mit diesen Worten unsers Psalms begann die Bannbulle Leos X. gegen Luther, auf welchen diese Bulle auch die Worte Ps. 80,14 anwandte: "Es haben den Weinberg Gottes zerwühlt die wilden Säue." Nach A. v. Salis 1902.
V. 23. Wenn wir genötigt sind, unsere ernstesten und dringendsten Gebete zu beendigen, ohne auch nur einen Lichtstrahl auf unsern Pfad scheinen zu sehen, so mag es uns ein Trost sein, des zu gedenken, dass auch der fromme Dichter diese Klage so schließen musste. Hoffen, da nichts zu hoffen ist, ist die gesegnetste Art des Hoffens. D. William S. Plumer 1767.

Fußnoten

V. 1. 1) Dass Gott auch mit den Seinen noch manchmal zürnt, ist eine ernste Tatsache. 2) Doch tut er es mit Maßen; wir aber sind geneigt, maßloses Zürnen zu fürchten. 3) Unser Verhältnis zum HERRN wird durch die Strafe nicht abgebrochen ("Schafe deiner Weide"). 4) Unsere Aufgabe ist es, nach dem Grund des göttlichen Zornes zu forschen und dementsprechend zu handeln.
  Warum raucht dein Zorn? (Wörtl.) Der Zorn des HERRN über sein Volk wird mit dem Rauch verglichen, 1)weil er nicht ein verzehrendes Feuer ist, 2) Feuersgefahr aber allerdings nahe ist; 3) weil er das Freudenlicht im Herzen verdunkelt, 4) den Glaubensblick trübt, 5) den Lebensodem beklemmt, 6) auch den Genuss der zeitlichen Segnungen stört (alles schwarz macht).
V. 2. 1) Das nahe Verhältnis des HERRN zu seinem Volke. a) Erwählung, b) Erlösung, c) Einwohnung. 2) Die daraus hervorgehende Bitte: Gedenke usw.
V. 3. Verwüstungen in der Gemeinde des HERRN. 1) Die Gemeinde hat Widersacher. 2) Die in die Gemeinde eindringende Gottlosigkeit ist die gewaltigste Waffe dieser Feinde. 3) Dadurch wird bei schwachen Gläubigen und bei erweckten Seelen viel Gutes zerstört, der Friede wird gestört, der Gebetseifer gedämpft und die Kraft, auf andere segensreich einzuwirken, geschwächt. 4) Die Hilfe ist nur bei Gott.
V. 3.4. Die Macht des Gebets in dem Streit für Gottes Heiligtum. 1) Auf Seiten der Feinde sind a) Verwüstung, b) Entweihung, c) schamloses Lärmen und d) freche Handlungen. 2) Auf Seiten der Gläubigen ist nur a) ernstes Flehen, das aber b) Gott alsbald und kräftig zur Rettung zu kommen drängt.
V. 4b. Und stellten ihre Zeichen als Zeichen auf. (Grundt.) Die List des Satans, die Wahrheit durch täuschende Afterbilder derselben zu verdrängen.
V. 5 ff. Wandalismus (rohe Zerstörungswut) gegen die göttliche Wahrheit.
V. 6.7. Was eine christliche Gemeinde zu fürchten hat. 1) Verletzung der Lehre und der Verordnungen des HERRN (Tafelwerke). 2) Das Feuer des Zankes, Spaltungen usw. (Verbrennen.) 3) Verunreinigung durch Sünde (Entweihen). Ein jedes dieser Übel kann eine Gemeinde zugrunde richten. Darum wache und bete sie dagegen.
V. 9a. 1) Auch wir haben heilige Zeichen, Beweise und Kennzeichen der göttlichen Huld. 2) Zeichen sieht man, sie werden einem bewusst, wenn der Heilige Geist sie einem vor Augen stellt. 3) Es gibt aber auch Zeiten, wo man dieselben nicht sieht, weil sie von geistlicher Unklarheit und Finsternis umhüllt sind. Joseph C. Philpot † 1869.
V. 9. Offenbare Zeichen von Gottes Missfallen, wie z. B. wenn das Wort Gottes teuer wird und der Mund treuer Diener Gottes verschlossen wird, sollten uns aufs tiefste erschüttern. Thomas Wilcocks 1586.
V. 11. 1) Gottes Geduld. Er zögert mit seinen Gerichten und zieht sogar seine Hand zurück. (Wörtl.) 2) Des Menschen Ungeduld: "Heraus aus deinem Busen!" (Wörtl.).
V. 12. 1) Gottes Königshoheit. 2) Sie ist von alters her. 3) Wir huldigen ihr. 4) Wie erweist sie sich? In Taten. 5) Was wirkt sie? Hilfe. 6) Wo offenbart sie sich? Auf Erden.
V. 15. Die wunderbare Fürsorge Gottes für sein Volk, beleuchtet durch den gespaltenen Felsen und den versiegten Jordan.
V. 16.17. 1) Der Gott der Gnade ist der Gott der Natur. 2) Der Gott der Natur ist auch der Gott der Gnade. In beiden Offenbarungen zeigt sich die gleiche Weisheit, Macht und Treue. Vergl. Ps. 19. G. Rogers 1871.
V. 19. Die Seele des Gläubigen verglichen mit einer Turteltaube.
V. 22. Gott führt selber seine Sache, indem er in den Wegen seiner Vorsehung die Völker und die einzelnen Seelen heimsucht, und indem er mächtige Erweckungen und Bekehrungen wirkt.

  1) Die Herrlichkeit unserer Sache: sie ist des HERRN eigene Angelegenheit. Hoffnung, die uns belebt: dass der HERR seine Sache selbst durchführen wird. 3) Der Trost, den wir deshalb sogar aus dem Wüten der Feinde schöpfen können: es wird den HERRN bewegen sich aufzumachen.

1. Der Text ist dunkel; wahrscheinlich ist er zu übersetzen: Es sah sich an, wie wenn man im Dickicht des Gehölzes hoch die Äxte schwingt, so dass Luthers Übers. dem Sinn entspricht. Spurgeons Bemerkungen schließen sich an die falsche alte engl. Übers. an: Ein Mann war berühmt danach, wie er Äxte über die dicken Bäume erhoben hatte.

2. Wörtl.: Die Einwohnung (Gottes). So heißt bei den Rabbinern der durch die umhüllende Wolke hindurchstrahlende feuerähnliche Lichtglanz, in welchem Jehova seine Gnadengegenwart symbolisch kundgab.

3. Manche verstehen darunter Menschen (die Israeliten in der Wüste, Kimchi u. a., oder die am Ufer des arab. Meerbusens wohnenden Völker, wie die Äthiopier, LXX, Hier., oder Ichthyophagen, Borchard, Hengst., Fr. W. Schultz); andere meinen, es werde an die Scharen der Wüstentiere zu denken sein, wie an den meisten Stellen, wo das Wort vorkommt.

4. So die engl. Bibel, Luther 1524, Stier, Hupfeld, auch die schweizer. revid. Übers. (1893).

5. Die andere Auslegung, welche Luthers Übers. (Du setzest einem jeglichen Lande seine Grenze, vergl. Apg. 17,26) zum Ausdruck bringt, ist jedenfalls auch berechtigt.

6. Es ist offenbar ein Wortspiel zwischen den beiden tYaxa im ersten und zweiten Versgliede. Manche fassen das Wort an beiden Orten in derselben Bedeutung auf: Getier. Vergl. Luther: deiner elenden Tiere. Daher kommen die revidierte Übers. und andre in V. 19b auf die Übersetzung Herde. Andere nehmen das Wort hier V. 19b in der Bedeutung Leben.

7. Grundt. Das Toben deiner Widersacher, das beständig emporsteigt.

8. Spurgeon besuchte Rom im November und Dezember 1871, als dieser Teil der "Schatzkammer Davids" im Werden war.