Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 144


Überschrift

Wiewohl dieser Psalm dem 18. in einigen Teilen sehr gleicht, ist er doch ein neues Lied, und dies besonders auffallend in dem Schlussstück. Möge der Leser ihn denn auch als solches aufnehmen und nicht als bloße Variation eines alten oder als lose Zusammenfügung zweier verschiedener Dichtungen. Es ist zwar richtig, dass man ganz gut die Verse 12-15 abtrennen und den Psalm mit dem Kehrreim V. 11 schließen lassen könnte; aber es gibt auch andere Stücke der davidischen Psalmenpoesie, die ebenso als ein abgerundetes Ganzes dastehen könnten, wenn man gewisse Verse ausfallen ließe, und das Gleiche gilt von manchen Gedichten der weltlichen Dichtkunst. Es folgt also daraus noch nicht, dass das Endstück von einer andern Hand hinzugefügt worden sei, nicht einmal, dass diese letzten Verse ein Bruchstück aus der Feder desselben Verfassers sein müssen, das nur, um es auf diese Weise zu erhalten, dem Liede angefügt worden wäre. Uns dünkt es vielmehr wahrscheinlich, dass der Psalmdichter gerade durch das Bewusstsein, in dem Bisherigen zum Teil schon früher betretene Pfade gegangen zu sein, sich zu frischen Gedanken angetrieben fühlte und dass der Geist des HERRN diese Stimmung des Psalmisten zu seinen erhabenen Zwecken benutzte. Sicher ist das Hinzugefügte des größten der hebräischen Dichter würdig, und es ist von so reicher Bildersprache, dass Freunde schöner Dichtkunst, auch solche, die sonst nicht gerade eine allzu große Vorliebe für die Bibel an den Tag legen, diese Verse unzählige Male angeführt und damit ein beredtes Zeugnis von deren dichterischer Schönheit abgelegt haben. Uns erscheint der Psalm so, wie er dasteht, vollkommen und auch von gutem innerem Zusammenhang, so dass es, von den religiösen Bedenken zu schweigen, ein literarischer Vandalismus wäre, ein Stück davon wegzureißen.

  Die Überschrift lautet: Von David, und so sicher wie wir bei diesem oder jenem Liede aus der Art seiner Sprache schließen: Das ist von Tennyson, von Longfellow, von Luther, von Paul Gerhardt, von Gerok, so gewiss glauben wir behaupten zu dürfen: Das ist Davids Sprache.

Inhalt
Seines Gottes Lob singt der fromme Kriegsheld in V. 1.2 in einer Vielzahl von Ausdrücken. Von dem Menschen hat er eine geringe Meinung, er staunt darüber, dass Gott ihn so beachtet, V. 3.4. In der Stunde des Kampfes wendet er sich an den HERRN, den rechten Kriegsmann, und erfleht dessen siegreiches Eingreifen, V. 5-8. Aufs Neue ergeht er sich V. 9-11 in Lobpreisungen und Bitten und schließt dann V. 12-15 mit einer lieblichen Schilderung der Segnungen, die der HERR seinem auserwählten Volke verleiht, das der Dichter beglückwünscht, weil es einen solchen Gott seinen Gott nennen darf.

Auslegung

1. Gelobet sei der HERR, mein Hort,
der meine Hände lehrt streiten
und meine Fäuste kriegen;
2. meine Güte und meine Burg,
mein Schutz und mein Erretter,
mein Schild, auf den ich traue,
der mein Volk unter mich zwingt.

1. Gelobet sei der HERR, mein Hort. Der Psalmdichter kann die Äußerung seiner Dankbarkeit nicht aufschieben, er bricht sofort in lauten Lobpreis aus: Gelobt sei Jehovah! Das beste Lob dem besten Freunde! Wenn das Herz in der rechten Stimmung ist, muss es Gott preisen, es lässt sich nicht Einhalt tun; die Worte des Lobes und Dankes sprudeln aus ihm mit Macht hervor wie das Wasser aus einer lebendigen Quelle. David rühmt Jehovah als seinen Hort. Das Wort des Grundtextes, das Luther so übersetzt, bedeutet das harte massige Gestein, den großen, unwandelbar festen Felsen . Von welcher Bedeutung waren solche Felsenfesten für David in seinem an Kriegen und Verfolgungen so reichen Leben gewesen! Diese Felsen hatte aber Jehovah, sein Gott, geschaffen; sie waren nach Gottes Vorsehung für ihn bereitet. Und nicht nur das; diese Felsen wurden ihm zum Sinnbild dessen, was sein Gott ihm war; dieser war, ob durch solche Mittel oder ohne dieselben, seine Kraft, seine Stärke gewesen. Jehovah selber war sein fester, unwandelbarer Fels, er hatte ihn für alle Feinde und Verfolger unüberwindlich gemacht, und so preist der Psalmist denn den HERRN in diesem Bilde als seine Stärke. Und wird uns Kraft zuteil, dem Bösen zu widerstehen, die Wahrheit zu verteidigen und allerlei Irrtum zu überwinden, so sollten auch wir wissen, wer uns solche Kraft verliehen hat, und sollten ihm ungeteilt die Ehre dafür geben. Was Jehovah in sich ist - ein Fels -, das wird er für die Seinen: mein Fels. Er ist voll unbesiegbarer Kraft, und er wird die Kraft und Stärke derer, die auf ihn trauen. Im Folgenden preist der Psalmist den HERRN als seinen Lehrer in der Kriegskunst: der meine Hände lehrt streiten und meine Fäuste (wörtl.: Finger) kriegen. Die Unterweisung war also durchaus praktischer Art. Es war nicht so sehr eine solche des Denkorgans, des Gehirns, als vielmehr der Hände und der Finger. Dies waren die für den Kampf allernötigsten Glieder. Leute mit geringer schulmäßiger Bildung, die aber in ihrem Handwerk flink und geschickt sind, sollten auch für diese Vorzüge dankbar sein. Dem Kriegsmann ist im Handgemenge die Ausbildung der Hände von viel größerem Werte, als bloße Buchgelehrsamkeit je für ihn sein könnte; wer Schleuder oder Bogen zu führen hat, bedarf der seinem Berufe angemessenen Erziehung gerade so sehr wie der Gelehrte in dem seinen. Man ist so leicht geneigt zu meinen, die Geschicklichkeit eines Handwerkers sei diesem allein zuzuschreiben; aber das ist eine Täuschung, eine der vielen irrigen Meinungen, die dadurch, dass sie im Volke gang und gäbe sind, noch nicht zu richtigen werden. Von einem Pfarrer kann man sich’s etwa denken, dass er von Gott gelehrt werde; aber wer glaubt, dass dies auch bei einem Weber oder einem Metallarbeiter der Fall sein könne? Und doch werden diese beiden Berufe ausdrücklich als solche erwähnt, in denen gottselige, eifrig um Gottes Dienst bemühte Männer von Gott selbst unterrichtet worden seien, als die Stiftshütte erbaut worden. Vergl. 2. Mose 31,1-11; 36,1.8; 38,22 ff.) Alle Weisheit und alle Geschicklichkeit kommt vom HERRN, und es gebührt uns, ihn dafür dankbar zu preisen. Dieses Lehren erstreckt sich auch auf die kleinsten Glieder unseres Körpers: Der HERR lehrt die Finger sowohl wie die Hände. Das ist auch nötig; zeigt es sich doch oft zur Genüge, dass, wenn die Finger nicht gut geübt sind, die ganze Hand für ein Werk unbrauchbar ist.
  David war berufen, ein Kriegsmann zu sein, und er war in seinen Schlachten außerordentlich erfolgreich; er führt dies aber nicht auf selbsterworbene Feldherrnkunst oder seine Tapferkeit zurück, sondern darauf, dass der HERR sein Fels, seine Stärke war und ihn im Fechten ausbildete. Wenn der HERR sich dazu herablässt, bei einem so ungeistlichen Geschäft wie dem Kriegführen seine Hand mit im Spiele zu haben, so wird er uns sicherlich helfen, wenn es gilt, das Evangelium zu verkündigen und Seelen fürs ewige Heil zu gewinnen; und dann wollen wir seinen Namen mit noch größerer Inbrunst loben. Wir wollen Schüler sein, und er soll unser Lehrmeister sein, und wenn wir je etwas fertig bringen, so wollen wir ihn, der sich so um uns gemüht hat, von Herzen dafür segnen.
  Dieser Vers ist ganz persönlich gehalten; von Güte, dem David selber erwiesen, singt das Danklied. Auch bezieht der Verfasser alles auf die Gegenwart: Jehovah ist jetzt sein Fels und lehrt ihn noch. Es sollte uns ein wichtiges Anliegen sein, Gott den Dank und das Lob darzubringen, während der Segen noch strömt. Der Inhalt des Verses ist auch ganz dem täglichen Leben entnommen, denn David verbrachte seine Tage hauptsächlich im Feldlager und im Kampfe. Unser etliche, die schrecklich von der Gicht gequält werden,1 könnten wohl ausrufen: "Gelobet sei der HERR, der meine Knie geduldig Schmerzen ertragen und meine Füße mit Ergebung leiden lehrt." Andere halten allezeit Ausschau, um solchen beizustehen, die durch das verkündigte Wort erweckt worden sind; sie könnten sagen: "Gelobet sei der HERR, der meine Augen lehrt, bekümmerte Seelen herauszufinden, und meine Lippen lehrt, ihnen den Trost des Evangeliums nahezubringen." David aber hat wiederum seine besondere Erfahrung von der Hilfe Gottes und lobt den HERRN dementsprechend auch auf seine Weise. Eben dies dient dazu, die Harmonien des Himmels vollkommen zu machen, dass "da jeder seine Harfe bringt und sein besonderes Loblied singt"; wenn wir alle den gleichen Noten folgten, würde die Musik lange nicht so voll und reich erklingen.

2. Nun häuft der königliche Dichter die Bilder, um seinen Gott zu rühmen. Meine Güte und meine Burg. Für Güte können wir auch Huld oder Gnade setzen. In dem ähnlichen Schlussverse des 59. Psalms sagt David: Gott ist meine Burg und mein gnädiger Gott, buchstäblich nach der hebräischen Ausdrucksweise: der Gott meiner Gnade; hier ist dieser letztere Ausdruck kühn verkürzt (vergl. auch Jona 2,9): Jehovah ist meine Gnade usw., d. h. der mich begnadigt, mich seine Liebeshuld erfahren lässt. Wer immer wir sind, in welcher Lage wir uns auch befinden mögen, stets bedürfen wir der Gnade, solcher Gnade, wie sie nur in dem unendlichen Gott zu finden ist. Es ist lauter Gnade, wenn er irgendetwas von dem andern hier Genannten ist, unser Fels, unsre Burg, unser Schutz, unser Erretter usw.; daher ist dieser Name "meine Gnade" ein überaus umfassender. O in wieviel tausend Weisen ist der HERR vielen von uns unermessliche Güte gewesen! So ist er selber auch unsre Burg; in ihm wohnen wir wie hinter unbezwingbaren Mauern und unerschütterlichen Bollwerken. Niemand kann uns aus dieser Burg vertreiben oder darin aushungern, denn unsere Festung ist für jede Belagerung gerüstet; wie kein Feind darin eindringen kann, so ist sie auch mit unerschöpflicher Fülle der Nahrung versehen, und ein nie versiegender Brunnen lebendigen Wassers ist in ihr vorhanden. Die Könige haben gewöhnlich eine hohe Meinung von ihren befestigten Städten; aber der König David verlässt sich auf seinen Gott, der ihm mehr ist, als je eine Festung hätte sein können. Mein Schutz, wörtl.: meine steile Höhe, d. i. meine Feste. Wie von unnahbarer Höhe schaut der Glaubensmann auf seine Feinde nieder. Sie vermögen ihn in seiner erhabenen Stellung nicht zu erreichen; da ist er außer dem Bereich ihrer Pfeile, keine Sturmleiter langt da hinan; er wohnt in stolzer Höhe. Und auch dies ist noch nicht alles: und mein Erretter , fährt er fort. Jehovah ist unser Befreier wie unser Beschützer. Diese verschiedenen Bilder legen die mannigfaltigen Wohltaten dar, die uns vom HERRN zuteil werden. Er ist für uns alles Gute, dessen wir nur bedürfen können für diese Welt wie für die künftige. Er birgt uns nicht nur gar oft vor der Gefahr, dass uns kein Übel nahen kann, sondern er kommt uns zu Hilfe, auch wenn wir der Gefahr ausgesetzt werden müssen, schlägt die uns umlagernden Feinde in die Flucht und versetzt uns in die köstliche Freiheit. Mein Schild, und der (Grundt.), auf den ich traue oder bei dem ich Zuflucht suche. Wenn der Krieger auf den Feind losstürzt, tragt er den Schild am Arm und stößt damit den Tod zur Seite; so stellt der Gläubige den HERRN den Angriffen des Widersachers entgegen und findet sich dadurch gesichert vor jedem Übel. Um dieser und unzähliger anderer Gründe willen ruht unsere Zuversicht in allen Beziehungen auf unserem Gott; er lässt uns nie im Stich, und wir hegen zu ihm unbegrenztes Vertrauen. Der mein Volk unter mich zwingt. Er
macht, dass die mir ergeben sind und es bleiben, die von Geburt an meine Untergebenen sind, und dass die sich unter meinem Zepter ruhig verhalten, die durch Eroberungen meine Untertanen wurden. Wer über andere zu regieren hat, sollte Gott danken, wenn ihm diese Aufgabe gelingt. Die Menschenkinder sind solch wunderliche Wesen, dass, wenn einige von ihnen unter der Leitung irgendeines der Knechte Gottes friedlich vereint bleiben, dieser es schuldig ist, Gott jeden Tag aufs Neue für diese erstaunliche Tatsache zu preisen. Die Siege des Friedens sind ebenso sehr fröhlicher Dankbarkeit würdig wie die Siege in Krieg und Kampf. Diejenigen, welche eine christliche Gemeinde zu leiten haben, sind außerstande, ihre Stellung zu behaupten, es sei denn, dass der HERR ihnen den kräftigen Einfluss erhalte, der willigen Gehorsam gewährleistet und herzliche Liebe und anhängliche Treue erweckt. Für jedes Atom von Einfluss zum Guten, das wir besitzen, lasst uns den Namen des HERRN rühmen.
  So hat David den HERRN lobpreisend gesegnet für die Segnungen, die er ihm aus seiner Fülle hatte zuströmen lassen. Wie viele Male eignet er sich den HERRN zu durch das Glaubenswörtlein "mein". Und bei jedem Mal, da er so den HERRN im Glauben umfasst, betet er ihn an und lobt er ihn; denn die Anfangsworte "Gelobet sei" ziehen sich wie ein goldner Faden durch den ganzen Abschnitt hindurch. Der Psalmist beginnt mit dem Bekenntnis, dass seine Kraft und Kunst, fremde Feinde zu bekämpfen, vom HERRN sei, und er schließt damit, dass er den Frieden in der Heimat demselben Ursprung zuschreibt. Ringsum sah er sich als König von dem König der Könige umgeben, vor dem er sich in demütiger Huldigung neigt. Ihm leistet er treue Heeresfolge, ihm dient er als Regent, und voller Dankbarkeit bekennt er, dass er alles, was er ist und hat, diesem Fels seines Heils verdankt.
3. HERR, was ist der Mensch, dass du dich sein annimmst,
und des Menschen Kind, dass du ihn so achtest?
4. Ist doch der Mensch gleichwie nichts;
seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten.

3. HERR, was ist der Mensch, dass du dich sein annimmst (wörtl.: ihn kennst). Welch ein Abstand und Gegensatz zwischen Jehovah und dem Menschen! Der Psalmist wendet seinen Blick von der Herrlichkeit und Allgenugsamkeit Gottes auf die Unbedeutenheit und Nichtigkeit der Erdenkinder. Er erkennt, dass Jehovah alles ist, und ruft aus: "HERR, was ist der Mensch!" Was ist der Mensch in der Gegenwart des unendlichen Gottes? Womit mag man ihn vergleichen? Er ist zu klein, um überhaupt beschrieben zu werden; nur Gott, der auch die allerwinzigsten Dinge sieht, kann sagen, was der Mensch ist. Sicherlich ist dieser nicht geeignet, der Fels unserer Zuversicht zu sein; er ist zu schwach und zu unbeständig zugleich, als dass man auf ihn sein Vertrauen setzen könnte. Was den Psalmisten mit Verwunderung erfüllt, ist, dass Gott, der Hohe und Erhabene, sich so tief herniederlässt, den Menschen liebend zu erkennen, und es ist das in der Tat merkwürdiger, als wenn der größte Erzengel Ameisen zum Gegenstand seiner Forschung machte oder ein besonderer Freund von Amöben wäre. Gott kennt die Seinen mit inniger Vertraulichkeit, mit beständiger, sorgsamer Achtsamkeit; er hat sie in Liebe zuvorerkannt, er kennt sie mit zärtlicher Fürsorge, er wird sie einst kennen an dem großen Tage und sie zu sich in die ewige Herrlichkeit aufnehmen. Warum und weshalb ist das so? Was hat der Mensch dazu getan? Was war er und was ist er jetzt, dass Gott ihn also liebend kennt und sich ihm zu erkennen gibt als den Gott der Gnade, als seine Burg und seinen Erretter? Das ist eine Frage, auf die wir keine Antwort finden. Unerklärlich große Herablassung allein kann es erklären, dass der HERR sich dazu herniederneigt, der Freund des Menschen zu sein. Dass er den Menschen zum Gegenstand der Erwählung, zum Wunderwerk der Erlösung, zum Kind der ewigen Liebe, zum Liebling der unfehlbaren Vorsehung, zum nächsten Verwandten der Gottheit gemacht hat, das ist eine Tatsache, die uns in immer tieferes Staunen führt, je mehr wir darüber nachsinnen.
  Und des Menschen (des Sterblichen) Kind, dass du ihn so achtest oder beachtest. Des Menschen Kind ist ein noch schwächeres Wesen; der Grundtext deutet in dieser zweiten Vershälfte durch die Wahl des Wortes für Mensch noch besonders auf die Hinfälligkeit unseres Geschlechtes hin. Des Menschen Kind ist weniger der Mensch, wie Gott ihn geschaffen hat, sondern der Mensch, wie sein Vater ihn gezeugt, seine Mutter ihn geboren hat. Wie ist’s möglich, dass der HERR seiner gedenkt und solch eine Null in seine Bücher schreibt? Ja, der HERR hält viel vom Menschen und macht in Verbindung mit seiner erlösenden Liebe aus ihm eine Hauptfigur in dem großen Drama der Geschichte des Weltalls; das bietet sich dem Glauben als herrliche Wahrheit dar, aber erklärt werden kann es nicht. Anbetende Bewunderung fasst uns und lässt unser jeden ausrufen: Warum nimmst du dich meiner liebend an und achtest du auf mich? Wir wissen aus Erfahrung, wie wenig man auf den Menschen zählen kann, und wir wissen durch Beobachtung, wie großsprecherisch derselbe Mensch tun kann, und es ziemt uns daher, demütig zu sein und uns selber zu misstrauen; aber dies alles sollte uns nur umso dankbarer machen gegen den HERRN, der den Menschen besser kennt als wir und doch mit ihm Umgang pflegt und sogar in ihm Wohnung nimmt. Jede Spur von Menschenhass sollte dem Gläubigen ein Abscheu sein; denn wenn Gott den Menschen achtet, so steht es uns schlecht an, unser eigenes Geschlecht zu verachten.

4. Ist doch der Mensch gleichwie nichts, wörtl.: gleich einem Hauch. Adam hat sein Bild in Abel, dessen Name Hauch, Vergänglichkeit bedeutet. Der Mensch ist eitel Nichtigkeit, er ähnelt jenem wesenlosen, hohlen Ding, das nichts als ein aufgeblasenes Nichts ist, etwas Leeres, eine Luftblase. HERR, was ist der Mensch! Ist es nicht wunderbar, dass Gott an solch ein anmaßungsvolles Nichts denkt? Seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten, wörtl.: seine Tage sind wie ein vorüberfahrender (oder: ein hinschwindender) Schatten. Sein Leben ist von so kurzer Dauer, dass es kaum zu Jahren kommt, sondern dem der Eintagsfliege gleicht, deren Geburt und Tod des gleichen Tages Sonne sieht. Es ist wie ein Schatten, der selber nur ein dunkles, unwesenhaftes Bild ist, viel mehr eine Abwesenheit von etwas als etwas in sich Wirkliches. Beachten wir überdies, dass das Leben des Menschen nicht einfach mit einem Schatten verglichen wird, sondern mit einem Schatten, der vorüberfährt, der einen Augenblick erscheint und dann verschwindet. Es ist eine bloße Luftspiegelung, das Bild eines Dings, das nicht in Wirklichkeit vorhanden ist, ein Phantasiegebilde, das sich in nichts auflöst. Wie kommt es doch, dass der Ewige dem vergänglichen Menschen so viel Aufmerksamkeit zuwendet, der schon zu sterben anfängt, sobald er zu leben beginnt?
  Der Zusammenhang dieser beiden Verse mit dem übrigen Psalm ist unseres Erachten nicht schwer zu finden. Der Psalmdichter vertraut auf Gott und findet in ihm alles; er betrachtet den Menschen und erkennt, dass er nichts ist; und dann wundert er sich darüber, wie es doch sein mag, dass der Hohe und Erhabene sich herablässt, von solch einem Gemengsel von Eitelkeit und Täuschung, wie es der Mensch ist, Kenntnis zu nehmen und sich darum so zu kümmern.
5. HERR, neige deine Himmel und fahre herab;
rühre die Berge an, dass sie rauchen;
6. lass blitzen und zerstreue sie;
schieße deine Strahlen und schrecke sie;
7. strecke deine Hand aus von der Höhe
und erlöse mich und errette mich von großen Wassern,
von der Hand der Kinder der Fremde,
8. deren Mund redet unnütz,
und ihre Werke sind falsch.

5. HERR, neige deine Himmel und fahre herab. Die Himmel sind des HERRN, und er, der sie erhöht hat, kann sie auch herniederneigen. Der Knecht Gottes ist im Kampfe mit grimmigen Feinden und findet bei Menschen keinen Beistand; darum fleht er zu Jehovah, er möge herabfahren und ihm zur Rettung erscheinen. Die Erde ruft zum Himmel, dieser möge sich herniederbeugen; oder vielmehr ergeht der Ruf an den Gebieter des Himmels, er möge ihn neigen und unter den Menschenkindern erscheinen. Das hat der HERR oft getan, und nie in herrlicherer Vollkommenheit, als da in Bethlehem das ewige Wort Fleisch ward und unter uns Wohnung nahm; seither ist Jehovah mit dem Wege zu uns sehr vertraut und lässt sich nie vergeblich bitten, herniederzukommen und seine Vielgeliebten zu schützen und zu retten. Der Psalmist begehrte die reale Gegenwart Gottes als Gegengewicht gegen das Scheinwesen des großtuerischen Menschen; nur die ewige Wahrheit vermochte ihn zu befreien von der eitlen Nichtigkeit der Menschen. Rühre die Berge an, dass sie rauchen. So geschah es einst, als der HERR auf dem Sinai erschien. Die stärksten Pfeiler der Erde vermögen den Druck des Fingers Gottes nicht zu ertragen. Er ist ein verzehrendes Feuer, und sein Anrühren entzündet die Gipfel der Alpen, dass sie rauchen. Wenn Jehovah erscheint, so vermag nichts vor ihm zu bestehen; wenn die gewaltigen Bergriesen schon bei seiner Berührung rauchen, dann muss alle irdische Macht, die sich dem HERRN entgegenstellt, in Rauch enden. Wie langmütig ist er gegen seine Widersacher, die er doch so schnell vernichten könnte! Ein Antasten würde es vollbringen; Gottes flammender Finger würde alle Höhen, die sich wider ihn erheben, in Flammen setzen und in Feuersglut verzehren.

6. Lass blitzen (wörtl.: blitze Blitzstrahl) und zerstreue sie. Der Ewige kann seine Blitze schleudern, wohin es ihm beliebt, und seine Ratschlüsse mit Blitzesschnelle ausführen. Die Artillerie des Himmels schlägt die Feinde schnell in die Flucht; ein einziger Schuss genügt. Schieße deine Strahlen und schrecke sie. Jehovah verfehlt nie sein Ziel; seine Pfeile erweisen sich verhängnisvoll für seine Gegner, wenn er in die Schlacht zieht. Es war nicht ein Glaube gewöhnlichen Maßes, der den königlichen Dichter mit der Erwartung erfüllte, dass der HERR seine Donnerkeile gebrauchen werde zugunsten eines einzelnen Gliedes desjenigen Geschlechtes, das der Psalm soeben als einem Hauche, einem Nichts gleichend geschildert hatte. Wer wirklich im Glaubensverhältnis zu Gott steht, der darf ohne Anmaßung erwarten, dass der Allmächtige ihm zugute die ganze Fülle seiner Macht und Weisheit verwenden werde; sogar die furchtbaren Gewalten des Unwetters müssen in den Kampf eingreifen zur Verteidigung der Auserwählten. Wenn wir erst die größere Schwierigkeit überwunden haben, das Wunder zu fassen, dass der HERR sich um uns persönlich kümmert, dann ist es eine verhältnismäßig kleine Sache, zu erwarten, dass er seine erhabene Macht um unseretwillen in Anwendung bringen werde. Es ist dies durchaus nicht das einzige Mal, dass der gläubige Streiter also betete; der achtzehnte Psalm ist sehr ähnlich. Der gottselige Beter schämte sich seiner vormaligen Kühnheit nicht, sondern wiederholt seine Worte hier ohne Furcht.

7. Strecke (sende) deine Hand aus von der Höhe. Lass deinen langen starken Arm sich ausstrecken, bis deine Hand an meine Feinde langt, und befreie mich von ihnen. Und erlöse mich, Grundt: reiß mich heraus, und errette mich von (oder: aus) großen Wassern. Mache einen Mose aus mir - einen, der aus dem Wasser gezogen ist. Meine Feinde stürzen über mich herein wie Wasserfluten, sie drohen mich zu überwältigen; entreiße mich ihrer Gewalt und Wut, nimm sie von mir und mich von ihnen. Von der Hand der Kinder der Fremde: von der Gewalt der Barbaren; von den Leuten, die mir und dir fremd und feind sind, die mir Unheil zufügen und gegen dich Empörung anstiften. Die Menschen, wider die er betete, standen außer Bundesgemeinschaft mit Gott; sie waren Philister und Edomiter, oder aber, wenn sie Leute seines eigenen Volkes waren, so waren es Menschen mit einem schwarzen Herzen und verräterischer Gesinnung, die demnach in Wahrheit Fremde waren, wiewohl sie Israeliten hießen. O dass wir erlöst würden von all den ungläubigen, den Heiligen lästernden Leuten, welche die menschliche Gesellschaft mit ihren falschen Lehren und unerträglichen Reden beflecken! O dass wir nie mehr etwas zu tun hätten mit verleumderischen Zungen, trügerischen Lippen und falschen Herzen! Es wundert uns nicht, dass diese Worte in V. 11 wiederholt werden, denn sie sind ein Seufzer, der gar oft aus dem Herzen angefochtener Gotteskinder aufsteigt. Die Kinder des Teufels sind uns innerlich fremd; wir können nie mit ihnen zusammenstimmen, und sie werden uns nie und nimmer verstehen; jede Verbindung mit ihnen ist uns unmöglich, und wir sind ihnen verächtlich. HERR, erlöse uns von dem Bösen und von allen, die seine Art an sich haben!

8. Deren Mund redet unnütz (oder Eitles, Falschheit). Es braucht uns nicht zu wundern, dass Menschen, die ein eitler Hauch sind, auch Eitles reden. "Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eignen" (Joh. 8,44). Man kann sich auf sie nicht verlassen, und wenn sie noch so schöne Versprechungen geben; ihre feierlichen Erklärungen sind hohl und nichtig wie der Meeresschaum. Rechtlich gesinnte Menschen haben ein starkes Begehren, von solchen Leuten befreit zu werden; unter allen Mitmenschen sind Lügner und. Betrüger den aufrichtigen Herzen der größte Gräuel. Und ihre Werke sind falsch, Grundt.: und deren Rechte eine Rechte der Lüge ist. (Ahnlich auch Luther 1524.) Soweit stimmen bei ihnen Hand und Mund zusammen, denn beide sind Lug und Trug. Diese Menschen handeln so falsch wie sie reden; in der Beziehung erweisen sie sich als Leute von einem Guss. Sie haben ihre Falschheit im Griff; sie lügen mit Geschick, betrügen mit ganzer Kraft. Es ist schrecklich, wenn die Geschicklichkeit und die ganze durch Übung und Erfahrung gewonnene Gewandtheit eines Menschen statt im Rechten, Wahren und Guten auf dem Gebiet der Lüge liegt und er weder reden noch handeln kann, ohne sich als falschgesinnt zu erweisen. Gott helfe uns von allen Lügenmäulern und allen trügerischen Händen!
9. Gott, ich will dir ein neues Lied singen,
ich will dir spielen auf dem Psalter von zehn Saiten,
10. der du den Königen Sieg gibst
und erlösest deinen Knecht David
vom mörderischen Schwert de Bösen.
11. Erlöse mich auch und errette mich von der
Hand der Kinder der Fremde,
deren Mund redet unnütz,
und ihre Werke sind falsch.

9. Gott, ich will dir ein neues Lied singen. Je mehr mir die Falschheit der Menschen ein Ekel wird, desto mehr will ich mich an dem Wahren ergötzen und mich anbetend darein versenken. Von frischer Begeisterung entflammt wird meine Dankbarkeit sich auch ein neues Bett graben, dadurch sie strömen kann. Ich will singen, wie andere es auch getan; aber mein Gesang wird ein neues Lied sein, das sonst noch niemand gesungen. Dieses Lied soll ganz und allein meinem Gott geweiht sein; ich will niemand rühmen als den HERRN, dem ich meine Befreiung verdanke. Ich will dir spielen auf dem Psalter von zehn Saiten. Auch bei dem Psalmisten sollte die Hand der Zunge helfen - aber nicht wie bei den Gottlosen im Zusammenwirken zu Lug und Trug, sondern zu wahrhaftigem Preise Gottes. Er war willens, das beste, volltönendste Instrument, das er hatte, die zehnsaitige Harfe, zu Gottes Lob erklingen zu lassen und damit seiner großen Freude an Gott Ausdruck zu geben. Unser Bestes ist immer noch allzu ärmlich für einen so erhabenen Gott; darum dürfen wir nicht hinter dem Äußersten, das wir vermögen, zurückbleiben. Die alttestamentliche Haushaltung war voll von Vor- und Sinnbildern und äußerlichen Zeremonien; daher hatte die Musik ganz natürlich ihren Platz in dem "weltlichen Heiligtum" (Hebr. 9,1). Aber sie kann doch immerhin den Lobpreis eben nur sinnbildlich darstellen und uns bei dem Ausdruck desselben helfen; der eigentliche Lobpreis geschieht im Herzen, die wahre Musik ist die der Seele. Wenn Orgel und Posaunen den Gesang unterdrücken und die künstlerische Fertigkeit einen höheren Rang einnimmt als die Innigkeit und Herzhaftigkeit des Gesanges, dann ist es an der Zeit, dass die Instrumente aus dem Gemeindegottesdienst verbannt werden; stellen diese sich aber, wie in unserem Psalm, dem Gesang zu Dienst, dann sehen wir uns nicht für berechtigt an, sie zu verbieten oder diejenigen, die sich ihrer bedienen, zu verurteilen, wiewohl wir für uns es weit vorziehen, ohne sie auszukommen, weil uns dünkt, dass die äußerste Einfachheit im Lobpreis Gottes dem Geiste des Evangeliums weit mehr entspricht als Orgelgepränge. Der Christ, der in der Stille für sich Gott sein Lied singt, findet es allerdings oft sehr nützlich für seine Andacht, seinen Gesang mit irgendeinem trauten Instrumente zu begleiten, und dafür ist uns David in dem vorliegenden Psalm ein gutes Beispiel, da er spricht: "Gott, ich will dir ein neues Lied singen, ich will dir spielen auf dem Psalter von zehn Saiten"; er redet hier ja nicht so sehr vom gemeinsamen Singen und Spielen mit andern, sondern von dem, was er für sich allein tun will.

10. Der du den Königen (Hilfe, Heil, hier wie oft mit der Nebenbedeutung:) Sieg gibst. Wen der HERR auf den Thron, in hohe, verantwortungsvolle Stellung erhebt, den will er auch aufrecht halten. Die Könige sind eben durch ihre alles überragende Stellung besonderen Gefahren ausgesetzt, und wenn ihnen Leben und Herrschaft erhalten werden, sollten sie dem Höchsten dafür Ehre geben. David wäre in seinen vielen Kriegen sicher umgekommen, wenn der Schutz des Allmächtigen nicht über ihm gewaltet hätte. Er hatte durch seine Tapferkeit Israel große Siege verschafft, aber er legt seine Lorbeeren seinem Gebieter und Schirmherrn zu Füßen. Wenn irgendjemand Hilfe und Heils, im Zeitlichen und Ewigen, bedarf, so sind es die Könige, und wenn ihnen das große Gottesheil, der größte Sieg, den es gibt, geschenkt wird, so ist das eine so erstaunliche Tatsache, dass dem wohl ein besonderer Vers in dem Lobpsalm gebührt. Und erlösest (wörtl.: entreißest) deinen Knecht David vom mörderischen Schwert des Bösen.2 Er führt sein Entrinnen vom Tode auf die erlösende, ihn aus der Gefahr reißende Hand Gottes zurück. Beachten wir, dass der Psalmist in der Zeitform der Gegenwart spricht: und erlösest - denn diese Gottestat umfasste sein ganzes Leben.3 Wenn, wie wir glauben, David selber der Verfasser des Psalmes ist, so setzt er mit der Einfügung seines Namens hier gleichsam seine Unterschrift unter das willige Bekenntnis, dass er dem HERRN für ihm widerfahrene Gnade zu tiefem Dank verpflichtet sei. Er nennt sich des HERRN Knecht und bezeugt damit, dass dies ihm der höchste Titel ist, den er erlangt und begehrt hat.

11. Auf Grund dessen, was der HERR ihm erwiesen, kehrt David zum Bitten zurück. Er fleht um Rettung zu dem, der ihn allezeit rettet (vergl. 2.Kor. 1,10). Erlöse mich4 (reiß mich heraus) und errette mich von der Hand der Kinder der Fremde. Das ist gewissermaßen der Kehrreim des Liedes und die Spitze, in der seine Bitten gipfeln. Er begehrte, von den offenbaren fremden Widersachern errettet zu werden, die ihre Schwüre gebrochen und feierliche Verträge als nichtige Dinge behandelt hatten: deren Mund (Eitles oder) Falschheit redet, und deren Rechte eine Rechte der Lüge ist (wörtl.). Er wollte mit denen keinen Handschlag wechseln, die in ihrer Rechten eine Lüge trugen; er begehrte, von derartigen Leuten womöglich sofort und für immer los zu sein. Menschen, die von solchem Otterngezücht umringt sind, wissen nicht, wie sie sich dessen erwehren sollen; das einzig Wirksame ist das Gebet zu Gott, dass er es uns vom Halse schaffe und uns aus seiner Hand befreie. Der Psalmist hatte in dem siebenten Verse nach dem Grundtexte die Hilfe beider Hände5 Gottes erbeten, und er hatte wohl Grund dazu, da seine ränkevollen Feinde ihn mit einer Einmütigkeit von Mund und Hand, die einer bessern Sache würdig gewesen wäre, zu verderben suchten.
12. Dass unsere Söhne aufwachsen in ihrer Jugend wie die Pflanzen
und unsere Töchter seien wie die ausgehauenen Erker,
da man Paläste mit ziert.
13. dass unsere Kammern voll seien und herausgeben können
einen Vorrat nach dem andern;
dass unsere Schafe tragen tausend
und zehntausend auf unsern Triften;
14. dass unsere Ochsen viel erarbeiten;
dass kein Schade, kein Verlust
noch Klage auf unsern Gassen sei.
15. Wohl dem Volk dem es also geht!
Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist!

  Erlösung von den Gottlosen und heilvolle Offenbarung der Gegenwart Gottes werden in dem Psalm erbeten mit dem besonderen Blick auf den Frieden und die Wohlfahrt, die darauf folgen werden. Die Erhaltung von Davids Leben wird Frieden und Glück für ein ganzes Volk bedeuten. Wir können kaum ermessen, wie viel Segen und Heil von der Huld Gottes gegen einen Menschen abhängen mag.

12. Gottes Segen wirkt Wunder an einem Volke. Dass unsere Söhne in ihrer Jugend seien wie (sorgsam) großgezogene Pflanzen. (Wörtl.) Unsere Söhne sind für den Staat von der größten Wichtigkeit, da Männer in seinen Angelegenheiten die führende Rolle haben; und wie die jungen Leute sind, so werden die älteren Männer einst sein. Der Psalmdichter wünscht, dass die Söhne gleich starken, gut bewurzelten, sorgsam gezogenen jungen Bäumen seien. Wenn sie in der Jugend nicht wachsen, wann dann? Wenn sie beim Beginn des Mannesalters verkümmern, so werden sie den Schaden nie überwinden. O wie viel Freude können wir durch unsere Söhne genießen, und wie viel Herzeleid können sie andererseits uns bereiten! Pflanzen können krumm wachsen oder in anderer Weise den Gärtner enttäuschen, und ebenso ist’s mit unsern Söhnen. Doch welche Freude, wenn heiliges, göttliches Gnadenleben sich in ihnen kraftvoll entwickelt! Und unsere Töchter seien wie die ausgehauenen Erker (oder Ecksäulen), da man Paläste mit ziert (wörtl.: nach Palastbauart). Wir begehren Segen für unsere ganze Familie, für die Töchter so gut wie für die Söhne. Wenn unsre Mägdlein und Jungfrauen außer dem Kreise des Segens blieben, das wäre für sie und uns wahrlich ein Unglück. Die Töchter vereinigen die Familien, wie die Ecksäulen die Mauern des Hauses verbinden, und zugleich zieren sie sie, wie diese das Gebäude, dem sie eingebaut sind. Unser schlichtes Heim wird ein Palast, wenn die Töchter des Hauses es durch echt weibliche, züchtige Anmut schmücken und die Söhne sich als von Adel der Gesinnung erweisen; dann ist der Vater ein König, die Mutter eine Königin, und ein solches Heim übertrifft weit an Glück die stolzen Schlösser der Großen. Eine Stadt, aus solchen Heimstätten erbaut, ist eine Stadt von Palästen, und ein Staat, aus solchen Bürgerschaften bestehend, ist ein Freistaat von Fürsten.

13. Dass unsere Kammern voll seien und herausgeben können einen Vorrat nach dem andern, oder Grundt.: Spende gewährend von jeglicher Art. In einem rechten Haushalt darf es an Sparsamkeit und Vorsorge nicht fehlen; er muss seinen Speicher haben so gut wie seine Kinderstube. Eheleute sollen sich als Haushalter Gottes wissen und darum auch mit dem, was der HERR ihnen darreicht, weise umgehen; sie haben nicht nur für den Tisch zu sorgen, sondern auch, dass Speisekammer und Kornboden für den Winter sich füllen. Zu einer glücklichen Familie gehört ein gewisses Maß von Wohlstand, von Vorräten, durch weise Fürsorge erworben; denn der Hunger ist ein schlimmes Ding, selbst wo ein reiches Maß von Liebe im Hause vorhanden ist. Wie freundlich von Gott, wenn er uns die Fülle gibt und diese Fülle Vorräte von allerlei Art birgt! Wir haben in guten Jahren wohl etwa Leute murren hören über die Unmenge des Getreides und die allzu große Billigkeit des Brotes des armen Mannes. Ein seltsames Unglück! Wer wollte wohl um Verhütung desselben bitten? Der Psalmist betete um reiche Ernten und pries den HERRN, wenn er diesen seinen Wunsch erfüllt sah. Wenn uns die Früchte der Erde in Fülle gespendet werden, sollte die Frucht unserer Lippen auch überfließender, fröhlicher Dank und innige Anbetung sein. Möge der Ertrag unseres Fleißes reichlich und von mannigfaltiger Art sein, auf dass auch all die mannigfaltigen Bedürfnisse zur vollen Genüge gestillt werden. Dass unsere Schafe tragen tausend und zehntausend auf unsern Triften. Erstaunliche Fruchtbarkeit wird hier geschildert und erbeten. Adam bebaute den Acker, um den Kornspeicher mit dem Ertrage zu füllen; Abel hingegen war ein Schäfer und weidete die Lämmer. Jeder Beruf bedarf des göttlichen Segens. Schon der zweite Mensch, der zur Welt geboren ward, wurde ein Hirte, und dieser Beruf hat seither in der Nationalwirtschaft der Völker stets eine wichtige Rolle gespielt. Beides, Nahrung und Kleidung, bieten die Herden dar, und beide sind von wichtigster Bedeutung für unser irdisches Leben.

14. Dass unsere Ochsen viel erarbeiten, wörtl.: beladen seien, nämlich mit reichem Ertrag der Felder. Die Rinder wurden nicht nur zum Pflügen, Dreschen und Ziehen, sondern, wie aus 1. Chr. 12,40 ersichtlich, auch zum Lasttragen gebraucht. Dieser Zug schließt das Bild des reichen göttlichen Segens ab. Und dieser friedliche Zustand werde durch nichts gestört: Dass kein Schade, kein Verlust, wörtl.: keine Bresche (in der Stadtmauer) und kein Auszug , kein Einfall mordender, plündernder und sengender Kriegshorden und kein Herausgeführtwerden von Gefangenen, keine erzwungene Auswanderung in die Verbannung stattfinde, kein Einbruch und keine Besitzentsetzung geschehe, noch Klage auf unsern Gassen sei - weder heimliches Murren der Unzufriedenheit noch offenbares Geschrei des Aufruhrs; weder Seufzen der Armut noch Klage wegen unterdrückter Rechte oder ungesühnten Unrechts. Vielleicht ist aber nach dem Vorhergehenden noch eher daran zu denken, dass kein Wehgeschrei überfallener friedlicher Bürger auf den Gassen gehört werden möge. Der hier geschilderte Stand der Dinge ist gar lieblich: überall im Lande herrscht Friede, Gedeihen und Wohlfahrt; die Regierung steht in Kraft, und selbst das Vieh in den Hürden ist umso besser daran. Auch unserem Lande ist eine lange Zeit des Friedens und des zunehmenden Wohlstandes bisher beschieden gewesen; sollte sich das ändern, wer könnte sich darüber wundern? Unsre Undankbarkeit verdiente es wohl, so mancher Segnungen verlustig zu werden, die man gering geschätzt hat.
  Mit ein wenig Anpassung können diese Verse auch auf eine sich gedeihlich entwickelnde Gemeinde angewandt werden, wo es an Bekehrungen nicht fehlt und die jungen Seelen an Gnade wachsen und das Haus Gottes zieren, wo die Schatzkammern des Evangeliums eine reiche Fülle aller Art darbieten für die mannigfaltigen Bedürfnisse und wo geistliche Ernten die Herzen erfreuen. Da dürfen die, welche am Wort und an den Seelen arbeiten, volle Lasten des Segens einbringen, und das Volk des HERRN ist glücklich und erfreut sich des Friedens und der Wohlfahrt. Gebe der HERR das je mehr und mehr in allen unsern Gemeinden!

15. Wohl dem Volk, dem es also geht! Solche Dinge soll man nicht übersehen. Zeitliche Segnungen sind keine Kleinigkeiten; denn müssten wir sie missen, so bedeutete das Not und Elend. Es ist ein großes Glück, einem so hoch bevorzugten Volke anzugehören. Wohl dem Volk, des Gott der HERR ist! Dieser Satz gibt die Erklärung für den Wohlstand des Volkes. In dem Alten Bunde empfing Israel gegenwärtigen irdischen Lohn für den Gehorsam; wenn Jehovah ihr Gott war, dem sie dienten, dann waren sie ein mit Fruchtbarkeit und Wohlfahrt gesegnetes Volk. Dieser Schlusssatz enthält aber auch eine Art Berichtigung des Vorhergehenden; insofern hatte Luther nicht Unrecht, wenn er ein Aber einfügte (das die revidierte Bibel allerdings, da es im Grundtext nicht steht, mit noch mehr Recht getilgt hat): Aber wohl dem Volk usw. Es ist, als wollte der Psalmist sagen: Alle diese zeitlichen Gaben und Güter sind ja ein Stück Glückseligkeit; aber das höchste Glück, Kern und Wesen aller wahren Glückseligkeit liegt doch darin, wenn das Volk recht zu seinem Gott steht und ihn mit seiner ganzen Heils- und Liebesfülle sich im Glauben zu Eigen macht. Die dem seligen Gott dienen, werden selber eine seliges Volk. Haben wir dann manche zeitliche Segnungen nicht, so haben wir etwas Höheres; besitzen wir Silber und Gold der Erde nicht, so ist das Gold des Himmels dennoch unser, das wahrlich besser ist.
  In diesem Psalme schreibt David die Macht, die er über das Volk hatte, und die allgemeine Wohlfahrt, die seine Regierung begleitete, dem HERRN zu. Glücklich war das Volk, über das er herrschte: glücklich, weil es einen solchen König hatte, glücklich in den Familien, glücklich in dem Wohlstand und dem Frieden, dessen es sich erfreuen durfte; aber glücklich vor allem deshalb, weil es die göttlich geoffenbarte Religion besaß und Jehovah, den allein wahren und lebendigen Gott, anbeten und ihm dienen durfte.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Der Psalm ist keineswegs, was Spurgeon in den Vorbemerkungen S. 425 hervorhebt, nur mit Ps. 18 verwandt, der uns in ihm allerdings besonders häufig (V. 1.2.5.6.7) ans Ohr klingt, sondern der Psalm erweist sich, wenigstens bis V. 11, als "eine Blumenlese", wie Keßler (1899) ihn treffend überschreibt, aus den Psalmen 18; 8; 39; 104; 33, mit Anklängen an noch einige andere bekannte Psalmstellen. Auch das schöne Stück V. 12-15 macht sowohl seinem Inhalt nach, als auch wegen der losen Anhängung durch das hier eigentlich unverständlich r$e)A, ganz den Eindruck, als sei es aus einem Gedichte uns unbekannter Herkunft entlehnt. Spurgeon meint, aus der Sprache des Psalms unzweifelhaft auf David als Verfasser schließen zu können. Gerade bei der Bearbeitung der Zitate in Spurgeons "Schatzkammer Davids" ist es dem Herausgeber dieser deutschen Ausgabe entgegengetreten, mit welch überraschender Sicherheit man den Stil gewisser Verfasser oft schon bei der ersten Zeile erkennen kann, dies sogar, wenn deren Worte einem zunächst in der Übertragung in eine andere Sprache vorliegen, wie Spurgeon die Psalmen. Immerhin sind selbst bei einem Manne wie Spurgeon , der sich mit seinem reichen Gemüt so lebhaft in die Psalmen vertieft hat, Selbsttäuschungen in dieser Beziehung möglich, umso mehr, wenn es sich dabei wie hier um einen Psalm handelt, der der Hauptsache nach aus älteren Psalmworten zusammengesetzt ist, oder wenn dabei gewisse sprachgeschichtliche und andere geschichtliche Fragen mit in Betracht kommen, welche Spurgeon ferner lagen. Zumeist sind es jedenfalls in der Tat davidische Psalmenklänge, die uns in den Versen 1-11 entgegentönen, und das wird auch der Grund sein, warum von der Überlieferung dem Psalme Davids Name vorgesetzt worden ist. Etliche der Psalmen jedoch, aus denen diese Verse mosaikartig zusammengefügt sind, tragen Davids Namen nicht. Spurgeon freilich geht in der Annahme davidischer Psalmen noch über die in den Überschriften niedergelegte Überlieferung hinaus, indem er fast alle Psalmen, die nicht ausdrücklich einem andern Verfasser zugeschrieben sind, und sogar etliche von diesen, als davidische Dichtung in Anspruch nimmt, selbst solche, die nach Inhalt oder Sprache ganz unverkennbar das Gepräge einer viel späteren Zeit tragen. Auch der vorliegende Psalm scheint namentlich in dem Schlussstück V. 12-15 Spuren jüngerer Herkunft aufzuweisen. - J. M.

V. 1. Gelobet (wörtl.: gesegnet) sei der HERR, mein Hort. Ein Gebet um weitere Gnade beginnt geziemend mit Danksagung für bereits erfahrene Gnade; und wenn wir von Gott Segnungen erwarten, so sollten wir uns dazu aufschwingen, ihn zu segnen. Mt. Henry † 1714.
  Wenn der letzte Sieg der Heiligen gefeiert werden wird, dann wird das große Hallelujah dem zu Ehren gesungen werden, der unsre Hände lehrt streiten. Vergl. Off. 18,6 ff.; Off. 19,1-6. John Morison 1829.
  Der HERR lehrt die Seinen streiten, aber nicht wie ein Mensch lehrt. So lehrte er Gideon kämpfen mit den unzählbaren Heerscharen der Midianiter, indem er ihn unterwies, seine zweiunddreißigtausend Mann auf dreihundert zu mindern und diese mit Krügen und Fackeln in den Kampf zu führen. Er lehrte den Simson Heldentaten verrichten, indem er ihn unterwies, kein starkes Getränk zu kosten und kein Schermesser über sein Haupt gehen zu lassen. Er lehrte Josaphat und seine beiden Verbündeten mit den Moabitern Krieg führen, indem sie im Bachtale Grube an Grube machten (2.Kön. 3,16). Er lehrte David selber wider die Philister kämpfen, indem er ihn unterwies, zu warten, bis er ein Geräusch des Einschreitens auf den Wipfeln der Maulbeerbäume hören würde (2. Samuel 5,24). Ja, so lehrte er auch die Hände des wahren David streiten, da sie am Kreuze ausgestreckt waren. Vor Menschenaugen waren sie angenagelt an das Richtholz, unfähig, sich zu rühren, und doch gewannen sie ihm da die Siegeskrone der Herrlichkeit; völlig hilflos hing er da im Angesicht seiner Feinde, der Pharisäer und Hohenpriester, und fasste doch vor den staunenden Blicken der himmlischen Geister eben in diesem Augenblick die beiden Säulen Sünde und Tod, auf welchen das Haus des Satans ruhte, und hob sie aus ihrem Fundament. Michael Ayguan † 1416.
  Und meine Finger (wörtl.) kriegen. Das bezieht sich wohl zunächst auf den Gebrauch des Bogens, auf das Anlegen des Pfeiles und das Anziehen der Sehne. Albert Barnes † 1870.
V. 1.2. Mein Hort, meine Burg usw. Diese Anhäufung von Ausdrücken mag überflüssig erscheinen; doch dient sie sehr zur Stärkung des Glaubens. Wir wissen, wie unbeständig das Gemüt des Menschen ist, und namentlich wie bald der Glaube wankt, wenn wir von außergewöhnlich heftigen Anfechtungen bedrängt werden. Jean Calvin † 1564.
V. 2. Meine Burg oder Berghöhe. Auch bei uns in Europa, wie z. B. am Rhein, wurden die Burgen ja fast immer auf Berghöhen und an schwer zugänglichen Stellen errichtet. Und solche Felshöhen sind oft natürliche Burgen. Albert Barnes † 1870.
  Mein Schild. Das hier gebrauchte hebräische Wort (magen) bezeichnet nicht den ganz großen Schild (hebr. zinnah), der von einem Knappen getragen werden musste, sondern den kleineren, handlicheren Schild, den der Krieger am linken Arm hatte, wenn er ins Handgefecht ging. Der Schild war aus Holz oder Metall, aber in seinem Gewichte stets so bemessen, dass er die Beweglichkeit des Kämpfers nicht beeinträchtigte. Manchmal war er von schönem Aussehen, seine größte Zier aber war seine Nützlichkeit. David hatte von Jehovah, seinem Gott, als seinem Schilde in vielen, oft äußerst gefährlichen Kämpfen Tag für Tag reichlich Gebrauch gemacht. C. H. Spurgeon 1885.
  Der mein Volk unter mich zwingt. Nach den Umständen, da David aus geringem Stande auf den Thron erhöht worden war, sowie weil er durch verleumderische Anklagen dem Hasse ausgesetzt war, war es kaum glaublich, dass er jemals zu einem friedlichen Regiment gelangen würde. Das Volk stellte sich plötzlich und mit einer Willigkeit, die man nicht hätte erwarten können, unter sein Zepter, und eine so erstaunliche Wandlung war offenbar Gottes Werk. Jean Calvin † 1564.
  Der mein Volk unter mich zwingt. Das hier gebrauchte Zeitwort, das niedertreten, unter jemandes Gewalt zwingen bedeutet, will sich zu dem Objekt "mein Volk" nicht recht schicken. An der einzigen Stelle, wo es noch vorkommt, Jes. 45,1 , bezieht es sich auf die Völker, die dem Cyrus unterworfen werden sollen. Man ist daher versucht, auch an unserer Stelle mit mehreren der ältesten Übersetzungen "Völker" statt "mein Volk" zu lesen. Man wird darin bestärkt durch die Tatsache, dass es in dem 18. Psalm, der sich mit dem vorliegenden ja so vielfach nahe berührt, V. 48 (jedoch mit einem andern hebräischen Zeitwort) heißt: "und zwingt Völker unter mich". Will man dennoch bei der Lesart "mein Volk " bleiben, dann ist man natürlich genötigt, das Niederzwingen "nicht von despotischer Gewalt, sondern von gottverliehener Macht, von niederwältigender Autorität" (Delitzsch) zu verstehen. Ob das aber sprachlich statthaft ist, ist zweifelhaft. - J. M.
V. 4. Der Mensch (adam) gleicht einem Hauche (habel = Abel). (Grdt.) Als Kain geboren ward, da wurde von dem Neugeborenen viel Aufhebens gemacht; die glückliche Mutter glaubte in ihm einen großen Besitz bekommen zu haben und nannte ihn darum Kain, was Erwerb, Besitz bedeutet. Der zweite Mensch jedoch, der zur Welt geboren ward, trug den Namen Abel, d. i. Hauch, Dunst, Vergänglichkeit. Die Mutter stand bei dieser Geburt offenbar unter der schmerzlichen Empfindung der Eitelkeit des Menschenlebens, und der Name ist eine weissagende Mahnung, wie beschaffen das Leben der Menschen überhaupt sein werde. In den Worten unseres Psalmverses klingen die Namen Abels und seines Vaters, Adams, an. Joseph Caryl † 1673.
  Wie nichts. Mit welch eitlen Träumen, welch törichten Plänen, welch nichtigen Bestrebungen sind die Menschen zumeist beschäftigt! Sie unternehmen gefahrvolle Forschungsreisen und schwierige Unternehmungen in fernen Ländern und erwerben sich einen Weltruhm; aber was ist dieser? Eitelkeit! Sie grübeln tiefen Problemen nach und erfahren es dabei zur Genüge, dass viel Studieren den Leib müde macht (Pred. 12,12); doch gelangen sie dadurch zu wissenschaftlicher Berühmtheit, und ihr Name lebt fort unter den nachfolgenden Geschlechtern; aber was ist’s, recht besehen? Eitelkeit! Sie stehen früh auf und sitzen hernach lange und essen ihr Brot mit Sorgen und häufen sich durch ihr rastloses Schaffen Reichtümer auf; aber was ist es? Eitelkeit! Sie ersinnen ehrgeizige Pläne und fuhren sie aus, sie werden beladen mit Ehren und Orden, sie werden Geheimräte und Exzellenzen, ihr Name kommt in den Hofbericht und wohl gar in die Denkwürdigkeiten der Zeitgeschichte; und was ist’s alles? Eitelkeit! Ja wahrlich, alle Unternehmungen und Bestrebungen der Menschenkinder verdienen keinen andern Beinamen als diesen, wenn sie nicht verbunden sind mit ernster, alles andere überwiegender Sorge um die eigene Seligkeit, die Ehre Gottes und die Anliegen der Ewigkeit. Thomas Raffles † 1863.
V. 5. Neige deine Himmel usw. Dieser Ausdruck ist hergenommen von dem Aussehen der Wolken während eines Wetters; sie hängen dann so niedrig, dass sie die Berge und Hügel verhüllen und Himmel und Erde ineinander zu fließen scheinen. Diese und andere Erscheinungen des Gewitters werden oft in der Schrift bildlich gebraucht zur Schilderung des Kommens des HERRN, um an den Widersachern seines Volkes Rache zu nahmen. Doch liegt diesen Bildern Realität inne: Gott ist nach der Anschauung der Schrift wirklich im Gewitter. William Walford † 1850.
  Rühre die Berge an, dass sie rauchen. Dies Bild der Allmacht ist wie Ps. 104,32 von dem rauchenden Gesetzgebungsberge (2. Mose 19,18; 20,18) entnommen. Die Berge deuten wie 68,17 (vergl. 76,5) auf die Weltmächte. Gott braucht diese nur wie mit dem äußersten Finger anzurühren, so kündigt sich das innere Feuer, welches sie verzehren wird, auch schon in dem Qualme an, der von ihnen emporsteigt. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 7. Von der Hand der Kinder der Fremde , der Ausländer, vielleicht mit dem Nebenbegriff der Barbaren. Vor allem hat das Wort "Fremde" die Bedeutung "Feinde" bekommen, weil die Fremden sich meist feindlich stellten. Israel ward gehasst und angefeindet von allen Nationen. Joseph Caryl † 1673.
  Er nennt sie Fremde nicht in Hinsicht der Abstammung, sondern nach ihrer Gesinnungs- und Handlungsweise, wie der folgende Vers zeigt. Jean Calvin † 1564.
V. 8. Feinde werden als falsch ("deren Mund Falschheit redet") und als meineidig ("und deren Rechte eine Lügenrechte ist") geschildert. Den letzteren Ausdruck erklärt schon Raschi († 1105) richtig vom falschen Schwören. Die Rechte wird beim Schwur erhoben; im Arabischen bedeutet das Wort jamin geradezu Eid. - Nach Prof. D. F. Bäthgen 1904.
V. 10. Der du den Königen Sieg gibst. Als Ferdinand , König von Aragonien, seinen Sohn gegen die Florentiner in den Krieg schickte, sprach er zu ihm: "Glaube mir, mein Sohn, Siege werden nicht durch Kraft und Kunst errungen, sondern von Gott gegeben." John Trapp † 1669.
  Welch eine Lehre für die Könige und Großen der Erde enthält dieser Vers! Könnten sie dazu gebracht werden, diese Wahrheit zu beherzigen, so würden sie nicht mehr der Scharfsinnigkeit ihrer Pläne und der Kraft ihrer Heere vertrauen, sondern stets dessen eingedenk sein, dass der Höchste das Regiment hat über die Nationen und dass er den einen erniedrigt und den andern erhöht nach den Bestimmungen seines allezeit vollkommenen Willens. Das Nachdenken hierüber würde den Stolz und Menschenruhm niederhalten und es den Menschen ins Herz prägen, dass der HERR allein preiswürdig ist. John Morison 1829.
V. 12. Dass unsere Söhne aufwachsen in ihrer Jugend wie die Pflanzen. Wer sich mit der Aufzucht von Pflanzen beschäftigt hat, dem drängt sich unwillkürlich der Wunsch auf, dass die menschlichen Wesen, die seiner Sorgfalt und Erziehung anvertraut sind, ebenso schnell, so gerade nach oben und so blühend sich entwickelten, ebenso gleichförmig dem ihrem Wesen gemäßen Ideal entgegenreifen und ihren Lebenszweck erfüllen, ebenso reichlich die an sie gewandte Mühe und Arbeit belohnen möchten. Wenn unsere Söhne wie wohlgezogene Pflanzen (Grundt.) oder gleich unsern heimatlichen Eichen, die man ja mit Vorliebe als Bild unseres Volkscharakters hinstellt, heranwachsen sollen, dann dürfen sie nicht in der gesunden Entwicklung gehindert, nicht verkrüppelt oder verbildet werden. Sie sollen so gerade zum Himmel wachsen, wie Gott es ihnen bestimmt hat. Freilich, wir sind nicht mehr in dem unverdorbenen Urzustand, dass Förderung des natürlichen Wachstums und eine gute Erziehung allein hinreichten. Jul. Ch. Hare 1851.
  Und unsere Töchter wie Ecksäulen, ausgehauen nach Palastbauart. (Wörtl.) Die Alten wandten dem Schmuck der Ecken ihrer prachtvollen Paläste große Sorgfalt zu. Es ist für unsere Stelle vielleicht zu beachten, dass die Griechen in der Architektur häufig sogenannte Karyatiden, das sind Frauen- oder Mädchengestalten in langem Gewande, an Stelle der Säulen oder Pfeiler zum Tragen des Gebälks verwandten. Vielleicht hatte der Dichter unseres Psalms solche Karyatiden (etwa in Ägypten) gesehen. Daniel Creßwell † 1844.
  Durch die Töchter werden die Familien in sich und untereinander verbunden und vereinigt zu gegenseitiger Stärkung, wie die Teile eines Gebäudes durch die Ecksteine. Und wenn sie anmutig und wohlgebildet sind nach Leib und Seele, so sind sie eine hohe Zier des Hauses, ähnlich den ausgehauenen Ecksäulen, damit man Paläste ziert. Wenn wir unsere Töchter durch Klugheit und Bescheidenheit auf solider Grundlage wohl befestigt sehen wie die Ecksäulen, wenn wir sie mit Christo, dem Grund- und Eckstein des ganzen Hauses, durch den Glauben unlöslich verbunden wissen, wenn wir sie geziert sehen mit den Tugenden, die der Heilige Geist ausmeißelt, und wir sie Gott gereinigt und geheiligt sehen als lebendige Bausteine des geistlichen Tempels, ja wie glücklich schätzen wir uns dann in ihrem Besitz! Mt. Henry † 1714.
  Während das Bild der Söhne in den mächtig heranwachsenden Bäumen des Waldes gefunden wird, werden die Töchter sinnig mit einem dem Hause entlehnten Bilde gezeichnet: sie sind Stützen und Zierden des Hauses. John P. Smith † 1851.
  Unsere Töchter wie Ecken, bunt geschmückt nach Bauart eines Palastes. (And. Übers.) Statt "Ecken" (Sach. 9,15) zu setzen "Erker" (Luther) ist man nicht berechtigt; ebenso wenig freilich "Ecksäulen" (Geier und die meisten), welche Bedeutung man unter Hinweisung auf Karyatiden besonders deshalb angenommen hat, weil man dem folgenden Worte die Bedeutung "ausgehauen" glaubte beilegen zu müssen. Allein das betreffende hebräische Zeitwort kommt (nach Delitzsch) überall nur in Bezug auf Bereitung von Brennmaterial vor, kann aber durch Vermittlung des Arabischen den Sinn gewinnen: "gestreift, mehrfarbig sein" (Spr. 7,16). Und während die bisher bekannte syrisch-palästinensische Architektur keine Ecksäulen zeigt, finden sich Ecken mit buntem Schnitzwerk noch heute in jedem damaszenischen Empfangssaal vornehmer Häuser (Lane). Wetzstein (bei Delitzsch) neigt zu der Annahme, dass ein solcher architektonischer Schmuck, der mit vielem Geschmack und mühevoller Kunst aus Holzschnitzereien zusammengesetzt und in Gold und lebhaften Farben schimmernd den oberen Teil der Ecken bedeckt, von dem Psalmisten zur Bezeichnung der Schönheit, Kleiderpracht und des reichen Geschmeides der Frauen verwendet sei; vielleicht auch, weil sie nicht nur sittig und keusch, sondern auch, wie die Kinder der Vornehmen, den Augen verborgen sind. D. K. B. Moll 1884.
V. 13. Dass unsere Schafe sich vertausendfachen, verzehntausendfacht auf unsern Triften. (Wörtl.) Die Menge der Schafe auf den weiten Weideflächen Syriens und Palästinas war in glücklichen Zeiten überaus groß. Sie bedeckten nach dem ansprechenden Bilde von Ps. 65,14 die Anger wie mit einem Gewand. Der Patriarch Hiob, dessen Heimat wohl in dem angrenzenden Teile von Arabien, wahrscheinlich im Hauran, war, besaß siebentausend und hernach vierzehntausend Schafe. Mesa, der Moabiterkönig, der ein großer Herdenzüchter war, zinste dem Könige von Israel jedesmal hunderttausend Lämmer und die Wolle von hunderttausend Widdern (2.Kön. 3,4). In dem Kriege mit den Hagaritern führten die streitbaren Männer von Ruben, Gad und halb Manasse unter anderem zweihundertundfünfzigtausend Schafe als Beute fort (1. Chr. 5,21). Bei der Einweihung des Tempels opferte Salomo hundertundzwanzigtausend Schafe (1.Kön. 8,63). An dem Passah, das Josia nach der Wiederherstellung des Gottesdienstes feierte, lieferte der fromme König aus seinem Eigentum Passahlämmer für alle, die an dem Feste teilnahmen, dreitausend an Zahl (2. Chr. 35,7). G. Paxton † 1837.
V. 14. Dass unsere Ochsen usw. Das hier gebrauchte hebräische Wort heißt sonst Fürst; alle alten Übersetzer geben es aber an unserer Stelle durch Rinder wieder (also Wnyp"WlI)a = Wnyp"lf)A), was auch durch den Zusammenhang geboten erscheint. Das folgende Prädikat "beladen" erklären die Neueren als trächtig (mit Leibesfrucht beladen). Andere deuten es: fett (mit Fett belastet). Die natürlichste Deutung scheint nach dem sonstigen Gebrauch des betreffenden Zeitwortes die zu sein: schwer beladen (mit Erntelasten). Die folgenden Worte, wörtl.: kein Riss noch Ausgang, sind an sich sehr verschiedener Deutung fähig (z. B. Riss = Fehlgeburt, oder Riss in den Hürden, also Diebeseinbruch in die Herden, oder, wie Luther es versteht, Riss = Schade, Unglück, und dementsprechend das andere Wort Ausgang entweder vorzeitige Geburt oder Abgang, Verlust, so Luther). Das anschließende "kein Geschrei oder Klage auf unsern Plätzen oder Gassen" zeigt aber deutlich, dass hier nicht mehr vom Herdensegen, sondern von den friedlichen Zuständen in der Stadt die Rede ist. Daher ist es am natürlichsten, das Wort Riss von der Bresche in der Stadtmauer, durch die der Feind eindringen kann, und das nächste Wort entweder vom Auszug in den Krieg oder, was näher liegt, vom Auszug in die Gefangenschaft, von erzwungener Auswanderung zu verstehen. Das Geschrei auf den Plätzen ist entweder der Kriegslärm oder eher das Klagegeschrei in der vom Feinde eroberten und mit Morden und Plündern heimgesuchten Stadt. - J. M.
V. 15. Wohl dem Volk usw. Wir finden in unserem Texte ein doppeltes "Glückselig ", und aus dieser Wiederholung ergeben sich die beiden Teile des Textes; sie entsprechen den beiden Teilen der großen Welt - Erde und Himmel - und der kleinen Welt unserer Persönlichkeit - Leib und Seele. Sie erinnern uns an die beiden Stücke von Isaaks Segen: Tau des Himmels und Fettigkeit der Erde (1. Mose 27,28). Oder wir mögen auch sagen: Das eine ist Marthas, das andere Marias Teil. Im ersten Halbvers ist das Glück des irdischen Wohlgedeihens, der zeitlichen Segnungen, im zweiten das Glück der wahren Frömmigkeit, der geistlichen Segnungen, der Inhalt. - Der Sänger beginnt den Psalm mit benedictus (Gesegnet sei Jehovah) und schließt mit beatus (Glückselig ist usw.). Wie wir nicht mit beatus anfangen können, es sei denn, dass wir mit benedictus schließen, so müssen wir mit benedictus beginnen, um mit beatus schließen zu können. Mit andern Worten: die Verherrlichung Gottes ist sowohl die Einführung in die wahre Glückseligkeit als auch die Vollendung derselben. Richard Holdsworth † 1649.
  Wohl dem usw. Was wahre Glückseligkeit sei, das hat kein Philosoph der Heiden gefunden; nur das Wort Gottes sagt es uns. Aber auch aus der Bibel kann dir’s keine bloß menschliche Schriftgelehrsamkeit sagen, wovon die jüdischen Schriftgelehrten ein Beweis sind; denn die wahre Glückseligkeit ist etwas Göttliches, das uns nur durch Erleuchtung von oben kund wird. Erwägen wir, dass "Glückselig" das allererste Wort ist, mit dem der Psalter beginnt (Ps. 1,1), dagegen das letzte Wort, mit dem dieses Buch schließt, ist. Hallelujah, d. i. lobet den HERRN (Ps. 150,6), was anzeigt, dass alles, was zwischen Gott und dem Menschen vor sich geht, vom ersten bis zum letzten, ist Segnungen, die von Gott auf den Menschen niederströmen, und Lobpreisungen, die vom gesegneten Menschen zu Gott emporsteigen; ferner, dass der erste Grad der Glückseligkeit der ist, die Spuren der Hand Gottes auch in seinen irdischen Segnungen zu erkennen und ihn für sie zu loben und durch den rechten Gebrauch derselben zu verherrlichen. Zeitliche Wohlfahrt ist noch kein Beweis, dass man ein gesegneter Mann, ein gesegnetes Haus oder Volk ist, wenn man nicht das Zeugnis eines geistlich gesegneten Standes hat. Zeitliche Wohlfahrt kann man sich auch auf widerrechtliche Weise aneignen, sie ist an sich noch kein gültiges Zeugnis, dass man ein Erbe des Segens, ein Erbe des Himmels ist. Man kann sich den Pass eines Rittergutsbesitzers oder das Wappen eines Grafen stehlen, aber damit wird man noch nicht Eigentümer des Gutes oder ein wirklicher Graf. Urkunden sind wirkliche Urkunden nur für den, der ein Anrecht an sie hat; sonst kann man sich wohl damit einen Schein geben, aber wenn die Sache vor Gericht kommt, dann wirst du Rechenschaft geben müssen, wie du in ihren Besitz gekommen und was du damit zu machen im Sinne hattest, man wird erklären, du habest sie gestohlen oder gefälscht, und deine Urkunde wird zu einem wertlosen Stück Papier herabsinken. So ist es auch mit denen, die irdischen Wohlstand als Urkunde der Gotteskindschaft und des Segens von oben ausgeben, ohne geistliche Segnungen zu besitzen. Ohne dies innere Siegel sind irdische Güter, Ehren und dergleichen nur Scheinbeweise des göttlichen Segens, und sie sind wertlos, denn man kann mit ihnen nicht fünf Minuten wahren Glückes auf Erden, geschweige denn auch nur einen Augenblick der Erquickung hernach (Lk. 16,19 ff.) erkaufen; auch muss man einst peinlich genaue Rechenschaft darüber geben, wie man sie erworben und wie man sie verwendet hat. John Donne † 1631.
  Wohl dem Volk, dem es also geht. Nur eine beschränkte, einseitige, übergeistliche Frömmigkeit kann in dieser Glücklichpreisung von Frieden und Wohlfahrt etwas Ungeziemendes sehen. Wenn wir uns mit den Psalmen so recht herzlich und einfältig über die zeitlichen Segnungen dankbar freuen würden, die uns vom Himmel her gegeben werden, so würden wir desto bereitwilliger und aufrichtiger auch in die Tiefen der geistlichen Erfahrungen der Psalmdichter eindringen. Das Geheimnis dieser Stimmung der heiligen Sänger liegt darin, dass sie das Schöne und Wohltuende mit vollem Verständnis als Gabe Gottes auffassten, mit andern Worten, dass sie sich nicht an die Kreatur hängten, sondern durch die Kreatur zum Schöpfer ziehen ließen. A. S. Aglen 1884.
  Wohl dem Volk, des Gott der HERR ist. Das ist der beste Wein, der bis zuletzt aufbehalten wird. Einen Weltmenschen wirst du freilich nicht dazu bringen, das zu denken. Die Welt wird meinen, die irdische Glückseligkeit sei das Beste, darum stehe sie auch an erster Stelle, und sie schenkt dir den Schluss des Verses gerne. Sie hört lieber von dem Glück dessen, "dem es also geht ", sonderlich von den vollen Speichern und den in die Zehntausende wachsenden Schafherden und den schwer beladenen Ochsen, als von dem Glück des Mannes und Volkes, "des Gott der HERR ist". Ihr sind Geld und Gut anziehender als Gott, sie liebt die Dukaten mehr als die Tugend, teilt auch ganz gerne mit andern: die Tugend den andern, die Dukaten ihr. Aber wie anders denkt der Psalmist! Es ist uns, als hörten wir ihn im Selbstgespräch: "Hab ich wirklich die glücklich gepriesen, denen es also geht? Ach, elend sind sie, wenn das ihr ganzes Glück ist!" Irdisches Wohlergehen kann niemand glücklich machen ohne die geistlichen, ewigen Segnungen. Und wenn die Fenster des Himmels sich weit auftäten und alle äußeren Segnungen in Strömen auf uns niederflössen, und wenn wir in vollkommener Gesundheit und in ungestörter Ruhe alles genießen könnten, was das weite Erdenrund bietet, sage mir, was nützte es einen Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und hätte doch Gott nicht? Alles Glück, wovon der Psalmist zuvor redet, ist nichts, wenn das nicht dazu kommt: Wohl dem, des Gott der HERR ist! Richard Holdsworth † 1649.
  Nichts kann den Menschen wirklich unglücklich machen, der Gott zu seinem Teil hat, und nichts kann den wahrhaft glücklich machen, der dieses Gutes entbehrt. Gott ist der Urheber, der Spender, der Erhalter und der Kern und Mittelpunkt aller wahren Glückseligkeit. Drum wer Jehovah zu seinem Gott hat, der ist der einzig wahrhaft glückliche Mensch auf der Welt. Thomas Brooks † 1680.
  Dessen Gott Jehovah ist. Im Jehovahnamen liegt die Bürgschaft für unser ganzes Glück. Jehovah ist der schlechthin Unabhängige, der allmächtig ist und dessen Gnade eine völlig freie ist, und er ist der schlechthin Beständige, der treu zu seinem Bund und seiner Verheißung steht. Nathan. Homes 1678.
  Mit diesem Gebet des königlichen Dichters enden die Gebete im Buche der Psalmen. Die übrigen sechs Psalmen bestehen ausschließlich aus Lobesklängen und hochgehenden Hallelujahs. Lord (John Vesey Parnell) Congleton 1875.

Homiletische Winke

V. 1. Was der Streiter des HERRN nie vergessen darf: I. Dass Gott sein Hort usw. ist. Wenn er dessen eingedenk ist, wird er 1) nie auf sich selber sein Vertrauen setzen, 2) nie des Mutes ermangeln, 3) nie überwältigt werden. II. Dass er der Unterweisung in der Kriegsführung bedarf und der HERR stets sein Lehrer sein will. Ist er dessen eingedenk, so wird er 1) sich mit der Rüstung antun, die ihm von Gott bereitet und bestimmt ist, 2) das von Gott herausgegebene Exerzier- und Felddienstbuch sorgfältig studieren, damit er a) die Ränke des Feindes, b) das rechte Verfahren in Angriff und Verteidigung, c) auch das rechte Verhalten im heftigsten Handgemenge lerne, und wird 3) zu Gott selbst um Unterweisung und Verstand aufblicken. III. Dass dem HERRN der Dank sowohl für Bewahrung, als auch für erfochtene Siege und erlangte Geschicklichkeit gebührt. Wenn er dessen eingedenk bleibt, wird er 1) die ihm widerfahrenden Ehren mit Demut tragen, 2) den Ruhm seines Königs verkünden und 3) die Freuden des Sieges und der wohlbehaltenen Rückkehr aus dem Krieg in der Fröhlichkeit der Dankbarkeit doppelt kosten. John Field 1885.
V. 2. Eine Gruppe von Ehrenbenennungen Gottes. I. Beachten wir, welche zuerst kommt: Meine Güte oder Gnade . 1) Es ist recht und billig und sehr natürlich, dass ein geretteter Sünder von allen Eigenschaften Gottes die Gnade am höchsten schätzt und sie in den Vordergrund stellt. 2) Die Gnade ist der Untergrund für alle die folgenden Ehrenbezeichnungen Gottes; denn alles, was der HERR für uns ist, ist eine Erweisung seiner Gnade. 3) Es ist ein gutes Zeichen für die gesunde Entwicklung eines Gläubigen, wenn, je mehr er in der Erfahrung heranreift, die Gnade der Grund- und Hauptton in seinem Lobliede ist. II. Beachten wir, welcher Ausdruck den Schluss bildet: "Der, auf den ich traue". Das lehrt uns, 1) dass alles, was Gott ist, ihn uns vertrauenswert macht, 2) dass das sinnende Nachdenken über das, was er ist, unser Vertrauen zu ihm mehrt. III. Beachten wir, welch besondere Kraft und Bedeutung das Wörtlein "mein" jeder der Benennungen Gottes gibt. Es macht jede derselben 1) zu einem Zeugnis der Erfahrung, 2) zu einer Lobpreisung, 3) zu einem Ausdruck seligen Rühmens, 4) zu einer Anreizung für andere, die mächtig in ihnen das Sehnen erwecken kann, Gott ebenfalls so im Glauben zu erfahren. John Field 1885.
V. 3. Eine Frage, ein Ausruf der Verwunderung, ein Ausruf der Bewunderung.
  Die Frage unseres Verses 1) schneidet dem Menschen jedes Recht ab, Beachtung von Gott zu beanspruchen, 2) bezeugt aber, welch große Ehre Gott dennoch dem Menschen zugewendet hat, 3) deutet an, dass die wahre Ursache, warum Gott so edelmütig mit dem Menschen verfährt, der überfließende Reichtum seines Herzens an Gnade ist, 4) führt zu der Schlussfolgerung, wie geziemend dem Menschen Dankbarkeit und Demut sind, und endlich 5) ermutigt auch die Unwertesten, auf Gott ihr Vertrauen zu setzen. John Field 1885.
  I. Was war der Mensch in seinem Urzustand? Er war 1) ein vernunftbegabtes, 2) verantwortliches, 3) unsterbliches, 4) heiliges und glückliches Wesen. II. Was ist der Mensch in seinem jetzigen Zustande? 1) Gefallen, 2) schuldbeladen, 3) voll sündiger Triebe, 4) elend und in seinem Elend hilflos. III. Was ist der Mensch, wenn er an Christum gläubig geworden ist? 1) Er ist in das rechte Verhältnis gegenüber Gott zurückgebracht (gerecht vor Gott). 2) Er ist zum rechten Verhalten gegen Gott zurückgebracht (Glaube). 3) Er steht unter dem gesegneten Einfluss des Heiligen Geistes. 4) Er ist in der Zubereitung für die himmlische Welt. IV. Was wird der Mensch sein, wenn er einst in den Himmel aufgenommen ist? 1) Frei von Sünde und Elend. 2) Fortgeschritten zur Vollkommenheit seiner Natur. 3) Den Engeln zugesellt. 4) Seinem Heiland und seinem Gott nahe und ähnlich. G. Brooks 1879.
  Es ist ein Wunder über alle Wunder, dass der große Gott sich eines solchen Wesens, wie es der Mensch ist, also annimmt. Das tritt recht ins Licht, wenn wir betrachten: 1) welch großer Gott der HERR ist, 2) welch ein armseliges Wesen der Mensch ist, und 3) wie sich der große Gott dieses armseligen Menschen angenommen hat. Joseph Alleine † 1668.
  V. 4. Der Mensch ist nichts, er gibt vor, etwas zu sein (Schatten), ist bald verschwunden und endet in einem Nichts, was dies Leben betrifft; doch wo Schatten ist, da muss irgendwo auch Licht sein.
  Die Welt der Schatten. 1) Unser aller Leben gleicht den Schatten. 2) Aber Gottes Licht wirft diese Schatten. Unser Dasein ist von Gott, und die Kürze und das geheimnisvolle Dunkel unseres Lebens ist ein Stück des Waltens der Vorsehung. 3) Das Endschicksal dieser Schatten: ewige Nacht oder ewiges Licht. W. B. Haynes 1885.
  Die schnelle Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens 1) ein nützlicher Gegenstand unseres Nachdenkens, 2) eine Anklage der Torheit gegen diejenigen, welche nur für dies Leben sorgen, 3) ein Posaunenruf, sich für die Ewigkeit zu bereiten, 4) ein Antrieb für den Christen, dies kurze Leben aufs beste zur Verherrlichung Gottes auszunutzen. John Field 1885.
V. 5. Herablassung, Heimsuchung, Berührung, Entflammung.
V. 8. Was ist eine "Rechte der Lüge "? Frage den Heuchler, den Plänemacher, den Irrlehrer, den Prahler, den Verleumder, den Mann, der sein Versprechen vergisst, den Abtrünnigen.
V. 9. Musik für Gottes Ohr. 1) Der Sänger: ein dankerfülltes Herz. 2) Das Lied: ein Lobgesang, ein neues Lied. 3) Die Begleitung: "auf dem Psalter", einem Gott geweihten Instrument, als Hilfe der Andacht; "von zehn Saiten": gib Gott das Beste. 4) Der Zuhörer und zugleich der Gegenstand dieses Lobgesanges: Dir, Gott, will ich singen, dir will ich spielen. W. B. Haynes 1885.
V. 11. Menschen, von denen los zu werden eine besondere Wohltat ist: solche, die Gott fremd sind, deren Mund unnütz (Falschheit) redet und deren Werke falsch sind.
V. 12a. An Jünglinge. I. Was wünscht der Psalmist in Bezug auf euch? Dass ihr in eurer Jugend seiet wie (sorgsam) großgezogene Pflanzen. 1) Dass ihr geachtet und geschätzt seiet. 2) Dass ihr in festem Stande seiet, feste Grundsätze und Lebensregeln habet, die dem Wind der Zeitströmungen gegenüber standhalten. 3) Dass ihr kraftvoll und moralisch gesund seiet. II Was ist eurerseits zur Erfüllung dieser Wünsche erforderlich? 1) Dass ihr euch in Christum gut einwurzelt. 2) Dass ihr beständig aus Gottes Wort Nahrung ziehet. 3) Dass ihr für den Tau der Gnade empfänglich seiet (Gebet). 4) Dass ihr fest entschlossen seiet, dem göttlich verordneten Zweck eures Lebens zu entsprechen. John Field 1885.
V. 12b. An Jungfrauen. I. Beachtet, welch wichtige Stellung ihr im häuslichen und gesellschaftlichen Leben einnehmen könnt: gleich den Ecken des Hauses. 1) Der sittliche und religiöse Ton im Zusammenleben der Menschen wird von eurer Gesinnungsweise und dem Einfluss eurer Persönlichkeit mehr bestimmt als durch die Männer. 2) Vor allem wird das ganze Gepräge des Familienlebens eine Widerspiegelung eures Charakters und eures Verhaltens als Töchter, Schwestern oder Frauen sein. 3) Bedenkt wohl, dass die Bildung des Charakters des künftigen Geschlechts mit dem Einfluss der Mütter beginnt. 4) Mögen diese gewichtigen Tatsachen euch bestimmen, die Gnade Gottes zu suchen, ohne welche ihr euren Beruf niemals würdig erfüllen könnt. II. Beachtet, welche Schönheit ihr in eurer Stellung besitzen sollt ("da man Paläste mit ziert"). Die wahre Schönheit und Zierde der Frauen ist 1) Reinheit des Herzens, 2) edle Gesinnung und Bescheidenheit, 3) Anmut und sanfte Freundlichkeit. III. Beachtet, wie ihr beides, die rechte Stellung und die wahre Schönheit erlangen könnt. 1) Indem ihr euch Gott hingebet. 2) Wenn Christus in euren Herzen wohnt. 3) Indem ihr unter der belebenden und bildenden Kraft des Heiligen Geistes zu wohl gestalteten lebendigen Steinen des geistlichen Tempels werdet. John Field 1885.
V. 14. Ein Gebet um die Sicherheit, Einigkeit und Glückseligkeit der Gemeinde.
  Eine wohlgedeihende Gemeinde. 1) In ihr geschieht fröhliche und gesegnete Arbeit. 2) Der Feind wird außer den Toren gehalten. 3) Es gibt wenig oder keinen Verlust (durch Austritte usw.). 4) Glaube und Zufriedenheit bringen die Klagen zum Schweigen. - Lasst uns bitten. und darauf hinwirken, dass dies das Bild unserer Gemeinde werde. W. B. Haynes 1885.
V. 15. Das einzigartige Glück derer, deren Gott der HERR ist.

Fußnoten

1. Spurgeon litt bekanntlich selber in den letzten Jahrzehnten seines Lebens unsägliche Schmerzen durch diese Krankheit. - J. M.

2. In diesem jetzigen Wortlaut des Luthertextes ist h(frf doppelt übersetzt. Wahrscheinlich änderte Luther seine frühere Übers. (1524) "vom Schwert des Bösen" in "vom mörderischen Schwert" um, und es ist dann "des Bösen" durch einen Schreibfehler stehen geblieben. - J. M.

3. Man könnte allerdings das im Hebr. stehende Partizip (vergl. z. B. Ps. 81,11) auch auf die Vergangenheit beziehen; der Zusammenhang, der darüber allein entscheiden könnte, lässt hier verschiedene Deutungen zu. - J. M.

4. Das "auch" bei Luther ist eine Einfügung.

5. Nach Bäthgen lesen allerdings alle alten Übersetzer und mehrere hebr. Handschriften den Sing. "deine Hand", den ja auch Luther hat.