Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 62


Überschrift

Ein Psalm Davids. Auch ohne diese ausdrückliche Angabe wären wir aus inneren Gründen überzeugt, dass kein anderer als David diese Verse geschrieben habe; so sehr tragen sie das Gepräge seines Geistes. Für Jeduthun, vorzusingen. Schon in Psalm 39 fanden wir Jeduthun genannt. Jener Psalm ist dem vorliegenden nahe verwandt; bezeichnend ist für beide besonders das Wörtlein nur, das im 39. viermal, im 62. sogar sechsmal (im Grundt.), nämlich V. 2.3.5.6.7.10 , vorkommt. Außer in diesen beiden Psalmen finden wir Jeduthun noch in dem 77. genannt, und im 8. steht Ethan, der andere Name des gleichen berühmten Musikmeisters Davids. In Ps. 62; 77 ist fraglich, ob zu übersetzen ist: Nach (der Weise des) Jeduthun (zu singen), oder: Dem Vorsteher über Jeduthun, d.h. über die Jeduthuniten, nämlich zur Ausführung übergeben.

Einteilung. Der Dichter hat selber die Abschnitte dadurch bezeichnet, dass er am Schluss von V. 5.9 ein Sela eingefügt hat. - Sein starkes, allein auf Gott sich gründendes Vertrauen befähigt den Psalmdichter, alle seine Feinde gering zu achten. Wann und in welcher Lage David diesen Psalm verfasst haben mag, ist für uns nebensächlich; der lebendige Glaube ist stets zeitgemäß, ist auch selten ohne Prüfung. Die Empfindungen, denen der Psalm Ausdruck verleiht, passen auf so manche Lagen, in welche die Gläubigen kommen, dass es zu ihrer Erklärung keiner Angabe eines geschichtlichen Anlasses bedarf.

Auslegung

2. Meine Seele ist stille zu Gott,
der mir hilft.
3. Denn Er ist mein Hort. meine Hilfe,
mein Schutz, dass mich kein Fall stürzen wird, wie groß er ist.
4. Wie lange stellet ihr alle Einem nach,
dass ihr ihn erwürget als eine hangende Wand und zerrissene Mauer?
5. Sie denken nur, wie sie ihn dämpfen,
fleißigen sich der Lüge; geben gute Worte,
aber im Herzen fluchen sie. Sela.

2. Nur zu Gott ist meine Seele stille. (Grundt.) Statt nur übersetzen andere ja oder wahrlich, wieder andere dennoch, und in dem kleinen, sechsmal in unserm Psalm vorkommenden Wort des Grundtextes sind in der Tat diese drei Bedeutungen nur, wahrlich und dennoch vereinigt. Es ist, wie sich Delitzsch ausdrückt, das Glaubenswort, mit welchem aller Anfechtung gegenüber feststehende Wahrheiten bekannt und bestätigt, mitten in aller Anfechtung gefasste und festgehaltene Entschließungen versichert und beteuert werden. Wir bleiben vielleicht am besten bei dem Wörtlein nur. Einzig der Glaube ist wahr, welcher in Gott allein ruht; ein Vertrauen, das sich nur zum Teil auf den Herrn gründet, ist eitel. Nur zu Gott ist meine Seele stille, wörtl.: Schweigen, d. h. stille Ergebung . "Meine Seele senket sich hin in Gottes Herz und Hände." Nur die Ehrfurcht gebietende Gegenwart Gottes konnte das unruhvolle Herz des Psalmdichters beschwichtigen, dass es ruhig ward, in stiller Ergebung und heiterem Vertrauen Gottes harrte; das geschah aber auch so vollkommen, dass auch nicht ein trotziges Wort, nicht ein aufrührerischer Gedanke das friedevolle Schweigen brach. Da, vor Gottes Angesicht, ist das Sprichwort doppelt wahr, dass Reden Silber, Schweigen aber Gold ist. Keine Beredsamkeit ist auch nur halb so ausdrucksvoll wie das stille, kindliche Schweigen vor Gott. Das ist ein Meisterstück der göttlichen Gnade, wenn sie den Willen so zum Gehorsam neigt und das Herz so stillt, dass das ganze Gemüt offen vor dem HERRN daliegt, für jede Einwirkung des heiligen Geistes empfänglich, wie die glatte See unter dem Winde, - bereit, sich von jedem Hauch seines Mundes bewegen zu lassen, aber ohne alle innere und eigenwillige Aufregung und frei von dem Einfluss jeder andern Macht außer dem göttlichen Willen. Bildsam wie Wachs sollten wir sein in des HERRN Hand, aber hart wie ein Diamant gegenüber jeder andern Gewalt, die uns zu beeinflussen sucht. Von ihm (kommt) meine Hilfe. (Wörtl.) Weil ihm dies unumstößlich gewiss ist, darum kann David seine Seele in Geduld fassen, bis die Hilfe kommt. Der Glaube ist imstande, gleichsam die Fußtritte der nahenden Erlösung zu hören, weil er gelernt hat still zu sein. Die wahre Hilfe kommt uns weder ganz noch teilweise von irgendeiner untergeordneten Ursache; darum lasst uns einzig zu dem wahren Ursprung alles Heiles aufschauen und uns nicht des Verbrechens schuldig machen, dem Geschöpfe zuzuschreiben, was einzig dem Schöpfer zugehört. Ist das der wahre Gottesdienst, sich ganz in Gehorsam und Vertrauen Gott hinzugeben, so ist die Hingabe an die Kreatur und das Vertrauen auf sie Götzendienst.

3. Nur Er ist mein Fels und meine Hilfe. (Grundt.) Zuweilen ist ein bildlicher Ausdruck bedeutsamer und anregender als der gewöhnliche. Deshalb setzt David das Wort Fels, welches in seinem Gemüt alsbald eine Fülle zu innigem Dank treibender Erinnerungen wachruft. Wie oft hatte sich David in den Klüften und Höhlen der Felsen1 geborgen! Hier vergleicht er nun seinen Gott mit solch sicherem Zufluchtsort und bezeugt, Er sei sein eigentlicher und allgenugsamer, niemals trügender Schutz gewesen. Aber als wollte er uns zeigen, dass, was er soeben gesagt hat, nicht nur dichterische Empfindung, sondern glückliche Wirklichkeit sei, fügt er dem bildlichen Ausdruck den eigentlichen bei: und meine Hilfe. Dass unser Gott unsre Zuflucht ist, ist kein eitler Wahn; nichts in der Welt ist mehr Tatsache. Mein Schutz, wörtl.: meine Höhe , meine hocherhabene Feste. Das ist ein anderes, noch kühneres Bild. Der Gläubige versteckt sich in der Anfechtung nicht nur in Gott wie in einer Felsenkluft, sondern er bietet auch, in ihm geborgen, allen Angriffen der Feinde Trutz, wie die Krieger in einer unbezwinglichen Felsenfeste. Ich werde nicht sehr wanken. (Wörtl.) Nach seiner persönlichen Schwäche möchte David wohl erschüttert werden können; dann aber würde, des ist er guter Zuversicht, sein Glaube hervortreten und größerem Unheil vorbeugen. Er mag wanken, aber fallen wird er nicht, mag schwanken, aber wie ein wohlverankertes Schiff, das sich zwar mit Ebbe und Flut um seinen Anker schwenkt, aber nicht vom Sturme weggetrieben werden kann. Wer zuversichtlich weiß, dass der HERR seine Hilfe und sein Heil ist, kann nicht gar darniedergeworfen werden; es bedürfte einer größeren Gewalt, als alle Teufel der Hölle haben, um solch ein Herz völlig zu stürzen.

4. Wie lange wollt ihr einstürmen auf einen Mann? (Grundt.) Haben wir uns des versichert, dass der Allmächtige unser Bundesgenosse ist, so können wir allen Gegnern die Stirn bieten. David rechtet mit seinen unsinnigen Feinden, fragt sie, wie lange sie noch fortfahren wollten, auf ihn einzustürmen mit Geschrei und erhobener Faust. (Dies ist nach Delitzsch der Sinn des nur hier vorkommenden hebräischen Wortes.) Es scheint ihm, sie hätten es lange genug getrieben, um endlich zu der Einsicht zu kommen, dass alle ihre Versuche, den Erwählten des HERRN umzubringen, vergeblich seien und sie sich damit nur selber ins gewisse Verderben stürzten. Es ist in der Tat verwunderlich, wie geneigt die Menschen sind, sich in unverdrossener Beharrlichkeit mit aussichtslosen sündlichen Anschlägen abzumühen, während es so außerordentlich schwierig ist, in der Gnade zu beharren, dass es ohne Gottes Beistand geradezu unmöglich ist. David deutet auch auf die Feigheit seiner Widersacher hin, dass ihrer viele sich auf einen Mann stürzen. Bei niemand können wir in der Tat so wenig auf eine ehrliche, männliche Kampfesweise rechnen als bei denen, die um der Gerechtigkeit willen dem Volke Gottes feind sind. Ihr oberster Feldherr, der Satan selber, mochte sich ja auch nicht mit Hiob in einen ehrlichen Zweikampf einlassen, sondern musste die Sabäer und Chaldäer zu Hilfe rufen und dann noch Blitz und Sturm borgen, ehe er zum ersten Angriff schritt. Wenn er oder die von seinem Samen das geringste Ehrgefühl hätten, so müssten sie, diese Memmen, sich über die niederträchtige Weise schämen, in der sie wider den Weibessamen Krieg führen. Zehntausend gegen einen scheint ihnen keine zu schimpfliche Übermacht im Kampf; nicht ein Tropfen ritterlichen Blutes fließt in ihren Adern. Ihr werdet alle erschlagen werden. (So übersetzt u. a. die englische Bibel nach einem Teil der Handschriften.2 Eure scharfen Werkzeuge werden euch selber in die Finger schneiden. Wie zahlreich und grimmig die Rotten der Gottlosen sein mögen, sie werden der gerechten Vergeltung nicht entrinnen; mit unerbittlicher Strenge wird der erhabene Weltrichter das vergossene Blut von den Blutmenschen fordern und über die das Todesurteil aussprechen, welche den Tod anderer suchen. Als eine hangende Wand und umgestoßene Mauer. Übermütige Verfolger der Frommen schwellen vor Stolz; aber sie sind nur wie eine bauchige Wand, die nächstens zusammenstürzen wird. Sie beugen sich weit vor, um ihre Beute zu ergreifen; aber gleich einem wackeligen Zaun, der schon zur Erde hängt, werden sie bald der Länge nach am Boden liegen. Sie erwarten, dass man sich vor ihnen bücke und in ihrer Nähe vor Furcht bebe; rechte Ehrenmänner aber, die der Glaube kühn macht, sehen an ihnen nichts, das sie ehren könnten, und viel, sehr viel, wofür sie nur Verachtung haben. Es ziemt sich nicht für uns, Gottlose groß zu achten; in welch hoher Stellung sie auch sein mögen, sie sind dem Untergang nahe, wanken schon ihrem Fall entgegen. Wir handeln darum weise, wenn wir von ihnen gehörigen Abstand halten. Es frommt niemand, in der Nähe einer fallenden Mauer zu stehen; wen sie nicht mit ihrem Gewicht erschlägt, den mag sie durch den Staub ersticken, wenn sie nun zusammenbricht.
  Die meisten Ausleger halten die andere Lesart des Grundtextes für richtig, welche auch von Luther befolgt wird und wonach der Vers lautet: Wie lange wollt ihr auf einen Mann einstürmen, wollt insgesamt (ihn morden, d. h.) ihn zertrümmern wie eine überhangende Wand, eine umgestoßene Mauer? In unserm Nachsinnen mögen beide Meinungen sich vereinigen; denn wenn Davids Feinde auf ihn einstürmten, als ob sie ihn wie eine schon sich senkende Wand niederwerfen könnten, so sah er seinerseits voraus, dass sie durch die vergeltende Gerechtigkeit würden zu Boden geworfen werden wie eine alte, zerbröckelnde, überhangende und weichende Mauer.

5. Sie denken nur, wie sie ihn dämpfen, wörtl.: Nur (d. i. ganz und gar) ihn von seiner Höhe zu stürzen beschließen sie. Davids Erhöhung auf den Thron war die Hauptursache ihrer Wut. Es ist den Gottlosen ein Dorn im Auge, den Gerechten erhöht, ihn in Glück, Wohlstand und Ehren zu sehen. Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehen. Die Bosheit verwendet oft all ihre Aufmerksamkeit nur auf diesen einen Punkt, was durch das voranstehende Nur deutlich in Gegensatz gestellt ist zu dem sich nur auf den HERRN richtenden Vertrauen der Begnadigten (V. 2). Wenn die Gottlosen nur das eine fertig brächten, uns von unsrer Höhe in die Tiefe zu stürzen, worin sie sich selbst befinden, so wären sie es wohl zufrieden; denn das eben ist ihr Beschluss: sie wollen um jeden Preis unser Ansehen und damit unsern Einfluss zerstören. Fleißigen sich der Lüge. Sie lieben die Lüge, haben Wohlgefallen an ihr, heißt es wörtlich; darum hassen sie die Wahrheit und die Wahrhaftigen und suchen mit Fleiß den Untergang beider herbeizuführen. Es ist schon schlecht genug, zu lügen; aber am Lügen sein Ergötzen zu haben und sich des Lügens zu befleißigen, ist eins der schrecklichsten Brandmale der Gemeinheit. Geben gute Worte (wörtl.: segnen mit dem Munde), aber im Herzen fluchen sie. Die Schmeichelei ist bei den Feinden der Gottesfürchtigen stets eine sonderlich beliebte Waffe gewesen. Sie können schlimm genug fluchen, wenn ihnen die dafür geeignet Zeit gekommen scheint; zunächst aber dient es ihnen besser, wenn sie - und sie verstehen das meisterhaft - ihre Wut verbeißen und mit sanfter Stimme die segnen, welche sie am liebsten in Stücke rissen. Es war ein Glück für David, dass er im Schweigen wohlgeübt war; denn glattzüngigen Verrätern gegenüber ist das das einzig Sichere. Sela. Hier lasst uns innehalten und mit Verwunderung beides betrachten, den ohnmächtigen Hass der Unheiligen und die völlige Sicherheit derer, die sich von ganzem Herzen auf den HERRN verlassen.
6. Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7. Er ist mein Hort, meine Hilfe
und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.
8. Bei Gott ist mein Heil, meine Ehre,
der Fels meiner Stärke; meine Zuversicht ist auf Gott.
9. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute,
schüttet euer Herz vor ihm aus;Gott ist unsre Zuversicht. Sela.

6. Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele. Wenn wir auch bereits in der Ausübung einer Tugend stehen (V. 2), ist es doch notwendig, dass wir uns selber in Pflicht nehmen, darin fortzufahren. Die Seele könnte von ihrem Ankergrund losgerissen werden oder der andern Versuchung erliegen, ihr Vertrauen nicht auf den einzig wahren Grund des Heils allein zu setzen, sondern daneben noch auf etwas anderes; darum gilt es, dass wir uns selber aufmuntern, die Stellung nun auch zu behaupten, welche wir im Glauben eingenommen haben. Nur immer still, meine Seele! Unterwirf dich völlig, traue unerschütterlich, harre geduldig! Mögen deine Feinde noch so sehr auf dich eindringen, mögen sie beschlossen haben, dich zu stürzen, mögen sie dir schmeicheln oder fluchen, - lass dich durch nichts bewegen, von der stillen Ergebung in Gottes Hand abzulassen und so aus deiner sichern Festung zu weichen. Beantworte das Wüten der Feinde mit stillem Gottvertrauen, überwinde gleich deinem Herrn durch die sieghafte Macht geduldigen Leidens. Du kannst es dahin bringen; aber nur, wenn du dich von der Allgegenwart Gottes durchschauern und zugleich aufrichten lassest, wenn du wirklich zu Gott still bist, dich ihm ganz hingibst, auf ihn allein harrst. Echtes, nicht mit Unglauben vermischtes Gottvertrauen kann nicht entmutigt werden. Ist unser Glaube einfältig auf Gott gerichtet, so sehen wir klar, wie wohl wir geborgen sind; haben wir aber Schalksaugen, die halb auf Gott, halb auf anderes schauen, so haben wir weder Weltklugheit noch Gottvertrauen. Denn von ihm (kommt) meine Hoffnung. (Wörtl.) Dies können wir in zweierlei Sinn (subjektiv oder objektiv) verstehen: von ihm kommt meine Zuversicht, oder: von ihm kommt, was ich erhoffe. Begehren wir nichts anderes, als was vor Gott recht ist, so ist die Zuversicht, mit der wir das Begehrte erwarten, in der Tat von Gott gewirkt; und stehen wir im wahren Glauben, so erwarten wir die guten Gaben nicht von irgendwelchen Mittelursachen, sondern von Gott , von ihm allein. Die weltlich gesinnten Menschen werden über ihrem eiteln Hoffen zu Narren; was wir aber erhoffen, ist schon unterwegs und wird zur rechten Zeit eintreffen, um unsere Zuversicht glänzend zu rechtfertigen. Wohl dem, der des gewiss ist, dass alles, was er bedarf und erhofft, in seinem Gott zu finden ist.

7. Nur er ist mein Fels und meine Hilfe. (Grundt.) Gott ist einzig und ausschließlich Grund und Vollendung meiner Sicherheit. Wieder hat der Grundtext hier ein Nur . Wir können diese Glocke nicht zu oft läuten hören; möge sie allem, worauf das Fleisch noch trauen will, zu Grabe läuten und uns laden zu dem rechten Gottesdienst, allein auf den HERRN zu trauen. Und mein Schutz, nicht nur mein Verteidiger, sondern tatsächlich mein Schutz. Ich bin sicher, weil er treu ist. Wörtlich wieder wie V. 3: meine sichere Höhe, auf der ich der Macht der Feinde entrückt bin. Ich werde nicht wanken (wörtl.) - auch nicht im Geringsten. Sieh, wie der Glaube des Psalmdichters wächst: Im zweiten Verse hatte er nur die Zuversicht, dass er nicht sehr wanken werde; jetzt ist sein Vertrauen ganz unbeschränkt. Er bietet aller Wut seiner Feinde Trotz und weiß, dass sie ihn auch nicht einen Zoll breit aus seiner festen Stellung weichen machen oder in innere Erschütterung versetzen werden. Der lebendige Glaube erstarkt; die Erfahrung schwellt die geistlichen Muskeln der Kinder Gottes und gibt eine männliche Kraft, die man in der Kindheit des geistlichen Lebens nicht kennt.

8. Bei Gott ist (genauer: auf Gott ruht) mein Heil und meine Ehre. Wessen anders sollten wir uns rühmen, als dieses großen Gottes, der unser Helfer und Ehrenretter ist? Unsere Ehre ist ja bei dem gut aufgehoben, der unser Heil ist für Zeit und Ewigkeit. Alles in Gott zu finden und sich des zu rühmen ist eins der sicheren Kennzeichen einer erleuchteten Seele. Mein starker Fels, meine Zuflucht ist in Gott. (Grundt.) Er häuft die Worte und Bilder, mit denen er Gott preist; denn er möchte ihn, den er in so vielen Proben treu erfunden hat, hoch ehren. Die Unwissenheit hat an wenigen Worten genug; wenn uns aber die Erfahrung reiche Schätze der Gotteserkenntnis gebracht hat, bedürfen wir vieler und mannigfaltiger Ausdrücke, um in diesen, als in Truhen, unsere Schätze unterzubringen. Gott, der unsre Zuflucht ist, in der wir Bergung finden, ist auch unser starker Fels , auf dem wir festen Fuß fassen und von dem wir unsere Pfeile auf die Feinde hinabsenden; darum sollen wir ihn auch als beides, als unsern Schutz und Trutz, preisen. Wir wollen auch darauf achten, wie der Psalmist jedem dieser Namen, die er mit Frohlocken seinem Gott beilegt, gleichsam sein Monogramm aufprägt: immer wieder lesen wir das selige Mein. Er ist meine Hoffnung, mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, mein Heil, meine Ehre, mein starker Fels, meine Zuflucht. Es genügt ihm nicht, zu wissen, dass der HERR das alles ist , sondern sein Glaube nimmt Besitz von diesem wunderbaren Gott mit all seinen herrlichen Eigenschaften. Was nützen mich die Goldminen Perus oder die Diamantschätze Golkondas (eines berühmten Marktes für diesen Edelstein, in Ostindien gelegen), wenn ich daran keinen Teil habe? Das Wörtlein mein ist die Imme, die den süßen Honig in die Waben füllt. Wenn das, was diese tröstlichen Namen von Gott aussagen, noch nicht durch Erfahrung unser persönliches Gut geworden ist, so müssen wir ernstlich solche Gnade suchen, damit auch wir noch an der Kraft und dem Gehalt dieser Gottesbezeugungen Anteil bekommen. Die Bienlein dringen auf die eine oder andere Weise in die Blüten ein und sammeln deren süße Säfte. Bei manchen unserer Blumen muss es für sie nicht leicht sein, in die geschlossenen Kelche hineinzukommen; allein unsere Honigsammler finden oder machen sich dennoch einen Weg. Und darin sind sie unsere Lehrmeister; denn ebenso muss der beharrliche Glaube den Zugang zu allen diesen lieblichen Namen, Eigenschaften und Offenbarungsweisen unseres Bundesgottes finden und aus ihnen Genuss und Nutzen ziehen.

9. Hoffet (d. i. trauet) auf ihn allezeit, lieben Leute. Der Glaube ist dauernd unsere Pflicht und beständig unser Vorrecht. Wir sollen und dürfen auf Gott vertrauen nicht nur, wenn es licht ist um uns her, sondern auch, wenn wir ganz im Dunkeln sind. Sturm und Regen sind zuzeiten das fruchtbarste Wetter für den Glauben; aber wir bedürfen des Glaubens nicht weniger in den Tagen ungetrübten Sonnenscheins. Wir haben es allezeit nötig, unsre Hoffnung auf Gott zu setzen. Ein Tag ohne Gottvertrauen ist ein Unglückstag, selbst wenn er ein Freudentag zu sein schiene. Darum stützt euch stets auf den, der alle Dinge trägt. Lieben Leute3, ihr, die ihr mir anhanget, weil der HERR mich zu seinem Gesalbten erkoren hat. Schüttet euer Herz vor ihm aus. Ihr, denen er seine Liebe geoffenbart hat, lasst auch euer Inneres vor ihm offenbar werden. Er hat sich euch ganz hingegeben; haltet ihr nun auch nichts vor ihm zurück. Wie wenn man ein volles Gefäß umkehrt und ausschüttet, so lasst eure innersten Gedanken, eure tiefsten Wünsche, eure geheimsten Kümmernisse, eure verborgensten Sündenschmerzen sich wie Wasser ergießen in seiner heiligen Gegenwart. Verberget nichts vor ihm; ihr könnt ja doch nichts vor ihm verhüllen. Entladet eure Seele vor dem HERRN; er sei euer rechter Beichtvater, er allein kann euch ja auf euer Bekenntnis hin wirklich absolvieren. Wollten wir unsern Kummer für uns behalten, so hieße das nichts anderes, als einen Haufen Elend aufstapeln. Dämmst du den Strom ein, so wird er nur anschwellen und desto schrecklicher durchbrechen; lässt du ihm aber sein richtiges Bett, so fließt er ruhig dahin und stiftet keinerlei Schaden. Wir bedürfen herzinniger Sympathie; schütten wir Jesus unser Herz aus, so finden wir bei ihm eine Teilnahme, die ebenso wirksam wie aufrichtig, ebenso tröstend wie belebend und erhebend ist. Es ist, wie jemand bemerkt, eine üble Gewohnheit unserer Natur, auf den Zaum zu beißen und unsern Kummer verdrießlich in uns zu verbergen; eine begnadigte Seele überwindet aber diesen bösen Hang und leert ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet vor dem HERRN aus. Gott ist unsere Zuversicht (wörtl.: Zuflucht). Was immer er für andere sei oder nicht sei, sein Volk des Eigentums hat ein besonderes Anrecht an ihn. Für uns ist er zweifellos eine Zuflucht ; so haben wir denn allen Grund uns zu ihm zu flüchten, sooft Sorgen auf uns eindringen. Beten ist sonderlich die Pflicht derer, welchen der HERR sich so sonderlich als Schutz geoffenbart hat. Sela. Ist hier nicht eine Pause wohl angebracht? Ja, auf solch grünen Auen mögen sich die Schafe wohl lagern und gütlich tun!
10. Aber Menschen sind ja nichts, große Leute fehlen auch;
sie wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist.
11. Verlasset euch nicht auf Unrecht und Frevel, haltet euch
nicht zu solchem, das eitel ist;fällt euch Reichtum zu, so hänget das Herz nicht dran.
12. Gott hat Ein Wort geredet,
das habe ich etliche Mal gehört:dass Gott allein mächtig ist.
13. Und du, Herr, bist gnädig
und bezahlest einem jeglichen, wie er’s verdienet.

10. Wiederum begegnen wir dem Wörtlein nur: Nur Hauch sind Menschensöhne. (Wörtl.) Nur Hauch, nichts mehr. Der Ausdruck Menschensöhne bezeichnet das gemeine Volk und steht im Gegensatz zu dem folgenden Mannes- oder Herrensöhne.4 Des geringen Volks ist viel, und es ist leicht zu begeistern, aber es ist kein Verlass darauf; die Volksmassen sind beweglich wie die Meereswellen, die sich voll mit jeglichem Wind hin und her treiben lassen. Heute rufen sie "Hosianna!", morgen "Kreuzige!" Die Unbeständigkeit der Volksgunst ist sprichwörtlich. Man könnte ebenso gut aus Rauch ein Haus bauen wie auf die Zuneigung der Volksmenge Zuversicht setzen. Wie der Sohn Adams Abel, das ist Hauch , Nichtigkeit, hieß, so wird uns hier gesagt, dass alle Adamskinder diesen Namen verdienen. Wären sie nur auch an Charakter Abel ähnlich; in dieser Hinsicht gleichen ihrer viele aber leider allzusehr dem Kain. Mannessöhne sind Lüge. (Wörtl.) Was hier von den Herrensöhnen ausgesagt wird, ist noch schlimmer, als was vom gemeinen Volke gesagt war. Es würde uns also wenig frommen, wenn wir uns auf die Aristokratie, sei es der Geburt, sei es des Geldes, sei es der Bildung, verließen. Die oberen Zehntausend sind keinen Deut mehr wert als die breiten Volksschichten; ja im Gegenteil, wir sind mit ihnen noch schlechter daran, weil wir bei ihnen etwas erwarten, was wir nicht finden. Wie, sollten wir von der haute volée keine gute Meinung hegen dürfen? Sollte auf die élite des Geistes, auf die Gelehrten, die Ritterlichen, die Gebildeten, kein Verlass sein? Eben deshalb werden sie eine Lüge genannt, weil sie so viel versprechend scheinen, das Ende des Vertrauens auf sie aber nur bittere Enttäuschung ist. Wie elend ist doch selbst der daran, der sich auf Fürsten verlässt! Je völliger wir unser Vertrauen auf Gott setzen, desto mehr werden wir erkennen, wie hohl und nichtig alles Vertrauen auf die Kreatur ist. Werden sie auf die Waage gehoben, so sind sie allzumal leichter als ein Hauch. Grundt.5 Schlage ihren Wert einmal richtig an; schätze sie nicht nach der Zahl oder dem Schein, sondern nach dem Gewicht, nach dem inneren Wert, so wirst du dich nicht länger täuschen lassen. Überlege mit Ruhe, wäge alles sorgfältig ab, so wird dein Urteil mit demjenigen übereinstimmen, welches hier der erleuchtete Psalmdichter abgibt. Leichter als ein Hauch sind alle Menschen, nichtiger als die Nichtigkeit selbst; die Großen und die Geringen sind gleicherweise deines Vertrauens unwert. So leicht eine Feder ist, hat sie doch noch ein Gewicht; ein Hauch aber hat gar keines, und die Kreatur ist, als Grund des Vertrauens, leichter noch als ein Hauch. Die Menschen wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist, wie Luther hier gut deutsch gesagt hat; und doch ist die ganze Welt so betört, dass man lieber Fleisch für seinen Arm hält, als dass man sich der Macht des unsichtbaren, aber allmächtigen Schöpfers anvertraut; und sogar Kinder Gottes werden, ach wie leicht, von diesem Wahn bezaubert!

11. Verlasset euch nicht auf Bedrückung (Erpressung), und auf Raub setzt nicht eitle Hoffnung. Die Worte haben den Nebensinn: Ihr würdet dadurch selber ein Nichts, wörtl. ein Hauch6, werden. Nur Narren können sich auf Reichtum verlassen, der auf ungerechte Weise erworben worden ist, denn Tod und Verderben lauern darin; er ist vom Krebs angefressen, er raucht vom Zorne Gottes. Die Armen zu unterdrücken und ihr Schreien um Gerechtigkeit zum Schweigen zu bringen macht manchem übermütigen Bösewicht noch Vergnügen, der sich in seiner Anmaßung einbildet, er könne Gott und Menschen Trotz bieten. Diese Worte sind eine Warnung für solche, und wohl ihnen, wenn sie sich warnen lassen; denn der Richter aller Welt wird die Bedrückung der Unschuldigen und die Beraubung der Armen ganz gewiss heimsuchen. Beides kann man auf solche Weise verüben, dass man vor den irdischen Gerichten straflos ausgeht; ja man kann sich wohl gar die menschlichen Gesetze zur Ausübung solcher Gräuel dienstbar machen; vor dem himmlischen Gerichtshof aber helfen keine Gesetzesverdrehungen, keine Kniffe und Schliche und Ausflüchte. Fällt euch Reichtum zu (wörtl.: Sprosst das Vermögen), so hänget das Herz nicht dran. Wenn dein Besitz auf ehrliche Weise wächst, infolge des Fleißes oder Erfolges in deinem Gewerbe oder Handel, so mache davon kein Aufhebens und miss diesen irdischen Dingen auch vor dir selbst keine Wichtigkeit bei; werde nicht stolz darob und hänge deine Liebe nicht an den Geldsack. Den unsterblichen Geist zum beständigen Betrachten und Beschauen vergänglicher Güter herabzuwürdigen ist unverantwortliche Torheit. Sollten solche, die sich des Herrn der Herrlichkeit als ihres ewigen Gutes rühmen, sich auch noch aus irdischem Flittergold einen Ehrenschmuck machen? Soll der leidige Mammon sie der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes berauben? Wie wir uns nicht auf Menschen verlassen dürfen, so ziemt es sich noch weniger, auf das Geld unser Vertrauen zu setzen. Vermögen und Ansehen sind vergänglich wie der Schaum, der auf den Meereswellen glitzert. Könnten wir alle Reichtümer und Ehren der Welt zu einer goldenen Schnur verbinden, sie wäre doch ein zu schwacher Faden, als dass wir das Glück einer unsterblichen Seele daran hängen dürften.

12. Gott hat Ein Wort geredet. Gott ist so unwandelbar, dass er nicht nötig hat zweimal zu reden, als ob er seinen Sinn geändert hätte; er ist so unfehlbar, dass ein einziger Ausspruch genügt, denn er kann nicht irren, und so allmächtig, dass sein einmal gesprochenes Wort seinen ganzen Plan zur Ausführung bringt. Wir reden viel und sagen damit vielleicht nichts; Gott spricht ein Wort, aber ein Wort ewiger Wahrheit. All unser Reden kann in den Wind gesprochen sein: - Er spricht, und es geschieht; Er gebeut, und es steht da. Das habe ich etliche Mal (buchstäblich: zweimal) gehört. Wie ein vielfaches Echo sollten die Worte Gottes in unserm Ohr erklingen. Was er uns einmal durch Offenbarung kundgetan hat, das sollten wir beständig zu Herzen fassen. Aus der ganzen Schöpfung und aus den Führungen der Vorsehung tönt es an unser Herz: "Wer Ohren hat zu hören, der höre." Gott hat uns zwei Ohren gegeben, damit wir aufmerksam dem zuhören können, was zu uns geredet wird, und wer geistlich gesinnt ist, dem ist das innere Ohr geöffnet, mit dem er wirklich hört, was Gott redet. Im besten Sinne zweimal hört, wer mit Ohr und Herz Gottes Wort vernimmt. Dass Gott allein mächtig ist, wörtl.: dass Gottes die Macht ist. Er ist der Quell aller Macht, und alle Macht ist ewig sein. Auf dies eine Wort aus Gottes Mund sollten wir stets achten, damit wir dadurch vor dem verhängnisvollen Irrtum bewahrt werden, unser Vertrauen auf die Kreatur zu setzen, die doch ohnmächtig sein muss, weil Gott allein mächtig ist. Wie muntert uns doch dies Wort zum Glauben auf! Es kann nie und nimmer töricht sein, sich auf den Arm der Allmacht zu stützen. Er kann uns aus allen Nöten erlösen und uns unter allen Lasten aufrecht erhalten, während Menschen uns jedenfalls zuletzt im Stich lassen müssen, wenn sie nicht schon jetzt unsre Hoffnung täuschen. Möchten wir doch alle die Donnerstimme Jehovas vernehmen, da er sich hier alle Macht allein zuschreibt, und künftighin einzig Gottes harren!

13. Und du, Herr, bist gnädig. Dieser liebliche Zusatz nimmt dem Gedanken an die Allmacht Gottes das Schreckliche. Gottes Macht will uns nicht erdrücken, sondern zu unserm Heil wirksam werden. Der Grundtext ist voller als unsere deutsche Übersetzung; er lautet: Und dein, Herr, ist die Gnade. Alles, was wir je an Gnade, Barmherzigkeit und Güte erfahren, kommt unmittelbar oder mittelbar von Gott; die Gnade ist sein unveräußerlicher Besitz. Wie seine Macht, ist auch seine Gnade ewig, und sie ist uns in ihm stets nahe, bereit, sich an uns zu offenbaren. Und bezahlest einem jeglichen, wie er’s verdienet, wörtl: nach seinem Tun. Dies Wort lässt uns zwar zunächst vor Gottes Gerechtigkeit erschauern, und das mit Recht. Der der Form nach ganz allgemeine Ausdruck geht aber hier dem Zusammenhang nach auf die Frommen; und wenn wir ihn demnach so verstehen, dass Gott die geringen und unvollkommenen Dienste seines Volkes gnädiglich belohnt, so sehen wir darin einen klaren Erweis seiner Gnade. Er wirkt die Werke in uns durch seine Kraft, und dann vergilt er sie. Menschen können uns weder helfen noch belohnen; Gott will beides tun. Darum sollen wir Gottes allein harren, des allein die Macht und die Gnade ist. Deo soli gloria.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. In allen dreizehn Versen finden wir nicht einen einzigen Ausdruck der Furcht oder Niedergeschlagenheit, nicht einmal eine Bitte, während David sonst in Gefahr sofort zum Flehen seine Zuflucht nimmt. Der Prophet fand sich diesmal trefflich versehen in Bezug auf den Teil der Frömmigkeit, welcher in der Plerophorie, der Sicherheit und Völligkeit, des Glaubens besteht; darum wollte er ein Denkmal dieser seiner Gemütsstellung stiften, um die Leser durch sein Beispiel zu derselben Tugend anzuregen. Moses Amyraldus † 1664.
  Gegen alle Angriffe auf Leib und Seele, Stellung und Ruf, gegen alle Versuchungen und Drangsale, Ränke und Verleumdungen bete diesen Psalm. Athanasius der Große † 373.

V. 2. Nur zu Gott ist meine Seele stille - wie das Targum erklärt: still nicht in Bezug aufs Gebet, sondern aufs Murren, still ihm unterworfen und ergeben, wie viele alte Übersetzer den Grundtext wiedergeben. D. John Gill † 1771.
  Es ist eine große Gnade, wenn wir in schwerer Trübsal unser selbst mächtig bleiben, nicht rasen und toben, sondern still sind, still vor dem HERRN, still auf seine Hilfe harrend. Wir erfahren es ja, dass das Herz eben soschnell in Hitze und krankhafte Verstimmung gerät wie der Kopf seine Ruhe und Klarheit verliert. Da muss die Geduld der Hoffnung ihr Werk treiben. William Gurnall † 1679.
  Still, d. i. schweigend, untertan, ergeben, wartend, vertrauend, achtsam auf Gottes Winke. Still ergeben 1) wie Schüler ihrem Lehrer. Was immer Gott mir zustoßen lässt, ich will vor ihm stille sein, seine Führungen anbeten, ihm unter der Rute bleiben und dem lauschen, was er mich lehren will. 2) Wie es Geschöpfen ihrem Schöpfer gegenüber ziemt. Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert! (Jes. 45,9.) 3) Wie der Ton in des Töpfers Hand sich formen lässt, wie der Meister will (Jer. 18,6). 4) Wie eine Magd zu ihrer Frau aufsieht und auch in den geringsten Dingen auf ihre Wünsche achtet. (Ps. 123,2.) 5) Ergeben wie das Weib dem Manne, in Liebe besorgt und eifrig beflissen, alles zu tun, was er haben will. Thomas Le Blanc † 1669.
  Es liegt eine solche erleichternde Kraft in einem stillen Zwiegespräch mit Gott. Ich habe mich früher wohl über das Wort Luthers gewundert: Schweig, leid, meid und vertrag, Dein Not allein Gott klag. Ich habe mich gewundert, da das Ausschütten des Grames in Freundes Herz etwas so Süßes hat. Wer aber viel von seiner Sorge zu Menschen spricht, bei dem kommt es leicht, dass er davon zu wenig spricht zu Gott, und wer wiederum die selige Erleichterung oft erfahren hat, die stilles Zwiegespräch mit dem Ewigen bringt, der verlangt nicht mehr so sehr nach Menschen. Es kommt mir jetzt vor, als ob das zu viele Ausbreiten des Leides vor Menschen es nur größer machte und ihm dazu noch die Würze nähme, darum auch das Sprichwort sagt: Klag niemand dein Leid, so wird es nicht breit. Dagegen wo es einem gelingt, sich im Leid so recht in stiller Sammlung zu halten, es immer vor Gottes Angesicht zu tragen und gelassentlich seiner Hilfe gewärtig zu sein, wie der Psalmist sagt: "Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft ", da wird es nicht breit, da gräbt es sich aber auch nicht in die Tiefe, sondern liegt auf der Oberfläche des Herzens wie ein Morgennebel, der, wenn die Sonne höher steht, in leichten Wolken davonwallt. Prof. D. A. F. Tholuck † 1877.
  Nur zu Gott. Wende dich hin im Kreuze, wo du willst; wirst du dich nicht zu Gott wenden, so wirst du keine Ruhe finden. Johann Arnd † 1621.
  Der natürliche Sinn ist immer geneigt, da mit der Vernunft zu Rate zu gehen, wo wir glauben sollten, zu wirken wo wir still sein sollten, eigene Wege einzuschlagen wo wir unbeirrt auf Gottes Wegen gehen sollten, seien diese auch noch so sehr der Natur zuwider. Wie geht es uns aber, wenn wir so Gott vorauseilen? Zum mindesten schwächen wir dadurch unsern Glauben, statt ihn zu stärken, und mit jedem Mal, da wir uns so selber helfen, finden wir es schwieriger, auf Gott zu trauen, bis wir schließlich ganz unserer gefallenen natürlichen Vernunft folgen und der Unglaube die uns beherrschende Macht wird. Wie ganz anders geht es, wenn man Gottes Stunde abwarten kann und allein von ihm Hilfe und Erlösung erhofft! Wenn da die Hilfe schließlich kommt, vielleicht erst nach langem Beten und Ringen, nach viel Übung des Glaubens und der Geduld, wie köstlich ist das, und welchen Lohn bekommt die Seele dann für ihr Gottvertrauen und geduldiges Harren. Wenn du, liebes Gotteskind, diesen Weg des Gehorsams noch nicht gewandelt bist, so tu es jetzt, damit auch du durch eigene Erfahrung die selige Freude kennen lernest, welche daraus folgt. Georg Müller (in Bristol) 1856.

V. 2 f. D. Alois Henhöfer († 1862) hatte in seinem Leben viele Anfechtungen durchzukämpfen. Als Katholik geboren, als Hauslehrer bei dem Freiherrn von Gemmingen vielfach angeregt, 1822 wegen evangelischer Predigt seines Amtes entsetzt, trat er am 6. April 1823 mit der ganzen Familie von Gemmingen zur evangelischen Kirche über. Noch in demselben Jahre erhielt er die Pfarrei Graben. Er kam in seinem Leben oft in schwere Anfechtungen. Einmal sonntags, als er zu predigen hatte, überfiel ihn auch eine sehr große Angst und er kam nicht zur Kirche. Das ganze Lied war schon zu Ende gesungen. Als ihn die bestürzte Magd suchte, fand sie ihn ringend in der Studierstube. Er bat, die Gemeinde solle noch einmal das Lied singen, worauf er unter viel Not predigte. Er schreibt selbst darüber nur: "Vom 14. bis 17. September (1824) hatte ich einen schweren, schweren Kampf zu bestehen. Endlich Trost aus Ps. 62,2.3. Der Herr bewahre mich vor jeder Sünde, weswegen diese Finsternis über mich kam!" Emil Frommel 1880. :
  Der König Friedrich Wilhelm IV. tröstete sich in seiner Krankheit mit den Worten unseres Psalms: Meine Seele, sei du stille zu Gott, der dir hilft. Überhaupt war in seinen Krankheitstagen das Wort das, was sichtlichen Eindruck auf ihn machte. Namentlich taten ihm unverkennbar die Psalmen wohl, wenn man ihm den einen oder andern vorsprach. Hatte er doch sein ganzes Leben hindurch in dem Psalter viel Trost gefunden und war darin so bewandert, dass er mit großer Genauigkeit wusste, was jeder Psalm enthält. Nach W. Ziethe 1861.
V. 3., vergl. V. 7 f. Die Häufung der Benennungen Gottes ist unter den Psalmensängern ebenso charakteristisch für David (vergl. z. B. Ps. 18), wie unter den christlichen Liederdichtern für Paul Gerhardt. Calvin sagt: "Dies ist die Ursache, warum er Gott so viele Beinamen gibt, dass er mit eben so vielen Schilden die Angriffe Satans aufnehme und zurückweise." Nur rohe Erfahrungslosigkeit kann in solchen Stellen "plappernde Geschwätzigkeit" finden. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1844.
  Denn er ist mein Hort usw. Ja freilich, weil du das gläubest, bist du wohl sicher, wenn es auch eitel türkische, tartarische Kaiser und eitel zornige Könige und Fürsten regnete und schneiete neun Jahre lang aneinander, mit aller ihrer Macht, darzu alle Teufel mit ihnen. - Hort habe ich verdeutschet, da auf hebräisch stehet zur, welches heißt einen Fels . Denn Hort heißen wir, darauf wir uns verlassen und uns sein trösten. So will er nun sagen: Ich weiß, dass mir mein Heil von ihm kömmt (V. 2). Warum? Darum, ich habe keinen Menschen, wie groß, mächtig, reich er immer sei, mir zum Trotz, Hort, Trost und Heil gesetzt, noch mein Herz oder Hoffnung auf ihn gestellt, sondern Gott habe ich darzu erwählet, von dem alleine mir alles Glück und Heil kommen soll und wird. So heißt er nun Gott seinen Fels oder Hort darum, dass er seines Herzens Gewissen und sichere Zuversicht auf ihn setzte. Sein Heil darum, dass er gläubet und nicht zweifelt, Gott werde ihm helfen mit Glück und Heil, ob gleich Saul und alle Menschen ihn verließen und nichts geben, weder Dorf noch Stadt. Seinen Schutz darum, dass er hoffet und gewiss ist, Gott werde ihn verteidigen wider alle Übel, wenn gleich Saul und alle seine Hofschranzen sein Verderben und seinen Tod suchen. Welch eine feine Seele ist doch das, die ein solch Liedlein kann Gott singen; aber auch wie seltsam ist sie, so man doch sonst alle Höfe und Städte und Lande voll findet, die denen großen Hansen auch solche Liedlein, zuweilen um zehen Gülden oder noch geringere Parteken, singen können. Martin Luther 1526.
V. 4. Durch die heftigen Regengüsse weicht im Orient das oft schlecht fundierte Mauerwerk häufig aus dem Blei, und dies manchmal in solchem Grade, dass man nicht begreift, wie es noch halten kann. Daher man häufig Reden wie die folgenden hört: "Der arme alte Raman soll sehr krank sein." Antwort: "Ja, die Mauer ist am Einfallen." - "Mach, dass du fortkommst, du heruntergekommener Mensch, du bist eine zusammenstürzende Mauer." - "Der Häuptling jenes Dorfes bedrückt seine Leute so, dass sie wie eine eingefallene Mauer sind." Joseph Roberts 1844.
V. 6. Nur zu Gott. Wer nicht allein auf Gott vertraut, traut ihm überhaupt nicht. Wer mit einem Fuß auf dem Felsen, mit dem andern aber auf Flugsand steht, wird ebenso einsinken und umkommen, wie wer ganz auf dem Sande steht. Dies wusste David; deshalb sprach er seiner Seele (denn er hatte am meisten in seinen eigenen vier Wänden zu schaffen) ernstlich zu, nur zu Gott stille zu sein. John Trapp † 1669.
  Es erspart einem viel vergebliche Mühe und gibt tiefen Frieden ins Herz, wenn man. sich an Gott allein hält. Wer dagegen statt bei Gott nur bei Menschen Rat und Hilfe sucht, der bereitet sich endlose und nutzlose Mühe. Handle es sich um guten Rat oder um Unterstützung, - wir kommen mit den Menschen zu keinem Ziel und Ende. Einem jeden sollten wir wieder besondere Gründe und Motive angeben, und was dem einen gefällt, stößt zwanzig andere ab. So viel Köpfe, so viel Sinne. Niemand ist imstande, es allen recht zu machen oder sich immer wieder so eigenartig zu geben, dass er den Eigentümlichkeiten und Launen eines jeden gerecht wird. William Struther 1633.
V. 6.7. ist Grabschrift des als heldenhafter Missionar Feuerlands bekannten, dort des Hungertodes gestorbenen Kapitäns Allen Gardiner († 1851). Man hatte den Spruch auf einem Felsen in Feuerland eingegraben gefunden. - J. M.
V. 9. Allezeit. Man könnte ja ausführlich von den Zeiten reden, da wir auf Gott trauen sollen; aber sie alle sind eingeschlossen in dem Wörtlein allezeit. Das ist ein köstlich Wort. Wenn du voller Furcht bist und nichts anderes hast, das dir den Mut gäbe, vor Gott zu treten, dann berufe dich auf dieses Wort. John Berridge † 1793.
  Schüttet euer Herz vor ihm aus. Je mehr wir Gott lieben, desto fester vertrauen wir auf ihn; und je gewisser unser Glaube ist, desto mehr Freimut und Freudigkeit haben wir vor dem Gnadenthron. Schüttet euer Herz aus vor Gott wie Wasser, in Freudentränen. Wenn der Stein im Herzen geschmolzen ist durch die Gnade, werden die Augen zu Tränenquellen. Wahrhaft fromme Menschen sind wie weiches, leichtflüssiges Metall; sie haben einen schmelzenden Sinn. Das ist eine Wirkung des Geistes der Gnade. Samuel Lee † 1691.
V. 10. Aber Menschen sind ja nichts. Wenn jemand unter den Menschen unsterblich wäre, ohne Sünde, keiner Veränderung unterworfen, welcher von niemand könnte überwunden werden, stark wie ein Engel Gottes, derselbe möchte noch etwas sein; aber weil er ein Mensch ist, ein Sünder, sterblich, schwach, Krankheit und Tod unterworfen, welchen das allergeringste Tierlein ängsten und quälen kann wie den Pharao, und er so vielem Elend unterworfen ist, dass man’s nicht alle zählen kann, so muss dieser Schluss gewiss sein: Menschen sind ja nichts. Johann Arnd † 1621.
  Eine Lüge sind die Vornehmen. (Grundt.) Bei Menschen von geringem Stande hofft man nicht auf Hilfe; die Vornehmen und Mächtigen aber geben uns auch ohne Worte, eben durch den Stand, in dem sie sich befinden, Aussicht auf Beistand und Schutz. Wer mit einem obrigkeitlichen Amt betraut ist, kann nicht sagen, er habe mir nie seinen Schutz versprochen; das Amt, das er übernommen hat, enthält dies Versprechen, und wenn er es nicht erfüllt, so ist sein Leben eine Lüge. In der Schrift finden wir das Wort Lüge häufig in dem Sinn gebraucht: seine Pflicht oder seinen Zweck nicht erfüllen, die berechtigten Erwartungen täuschen. Man vergl. z. B. Jes. 58,11: Du sollst sein wie ein Quellort, dessen Wasser nicht trügen, d. h. nie versiegen. D. John Donne † 1631.
  Je weniger ein Mensch weiß, was der Allmächtige wiegt, desto höher wiegen ihm die Menschen. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Wie alle Menschen mit allem Irdischen, worauf sie sich verlassen, ein Hauch sind und eine Lüge, wie dieses Irdische selber (vergl. Spr. 31,30), so trägt auch das rein irdische Gebilde des neuen Königtums (Absaloms) den Keim des Untergangs in sich, und Gott wird zwischen dem Entthronten und den Thronräubern in Gemäßheit ihres Verhaltens zu ihm richterlich entscheiden. Das ist der innere Zusammenhang dieser Schlussstrophe mit den vorigen. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 11. Verlasset euch nicht auf Bedrückung, und verfallt nicht durch Raub dem Nichts. (Wörtl.) Wie gewonnen, so zerronnen. Unrecht Gut gedeihet nicht - reichet nicht - faselt nicht. Gestohlen Gut liegt hart im Magen. Unrecht Gut kommt nicht auf den dritten Erben. Das Gut muss gehen, woher es gekommen ist. Böser Gewinn fährt bald dahin. Gewinn ist nicht Gewinn, er sei denn gerecht. Ein Dieb stiehlt sich selten reich. Sprichwörter.
  Hänget euer Herz nicht an die irdischen Güter; denn sie sind nicht fest, sie gewähren euch keinen Halt. Fallen sie, und hängt euer Herz an ihnen, so werdet ihr selber einen schweren Fall tun. Das Geringere kann der leicht lassen, der etwas Besseres in Aussicht hat; wie Samuel zu Saul sprach: Bekümmere dich nicht (im Hebr. ein ähnlicher Ausdruck wie an unserer Stelle) um die Eselinnen; es warten jetzt größere Dinge auf dich. Joseph Caryl † 1673.
  Gut wird nicht darum von Gott gegeben, dass man darauf bauen und trotzen soll, welches ist auch nichts und eitel, sondern dass man sein brauchen und genießen soll und andern mitteilen usw. Aber Menschen lassen es nicht, die bauen und trotzen, beide auf Fürsten und Gut, d. i. allenthalben auf nichts, und handeln auf nichts. Denn "Gut macht Mut"; es ist aber nicht gut und erhält nicht den Mut. Das Herz dran hängen ist so viel wie sich’s annehmen; nicht dran hängen ist, sich’s nicht annehmen und also haben, als hätte man nicht. In den Händen soll das Gut sein, nicht im Herzen; wie Paulus sagt 1.Kor. 7,31, dass wir der Welt sollen brauchen, als brauchte man ihr nicht usw. Martin Luther 1526.
  Was ist gemeint mit Reichtum? Manche mögen wohl denken, die Bedeutung dieses Wortes sei doch nicht misszuverstehen. Tausende befinden sich in diesem Irrtum. Eine hochgestellte Persönlichkeit hörte vor einigen Jahren über diesen Gegenstand predigen und brach, halb vor Erstaunen, halb in Entrüstung, in die Worte aus: "Was braucht er denn hier über den Reichtum zu predigen? In ganz Whitehaven gibt es ja nur einen reichen Mann, Sir James L-r!" Allerdings lebte dort kein zweiter, der ein Jahreseinkommen von achthunderttausend Mark und ein Vermögen von vielen Millionen gehabt hätte. Aber es kann jemand reich sein, der noch keine zweitausend Mark das Jahr einnimmt und keine zwanzigtausend Mark Vermögen hat. Wer auskömmliche Nahrung und Kleidung und etwas übrig hat, der ist reich. Wer für sich und seine Familie hat, was zur Notdurft und Annehmlichkeit des Lebens gehört, und noch etwas erübrigen kann für diejenigen, welche nicht das Nötige haben, der ist reich - es wäre denn, dass er zu den traurigen Menschen gehörte, die das Geld mehr lieben als Gott, zu den Geizhälsen, die das zusammenscharren, was sie den Armen geben könnten und sollten. Von einem solchen sage ich nicht, dass er reich sei, denn er ist ein armer Mann, und wenn er Millionen auf der Bank hat, ja der Ärmste der Armen! O wer die Reichen dazu überreden könnte, ihr Herz nicht an ihre Güter zu hängen! Länger als ein halbes Jahrhundert schon spreche ich immer wieder darüber so deutlich und überzeugend wie möglich; aber mit wie wenig Erfolg! Ich zweifle fast, ob ich in all der Zeit fünfzig solcher Geizhälse von ihrer Sünde überführt habe. Wer hat sich sagen lassen: Du bist der Mann? John Wesley † 1791.
  Der Reichtum ist ungewiss (1.Tim. 6,17) und betrüblich (Mk. 4,19). Reichtum hat Flügel; und hätte er keine, so wird er sich, wie Salomo sagt (Spr. 23,5), Flügel machen. Zum Herbeifliegen hat er zwar keine Flügel so groß wie die eines Sperlings; aber davon fliegt er mit Schwingen de Adlers, der gen Himmel fliegt. Wie viele sind schon durch den Reichtum in eine so heillose Lage gebracht worden, wie Absalom durch sein Maultier, von dem er wohl bis unter den Baum getragen, aber da in seiner größten Not, zwischen Himmel und Erde schwebend, im Stich gelassen wurde! Der Reichtum gleicht den Sodomsäpfeln, die so schön aussehen, aber beim Anfassen zerplatzen und sich als hohl erweisen; er ist eine gehaltlose geometrische Figur, ein Hirngespinst ohne Wesen und Bestand, ein Trug. Aber ärger noch ist, dass du dich von diesem betrüglichen Reichtum betrügen lässest. Christopher Love † 1651.
V. 12. Einmal - zweimal. (Grundt.) Das entspricht der lateinischen Redensart semel atque iterum ; bei den Schriftstellern überhaupt, besonders aber bei den Dichtern, ist es gebräuchlich, bestimmte Zahlen für unbestimmte zu setzen, wie Horaz sagt: felice ter et amplius. John Tillotson † 1694.
V. 12.13. Zwei große Wahrheiten sind dem Dichter göttlich besiegelt. Man übersetze nicht: Einmal hat Gott geredet, nun zweimal hab ich das vernommen, sondern: Eines hat Gott geredet, zweies (ist’s), das ich vernommen, oder: dies Zweies hab’ ich vernommen. Es folgen wirklich zwei Gottesworte. Es sind die zwei großen Wahrheiten: 1) dass Gott die Gewalt über alles Irdische hat, dass also nichts ohne ihn geschieht und dass, was wider ihn ist, eher oder später erliegen muss; 2) dass eben dieses Gottes, des Allherrn (Adonai), auch die Gnade ist, deren Energie sich eben nach seiner Allmacht bemisst und die denjenigen, dem sie sich zuwendet, nicht erliegen lässt. Mit "denn" bestätigt der Dichter diese zwei Offenbarungssätze, welche Gott ihm eingeprägt, aus dessen gerechtem geschichtlichen Walten. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Glaube an die Allmacht Gottes. 1) Es ist schwer, daran zu glauben. Zwar ist sie ein Stück der natürlichen Theologie; sobald wir aber in Schwierigkeiten geraten, sind wir sehr geneigt, sie in Zweifel zu ziehen. Dünkt uns etwas wahrscheinlich, so bitten wir mit guter Zuversicht darum, im andern Fall aber werden wir bald lasch und geraten in dumpfe Mutlosigkeit. 2) Der zuversichtliche Glaube an Gottes Macht ist von großer Bedeutung für unser inneres Leben. Wenn die Seele Gottes Macht in Zweifel zieht, kann sie die Anfechtung nicht mehr aushalten. Die Lebensfähigkeit des Glaubens hängt von dem Glauben an Gottes Allmacht ab; darum steht auch im Glaubensbekenntnis vorne an: Ich glaube an Gott, den Allmächtigen. Der Glaube an diesen ersten Artikel stützt den Glauben an die andern. 3) Es erregt Gottes Missfallen, wenn wir seine Macht in Zweifel ziehen. Er tadelte selbst Mose scharf darüber (4. Mose 11,23), wie auch Christus die Martha (Joh. 11,40). Und wie empfindlich ward Zacharias für solchen Unglauben gestraft! Lasst es deshalb unsere ernste Sorge sein, dass unser Glaube an Gottes Allmacht erstarke und sich im Leben erweise. - Um uns aber dazu zu bringen, dass wir uns ganz auf den HERRN verlassen, ist etwas mehr nötig als die Erkenntnis seiner Macht, also dass er helfen könne. Wir müssen auch die feste Überzeugung gewinnen, dass er helfen wolle. Darum fährt der Psalmist fort : Und dein, Herr, ist die Gnade. Die Gnade ist der herrlichste Edelsteine in Gottes Krone. William Wisheart †1727.

Homiletische Winke

V. 2. Die rechte Stille der Seele. 1) David war still nicht in dumpfem Schweigen, sondern in gläubiger und gehorsamer Ergebung. 2) Er war still zu Gott, dem frei waltenden Herrn, dem Gnädigen und Treuen. 3) Still nur zu Gott, von ganzer Seele und ausschließlich Gottes harrend.
V. 3. Gott ein Fels, hoch und stark, ein Fels der Zuflucht und der Verteidigung. Man ziehe ähnliche Schriftstellen herbei.
V. 3.7. Grundt.: Ich werde nicht viel wanken - ich werde nicht wanken. Erstarkung im Glauben; wie ist sie zu erlangen und wie zu bewahren, und wie erweist sie sich?
V. 4. 1) Die gottfeindliche Welt wünscht, hofft und erstrebt den Fall der einzelnen Christen und den Zusammenbruch des ganzen Christentums. Und doch 2) sind es die Christen und der Einfluss des Christentums, was die Welt noch in den Fugen hält, und wird 3) die Welt in Trümmer gehen, Christi Reich aber bestehen.
V. 5. Haben Gefallen an Lüge. (Grundt.) Menschen, welche Lügen bereitwillig glauben, selber erfinden und mit Lust verbreiten. - Römlinge, Selbstgerechte, Selbstbetrüger, fanatische Irrlehrer, Verfolger usw.
V. 6b. Lasst uns Großes erwarten von dem großen Gott; denn groß sind seine Verheißungen, groß seine Vorkehrungen, groß auch die Proben, welche er uns als Vorgeschmack gibt. Was wir von Gott erhoffen, warum wir es erhoffen und wann.
V. 9a. Hoffet usw. Gott ist wert 1) alles Vertrauens 2) aller Gläubigen 3) zu allen Zeiten.
  Zeiten, da diese Ermahnung besonders vonnöten ist: Zeiten des Glücks, der Trennung von Freunden, der Verleumdung, der Armut, des Schuldbewusstseins, der Heimsuchung, des Sterbens.
V. 9b. Schüttet euer Herz vor ihm aus. Sei offen und einfältig gegen Gott, so findest du Seelenruhe.
V. 11. Allerlei Böses, das mit der Liebe zum Reichtum gewöhnlich verknüpft ist: Abgötterei, Begehrlichkeit, nagende Sorgen, ungeistliche und gemeine Gesinnung, Gottvergessenheit, Versäumung der Nächstenliebe, Verhärtung des Herzens, Neigung zur Ungerechtigkeit usw. Mittel, dieser verführerischen Sünde zu entgehen.
V. 12. 1) Wie Gott spricht: einmal (ein Wort), einfach, machtvoll, unabänderlich. 2) Wie wir hören sollen: zweimal, beständig, das Erkannte sorgfältig sowohl dem Buchstaben wie dem Geist nach ausübend.
V. 12.13. Die ständige Verbindung von Macht und Gnade in der Sprache der Schrift.

Fußnoten

1. Diese Bemerkung passt nicht genau auf rWc ; denn dies heißt Fels, nicht Felskluft, wofür (lase das Wort ist. Vergl. zu Ps. 18,3.

2. Auch Baer folgt der Lesart der tiberiensischen Masoretenschule WxcI:rftI:, welche wie oben angegeben zu übersetzen ist. Allein das Passivum passt nicht in den Zusammenhang, siehe die Forts. V. 5; es ist daher, mit Luther und den meisten, die Lesart der babylonischen Schule WxcI:ratI: anzunehmen. Danach richtet sich auch die Beziehung des Folgenden. Luthers Übersetzung ist also richtig.

3. Grundt.: ihr Leute, eigentl.: Volk. Delitzsch versteht darunter die dem David Getreuen; andere übersetzen etwa: ihr Volksgenossen.

4. Vergl. die Anmerkungen zu Ps. 4,3, Bd. I S. 41, und zu Ps. 49,3, Bd. II S. 126.

5. So übersetzen die engl. Bibel, Hupfeld, Kautzsch u. a. Eigentl.: beim Aufsteigen = wenn sie auf die Waage gelegt werden. Delitzsch, Bäthgen u. a. dagegen: Auf der Waage schnellen sie empor (eigentl.: sie sind bestimmt, emporzuschnellen auf der Waage). Die Schlussworte können verschieden aufgefasst werden; entweder: aus Hauch sind sie allzumal, oder: leichter als ein Hauch sind sie allzumal.

6. Man beachte im Hebr. das Wortspiel mit lbehe, Hauch. Gut Symm.: mh` gi/nesqe a)tmi/j. - Erpressung und Raub sind aus rhythmischen Gründen verteilt, gehören aber logisch zu beiden Versgliedern. Dieser Eigentümlichkeit begegnen wir in der hebräischen Poesie oft.