Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 132


Überschrift

Ein Wallfahrtslied. Das ist ein froher Psalm voll Fürbitte und Hoffnung, der sowohl durch das Bild, das er uns von David entwirft, als auch durch seinen reichen Verheißungsinhalt recht geeignet ist, die Herzen mit neuem Eifer und fröhlicher Glaubenszuversicht zu erfüllen; mögen alle, die nach dem neuen Jerusalem pilgern, sich oft an ihm stärken. Worin der Inhalt des Psalms gipfelt, sagt treffend H. Keßlers Überschrift: Zions Glanz unter Davids Spross. Unverkennbar ist bei näherer Betrachtung das stufenmäßige Emporsteigen des Psalmes, von den Mühsalen Davids V. 1 zu der Krone, die wie eine leuchtende Blume auf dem Haupte des Messias glänzen soll, V. 18, von dem Gebet "Gedenke, HERR, an David" V. 1 zu der Verheißung V. 17 : "Daselbst (in Zion) will ich David ein Horn sprossen lassen." Die zweite Hälfte des Psalms ist gleichsam der strahlende Himmel, der sich über dem Gefilde der Entschlüsse und Gebete des ersten Teiles wölbt.

Einteilung. Der Psalm enthält eine Darlegung des liebenden Eifers Davids, dem HERRN ein Haus zu bauen, V. 1-5, eine Aufforderung, in Gottes Wohnung zur Anbetung einzugehen, V. 6.7, ein Gebet, das vermutlich bei der Überführung der Bundeslade in den Tempel gesprochen wurde, V. 8 -10, und endlich ein Gebet, das Gott seinen Bund und seine Bundesverheißungen vorhält, V. 11-18.

Auslegung

1. Gedenke, HERR, an David
und an all sein Leiden,
2. der dem HERRN schwor
und gelobte dem Mächtigen Jakobs:
3. "Ich will nicht in die Hütte meines Hauses gehen
noch mich aufs Lager meines Bettes legen,
4. ich will meine Augen nicht schlafen lassen
noch meine Augenlider schlummern,
5. bis ich eine Stätte finde für den HERRN,
zur Wohnung dem Mächtigen Jakobs."

1. Gedenke, HERR, an David und an alle sein Leiden oder seine Mühsal. Mit David hatte der HERR den messianischen Verheißungsbund 2. Samuel 7 geschlossen, darum hält das Gebet Gott Davids Namen vor zugunsten seiner Nachkommen und Thronerben sowie zugunsten des Volkes, das durch das davidische Herrschergeschlecht gesegnet zu werden begehrte. Jehovah, der Unwandelbare, wird niemals einen seiner Diener vergessen oder es an der Bundestreue fehlen lassen; aber auch das, wovon wir ganz gewiss sind, dass der HERR es tun wird, soll dennoch Gegenstand unserer Gebete sein. Die Bitte des Psalms lautet, der HERR möge gedenken; das ist ein sehr bedeutungsvoller Ausdruck. Wir wissen, dass der HERR an Noah gedachte, und siehe, die Sintflut nahm ein Ende (1. Mose 8,1 ff.); er gedachte an Abraham und geleitete Lot aus Sodom (1. Mose 19,29); er gedachte an Rahel (1. Mose 30,22) und an Hanna (1. Samuel 1,19) und schenkte ihnen Söhne; er gedachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob und erlöste sein Volk aus Ägypten (2. Mose 2,24). Es ist ein Ton, der uns immer wieder besonders das Herz bewegt: "Er gedachte an uns, denn seine Güte währet ewiglich" (Ps. 136,23), und wie gerne kehren wir zu der Bitte des Schächers zurück: "Herr, gedenke an mich!" (Lk. 23,42 .) Der Psalm fleht zu Gott, er wolle Davids Nachkommen um ihres Urahns willen segnen; wieviel kraftvoller aber ist der Grund, den wir in unsern Gebeten Gott vorhalten dürfen, dass er uns wohltun wolle um Jesu willen! David hatte bei all der Mühe, die er sich um den Tempelbau machte, doch kein persönliches Verdienst, sondern die Bitte kann sich im letzten Grunde doch nur auf den Bund stützen, den der HERR in seiner herablassenden Gnade mit ihm geschlossen hatte; Jesus aber hat Verdienste, die ganz sein Eigen sind, und Verdienste von unausschöpflichem Werte; diese dürfen wir ohne Bedenken geltend machen. Wenn der HERR mit dem regierenden Fürsten zürnte, so rief das Volk: "HERR, gedenke an David!" und wenn Israel irgendeines besonderen Segens bedurfte, so sang es wiederum: "HERR, gedenke an David!" Das war ein vortreffliches Gebet, aber doch noch lange nicht so gut wie unser Flehen, das da lautet: "HERR, gedenke an Jesus und an all sein Leiden!"
  Die Leiden oder eigentlich das Geplagtsein, die Mühsal , wovon hier der Psalm redet, sind die Mühsale, welche auf David fielen, weil er in seiner Gottseligkeit bemüht war, die Anbetung Jehovahs aufrecht zu erhalten und für einen würdigen Gottesdienst Sorge zu tragen. Es sind vor allem auch, wie die folgenden Verse zeigen, seine Bemühungen gemeint um eine geziemende Stätte für die Bundeslade und um die Aufrichtung eines herrlichen Tempels für den Jehovahdienst. 1. Chr. 22-29 zeigen, wie arbeitsreich das Leben dieses Königs gewesen sein muss und wie all sein Denken und Streben den Vorbereitungen zur Ausführung seines Lieblingsplanes galt. Es war ein köstlich Werk (vergl. 1.Tim. 3,1), aber eben ein Werk im ernstesten Sinne des Worts. Neben dieser süßen Mühsal wird es ihm aber auch an anderer dabei nicht gefehlt haben. Es war immer eine widergöttliche Partei im Volke, und diese Leute waren gewiss nicht lässig, den Knecht des HERRN in seinen gottseligen Bemühungen zu hemmen, zu verleumden und auf alle Art zu quälen. Was immer David für Fehler hatte, so hielt er doch fest an dem einen allein wahren und lebendigen Gott; darum war er unter den Königen wie ein sprenklichter Vogel, über den alle andern herfallen (Jer. 12,9). Eben weil er mit solchem Eifer seine Lust hatte an der Anbetung Jehovahs, seines Gottes, wurde er verachtet und lächerlich gemacht von denen, die diese seine Begeisterung nicht verstehen konnten. Ein besonders schmerzliches Beispiel davon ist der öffentliche Spott seiner eigenen Gemahlin, der Tochter Sauls (2. Samuel 6,20). Gott wird niemals vergessen, was die Seinen um seinetwillen leiden. Ohne Zweifel ergießen sich unzählige Segnungen über Familien wie auch über ganze Völker um des gottseligen Lebens und geduldigen Leidens der Heiligen willen. Wir können nicht selig werden durch die Verdienste anderer, aber es steht außer Frage, dass uns durch ihre gottgewirkten Tugenden viele Segnungen zukommen. Der Verfasser des Hebräerbriefes sagt: Gott ist nicht ungerecht, dass er vergesse eures Werks und der Arbeit der Liebe, die ihr erzeigt habt an seinem Namen (Hebr. 6,10). Und ähnlich lautet hier im Psalm die Bitte (wörtl.): Gedenke, HERR, dem David all seine Mühsal. In der Haushaltung des Alten wie des Neuen Bundes gibt es vollen Lohn für die Gerechten. Diese Frucht ihres Wirkens und Leidens bekommen hienieden häufig ihre Nachkommen mehr als sie selber zu genießen: sie säen, und ihre Nachfolger ernten. Wir dürfen auch heute beten: HERR, gedenke der Blutzeugen und treuen Bekenner, die um deines Namens willen so viel erlitten haben, und segne unser Volk und Land mit der Gnade des Evangeliums um unserer Väter willen!

2. Der dem HERRN schwor und gelobte dem Mächtigen Jakobs . In dem Drang seines aus inniger Liebe zum HERRN hervorgehenden Eifers drückte David seinen Entschluss in der Form eines feierlichen Gelübdes aus, das er mit einem Eide bekräftigte. Je weniger von solchen Gelübden, desto besser, wenigstens in der gegenwärtigen Ordnung des Neuen Bundes, dessen Gesetzgeber und vorbildlicher Vertreter gesagt hat: Ihr sollt überhaupt nicht schwören. Vielleicht wäre es aber sogar in Davids Fall klüger gewesen, den frommen Entschluss in Form eines einfachen Gebetes in Gottes Händen zu lassen; denn das feierliche Gelübde wurde nicht tatsächlich, so wie David es gemeint hatte, ausgeführt, da der HERR ihm ja verbot, einen Tempel für ihn zu bauen. Es ist besser, wir schwören nicht, dies oder das zu tun, ehe wir wissen, was der HERR davon denkt, und dann wird ein Schwur erst recht nicht nötig sein. Das Beispiel von Davids Gelübde zeigt, dass solche unter Umständen zulässig sind, aber es beweist nicht, dass sie wünschenswert sind. Es will uns doch dünken, David sei in seinen Ausdrücken zu weit gegangen, und es ist gut, dass der HERR ihn nicht buchstäblich beim Worte nahm, sondern den Willen für die Tat gelten ließ und den Sinn seines Versprechens ansah statt des Wortlautes desselben. David ahmte dem Erzvater Jakob nach, in dessen Leben das Gelübde von Bethel eine so große Rolle spielte (1. Mose 28,20-22; 31,13), und auf David ruhte der von Isaak über Jakob gesprochene Segen: "Der allmächtige Gott segne dich" (1. Mose 28,3), dessen der Patriarch noch auf seinem Sterbebette gedachte, da er von dem Mächtigen Jakobs redete (1. Mose 49,24). Dieser starke Hort Jakobs hat Macht, uns zu erhören und uns zur Erfüllung unserer Gelübde zu helfen. Heilige Scheu sollte uns durchdringen bei dem Gedanken, dem Allmächtigen gegenüber ein Versprechen abzulegen; mit ihm zu spielen, wäre schreckliche Vermessenheit. Bei Jakob war es, wie so oft, die Angst der Seele, die ihn dazu trieb, Gott ein Gelübde zu tun. Bei David waren es andere Beweggründe; aber das dürfen wir wohl sagen, dass auch bei ihm die vorangegangenen Leidenszeiten wesentlich dazu beigetragen haben, in ihm den heiligen Eifer für den HERRN zu erwecken, der in diesem Gelübde zum Ausdruck kam. Auch die Bemerkung wollen wir anfügen, dass, wenn Davids Gelöbnis hier dem HERRN in Erinnerung gebracht wird, noch viel mehr die heiligen Verpflichtungen, die der Herr Jesus uns zugute auf sich genommen hat, allezeit dem Allmächtigen im Gedächtnis sind, zu dem unsere Seele sich in der Not wendet.
  Beachten wir in diesem Verse, dass Jehovah auch jetzt noch der Gott Jakobs war, also derselbe ist gestern und heute und in Ewigkeit; ferner, dass der Glaube sich darauf stützt, dass der HERR mächtig ist, allen denen zu Hilfe zu kommen, die wie Jakob ihr Vertrauen auf ihn setzen in all ihren mannigfaltigen Leiden und Mühsalen. Er ist überdies in besonderem Sinne der Mächtige, der starke Hort seines Volkes; er ist der Gott Jakobs in einem Sinne, in welchem er nicht der Gott der Leute dieser Welt ist. So finden wir also hier drei Stücke in Bezug auf unsern Gott hervorgehoben: erstens seinen inhaltsreichen Hauptnamen: Jehovah, sodann eine seiner Eigenschaften: seine Macht, und drittens sein besonderes Bundesverhältnis: der Mächtige Jakobs . An ihn richtet sich das Gebet des Psalms, an David und seine Mühsal zu gedenken, und in jedem dieser drei Stücke liegt eine kräftige Begründung der Bitte.

3. Ich will nicht in die Hütte meines Hauses gehen noch mich aufs Lager meines Bettes legen. David schwor, es sich in seinem Hause nicht bequem zu machen noch sich Ruhe auf seinem Lager zu gönnen, bis er eine Stätte gefunden, wo die Gottesdienste Jehovahs würdig gefeiert werden könnten. Man hatte die heilige Lade vernachlässigt, und die Stiftshütte war der Geringschätzung verfallen. Darum wollte er die Bundeslade aus der Vergessenheit hervorholen und für sie ein geziemendes Heiligtum erbauen; er war tief von dem Gefühl erfüllt, dass er an seinem eigenen Palast keine volle Freude haben könne, bis dies geschehen sei. David meinte es vortrefflich; aber er sagte allerdings mehr, als er ausführen konnte. Er redete in Hyperbeln, wie es die Morgenländer gerne tun, das heißt in starken Ausdrücken, die man nicht nach dem Buchstaben pressen darf, und der HERR wusste, was er meinte. Der Eifer misst seine Ausdrücke nicht immer genau ab, denn er denkt nicht daran, wie Menschen darüber urteilen werden, sondern wird ganz hingerissen von der Liebe zu dem HERRN, der in den Herzen der Seinen liest. Ich denke, der Sinn ist, dass David sich nicht als ein Haus habend ansehen, sich in seinem Palast nicht heimisch fühlen wollte, und dass er desgleichen auf seinem Bette es sich nicht wohl sein lassen, sich nicht gemächlich dem Schlummer der Zufriedenheit hingeben wollte, bis er würde sprechen können: HERR, mache dich auf zu deiner Ruhe! Ach, es sind ihrer viele um uns her, die ihre Sorge für den Dienst des HERRN niemals übertreiben werden! Bei ihnen ist keine Gefahr, dass sie sich je in ihrem Eifer eine Unvorsichtigkeit werden zu Schulden kommen lassen! Ihr Haus lässt an Bequemlichkeit nichts zu wünschen übrig, und ihr Bett ist weich genug; was aber den HERRN und seine Sache angeht - mag Gottes Volk in einer Scheune zusammenkommen müssen oder überhaupt keine Stätte haben, da es sich versammeln kann, das rührt sie wenig! - Beachten wir, dass Jakob in seinem Gelübde ausgesprochen hatte, der Stein, auf dem er geruht, solle ein Gotteshaus werden, und dass Davids Gelübde ebenfalls von einem Hause für Gottes Anbetung handelt.

4. Ich will meine Augen nicht schlafen lassen noch meine Augenlider schlummern. Er konnte nicht mit Lust den Schlaf genießen, bis er sein Bestes getan, um für die heilige Lade eine Stätte zu bereiten. Er bedient sich eines starken Ausdrucks, den wir nicht mit dem Seziermesser zerlegen dürfen. Bedenken wir, dass der Mann, der so sprach, ganz in der Glut des Eifers war, auch dass es sich hier um dichterische Ausdrucksweise handelt; daher ist die Sprache nicht die, welche wir bei kaltem Blute brauchen würden. Jedermann weiß, was der Gottesmann meint und wie innig er es meint. Ach, dass noch recht viele von Schlaflosigkeit ergriffen würden, weil das Haus des HERRN wüste liegt! Wie viele können o so fest schlafen und ohne dass irgendein Traum sie beunruhigt, während Gottes Sache durch ihre Habsucht im elendesten Zustand ist. Was wird aus denen werden, die sich um die göttlichen Angelegenheiten nicht kümmern und den Ansprüchen ihres Gottes niemals in ihren Gedanken einen Platz geben?

5. Bis ich eine Stätte finde für den HERRN, zur Wohnung dem Mächtigen Jakobs. Er war fest entschlossen, eine Stätte zu suchen, wo Jehovah seine Anbetung erlauben würde, ein Haus zu gründen, wo Gott Wohnung nehmen, das Sinnbild seiner Gegenwart aufzurichten gestatten und mit seinem Volke verkehren würde. Es gab zu der Zeit in dem ganzen weiten Gebiet des davidischen Reiches keinen angemessenen Raum für die heilige Lade, über welcher doch des HERRN Gnadenthron war, keinen Ort, wo Weihrauch und Opfer dargebracht werden konnten und die Herrlichkeit des HERRN sich kundtat. Das ganze Heiligtum und alles, was damit zusammenhing, war in Verfall geraten, und die äußeren Formen des Gottesdienstes wurden allzu wenig beachtet; darum fasst der König den Entschluss, darin allen voranzugehen und dies seine erste und vornehmste Sorge sein zu lassen, dass eine bessere Ordnung der Dinge zustande komme.
  Doch können wir nicht umhin, zu bemerken, dass der fromme Entschluss Davids dem irdischen Gotteshause viel mehr Wichtigkeit beilegte, als der HERR selber jemals solchen Dingen beigemessen hat. Das kommt zum Ausdruck in der göttlichen Botschaft, welche der Prophet Nathan dem Könige auszurichten hatten "Gehe hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht der HERR: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne? Hab ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag, da ich die Kinder Israel aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, sondern ich habe gewandelt in der Hütte und Wohnung. Wo ich mit allen Kindern Israel hin wandelte, hab ich auch je geredet mit irgend der Stämme Israel einem, dem ich befohlen habe, mein Volk Israel zu weiden, und gesagt: Warum bauet ihr mir nicht ein Zedernhaus?" (2. Samuel 7,5-7 .) Stephanus spricht in seiner geisterfüllten Rede darüber sehr klar: "Salomo baute Gott ein Haus. Aber der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind." (Apg. 7,47 f.) Es ist eine in die Augen fallende Tatsache, dass die wahre Religion in Israel nie in größerer Blüte war als in den Zeiten, ehe noch der Tempel gebaut war, und dass der Geist der Frömmigkeit von dem Tage an abnahm, da jenes prächtige Gotteshaus errichtet wurde. Fromme Leute haben oft Dinge auf dem Herzen, die ihnen von der größten Wichtigkeit scheinen, und ihr Streben, sie auszuführen, kann Gott wohlgefällig sein; und dennoch mag er es in seiner unendlichen Weisheit für besser halten, sie von der Verwirklichung ihrer Pläne abzuhalten. Gott misst die Handlungen seiner Kinder nicht nach ihrer Weisheit oder ihrem Mangel an Weisheit, sondern nach dem aufrichtigen Verlangen, ihn zu verherrlichen, das zu jenen Handlungen geführt hat. Wiewohl es David nicht gestattet wurde, sein Gelübde zu erfüllen, brachte sein Entschluss dennoch einen überschwänglich reichen Segen über ihn: Der HERR verhieß ihm, das Haus seiner Familie zu bauen, weil er begehrt hatte, das Haus des HERRN zu bauen. Noch dazu ward es dem König vergönnt, die Mittel und alles sonst Nötige für die Errichtung des herrlichen Hauses vorzubereiten, das sein Sohn und Thronerbe erbauen durfte. Der HERR zeigt uns manchmal, dass unser Bestreben, etwas für ihn zu tun, ihm wohlgefällig ist, indem er uns erlaubt, etwas anderes zu tun, das nach seinem erhabenen Urteil für uns passender und seiner Ehre dienlicher ist.
6. Siehe, wir hörten von ihr in Ephrata;
wir haben sie gefunden auf dem Felde des Waldes.
7. Wir wollen in seine Wohnung gehen
und anbeten vor seinem Fußschemel.

6. Wo war denn eigentlich mittlerweile die Wohnung Gottes unter den Menschen? Seine Herrlichkeit pflegte sich ja auf dem Gnadenstuhl kundzutun, zwischen den Cherubim, die die Lade überschatteten; aber wo war die Bundeslade? Sie war verborgen, ein Fremdling im eigenen Lande. Siehe, wir hörten von ihr in Ephratha. Es drang ein Gerücht an die Ohren der Leute, sie sei irgendwo im Gebiet von Ephraim,1 mehr ein Gegenstand der Scheu als der Freude. Ist es nicht verwunderlich, dass das herrliche Sinnbild der Gegenwart Jehovahs so lange vernachlässigt blieb, und zwar so vernachlässigt und vergessen, dass es auffallend war, dass man überhaupt etwas davon hörte, wo sie ungefähr stecke? Wenn der Mensch über Gott und Gottes Dienst nachzudenken beginnt, dann ist es hoch erfreulich, vom Evangelium Kunde zu bekommen. In Anbetracht all des Widerstandes und der Feindschaft, die es betroffen, ist es ja erstaunlich, dass man überhaupt noch etwas von diesem Evangelium hört, und sogar an abgelegenen, von den Hauptplätzen des Verkehrs entfernten Orten; andererseits stimmt uns das traurig, dass man so vielfach nur in Verbindung mit irgendeinem ärmlichen, verachteten Orte davon hört. Was ist dies Ephratha, von dem der Dichter redet? Wir wissen es heutzutage nicht mehr, was er damit meint, und können nur allerlei Vermutungen anstellen. Wie konnte die heilige Lade so lange an einem solchen Orte bleiben?
  David stellte, wie es scheint, Nachforschungen nach der Bundeslade an. Man suchte nach ihr überall, in Berg und Tal, und endlich machte man sie in den Fluren Jaars, d. i. Kirjath-Jearims, der Waldstadt, ausfindig. Wie oft finden Menschenkinder Christum und sein Heil an ganz abseits gelegenen Orten und Stätten! Was tut’s, wo wir ihm begegnen, wenn wir ihm nur ins Auge sehen dürfen, ihn im Glauben anschauen und das Leben in ihm finden? Welch herrliches Heureka ("Ich hab’s gefunden") ist in unserem Verse! Mit Hören fing die Sache an, dann kam es zum Suchen, und das Ende war ein fröhliches Finden: Wir haben sie gefunden auf dem Felde des Waldes. Ach, dass für den HERRN kein Raum war in den Palästen der Fürsten, so dass er mit dem Waldgefilde vorlieb nehmen musste! Doch ob Christus auch im Walde wäre, so wird er doch gefunden werden von denen, die ihn suchen. Er ist ebenso nahe in der vom Walde umschatteten ländlichen Hütte wie in den offenen Straßen der Städte; ja er wird selbst auf das Gebet antworten, das mitten aus dem dichtesten Urwald an ihn gerichtet wird, wo der einsame Wanderer alle Hoffnung fahren lassen zu müssen scheint, gehört zu werden. Unser Text reicht uns ein Beispiel dar von einem, dessen Herz darauf gerichtet war, den Ort zu finden, wo Gott mit ihm zusammentreffen würde; das Verlangen schärfte sein Ohr, so dass die frohe Kunde ihm bald bekannt wurde. Diese Nachricht fachte seinen Eifer zu neuer Glut an, so dass er sich von keiner Schwierigkeit in seinen Nachforschungen hemmen ließ; und so geschah es, dass er da, wo er es kaum hätte erwarten können, auf den Schatz stieß, der ihm mehr als alles galt!

7. Wir wollen in seine Wohnung gehen. Nun wir die Stätte gefunden, wo er wohnt, wollen wir dahin eilen. Der Priester möge für uns dort den ihm vom HERRN befohlenen heiligen Dienst verrichten, und unsere Herzen sollen dahin eingehen, wo unser Leib nicht eintreten darf. David2 ist nicht allein, er hat mit andern nach der Bundeslade gesucht, und nun freuen diese sich, ihn auf seiner Wallfahrt zu dem Heiligtum begleiten zu dürfen. Wir haben sie gefunden, sagen sie, und wir wollen hingehen. Weil es des HERRN Gezelt ist, darum wollen wir miteinander dorthin pilgern. Und anbeten vor seinem Fußschemel. Auch das beste irdische Haus kann höchstens der Fußschemel eines so erhabenen Königs sein. Die heilige Lade vermag nur die Herrlichkeit seiner Füße zu enthüllen, nach der Verheißung, dass er die Stätte seiner Füße herrlich machen wolle (Jes. 60,13); doch wollen wir dahin mit Freuden eilen, in froher Gemeinschaft, und dort vor ihm niederfallen. Wo Jehovah sich offenbart, da soll er in Ehrfurcht verehrt werden. Es genügt nicht, in das Haus des HERRN zu gehen, sondern wir sollen dahin gehen, um anzubeten; wir entweihen nur sein Heiligtum, wenn wir es zu einem andern Zwecke betreten.
  Ehe wir diese Verse verlassen, wollen wir noch das stufenmäßige Aufsteigen beachten: Wir hörten - wir haben gefunden - wir wollen gehen - und anbeten.
8. HERR, mache dich auf zu deiner Ruhe,
du und die Lade deiner Macht!
9. Deine Priester lass sich kleiden mit Gerechtigkeit
und deine Heiligen sich freuen.
10. Wende nicht weg das Antlitz deines Gesalbten
um deines Knechts David willen.

8. In diesen drei Versen sehen wir die Finder der heiligen Lade diese an den ihr bestimmten Platz verbringen, wobei sie eine Gebetsform gebrauchen, die an diejenige erinnert, deren Mose sich zu bedienen pflegte, indem er sprach: "HERR, stehe auf!" und wiederum: "Komm wieder, HERR, zu der Menge der Tausende Israels!" (4. Mose 10,35 f.) Lange Zeit war die Bundeslade von einem Ort zum andern gezogen und keine geeignete Stätte für sie im Lande Kanaan gefunden worden; nun aber haben fromme Männer für sie einen Tempel errichtet, und sie singen: HERR, mache dich auf zu deiner Ruhe, Du und die Lade deiner Macht! Sie hofften, dass das hochheilige Gerät, das Sinnbild der Gnadengegenwart Jehovahs und des Bundes, nunmehr eine dauernde Heimstätte, eine Ruhestatt gefunden habe, und gaben sich der frohen Zuversicht hin, dass Jehovah hinfort immerdar bei ihr bleiben werde. Es wäre ja umsonst, dass man für die Bundeslade eine bleibende Wohnung aufgeschlagen, wenn der HERR nicht bei ihr verweilen und beständig von dem Gnadenthron zwischen den Cherubim seine Herrlichkeit kundtun würde. Nimmt der HERR nicht bei uns seinen Ruheplatz, so gibt es für uns keine Ruhe, und bleibt die Lade seiner Macht nicht bei uns, so sind wir ohnmächtig. Die Bundeslade wird hier mit einem Namen genannt, der ihr wohl gebührte; denn als sie in der Gefangenschaft war, schlug sie die, welche sie gefangen genommen hatten, und zerschmetterte ihren Götzen, und als man sie ins Land Israel zurückgebracht hatte, wahrte sie ihre Ehre, indem diejenigen starben, welche sie unehrerbietig zu behandeln sich erdreisteten (1. Samuel 5; 6). In solch erhabener Weise offenbarte sich die Macht Gottes an der heiligen Lade. Voller Ehrfurcht sprach darum Salomo von ihr in seinem Gebet, als er den lebendigen Gott anflehte, den Tempel durch seine Gegenwart zu weihen. Es ist der HERR mit seinen Bundesgnaden, unser Bundesgott, dessen Gegenwart wir in unsern heiligen Versammlungen begehren, und diese seine Gegenwart ist die Kraft seines Volkes. Ach, dass wirklich der HERR in allen unsern Gemeinden bleibe und seine Macht in Zion offenbare!

9. Deine Priester lass sich kleiden mit Gerechtigkeit. Kein Gewand ist von so herrlichem Glanze wie das der Heiligkeit oder, wie der Psalm sich ausdrückt, der Gerechtigkeit, womit wohl das mit Gottes Willen vollkommen übereinstimmende, mit seinem Wohlgefallen gezierte Verhalten gemeint ist. Mit diesem herrlichen Kleide ist unser großer Hohepriester allezeit geschmückt, und er will, dass alle die Seinen den gleichen Schmuck tragen. Nur dann sind Priester fähig, vor dem HERRN zu erscheinen und dem Volke zu Nutzen ihres Dienstes zu warten, wenn ihr Leben mit der Würde der durch Gottes Gnade gewirkten Tugend geziert ist. Sie müssen stets dessen eingedenk sein, dass sie Priester Gottes sind, und sie sollen darum auch die Amtstracht oder Dienstkleidung ihres Herrn tragen, die da ist die Heiligkeit; sie sollen nicht nur Gerechtigkeit haben, sondern damit bekleidet sein, so dass an ihnen in ihrem ganzen Wesen, in allen Stücken Gerechtigkeit, d. i. Gottes Willen und Wort gemäßes Verhalten, sichtbar werde. Jedermann, der Gottes Diener ansieht, sollte an ihnen Heiligkeit sehen, wenn er auch nichts anderes sähe. Diese Gerechtigkeit der am Heiligtum Dienenden wird nun in dem Psalm erbeten in Verbindung mit der Gnadengegenwart des HERRN; daraus mögen wir lernen, dass Heiligkeit nur bei denen erfunden wird, die mit dem HERRN Umgang pflegen, und dass sie ihnen nur dadurch zuteil wird, dass er selbst ihre Seelen heimsucht. Gott will nur unter einem heiligen Volke wohnen; und wiederum gilt: Wo Gott ist, da werden die Menschen heilig.
  Und deine Heiligen (Frommen) sich freuen, Grundt.: frohlocken, jubeln. Heiligkeit und Fröhlichkeit gehen miteinander; wo das eine sich findet, da sollte das andere nicht weit zu suchen sein. Menschenkinder, die von Herzen fromm sind, haben ein Recht zu großer und sich auch deutlich bezeugender Freude; sie dürfen vor Freude jubeln. Weil sie Heilige sind und deine Heiligen, o Gott, und weil du gekommen bist, um bei ihnen zu wohnen, hast du es ihnen zur seligen Pflicht gemacht, sich zu freuen und anderen ihre Freude kundzutun. Der Satz ist beides, ein Wunsch und eine Aufforderung, ein Gebet an den HERRN und eine Mahnung an die Frommen. Wie oft befiehlt die Heilige Schrift den Gotteskindern, sich zu freuen in dem HERRN! Welch eine fröhliche Religion ist das doch, die es zu einer Pflicht macht, fröhlich zu sein! Wo Gerechtigkeit das Kleid ist, da darf die Freude wohl die Hantierung sein.

10. Wende nicht weg das Antlitz deines Gesalbten um deines Knechts David willen. Eben haben wir Salomo beten hören, und nun bittet das Volk für ihn, dass der HERR sein sich betend dem HERRN zuwendendes Angesicht nicht zurückwenden oder zurückweisen, ihm die Audienz nicht verweigern wolle. Es ist ein schrecklich Ding, wenn Gott macht, dass wir unser Antlitz in Scham von ihm abwenden müssen, oder er sein Angesicht von uns kehrt. Sind wir Gesalbte des HERRN, gesalbt mit seinem Geiste, so wird der HERR uns wohlgefällig anblicken. Besonders gilt dies von dem einen, der uns vertritt und uns zugute der Christus, der Gesalbte des Herrn, im höchsten Sinne ist. Jesus ist beides, unser David und Gottes Gesalbter; in ihm ist das in der Fülle, was David in einem gewissen Maße empfangen hatte. Um seinetwillen finden alle, die in ihm die Salbung empfangen haben, bei Gott Annahme. Gott segnete Salomo und ihm nachfolgende Könige um Davids willen, und uns wird er segnen um Jesu willen. Welche Herablassung war es von dem Sohn des Höchsten, dass er Knechtsgestalt annahm, um uns zugute gesalbt zu werden und vor den Gnadenthron zu gehen, um dort für uns einzutreten! Unser Psalm singt von der Bundeslade und mag uns daher wohl daran erinnern, dass der gesalbte Priester hinter den Vorhang ging; alles hing für das Volk davon ab, ob er bei Gott gnädiges Gehör fand, darum betete das Volk mit Recht auch in Bezug auf ihn: Wende nicht weg das Antlitz deines Gesalbten!
  So haben wir denn in diesen drei Versen ein Gebet für den Tempel, die Bundeslade, die Priester, die Leviten, das Volk und den König; jede der Bitten ist reich an Bedeutung und unseres sorgfältigen Nachdenkens wert. Je mehr wir in unsern Bitten auch auf das Einzelne eingehen, desto besser; der Fehler der meisten Gebete ist ihre Unbestimmtheit. In Gottes Haus und Dienst Bedarf alles Einzelne des göttlichen Segens, und ebenso hat ihn jede Person, die damit in Beziehung steht, beständig nötig. Wie David ein Gelübde tat und betete, als er im Sinne hatte, der heiligen Lade eine Stätte zu bereiten, so wird jetzt mit dem Gebet fortgefahren, da der Tempel geweiht wird und der HERR ihn mit seiner Herrlichkeit zu erfüllen geruht. Wir werden mit dem Beten nie zu Ende kommen, bis wir aufgehört haben, etwas zu bedürfen.
11. Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen,
davon wird er sich nicht wenden:
"Ich will dir auf deinen Stuhl setzen
die Frucht deines Leibes.
12. Werden deine Kinder meinen Bund halten
und mein Zeugnis, das ich sie lehren werde,
so sollen auch ihre Kinder
auf deinem Stuhl sitzen ewiglich."
13. Denn der HERR hat Zion erwählt
und hat Lust, daselbst zu wohnen.
14. "Dies ist meine Ruhe ewiglich,
hier will ich wohnen; denn es gefällt mir wohl.
15. Ich will ihre Speise segnen
und ihren Armen Brot genug geben.
16. Ihre Priester will ich mit Heil kleiden,
und ihre Heiligen sollen fröhlich sein.
17. Daselbst soll aufgehen das Horn Davids;
ich habe meinem Gesalbten eine Leuchte zugerichtet.
18. Seine Feinde will ich mit Schanden kleiden;
aber über ihm soll blühen seine Krone."

11. In diesen Versen haben wir ein herrliches Gebet vorliegen, von einer Art, die stets bei unserem Gott wirksam ist; denn es ist ein Flehen, das sich auf des HERRN eigene Bundesverheißungen beruft. Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen. Wir können bei unserem dringenden Flehen Gott nichts vorhalten, was seinem eigenen Wort und Eid gleichkäme. Jehovah schwört, damit unser Glaube in sein Wort feste Zuversicht setze; er kann nicht mehr geloben, als er zu halten vermag. Was er schwört, ist die lautere Wahrheit; es wird gewisslich eintreffen. Menschen mögen zu Meineidigen werden, aber niemand wird so gottlos sein, dies von dem Gott der Wahrheit zu denken. Durch den Propheten Nathan war dieser Bund Jehovahs dem David übermittelt worden, und es konnte dabei keine Täuschung geben. Davon wird er sich nicht wenden. Jehovah ist kein wetterwendisches Wesen. Er geht nie von dem ab, was er beschlossen, geschweige denn von seiner feierlich durch einen Eid bekräftigten Zusage. Er, Jehovah, wandelt sich nicht (Mal. 3,6). Er ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? (4. Mose 23,19 .) Auf was für Felsengrund stehen doch diejenigen, die einen unveränderlichen Eidschwur Gottes unter den Füßen haben! Wir wissen, dass dieser Bund in seinem tiefsten Sinne mit Christus, dem geistlichen Samen Davids, geschlossen worden ist, denn Petrus redet davon zu Pfingsten deutlich (siehe Apg. 2, 29-31, besonders V. 30). Christus also sitzt auf einem sicheren Throne für immer und ewig, denn er hat den Bund gehalten (V. 12 in unserem Psalm), und durch ihn kommt der Segen über Zion (V. 13), dessen Arme (V. 15) in ihm gesegnet werden. Ich will dir auf deinen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes. Jesus entstammte dem Geschlechte Davids, wie die Evangelisten sorgfältig berichten; er war "von dem Hause und Geschlechte Davids" (Lk. 2,4; 1,32 usw.). Er ist der König der Juden, und der HERR hat ihm auch die Heiden zum Erbe gegeben. Er muss herrschen, und seines Königreichs wird kein Ende sein. Gott selber hat ihn auf den Thron gesetzt, und keine Empörung, weder von Menschen noch Teufeln, kann seine Herrschaft erschüttern. Die Ehre Jehovahs ist damit, dass er auf dem Throne bleibt, unlöslich verknüpft, darum ist seine Regierung nie in Gefahr; denn der HERR wird nicht zulassen, dass sein Eid zu Schanden werde.

12. Werden deine Kinder (wörtl.: Söhne) meinen Bund halten und mein Zeugnis, das ich sie lehren werde. Es ist eine Bedingung an den Bund geknüpft, sofern derselbe die Könige aus Davids Stamm vor dem Kommen des wahren Samens betraf; dieser Davidssohn im höchsten Sinne des Wortes hat aber jene Bedingung aufs vollkommenste erfüllt und damit den Bund sowohl in Bezug auf ihn selbst als auch in Bezug auf seinen geistlichen Samen auf ewige Zeiten unanfechtbar gemacht. Betrachten wir die Verheißung in ihrer zeitlichen Beziehung, so war es nichts Geringes für Davids Nachkommen, dass ihnen bei gutem Verhalten der Thron gesichert war. Diese Fürsten trugen ihre Krone von Gott zu Lehen unter der Bedingung der Treue gegen ihren Oberherrscher, der sie zu der hohen Stellung erhoben hatte. Ihre Bundestreue sollten sie erweisen durch Gehorsam gegen Gottes Gesetz sowie durch Glauben an die göttliche Wahrheit. Sie sollten Jehovah sowohl als ihren Gebieter als auch als ihren Lehrer anerkennen. Welche große Herablassung von Gott, dass er sie lehren wollte! Mit welcher Freude hätten sie ihm verständnisvollen Gehorsam entgegenbringen sollen! Wie angemessen, wie recht und billig und wie notwendig war die Bedingung, welche Gott macht, dass sie ihm aufrichtige Treue halten sollten, da der in Aussicht gestellte Lohn die herrliche Verheißung war: So sollen auch ihre Kinder (wörtl.: Söhne) auf deinem Stuhl sitzen ewiglich. Wollen sie zu seinen Füßen sitzen, so will Gott sie auf dem Thron sitzen lassen; werden sie den Bund halten, so sollen sie die Krone behalten von einem Geschlecht zum andern.
  Das Reich Juda könnte heutigen Tages noch bestehen, wenn die Könige dieses Reiches dem HERRN treu gewesen wären. Kein Aufruhr im Innern und kein Angriff von außen hatte das davidische Königshaus stürzen können; es fiel durch seine Sünde, und aus keiner andern Ursache. Wiewohl er fort und fort gereizt ward, war der HERR doch erstaunlich langmütig; denn noch lange (134 Jahre) nachdem das abtrünnige Israel in die Gefangenschaft weggeschleppt worden war, blieb Juda bestehen. Wunder der Barmherzigkeit taten sich an diesem Volke kund. Gottes Geduld überschritt alle gewöhnlichen Grenzen, denn des HERRN Rücksicht auf David war außerordentlich groß. Die Fürsten aus dem Hause David schienen ganz darauf versessen, sich selber ins Unglück zu bringen, darum vermochte nichts sie vom Verderben zu retten. Die Gerechtigkeit zögerte lange, aber schließlich konnte sie doch nur noch das Schwert ziehen und zuschlagen. Doch wenn auch der Menschen Treubrüchigkeit den Bund nach seinem Buchstaben dahinfallen ließ, so ist der HERR dem Bunde dennoch dem Geist und Wesen desselben nach treu geblieben; denn Jesus herrscht und sitzt auf dem Throne für immer und ewig. Davids Same ist noch immer in der Königswürde, denn David war nach dem Fleische der Ahn dessen, der da ist der König aller Könige und der Herr aller Herren.
  Unser Vers zeigt uns, wie notwendig die häusliche Frömmigkeit ist. Die Eltern haben die Pflicht, dazu zu sehen, dass ihre Kinder die Furcht des HERRN kennen, und sie müssen den HERRN bitten, dass er selber sie diese Wissenschaft lehre. Wir haben kein unverlierbares Erbrecht auf Gottes Huld. Der HERR selber zwar hält den Familien der Seinen die Freundschaft von einem Geschlecht zum andern, denn er verlässt nur höchst ungern die Nachkommen seiner Diener und tut es nie, es sei denn, dass sie ihn schwer und fortgesetzt reizen. Wir, die Gläubigen, stehen alle gewissermaßen unter Bundesvorrechten, die denen Davids ähnlich sind. Manche von uns können auf vier oder noch mehr Generationen frommer Voreltern zurückschauen, und freudig blicken wir in die Zukunst und sehen unsere Kinder und Kindeskinder in der Wahrheit wandeln. Doch wissen wir, dass die Gnade sich nicht mit dem Blut vom Vater auf den Sohn überträgt, und deshalb sind wir von heiliger Furcht erfüllt, es möchte einer von unseren Nachkommen ein arges ungläubiges Herz haben, das da abtrete von dem lebendigen Gott (Hebr. 3,12).

13. Denn der HERR hat Zion erwählt. Jerusalem war nicht mehr als irgendeine andere kanaanitische Stadt, bis Gott es erwählte, David es eroberte, Salomo den Tempel daselbst erbaute und der HERR darin Wohnung nahm. So waren auch die Herzen, die jetzt die Gemeine Gottes bilden, nichts als eine Jebusiterfeste, bis die Gnade sie erkor, sie besiegte, umgestaltete und zu einem heiligen Tempel weihte, darin der HERR wohnt. Jehovah hat die Seinen erwählt, darum sind sie sein Volk. Er hat die Gemeinde erkoren, darum ist sie, was sie ist. So sind denn in dem Bunde David und Zion und ebenso Christus und die Seinen zusammengefasst. David war um Zions willen da und Zion um Davids willen; desgleichen steht die Sache Christi und die der Seinen miteinander in Wechselbeziehung. Und hat Lust, daselbst zu wohnen, wörtl.: hat es zum Wohnsitze für sich begehrt. Davids Frage hat eine Antwort gefunden. Der HERR hat gesprochen; der Ort des Tempels ist bestimmt, die Stätte, wo der HERR sich offenbaren will, deutlich gezeigt. Die Einwohnung folgt auf die Erwählung und ergibt sich aus ihr: Zion ist von Gott erkoren, und zwar als Wohnsitz für ihn. Dass Gott begehrt, unter dem Volke zu wohnen, das er sich zum Volk des Eigentums ausersehen hat, ist sehr huldreich von ihm und doch wiederum sehr natürlich: seine Liebe will denen nicht ferne bleiben, die sie sich erkoren hat. Ja, Gott verlangt danach, bei denen zu wohnen, die er mit ewiger Liebe umfangen hat, und wir wundern uns insofern nicht darüber, als auch wir ja die Gesellschaft unserer Lieben herzlich begehren. Doch ist es ein zwiefaches Wunder, dass der HERR sich solch geringe und elende Wesen, wie wir es sind, erkoren hat, und dass er nach ihrer Gemeinschaft verlangt; das Innewohnen des Heiligen Geistes in den Gläubigen ist ein Wunder der Gnade, das mit dem Wunder der Fleischwerdung des Sohnes Gottes verwandt ist und dazu in inniger Beziehung steht. Gott in der Gemeinde, das ist das Staunen der Engel, der Wunderrat der Ewigkeit, die Ruhmeskrone der unendlichen Liebe.

14. Dies ist meine Ruhe ewiglich. O welch herrliche Worte! Jehovah selbst ist es, der hier spricht. Denken wir nur: eine Ruhe für Gott; ein Sabbat für den Ewigen und eine Wohnstätte für den Unendlichen! Er nennt Zion seine Ruhe. Hier verweilt seine Liebe, hier offenbart sie sich mit Lust. "Zion, der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der ein Heiland ist. Er hat seine Lust an dir in Wonne, schweigt in seiner Minne, er frohlockt über dich mit Jauchzen!" (Zeph. 3,17 Grundt.) Und ewiglich soll es also bleiben. Er wird sich niemals eine andere Ruhestatt suchen; nie wird er der Seinen müde werden. An Christo hat das Herz Gottes seine volle Befriedigung gefunden, und um seinetwillen hat er auch an denen, die ihm angehören, Wohlgefallen und wird es haben allezeit, bis in alle Ewigkeit. Die hehren Worte unseres Verses bezeugen eine bestimmte, endgültige Wahl: dies und kein anderer Ort, und eine gegenwärtige Wahl: dies Zion, das jetzt vorhanden ist. Allerdings müssen wir dabei, Schrift mit Schrift erklärend, die Worte in ihrem inneren, ewig wahren Sinne erfassen. Gott hat seine Wahl vor Grundlegung der Welt getroffen, er hat sie nicht geändert und wird sie sich niemals reuen lassen: seine Gemeinde war seine Ruhe und ist noch heute seine Ruhe. Wie er sich von seinem Eide nicht wenden wird (V. 11), so auch nicht von seiner Wahl. O dass wir in seine Ruhe eingehen, dass wir ein Teil seien seines Zion und durch einen Glauben aus heißer Liebe dem Herzen dessen Freude bereiten, der Gefallen hat an denen, die ihn fürchten, die auf seine Gnade trauen! Hier will ich wohnen, denn es gefällt mir wohl (wörtl.: denn nach ihr [nach dieser Ruhestatt] verlangte ich). Abermals erfüllt uns seliges Staunen, dass der, der alles erfüllt, in Zion, in seiner Gemeinde wohnen will. Gott besucht seine Auserwählten nicht mit unwilligem, halbem Herzen; er begehrt bei ihnen zu wohnen, es verlangt ihn nach ihnen. Er ist schon in Zion, denn wenn er sagt: "Hier will ich wohnen", so redet er als einer, der schon auf dem Platze ist. Er will nicht nur hier und da zu seiner Gemeine kommen, sondern er will in ihr wohnen als seinem festen Sitz. Ihn zog nicht die Pracht des salomonischen Tempels an, wohl aber beschloss er, dass er sich auf dem Gnadenstuhl von Betern wollte finden lassen und sich von dort aus in der Herrlichkeit der Gnade unter dem so hoch durch seine Huld bevorzugten Volke kundtun. Dies irdische Heiligtum war jedoch nur ein schattenhaftes Vorbild von dem geistlichen Tempel, dessen Grund und Eckstein Jesus ist, auf welchem nun alle die einzelnen lebendigen Steine sich von dem göttlichen Baumeister miteinander aufbauen lassen zu einer Behausung Gottes im Geist (1. Petr. 2,5; Eph. 2,22). O wie köstlich ist der Gedanke, dass der HERR danach verlangt , bei den Seinen zu sein, unter ihnen zu weilen, ja in ihnen zu wohnen, dass er spricht: Es gefällt mir wohl! Wahrlich, wenn das sein Begehren ist, da zu wohnen, so wird er es zustande bringen. Wenn schon den Gerechten das, was sie begehren, gegeben werden soll (Spr. 10,24), wieviel mehr wird das Begehren des gerechten Gottes in Erfüllung gehen! Gefällt ihm das so wohl, dann ist es auch unseres Herzens Freude; denn in Gott ist unsere Ruhe, und mit ihm ewig vereint zu bleiben ist wahrlich unser tiefes Begehren. Dieser Vers macht auch allen unseren Befürchtungen für die Gemeinde Gottes ein Ende. Denn ist Gott bei ihr drinnen, so wird sie fest bleiben (Ps. 46,6); begehrt der HERR ihrer, so vermag der Teufel sie nicht zu vernichten.

15. Ich will ihre Speise reichlich (Grundt.) segnen. Es muss ja so sein. Wie könnten wir ohne Segen sein, wenn der HERR in unserer Mitte ist? Alles, was zu unserem Lebensunterhalt gehört, empfangen wir von ihm und haben wir mit ihm, und wie könnte das, was seine Gnade den Seinen darreicht, anders als gesegnet sein? Reichlich segnen will er unsere Nahrung: dann wird sie also beides, reichlich und gesegnet sein. Eine tägliche, königliche, volle Genüge bietende, überschwänglich köstliche und herzerfreuende Versorgung soll die Gemeine von ihrem Herrn empfangen; und der darauf ruhende Segen wird in uns bewirken, dass wir das göttliche Lebensbrot im Glauben nehmen, es tatsächlich essen, d. h. in der Erfahrung seine Kraft erproben, dadurch wachsen in der Heiligung, dadurch gestärkt werden zur Arbeit, dadurch erquickt werden zum Ausharren in Geduld, dadurch ausreifen zur Vollkommenheit. Und ihren Armen Brots genug geben, so dass sie völlig gesättigt werden. Die Bürger Zions sind von sich aus arme Leute, geistlich arm und oft auch am Beutel arm; aber ihre Herzen sollen so befriedigt werden, ihre Seele in solchem Überfluss wohnen, dass sie weder mehr nötig haben, noch mehr begehren werden. Volle Genüge - wer könnte Höheres wünschen? Diese zu erleben und zu besitzen, das ist der Gipfel dessen, was ein Mensch an Glückseligkeit erfahren kann. Wo Gott wohnt, da hat sein Volk genug. Sie sollen sich an dem sättigen, was der HERR selber Brot nennt, und wir dürfen ganz gewiss sein, dass er weiß, was wirklich Brot für die Seele ist. Er wird uns keine Steine für Brot bieten. Die Armen des HERRN sollen Brot haben, das für sie passt; Brot, das ihrem Gaumen mundet, ihren Hunger stillt, ihre Muskeln stärkt und ihr Wachstum fördert. Das irdische Brot ist nur vergängliche Speise, Nahrung für den Augenblick; es gibt aber noch ein anderes Brot, das Gott uns darreichen will, das da bleibt in das ewige Leben (Joh. 6,27). In der Gemeine des HERRN, wo der HERR seine Ruhestätte hat, sollen die Seinen nicht Hungers sterben; er würde nimmer da ruhen, wenn das geschähe. Er nahm sich keine Ruhe sechs Tage lang, bis er die Welt so für Adam bereitet hatte, dass dieser darin leben konnte. Er ließ seine Hand nicht rasten, bis alles fertig war; darum dürfen wir, wenn der HERR sich zur Ruhe niederlässt, gewiss sein, dass dies geschieht, weil alles vollbracht ist (Joh. 19,30) und der HERR in seiner Güte für uns Arme volle Fürsorge getroffen hat. Wo Gott findet, wonach ihn verlangt hat, da werden die Seinen auch ihr Begehren gestillt finden; wo es ihm gefällt, da wird es auch ihnen gefallen.
  Nehmen wir die beiden Teile des Verses zusammen, so sehen wir, dass nichts als ein überschwänglich reicher Segen in der Gemeine das arme Volk des HERRN wahrhaft befriedigen kann, so dass sie genug haben; sie sind elend und von allem entblößt, bis dieser Segen kommt. Alles, was selbst der reiche Salomo herbeischaffen konnte, hätte die Frommen seiner Tage nicht sättigen können; sie richteten ihre Blicke höher hinauf und sehnten sich nach dem reichen Segen, den nur der HERR selber geben kann, und hungerten nach dem Brot, das vom Himmel kommt. Sie hatten, gottlob, in diesem Verse die göttliche Zusage: Ich will es tun; was hätte ihrem Glauben eine bessere Stütze sein können?

16. Der HERR verheißt sogar noch mehr, als von ihm erbeten worden war. Beachten wir, dass der neunte Vers für die Priester erflehte, dass sie mit Gerechtigkeit bekleidet sein möchten, und wie die Antwort nun lautet: Ihre Priester will ich mit Heil kleiden. Gott ist’s gewohnt, zu tun überschwänglich über alles, das wir bitten oder verstehen. Die Gerechtigkeit ist nur ein Stück des Segens, das Heil dagegen ist die ganze Fülle. Welch köstliches Gewand ist dies, welch mehr als königlicher Schmuck: Kleider des Heils! Wir wissen, wer sie gewoben, wer sie gefärbt und wer sie seinem Volke gegeben hat. Das ist der beste Talar für Priester und Prediger, das beste Feierkleid für König und Volk; es ist seinesgleichen nicht, gib mir’s! (1. Samuel 21,10 .) Aber nicht alle Priester bekommen dieses Kleid, nur ihre, nämlich Zions, Priester, diejenigen, die in Wahrheit dem rechten Zion angehören durch den Glauben an Jesus Christus, der sie zu Priestern gemacht hat vor Gott (Off. 1,6). Diese werden von dem HERRN selbst eingekleidet, und niemand vermag also zu kleiden wie er. Wenn schon die Lilien auf dem Felde von ihrem Schöpfer also bekleidet sind, dass sie selbst Salomo in aller seiner Herrlichkeit übertreffen, wie herrlich werden erst seine Kinder gekleidet sein! Ja wahrlich, der Herr kommt, sich zu verherrlichen an seinen Heiligen und bewundert zu werden an allen Glaubenden. (2.Thess. 1,10 Grundt.) Die Herrlichkeit der Dienstkleidung der Priester Gottes wird das Staunen der Himmel sein. Und ihre Heiligen (oder Frommen) sollen fröhlich sein, Grundt.: laut aufjubeln. Wiederum übertrifft die göttliche Antwort die Bitte. Der Psalmist bat, der HERR wolle geben, dass seine Heiligen sich freuen. Ja, sagt der HERR, das sollen sie, und zwar soll ihre Freude so groß sein, dass sie in lauten Jubel ausbrechen.3 Sie sollen über alle Maßen voll von Wonne sein; ihre Gesänge und Freudenrufe sollen so voller Lust und so lebhaft sein, dass sie tönen wie das Rauschen großer Wasser und das Tosen gewaltiger Donner (Off. 14,2; 19,6). Diese fröhlichen Heiligen entsprechen sehr wenig jenen Afterheiligen, die der Aberglaube uns zur Verehrung vor Augen stellt; aber von diesen ist hier auch nicht die Rede, sondern von Zions Heiligen, von den Heiligen des Höchsten, den "Geheiligten in Christo Jesu" (1.Kor. 1,2). Die sollen so reich gesegnet (V. 15a), so mit Gottes Brot gesättigt (V. 15b) und so herrlich geschmückt sein mit den Kleidern des Heils (V. 16 a), dass sie nicht anders können als laut jubeln, um ihr Erstaunen, ihre Dankbarkeit, ihre Wonne, ihre Begeisterung, ihre Freude im HERRN zum Ausdruck zu bringen. Gottes Zion ist kein Trappistenkloster. Dass Gott unter seinen Auserwählten seine Ruhestatt erkoren hat und sich da kundtut in der Herrlichkeit seiner Gnade, ist genug, um auch die Schweigsamsten zu Freudenausbrüchen zu veranlassen. Wenn schon die Morgensterne allzumal Gott zujubelten, als der HERR die Erde gründete (Hiob 38,7), wieviel mehr werden alle Gottessöhne jauchzen, wenn der neue Himmel und die neue Erde vollendet sind und das neue Jerusalem aus dem Himmel von Gott herabkommt, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne! (Off. 21,1 f.) Inzwischen ist schon jetzt die Wohnung Gottes unter uns eine immer sprudelnde Quelle wonniger Freude für alle gottseligen Herzen. Dies Jubeln vor Freude ist allen Heiligen Zions verbürgt; Gott sagt: Sie werden froh frohlocken. Verlassen wir uns darauf, sie werden es tun; wer sollte sie an diesem Rühmen hindern können? Der Geist des HERRN hat die Bitte gewirkt: "Lass deine Heiligen sich freuen", und darauf hat der HERR die Verheißung gegeben: "Sie sollen vor Freude aufjubeln" - wer vermöchte es nun wohl, sie zum Schweigen zu bringen? Der Bräutigam ist bei ihnen; wie könnten die Hochzeitsleute fasten und Leid tragen? Nein, wahrlich, wir sind fröhlich, und wir wollen fröhlich sein!

17. Daselbst will ich David ein Horn sprossen lassen. (Wörtl.) In Zion soll Davids Herrscherhaus Macht und Ruhm enthalten. Die Stierhörner sind ja ein sehr naturwüchsiges Sinnbild der Stärke, besonders der die Feinde zu Boden werfenden und vernichtenden Kraft sowie der auf Stärke und Macht beruhenden Ehre. Den Israeliten, deren Hauptbeschäftigung Ackerbau und Viehzucht waren und die nach göttlichem Gebot (3. Mose 22,24) keine ihrer natürlichen Kraft beraubten Ochsen, sondern nur Stiere hatten, bot sich dies Bild der Kraft fortwährend dar. Wenn der heutige Stier in Palästina sehr unansehnlich ist, so dürfen wir von dem jetzigen heruntergekommenen Stand des Landes nicht auf die frühere Zeit schließen. Im Gegenteil deuten schon der (in der Dichtkunst gebrauchte) Name des Stiers, "der Starke", sowie Stellen wie Ps. 22,13 darauf, dass das Rindvieh der Israeliten eine starke und ansehnliche Rasse war. Das Bild von den Hörnern kommt denn auch sehr häufig in der Schrift vor. Außer dem Stier dient auch an etlichen Stellen ein wildes Horntier, dessen Name von Luther irrtümlich mit Einhorn übersetzt ist (siehe zu Ps. 22,22), als Bild der wilden Stärke. An unserer Psalmstelle, wo vom Aufsprossen eines Hornes die Rede ist, hat man vielleicht an den Hirsch zu denken, der in biblischen Zeiten ganz ohne Zweifel im Heiligen Lande verbreitet war und oft in der Bibel genannt wird. Dieses Tier wirft ja bekanntlich im Februar, der deshalb Hornung heißt, sein Geweih ab, worauf dieses wieder, mächtiger als zuvor, aufsprießt. Wie der Hirsch, eine der edelsten, Stolz mit Anmut vereinigenden Tiergestalten, durch die Entwicklung seines Geweihes immer stattlicher und mächtiger wird, so soll das Haus Davids von Kraft zu Kraft fortschreiten. Diese Kraftentfaltung soll nach unserem Psalmwort durch göttliches Wirken geschehen, daher wird es ein gesundes, sicheres Wachstum sein; und in Zion, daselbst, wird dies Horn Davids aufsprießen. Wirkt Gott in uns ein Sprossen und Wachsen in Kraft, so vermag niemand uns zu Schwäche und Schwinden zu bringen. Als die Thronfolger Davids den HERRN verließen und den Gottesdienst verfallen ließen, da wurden sie schwach und kamen in jeder Beziehung herunter, denn nur durch die Kraft des HERRN und in Verbindung mit seinem Dienst konnte und sollte ihr Horn aufsprossen. Als aber das Haus David in der tiefsten Erniedrigung war, da erwies Jehovah sich als der Mächtige, der vermag, was bei den Menschen unmöglich scheint, und als der Treue, der seine Verheißung aufs herrlichste erfüllt. Da durfte Zacharias, des Heiligen Geistes voll, die Weissagung unseres Psalms und ähnliche mit dem Auge des Glaubens als in Erfüllung gehend schauen und frohlockend rühmen: "Gelobet sei der HERR, der Gott Israels, denn er hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Dieners David!" Ja, unser David ist mächtig, alle Feinde niederzuwerfen und zu vernichten. In der Offenbarung des Johannes schauen wir ihn inmitten des Thrones als ein Lamm, wie geschlachtet, aber mit sieben Hörnern, angetan mit der ganzen Fülle der Macht.
  Ich habe (daselbst) meinem Gesalbten eine Leuchte zugerichtet. Die Leuchte ist das Sinnbild der Dauer und des Gedeihens eines Geschlechtes. Davids Name sollte leuchten und strahlen wie ein Licht; er sollte beständig scheinen wie die Leuchte im Heiligtum. So sollte er dem Volke ein Trost sein und auch umher unter den Völkern leuchten. Gott wollte das Licht Davids nicht erlöschen lassen durch Aussterben seines Geschlechtes; sein heiliger Rat hatte beschlossen, dass das Haus seines Dieners in Israel bestehen bleiben sollte. Wir dürfen die Verheißung unseres Verses jedoch ohne Zweifel als eine unmittelbar messianische Weissagung ansehen, die in dem Gesalbten, in Christo, herrlich in Erfüllung gegangen ist. Welch eine Leuchte ist unser Herr Jesus! Wie der alte Simeon schon es aussprach: Ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und Herrlichkeit für dein Volk Israel (Lk. 2,32). Er ist jetzt schon hienieden unser Licht, und er wird das Licht des Himmels sein. O dass uns Gnade zuteil werde, unsere Erleuchtung und unsern Trost, unsere Freude von Jesus, dem wahren Gesalbten Jehovahs, zu empfangen, und nur von ihm allein!

18. Seine Feinde will ich mit Schanden kleiden. Sie sollen völlig und für immer geschlagen sein; alle ihre Anschläge sollen in so gänzlicher Enttäuschung enden, dass sie ihre gottwidrigen Pläne selber verabscheuen und vor aller Kreatur der Schmach und Verachtung anheimfallen werden, dafür dass sie den ewig Preiswürdigen gehasst und sich wider ihn erhoben haben. Sie werden ihre Schande nicht verbergen können, sie wird sie bedecken wie ein Gewand; Gott selber wird sie darin einkleiden für immer. Die Schande wird das Sträflingskleid sein, das sie in alle Ewigkeit tragen müssen. Welcher Gegensatz zu dem strahlenden Gewande des Heils, womit derselbe Gott seine Diener schmückt! (V. 16.) Aber über ihm (auf ihm) soll blühen seine Krone. Unverwelklich soll der Lorbeer seines Siegerkranzes sein. Er soll die Krone der Ehren gewinnen und tragen, und das Diadem seiner ererbten Fürstenwürde soll an Glanz zunehmen. Ist das nicht heutigen Tages an Jesu in der Erfüllung begriffen? Sein Königtum kann nicht erlöschen, seine Herrscherherrlichkeit nicht erbleichen. Ihn zu ehren ist unsere Lust; ihm gebührt die Krone, und auf ihm blüht sie. Will jemand sie ihm entreißen, so müssen solche Verräterpläne in Schande enden, er aber wird herrschen in immer herrlicher strahlendem Glanze.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Psalm 132 gibt die Weissagung, welche die Regierung Salomos und den Tempelbau begleitete. Das Lied beginnt mit der Erinnerung an den Eifer Davids, dem HERRN ein Haus zu bauen, und ladet ihn nun ein, die Bitte des Königs zu erfüllen und in sein Haus zu kommen. Die Antwort darauf bildet Gottes Verheißung, durch die Davids Haus für immer zum königlichen Geschlecht und Jerusalem zur Stadt Gottes erkoren ist. Prof. D. A. Schlatter 1894.
  Der Psalm erfleht um Davids willen göttliche Huld dem Gesalbten Jahves. Dieser Gesalbte ist in diesem Zusammenhang weder der Hohepriester noch Israel, welches nie so genannt wird, noch David selbst. Auch Serubabel konnte nicht gesalbt heißen, denn er war es nicht. Der Chronist, der 2. Chr. 6,41 f. den Psalm inhaltsgemäß verwendet, hat V. 10 als Fürbitte für Salomo verstanden, und die Situation, in welche wir durch V. 6-8 hineinversetzt werden, scheint das zu fordern. Der Psalm passt in Salomos Mund. Die Ansicht, dass er von Salomo selbst gedichtet sei, als die Bundeslade aus dem Zelttempel auf Zion in das Tempelgebäude auf Zion versetzt ward (Amyraldus, De Wette, Tholuck u. a.), hat für sich das Verhältnis des Hergangs, wie er 2. Chr. 5,5 ff. erzählt wird, zu den Wünschen des Psalms (wie auch eine gewisse Verwandtschaft des Stils mit demjenigen von Ps. 72). Möglich ist aber auch, dass ein jüngerer Dichter hier (Ps. 132) in V. 7.8 Worte aus dem Herzen der Gemeinde in Salomos Zeit reproduziert und damit V. 9.10 Bitten der Gemeinde der Gegenwart verbindet. Jedenfalls ist der Psalm aus einer Zeit, wo der davidische Thron noch bestand und die heilige Lade noch vorhanden war. Das, was nach 2. Samuel 6,7 David zu Ehren Jahves getan (vergl. im Ps. V. 1-5) und hinwieder ihm von Jahve verheißen worden (V. 11-18), wird hier von einem nachdavidischen Dichter zur Grundlage hoffnungsvoller Fürbitte für das sionitische Königtum und Priestertum und die von beiden verwaltete Gemeinde gemacht (V. 6-10). - Nach Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Manche Ausleger, z. B. Hengstenberg, Keßler, Bäthgen, halten den Psalm (unter Herbeiziehung von Ps. 89 u. a.) für nachexilisch, vor allem um des Gepräges der zweiten Hälfte willen. Und zwar kommt da erstens das Messiasbild in Betracht (siehe die Erläuterungen S. 206 zu zamach V. 17) und zweitens die Bedeutung, welche Zion, d. i. Jerusalem, beigemessen wird. Dass der Psalm, was auch geltend gemacht wird, unter den Wallfahrtsliedern steht, kann uns dafür nicht maßgebend sein. Und die Verse 8-10 versetzen uns doch unbedingt in die vorexilische Zeit. Man muss dann dieser Schwierigkeit zu entkommen suchen, indem man vermutet, die nachexilische Gemeinde bediene sich bei ihrer Bitte in V. 8-10 absichtlich altüberlieferter, auch sonst vielleicht bei feierlichen Gelegenheiten gebrauchter Worte (vergl. zu V. 8 4. Mose 10,35) aus der großen vorexilischen Zeit, in welche die Frommen sich gerne zurückversetzten. Der Wortlaut passt freilich nicht mehr, da ja in der nachexilischen Zeit weder eine Lade noch ein Gesalbter des HERRN vorhanden ist, und die Bitte hat dann nur allgemein den Sinn, der HERR wolle sich an dem Ort seiner Wohnung auch wirklich machtvoll und herrlich erweisen. - J. M.
  Der Psalm zerfällt in vier Absätze von je 10 Zeilen: (V. 1-5) (V. 6-10) (V. 11-13) (V. 14-18). Jede dieser vier Strophen enthält den Namen Davids. D. W. Kay 1871.
  Es will beachtet sein, dass die zweite Hälfte des Psalms, welche Verheißungsworte des HERRN enthält, zu der ersten Hälfte parallel läuft. (V. 1-6) finden ihre göttliche Antwort in (V. 12) , (V. 2) in (V. 11) , (V. 7) in (V. 13), (V. 8) in (V. 14), (V. 9) in (V. 15.16), (V. 10) in (V. 17.18). Aufmerksame Beachtung dieser Parallelismen ist oft notwendig, wenn die Bedeutung der Worte der Heiligen Schrift richtig gewürdigt werden soll. D. Joseph Angus 1862.
  Der ganze Psalm ist, dass ich so sage, ein heiliger Wettstreit, darin Gott und ein König sich messen, der König mit Frömmigkeit, Gott mit freigebiger Güte. Der König erscheint als ein Muster von Eifer für Gott, und Gott bezeugt sich als herrlicher Vergelter seiner Diener. Der König versagt sich alle Bequemlichkeit und Ruhe, um ein würdiges Haus zu bereiten, da er Gott zu Gast bitten dürfe, und Gott, der Himmel und Erde erfüllet, lässt sich herab, an der Stätte, die der König für ihn bereitet hat, für immer Wohnung zu nehmen. Der König bringt sein Flehen dar nicht nur für sich, sondern auch für Priester und Volk; und Gott enthält seinen Segen dem Könige nicht vor, aber er verheißt ihn auch der Kirche und dem Staate. Und Gott geht in seinen Zusagen jedes Mal noch hinaus über das, was von ihm erbeten worden war. Endlich: der König bindet sich mit einem Eide, sein Gelübde zu erfüllen, und Gott besiegelt ebenfalls mit einem Eide das, was er dem König (V. 11 f.) und dem ganzen Volke samt dem Königshause (V. 14-18) verheißt. Arthur Lake † 1626.

V. 1. Gedenke, HERR. Es ist ein herrliches Vorrecht, Gott gleichsam als sein Kammersekretär4 erinnern zu dürfen. Es ist dem Glauben gestattet, und wir finden in der Schrift viele Ermutigungen dazu, Gott an seinen Bund und seine kostbaren Verheißungen zu erinnern. Gott kennt ja freilich keine Vergesslichkeit. Die Vergangenheit liegt, gerade so wie die Zukunst, wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm. Aber der HERR hat Wohlgefallen an dem Glauben seiner Kinder, der sich in solchen Gebeten kundtut, und wir prägen uns durch solche Übung des Glaubens unschätzbar wertvolle Lektionen ein. Henry Law † 1882.
  An all sein Leiden. Die Leiden der Gläubigen um der Wahrheit willen sind zwar nicht verdienstlich, aber auch nicht vergeblich; sie sind bei Gott unvergessen (Mt. 5,11.12). Christoph Starcke † 1744.
  Gedenke, HERR, dem David all seine Mühsal oder seine Bemühungen. (Grundt.) "Man gedenkt jemandem etwas", sagt Delitzsch , "indem man ihm vergilt, was er geleistet, oder indem man ihm leistet, was man ihm verheißen hat." An diese Bitte der nachdavidischen Gemeinde, in der erstgenannten Bedeutung aufgefasst, und an ähnliche Worte konnte eine spätere dem Geist der Heiligen Schrift entfremdete Theologie die Lehre von dem Verdienst der Väter knüpfen, die ja nebst den weiter aus ihr sich ergebenden Lehren von der Fürbitte der Heiligen usw. in der jüdischen Orthodoxie hernach eine große Rolle spielt. - J. M.
V. 1-5. Mit der Mühsal Davids ist all die Sorge und Mühe gemeint, welche David um Beschaffung einer würdigen bleibenden Stätte für Jahves Heiligtum hatte. Das Zeitwort bedeutet sich mit etwas mühen oder plagen, das davon gebildete Wort hier die selbstauferlegte oder auch die durch Umstände, wie die langwierigen Kriege (1.Kön. 5,17), auferlegte Mühe eines lange erfolglosen und doch nie erschlafften Strebens. Denn David hatte sich Gott verschworen, dass er sich schlechterdings keine Ruhe und Rast gönnen wolle, bis er eine feste Wohnung für Jahve erreicht habe. Was er 2. Samuel 7,2 zu Nathan sagt, ist Andeutung des angelobten Entschlusses, der nun in einer Zeit siegreichen Friedens, wie es schien, zur Ausführung reif war, nachdem in der Übersiedelung der Bundeslade nach Zion 2. Samuel 6 schon der erste Schritt dazu getan war (denn 2. Samuel 7 ist an 2. Samuel 6 unchronologisch und nur des inneren Zusammenhangs halber angeschlossen). Nachdem die lang ersehnte (vergl. Ps. 101,2 Grundt.: Wann kommst du zu mir?) und nicht ohne Schwierigkeiten und Schrecknisse vor sich gegangene Einholung der Bundeslade bewerkstelligt war, verging wieder eine Reihe von Jahren, während welcher David den Gedanken, Gott ein Tempelgebäude zu errichten, mit sich herumtrug. Und als er durch Nathan den Bescheid erhalten hatte, dass nicht er, sondern sein Sohn und Nachfolger Gott ein Haus bauen solle, tat er doch für den Wunsch seines Herzens so viel, als bei dieser Willenserklärung Jahves möglich war: er weihte die Stätte des künftigen Tempels, schaffte die zum Bau nötigen Mittel und Materialien, traf die für den künftigen Tempeldienst nötigen Einrichtungen, begeisterte das Volk für den bevorstehenden Riesenbau und übergab seinem Sohne das Modell desselben, wie uns das alles ausführlich vom Chronisten erzählt wird. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 2. Und gelobte. Es ist sehr beachtenswert, wie wenige Beispiele von Gelübden die Heilige Schrift berichtet im Vergleich mit den vielen Beispielen herrlicher und wunderbarer Führungen der göttlichen Vorsehung, die sie uns vor Augen stellt. Wir gewinnen den Eindruck, die Schrift wolle uns an einigen Beispielen die nötige Unterweisung geben, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir etwa ein Gelübde zu tun beabsichtigen, sie führe uns aber auch nur wenige vor, damit wir erkennen, dass wir es nicht oft tun sollen. Der Erzvater Jakob lebte 147 Jahre; doch lesen wir, soviel ich mich erinnere, nur von einem Gelübde in seinem Leben. Henry Hurst † 1690.
  Gelobte dem Mächtigen Jakobs. Der erste, von dem wir lesen, dass er ein heiliges Gelübde abgelegt habe, ist Jakob, den man deshalb auch etwa den Vater der Gelübde nennt. Abraham Wright † 1690.
  Der Gottesname "der Starke Jakobs" ist wie Jes. 1,24; 49,26; 60,16 aus 1. Mose 49,24. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Dem Mächtigen Jakobs. Das Wort abir, welches groß und mächtig bedeutet, wird bisweilen denen Engeln, auch oftmals andern Dingen, welche eine Stärke und Macht haben, als nämlich denen Stieren usw. zugeeignet. Aber allhier ist es ein schön Wörtlein des Glaubens, dass Gott seines Volks Macht und Stärke sei. Denn allein der Glaube eignet Gott das zu, die Vernunft und das Fleisch eignet es dem Reichtum und anderer fleischlicher Hilfe und Beistand, welchen sie verstehet, vielmehr zu. Aber alles, was von solchem fleischlichen Trost und Beistand ist, das sind Götzen, welche trügen; aber das ist die Tugend, Kraft und Stärke dieses Volks, welches einen Gott hat. Diese Kraft hat mitten unter denen Feinden diese Hand voll Volks und geringes Häuflein des jüdischen Volks erhalten. Derowegen wird dies Wort Gott zugeeignet, dass du verstehen sollst, dass er alleine sei, der Kraft und Sieg verleihet. Also spricht der Text an einem andern Orte (Ps. 20,8): Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse, wir aber denken an den Namen des HERRN, unseres Gottes. Also sagt Paulus: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Denn diese Stärke ist unvergänglich und trügt nicht; die andern, über das, dass sie den Stich nicht halten, sind auch vergänglich. D. Martin Luther 1533.
V. 3. Die Hütte meines Hauses. Ist dieser Ausdruck ein Beispiel davon, wie die Erinnerung an das Zeltleben der alten Erzväter in der Sprache des Volkes fortlebte, oder wählt David diese Redeweise mit Bedacht, um anzudeuten, dass selbst sein schönes Zedernhaus nur eine Hütte sein solle im Vergleich zu dem Hause, das er für Gott erbauen wolle? Sam. Cox 1874.
  Noch das Lager meines Bettes besteigen. (Wörtl.) Während der gemeine Mann im Orient in alten Zeiten gerade wie noch heute nur auf einer Matte am Boden schlief, scheint ein hohes Bett, zu dem man auf einem Treppchen aufstieg, nicht nur ein den Reichen unentbehrlich scheinender Luxus, sondern auch ein besonderes Zeichen des vornehmen Standes gewesen zu sein, ähnlich wie das auch manchmal bis zu sechs Fuß hohe reich geschmückte und mit Vorhängen abgeschlossene Prunkbett in den Fürstenhäusern unserer Länder ein Hausgerät von hervorragender Bedeutung gewesen ist und noch ist. Im Orient besteht diese Sitte auch noch fort, und ein Koranvers (in Kap. 56) erklärt es als eine der Freuden der Gläubigen in dem künftigen Paradiese, dass sie auf hohen Betten ruhen werden. Häufig waren diese Prunkbetten von dem kostbarsten und prächtigsten Material. Amos spricht von Betten von Elfenbein (Am. 6,4). Die Staatsbetten im vizeköniglichen Palast zu Kairo sind von Silber. Dasjenige des Großmoguls Aureng-Zeyb in Ostindien war mit Juwelen verziert. The Biblical Museum 1879.
V. 3-5. Ich will nicht usw. Dieser weitläufige Umschweif ist gebräuchlich bei denen Hebräern, wenn man einen sonderlichen großen Fleiß anzeigen will (vergl. z. B. Spr. 6,4). Wir könnten das alles kürzlich so fassen: "Ich will mich nicht zu Frieden geben, bis dass ich dem HERRN eine Hütte gefunden habe." Es ist aber allhier nicht vonnöten, auf die kindische Frage zu antworten, wie dieser Eid hat können einen Bestand haben, dieweil David den Tempel nicht gebauet hat, und wenn er ihn gleich gebauet, so hätte er ihn doch nicht können zum Ende bringen, ehe denn er oftmals zu Bette gegangen wäre und geschlafen hätte; denn er redet von dem Willen oder Herzen, wie David das Werk zu vollbringen gesinnet gewesen ist. Zudem so fasset ein Werkmeister alles zusammen, Vorbereitung, Zweck und Ausführung. Dieweil denn David auch für unbillig gehalten, dass er im Zedernhause wohnen und die Bundeslade unter der Hütte stehen sollte (2. Samuel 7,2), zeiget diese Rede den höchsten Willen an, dass er diese Unbilligkeit hat wollen abschaffen. D. Martin Luther 1533.
  In dem allem war David ein Vorbild auf Christus, den wahren David, der in seinem Verlangen, Gott einen lebendigen Tempel und ein ewig währendes Heiligtum aufzurichten, ganze Nächte im Gebet verbrachte und auf alle Bequemlichkeit des Familienlebens und alle Ruhe verzichtete, um ihm selbst darzustellen eine Kirche, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel oder des etwas (Eph. 5,27), die auch nicht erbaut sei mit vergänglichem Silber oder Gold, sondern mit seinem eigenen kostbaren Schweiß und noch kostbareren Blut (vergl. 1. Petr. 1,18 f.). Damit erbaute er die himmlische Stadt, die St. Johannes in der Offenbarung schaute, geschmückt mit allerlei Edelsteinen (Off. 21,19). Daraus mögen wir alle ermessen, wieviel Sorge, Kosten und Arbeit es für uns bedarf, um in unsern Herzen Gott einen würdigen Tempel zu errichten. Kardinal R. Bellarmin † 1621.
  Dieser bewunderungswürdige Eifer des frommen Königs verdammt die Gleichgültigkeit derjenigen, die die geweihten Stätten, welche von ihrer Fürsorge abhangen, in einem Zustand schändlicher Vernachlässigung lassen, während sie allen Fleiß daran verschwenden, sich selber üppige Häuser herzurichten. Pasquier Ouesnel 1700.
V. 6. So einfach die Worte dieses Verses lauten, so verwickelt ist doch die Frage, wie der Vers zu übersetzen und aufzufassen sei. Wir können nur einige der Lösungsversuche, deren keiner noch zu einem sicheren Ergebnis geleitet hat, anführen. Wir mögen sie zunächst in zwei Hauptgruppen scheiden, je nachdem, ob man die Feminin-Suffixe auf die Bundeslade bezogen oder neutrisch aufgefasst hat.
  A. Schon die LXX, so auch Luther, haben V. 6 auf die Bundeslade bezogen. Zwar ist aron (die Lade) für gewöhnlich masc. gen.; immerhin an zwei Stellen (1. Samuel 4,17; 2. Chr. 8,11) fem. Das gewichtigere Bedenken, dass die Bundeslade erst in dem Gebet V. 8 genannt wird, ist bei dem Zusammenhang des Inhalts, bei der Bedeutung der Bundeslade in dem Heiligtum und bei der Freiheit, die dem Dichter, zumal in der sichtlich bewegten Rede, zuzuerkennen ist, auch zu überwinden; denn ein starker Grund spricht für diese Auffassung: das zweite Zeitwort "wir haben gefunden" lässt sich nur bei der Beziehung auf die Bundeslade ohne Zwang (siehe unter B) deuten.
  Doch ergeben sich Schwierigkeiten bei den nun folgenden Fragen.
  1) Jaar (Wald) mag man wohl für eine poetische Bezeichnung der ohnehin vielnamigen Stadt Kirjath-Jearim ("Wälderstadt, Waldstatt") halten. Dort war die Bundeslade ja zwanzig Jahre lang, und von dort versuchte David sie nach dem Zelte zu bringen, das er für sie auf dem Zion erbaut hatte. Also: Wir fanden sie auf Jaars Fluren.
  2) Aber was ist mit ephrata gemeint? Das Wort heißt seiner Abstammung nach Fruchtgefilde, wird aber stets als Eigenname gebraucht. Und zwar ist es alter Name Bethlehems, und an diese Stadt muss man in dem Zusammenhang, wo von David die Rede ist, zunächst denken. Aber die Bundeslade war ja nie in Bethlehem! (Siehe unten unter 5.)
  3) Da das nomen gentil. "der Ephrater" nicht nur den Bethlehemiten (1. Samuel 17,12; Ruth 1,2), sondern ebenso auch den Ephraimiten bezeichnet (Richter 12,5; 1. Samuel 1,1; 1.Kön. 11,26), so hat man den Ausweg gesucht, auch das Wort Ephrata gleich Ephraim zu nehmen und an Silo, den ersten Sitz der Bundeslade, zu denken: "Wir hörten von ihr, dass sie im Gebiete von Ephraim (in Silo) sei, aber da fanden wir sie nicht, sondern auf den Fluren Jaars", oder: "im Waldgefilde", mit Anspielung auf die "Waldstadt" Kirjath-Jearim.
  4) Delitzsch hat auf Grund der genealogischen Notizen 1. Chr. 2,19; 4,4; 2,50 die Vermutung aufgestellt, Ephrata sei hier als Name des Gebietes gemeint, in welchem Kirjath-Jearim lag, so dass der Sinn wäre: "Wir hörten, die Lade sei in jenem Gebiete (Kaleb-Ephrata, 1. Chr. 2,24), und wir fanden sie auch wirklich dort, und zwar in Kirjath-Jearim."
  5) Wir haben bisher unter 2-4 vorausgesetzt, dass "Wir hörten von ihr in Ephrata" heißen solle: "Wir hörten von ihr, dass sie in Ephrata sei." Allein diese Annahme ist keineswegs gesichert; nach 1. Mose 1,4 sollte das dass nicht fehlen. Daher erklärt Hengstenberg den Vers: "Wir wussten von der Bundeslade in Bethlehem (wo David seine Jugend zugebracht hatte) nur von Hörensagen, niemand bekam sie zu sehen - wir suchten sie und fanden sie endlich in Kirjath-Jearim, dort in der waldigen Umgebung der Stadt, wo sie wie in Dunkel und Einsamkeit vergraben war."
  Da alle diese Auffassungen, sei es sprachlich, sei es sachlich, Bedenken unterworfen sind, kam man zu einer ganz anderen, nämlich
  B. die Suffixe neutrisch zu fassen, wobei
  6) Keßler (1899) zugleich ephrata und jaar nicht als Ortsbezeichnungen, sondern als Gattungsnamen auffasst: "Siehe, wir haben es gehört im Fruchtlande, es traf uns im Waldgefilde." Was? Der Ruf in V. 7 . Dann wäre also der Sinn: "Weit und breit, in Feld und Wald erscholl die Losung: Lasst uns in seine Wohnung gehen, lasst uns niederfallen zum Schemel seiner Füße!" Diese Deutung ist sehr ansprechend, zumal wenn wir bedenken, dass es sich um einen Wallfahrtspsalm handelt. Doch kommt auch hier ein Aber, und zwar ein sehr bedenkliches: dass das Zeitwort mazah (finden) in V. 6b vom Empfangen einer Botschaft gesagt sein soll, was, wie Keßler selbst zugeben muss, nicht ohne Künstelei möglich ist. Da der Versuch Bäthgens, durch willkürliche Textänderung abzuhelfen, den Knoten nur zerhaut, bleibt die Schwierigkeit bestehen.
  Spurgeon folgt ja der unter 3) angeführten Deutung. Sie scheint auch uns noch am meisten für sich zu haben. - J. M.
V. 7. Wir wollen gehen und anbeten. Beachten wir ihre Eintracht und ihren gemeinsamen Entschluss. Dies "Wir" macht aus den vielen eine Gemeinde. Wir gehen miteinander zum Hause des HERRN, und wir hoffen miteinander zum Himmel einzugehen. Siehe auch, wie munter und froh gesinnt sie zum Hause des HERRN wallen. Ihr langes Entferntsein vom Heiligtum machte ihnen dieses umso herrlicher; denn was wir lieben und doch entbehren müssen, das lernen wir noch höher schätzen, und danach verlangen wir noch eifriger. Der Liebe wachsen Flügel; sie eilt dem entgegen, wonach ihr Herz begehrt. Wir wollen gehen : wir sehnen uns danach, dort zu sein; wir wollen unsere Schritte beflügeln; wir wollen durch alle Schwierigkeiten hindurchbrechen, die sich uns auf dem Wege entgegenstellen. Anthony Farindon † 1658.
  Und anbeten vor seinem Fußschemel. Der Psalmist nennt die Bundeslade Gottes Fußschemel , um anzuzeigen, dass das Heiligtum nimmermehr das unermessliche Wesen Gottes zu fassen vermochte, wie Menschen sich alberner Weise einzubilden geneigt waren. War der äußerliche Tempel mit all seiner Erhabenheit nur der Fußschemel Gottes, so enthielt das für das Volk die Mahnung, zu dem Himmel als dem Throne Gottes emporzublicken und seine Betrachtung mit gebührender Ehrfurcht auf Gott selbst zu richten. Jean Calvin † 1564.
  Zu der Bundeslade als dem Fußschemel Jehovahs vergleiche 1. Chr. 28,2; Ps. 99,5; Klagl. 2,1. Joseph Mede † 1638.
V. 8. Die Lade deiner Macht. Die Bibel berichtet von der Bundeslade vieles Merkwürdige. Oft geschahen Wunder bei ihrer Gegenwart. Als Israel z. B. an den Jordan kam und die Füße der Priester, die die Lade trugen, eben vorne ins Wasser tunkten, da richtete sich das von obenher zufließende Wasser zu einem Wall auf, und das Volk Gottes ging trocken durch (Jos. 3,14-17). Bei der Belagerung Jerichos nahm die Lade den vornehmsten Platz in der Mitte der Prozession ein, die die Stämme Tag für Tag um die dem Untergang geweihte Stadt hielten. Umso schrecklicher war es für Israel, als der HERR in der unglücklichen Pilisterschlacht, die Sünde der Söhne Elis und des Volkes heimsuchend, "seine Macht ins Gefängnis gab, und seine Herrlichkeit in die Hand des Feindes" (Ps. 78,61). Aber die Philister samt ihrem Gott Dagon bekamen es zu fühlen, dass die Bundeslade die Lade des Mächtigen Jakobs (V. 2.5) war, siehe 1. Samuel 5. Und ebenso die Israeliten selbst, als sie die zurückkehrende Bundeslade unehrerbietig angafften, 1. Samuel 6,19. Frank H. White 1877.
V. 9. Deine Priester lass sich kleiden mit Gerechtigkeit. Das vorzüglichste Abzeichen der Würde und das sicherste Erkennungszeichen der wahren Diener des HERRN ist die rechte Lehre von der Rechtfertigung und der sich in heiligem Wandel betätigende Gehorsam des Glaubens. David Dickson † 1662.
  Deine Heiligen. Dies Wort steht in den Übersetzungen für zwei ganz verschiedene hebräische Ausdrücke. Für das eine Wort (qadosh), das z. B. Ps. 16,3; 34,10 vorkommt und die Gottseligen als für Gott Abgesonderte, Gott Geweihte bezeichnet, ist die Übersetzung Heilige beizubehalten. Das andere Wort (chasid) hingegen, das Ps. 4,4 und oft, auch hier Ps. 132,9.16 steht, bezeichnet die Gottseligen als solche, die Liebe (chesed) erweisen, vor allem gegen Gott, und dann mag man es mit fromm übersetzen, die aber auch gegen die Menschen liebreich und gütig sind, so dass es Spr. 11,17 z. B. mit Barmherzig übersetzt ist. Die beiden Ausdrücke sind sehr lehrreich. Mögen die Heiligen allezeit als solche erfunden werden, deren Kennzeichen die Liebe zu Gott und Menschen ist! Man hat das Wort chasid auch etwa (z. B. Hupfeld) passivisch auffassen zu sollen gemeint: einer, der chesed (Huld, Gnade) erfährt, also der Begnadigte; aber wenn Gottes Liebe und Gnade auch im Alten Testamente schon die Grundlage des ganzen Bundes bildet, so ist doch im Neuen Bunde erst die Liebe Gottes in Fülle in die Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, so dass sie sich den herrlichen Namen "die Geliebten Gottes" voll zueignen können. Auch Johannes gehörte zu den Gott liebenden Laien, von denen unser Psalmvers (gegenüber den Priestern, V. 9a) redet; aber er nennt sich nicht, wie Abraham Jes. 41,8; Jak. 2,23 genannt wird, den Freund oder Liebhaber Gottes bez. Jesu, sondern den Jünger, welchen Jesus lieb hatte. Vergl. Gal. 2,20. - J. M.
V. 10. Die Bitte, dass Gott das Flehen des derzeitigen Trägers der Krone nicht zurückweisen wolle um seines Knechts David willen , erscheint dadurch als gerechtfertigt, dass Gott selber so oft die Rücksicht auf seinen Knecht David als Grund seines Handelns angibt, siehe Jes. 37,35 und viele Stellen. Diese Begründung leistet dem Glauben an die Fürbitte verstorbener Heiligen keinerlei Vorschub, denn die Bitte richtet sich ja nicht an David, sondern an Gott um Davids willen. Ebenso wenig unterstützt sie die Meinung von überverdienstlichen Werken Davids, sondern weist nur darauf hin, dass David ein besonderer Gegenstand der Liebe Gottes war, der Mann, den Gott nach seinem Herzen erwählt hat (im Gegensatz zu Saul, der ein Mann nach des Volkes Herzen war). Ist aber das Wohlgefallen, das Gott dem David entgegengebracht hat, freie Liebe, also Gnade, so muss auch, was Gott um Davids willen tut, Gnade sein. Beachten wir ferner, dass solche bittende Berufungen auf fromme Vorfahren in der Schrift des Alten Testaments bestimmt auf zwei Fälle, nämlich auf Abraham und auf David, beschränkt sind, mit welchen beiden der HERR einen besonderen Bund, der ihre Nachkommen einschloss, gemacht hatte, und dass eben diese Bundesverheißung zu dem Gebrauch der Bitte "um Abrahams, um Davids willen" ermächtigte, jedoch nur denjenigen diese Ermächtigung gab, die kraft der Verheißung in dem Bunde eingeschlossen waren, und keinen andern, sowie auch nur zu den Zwecken, die mit dem Bunde beabsichtigt waren. Aber diese Bitte war ein Vorbild der herrlichen christlichen Bitte: "um Christi Jesu willen". In dieser Bitte sind jene andern alten aufgegangen. John Field 1885.
V. 11. Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen. Da die stärkste Waffe, bei Gott zu streiten, sein eigenes Wort ist, so halten sie ihm, gleichwie Ps. 89,20 ff. auch Ethan tut, das feierliche Wort vor, welches er durch Nathan gesprochen und das damals noch in aller Erinnerung sein musste. Auch in seinem Gebete bei der Einweihung des Tempels hat Salomo dieses große Trostwort nicht unerwähnt gelassen, sondern sich vor seinem Gott daraus berufen. Prof. D. F. A. Tholuck 1843.
V. 12. Werden deine Kinder meinen Bund halten usw. Dies Gedinge, so hierbei gesetzt, gehöret wider die Vermessenheit. Als wollte er sagen: Es wird meine Zusagung von Christo kommen, und ich will gewisslich den Thron bestätigen meinem David; ihr aber, die ihr sitzet unterdes auf meinem Stuhl und das Reich regieret, dürfet nicht gedenken, dass ihr nicht fehlen könnet, oder aber, dass Gott eure Irrtümer loben und nicht vielmehr verdammen wollte. Darum so verwaltet entweder das Reich nach dem Worte oder seid gewärtig, dass ich euch will herunterstürzen und verderben. Diese Verheißung mutzet er jetzt sein auf, V. 13 ff. D. Martin Luther 1533.
  Das ich sie lehren werde. Er saget aber ausdrücklich: Die Zeugnisse, welche ich lehren will, nämlich durch die Priester. Denn obwohl dieselben das Predigtamt hatten, so will dennoch der HERR ein Lehrer sein und will, dass man ihn und nicht die Konzilia oder aber die Lehrer, welche lehren, was er nicht gelehret hat, hören soll. Denn Gott gibt denen Menschen keine Gewalt über das Wort. Welche nun dasselbige in Ehren halten, dem folgen und das bewahren, die sein die Kirche, ob sie gleich in der Welt verachtet sind; die es aber nicht bewahren, sein des Satans Kirche, und hilft nicht, dass sie prächtige Titel führen. Und dies ist auch die Ursache, welche ausdrücklich in dem Text gesetzt wird: die Zeugnisse, welche ich sie lehren will. Denn Gott will, dass man auf die Weise des Amts der Lehre gebrauchen soll, dass er doch der höheste Lehrer sei, und alle Diener, auch der Papst, ja auch die Kirche durch das Wort regieret und geleitet werden. D. Martin Luther 1533.
V. 13. Denn der HERR hat Zion erwählt. Er gebraucht dieses Wort aus sonderlichem Rat und Bedenken, wie es denn Moses 5. Mose 16,2; 26,2 auch gebraucht. An der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählet hat, dass sein Name da wohne. Denn im Anfang war kein gewisser Ort der Hütte, sondern sie schwebete und webete nicht alleine durch mancherlei Örter, sondern auch durch mancherlei Stämme, Ephraim, Manasse, Dan usw. So zerbricht er durch dies Wort allerlei eigene Erwählung der Menschen oder, wie es Paulus nennet (Kol. 2,23), eigene erdichtete Gottesdienste, welcher unzählig viel bei denen Juden waren. Darum die Propheten mit großem Fleiß dawider fechten, dass ihnen die Leute nichts sollen auserwählen, außer Gott; denn Gott verfluchet kein Ding so sehr, als eigene erwählte Gottesdienste, die er nicht befohlen hat. Darum sollen wir nicht die Wahl haben, sondern gehorchen. Wo das nicht geschiehet, alsdenn wird uns begegnen, das Jeremias droht: Ich will ihr Wählen verwerfen (Jer. 7,15). Dies gehöret auf die Erwählung, so wir im Papsttum gesehen haben. Denn dass einer in den Orden, ein andrer in einen andern sich ergibet, item, dass er gewisse Fasttage hält, desgleichen gewisse Heiligen, die er anrufet usw., wenn du um das alles fragest, wer es ihm befohlen hat, so wird ihn sein Gewissen dahin bringen, dass er dir antworten muss, er habe es selbst also erwählet. Das heißet aber nicht Gott, sondern dem Satan dienen. Denn man kann Gott nicht anders dienen, denn wenn das geschieht, welches er befohlen hat. Darum ist die Erwählung nicht unser, sondern Gottes; wir aber sollen dem gehorsam sein, welches Gott erwählet und zu tun befohlen hat. D. Martin Luther 1533.
V. 13.14. Als Grund der Verheißung von V. 11 f. wird Jahves Vorliebe für Zion genannt. Weil Jahve Zion erwählt und es zu seinem Sitz auserkoren hat, darf diesem auch seine höchste Zier, der verheißene Spross aus Davids Stamm, nicht fehlen. Zion ist hier gleichbedeutend mit Jerusalem. V. 14. ist die göttliche Antwort auf V. 8 . Ja, Jahve will seine Ruhestätte in Jerusalem nehmen, wozu er aufgefordert war; er will es segnen, und ihm insbesondere den verheißenen Messias schenken (V. 17). Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
V. 15. Im ersten Teil des Psalms ist lauter Trachten nach dem Reich Gottes, im andern Teil ist die frohe Verheißung: Ich will ihre Speise segnen und ihren Armen Brots genug geben. Ach, dass nur nichts so groß in unsern Augen wäre als das Reich Gottes und wir mit Beten und Forschen der göttlichen Verheißungen so anhielten wie die Gläubigen vor uns! K. H. Rieger † 1791.
  Leckereien verspreche ich ihnen nicht; genug, aber nicht einen Überfluss. Arm mögen sie sein, aber nicht verlassen. Brot sollen sie haben, und das als Gottes Gabe; eben darum auch nicht kärglich, sondern genug, - genug, um sie zum Vaterhaus zu bringen, wo Brots die Fülle ist (Lk. 15,17). Möge darum der arme Israelit nicht ängstlich sein, seine Opfer zum Tempel zu bringen, und fürchten, sich selber dadurch des Nötigen zu berauben. John Trapp † 1669.

V. 15 ff. Gottes Gegenwart ist Bürgschaft alles Guten; denn all die Segnungen dieser Verse folgen auf das Wort: Hier will ich wohnen. J. W. Burgon 1859.
  Bürger (V. 15), Priester (V. 16) und Könige (V. 17) sollen gesegnet sein. Lic. H. Keßler 1899.
V. 16. Ihre Heiligen sollen laut jubeln. (Grundt.) Es würde einen Europäer in Erstaunen setzen und belustigen, die Eingeborenen hier in Bengalen singen zu hören. Von Harmonie und melodischem Wohllaut haben sie keine Ahnung; aber Lärm zu machen verstehen sie, und wer am lautesten singt, der kann es nach ihrer Meinung am besten. Ich habe ihnen früher manchmal darüber Vorstellungen gemacht, aber vergeblich; und die Antwort, die ich einmal dabei erhielt, ließ mich hernach für immer schweigen. "Sing doch leiser, Bruder", sagte ich eines Tages zu einem der hervorragendsten Glieder meiner Gemeinde. "Was, ich soll leise singen?" erwiderte er, "Du, unser Vater, sagst uns, wir sollen leise singen? Hast du uns je gehört, wenn wir den Ruhn unserer Hindugötzen sangen, wie wir da den Kopf zurückwarfen und aus aller Macht das Lob derer sangen, die doch nicht Götter sind? Und nun kommst du und sagst uns, wir sollten den Lobpreis Jesu flüstern? Nein, Herr, das geht nicht; wir müssen laut unsere Dankbarkeit bezeugen gegen ihn , der uns geliebt hat und für uns in den Tod gegangen ist!" Und so fuhren sie denn fort, aus aller Macht zu singen, und ich sagte kein Wort mehr dagegen. G. Gogerly 1870.
V. 17. Daselbst will ich dem David ein Horn sprossen lassen. (Grundt.) Während das Horn des Gesalbten in 1. Samuel 2,10 seine Grundstelle hat, finden wir den ganzen Ausdruck ein Horn sprossen lassen in Hes. 29,21 wieder, und das Wort sprossen (zamach) ist dasselbe, das in der späteren messianischen Weissagung eine so wichtige Rolle spielt, von der ersten noch allgemeiner gefärbten Stelle Jes. 4,2 bis zu den bestimmten, so hervorragenden Weissagungen von dem Zemach, dem Spross des HERRN aus Davids Haus, Jer. 23,5; 33,15; Sach. 3,8; 6,12. Man vergleiche ganz besonders mit unserer Psalmstelle Jer. 33,15-18 und Sach. 6,12 f. Davon, wie man das Verhältnis unseres Psalms zu diesen Stellen auffasst, hängt wesentlich die Bestimmung der Abfassungszeit des Psalmes ab. Es handelt sich dabei ja nicht nur etwa um jenen einzelnen Ausdruck, sondern um die ganze Art, wie das Bild des Messias und die Segensfülle der messianischen Heilszeit in unserem Psalme V. 13-18 gezeichnet sind. - J. M.
  Im Anfang des Monats März hält sich der Hirsch in den abgeschiedensten Stellen seiner Waldheimat auf, ebenso harmlos wie seine Gefährtin, die Hindin, und ebenso furchtsam. Bald jedoch machen sich an seiner Stirn zwei Erhöhungen bemerkbar, die mit einer samtartigen Haut bedeckt sind. In etlichen Tagen haben diese kleinen Erhöhungen schon eine gewisse Länge erreicht, und es zeigt sich die erste Andeutung ihrer künftigen Gestalt. Berührt man eine derselben mit der Hand, so fühlen sie sich brennend heiß an, denn das Blut rinnt heftig durch das samtige Polster, jedesmal ein ganz klein wenig Knochenmasse absetzend. Immer rascher wächst das Geweih, indem die Hauptadern sich ausdehnen, um den betretenden Stellen genügende Nahrung zuzuführen, und in der kurzen Zeit von zehn Wochen hat sich die gewaltige Knochenmasse fertig gebildet. Dieser Vorgang ist, wenn nicht ganz, so doch beinahe ohne seinesgleichen in der Geschichte des Tierreichs. J. G. Wood 1861.
  Daselbst habe ich meinem Gesalbten eine Leuchte zugerichtet. Der Andruck Leuchte kommt in Davids Geschichte öfters vor. Jehovah ist Davids Leuchte gewesen, und dadurch ward dessen eigenes Dunkel helle. In Ps. 18,29 sagt David: Du machst licht meine Leuchte. Es hat also David selbst eine Leuchte, die aber nur dadurch leuchtet, dass Jehovah ihr sein eigenes Licht gespendet hat, selber in ihr und aus ihr leuchtet. Der in Davids Seele vorhandene Lichtodem (Schöpfungsmitgift des Menschen) ist durch die höheren Geisteseinwirkungen und -zuflüsse zu immer kräftigerem Licht- und Lebensfeuer geworden. Durchleuchtet vom göttlichen Geiste ist David ein brennendes und scheinendes Licht geworden auch für andere, "die Leuchte in Israel", wie nach 2. Samuel 21,17 schon in einem Philisterkrieg seine Streiter ihm sagten. In ihm als König nach Gottes Herzen waren für Israel als in einem Brennpunkte die Licht- und Gnadengedanken Gottes verkörpert, und zwar seit 2. Samuel 7 so, dass dieser Gnadenleuchte in Davids Haus für das Volk hinfort ein ewiger Bestand gesichert war. Und in dieser eigentümlichen Beziehung kommt nun später wiederholt das Wort von der Leuchte vor, die Gott allezeit in Jerusalem haben soll, siehe 1.Kön. 11,36; 15,4; (hier) Ps. 132,17. W. Arnold 1880.
V. 17.18. Die Verheißungen dieser Verse umschließen: 1) Wachsende Macht: das sprossende Horn. Vergeltung für Ps. 75,11 (Grundt.) 2) Bleibende Ehre: die immer brennende Leuchte. 3) Vollständigen Sieg: Zuschandenmachen der Feinde. 4) Allumfassende Wohlfahrt seines Reiches: die blühende Krone. Alles dies geht in Christo in Erfüllung. Mt. Henry † 1714.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Der HERR gedenkt an Jesus, unsern David: er liebt ihn, er hat Wohlgefallen an ihm, er ist mit ihm. 2) In diesem Gedenken haben die Mühen und Leiden Jesu einen hervorragenden Platz. 3) Doch will der HERR, dass sein Volk ihn erinnert.
V. 1.2. Angewandt auf Gottes Volk. I. Der HERR gedenkt der Seinen: 1) ihrer selbst, 2) ihrer Leiden, 3) ihrer Gelübde. II. Der HERR gedenkt an sie, d. h. 1) er gibt ihnen Gehör, 2) er fühlt mit ihnen, 3) er steht ihnen bei.
  I. Gott gedenkt der Seinen, und zwar eines jeden Einzelnen: Gedenke an David. Der Geist Gottes tritt selbst, in uns flehend, für uns nach Gottes Willen ein (Röm. 8,26 f.). II. Er gedenkt ihrer Mühen und ihrer Trübsale: Gedenke an alle sein Leiden. "Ich weiß deine Werke und deine Trübsal" (Off. 2,9). III. Er gedenkt ihrer Gelübde, vor allem derjenigen, 1) die seinen Dienst betreffen, 2) die sie feierlich abgelegt haben, 3) die sie treulich erfüllt haben. G. Rogers 1885.
V. 1-5. I. Beachten wir, wie schmerzlich David das empfand, wovon er meinte, dass es Gottes nicht würdig sei, und dem er glaubte abhelfen zu können. Es war ihm ein Leiden, dass die Lade Gottes unter Teppichen weilte, während er in einem Zedernhause wohnte (2. Samuel 7,2). 1) Wie selten ist solches Leiden! Die meisten wissen von Leiden nur, soweit es sich um Krankheit, irdische Verluste und Entbehrungen irgendwelcher Art und dergl. handelt; sehr wenige leiden aus solcher Ursache wie David. 2) Wie geringem Verständnis begegnet solches Empfinden bei den meisten Menschen! "Wenn Gott die Heiden bekehren will, kann er’s ohne Sie machen, junger Mann!" antwortete man Carey, als das Elend der Heidenwelt ihm ein Leiden war. 3) Wie sehr geziemt aber einem wirklich Gott liebenden Herzen solches Empfinden! 4) Gott ist es wohlgefällig (vergl. z. B. 1. Samuel 2,30). II. Betrachten wir, wie eifrig David sich anstrengte, den von ihm beklagten Übelstand abzustellen: Er schwor dem Herrn usw. Es kann nicht der geringste Zweifel obwalten, dass er auf alle Bequemlichkeit und alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet haben würde, bis er das seinem Herzen so teure Werk vollendet gehabt hätte, wenn es ihm von Gott gestattet worden wäre, den Tempel zu bauen. Mehr als genügender Beweis dafür ist, dass er, obwohl ihm die Ehre des Tempelbaues versagt ward, sein Leben lang unermüdlich und unter den größten Opfern daran gearbeitet hat, alles für den Bau vorzubereiten (siehe 1. Chr. 22-26; 28; 29). Merken wir uns wohl: 1) Da ist wenig Eifer für Gottes Ehre, wo man Gottes Sache zuliebe keine Selbstverleugnung übt. 2) Würde im Allgemeinen ein gleicher Eifer von Gottes Volk betätigt, so wären der Geber und der Gaben, und der reichlichen Gaben, mehr, desgleichen würde kein solcher Mangel an Arbeitern im Reiche Gottes zu beklagen sein, und die Arbeit würde wackerer und besser getan werden. 3) Es würde gut sein, wenn wir die Welt in Erstaunen setzten und uns des Lobes der Gerechten würdig machten dadurch, dass wir uns zu Eifer für die Ehre Gottes entzünden ließen. John Field 1885.
V. 3-5. 1) Es sollte uns ein größeres Anliegen sein, dass Gott eine würdige Stätte der Anbetung habe, als dass wir selber ein schönes Haus haben: "Siehe, ich wohne in einem Zedernhause, und die Lade Gottes wohnt unter Teppichen" (2. Samuel 7,2). 2) Die Rücksicht auf Gottes Haus sollte uns leiten in unserer Stellung zu unserem eigenen Haus: "Ich will nicht in die Hütte meines Hauses gehen usw." 3) Wir sollten uns um das Gedeihen des Hauses Gottes sogar mehr bemühen als um das Gedeihen unseres eigenen Hauses. Nichts sollte uns den Schlaf mehr versüßen, als wenn es der Gemeine des HERRN wohl geht, nichts uns mehr wach halten, als wenn sie im Verfall ist: "Ich will meine Augen nicht schlafen lassen usw." "Aber eure Zeit ist da, dass ihr in getäfelten Häusern wohnt, und dies Haus muss wüst stehen?" (Hag. 1,4.) G. Rogers 1885.
V. 5. Ein rechter Lebenszweck: neue Stätten zu finden, da Gott wohnen kann. 1) Bedenken wir, welche Herablassung darin liegt, dass Gott bei uns wohnen will. 2) Erforschen wir die Stätten, wo Gott wohnen will: die Herzen, die Familien, die finsteren Örter der Erde. 3) Erwägen wir, welch ein fürstliches Werk es ist, dem HERRN eine Wohnung zu bereiten. Dieser Gedanke setzte David in volle Tätigkeit, und wahrlich, es war eine Arbeit, eines Königs würdig! W. B. Haynes 1885.
  Eine Stätte für den HERRN: im Herzen, im Hause, in der Gemeinde, im Leben, überall müssen wir für den HERRN Raum finden und Raum machen.
  Jehovah ist der Mächtige Jakobs ; 1) darum verband er Himmel und Erde zu Bethel durch die Himmelsleiter; 2) darum brachte er Jakob zurück aus Mesopotamien; 3) und doch rang er mit Jakob am Jabbok; 4) und doch ließ er es zu, dass Jakob in viel Trübsal kam; 5) aber darum erlöste er Jakob auch von allem Übel (1. Mose 48,16).
V. 6.7. (Eine einfältige praktische Auslegung.) Wir sehen hier Seelen, die danach verlangen, mit Gott zusammenzukommen. Gott hat eine Stätte der Zusammenkunft bestimmt. (Stiftshütte = Zelt der Zusammenkunft, 2. Mose 9,42 ff.) Das Hauptstück des Heiligtums aber war die Bundeslade. 1) Wir wissen, was wir an der Bundeslade haben. Auf ihr ist der Gnadenstuhl, in ihr das Gesetz, Himmelsbrot (Mannakrüglein) und heilige Leitung (Aarons Stab). 2) Wir begehren sie zu finden, mit sehnlichem Verlangen, jetzt, voll Ehrerbietung, voll Erwartung des Segens, der von ihr ausströmt. 3) Wir hörten von ihr - in unsern jungen Jahren, wir haben fast vergessen wo (Ephrata?), von Dienern des HERRN, von gereiften Gläubigen, von denen, die uns liebten usw. 4) Wir haben sie gefunden! Dort wo wir es am wenigsten erwarteten, an einer gering geachteten Statte, an einem einsamen Orte, wo wir uns selbst verloren. Doch war sie uns nahe - nicht sie war verborgen, sondern wir hatten uns versteckt wie Adam unter den Bäumen. 5) Wir wollen gehen: zu Gott am Gnadenstuhl (durch Christum), um alles zu empfangen, was er uns zu geben bereit ist, um bei ihm zu bleiben, um von ihm zu lernen. 6) Wir wollen anbeten: in Demut, feierlich, dankbar, einen Vorgeschmack des Himmels genießend und uns für den Himmel übend.
V. 7. I. Die Stätte: Gottes Wohnung. 1) Sie ist erbaut für Gott. 2) Gott geruht da zu wohnen. Ist er auch der Allgegenwärtige, so tut er doch hier seine Gnadennähe in besonderer Weise kund. II. Die Anwesenheit. Dort ist Gott gegenwärtig, um mit uns zusammenzukommen; dort sollten auch wir gegenwärtig sein, um ihm zu begegnen. III. Der Zweck: um niederzufallen vor seinem Fußschemel, 1) um ihn anzubeten, 2) um uns ihm zu weihen. G. Rogers 1885.
V. 8.9. I. Die Gemeine erbittet Gottes Gegenwart. Sie bittet: 1) Dass Gottes Gegenwart sich sichtlich kundtun möge: HERR, mache dich auf und gehe ein zu usw. 2) Dass sie eine gnädige sein möge: Du und die Lade - dass Gott also auf dem Gnadenstuhl gegenwärtig sein möge. 3) Dass sie sich zu fühlen gebe in Kraft: Die Lade deiner Macht. 4) Dass sie bleibend sein möge: Mache dich auf zu deiner Ruhe. II. Warum erbittet sie Gottes Gegenwart? 1) In Hinsicht auf die Priester oder die Diener des HERRN: Deine Priester lass sich kleiden mit Gerechtigkeit, dass sie rechte Priester seien; dazu V. 16: mit Heil ; also dass sie selber Gerechtigkeit und Heil besitzen und Gerechtigkeit und Heil vermitteln (durch Verkündigung und persönlichen Einfluss). 2) In Hinsicht auf die Anbeter: Und deine Heiligen sich freuen. Wenn die Diener des HERRN Gottes Gerechtigkeit und Heil in der Kraft des HERRN aus eigener Erfahrung verkündigen, dann jauchzen die Heiligen vor Freuden. G. Rogers 1885.
V. 9. Betrachten wir: 1) wie wichtig rechte Diener des HERRN für die Gemeinde sind, 2) welch enge Beziehung besteht zwischen dem Vorhandensein solcher Diener und dem Vorhandensein eines fröhlichen Gottesvolkes, 3) wie abhängig beide sind von Gottes gnädigem Wirken. John Field 1885.
V. 9b. 1) Wer sind diese Heiligen? 2) Was sollen sie tun? Jubeln (Grundt.). 3) Was kann sie dazu ermuntern?
V. 9.16. Die geistliche Einkleidung. I. Das Ornat. 1) Gerechtigkeit. Auch die kostbarste Stola ist dafür ein sehr ärmlicher Ersatz. 2) Heil. Gelehrsamkeit, Beredsamkeit usw. sind im Vergleich dazu von sehr untergeordneter Bedeutung. II. Wie kann man sich solche geistliche Kleidung verschaffen? 1) Nur Gott kann sie geben. 2) Ernstes Flehen sollte beständig dafür von allen Heiligen zu Gott emporsteigen. III. Die Einkleidung. 1) Sie geschieht von Gott eigenhändig! 2) Die Lieblichkeit und Macht derer, die so eingekleidet sind. 3) Sie sind die rechten "Priester des HERRN". W. B. Haynes 1885.
  1) Priester und Heilige. 2) Die Amtskleidung. 3) Alte und neue Lieder. 4) Da tut sich die "wirkliche Gegenwart" des HERRN kund: Gott gibt beides, die heiligen Kleider und die heilige Freude.
V. 10. 1) Ein Unglück, gegen das wir zum HERRN flehen sollen, dass er es nicht über uns kommen lasse: wenn der HERR unser Angesicht wegwendet , so dass er uns nicht anblickt und wir nicht zu ihm aufblicken können, er uns abweist und uns nicht hoffen lässt.) Eine wirksame Begründung der Bitten um deines Knechts David willen - um deines Bundes willen, den du mit ihm gemacht hast, und um seines Eifers, seiner Hingebung, seiner Leiden, seiner Dienste willen. Christus ist unser David. Das ist echt evangelisches Flehen, wovon wir bei vielen Anlässen Gebrauch machen dürfen.
V. 11. 1) Gottes Eid. 2) Die ewige Festigkeit dieses Eides. 3) Das ewige Königtum, das den Inhalt dieses Eides bildet.
  Davon wird er sich nicht wenden. Das ist der Grund unserer Zuversicht. Gott ist nicht wandelbar. Er hat alles vorausgewusst. Er vermag seine Absicht auszuführen. Seine Ehre ist damit verknüpft. Sein Eid kann nicht gebrochen werden.
V. 12. Gottes Huld kann einer Familie dauernd zugewendet bleiben; aber es sind Bedingungen da, die beachtet werden müssen.
V. 13.14. 1) Eine unumschränkt freie Wahl. 2) Herablassende Einwohnung. 3) Ewige Ruhe. 4) Eine anbetungswürdig gnädige Begründung: Denn nach ihr verlangte ich (wörtl.).
V. 14. I. Die Gemeine des HERRN ist Gottes Ruhe . 1) In ihr wird Gott, Vater, Sohn und Geist, geehrt. 2) In ihr erfüllen sich Gottes ewige Ratschlüsse. 3) In ihr finden die Mühen der allmächtigen Liebe ihren Lohn. 4) In ihr ist immer frisch das Gedächtnis des unaussprechlich großen Opfers. 5) An ihr verherrlichen sich Gottes hehre Eigenschaften. 6) In ihr kommt es zu der innigsten Gemeinschaft zwischen Gott und seinen Geschöpfen und diesen untereinander in ihm. II. Sie ist Gottes Ruhe ewiglich. 1) Es wird immer eine Gemeine des HERRN geben. 2) Die wahre Gemeine des HERRN wird immer solcher Art sein, dass Gott in ihr ruhen kann. 3) Diese Gemeine wird im Himmel ewig verherrlicht werden.
V. 15. 1) Gesegnete Speise. 2) Zufriedene Arme. 3) Eine Verherrlichung Gottes ("Ich will"). 4) Ein glücklicher Ort (Zion).
V. 16.18. Zweierlei Kleid: Heil und Schande, bereitet für Gottes Priester und Gottes Feinde. Welches von den beiden wirst du tragen?
V. 17.18. 1) Das sprossende Horn wachsender Macht. 2) Die ewige Leuchte nimmer erbleichender Herrlichkeit. 3) Die schmachvolle Kleidung der besiegten Feinde. 4) Der unverwelkliche Kranz ruhmreicher Herrschaft.
V. 18. I. Die Feinde und ihr Kleid. 1) Wer sind diese Feinde? Die offenbar Gottlosen, aber nicht nur sie, sondern auch solche, die zwar ehrbar leben, aber sich um Gott nicht kümmern, sowie die Selbstgerechten und die Heuchler. 2) Wie sollen sie mit Schande gekleidet werden? In Reue, in Vereitelung ihrer Anschläge, in Gewissensbissen, in der Verdammnis; indem ihre Sünde entdeckt, sie selber hinweggewiesen, ihre Hoffnungen vernichtet werden. 3) Wer kleidet sie also mit Schande? Der HERR selber. Er wird sie gänzlich in Schmach hüllen. II. Der Gesalbte und seine Krone. 1) Die Krone bezeichnet seine Herrschaft und seinen Ruhm. 2) Diese seine Krone soll auf ihm blühen. Sein Ruhm soll sich ausbreiten, seine Untertanen sich mehren, sein Reichtum wachsen, seine Feinde ihn fürchten usw.
V. 18b. Der Herr Jesus ist selber die Quelle, die erhaltende Kraft und der Mittelpunkt der Wohlfahrt seines Reiches.

Fußnoten

1. Zu dieser mutmaßlichen Deutung des Wortes ephrata sowie zu der im Folgenden gestreiften Annahme, dass jaar (Wald) eine poetische Bezeichnung von Kirjath-Jearim ("Wälderstadt") sei, vergl. die Erläuterungen und Kernworte zu diesem 6. Verse. - J. M.

2. Spurgeon verlegt V. 7 mit V. 6 in Davids, V. 8-10 in Salomos Zeit. Die Hervorhebung der zeitlichen Zwischenräume ist misslich; sie widerspricht der Absieht des Psalm, in welchem V. 6-10 zusammengehören. Die Redenden sind V. 6-10 durchweg dieselben, nämlich "die immer identische, obwohl in ihrem Mitgliederbestand wechselnde Gemeinde. Das Israel, welches zu Davids Zeit die heilige Lade aus Kirjath-Jearim gen Zion einholte und von da auf den Tempelberg geleitete und jetzt zu Salomos Zeit in dem durch Davids Eifer für die Ehre Jahves erstandenen Heiligtum anbetet, ist ein und dasselbe." (Delitzsch.) - J. M.

3. So suchen wir die beachtenswerte Steigerung des Grundtextes zu Gefühl zu bringen. Sehr dem Grundt. entsprechend übersetzt Delitzsch V. 9 frohlocken, V. 16 froh frohlocken.

4. Remembrancer, Erinnerer, Titel eines Beamten der englischen Krone.