Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 61


Überschrift

(Ein Psalm) Davids, vorzusingen, auf Saitenspiel. Die "güldenen Kleinode" sind zu Ende; aber wenn dieser viel verheißende Titel den nun folgenden Psalmen auch fehlt, gewähren sie doch eine reiche Ausbeute. Mit Begleitung von Saiteninstrumenten zu singen waren auch der Psalms (Ps 4; 6; 54; 55;) hier ist eine ähnliche Angabe: Auf Saitenspiel.1

Inhalt
Der Psalm ist eine Perle, klein, aber kostbar. Er hat schon manchem tief Betrübten als passendes Gebet gedient, wenn sein Gemüt zu niedergeschlagen und verwirrt war, als dass er die rechten Worte hätte selber finden können. Der Psalm ist von David offenbar verfasst worden, als dieser schon auf dem Thron saß, siehe V. 7 , und der dritte Vers führt darauf, dass er während der unfreiwilligen Abwesenheit des Königs vom Heiligtum geschrieben worden ist. Somit kommen wir auf die absalomische Empörung als die Zeit der Entstehung des Psalms. Wir überschreiben ihn mit Delitzsch: Bitte und Dank eines vertriebenen Königs auf dem Rückweg zum Throne.

Einteilung. Das Sela V. 5 scheidet den Psalm in zwei gleich große Hälften.

Auslegung

2. Höre Gott, mein Schreien und merke auf mein Gebet!
3. Hienieden auf Erden rufe ich zu dir, wenn mein Herz in Angst ist,
du wollest mich führen auf einen hohen Felsen.
4. Denn du bist meine Zuversicht,
ein starker Turm vor meinen Feinden.
5. Lass mich wohnen in deiner Hütte ewiglich
und Zuflucht haben unter deinen Fittichen. Sela.

2. Höre, Gott, mein Schreien. Es ist dem Psalmisten bitter ernst mit seinem Flehen; gellend ertönt sein Klagegeschrei. Doch lässt er sich nicht daran genügen, seinem Kummer Luft zu machen; er begehrt für sein Gebet Gehör im Himmel und handgreifliche Hilfe als Erfolg desselben. Pharisäer mögen sich mit dem bloßen Beten zufrieden geben; wer im lebendigen Glauben steht, sieht eifrig nach der Antwort aus. Ritualisten mögen auf ihrer Frömmigkeit ausruhen, wenn sie ihre Litaneien und Kollekten (die vorgeschriebenen Kirchengebete) hergebetet haben; lebendige Kinder Gottes aber können nicht ruhen, bis sie die Gewissheit haben, dass ihre Bitten Gott in Ohr und Herz gedrungen sind. Und merke auf mein Gebet. Schenke ihm Beachtung und gib die Antwort, welche deine Weisheit für gut findet. Wenn es uns so ernst wird mit dem Beten, dass wir zu Gott schreien, so brauchen wir nicht zu zweifeln, dass auch Gott ernstlich auf unser Flehen achten wird. Unser himmlischer Vater ist nicht, wie hie und da ein irdischer, gegen das Flehen seiner Kinder abgehärtet. Wie tröstlich ist der Gedanke, dass der HERR allezeit auf das Schreien der Seinen hört und nie vergisst, um was sie ihn gebeten haben! Was immer sonst sich als ohnmächtig erweisen mag, Gott zu bewegen, - brünstiges, gläubiges Flehen ist nie umsonst.

3. Vom Ende der Erde2 her rufe ich zu dir. (Grundt.) Er war verbannt von der Stätte, die seine höchste Lust war, und sein Gemüt war schwer bedrückt und von Trauer umdüstert. Wie er äußerlich ein Verbannter war, so kam er sich auch unter den schweren Heimsuchungen als von Gott verbannt vor; doch hält er deshalb nicht mit dem Gebet zurück, sondern findet darin vielmehr einen Grund, desto lauter und dringender zu Gott zu rufen. Es war den Frommen im alten Bunde ein schwerer Kummer, wenn sie fern von der Stätte des Gottesdienstes weilen mussten; das Heiligtum war ihnen, und nicht mit Unrecht, der Mittelpunkt der Erde (vergl. Hes. 5,5), und wenn sie nicht mehr zu demselben nahen konnten, kamen sie sich vor, als wären sie verbannt an den äußersten Rand des Weltalls. Mit Gewalt packte sie das Heimweh nach dem lieblichen Zion mit seinen schönen Gottesdiensten. Aber bei alledem wussten sie sehr wohl, dass kein Ort zum Beten ungeeignet ist. Ein Ende der Erde mag es geben; aber für Anbetung und Flehen gibt es keine Schranken. An den Grenzen der Schöpfung können wir zu Gott rufen, denn auch von da aus erreicht unser Flehen sein Ohr. Kein Ort ist zu schrecklich, keine Lage zu bejammernswert; seien wir am Ende der Welt oder am Ende des Lebens, Beten ist in jedem Fall das Beste und Nützlichste, was wir tun können. In manchen Umständen bedarf es freilich eines starken Entschlusses, um Herz und Gedanken zum Gebet zu schicken; der Psalmdichter tut dies aber. Und das war weislich gehandelt; denn hätte er abgelassen zu beten, so wäre er ein Opfer der Verzweiflung geworden. Bei wem es mit dem Beten aus ist, mit dem ist es selber auch aus. Man beachte ferner, dass es David nie in den Sinn kam, sich an einen andern Gott zu wenden. Er hatte nicht die Meinung, dass die Herrschaft Jehovas räumlich beschränkt sei; wohl war er außer den Grenzen des gelobten Landes (denn das Gebiet jenseit des Jordans galt dem Israeliten nicht eigentlich als Teil des Landes Kanaan, vergl. 4. Mose 32,29 f.); aber in dem Herrschaftsgebiet des großen Königs wusste er sich dennoch, und an diesen allein richtet er seine Bitten. Da mein Herz verschmachtet (Grundt.), sich vor Kummer und Sehnsucht aufreibt, aller Mut gebrochen ist, - oder nach anderer Ableitung der Bedeutung: da mein Herz vor Betrübnis wie in Nacht gehüllt ist, da die Wogen der Trübsal über mich gehen und nicht nur über meinem Haupt, sondern über meiner Seele zusammenschlagen. Es hält schwer zu beten, wenn das Herz am Verschmachten ist; und doch beten gottbegnadete Seelen nie besser als gerade dann. Not bringt uns Gott und Gott uns nahe. Der Glaube erficht seine größten Siege in den härtesten Kämpfen. "Es ist ganz aus mit mir, die Trübsal umhüllt mich wie eine Wolke, sie verschlingt mich wie ein Meer, sie verschließt mich in dichte Finsternis; dennoch ist Gott in der Nähe, nahe genug, dass er meine Stimme hören kann, darum will ich ihm rufen" - ist das nicht tapfere Sprache?
  Auf einen Felsen, der mir zu hoch ist, wollest du mich führen. (Grundt.) Ich sehe wohl, dass du ein unbezwinglicher Fels bist, der mir sichere Zuflucht böte; aber ach, mein Herz ist zu verwirrt, als dass ich den Pfad finden könnte, meine Kraft zu schwach, als dass ich ihn erklimmen könnte. Du bist ein sicherer Führer, leite mich; du bist so hoch, zieh mich empor; du bist so stark, bring mich hinauf! Die kurze Bitte ist fast unerschöpflich an Sinn. An den starren Felswänden unserer nördlichen Küste geht manches Leben verloren, weil die Felsen für die Schiffbrüchigen unerklimmbar sind. Ein Pfarrer eines der Küstendörfer hat mit unsäglicher Mühe vom Strande aus zu einer geräumigen Höhle, die er in den Kalkstein gehauen hat, Stufen hergestellt; dadurch ist schon mancher Seemann gerettet worden: sie haben den Felsen, der ihnen sonst unerreichbar gewesen wäre, erstiegen und sind so dem Wassergrabe entronnen. Kürzlich hörten wir jedoch, dass die Stufen durch die Stürme allmählich zerstört worden seien und dass infolgedessen manche arme Schiffbrüchige angesichts der Zufluchtsstätte, die sie nicht erreichen konnten, weil sie ihnen zu hoch war, zugrunde gegangen seien. Man hat daher den Vorschlag gemacht, mächtige Haken in den Felsen zu schlagen und daran eiserne Hängeleitern zu befestigen, damit die Schiffbrüchigen zu dem Obdach gelangen können. Das Bild deutet sich selbst. Unsere Erfahrung lässt uns den Vers gar wohl verstehen; denn auch wir haben ein Zeit gehabt, wo unsere Seele ob der Erkenntnis der Sünde so bestürzt und entsetzt war, dass wir, wiewohl wir wussten, dass der Herr Jesus eine sichere Zuflucht für die Sünder ist, doch nicht zu ihm gelangen konnten wegen der vielen Zweifel und düstern Gedanken, die wir hegten. Der Heiland hätte uns an sich nichts genützt, wenn der heilige Geist uns nicht sanft zu ihm geführt und uns instand gesetzt hätte, uns in ihm zu bergen. Ja, bis auf diesen Tag fühlen wir es noch oft, dass wir nicht nur eines Hortes bedürfen, sondern auch, dass wir zu ihm geleitet werden. Und weil wir das im Auge behalten, gehen wir auch mit den halbungläubigen Gebeten erweckter Seelen sehr gelinde um; denn bei dem erschreckten Zustand ihres Gemüts können wir nicht von ihnen erwarten, dass sie alsbald mit völligem Glauben Gott anrufen. Eine suchende Seele sollte freilich ohne Zaudern an Jesus glauben; aber die Bitte, zu Jesus geführt zu werden, ist jedermann erlaubt. Der heilige Geist ist in solchem Führerdienst wohl erprobt, und er vermag das Werk zu vollbringen, selbst wenn das Herz am Rand der Verzweiflung ist.
  Wie unendlich hoch über uns ist das Heil Gottes! Wir krabbeln in der Tiefe des menschlichen Verderbens; es ragt zum Himmel auf, hoch über uns wie ein majestätischer Fels. Diese Erhabenheit des göttlichen Heils ist seine Herrlichkeit und ist unsere Lust, wenn wir den Fels einmal erklommen haben und seinen Schutz genießen; aber solange wir noch zitternd und zagend das Heil suchen, erschreckt uns seine Herrlichkeit und Erhabenheit, und das eine Gefühl beherrscht alles, dass wir viel zu unwürdig sind, je daran Anteil zu haben. Das führt uns dazu, desto brünstiger um Gnade zu flehen und zu erkennen, wie völlig wir von der freien Gnade abhängig sind, wie nicht nur das Heil selbst, sondern auch das Vermögen, daran zu glauben, Gottes Gabe und Wirkung ist.

4. Denn du bist meine Zuversicht, wörtl.: bist mir eine Zuflucht geworden, hast dich mir als solche bewährt. (Grundt. Perf.) Die Erfahrung ist die Nährmutter des Glaubens. Aus der Vergangenheit sammeln wir Gründe, Gott in der Gegenwart zu vertrauen. Wie oft hatten die Nachstellungen Sauls und die Gefahren des Krieges Davids Leben gefährdet, dass er nur durch ein Wunder entrann; doch war er noch am Leben und unverletzt. Des gedenkt er und ist voll guter Zuversicht. Ein starker Turm vor meinen Feinden (wörtl.: vor dein Feind). Wie in einem jedem Angriff trotzenden Festungsturm hatte David gewohnt, weil ihn die Allmacht Gottes umgab. Es ist unaussprechlich lieblich und tröstlich, der Freundlichkeit, die der HERR uns in früheren Zeiten erwiesen hat, zu gedenken; denn er ist unwandelbar und wird uns daher auch ferner vor allem Übel bewahren.

5. Lass mich wohnen in deiner Hütte ewiglich. Im Grundtext sind diese Worte nicht unmittelbar Gebet, sondern Ausdruck der Sehnsucht: O möchte ich weilen in deinem Zelte ewiglich! Lässt du mich je wieder zu deinem Heiligtum zurückkehren, so soll mich wahrlich nichts mehr daraus vertreiben. Selbst jetzt, da ich fernhin verbannt bin, ist mein Herz dort, und allezeit will ich anhalten, dir im Geist meine Opfer darzubringen, wohin ich auch verschlagen werden möge. Das Heiligtum heißt hier (vergl. Ps. 15,1; 27,4 f.) das Zelt Gottes, weil es, seinem geistlichen Wesen nach, die Stätte der Gegenwart Jehovas war. Auch das Weilen in demselben ist nicht nur äußerlich, sondern auch geistlich aufzufassen. Davids sehnsüchtiger Wunsch ist, Gottes Hausgenosse zu sein, Gottes Gastfreundschaft und sichern Schutz zu genießen. Da, bei Gott, ist seine wahre Heimat. Wer mit Gott Gemeinschaft hat, ist stets daheim. Selig sind die Knechte eines solchen Herrn, die allezeit vor ihm dienen und daher nie seine Gegenwart entbehren (1.Kön. 10,8). Sogar die Holzhauer und Wasserträger des Heiligtums (Jos. 9,27) sind mehr zu beneiden als die Fürsten und Vornehmen, die in den Palästen irdischer Könige schwelgen. Das Beste ist, dass wir bei Gott wohnen dürfen nicht für eine kurze Spanne Zeit, sondern für Äonen, ja in die Äonen der Äonen, in Zeit und Ewigkeit.
  Und Zuflucht haben (mich bergen) unter dem Schirm deiner Fittiche. (Grundt.) Der Psalmdichter braucht dies Bild oft; und es ist viel besser, ein treffendes, sinnreiches und anschauliches Bild wiederholt zu brauchen, als aus bloßer Sucht nach Neuem die ganze Schöpfung zu durchstöbern und dann doch vielleicht nur etliche matte oder schwülstige und unwahre oder schiefe Bilder als Beute heimzubringen. Die Küchlein unter den Fittichen der Henne, - wie sind sie da so wohlgeborgen, so bequem gebettet, so glücklich! Wie warm ist’s an der Mutter Herzen, wie sanft ist die Decke der schützenden Flügel! Gottes Herablassung erlaubt uns, das Bild auf uns anzuwenden, und wie lehrreich und tröstlich ist es! O dass wir dem HERRN noch völliger vertrauten! Wir können es nicht zu unbedingt tun; der Schirm seiner Fittiche ladet zur ungestörtesten Ruhe. Sela. Wie passend ist die Ruhepause an dieser Stelle! Selbst die Harfe mag beredsam schweigen, wenn tiefe Stille das Herz füllt und der Kummer sich in sanften Schlummer geschluchzt hat.
6. Denn Du, Gott, hörest meine Gelübde;
du belohnest die wohl, die deinen Namen fürchten.
7. Du wollest dem Könige langes Leben geben,
dass seine Jahre währen immer für und für,
8. dass er immer bleibe vor Gott.
Erzeige ihm Güte und Treue, die ihn behüten.
9. So will ich deinem Namen lobsingen ewiglich,
dass ich meine Gelübde bezahle täglich.

6. Auch dieser Vers geht wohl, wie V. 4, aus Vergangenheit und Gegenwart: Denn Du, Gott, hast gehört und hörst auf meine Gelübde. (Grundt. Perf.) Die bisher erfahrenen Proben der göttlichen Treue machen uns auch in der Gegenwart die Erhörung unserer Gebete gewiss. Wir dürfen mit unsern Bitten Gelübde verbinden, wenn diese wohlerwogen sind und wirklich auf Gottes Ehre abzielen. Es ist eine große Freundlichkeit Gottes, dass er den Versprechungen so treuloser und trügerischer Geschöpfe, wie wir es sind, Beachtung schenkt. Was wir ihm geloben, kommt ihm ja ohnehin von Rechts wegen zu, und doch lässt er sich herab, unsere Gelübde anzunehmen, als wären wir nicht sowohl seine leibeigenen Knechte, sondern freie Leute, die nach Belieben ihre Dienste anbieten oder zurückhalten könnten. Du gewährst (mir) das Erbe (das Besitztum) derer, die deinen Namen fürchten. (Grundt.) Sollten wir mit dem Lose nicht zufrieden sein, Miterben der Heiligen zu sein? Freilich gehören auch Trübsale, Verfolgungen, Armut und Anfechtungen zu dem Teil der Auserwählten; aber sollen wir einst mit ihnen sitzen am Abendmahl im Reiche Gottes, so dürfen wir es wohl zufrieden sein, jetzt mit ihnen am Kelch der Leiden teilzuhaben. Vor allem ist das Besitztum derer, die den HERRN fürchten, Gottes reiche Gnade. Manche Ausleger halten dafür, der Psalmist verstehe unter dem Besitztum der Gottesfürchtigen das heilige Land.3 Man beachte den Namen, welcher hier, wie auch sonst häufig, den Frommen gegeben wird: sie fürchten den Namen des HERRN; sie sind ehrfurchtsvolle Anbeter, haben vor Gottes allgewaltiger Erhabenheit heilige Scheu; sie sind ängstlich besorgt, ihn nicht zu beleidigen, und fühlen angesichts des Unendlichen und Allerhabenen tief, dass sie nichts sind. Mit solchen das Erbe zu teilen, von Gott mit der gleichen Huld behandelt zu werden, die er ihnen erweist, ist wohl Ursache zu nimmer endendem Dank. Alle Vorrechte der Gesamtheit der Heiligen sind auch das Vorrecht jedes einzelnen unter ihnen.

7. Du wollest (oder: wirst4 (noch weitere) Tage zu den Tagen des Königs fügen; seine Jahre seien (oder: werden sein) wie Geschlecht auf Geschlecht, d.h. wie die von mehreren Geschlechtern. (Grundt.) Wiewohl dem David so oft der Tod drohte, erhielt Gott doch seinen Geliebten; trotz aller Gefahren, die er durchmachen musste, erfreute sich David einer langen, reich gesegneten Regierungszeit, und er sah in seinem langen Leben mehr als ein Geschlecht. Aber wiewohl David demnach die Erfüllung dieser Bitte oder Glaubensaussage in beschränktem Sinne an sich selbst erfuhr, gelten doch die Worte nicht eigentlich ihm persönlich, sondern ihm als dem Könige, d. h. dem Königtum, dessen Vertreter und Haupt er war. In seiner Dynastie, insonderheit in dem großen Davididen Jesus Christus, herrscht David von Geschlecht zu Geschlecht und immerdar. - So sehen wir denn den Psalmisten, der sein Gebet am Fuße des hohen Felsen, fast verschlungen von den Wogen und halbtot vor Ohnmacht, begann, jetzt wirklich auf den Gipfel geleitet; da steht er fröhlich, singt als Priester Gottes, der in Gottes Zelt ewiglich bleibt, als König, der immerdar herrscht mit Gott, und als Prophet, der in die fernste Zukunft hinausschaut. Da sehen wir die erhebende Kraft des Glaubens und des Gebets. Niemand ist in solchen Tiefen, dass er nicht noch auf die höchste Höhe erhoben werden könnte.

8. Ewiglich möge er (oder: wird er) vor Gott thronen. (Grundt.) Wiewohl auch diese Worte in ganz beschränktem Sinne von David gelten können, ziehen wir es doch vor, gleich auf Jesus zu blicken. Dieser unser Messias thront vor Gottes Angesicht ewiglich, und das ist die Gewähr unserer ewigen Sicherheit, unsere Freude und Ehre; denn dort thront er uns zugute, und wie wir jetzt seines Schutzes und weisen Regiments genießen, so sollen wir einst mit ihm den Platz vor Gottes Angesicht und die Herrschaft teilen. Davids Wunsch, allezeit vor Gott zu bleiben und zu thronen, ist nur ein weissagendes Vorbild des herrlichen Vorrechts, das nun allen wahren Gläubigen zugesprochen ist. Bestelle Gnade und Treue, dass sie ihn behüten. (Grundt.) Wieder treten (vergl. 57,4) Gottes Gnade und Treue als gute Engel auf, die Gott zum Schutz der Seinen, hier seines Gesalbten, entbietet. Die ewige Liebe und die unveränderliche Zuverlässigkeit Jehovas sind die Wächter des Thrones Jesu, und gleicherweise sind sie die Versorger und Hüter aller derer, welche in ihm zu Königen und Priestern Gottes geweiht sind. Wir können uns selber nicht behüten, und nichts Anderes als Gottes Gnade und Treue vermögen dies zu tun; aber diese Schutzengel werden ihr Amt so wohl ausrichten, dass auch nicht der geringste von Gottes Erwählten umkommen wird.

9. So will ich deinem Namen lobsingen ewiglich. David hatte dem Flehen seines Herzens durch lautes Rufen Ausdruck gegeben (V. 2); jetzt will er dementsprechend auch seinen Dank in fröhlichen Gesängen laut erschallen lassen. Es sollte ein Ebenmaß sein zwischen unserm Flehen und unserem Danken; es ziemt sich nicht, im Bitten brünstig und im Lobpreisen lässig zu sein. Das Gelübde, den Namen des HERRN ewiglich zu besingen, ist nicht eine den überwallenden Gefühlen des Augenblicks entspringende Übertreibung; wir werden es vielmehr dank der Gnade buchstäblich erfüllen können in der Herrlichkeit. Dass ich meine Gelübde bezahle täglich. Dem Gott, der zu unsern Lebenstagen Tage hinzufügt (V. 7), wollen wir auch jeden dieser Gnadentage weihen. Wir haben es gelobt, Gott beständig zu lobpreisen, und wir haben das herzliche Begehren, dies Gelübde ohne die Unterbrechung auch nur eines Tages einzulösen. Wir möchten Gott dienen Tag für Tag; wir begehren keine Ferien und keine Ruhepausen in diesem heiligen Werk. Gott erfüllt täglich seine Verheißungen; so lasst uns auch täglich unsre Versprechungen erfüllen. Er hält den Bund, den er mit uns geschlossen hat; lasst uns nicht des Handschlags der Treue vergessen, den wir ihm gegeben haben. Gepriesen werde der Name des HERRN von Stund an und bis in alle Ewigkeit!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Wie war doch David ein Mann nach Gottes Herzen, der zur Zeit seiner schweren Leiden das Vertrauen nicht weggeworfen, sondern immer im gläubigen Gebet seine Niedrigkeit Gott vorgehalten und die Hoffnung, dass ihn Gott unter seinen Flügeln noch zur Ruhe bringen werde, behauptet hat! Wie hat er aber auch zur Zeit der gefundenen Hilfe so gar nicht vergessen, was sein Mund gelobet in der Not; wie hat er sich nicht auf sich selbst und seinen nun wohlgegründeten Wohlstand verlassen; wie hat er sich an dem Exempel seines Vorfahrers Saul gespiegelt und in solchem Angedenken fest an der Demut gehalten; wie hat er erkannt, dass ihm Gottes Güte und Treue zu seiner Bewahrung so nötig sei; wie war’s ihm darum zu tun, dass er sich nicht an Menschen hänge und auf sie vertraue, sondern vor Gott bleibe! Denn Gott hat manchen schon verworfen, wenn er schon vor Menschen noch eine Weile sitzen bleibt. Sobald aber der Segen, die Gnade, das Wohlgefallen, der Geist und das Licht Gottes von einem weicht, so ist man vor Gott dasjenige nimmer, für was man sich in der Welt noch ausgeben kann. O wieviel solche Larven und Bilder gibt es in allen Ständen, die das vor Gott nimmer sind, für was sie doch die Menschen noch achten müssen, solange sie Gott äußerlich duldet! Wie genau prüfet Gott hierin der Menschen Herzen, ob einer an seiner Gnade und Wahrheit hängt oder ob er sich bloß mit der Eitelkeit und dem äußerlichen Schein behilft! Karl Heinrich Rieger † 1791.

V. 2. Im Buch Hiob wird an einer Stelle (36,13) von den Heuchlern in verurteilendem Sinn gesprochen, weil sie nicht (zu Gott) schreien, wenn er sie in Fesseln bindet. Ich freue mich, dass von Gottes Kindern keine Unempfindlichkeit gegen die Schläge erwartet wird, sondern dass es recht ist, wenn sie den Stock fühlen, und dass sie, ohne auch nur einen Gedanken der Auflehnung wider die Züchtigung, über dieselbe weinen und zu Gott schreien dürfen. Mary B. M. Duncan † 1865.
V. 3. Es ist ihm, als sei er am Ende der Welt (Grundt.), fern von aller Hilfe und fern von allen Zeichen, Pfändern und Offenbarungen der göttlichen Gegenwart und Huld, weil fern von dem Heiligtum, welches die Stätte der besondern Gnadengegenwart Gottes auf Erden und insofern der Mittelpunkt der Erde war. John Owen † 1683.
  Da mein Herz verschmachtet. (Grundt.) Die Trübsale haben je nach ihrer Art verschiedene Wirkung auf uns. Die einen bringen uns besonders in die Gefahr, gereizt und erbittert zu werden, andere verursachen nagenden Kummer, wieder andere machen uns bestürzt und verwirrt, und etliche sind besonders geeignet, uns aller Kraft zu berauben, uns zum Verschmachten zu bringen; aber welche Form sie auch annehmen mögen, immer zehren sie an unserm LebensMk. Phil. Bennett Power 1861.
V. 5. Mit .... (weilen) verbindet sich die Vorstellung des göttlichen Schutzes. (Als Gastfreund, als Schutzgenosse bei Gott, gleichsam in seinem Burgfrieden, wohnen.) Es folgt ein kühnes Bild dieses Schutzes: er soll oder wird trauen, d. i. Zuflucht haben, unter der Obhut der Flügel Gottes. In der Zeit, wo das Zelt noch wanderte, ist solche Rede vom Wohnen in Gottes Zelt oder Hans noch nicht vernehmbar; erst David hat, indem er der heiligen Lade eine feste Wohnstätte bereitete, zugleich diesen Ausdruck der Liebesgemeinschaft mit dem Gott der Offenbarung geschaffen. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 6. Meine Gelübde. Damit meint er seine Gebete. Gebete sind stets mit Gelübden zu verbinden. Ja, Gebete, die kein Gelöbnis in sich schließen, sind ein unbeschriebenes Blatt. Bittest du, dass Gott dir eine Gnade verleihen möge? Bist du aufrichtig, so wirst du geloben, ihn für sie zu preisen und ihm mit ihr zu dienen. Flehst du zu Gott wider eine Sünde? Wenn du damit nicht Gott zum Narren hältst, wirst du eben so ernstlich geloben, wider die Sünde zu kämpfen, als Gott bitten, dich von ihr zu befreien. William Gurnall † 1679.
V. 7 f. Es stehen vor Davids Seele die schönen Verheißungen, die er durch Nathan, den Propheten, erhalten hat: Dein Haus und dein Königreich sollen beständig sein ewiglich vor dir und dein Stuhl soll ewiglich bestehen (2. Samuel 7,12-16). Dieser Verheißungen getröstet er sich und hofft, dass er mit seinem Geschlecht immerdar werde sitzen bleiben auf dem Throne vor Gottes Angesicht, und seines Gottes Treue und seines Gottes Güte, die hält er für die Schirmwächter zur Rechten und zur Linken dieses Thrones. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Gott lässt es zu, dass die Gottseligen bedrückt und gequält werden, damit sie, wenn sie gedrückt werden, zu Gott rufen und, wenn sie rufen, erhört werden und, wenn sie erhört werden, Gott loben und preisen. Aurelius Augustinus † 430.

Homiletische Winke

V. 2. Wir sollen für unsere Gebete ernstlich Erhörung suchen. 1) Was kann die Erhörung hindern? 2) Was haben wir zu tun, wenn wir nicht erhört werden? 3) Was kann uns ermutigen, zu glauben, dass sich die Erhörung nur verzögert?
V. 3. Führe mich. 1) Zeige mir den Weg: enthülle mir Jesus. 2) Setze mich instand, den Weg zu gehen: wirke Glauben in mir. 3) Zeuch mich empor, wo ich nicht Fuß fassen kann: tu für mich, was außer meinen Kräften ist.
  Mir zu hoch: das Heil zu hoch für unsere höchsten natürlichen Anstrengungen, Fähigkeiten, Wünsche, Erwartungen und Vorstellungen.
  1) Der sichere Bergungsort. 2) Unser Unvermögen, zu ihm zu gelangen. 3) Der Führer, der uns dorthin bringen kann.
V. 3.4. 1) Wie betet er? Ich rufe zu dir. 2) Wo betet er? Vom Ende der Erde her. 3) Wann betet er? Da mein Herz verschmachtet. 4) Um was betet er? Führe mich usw. 5) Woher schöpft er Mut zum Beten? Aus der Erfahrung, siehe V. 4. William Jay † 1853.
V. 4. Eine Zuflucht vor dem Unwetter der Trübsal, dem Sturm der Verfolgung, den Fluten satanischer Versuchungen, der Hitze des göttlichen Zornes, dem kalten Hauch des Todes. Die Arche, Lots Rettungshügel, die blutbesprengten Hütten in Ägypten, die Freistädte, die Höhle Adullam. Ein starker Turm: dauerhaft und wetterfest, uneinnehmbar für die Feinde, ein sicherer Wohnort für den Flüchtling.
V. 5. Lass mich wohnen in deiner Hütte ewiglich: wo der Priester das Opfer dargebracht hat, wo das Gesetz als erfüllt in der Bundeslade niedergelegt ist, wo das siebenfältige Licht des Geistes leuchtet, wo das unverwesliche Manna ist, wo die Herrlichkeit des HERRN sich über den Cherubim offenbart, wo kein Feind eindringen kann und wo ich mit dem Bundesgott Gemeinschaft habe.
V. 6b. 1) Diejenigen, welche den HERRN fürchten, haben ein Besitztum. (Grundt.) 2) Dies Besitztum ist ihnen gegeben. 3) Wir können darüber Gewissheit haben, ob wir es besitzen. William Jay † 1853.
V. 6-9. 1) Gelübde werden im Himmel gehört. 2) Darum sollen sie auf Erden treulich erfüllt werden.
V. 7. Die ewige Herrschaft unseres Königs: unsere persönliche Freude und unsere Hoffnung für unsere Nachkommen.

Fußnoten

1. Die Masoreten haben, wie der verbindende Akzent zeigt, tnygn als stat. constr. aufgefasst: Nach Saitenspiel Davids zu singen; es ist aber wohl als alte Femininform zu nehmen, oder es ist mit allen alten Übersetzern der Plural zu lesen.

2. Nach 2. Mose 16,35; Jer. 12,12 ist es auch möglich zu übersetzen: Von der Grenze des Landes. Da der Ausdruck aber sonst immer das Ende (den äußersten Winkel) der Erde bezeichnet (vergl. Ps. 46,10; 5. Mose 28,49.64 usw.), wird diese Deutung auch hier vorzuziehen sein.

3. $rayf ist nämlich der stehende Ausdruck für das Besitzen des Landes Kanaan.

4. Die Alten, danach auch Luther 1524, sowie die engl. Bibel, übersetzen die Futura des Grundt. V. 7.8a als solche; die meisten Neueren dagegen fassen die Worte als Bitte auf.