Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 90


Überschrift

Ein Gebet Moses, des Mannes Gottes. Man hat vielfach versucht nachzuweisen, dass Mose diesen Psalm nicht geschrieben haben könne; aber wir bleiben in der Überzeugung unerschüttert, dass jener große Prophet der Verfasser sei. Der Zustand Israels in der Wüste bietet eine so treffliche Erklärung für jeden Vers, und die Redewendungen und Ausdrücke sind manchen, die wir in gewissen Stücken des Pentateuchs finden, so ähnlich, dass die vermeintlichen Schwierigkeiten unserer Ansicht nach leicht wie Luft sind im Vergleich zu den inneren Beweisen des mosaischen Ursprungs. Mose war, wie Stephanus sich ausdrückt, mächtig in Werken und Worten; und wir halten den vorliegenden Psalm für eine seiner gehaltvollsten Schöpfungen, wert, der großartigen im fünften Buche Mose mitgeteilten Rede zur Seite gestellt zu werden. Mose war in hervorragendem Sinn ein Mann Gottes. Als von Gott erwählt, von Gott erleuchtet, von Gott geehrt und Gott treu erfunden in dem ganzen ihm anvertrauten Hause (4. Mose 12,7; Hebr. 3,2), verdiente er vollkommen den Namen, der ihm hier beigelegt wird. Der Psalm wird ein Gebet genannt, und mit Recht; denn die Bitten, mit denen er endigt, sind kein Anhängsel, sondern wachsen aus dem Inhalt des Psalmes hervor; die vorhergehenden Verse sind eine Betrachtung, welche das Flehen vorbereiten. Gottesmänner sind immer Männer des Gebets. Der vorliegende Herzenserguss war wahrlich nicht das einzige Gebet Moses, sondern ist nur ein Beispiel davon, wie der Seher vom Berge Horeb mit dem Himmel zu verkehren und für Israel einzutreten pflegte. Dieser Psalm ist der älteste aller; er steht am Anfang des vierten Psalmbuchs als eine an Erhabenheit und ehrwürdigem Alter einzigartige Dichtung. Wie viele Generationen von Trauernden haben schon diesem Psalme am offenen Grabe gelauscht und aus ihm reichen Trost geschöpft, selbst wenn sie seine besondere Beziehung auf das Israel der Wüste nicht beachtet und sich des viel höheren Standpunktes, auf welchem die Gläubigen jetzt stehen, nicht erinnert haben.

Inhalt und Einteilung. Mose singt von der Hinfälligkeit des Menschen und der Kürze des Lebens, indem er ihm die Ewigkeit Gottes gegenüberstellt, und erfleht daraufhin dringend das göttliche Mitleid. Man mag die Betrachtung V. 1-11 von dem Gebet V. 12-17 scheiden. Nötig ist jedoch nicht einmal diese Teilung, denn der Psalm ist ein wohlgefügtes Ganzes.

Auslegung

1. Herr Gott, du bist unsre Zuflucht für und für.
2. Ehe denn die Berge wurden
und die Erde und die Welt geschaffen wurden,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
3. der du die Menschen lässest sterben
und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!
4. Denn tausend Jahre sind vor dir
wie der Tag, der gestern vergangen ist,
und wie eine Nachtwache.
5. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom,
und sind wie ein Schlaf;
gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird,
6. das da frühe blüht und bald welk wird
und des Abends abgehauen wird und verdorrt.
7. Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen,
und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen.
8. Denn unsre Missetaten stellest du vor dich,
unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesichte.
9. Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn;
wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.
10. Unser Leben währet siebenzig Jahre,
und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,
und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen;
denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.
11. Wer glaubt’s aber, dass du so sehr zürnest,
und wer fürchtet sich vor solchem deinem Grimm?

1. Herr, Obdach bist du uns gewesen von Geschlecht zu Geschlecht. (Wörtl.) Wir müssen den ganzen Psalm als für die Stämme in der Wüste geschrieben betrachten, dann werden wir die ursprüngliche Bedeutung jeden Verses erkennen. Mose sagt: Wiewohl wir in der Wüste, in der dürren Einöde, da es heult, wandern (5. Mose 32,10), finden wir doch in dir, o Gott, ein Obdach, gerade wie unsre Väter, als sie aus Ur in Chaldäa auszogen und unter den Kanaanitern in Hütten wohnten. Den Heiligen ist Adonai, der allwaltende Herrscher der Menschengeschichte, Wohnung und Zuflucht; er herbergt, schirmt, bewahrt, erquickt und tröstet all die Seinen. Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber die Gläubigen haben ihre Heimstätte in ihrem Gott. Nicht in der Stiftshütte oder dem Tempel wohnen wir, sondern in Gott selber, und so ist es allezeit gewesen, seit es eine Gemeine Gottes in der Welt gibt; wir haben die Wohnung nicht gewechselt. Königspaläste sind unter der zerbröckelnden Hand der Zeit verschwunden - sie sind von Feuer verzehrt worden oder unter Bergen von Schutt begraben; das königliche Geschlecht des Himmels aber hat seine Stammburg nicht eingebüßt. Geh zum palatinischen Hügel, wo ehemals der stolze Augustus und seine Nachfolger thronten, und sieh, wie die Cäsaren vergessen sind von den Hallen, die einst von ihren despotischen Befehlen und dem Zujauchzen der beherrschten Nationen wiederhallten; und dann schaue aufwärts zu dem ewig lebenden Jehovah, als dem hehren Obdach der Gläubigen, das von dem Hauch der Vergänglichkeit heute noch ebenso unberührt ist wie zu Abrahams und Henochs Zeiten. Wo unsre Väter schon vor hundert Menschenaltern gewohnt haben, da ist noch unser Heim. Denn von den Gläubigen des Neuen Bundes hat der Heilige Geist gesagt: Wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh. 3,24.) Ein göttlicher Mund war es, der sagte: "Bleibet in mir", und dann hinzufügte: "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht". (Joh. 15,4 f.) Wie köstlich ist es, mit Mose zu dem HERRN zu sagen: Herr Gott, du bist unsre Zuflucht für und für! Und wir handeln weise, wenn wir aus der ewigen Herablassung des HERRN Gründe entnehmen, gegenwärtige und künftige Gnadenerweisungen zu erwarten, wie der Psalmdichter es in dem nächsten Psalme tut, wo er die Sicherheit derer schildert, die in Gott wohnen.

2. Ehe denn die Berge geboren wurden. (Grundt.) Noch bevor diese uralten Riesen aus dem Mutterschoße der Natur als deren hehre Erstgeborene hervorgingen, war der HERR in seiner Herrlichkeit und Selbstgenugsamkeit. Die Berge sind, ob auch eisgrau im Schnee der Jahrhunderte, für Gott doch nur eben geborene Kindlein, junge Dinger, deren Geburt erst gestern geschehen, Erscheinungen der letzten Stunden. Und die Erde und die Welt geschaffen wurden.1 Auch hier wird im Hebräischen auf eine Geburt angespielt. Die Erde ward erst neulich geboren und ihr festes Land erst vor einer kleinen Weile von der Flut ausgeworfen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, Gott, oder: bist du Gott. Gott war, als noch nichts anderes da war. Er war Gott, als die Erde noch nicht eine Welt, sondern ein Chaos war, als die Berge noch nicht emporgehoben waren und die Erschaffung des Himmels und der Erde noch gar nicht begonnen hatte. In diesem Ewigen, dessen göttliches Sein aus unbegrenzter Vergangenheit in unbegrenzte Zukunft reicht, ist eine sichere Zufluchtsstatt für die aufeinander folgenden Geschlechter der Menschen. Wenn Gott selber von gestern wäre, so würde er keine geeignete Zuflucht sein für die sterblichen Menschen; wenn er sich verändern oder Gott zu sein aufhören könnte, hätten die Seinen in ihm einen gar unsicheren Wohnort. - Das ewige Wesen Gottes wird hier hervorgehoben, um durch den Gegensatz die Kürze des menschlichen Lebens desto stärker zu beleuchten.

3. Der du die Menschen lassest sterben, wörtl.: wieder zu Zermalmtem machst. Der Menschenleib wird in seine Elemente aufgelöst, dass es ist, als wäre er zermalmt und zu Staub zermahlen. Und sprichst: Kehrt wieder, Menschenkinder, nämlich zu dem Staube, davon ihr genommen seid.2 Die Vergänglichkeit und Hinfälligkeit des Menschen wird dadurch auf starke Weise zum Ausdruck gebracht. Gott schafft ihn aus dem Staube, und zurück zum Staube kehrt er wieder auf das Befehlswort seines Schöpfers. Ein Wort hat ihn geschaffen, ein Wort vernichtet ihn. Man beachte, wie die Tätigkeit Gottes hervorgehoben wird. Es heißt nicht, dass die Menschen auf Grund einer Verordnung des Schicksals oder durch die Wirkung unvermeidlicher Naturgesetze sterben, sondern dem HERRN wird die wirkende Kraft in allem zugeschrieben; seine Hand wandelt und seine Stimme spricht. Ohne diese würden wir nicht sterben; keine Macht auf Erden oder in der Hölle könnte uns töten.

4. Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergeht. (Wörtl.) Tausend Jahre - wahrlich ein langer Zeitraum. Wie viel kann sich in ihn zusammendrängen! Das Emporsteigen und Zusammenbrechen von Weltreichen, die Glanzeszeit und die Vernichtung von Herrschergeschlechtern, der Anfang und das Ende kunstvoller Systeme der Weltweisheit und zahllose für die Einzelnen wie für die Familien hochwichtige Ereignisse, welche den Federn der Geschichtschreiber entgehen. Dennoch ist ein so langer Zeitabschnitt, der in der menschlichen Sprache beinahe mit einem unendlichen Zeitraum gleichbedeutend ist, für den HERRN wie nichts. Ein Augenblick, der noch vor uns liegt, ist länger als das Gestern, wenn es am Schwinden ist; denn was vergangen ist, das ist nicht mehr. Ein ganzes Jahrtausend erscheint Gott, wenn er es überblickt, wie uns der gestrige Tag, wenn wir an der Grenze des neuen Tages auf ihn zurückblicken, ja wie eine Nachtwache - ein Zeitabschnitt, der, kaum gekommen, auch schon vergangen ist. Ein Jahrtausend bietet den Engeln kaum Zeit genug, die Wachen zu wechseln. Wenn sie einen tausendjährigen Dienst fast hinter sich haben, ist es ihnen noch, als hätte die Wache nur eben begonnen. Wir durchträumen die lange Nacht der Zeit, Gott aber hält immer Wache. Wie viele Tage und Nächte gehören für uns dazu, ein Jahrtausend voll zu machen, während dieser Zeitraum für Gott noch nicht einmal eine ganze Nacht, sondern nur den dritten Teil einer solchen ausmacht. Sind aber tausend Jahre für Gott nur wie eine einzige Nachtwache, wie lang muss dann die Lebenszeit des Ewigen sein!

5. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom : wie ein Gießbach, der von den Bergen hinabstürzt und alles vor sich herschwemmt, so reißt der HERR die Menschengeschlechter eins nach dem andern durch den Tod hinweg. Er trifft sie wie ein Wetter, das alles verheert. Und sind wie ein Schlaf. Vor Gott haben die Menschen so wenig Wirklichkeit wie die Traumgebilde der Nacht. Nicht nur unsere Gedanken und Pläne, sondern wir selber sind vor ihm wie ein Schlaf. Wir sind vom selben Stoff, aus dem die Träume gebildet werden. Am Morgen sind sie wie Gras, das sprosst. (Wörtl. nach der Auffassung mancher.) Wie das Gras am Morgen in frischem Grün prangt, aber am Abend als dürres Heu welk am Boden liegt, so wandeln sich die Menschen binnen weniger Stunden von blühender Kraft zu Todesohnmacht; denn wir sind nicht Zedern oder Eichen, sondern bloß elendes Gras, das zwar im Frühjahr kräftig aufsprosst, aber nicht einmal einen Sommer ausdauert. Was gibt es auf Erden, das hinfälliger wäre als wir?

6. Am Morgen blüht es und sprosst. (Wörtl. nach der Auffassung mancher.) Das Gras hat seine goldne Lenzeszeit, wenn die Wiesen in reichster Schönheit erblühen, bis sie ganz wie mit Edelsteinen besät glänzen; gerade so erfreut sich auch der Mensch in der Jugend einer Freudenzeit blütenreicher Herrlichkeit. Aber - des Abends wird es abgehauen und verdorrt. Die Sichel macht all den lieblichen Feldblumen den Garaus, und der Tau der Nacht beweint das jähe Ende all der Herrlichkeit. Höre die Geschichte des Grases: es ward gesät, es wuchs, es blühte; es ward gemäht, es verdorrte -. Vernimmst du mit diesen Worten nicht fast auch die Geschichte des Menschen? Die natürliche Abnahme der Lebenskraft würde uns wie dem Grase seinerzeit ein Ende bereiten; doch sind es nur wenige, welche das volle Alter erreichen, denn der Tod kommt mit seiner Sichel und schneidet unser Leben mitten in seiner Blütezeit ab. Welch gewaltiger Wechsel in so kurzer Zeit: der Morgen sah noch das Blühen, und der Abend ist Zeuge des Verwelkens!

7. So vergehen wir denn wie das Laub; aber diese Sterblichkeit ist nicht zufällig und war für den Menschen in seinem Urzustand nicht unvermeidlich: Das macht dein Zorn. dass wir so vergehen. Das ist die Sichel, die uns dahinmäht, das die Gluthitze, die uns ausdörrt. Dies trat in besonderem Maße damals bei den Israeliten in der Wüste hervor, deren Leben Gott wegen ihrer Halsstarrigkeit gerichtlich verkürzte: sie starben nicht durch natürlichen Kräfteverfall, sondern durch das Feuer der wohlverdienten Zornesgerichte Gottes. Was für ein wehmütiger Anblick muss es für Mose gewesen sein, das ganze Volk in den vierzig Jahren so dahinschwinden zu sehen, bis nicht einer mehr übrig war von allen, die aus Ägypten gezogen waren. Wie Gottes Gnade Leben ist, so bedeutet sein Zorn eitel Tod. Ebenso gut könnte das Gras in einem glühenden Ofen wachsen und blühen, wie der Mensch unter dem Zorn des HERRN gedeihen. Und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen. Sie wurden, wie der Grundtext es ausdrückt, hinweggeschreckt aus dem Lande der Lebendigen durch Gottes Zornglut. In dem Todesgericht offenbarte sich für sie in schrecklicher Weise der göttliche Grimm. Das ist ja nun von uns auch in gewissem Maße wahr; aber doch eben nur in gewissem Maße. Denn jetzt, da durch das Evangelium das Leben und ein unvergänglich Wesen ans Licht gebracht sind, hat der Tod ein anderes Gesicht bekommen; er ist für die Gläubigen nicht mehr eine Hinrichtung. Der Stachel des Todes ist der göttliche Zorn; an diesem haben aber die Gläubigen kein Teil mehr, sondern uns führen nun Liebe und Barmherzigkeit, ob auch durchs Grab, zur Herrlichkeit. Es ist darum nicht angemessen, diese Worte bei der Beerdigung eines Christen ohne nähere Erläuterung zu verlesen; da ist es vielmehr geboten zu zeigen, wie wenig sie eigentlich solche, die an Jesum glauben, angehen, und welch großes Vorrecht wir darum vor jenen haben, deren Leiber damals in der Wüste verfielen. Einen Psalm, der von dem Führer des Gesetzesbundes zu der Zeit eines besonderen Gerichtes und mit Rücksicht auf ein unter schwerer Strafheimsuchung stehendes Volk verfasst ist, auf solche anwenden, die in Jesu selig entschlafen - das heißt, wie uns scheint, der Verwirrung die Krone aufsetzen. Wir können viel aus dem Psalm lernen, aber wir wollen ihn nicht verkehrt anwenden; das würde jedoch geschehen, wenn wir, die vom HERRN Geliebten, das auf uns bezögen, was doch zunächst von denen galt, welchen Gott in seinem Zorne geschworen hatte, sie sollten nicht zu seiner Ruhe kommen. Wenn aber eine Seele unter dem Bewusstsein der Sünde darniederliegt, dann ist die Sprache dieses Psalms ganz entsprechend und wird sich dem bekümmerten Gemüte von selbst aufdrängen. Es gibt kein Feuer, welches so verzehrt wie Gottes Zorn, und keine Qual, die das Herz so beängstigt wie der Grimm des Allmächtigen. Drum sei gelobt der teure Stellvertreter, von dem wir singen:

  Du nimmst auf deinen Rücken
  Die Lasten, die mich drücken
  Viel schwerer als ein Stein.
  Du bist ein Fluch, dagegen
  Verehrst du mir den Segen.
  Dein Schmerzen muss mein Labsal sein.

8. Denn unsre Missetaten stellest du vor dich. Daher also diese Tränen! Wenn Gott unsre Sünde sich vor Augen stellt, muss sie den Tod wirken; Leben erhalten wir nur durch das zudeckende Blut der Versöhnung. Als Gott die Kinder Israel in der Wüste umbrachte, da hatte er ihre Missetaten vor Augen; darum erfuhren sie seine Strenge. Unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesichte. Vor Gott gibt es keine Geheimnisse; er gräbt das Verborgene der Menschen aus und zieht es ans Licht. Auch gibt es keine kräftigere Leuchte als das göttliche Angesicht; doch stellte Gott in dieses starke Licht die verborgene Sünde Israels. Die Sonnenhelle ist schlechterdings nicht zu vergleichen mit dem Lichte, das von dem ausgeht, der die Sonne geschaffen hat und von dem geschrieben steht: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis. Sollten wir an unserer Stelle, wie etliche meinen, unter dem göttlichen Angesicht die Liebe und Freundlichkeit Gottes zu verstehen haben, so würde damit die Abscheulichkeit der Sünde besonders scharf hervorgehoben sein. Ist Empörung angesichts der Gerechtigkeit schon schwarz genug, so ist sie angesichts der Liebe teuflisch. Wie können wir einen so guten Gott betrüben? Die Kinder Israel waren durch eine hohe Hand aus Ägypten ausgeführt, mit freigiebiger Hand in der Wüste gespeist und mit zarter Hand geführet worden; darum wogen ihre Vergehungen ganz besonders schwer. Und wir, die wir durch das Blut Jesu erlöst und durch überschwengliche Gnade gerettet sind, würden wahrlich auch schwere Schuld auf uns laden, wenn wir den HERRN verließen. Was für Leute sollten wir doch sein! Und wie sollten wir den HERRN bitten, dass er uns von unserm verborgenen Fehlen reinige!
  Es ist uns eine Quelle beständiger Wonne, im Glauben zu wissen, dass der HERR unsre Sünden hinter sich geworfen hat, so dass sie nie wieder in das Licht seines Angesichts kommen werden. Darum leben wir, weil, nachdem die Schuld hinweggenommen, auch die Todesstrafe aufgehoben ist.

9. Denn alle unsre Tage sind geschwunden in deinem Grimm. (Wörtl.) Die Strafgerechtigkeit kürzte die Tage des aufrührerischen Israel, so dass jeder Halteplatz eine Gräberstätte ward; das Volk bezeichnete den Weg, den es zog, durch die Grabdenkmäler, welche es hinter sich ließ. So schwanden ihre Tage, schwand ihr Leben dahin unter dem schrecklichen Grimme des Allmächtigen. Wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Ja, nicht bloß ihre Tage, sondern ihre Jahre flogen ihnen dahin wie ein eitles Geschwätz, oder, wie andre übersetzen, flüchtig wie ein Gedanke oder ein Seufzer . Die Sünde warf ihren trüben Schatten über alles und machte das Leben der wandernden Israeliten kurz und eitel. - Der erste Satz des Verses darf wiederum (vergl. zu V. 7) nicht auf Gläubige angewendet werden, denn wir verbringen unsere Tage samt und sonders unter der Freundlichkeit des HERRN, wie auch David es Ps. 23,6 ausspricht: "Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen alle Tage meines Lebens". Und ebenso ist das Leben eines begnadigten Menschenkindes nicht inhaltleer wie das Geschwätz eines Geschichtenkrämers; denn der Gläubige lebt in Jesu, er hat den göttlichen Geist in sich, darum ist das Leben ihm inhaltsreich und wahrhaft ein Leben.3

10. Unser Leben währet siebenzig Jahre. Das war zu der Zeit im Allgemeinen und auf der Wüstenwanderung im Besondern die Regel, wenn auch Mose selber als Ausnahme länger lebte. Zu unserer Zeit kann man von ferne nicht mehr siebenzig Jahre als die allgemeine mittlere Lebensdauer bezeichnen; und doch, wie kurz war schon jene Spanne im Vergleich mit der Lebenslänge der früheren Geschlechter und wie rein nichts im Gegensatz zur Ewigkeit! Dennoch ist das Menschenleben noch heute lang genug für Tugend und Frömmigkeit und nur allzu lang für Verbrechen und Lästerung. Mose schreibt wörtlich: "Die Tage (d. i. die Zeit) unsrer Jahre - darin sind (d. i. sie belaufen sich auf) siebenzig Jahre", als wollte er sagen: "Die Tage unsrer Jahre - was ist’s damit? Ist es der Mühe wert, sie zu erwähnen? Ihre Zahl ist ganz unbedeutend, sie belaufen sich nur auf siebenzig". Und wenn’s hoch kommt (oder wie andere übersetzen: und wenn in Kraftfülle), so sind’s achtzig Jahre und ihr Gepränge ist Mühsal und Nichtigkeit. (Grundt.) Die ungewöhnliche Vollkraft, welche die Schranke der Siebenzig überspringt, setzt den Greis doch nur in einem Gebiet ab, wo das Leben eine Plage ist. Selbst die Kraft des Alters ist Schwäche, und alles, womit unsere Lebenszeit sich rühmen kann - Reichtum, Ansehen, Wohlleben, Schönheit und dergleichen - nur Mühsal und Nichtigkeit! Was muss es dann erst um die Plagen des Lebens und ein gebrechliches Alter sein! Seht jenen Greis: wie schnappt er nach Luft, wie mühsam wankt er dahin! Wie lassen die Sinne nach, wie drückt ihn das Gefühl der Schwäche nieder! Die bösen Tage sind gekommen und die Jahre herzugetreten, von denen er sagen muss: Sie gefallen mir nicht. Man vergleiche das anschauliche Bild, welches der Prediger (12,1-6) von den Beschwerden des Alters entwirft. Dennoch ist der Lebensabend hochbejahrter Christen viel weniger etwas Bedauerns- als Beneidenswertes, wenn sie nämlich in geheiligter Erfahrung gereift sind und durch unsterbliche Hoffnungen erquickt werden. Die Sonne geht nieder, die Hitze des Tages ist vorüber; aber die Ruhe und Kühle des Abends ist köstlich. Der schöne Tag schmilzt hin, aber nicht zu dunkler, düsterer Nacht, sondern zu einem herrlichen, wolkenlosen, ewigen Tage. Das Sterbliche schwindet, um dem Unsterblichen Raum zu machen; der Greis entschläft, um in dem Lande der ewigen Jugend aufzuwachen. Denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Wer vermag das Leben festzuhalten? Es fliegt dahin auf den Flügeln der Vergänglichkeit, und auch die schönsten irdischen Lebensstunden sind vorüber, ehe wir des Genusses recht froh geworden sind. Die englische Übersetzung deutet den Satz mit vielen älteren Auslegern4 anders: Denn es wird schnell abgeschnitten, und wir fliegen davon. Das Tau wird durchhauen, und das Schiff segelt auf dem Meer der Ewigkeit; die Kette zerreißt, und der Adler schwingt sich zu seinem heimatlichen Luftkreis über den Wolken auf. Mose trauerte mit Recht darüber, dass seine Volksgenossen so rings um ihn her dahinfuhren; für uns aber, die wir an den Herrn Christum glauben, sind die Winde günstig, denn sie tragen uns, wie die Herbststürme die Schwalben, aus dem Bereich des düstern Winters zu dem Lande, wo ewiger Frühling wohnt und die Blüten niemals welken. Wer wollte es anders wünschen? Warum sollen wir hier länger zaudern? Was kann uns diese arme Welt bieten, das uns locken könnte, an ihrer Küste zu verweilen?

  Fort, fort, mein Herz, zum Himmel!
  Fort, fort, zum Himmel zu!
  In diesem Weltgetümmel
  Ist für dich keine Ruh.
  Wo Gottes Lämmlein weidet,
  Ist eine Stätt’ bereitet;
  Da, da ist deine Ruh,
  Fort, fort, zum Himmel zu.

11. Wer erkennt die Stärke deines Zorns? (Grundt.) Mose sah sich umgeben von Sterbenden; er lebte mitten unter Gräbern und war ganz überwältigt von den furchtbaren Folgen des göttlichen Missfallens. Er fühlte, dass keiner die ganze Stärke des Zornes des Allmächtigen ermessen könne. Und wer (erkennt oder beherzigt), wie es der Furcht vor dir entspricht, deinen Grimm? (Grundt.) Das war das Betrübendste, dass Mose sehen musste, wie selbst die schwersten Gerichte die unglücklichen Israeliten nicht zu wahrer dauernder Furcht Gottes trieben. Aber auch selbst die heftigsten Erschütterungen, in welche Gottlose geraten, wenn sie sich des göttlichen Grimms bewusst werden, sind nur kleine Vorspiele des Kommenden; denn schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Es kann kein Mensch auf Erden ausdenken und empfinden, welche Gewalt der Zorn Gottes in der Hölle hat und schon hier auf Erden entfalten würde, wenn er jetzt nicht durch die Barmherzigkeit zurückgehalten würde. Unsere Freidenker spotten über Milton und Dante, Bunyan und Baxter wegen ihrer furchtbaren Ausmalungen. Aber es ist in Wahrheit so, dass keine dichterische Einbildungskraft und keine prophetische Drohung je an die Furchtbarkeit des göttlichen Zornes ganz hinanreichen, geschweige darüber hinausgehen kann. Die Furcht vor dem zukünftigen Zorn wird dadurch, dass die dunklen Linien des menschlichen Ahnens ihn zu zeichnen suchen, nicht vergrößert, sondern eher vermindert; er spottet aller Beschreibung durch Worte, und die kühnste Einbildung bleibt hinter der schrecklichen Wirklichkeit weit zurück. Merket doch das, die ihr Gottes vergesst, dass er nicht einmal hinraffe und sei kein Retter da! (Ps. 50,22 .) Denkt an Sodom und Gemorra, an Korah und seine Rotte, an die Lustgräber in der Wüste und vor allem an den Ort, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht! Wer kann stehen vor diesem Gott, wenn er in seiner Gerechtigkeit zürnt? Wer mag gegen ihn mit steifem Halse anstürmen und sich mit den dichten Buckeln seines Schildes gegen ihn decken? (Hiob 15,26) Oder wollen wir die Schärfe seines Schwertes sich an uns erproben lassen? O mögen wir uns als Sünder, die das Leben verwirkt haben, diesem ewigen Gott zu Füßen werfen, der uns in diesem Augenblick, wenn er will, dem Staube und danach der Hölle überantworten kann!
12. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,
auf dass wir klug werden.
13. HERR, kehre dich doch wieder zu uns
und sei deinen Knechten gnädig!
14. Fülle uns frühe mit deiner Gnade,
so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.
15. Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest,
nachdem wir so lange Unglück leiden.
16. Zeige deinen Knechten deine Werke
und deine Ehre ihren Kindern.
17. Und der HERR, unser Gott, sei uns freundlich
und fördere das Werk unsrer Hände bei uns;
ja das Werk unsrer Hände wolle er fördern!

12. Lehre uns unsere Tage zählen (Wörtl.) Unterweise uns, den Wert der Zeit richtig zu schätzen, dass wir trauern über die vergangene Zeit, in welcher wir den Willen des Fleisches getan haben, die gegenwärtige Zeit recht ausnutzen, da sie die angenehme Zeit, der Tag des Heils ist, die noch in der Zukunft liegende Zeit aber zu unsicher ist, als dass es geraten wäre, irgend ein wohlgefälliges Werk oder das Gebet aufzuschieben. Zählen lernen die Kinder ja schon in der untersten Schulklasse; doch um die Tage richtig zählen zu lernen, dazu bedürfen auch die tüchtigsten und besten Menschen der Unterweisung durch den HERRN. Wir machen uns eher daran, die Sterne zu zählen als unsere Tage, und doch ist das letztere weitaus nützlicher. Auf dass wir klug werden, wörtl.: auf dass wir ein weises Herz gewinnen. Wenn die Menschen es recht erwägen, wie kurz die Zeit ist, werden sie dazu geführt, den ewigen Dingen ernste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie werden demütig, wenn sie in das Grab schauen, das so bald ihre Ruhestätte werden soll. Ihre Leidenschaften kühlen sich ab, wenn sie den Tod ins Auge fassen. Solch reiche Ernte an wahrer Weisheit bringen unsere Erwägungen aber nur, wenn der Geist des HERRN sie leitet. Nur seine Unterweisung bringt uns echten und bleibenden Gewinn. Mose bittet mit diesem Verse, dass die Erweisungen der göttlichen Gerechtigkeit ihm und seinem Volke in Gnaden zur Heiligung gesegnet werden mögen. Das Gesetz ist unser Zuchtmeister auf Christum (Gal. 3,24), wenn der HERR selber durch das Gesetz zu uns spricht. Sollte sich unser Herz, da es doch so bald zu schlagen aufhören wird, nicht umso mehr, so lange es sich bewegt, von der Weisheit lenken lassen? Ein so kurzes Leben will wahrlich weise angewendet werden. Wir haben nicht Zeit genug zur Verfügung, dass wir es verantworten könnten, auch nur eine Viertelstunde zu vertändeln. Und ebenso wenig sind wir des Lebens sicher genug, als dass wir es wagen dürften, auch nur einen Augenblick zu zaudern. Das würde uns sehr klar sein, wenn wir ein weises Herz hätten, während bloßes Kopfwissen in solchen wichtigen Lebensfragen uns nicht zurechthilft.

13. Kehre wieder, HERR - wie lange (willst du noch verziehen)? (Grundt.) Wende dich doch wieder zu uns in Barmherzigkeit, lass uns nicht untergehen! Ist unser Leben so kurz, so lass es doch nicht auch noch bitter sein. Deine Nähe allein kann uns mit der Flüchtigkeit des Lebens aussöhnen. Wie die Sünde Gott von uns wegtreibt, so schreit die Buße zum HERRN, dass er wiederkehre. Wir dürfen in Zeiten der Züchtigung fragen: HERR, wie lange? Wir verfallen in solchen Zeiten nicht so leicht in den Fehler, gegen Gott zu kühn zu sein, als vielmehr in den andern, dass wir zu lässig sind, Gott mit Bitten und Flehen anzuliegen. Und habe Mitleid mit deinen Knechten. (Grundt.) Also erkennt Mose die Kinder Israel doch noch als Knechte Gottes (5. Mose 32,36) an. Sie hatten sich gegen den HERRN aufrührerisch versündigt, aber ganz verlassen hatten sie ihn nicht. Sie erkannten im Gegenteil die Verpflichtung an, seinem Willen zu gehorchen, und leiteten aus ihrem Knechtsverhältnisse zu Gott einen Grund ab, weshalb sie auf das göttliche Mitleid rechnen könnten. Wird ein Herr nicht mit seinen Dienern schonend verfahren? Wiewohl Gott Israel schlug, waren sie doch sein Volk, er hatte sie nie als sein Eigentum verleugnet, und darum wird er nun angefleht, barmherzig an ihnen zu handeln. Dürfen sie auch das gelobte Land nicht sehen, so möge er sie doch auf ihrem Wege mit seiner Gnade erquicken und seine zürnende Stirn zu freundlichem Lächeln glätten. Diese Bitte ähnelt so manchen, die uns von dem so überaus sanftmütigen5 Mose überliefert sind. Wie oft hat er mit Gott für sein Volk gerungen! Er redet hier mit dem HERRN, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. (Vergl. 2. Mose 33,11.)

14. Fülle uns frühe mit deiner Gnade. Da sie sterben müssen, und das so früh, bittet der Psalmist um baldiges Erbarmen für ihn und seine Brüder. Männer des Gebets wissen aus den düstersten Verhängnissen die kräftigsten Bitten zu ziehen. Wer nur ein Herz zum Beten hat, braucht um die rechten Gebetsgegenstände nicht verlegen zu sein. Wörtlich heißt es: Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade. Israel schmachtet jetzt in der Unglücksnacht, es sehnt sich nach dem Morgen, dem Beginn einer neuen Gnadenzeit. Möge der Tag bald anbrechen! Die rechte Seelenspeise für Gottes Volk, die einzige, welche seinen durch die Zorngerichte erweckten Seelenhunger wahrhaft stillen kann, ist Gottes Huld. Mose denkt hier jedenfalls auch an das Manna, das der HERR jeden Morgen als leibliche Speise für den Tag gab, und er fleht ihn ernstlich an, er möge so auch alsbald seine das Herz sättigende Gnade vom Himmel herabregnen lassen, auf dass sie damit für den so rasch dahineilenden Tag des Lebens genährt werden. Müssen wir so bald sterben? Dann lass uns doch während der kurzen Lebenszeit nicht Hunger leiden, sondern sättige uns gleich, HERR, wir bitten dich darum! So wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Wenn du es mit deiner Liebe erfüllst, so wird unser kurzes Erdenleben ein fröhliches Fest sein und bis zum Ende ein solches bleiben. Die Freude, mit welcher uns die Gegenwart des HERRN erquickt, kann niemand von uns nehmen. (Joh. 16,22.) Selbst die Vorzeichen eines frühen Todes können denjenigen nicht Kummer und Qual bereiten, welche die Huld Gottes empfinden; denn wiewohl sie wissen, dass die Nacht kommt, sehen sie doch in ihr nichts, das sie fürchten müssten, sondern sind Zeit ihres Lebens täglich fröhlich über Gottes ihnen nahe Gnade und überlassen die Zukunft seinen liebenden Händen. Da sich das ganze Geschlecht, welches aus Ägypten gezogen war, zum Hinsterben in der Wüste verurteilt wusste, war es natürlich, dass sie sich sehr niedergeschlagen fühlten; darum lag es ihrem trefflichen Führer an, dass ihnen der Segen zuteil werde, der wie kein anderer das Herz erquickt, nämlich die huldreiche Gegenwart Gottes.

15. Erfreue uns der Dauer der Tage gleich, die du uns gedemütigt hast, der Jahre, da wir Unglück gesehen. (Grundt.) Niemand kann das Herz so erfreuen wie du, HERR; darum lass dir’s gefallen, uns wieder fröhlich zu machen, nachdem du uns traurig gemacht hast. Fülle doch jetzt die andere Schale der Waage, damit deine verschiedenen Gaben sich das Gleichgewicht halten. Da du uns die bitteren Kräuter geschickt hast, gib uns nun auch das Lamm. (3. Mose 12,8 .) Mache unsere Tage den Nächten gleich. Diese Bitte ist von ursprünglicher Frische, kindlich und bedeutungsvoll; sie stützt sich überdies auf einen erhabenen Grundsatz, den der HERR in den Führungen seiner Vorsehung erweist, dass er nämlich das Gute in gebührendem Maß dem Übel entgegenstellt. Große Trübsal setzt uns in den Stand, große Freude zu ertragen, und wir dürfen sie darum als den Herold außerordentlicher Gnaden ansehen. Gottes Walten zeigt stets gutes Ebenmaß: im Leben kleiner Menschen ist alles klein, während die Lebensgeschichte großer Menschen stets groß ist, sowohl an Leid wie an Freude. Wo hohe Berge sind, da gibt es auch tiefe Täler. Wie Gott für den Walfisch das große Weltmeer bereitet hat, so hat er auch für den winzigen Ellerling ein Teichlein; dort in der weiten See steht alles im entsprechenden Verhältnis zu dem gewaltigen Ungeheuer, und wiederum in dem Bächlein alles im Verhältnis zu dem kleinen Fischchen. Sind heftige Trübsale über uns gekommen, so dürfen wir auch auf überströmende Erquickungen hoffen, und der Glaube darf kühn um sie bitten. Gott, der sich so groß erweist in seiner Gerechtigkeit, wenn er straft, wird auch nicht klein sein an Barmherzigkeit, wenn er segnet. Nein, Gott ist immer und in allen Stücken groß; darum wollen wir uns mit nimmer wankendem Glauben an ihn halten.

16. Zeige deinen Knechten deine Werke oder, nach besserer Lesart, dein Tun. Sieh, wie Mose sich wieder darauf stützt, dass die Kinder Israel Gottes Knechte sind; dies war das größte Vorrecht, welches unter dem Gesetze bestand, und er nutzt es voll aus. Jesus nennt uns nicht mehr Knechte sondern Freunde (Joh. 15,14 f.), und wenn wir klug sind, so werden auch wir von unserer erweiterten Freiheit ausgiebigen Gebrauch machen. Was Mose erfleht, ist, dass Gottes Tun sichtbar werde, dass Jehovahs machtvolles, gnädiges und weises Walten sich in augenscheinlichen Proben erweise, damit das ganze Volk dadurch aufgerichtet werde. In ihren eigenen sündigen Werken war ja nichts Tröstliches zu finden; nur Gottes Werk konnte sie erfreuen. Und deine Ehre (oder Herrlichkeit) ihren Kindern. Wie sehr sehnten sie sich danach, über ihren Söhnen, die um sie her heranwuchsen, etliche Strahlen der verheißenen Herrlichkeit aufglänzen zu sehen! Diese ihre Kinder sollten ja das Land ererben, welches ihnen durch göttliche Bundeszusage versprochen worden war; darum schauten sie, die Väter, der Kinder wegen sehnsüchtig nach irgend welchen Anzeichen des kommenden Guten aus, nach den Strahlen des Morgenrots, welches das Nahen des vollen Tages verkünde. Wie herzlich treten fromme Menschen für ihre Kinder ein! Sie können viel persönliches Leid ertragen, wenn sie nur die Versicherung haben, dass ihre Kinder die Herrlichkeit Gottes erkennen und dadurch dazu geführt werden, dem HERRN zu dienen. Wir bescheiden uns gerne mit dem Werk, wenn nur unsere Kinder die Herrlichkeit schauen dürfen, die daraus hervorgehen wird. Wir säen mit Freuden, wenn sie ernten dürfen.

17. Und die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns. (Wörtl.) Ja, auch über uns walte deine Huld, die wir deine Herrlichkeit im Lande Kanaan nicht schauen dürfen. Gib uns dennoch Blicke in deine liebliche Gnade; lass uns deines Heils teilhaftig werden. Und fördere das Werk unsrer Hände bei uns; ja, das Werk unsrer Hände wolle er (Grundt.: wollest du) fördern. Gib Gnade, dass, was wir tun, recht getan sei, dass es Bestand habe und fortdauere, wenn wir ins Grab gebettet sind; möge das Lebenswerk des gegenwärtigen Geschlechtes weiterhin zur Auferbauung der Nation dienen. Gediegenen Menschen liegt daran, dass sie nicht vergeblich arbeiten, und weil sie wissen, dass sie ohne den HERRN nichts tun können, rufen sie ihn an, dass er ihnen bei dem Werke helfe, ihre Bemühungen wohlgefällig annehme und ihre Pläne bestätige. Die Gemeine des HERRN hat den sehnlichen Wunsch, dass die Hand des HERRN so mit der Hand seines Volkes zusammenwirke, dass ein dauerhaftes, ja ein ewiges Gebäude zum Preise und zur Verherrlichung Gottes erstehe. Wir kommen und gehen, aber das Werk des HERRN bleibt. Wir sind es zufrieden zu sterben, wenn nur Jesus lebt und sein Reich wächst. In der Hand des unveränderlichen Gottes ist unser Werk wohlgeborgen; es ist ja vielmehr sein als unser Werk, darum sind wir gewiss, dass er ihm Unvergänglichkeit verleihen wird. Wenn wir verwelkt sein werden wie das Gras, wird doch unser heiliges Werk, gleich Gold, Silber und Edelgestein, das Feuer überdauern.

Erläuterungen und Kernworte

Zur Überschrift. Dass die Überschrift den Psalm mit Recht dem Mose zuschreibt, bestätigt sich dadurch, dass der Psalm so einzigartig schlicht und doch großartig ist, dass er so ganz der Zeit und den Verhältnissen Moses entspricht, dass er so stark den Gesetzesstandpunkt vertritt, indem er den Zusammenhang zwischen Sünde und Tod so ernst hervorhebt, endlich dass er in seiner Redeweise den dichterischen Stücken der fünf Bücher Mose verwandt ist, und zwar ohne die geringste Spur von Nachahmung oder wörtlicher Anführung, während er den Psalmen Davids und noch mehr denjenigen aus späterer Zeit entschieden unähnlich ist. D. J. A. Alexander 1850.
  Man kann Mose als den ersten Verfasser heiliger Dichtungen ansehen. Samuel Burder 1839.
  Das vierte Psalmbuch, dem pentateuchischen Buche "In der Wüste"6 entsprechend, beginnt mit einem Gebet Moses, des Mannes Gottes, welches mitten aus dem Hinsterben des älteren Geschlechts während des Wüstenzuges ergeht. Zu dem Namen, der nicht so kahl bleiben darf, weil es nächst Abraham der größte Mensch ist, den die alttestamentliche Heilsgeschichte kennt, tritt der Ehrentitel Mann Gottes (wie 5. Mose 33,1; Jos. 14,6), ein alter Prophetenname, welcher das enge Gemeinschaftsverhältnis zu Gott ausdrückt, wie Knecht Jahves das berufsmäßige Dienstverhältnis, in welches Jahve den Menschen genommen und dieser sich begeben hat. Es gibt kaum ein Schriftdenkmal des Altertums, welches das Überlieferungszeugnis seiner Abstammung so glänzend rechtfertigte wie dieser Psalm. Nicht allein in Ansehung seines Inhalts, sondern auch in Ansehung seiner Sprachform ist er Mose vollkommen angemessen. Zwar behauptet Baur, die das ganze Gedicht durchziehende sanfte elegische Stimmung passe nicht in das heroische Zeitalter der Gründung des israelitischen Volkstums, sondern setze lange nationale Leiden voraus; aber ein Heroismus, welchen andauernde Gottesgerichte nicht elegisch stimmen, wäre ein schlechter. Auch Hitzig kann gegen Moses Autorschaft nichts Erhebliches aufbringen; denn der Einwand, dass der Verfasser V. 1 auf Geschlechter zurückblicke, während doch Israel zur Zeit Moses erst geboren wurde, erledigt sich dadurch, dass die Existenz Israels bis in die Patriarchenzeit hinaufreicht. Ebenso wenig sind die sprachlichen Einwendungen stichhaltig. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Psalm 90 durch mannigfache Gleichklänge mit dem Liede und dem Segen Moses (5. Mose 32; 33), den Reden des fünften Buchs und so alten Stücken des Pentateuchs wie der Priestersegen und die Signalworte verflochten ist. Nur eins macht an der Authentie des Psalms irre, nämlich dass er im Psalter und dass er in diesem so weit hinten steht. Aber der Psalter war ja ursprünglich auf Lieder Davids angelegt, zu welchen Lieder gleichzeitiger Dichter kamen. Er steht oben hinter der in Psalm 1-72 und 73-89 enthaltenen Grundsammlung und ihrem Anhang und beginnt, auf den Psalm Ethans folgend, als ältestes Stück die zweite Hälfte der Psalmensammlung. - Nach dem Kommentar von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Zum ganzen Psalm. Man darf den neunzigsten Psalm vielleicht die erhabenste aller menschlichen Dichtungen nennen; denn sie steht wohl einzigartig da an Tiefe des Gefühls, an Höhe der theologischen Gedanken und an Glanz der dichterischen Form. Herrlich ist der Wahrheitsgehalt dieses Psalms, sowohl in dem, was er von dem menschlichen Leben aussagt, als in seinen Vorstellungen von dem Ewigen als Herrn und Richter. Hervorzuheben ist auch, dass die Lehre von der Unsterblichkeit, wenn auch gleichsam in die Hülle des Geheimnisses eingeschlossen bis zu der Zeit der vollen Offenbarung, dennoch im Keime in dem Psalm enthalten ist; denn mitten in der Klage über die Kürze und Jämmerlichkeit des Menschenlebens wird als Gegensatz die Unwandelbarkeit Gottes eingeführt, und das im Tone der ergebensten Frömmigkeit. Auch kein Anflug ist in dem Psalm zu entdecken von dem Stolz und der Unverschämtheit, der halb ausgesprochenen Lästerung, dem Hadern mit Gott, der feindseligen Beschuldigung der Gerechtigkeit oder der Güte Gottes, die so oft die Sprache solcher Menschen vergiften, die sich in Schmerzen winden, sei es um persönliche oder fremde Not. Es gibt vielleicht wenige unter denen, die durch Zeiten schweren, das Gemüt heftig erschütternden Leides hindurchgegangen sind oder als hilflose Zuschauer den Jammer anderer haben ansehen müssen, die nicht in Gemütsstimmungen verfallen wären, welche zu der gottergebenen und hoffnungsvollen Schwermut, die uns aus diesem ganzen Psalm entgegenklingt, in scharfem Gegensatz stehen. Ob der Psalm dem Gesetzgeber Israels mit Recht beigelegt ist oder nicht, er verrät jedenfalls sein hohes Alter, nicht nur durch die erhabene Einfachheit seiner Schreibart, sondern auch durch das völlige Fehlen jener trügerischen Gedanken-Verschlingungen, welche in der Geschichte jeden Kulturvolkes einem späteren intellektuell und moralisch verderbten Zeitalter angehören. Der Psalm ist ohne allen Zweifel Jahrhunderte älter als die Moralsentenzen jener Zeit, in welcher die Juden den Abstractionen der griechischen Weltweisheit, die sie sich doch nie wahrhaft aneignen konnten, Gehör gegeben hatten. Isaac Taylor † 1865.
  Es ist das ganze menschliche Geschlecht durch die Erbsünde dermaßen gefallen und verblendet worden, dass der Mensch nicht allein Gott und sich selber, sondern auch seinen eigenen Jammer und Dürftigkeit, so er empfindet und leidet, nicht erkennen kann. Denn er nicht versteht, von wannen sie herkommen, auch nicht sieht, wohin sie länden oder wieder enden: also großer Jammer ist es, den unsere ersten Eltern aus der Sünde überkommen und uns allen aufgeerbt haben.
  Denn siehe nur an den Tod, die allerschwerste und erschrecklichste Pein, der also großen Jammer über alles menschliche Geschlecht schwemmet, wie närrisch die allerweisesten Leute davon geredet und disputieret haben. Denn etliche raten, man soll ihn verachten; wie jener spricht: Du sollst den letzten Tag nicht fürchten noch wünschen. Etliche andere dünkt solches zu schwer zu sein, und weisen derohalben die Leute dahin, dass sie frei alle Wollust in diesem Leben suchen und brauchen sollen, solch Übel des Sterbens zu erleichtern und zu lindern; wie man öffentlich einen Vers hat, aus des Sardanapali Grabschrift genommen: Iss, trink und spiele, nach dem Tode ist keine Lust noch Freude. Also wenn die Weltweisen vermeinen der Sünden Strafe zu wehren, verwickeln sie sich in größere Sünden. Denn den Tod überwindet man nicht durch Verachten, wie die Landsknechte und Spitzbuben meinen, sie wollen große Mannheit und Stärke beweisen, wenn sie andern (auch scherzweise) die Pestilenz, Malefranzos oder dergleichen Jammer fluchen. Es gehört andere Kunst und Arzenei hierzu.
  Dieses ist eigentlich die größte Blindheit und ein kläglicher Jammer über die angeborene Erbsünde, dass wir dieselbige Sünde und den Tod samt andern jämmerlichen Plagen des menschlichen Geschlechtes so gering schätzen und verkleinern und in dem wider gemeinen Sinn und die Erfahrung selber streiten, schmeicheln uns selbst mit solchen eiteln, leichtfertigen Gedanken. Denn dieses ist nicht die Weise, vom Tode und Sterben zu disputieren; sondern das sind die heidnische Blindheit (wie ich es nennen soll) und Früchte der Erbsünde, so sein Übel verteidiget, als sei es kein Übel, ob es gleich das Gegenteil und Widerspiel fühlt und empfindet.
  Unser Moses aber disputiert gar viel anders vom Tode in diesem Psalmen. Denn erstlich arbeitet er dahin, dass er den Tod und allen Jammer dieses Lebens, als viel immer möglich, auf das Höchste beschwerlich mache, und in demselben pflegt er seines Amts, des Gesetztreibens, und ist der rechte mosische Moses, das ist, ein gestrenger ernster Diener und Prediger des Todes, Gottes Zornes und der Sünden. (2.Kor. 3,6.9.) Brauchet also des Gesetzes Amt nur weidlich und malet ab den Tod mit seinen erschrecklichsten Farben, nämlich, dass es Gottes Zorn sei, der uns tötet, ja, vielmehr anzeiget, dass wir vorhin tot und mit unmäßigen Jammer unterdrücket sein.
  Wiewohl nun Moses, seinem Amte nach, tötet, in dem, dass er die Sünde samt ihrer Strafe anzeiget; doch weil er diesen Psalm ein Gebet nennet, gibt er darunter verdeckt zu verstehen und zeigt mit klaren Worten auch an die Arzenei wider den Tod. Und in dem übertrifft er zwiefältig aller Heiden Schriften.
  Aristoteles (als auch die Mönche) hält, dass die Vorbetrachtung des Sterbens eine Arzenei wider den Tod sei und mache ihn desto erträglicher. Wenn wir aber die Sache recht ermessen, ist es besser, ganz und gar epikurisch zu sein und stets im Sause leben, denn das Sterben oder den Tod betrachten, wo das andere Teil, nämlich die Hoffnung des Lebens und Barmherzigkeit nach dem Zorne nicht darbei stehet. Denn wo die nicht ist, da ist es besser, man esse, trinke und pflege, was dem Leibe sanft tut, denn sich vergeblich abmatten mit Furcht des Übels, dem man nicht entfliehen mag; fürnehmlich, weil solche Gedanken, wenn sie ohne Hoffnung der Arznei sein, das Gemüt zum Zorne wider Gott, Lästerung und Ungeduld reizen. Es ist je wahr, das Cato spricht: Wer den Tod fürchtet, der verliert auch, was er lebt.
  Darum ist diese Weisheit ganz bequeme dem menschlichen Geschlechte, sonderlich weil sie so viel Jammers mit ich bringet: müssen also bass hinaufsteigen und unsere Augen zur göttlichen Weisheit, die Moses allhier lehret, aufheben, denn er amplifiziert oder macht groß den Tod, und schrecket doch also, dass er daneben auch Hoffnung des Trostes mit anzeiget, auf dass, die erschrecket und gedemütiget sind, nicht gar in Verzweiflung geführt werden. Auf solche Weise können die Heiden nicht lehren, sondern allein der Heilige Geist. Es wächst auch diese Kunst nicht in unserm Hause, sondern man muss sie von einem Manne Gottes lernen. Der Tod ist so kräftig, dass er uns verschluckt, ehe denn wir es empfinden. Drum müssen wir zu einem andern Lichte kommen, und vom Himmel herab eröffnet werden, wie die Gemüter in Todesgefahr aufzurichten und zu stärken sind.
  Die Heiden können wohl schön davon reden, als Cicero in seinen Tuskulanis; er kann aber keine recht gewisse Arzenei geben. Denn es weiset sich unter dem Disputieren, wie er sich selber des gar nicht bereden kann, das er andere Leute gerne bereden wollte.
  Dass nun Mose diesen Psalm ein Gebet nennt, zeigt an, dass noch Hoffnung des Lebens vorhanden sei. Denn was heißt beten? Heißt es nicht Hilfe suchen? Was heißt in Gefahr der Sünden und des Todes zu Gott beten? Heißt es nicht fühlen, dass bei Gott wider solch tödliches Übel Gnade und gewisse Hilfe statt haben? Heißt nicht wider den Tod beten, Leben hoffen? Denn wer am Leben verzweifelt, der betet gar nichts, hält es für eine verlorene Sache. Martin Luther 1534.

V. 1. Herr Gott, Du bist unsre Zuflucht für und für, wörtl.: bist unser Obdach gewesen von Geschlecht zu Geschlecht. Viele flehen zu Gott um Hilfe und werden doch nicht beschützt: sie suchen sie nur im Sturm, und zwar wenn alle andern Hilfsmittel und jede andere Zuflucht sie im Stich lässt. Der Christ aber muss ständige Gemeinschaft mit Gott halten, muss in Gott wohnen, nicht nur je und dann zu ihm laufen. Thomas Manton † 1677.
  Gott ist der Menschen Wohnung und ein Gott der Lebendigen. Folget, dass die Menschen durch Gottes Hilfe vom Tode ledig werden. Dieser Anfang bringt Leben mit sich und gibt gewisse Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens. Denn er nennt Gott, der ewig ist, unsere Wohnung; oder, das noch klarer ist, eine Stelle der Zuflucht , dahin wir fliehen mögen und sicher sein. Denn so Gott unsere Wohnung ist, wir auch in ihm wohnen, folgt notwendig, dass wir im Leben sein und ewig leben werden. Denn wer wollte sagen, dass Gott eine Wohnung der Toten sei? Wer wollte ihn für ein Totengrab oder Galgen achten? Er ist das Leben, und die in ihm wohnen, leben. Auf die Weise versichert Moses alsbald im Anfange die Furchtsamen, ehe denn er anfängt schrecklich zu donnern und blitzen; auf dass sie es gewiss dafür halten, Gott sei eine lebendige Wohnung derer, die da leben, ihn anbeten und in ihm trauen.
  Es ist aber eine wunderseltsame Rede, dergleichen sonst nirgend in der Schrift steht, dass Gott eine Wohnung sei. Ja, die Schrift redet an andern Orten das Widerspiel und nennt den Menschen Gottes Tempel, darinnen Gott wohnt. Wie St. Paulus spricht 2.Kor. 3,16 f.: Gottes Tempel ist in euch. Moses aber kehrt es gleich um und spricht, dass wir in Gott wohnen, als Herren im Hause. Denn das hebräische Wort, maon, heißt eigentlich eine Wohnung, als wenn die Schrift sagt Psalm 76,3: "Seine Wohnung ist zu Zion", gebraucht sie dieses Wortes maon . Weil aber ein Haus darum ist, dass man darinnen Schutz und Sicherheit habe, geschieht es, dass man dasselbige Wort deutet für eine Zuflucht, oder Ort und Stelle der Zuflucht. Moses aber hat vorsätzlich, mit Fleiß also reden wollen, damit er anzeigete, dass alle unsere Hoffnung gewiss allein auf Gott stehe, und dass, die zu Gott beten wollen, gewiss davor halten, dass sie nicht vergeblich in dieser Welt geplagt werden oder sterben, weil sie Gott haben zur Stelle der Zuflucht, und die göttliche Majestät als eine Wohnung, darinnen sie ewiglich sicher ruhen mögen. Fast auf diese Weise redet auch St. Paulus Kol. 3,3, da er spricht: Euer Leben ist mit Christo in Gott verborgen. Denn es ist ein viel klarerer und hellerer Verstand, wenn ich sage, die Gläubigen wohnen in Gott, denn, dass Gott in ihnen wohne. Er hat auch leibhaftig in Zion gewohnt; aber die Stätte ist nun geändert. Was aber in Gott ist, das wird nicht geändert, kann auch nicht hin und wieder versetzt werden; denn Gott ist eine solche Wohnung. die nicht vergehen kann. Derohalben hat Moses wollen anzeigen ein gewiss beständig Leben, da er sprach, Gott sei unsere Wohnung; nicht der Himmel, nicht die Erde, nicht das Paradies, sondern schlecht Gott selber; und das für und für, von einem Geschlecht ins andere Geschlecht, das ist, vom Anfange der Welt bis zum Ende hat Gott die Seinen nie verlassen. Adam, Eva, die Patriarchen, Propheten und gläubige Könige schlafen und ruhen in dieser Wohnung. - Wenn du nun diesen Psalm dermaßen annimmst, so wird er dir süße sein und wirst inne werden, dass er auf beide Teile fast nütze sei. Mir ist’s in der Möncherei zum öftern widerfahren, dass ich diesen Psalm gelesen habe, und das Buch aus den Händen müssen legen. Ich wusste aber nicht, dass diese Schrecken nicht wären vorgeschrieben denen erschrockenen fürchtigen Gewissen; ich wusste auch nicht, dass Moses nur dem stolzen verhärteten Haufen am fürnehmlichsten predigte, so Gottes Zorn, den Tod und allen seinen Jammer nicht achtet noch erkennt. Martin Luther 1534.
  Während die übrigen Menschen ihre festen Wohnungen auf Erden hatten und in befestigten Städten in Wohlstand, Pracht und Macht sicher dahinlebten, war Gottes Volk ohne Haus und Heim. Abraham war von Gott aus seines Vaters Haus mit all den irdischen Vorzügen, die er dort genossen hatte, herausgerufen worden, um als Fremdling unter einem ihm unbekannten Volke zu leben. Gleicherweise mussten Isaak und Jakob ein unstetes Wanderleben in Kanaan führen. Von dort wurden die Erzväter nach Ägypten geführt, wo die Kinder Israel es bald schwer empfinden mussten, dass sie in der Fremde, ja in der Sklaverei waren. Danach mussten sie vierzig Jahre in der Wüste hin und her wandern, so dass also die Auserwählten Gottes in ganz einziger Weise als Fremdlinge und verbannte Leute ohne Haus und Heim hatten wandern müssen. Aber je mehr sie der gewöhnlichen Annehmlichkeiten des Lebens beraubt waren, desto mehr war Gott ihnen nahe und sorgte für sie und schützte sie in außerordentlicher Weise; er war ihnen Wohnung und Zuflucht. Die Erwägung dieser Tatsachen mag vielen Kindern Gottes besondern Trost gewähren. William Bradshaw † 1618.
V. 2. Einen solchen Gott, spricht er, haben und ehren wir und zu einem solchen beten wir, aus welches Wort und Geheiß alle Kreaturen geboren werden. Wofür sollten wir uns denn fürchten, weil uns der günstig ist? Was sollten wir vor aller Welt Zorn erschrecken? Ist er unsere Wohnung, so wollen wir sicher bleiben, wenn gleich der Himmel fiele. Denn wir haben einen Herrn, der größer ist denn die ganze Welt. Wir haben einen so mächtigen Herrn, dass, wenn er nur spricht, alle Dinge geboren werden. Dennoch nichtsdestoweniger sind wir also kleinmütig, dass wir zittern und verzagen, wenn ein König oder Fürst, ja nur ein Nachbar mit uns zürnt; so doch in Anschauung dieses Königes alle anderen Dinge in der ganzen Welt als der allergeringste, leichteste Staub sind, den ein kleiner Wind hin und wieder weht und nicht ruhen noch bleiben lässt. Auf diese Weise tröstet uns diese Beschreibung oder Fürbildung Gottes; und es sollen auch die erschrockenen, furchtsamen Gewissen in aller Anfechtung und Gefährlichkeit auf solchen Trost sehen. Hinwiederum lernt man auch hieraus, wie groß, gewaltig sei der Zorn Gottes. Denn was kann man vor eine Zuflucht haben, wenn der zürnt, durch dessen Hand alle Dinge gemacht sind und der alles vermag? Martin Luther 1534.
  Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist Du Gott. (Grundt.) Das Ewigsein, von welchem Mose spricht, ist nicht nur auf das Wesen Gottes zu beziehen, sondern auch auf seine Vorsehung, durch welche er die Welt regiert. Denn Mose meint nicht nur, dass Gott ist, sondern dass er Gott ist. Jean Calvin † 1564.
V. 1.2. Mit welchem Auge haben sie doch gelesen, mit welchem Ohre gehört, mit welcher Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit geforscht, jene Kenner des Altertums, die alles Mosaische und Israelitische verachtend vorübergehen, indes ihnen jede indische Mythe, jede ägyptische Fabel, jeder Gesang der Griechen, der ewigen Kinder, unendlich wichtig ist, und die doch nicht imstande sind, aus irgend eines uralten Volkes Sprache nur ein einziges Wort aufzuweisen, das eine solche Gotteserkenntnis und Gotteslehre enthielte, worin so, wie in den Anfangsworten dieses Psalms, ein ewiges, von der Welt verschiedenes göttliches Wesen bekannt wird, das die Welt geschaffen hat und in Hinsicht auf Vergänglichkeit und Tod die ewige Zuflucht aller Menschen ist? Wenn dies Wort an den Pyramiden zu Memphis oder an den Säulen zu Persepolis sich gefunden hätte oder mit den Marmortafeln von Paros zu uns gekommen wäre: welche Bewunderung würde es in der Welt finden, die es jetzt keines Anblicks würdiget, weil es in der Bibel und im Alten Testamente steht! O Eitelkeit der Welt, auch der gelehrten Welt, auch der philosophischen Welt, wie groß bist du, und wie kindisch! Gottfried Menken 1825.
V. 3. Du lässest den Menschen zum Staube zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder. (Grundt.) Der Prophet denkt sich Gott hier gleich als einen Töpfer, der, nachdem er aus Staub eine Masse vermengt und zu einem Gefäß gebildet hat, sie bald, einen Augenblick oder eine Stunde hernach, wieder in Stücke bricht und zu Staub zerschlägt, zu dem Gebilde gleichsam sprechend: "Werde wieder zu Staub." Mit einem Wort verwandelt er den Menschen in Staub; keine Vorsicht, keine Arzenei, keine Menschenhilfe und kein Gebet kann das Leben retten, wenn dies Wort ergangen ist. Und dies Zermalmen kann plötzlich, buchstäblich in einem Augenblick, geschehen. William Bradshaw † 1618.
  Das erste hier für Mensch gebrauchte Wort (enosh) bezeichnet den Menschen als voll Hinfälligkeit und Jammers, das zweite (adam) als aus Erdenstoff gebildet. Daraus mögen wir lernen, was alle Adamskinder sind. Samuel Smith 1656.
  Kehrt zurück. Einer ward gefragt, was das Leben sei. Er gab seine Antwort schweigend, indem er sich alsbald umkehrte und davon ging. John Trapp † 1669.
V. 4. Tausend Jahre usw. Wie für einen sehr reichen Mann tausend Goldstücke nur wie ein Heller sind, so sind für den ewigen Gott tausend Jahre nur wie Ein Tag. Joh. Albrecht Bengel † 1752.
  Da die Leute im Morgenlande keine Uhren haben, werden die Teile des Tages und der Nacht - je vier - angezeigt. In Indien z. B. werden die Teile der Nacht in den großen Städten sowohl durch Blasen von Musikinstrumenten als auch durch Rufen und Trommelschlagen der Wächter angekündigt. Wenn nun durch diesen Lärm die Schläfer erwachen, welche den ganzen Teil der Nacht geschlafen haben, scheint ihnen diese durchschlafene Zeit nur ein Augenblick zu sein. Thomas Harmer † 1788.
V. 5. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom. Das hebräische Wort, das allhier steht, heißt eigentlich: überschwemmen mit Ungestüm , wie die Gusswasser pflegen hinzurauschen. Und ist gar ein feines völliges Gleichnis, das da bedeutet, wie das ganze menschliche Geschlecht hingerissen werde, gleich als wenn ein Gusswasser Stock, Stauden und alles wegreißt; also wird ein Säkulum oder Menschenalter nach dem andern, gleich als eine rauschende Flut, hinweggerissen. Martin Luther 1534.
  Der Mensch ist eine Wasserblase, sagt ein griechisches Sprichwort. Dieses legt Lucian (geb. 117) so aus: "Die ganze Welt ist ein Sturm, und die Menschen steigen auf wie Wasserblasen. Etliche dieser versinken augenblicklich in die Flut, aus der sie aufgestiegen sind; sie haben nichts anderes auf der Welt zu tun, als dass sie geboren werden, um sterben zu können. Andre erscheinen zwei- oder dreimal auf der Oberfläche, um dann plötzlich zu verschwinden und andern Platz zu machen. Und diejenigen, welche am längsten leben, sind ohne Ruh’ und Rast und vergehen, von einem großen Tropfen aus den Wolken zermalmt, zu Schaum und zu nichts. Die Veränderung ist nicht groß; denn ein Wasserbläschen kann kaum mehr ein Nichts werden, als es schon vorher war." Bischof Jeremy Taylor † 1667.
  Ein Schlaf. Unser Leben mag in vier Stücken dem Schlaf verglichen werden. Erstens sind beide gar kurz, und je süßer sie sind, desto kürzer scheinen sie uns. Zweitens werden wir aus beiden so leicht entrissen. Drittens sind der Dinge so viele, die das Leben wie den Schlaf stören und abbrechen können. Und endlich sind wir im Leben wie im Schlaf vielen Irrtümern, mancherlei Wahn und Täuschungen unterworfen. William Bradshaw † 1618.
  In den Träumen sehen wir, ohne zu sehen, hören, ohne zu hören, rühren Dinge an und greifen sie, ohne dass wir es wirklich tun, sprechen und sprechen doch nicht, gehen und gehen doch nicht, sondern, wenn wir auch scheinbar Gebärden und Bewegungen ausführen, tun wir doch nichts von alledem, vielmehr gestaltet unsere Einbildung sich eitlerweise, ohne die geringste Wirklichkeit, Bilder von allerlei Dingen, die nicht existieren, als wären sie vorhanden. Ganz ähnlich aber sind die Einbildungen der Wachenden und gleichen darum den Träumen; denn wie diese kommen und gehen sie, treten uns gegenüber und fliehen von uns; ehe wir sie packen können, sind sie davon geflogen. Philo von Alexandrien † um 54.
  Schlaf werden sie. (Wörtl.) Es ist der Todesschlaf gemeint. Wen eine Überschwemmung fortreißt, der wird ja wirklich in den Zustand des Unbewusstseins versetzt, er wird ganz und gar zu Schlafe, d. h. er stirbt. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 6. Am Morgen. (Wörtl.) Im Morgenlande bringt eine Regennacht oft zauberhafte Veränderungen hervor. Am Abend war die Flur noch braun, völlig ausgetrocknet, dürr wie die Wüste, und am Morgen prangt sie im lieblichen Grün des jungen Grases. Der sengende heiße Wind (Jak. 1,11) bläst darüber - und wieder ist sie vor Abend verwelkt. J. J. St. Perowne 1864.
V. 7. Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen usw. Woher kommt der Tod? Das ist eine Frage, die manchen Weltweisen zu schaffen gemacht hat, umso mehr als es in der Natur nicht gering zu achtende Beweise der Unsterblichkeit gibt. Der Prophet sagt uns aber, dass die Grundursache des Todes nicht auf dem Gebiet des Materiellen, sondern in der göttlichen Entrüstung über die Sünde zu suchen sei. D. H. Moller 1639.
  Dieses ist, darum Moses in dieser Sache so heftig redet, und zeigt an, was vor ein Unterschied zwischen der Menschen und der unvernünftigen Tiere Sterben; nämlich, dass der Mensch aus Gottes Zorn verzehrt und so schnell dahingerissen wird zum Tode. Solches widerfährt nicht dem Gras, Blumen, Vögeln noch Bestien, sondern allein dem Menschen; der fühlt in seinem Sterben und allem andern Jammer dieses Lebens, dass neben der Sünde auch Gottes Zorn auf ihm liege, da die Ochsen, Schafe und alle andere Tiere aus Gottes Ordnung und Wohlgefallen sterben, ohne ihre Schuld und ohne Gottes Zorn. Martin Luther 1534.
  Das Volk Gottes befand sich in einer schlimmeren Lage als die Heidenvölker ringsum; und das ist stets sehr demütigend und schmerzend. Samuel Smith 1656.
V. 8. Die Sünden, die im tiefsten Dunkel geschehen, sind vor Gott so offenbar, als ob sie im vollen Lichte der Sonne getan würden; denn sie geschehen vor seinem Angesicht, und dieses leuchtet heller als die Sonne. Und zwar sieht Gott unsere Sünden nicht nur, während sie geschehen, sondern auch hernach, selbst wenn sie von uns vergessen sind. Ja, er stellt sie in das Licht seines Antlitzes; er nimmt sie so zu Herzen, dass er ihr Gedächtnis in besonderer Weise festhält. Etwa wie Leute, denen großes Unrecht geschehen ist, die erlittene Unbill gleichsam bei sich verwahren, sie sich ins Gedächtnis graben für die Zeit, da sie mit ihren Beleidigern abrechnen können. William Bradshaw † 1618.
  Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass das Aussehen der Gegenstände und die Vorstellungen, die wir uns von ihnen machen, sehr davon abhängen, in welcher Lage sie sich zu uns befinden und in welchem Lichte wir sie betrachten. Daraus folgt, dass sich auch zwei Personen nie ganz genau dieselbe Vorstellung von demselben Gegenstande bilden, es sei denn, dass sie ihn in der gleichen Beleuchtung, der gleichen Entfernung, überhaupt in der gleichen Stellung und den gleichen Umständen betrachten. Wenn wir darum unsere Sünden so sehen wollen, wie Gott sie sieht - und das heißt: wie sie wirklich sind - so müssen wir uns so nahe wie möglich auf Gottes Standpunkt stellen und unsere Sünde gleichsam mit Gottes Augen betrachten. D. Edward Payson † 1827.
  Darum ist fürwahr die Sünde also groß, wie groß der ist, der durch die Sünde beleidigt wird. Denselben aber mögen Himmel und Erde nicht fassen. Derohalben nennt wohl Moses die Sünde ein verborgen Ding, des Größe kein Gemüt fassen kann. Denn gleichwie Gottes Zorn, gleichwie der Tod, also ist auch die Sünde ein unbegreiflich Infinitum. Martin Luther 1534.
V. 9. Wie eine Erzählung (engl. Übers.) - und ein Hauptreiz einer Erzählung ist bekanntlich die Kürze. John Trapp † 1669.
  Die achtunddreißig Jahre, welche die Israeliten nach der Auskundschaftung des Landes Kanaan in der Wüste zubrachten, sind nicht Gegenstand der heiligen Geschichtsschreibung geworden; denn wenig oder nichts ist uns berichtet von alle dem, was vom dritten bis zum vierzigsten Jahre geschehen ist. Diese Zeit ward gewissermaßen vollständig nutzlos zugebracht, all ihr Wandern war gleichsam nur Zeitvergeudung wie das Geschichtenerzählen. Matthew Henry † 1714.
  Wie ein Gedanke. (Grundt. nach anderer Auffassung.) Die Gedanken des Menschen laufen schneller als die Sonne, und so viel schneller, wie die Sonne schneller läuft als die Schnecke. Sie durcheilen die Welt in einem Augenblick. Jemand, der hier sitzt, mag in seinen Gedanken am Ende der Welt sein, ehe ich das nächste Wort aussprechen kann. Joseph Caryl † 1673.
  Wie ein Seufzer. (Grundt. nach anderer Auffassung.) Wir leben ein sterbendes, ächzendes, klagendes Leben, und zuletzt ist ein Seufzer sein Schluss. Adam Clarke † 1832.
V. 10. Unser Leben währet usw. So kurz das Leben ist, auch wenn wir das höchste Maß, achtzig Jahre, rechnen, wiewohl von den jetzt Geborenen kaum einer von achtzig diese Zahl erreicht - so kann doch von unser keinem streng genommen gesagt werden, dass er so lange lebe. Zieh zunächst ab die Jahre der Kindheit, von denen wir uns kaum erinnern, ob wir da gelebt haben oder nicht, ferner ein ganzes Drittel für den Schlaf, wo wir wie Holzklötze bewusstlos daliegen, sodann die Zeit, da wir in den irdischen Sorgen und Mühen gleichsam begraben sind, sowie diejenige, da wir tot waren in Sünden und Übertretungen - wie kurz ist dann das wahre Leben! Robert Wilkinson 1612.
  Bei den Israeliten war das (dass sie ihre Jahre wie ein Geschwätz zubrachten) um so viel mehr auffallend, weil sie, in einer Art und Weise wie andere Menschen nicht, ihre Jahre zählen konnten und das möglichst höchste Ziel ihres Alters in einer Bestimmtheit vorher wussten, die sonst bei den Menschen nicht stattfindet. Wer zwanzig Jahre alt war, als er Ägypten verließ, der konnte (nach 4. Mose 13,22-34) nicht älter werden als sechzig Jahre; wer dreißig Jahre alt war, konnte siebenzig, und wer Ägypten im vierzigsten Jahre verlassen hatte, konnte achtzig Jahre alt werden, wenn er das höchste Ziel erreichte. Die älteren Männer, die beim Auszuge aus Ägypten schon sechzig oder siebenzig Jahre alt waren, waren größtenteils in den beiden ersten Jahren des Aufenthalts in der Wüste gestorben. So konnte nun jeder mit jedem Jahre, das in der Wüste verlebt war, zählen und rechnen, wie viele Jahre er noch zu leben habe, auf den Fall, dass er die vierzig Jahre, die Gott zum Aufenthalt in der Wüste bestimmt, alle durchleben sollte. Ob aber dieser Fall bei ihm eintreten oder ob er heute noch oder morgen oder über wenige Tage sterben werde, das blieb ihm verborgen. Waren etwa, als dieser Psalm geschrieben wurde, von jenen vierzig Jahren schon fünfunddreißig vorübergegangen, so konnten alle die Menschen, die von zwanzig Jahren an und darüber Ägypten verlassen hatten, wissen: Das Höchste, was wir noch zu leben haben, sind fünf Jahre. Gottfried Menken 1825.
  Es haben mehrere stufenartige Abkürzungen der menschlichen Lebensdauer stattgefunden. Adam lebte neunhundert Jahre, und sieben- oder achthundert Jahre war die gewöhnliche Lebensdauer vor der Flut. Danach aber fiel sie gleich auf vier, drei, ja zwei hundert, und die Patriarchen erreichten schon diese Zahl nicht mehr. Zu Moses Zeit war die Lebensdauer schon nur mehr siebenzig, achtzig Jahre. John Edwards † 1716.
  Und wenn’s hoch kommt. Luthers Übersetzung trifft wohl am besten den Sinn des Grundtextes. Schon etliche alte Übersetzer (Symm. und Hieron.) haben ihn so gefasst, unter den neueren Delitzsch, Bäthgen und Keßler. - J. M.
  Das Köstliche an dem Leben aller Menschen, das, was dem Leben Reiz und Geschmack, Wert und Gehalt, Süßigkeit und Lieblichkeit gibt, das Begehrte und Verlangte, um deswillen der Mensch es so festhält, ist am Ende, im Lichte der Wahrheit betrachtet, bei allen Mühe und Arbeit oder voll Beschwerde und Kummer gewesen. Mit Mühe und Anstrengung muss jedes Gut des Lebens gesucht, gelernt, erworben und errungen werden, unter viel Mühe und Beschwerde, Sorge, Kummer und Furcht, im Kampfe mit Widerwärtigkeit und Trübsal muss es erhalten, bewahrt, besorgt und gesichert werden. Bei weitem das meiste gewährt dem Menschen, wenn er es nun hat und sein nennen kann, den frohen Lebensgenuss nicht, den er wünschte, nicht die lautere Freude, die er sich davon versprach, nicht den stillen Frieden, den seine Seele suchte; es füllt die Leere in seinem Innern nicht so beseligend aus, wie er wähnte und hoffte. Und wie bald entschwindet es ihm! Wie bald ist, was unter des Lebens kummervoller Beschwerde mit Mühe und Anstrengung gesucht, erarbeitet, erstrebt und errungen wurde, entschwunden - entflohen wie Traum und Schatten! Denn wie das irdische Leben selbst, so auch jedes Gut des Lebens - es fährt schnell dahin . Stillstehen, haben, behalten, gestillt sein und selig sein im Besitz und Genuss des Unvergänglichen ist das Los derer, die im Himmel sind; hienieden fährt Leben und Lebensgut schnell dahin, und wir eilen davon als im Fluge. Gottfried Menken 1825.
  Denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Edwin von Northumbrien hatte einst (i. J. 625) in Godmundingham seinen Rat versammelt, um über die Mission des ersten römischen Sendlings Paulinus zu beraten. Da wurde der König von dem Heiden Thane, einem seiner Obersten, also angeredet: Das gegenwärtige Leben des Menschen, o König, mag mit etwas verglichen werden, das manchmal geschieht, wenn Du mit Deinen Edeln und Landvögten zur Winterszeit an der Tafel sitzest. Im offenen Herd brennt ein Feuer und wärmt das Gemach, während es draußen stürmt und schneit. Da fliegt ein Sperling zur einen Tür Deines Saales herein und zur andern schnell wieder hinaus. Für einen Augenblick, so lange er drinnen ist, ist er vor dem Wetter geschützt; aber diese Zeit des Glückes ist gleich vorüber, er kehrt wieder in den Wintersturm zurück, aus dem er gekommen ist, und entschwindet Deinen Blicken. Solcher Art ist das kurze Menschenleben; wir wissen nicht, was ihm vorhergegangen ist, und sind vollends in Unkenntnis dessen, was ihm folgen wird. Wenn denn diese neue Lehre etwas Gewisseres enthält, so verdient sie es wahrlich, dass wir sie annehmen. Beda Venerabilis † 735.
  Was sind wir anders als ein müßiger Traum, der keine Existenz, kein Wesen hat, ein Trugbild, das sich nicht festhalten lässt, ein Schiff im Meer, das keine Spur hinter sich zurück lässt, ein Staub, ein Dampf, ein Tautröpflein, eine Blume, die einen Tag blüht und den andern verwelkt, ja, die derselbe Tag aufsprossen und verdorren sieht, - und unser Text fügt noch ein anderes Bild hinzu, nämlich das eines fliegenden Vogels: wir fliegen davon; wir gehen und laufen nicht, sondern wir fliegen. Das ist die schnellste Bewegung, die ein körperliches Geschöpf hat. Unser Leben ist wie der Flug eines Vogels: jetzt ist die Schwalbe hier, und im nächsten Augenblick schon ist sie unsern Blicken entschwunden. Vergl. Hos. 9,11; Spr. 23,5; Ps. 55,7. Gregor von Nazianz † 390.
V. 11. Wer erkennt die Stärke deines Zornes? (Grundt.) Niemand, auch nicht einer. Wenn denn die Stärke des göttlichen Zornes nicht von uns erkannt werden kann, muss er so unaussprechlich bleiben wie die Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft. John Bunyan † 1688.
V. 12. Lehre uns unsere Tage zählen. (Wörtl.) Unsere sparsamen Altvordern haben uns in Sprichwörtern gelehrt, dass die Vergeudung des Vermögens hauptsächlich durch kleine Ausgaben geschieht, durch Verschleuderung von Beträgen, die, einzeln genommen, zu klein sind, als dass sie uns zur Vorsicht mahnen, und bei denen wir uns nicht dazu aufraffen, sie einmal zusammen zu rechnen und zu erwägen. Auf die gleiche Art wird das Leben verschwendet. Wer einst mit Befriedigung auf vergangene Jahre zurückblicken will, muss es lernen, den Wert der einzelnen Minuten der Gegenwart zu erkennen, und muss sich bestreben, kein Teilchen der Zeit nutzlos zu Boden fallen zu lassen. Ein italienischer Philosoph wählte zu seinem Leibspruch, die Zeit sei sein Lehensgut - ein Gut, das allerdings ohne Bearbeitung nichts hervorbringt, das aber die Mühe des Fleißes stets reichlich lohnt und die höchstgespannten Wünsche befriedigt, wenn man nicht duldet, dass auch nur das kleinste Stück durch Nachlässigkeit brach liegt, durch schädliches Unkraut überwuchert oder mehr zum Gepränge als zu wahrhaft nützlichen Dingen verwendet wird. Samuel Johnson † 1784.
  Die Tage zählen lernen, das will hier nicht heißen, einfach das menschliche Lebensmaß ausrechnen oder untersuchen, welche Aussicht man etwa habe, andre zu überleben; sondern wir sollen unsre Lebenszeit messen im Vergleich zu dem Werk, welches wir auszurichten haben, im Vergleich zu dem Vorrat, den wir für die Ewigkeit aufspeichern sollen, im Vergleich zu der Vorbereitung, die wir für Tod und Gericht zu machen haben. Es gilt, das Leben einzuschätzen nach den Zwecken, zu welchen es angewendet werden soll, nach der Ewigkeit, zu welcher es führen muss. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet der Psalmist den Menschen, wenn er ausruft (39,6): "Siehe, etliche Handbreit hast du meine Tage gemacht, und meine Lebenszeit ist wie nichts vor dir", und dann hinzugefügt: "Ja, nichts als ein Hauch ist jeglicher Mensch, wie fest er stehe." Thomas Dale 1847.
  Solches wäre mir nie in meinen Sinn gekommen, dass ich darum bitten sollte, wenn ich nicht sähe, dass Moses allhier mit so großem Ernst und Tapferkeit betete. Denn ich meinte, aller Menschen Herzen wären also furchtsam und erschrocken in Gefährlichkeiten des Todes, wie ich erschrecke. Wenn wir aber mit Fleiß ansehen, so lässt es sich ansehen, dass wir unter zehn Tausenden kaum zehn finden, die diese Dinge dermaßen bewegen; der andere ganze Haufe lebt also, als sei kein Gott und kein Tod. Dieses ist die größte Dürftigkeit, so aufs höchste zu beweinen, dass die Menschen im Tode ihnen selbst ein Leben träumen. In der Tiefe aller Jammer träumen sie die Seligkeit; in der allergrößten Gefährlichkeit sind sie am sichersten. Martin Luther 1534.
  Auf dass wir klug werden. Sir Thomas Smith, Sekretär der Königin Elisabeth von England, sagte etliche Monate vor seinem Tode, es sei sehr zu bedauern, dass die Menschen nicht wüssten, zu welchem Zweck sie zur Welt geboren wären, bis sie im Begriff ständen, aus der Welt zu gehen. Charles Bradbury 1785.
  Wir werden nie weise werden, bis wir jeden Tag als unsern letzten rechnen. Augustinus † 430.
  Ist es nicht verwunderlich, dass dieser Vers die Form eines Gebetes hat? Bedarf es des Eingreifens Gottes, damit die Menschen ihre Tage zählen? Ist denn nicht dessen genug, was uns unsre Hinfälligkeit zu Gemüte führen könnte? Kann es sein, dass wir, die wir doch jeden Tag auf den Staub unserer Vorfahren treten und jeden Tag mit den Leichenbegängnissen unsrer Brüder zusammentreffen, dadurch doch nicht erfolgreich gelehrt werden, zu bedenken, dass wir sterben müssen , es sei denn, dass Gott selbst uns die Wahrheit durch eine besondere Wirkung seines Geistes ins Herz prägt? So verhält es sich doch in andern Dingen nicht; da lassen wir uns durch die Erfahrung belehren. Der Landmann bittet nicht, Gott möge es ihm schenken zu glauben, dass der Same in die Erde begraben werden und sterben müsse, um zu keimen. Die Erfahrung jedermanns genügt ihm, es bleibt kein Raum zum Gebet. Der Seemann bittet nicht, Gott möge ihn lehren, dass die Nadel des Kompasses nach Norden zeigt. Die allgemeine Erfahrung macht ihn gewiss. Wer von der Nacht umgeben ist, bittet nicht, Gott möge ihm Gewissheit darüber geben, dass die Sonne in einigen Stunden wieder aufgehen werde. Der Morgen ist auf die Nacht gefolgt, seit die Welt geschaffen ist; was sollte er noch um Belehrung bitten über das, was er zu sicher weiß, als dass er daran zweifeln könnte? Und doch ist bei keinem der genannten Dinge mehr Anlass zur Gewissheit, als unser jeder in Bezug darauf hat, dass ihm einmal zu sterben bestimmt ist. Darum ist es etwas vom Seltsamsten unter dem Seltsamen, dass wir, während wir uns in Hinsicht unwichtiger Dinge sorgfältig die Erfahrung zunutze machen, in der allerwichtigsten Angelegenheit so handeln, als ob die Erfahrung uns keine Anleitung gäbe. Und doch ist in keinem andern Stück die Erfahrung so einheitlich und so beweiskräftig. Das Samenkorn keimt nicht immer - aber jeder Mensch stirbt. Die Kompassnadel zeigt nicht immer richtig nordwärts - aber jeder Mensch stirbt. Dennoch müssen wir beten - beten als um die Offenbarung eines vor unsern Blicken verborgenen Geheimnisses - dass wir dazu gebracht werden, zu erkennen - zu glauben - dass jeder Mensch sterben muss! Denn das nenne ich nicht, nennt unser Text nicht glauben an die Kürze des Lebens und die Gewissheit des Todes, wenn dieser Glaube solcher Art ist, dass er dem Menschen gestattet, dahinzuleben, ohne an die Ewigkeit zu denken, ohne um seine Seele besorgt zu sein, ohne sich zu bestreben, sich die ewige Seligkeit zu sichern. Der Mensch ist doch ein vernunftbegabtes Wesen, ausgerüstet, Vorsorge zu treffen für das, was er als unvermeidlich erkennt, und wenn er in Bezug auf seine Sterblichkeit nicht tatsächlich ungläubig wäre, könnte er nicht so um seine Sicherheit unbekümmert dahinleben. Henry Melvill † 1871.
  In den heiligen Schriften sowohl des Alten wie des Neuen Testaments wird der Ausdruck Herz gleicherweise auf die Vernunft, die denkt, auf das Gemüt, das fühlt, und auf den Willen, der handelt, angewendet. An unserer Stelle steht das Wort für die ganze intellektuelle und sittliche Natur des Menschen. William Brown Keer 1863.
V. 14. Fülle uns, d. h. sättige uns. Überall und immerfort ertönt der Ruf nach Sättigung aus der Menschheit. Ist das nicht sonderbar, wenn wir darüber nachdenken? Der Mensch ist göttlichen Geschlechts, er trägt Gottes Bild an sich und ist das Haupt der ganzen irdischen Schöpfung; auf Erden ist nichts, das ihm gleichkäme, und er besitzt wunderbare Fähigkeiten, zu denken, zu fühlen und zu handeln. Die Welt und alles, was darinnen ist, ist so gebildet, das es seinem Wesen trefflich entspricht. Es ist, als riefe ihm die Natur stets in tausendstimmigem Chore zu, er solle sich freuen und fröhlich sein. Und doch ist er nicht gesättigt, ist unzufrieden, elend! Das ist eine höchst wunderliche Sache, d. h. wunderlich, wenn man die Gemütsart und den Zustand des Menschen nicht so beurteilt, wie die Bibel es tut; und es ist nicht nur ein Zeugnis für den gefallenen Zustand seines Wesens, sondern auch dafür, dass alles Irdische nimmer genügt, sein Verlangen zu stillen. Charles M. Merry 1864.
V. 15. Erfreue uns nun wieder usw. Denn wir haben’s an denen gesehen, die vor uns gelebt haben. Wie hast du den Noah nach der Sintflut erfreuet, den Jakob nach seiner Traurigkeit in der Teurung, den Joseph nach seinem Gefängnis, die Kinder Israel nach ihrer harten Dienstbarkeit. Diese sind alle unser Spiegel, in welchem wir geschrieben finden diesen Spruch: Nach der Trübsal erfreuet Gott wieder. Johann Arnd † 1621.
V. 16. Zeige deinen Knechten dein Werk, und deine Herrlichkeit ihren Kindern. Es ist nur eins, das, ehe er diese Welt verlassen soll, noch in dieser Welt als zu neuem Leben erweckt, in neuem lebendigen Fortgange zu erblicken seine Seele verlangt; worüber Israels Sünde und Elend eine Hülle gebracht hatte, worunter es in seinem Leben und Fortgehen nicht erkannt werden konnte: das Werk Gottes , das eine, das vorzugsweise Gottes Werk heißt und ist, in einem Sinne, worin es kein anderes Werk Gottes gibt, das eine, womit alle anderen Werke Gottes zusammenhangen, um deswillen sie alle Wesen und Dauer haben, wozu hin sie alle als zu ihrem Ziele gerichtet sind und streben, zu dessen Ausführung die Welt geschaffen, alle Zeiten bestimmt und alle Begebenheiten und Ereignisse abgemessen sind: die Versöhnung der Sünde und Aufhebung des Todes und die Vereinigung der ganzen vernünftigen Schöpfung in ein Königreich der Gerechtigkeit und Liebe unter einem sichtbaren Oberhaupt, dem menschgewordenen Sohne Gottes, dem vollendeten Menschensohne Jesu Christo, dem Mittler zwischen Gott und Menschen, und in und mit dem allen die nur darin mögliche beseligendste Offenbarung Gottes in seiner Heiligkeit. Dieses Werkes Fortgang wünscht Moses zu sehen, als an dessen Ausführung durch alle Jahrhunderte der Ewige sich will erfinden lassen als der, der sein Wort hält und der sein Werk vollendet; weshalb er sich im Blick auf dieses Werk und die gewisse Vollendung desselben den Namen gegeben: Jehovah, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Gottfried Menken 1825.

V. 16 f. Es gibt eine zwiefache rabbinische Überlieferung über diese Verse: sie seien das ursprüngliche Gebet, welches Mose als Segen über das Werk der Herstellung der Stiftshütte und ihrer Geräte gesprochen habe und welches er in der Folgezeit als gewöhnliche Segensformel bei jeder neu unternommenen Aufgabe gebraucht habe, sooft Gottes herrliche Majestät durch das Licht und Recht um eine Antwort habe befragt werden müssen. John Mason Neale 1860.
  Dies Gebet ward erhört. Wiewohl das erste Geschlecht in der Wüste fiel, war doch die Arbeit Moses und seiner Mithelfer an dem zweiten Geschlecht gesegnet. Dieses war das frömmste, welches in Israel je gelebt hat. Ihm durfte Bileam nicht fluchen. Andrew Fuller † 1815.

Homiletische Winke

V. 1. Die Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volke, so nah und innig, dass Gottes Kinder in Gott und er in ihnen wohnt.
  Der Wohnort der Gemeine des HERRN ist in allen Zeitaltern der gleiche; ihre Verbindung mit Gott ändert sich nie.
  1) Die Seele hat ihre Heimat in Gott. a) Ihrem Ursprung nach, denn aus Gott ist sie geboren, Gott ist ihr heimatliches Element, Gott Ursprung und Heimat ihrer Gedanken, ihres Willens, ihres Gewissens, ihrer Neigungen und Wünsche. b) Der Erfahrung nach. Wenn die Seele zu Gott zurückkehrt, fühlt sie sich daheim. "Kehre ein, meine Seele, zu deiner Ruhe" (Ps. 116,7 .) c) In Ewigkeit. Wenn die Seele einmal in dies ihr Heim eingekehrt ist, verlässt sie es niemals. "Und soll nicht mehr hinausgehen." (Off. 3,12 .) 2) Die Seele ist nirgendwo anders daheim. Gott will die Wohnstätte sein a) für alle Menschen, b) zu allen Zeiten. Er ist stets derselbe, und auch die Bedürfnisse der Seele sind wesentlich stets dieselben. George Rogers 1874.
V. 2. Die Betrachtung der Ewigkeit Gottes kann dazu dienen: 1) dass unser Glaube gestärkt wird, und zwar in Hinsicht auf unsere eigene Zukunft, in Hinsicht auf unsere Nachkommen und in Hinsicht auf das Bestehen der Gemeine des HERRN bis zum Ende der Welt. 2) Dass unser Gehorsam angeeifert wird. Wir dienen einem Gott, der uns einen ewigen Lohn geben kann. 3) Dass gottlose Menschen aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt werden. John Tillotson † 1694.
V. 3. 1) Die Ursache des Todes: Du lässest usw. 2) Die Natur des Todes: Kehret wieder. 3) Was auf den Tod Not ist: Versöhnung mit Gott, Bereitung auf die Rückkehr zu Gott.
V. 4. 1) Lasst uns den langen Zeitraum mit seinen vielen Ereignissen betrachten. 2) Lasst uns erwägen, wie beschaffen das Wesen sein muss, dem dies alles wie nichts ist. 3) Lasst uns untersuchen, wie wir zu ihm stehen.
V. 5. Vergleichung des sterblichen Lebens mit dem Schlaf. Siehe die Bemerkungen von Bradshaw S. 26 dieses Werks.
V. 5.6. Was uns die Wiese lehren mag: 1) Das sprossende Gras ein Sinnbild der Jugend. 2) Des Grases Blume - der Mensch in der Blüte seiner Jahre. 3) Die Sichel. 4) Das gemähte Gras - oder der Mensch im Tode.
V. 7. 1) Die hauptsächlichsten Leiden des Menschen haben im Tode ihre Ursache, sei es in dem eigenen, sei es in dem Tode anderer. 2) Der Tod hat seine Ursache im göttlichen Zorn. 3) Der göttliche Zorn hat seine Ursache in der Sünde. G. R.
V. 8. 1) Wie Gott die Sünde beachtet. a) Beim Einzelnen: unsre Missetaten b) Allumfassend: Missetaten - nicht nur einige, sondern alle. c) Sehr genau, selbst die verborgensten Sünden. d) Beständig: er stellt sie vor sich, ins Licht vor seinem Angesichte . 2) Wie wir darum die Sünde beachten sollten. a) In unserem Denken: wir sollten sie vor uns stellen. b) Im Gewissen: wir sollten uns ihretwegen verurteilen. c) Im Willen: wir sollten uns von ihr abkehren in Reue und uns zu dem vergebenden Gott hinwenden im Glauben. G. R.
V. 9. Etliche müssen bekennen: "Alle unsre Tage fahren dahin in deinem Zorn," während andere rühmen dürfen: "Alle unsre Tage gehen hin in deiner Liebe."
V. 10. Wie nichtig das irdische Leben 1) seiner Dauer, 2) seinem Inhalt nach ist.
V. 11. (Grundt.) 1) Der Zorn Gottes gegen die Sünde wird an seinen Wirkungen in diesem Leben nicht völlig erkannt. 2) Er wird sich hernach so offenbaren, dass auch die größten Befürchtungen der Menschen übertroffen werden.
V. 12. (Grundt.) 1) Die Rechnung. a)Was die gewöhnliche Zahl der Tage des Menschen ist. b) Wie viele ihrer für uns schon vergangen sind. c) Wie unsicher die übrige Zahl ist. d) Wie viele dieser übrigen Tage von den notwendigen Pflichten dieses Lebens in Anspruch genommen werden. e) Was für Leiden und wie große Hilflosigkeit in ihnen uns treffen mag. 2) Der Nutzen, den wir aus solcher Rechnung ziehen können. a) Dass wir Weisheit zu gewinnen suchen - nicht Reichtum, weltliche Ehren oder Vergnügungen. Und zwar b) ein weises Herz - nicht Verstandes-, sondern sittliche Lebensweisheit. Solche erfahrungsmäßige, praktische Weisheit sollen wir c) alsbald und d) beständig suchen. 3) Was für Hilfe wir dabei begehren sollen: "Lehre uns." a) Unsere eigene Fähigkeit reicht dazu nicht hin, weil beides, Vernunft und Herz, durch die Sünde verderbt sind. b) Doch können wir göttliche Hilfe erlangen. Jak. 1,5. G. R.
  Wie segensreich die Erkenntnis, dass wir sterblich sind, den Menschen sein kann. 1) Ein Gegenmittel für den Kummer. 2) Ein Stärkungsmittel für die Arbeitsmüden. 3) Ein Heilmittel für die Ungeduld. 4) Ein Balsam für die verwundeten Herzen. 5) Ein Besserungsmittel für die irdisch Gesinnten. 6) Ein Beschwichtigungsmittel für die Übermütigen. R. Andrew Griffin 1872.
V. 13. Wiefern von Gott gesagt werden könne, er lasse sich etwas reuen. (Grundt.)
V. 14. 1) Das tiefe Sehnen des Menschenherzens geht auf wahre Sättigung. 2) Diese kann nur in der Aneignung der göttlichen Gnade gefunden werden. Ch. M. Merry 1864.
  Unsere Seele kann 1) nicht in den irdischen Dingen, sondern 2) nur in Gott wirkliche Befriedigung und damit täglich neue Freude finden. John Cawood 1842.
  Durch die Erfahrung der göttlichen Gnade werden 1) die fröhlichsten Tage des Erdenlebens erst recht fröhliche Tage, aber 2) auch die trübsten Tage des Erdenlebens wahrhaft glückliche Tage. G. R.
V. 15. (Grundt.) 1) Die Freude des Glaubens steht im Verhältnis zu dem Kummer der Buße. 2) Die Freude des Trostes steht im Verhältnis zu den Leiden der Trübsal. 3) Die Freude über die Freundlichkeit Gottes steht im Verhältnis zu dem vorherigen Schrecken über sein Zürnen. G. R.
  Das Gleichgewicht des Lebens, oder wie in unserem Leben Freuden und Leiden miteinander im Verhältnis stehen.
V. 17. Das Werk, welches bleiben wird; warum es bleiben wird und bleiben soll. Warum wir wünschen, dass unser Werk von solcher Art sei, und ob in unserem Werke solches ist, das ihm ewige Dauer verbürgt.
V. 15-17. Freude für Leid. Pred. von C. H. Spurgeon. Schwert und Kelle, 3. Jahrg. Seite 353. Phil. Bickel, Hamburg 1883.

Fußnoten

1. Luther folgt hier der LXX die nach ihrer passiv. Übersetzung wohl das pulal llaOxtI:wa gelesen hat. Diese LA. hat den genaueren Parallelismus für sich. Die masoret. LA. wird als Anrede (du kreißtest) aufzufassen sein, nicht als 3. fem. (Erde und Weltkreis kreißten), da "Erde und Weltkreis" in ihrer Verbindung besser als Objekt passen. Das kühne Bild: ehe du mit Erde und Weltkreis kreißtest, darf keinenfalls dogmatisch gepresst werden. Man vergl. 5. Mose 32,18 (Gott der Erzeuger Israels) sowie 1. Mose 2,4 tOdl:OtI des Himmels und der Erde.

2. Oder. zu mir (Gott), vergl. Pred. 12,7; oder Kommt wieder, von den neuen Generationen verstanden, vergl. Pred. 1,4.

3. Zu der unserer deutschen ähnlichen engl. Übers.: wie eine Geschichte, die erzählt wird, macht Spurgeon noch folgende Bemerkung: Wir können das Bild mit Beziehung auf den Christen nur dann gelten lassen, wenn wir dabei daran denken, dass ein geheiligtes Leben gleich einer guten Geschichte hochinteressant, voll wunderbarer Züge und durch seine vielen Wechsel reich an Mannigfaltigkeit ist und doch wieder so leicht durch die Vorsehung in Ordnung gehalten wird, wie der morgenländische Stegreifdichter die einzelnen Züge seiner Erzählung verbindet, mit welcher er seinen Zuhörern die Zeit angenehm wegplaudert. Unser Leben ist eine anschauliche Geschichte der göttlichen Güte, ein Gleichnis der göttlichen Weisheit, ein Gedicht voll heiliger Gedanken, ein lieblicher Bericht von unendlicher Liebe. Wohl uns, wenn unser Leben eine solche Geschichte ist.

4. Die znIf irrtümlich von zzg scheren, das hier passivisch gleich abgeschnitten werden gedeutet wird, herleiten, statt von zWgI vorübergehen.

5. 4. Mose 12,3 Grundt.: Der Mann Mose aber war ausnehmend sanftmütig, mehr als alle Menschen auf Erden.

6. So heißt das vierte Buch Mose im Hebräischen nach seinen Anfangsworten.