Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 149


Überschrift

Wir sind beinahe am letzten Psalm und noch unter den Hallelujah. Dieser Psalm ist ein "neues Lied", offenbar für die neue Schöpfung und für Menschen mit einem neuen Herzen bestimmt. Er ist ein Lied der Art, wie es einst bei dem Kommen des Herrn gesungen werden mag, wenn die neue Ordnung der Dinge den Gottlosen den Umsturz und allen Heiligen Ehre bringt. Der Ton des Psalms ist in hohem Grade frohlockend und triumphierend. Durch das ganze Lied hindurch hört man das Rauschen der Füße der tanzenden Jungfrauen, die zu Pauke und Harfe Takt halten.

Auslegung

1. Hallelujah!
Singet dem HERRN ein neues Lied,
die Gemeine der Heiligen soll ihn loben.
2. Israel freue sich des, der ihn gemacht hat;
die Kinder Zions seien fröhlich über ihrem Könige.
3. Sie sollen loben seinen Namen im Reigen;
mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.
4. Denn der HERR hat Wohlgefallen an seinem Volk,
er hilft den Elenden herrlich.
5. Die Heiligen sollen fröhlich sein und preisen
und rühmen auf ihren Lagern.
6. Ihr Mund soll Gott erheben,
und sie sollen scharfe Schwerter in ihren Händen haben,
7. dass sie Rache üben unter den Heiden,
Strafe unter den Völkern,
8. ihre Könige zu binden mit Ketten
und ihre Edlen mit eisernen Fesseln,
9. dass sie ihnen tun das Recht, davon geschrieben ist.
Solche Ehre werden alle seine Heiligen haben.
Hallelujah!

1. Hallelujah, d. i. Lobet den HERRN. Zumal ihr, die ihr sein auserwähltes Volk seid, die er zu seinen Heiligen gemacht hat; ihr habt ihn ehedem gepriesen, preiset ihn abermals, ja preiset ihn immerdar! Mit frischem Eifer und neuer Wonne stimmet Jehovah euren Lobgesang an. Singet dem HERRN ein neues Lied. Singet, denn das ist die geziemendste Weise, eurer ehrfurchtsvollen Freude am HERRN Ausdruck zu geben. Singet ein ganz neu gedichtetes Lied, denn ihr habt nun eine neue Erkenntnis Gottes. Der HERR ist stets neu in seinen Kundgebungen: seine Gnade ist jeden Morgen neu, und seine erlösende Macht erweist sich aufs Neue in jeder Nacht des Kummers und Leidens; so lasst denn auch eure Dankbarkeit und deren Ausdruck neu sein. Es ist köstlich, das gute Alte zu wiederholen; es ist noch nützlicher, gutes Neues zu erfinden. Ein neues, noch nicht gebrauchtes Lied passt zu dem Eifer neu entzündeter Inbrunst. Unser Singen soll dem HERRN geweiht sein; die Lieder, die wir singen, sollen von ihm handeln und auf ihn hinzielen, denn von ihm und zu ihm und durch ihn sind alle Dinge. (Röm. 11,36 .) Unter unsern Neuheiten sollten neue Lieder sein; ach, die Menschen sind leider mehr darauf aus, neue Klagen als neue Psalmen anzustimmen. Unsere neuen Lieder sollen zu Jehovahs Ehren verfasst sein; in der Tat sollen unsere neuesten Gedanken stets die Richtung auf ihn haben. Wir können keinen edleren, herrlicheren Gegenstand für ein Lied finden als den HERRN, und nie einen, der eine größere Fülle neuen Stoffes böte für ein neues Lied, und wiederum keinen, den in einem neuen heiligen Liede zu besingen wir so persönlich verpflichtet wären. Die Gemeine der Heiligen soll ihn loben, wörtl.: Sein Lob (singet, oder: Sein Lob erschalle) in der Gemeine der Frommen. Die Heiligen sind wert geachtet vor dem HERRN, und die Gemeine der Heiligen ist eine Schatzkammer von göttlichen Kleinoden. Gott ist in der Mitte der Seinen; darum darf unser Herz wohl danach verlangen, unter ihnen zu sein. Sie sind seines Lobes so voll, dass wir uns in ihrer Mitte heimisch fühlen, wenn wir selber voll Lobes sind. Das Heiligtum ist ebenso ein Haus des Lobes wie ein Bethaus. Alle Heiligen oder Gott liebenden Seelen loben Gott; sie würden keine solchen sein, wenn sie das nicht täten. Ihr Lobpreis ist aufrichtig, des Gegenstandes würdig, stets zeitgemäß und Gott angenehm. Schon das Lob einer einzelnen Seele ist Gott lieblich, aber der Lobpreis der versammelten Gemeine des HERRN hat eine Fülle von Lieblichkeit in sich. Gott liebende Seelen kommen nicht zusammen, um sich an schönen Gesängen zu ergötzen oder einander gegenseitig zu rühmen, sondern um das Lob dessen zu singen, dessen Huld sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Eine Versammlung von Gotteskindern ist ein Stück Himmel auf Erden; sollte nicht Jehovah, der sie erwählt hat, all den Lobpreis haben, dessen eine solche Gemeine fähig ist? Und doch bedürfen auch die Versammlungen der Heiligen es zuweilen, zum Danken und Loben angefeuert zu werden; denn auch die Gläubigen können zuzeiten von Trauergeistern heimgesucht und von Furcht und Zagen gequält werden, und dann ist’s nötig, dass die Saiten ihres Herzens in eine höhere Stimmung gebracht und ihre Seelen zu fröhlicherem Dienst des HERRN ermuntert werden.

2. Israel freue sich des, der ihn gemacht hat. Das ist die neue Schöpfung, die nach dem neuen Liede ruft. Jehovah ist es, der Israel zu Israel gemacht hat und die Stämme zu einem großen Volke hat werden lassen; darum werde der Gründer der Nation allezeit nach Würden gepriesen. Jubelnde Freude soll offenbar die hervorstechende Eigentümlichkeit des neuen Liedes sein. Die Religion geistlich toter Menschen eignet sich mehr dazu, Grabgesänge anzustimmen als frohlockende Hallelujah zu singen; sind wir aber erneuert im Geiste unseres Gemüts, dann freuen wir uns des, der uns gemacht hat, und fröhliche Lieder quellen von selbst aus dem Herzen. Unser Herz wallt über von Freude über unsern Schöpfer und König;. seit wir diese Freude kennen, haben wir für niedere Freuden den Geschmack verloren. Die Kinder Zions seien fröhlich (sollen frohlocken) über ihrem Könige. Sie, die es gesehen und erlebt, wie nicht nur die Stämme zu einem Volksganzen herangewachsen, sondern auch das Volk zu einem wohlbefestigten Königreich geworden, sollen des frohlocken. Israel ist die Nation, Zion ist die Hauptstadt des Königreichs; Israel freut sich seines Schöpfers, Zion frohlockt über seinem Könige. Was uns und unsern Gott betrifft, so sind wir, die wir an ihn glauben, ebenso fröhlich über seinem Regiment wie über seiner erschaffenden Macht; wir verdanken ihm als König so viel wie als Schöpfer. Die Kinder Israel freuen sich, dass sie durch Gottes Macht zu einem Volke geschaffen worden; die Kinder Zions sind ebenso fröhlich darüber, dass sie als Volk von einem solchen Herrscher regiert werden. In jeder seiner Wirkungsweisen und Eigenschaften ist unser Gott uns eine Quelle der Freude. Der vorliegende Vers stellt uns eine Erlaubnis aus, fröhlich zu sein; ja vielmehr, er schärft uns als Befehl ein, uns in dem HERRN zu freuen

3. Sie sollen loben seinen Namen im Reigen; mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen oder lobsingen. Auf diese Weise sollen sie die Siegesfreude und Erlösungswonne vom Schilfmeer wieder aufleben lassen, die ja stets vorbildlich war für die Freude des Volkes Gottes. Mirjam führte dort den Reigen der Töchter Israels an, als der HERR so glorreich seine und seines Volkes Feinde besiegt hatte; war das nicht höchst geziemend? Dieser heilige Tanz frommer Freude ist kein Beispiel, ja nicht einmal eine Entschuldigung weltlicher Tanzlustbarkeiten, von ausschweifenden, unzüchtigen Tänzen ganz zu schweigen. Wer konnte es unterlassen, vor Freude zu hüpfen, da die Macht Ägyptens bezwungen und die Kinder Israel von ihren Treibern und Unterdrückern befreit waren? Bei einem so denkwürdigen Anlass war es geboten, auf jede nur mögliche Weise der Freude Ausdruck zu geben. Tanzen, Singen und Spielen auf Musikinstrumenten, alles wurde dazu in Anwendung gebracht, und zwar mit vollem Recht. Es gibt ungewöhnliche Zeiten, die auch ungewöhnliche Weisen hervorrufen, der Wonne, die das Herz erfüllt, in Worten und Gebärden Luft zu machen. Wenn der HERR eine Seele von dem ewigen Verderben errettet, so fließt ihre heilige Freude über, sie kann nicht Mittel und Wege genug finden, ihre überschwängliche Dankbarkeit sich ergießen zu lassen; wenn ein solcher Mensch nicht hüpft und springt und spielt und singt, so preist er doch irgendwie auf seine Weise Gott und wünscht sich tausend Zungen, um damit seinen Retter zu rühmen. Wer wollte, dass es anders wäre? Neubekehrte Seelen darf man in ihrer Freude nicht gewaltsam zügeln und dämpfen wollen. Lasst sie doch singen und springen, wie es ihnen ums Herz ist! Wie können sie jetzt Leid tragen, da der Bräutigam bei ihnen ist? Lasst uns der Freude am HERRN die größtmögliche Freiheit gewähren. Wir wollen es nie versuchen, sie zu unterdrücken, sondern ihr im Gegenteil mit den beiden Sätzen dieses Verses eine zwiefache Vollmacht zum Frohlocken in die Hand geben. Wenn irgendjemand fröhlich sein sollte, dann sind es die Kinder Zions; die Freude schickt sich für das Israel Gottes mehr als für irgendein Volk auf Erden. Ihre eigene Torheit ist daran schuld, dass die Kinder des Höchsten nicht häufiger von Freude am HERRN überwallen, denn schon der Gedanke an ihn ist Wonne.

4. Denn der HERR hat Wohlgefallen an seinem Volk. Darum sollen auch sie an ihm ihre Lust haben. Gefällt ihm unsere Freude, so lasst uns sie doch völlig machen. Welche Herablassung ist das von Jehovah, dass er Menschenkinder beachtet, sie liebt und an ihnen seine Lust hat! Es ist doch wahrlich nichts an unsern Personen oder unsern Handlungen, was dem ewig seligen Gott Vergnügen bereiten könnte, wenn es nicht eben seinem wunderbaren Wesen so entspräche, sich zu den Niedrigen zu neigen. Der Gedanke, dass der HERR an uns, seinem Volke, Wohlgefallen hat, ist eine Fundgrube der Freude, die niemals erschöpft werden kann. Er hilft den Elenden herrlich, Grundt.: Er schmückt die Elenden (oder die Dulder) mit Heil. Sie sind gebeugt und fühlen es, dass sie des Heiles bedürfen; er ist huldreich und gewährt es ihnen. Sie beklagen ihre Hässlichkeit; er aber schmückt sie mit auserwählter Zier. Er gibt ihnen sein Heil, so tragen sie den Schmuck der Heiligkeit und den Schmuck der aus Gottes Heil entspringenden Freude. Ist das nicht ein herrlicher Grund, den HERRN frohlockend zu preisen? Es ziemt sich, ihm, der solche Lust an uns hat, mit allen Zeichen überschwänglicher Freude zu nahen.
  Gott hat Gefallen an allen seinen Kindern, gleichwie Jakob alle seine Söhne liebte; aber die Gebeugten, die Demütigen und Sanftmütigen sind seine Lieblinge, und denen schenkt er, wie Jakob seinem Joseph, einen bunten Rock, er schmückt sie mit Friede, Freude, Heiligkeit und Segensmacht. Ein stiller und sanfter Geist ist ein köstlicher Schmuck. Wenn Gott selber ein Menschenkind schmückt, dann ist es wahrhaft schön, und diese Schönheit vergeht nicht.
  Fast alle neueren Ausleger deuten das Wort Heil hier als Sieg: Er schmückt die Elenden (die Dulder) mit Sieg. Israel war bisher in elender Lage gewesen und hatte viel von der Welt erdulden müssen. Es hatte das Trauergewand des Leidens getragen. Aber jetzt nimmt der HERR den Duldern das Trauergewand ab und schmückt sie statt dessen mit Sieg. Gottes Macht offenbart sich in dem schwachen, ohnmächtigen, unterdrückten Volke, und statt von der Welt verschlungen zu werden, überwinden sie die Welt. So dient denn die Hilfe, welche der HERR seinem Volke gewährt, diesem zur Zier und zur Ehre, so dass es darin herrlich einhergeht. In welch tiefem Sinne erfüllt sich dies alles auch an dem neutestamentlichen Volke Gottes, und zu welch frohlockender Anbetung des HERRN gibt dies Anlass. Ja kommt, lasst auch uns dem HERRN singen!

5. Die Heiligen sollen fröhlich sein und preisen. So übersetzt Luther, und Bäthgen z. B. stimmt ihm bei. (Wörtlich heißt der Vers bei dieser Auffassung des Sinnes: "Die Heiligen sollen frohlocken mit Ehrenerweisung", d. h. indem sie zugleich Lobgesang erschallen lassen.) Die meisten übersetzen jedoch: Die Heiligen sollen fröhlich sein oder frohlocken in Herrlichkeit oder ob der Herrlichkeit , die Gott ihnen, die vordem in Schmach wandelten, verliehen hat. Der HERR hat sie geehrt und eine wundersame Herrlichkeit auf sie gelegt; darum sollen sie darob fröhlich sein und jauchzen. Sollen diejenigen, die Gott mit seiner Herrlichkeit schmückt, niedergeschlagen sein und trauern? Nein, ihre frohlockende Freude verkünde den ehrenvollen Stand, zu dem sie erhöht sind. Und rühmen oder jubeln auf ihren Lagern. Ihre Herzenswonne soll sich in lauten Freudenrufen und jubelnden Gesängen Ausdruck verschaffen, denn sie brauchen sich der Gefühle ihres Herzens nicht zu schämen. Was durch die Tatsachen so gerechtfertigt ist, das darf sich auch laut kundtun. Selbst in ihrer stillen Kammer, in der einsamsten Zurückgezogenheit mögen sie in Gesang ausbrechen; wenn kein Mensch sie hört, lasst sie ihrem Gott lobsingen. Zwingt Krankheit sie, das Bett zu hüten, so mögen sie sich dennoch freuen in Gott. Flieht der Schlaf sie, so sollen sie sich nicht härmen und ihr Lager mit Tränen netzen, sondern der Nachtigall gleich die nächtlichen Stunden mit süßem Gesang verschönern. Ihr Jauchzen ist jetzt nicht ein Feldgeschrei; nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an der Stätte der Ruhe jubeln sie. Sie können sich im Frieden niederlegen und dabei doch den Sieg genießen, mit dem der HERR sie geziert hat. Ohne Schwertergeklirr gewinnt der Glaube den Sieg, und die stillen Kammern hallen wieder von Triumphgesängen.

6. Ihr Mund soll Gott erheben, und sie sollen scharfe Schwerter in ihren Händen haben. Wörtl.: Lobpreisungen Gottes (sind oder seien) in ihrem Munde und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand. Nicht immer ruhen sie, sondern sie sind auch zu tapferen Taten bereit. Wenn es zum Kampfe kommt, dann erweisen sich gerade solche, die viel erduldet haben, als schwer zu besiegen; sie sind ebenso standhaft im Gefecht, wie sie in der Geduld standhaft waren. Auch ist die Weise der Kämpfer, von denen unser Vers redet, eine außergewöhnliche; denn sie erheben Gott mit Lobgesängen und haben dabei ihre Schwerter gezückt. Sie sind imstande, zwei Dinge zugleich zu tun; wenn sie nicht gleich jenen, die Jerusalems Mauern wieder aufbauten, Kelle und Schwert zugleich führen (Neh. 4,12), so singen sie doch, während sie mit dem Schwert zuschlagen. Darin sind diese Israeliten uns zwar nicht ein Beispiel, wie wir es machen sollen; doch ist ihr Tun für die neutestamentlichen Streiter des HERRN geistlich bedeutsam. Wir wollen dem auserwählten Volk nicht nachahmen im Kriegführen mit dem Schwert, wohl aber wollen wir geistliche Ritterschaft üben. Wir lobpreisen Gott und stehen zugleich im Kampf mit unsern verderblichen Begierden; wir singen fröhlich und führen dabei ernsten Krieg mit dem Bösen in jeglicher Gestalt. Unsere Waffen sind nicht fleischlich, sondern sie sind mächtig vor Gott und verwunden tiefer als ein zweischneidiges Schwert. Das Wort Gottes ist lauter Schneide; nach welcher Richtung wir es auch wenden mögen, immer teilt es tödliche Streiche aus gegen Lüge und Gottlosigkeit. Loben wir Gott nicht, während wir kämpfen, so werden wir bei dem unaufhörlichen Streiten finsteren Gemütes werden oder den Mut verlieren; und kämpfen wir nicht, dann werden wir bei unserem Singen vermessen werden. Wir müssen nach unserem Verse Kreuzritter und Sänger zugleich sein.
  Beachten wir, wie bei dem Gläubigen alles mit vollem Ernste und Nachdruck geschieht. Singt er, so sind es "Hochgesänge auf Gott" (vergl. den Grundt.), die ihm aus der Kehle quellen, und kämpft er, so kämpft er mit einem zweischneidigen Schwert. Der lebendige Gott teilt denen, die auf ihn trauen, kraftvolles Leben mit. Sie kennen keine farblose Neutralität; sie stehen mit ganzem Herzen auf Gottes Seite, und die Menschen bekommen sie zu hören und zu fühlen. Wohl ist ihr Geist still, sanftmütig und demütig; aber in eben dieser Stille ruht eine unwiderstehliche Kraft. Wenn gottselige Männer mit den Mächten des Bösen Krieg führen, so ist jede Schlacht ein Triumph, der Gottes Lob erschallen lässt. Selbst das Getümmel und der Schlachtenlärm des heiligen Krieges, den wir führen, ist ein Teil der Musik unseres Lebens.

7. Dass sie Rache üben unter den Heiden, Strafe unter den Völkern. Das war einst die Pflicht der Kinder Israel; als sie ins Gelobte Land kamen, vollstreckten sie das gerechte Urteil des HERRN an den schuldbeladenen Völkern. In unsern Tagen, in der Zeit der Gnade, kämpfen wir nicht mit Fleisch und Blut; doch ist unser Feldzug nicht weniger ernster Art und unser Sieg nicht weniger gewiss. Alles Böse wird am Ende gestürzt werden; der HERR wird an den Übeltätern seine Gerechtigkeit erweisen, und in diesem Kriege werden seine Knechte mitwirken. Die Heiligen werden die Welt richten. Beides, der Kampf und der schließliche Sieg, wird zur Verherrlichung Gottes dienen und auch die Ehre der Seinen ins Licht stellen.

8. Ihre Könige zu binden mit Ketten und ihre Edlen mit eisernen Fesseln. Also werden auch die größten Feinde Jehovahs und seines Volkes der Schmach und Schande preisgegeben, ihrer Macht beraubt und gezüchtigt. Solche Taten waren Israel ein Ruhm; wir freuen uns der geistlichen Siege. Auch die vornehmsten Mächte der Finsternis, die Könige und Fürsten im Reiche des Bösen werden gefesselt und schließlich dem völligen Verderben überliefert werden. Diejenigen, die so viele Heilige in Gefangenschaft und Ketten gelegt haben, werden selber gefangen und gefesselt werden. Die Mächte der Bosheit können unsern König nicht binden, hingegen wird durch seine Macht ihr Fürst mit einer großen Kette gebunden und in dem Abgrund verschlossen werden (Off. 20,1-3), um schließlich unter den Füßen der Heiligen zertreten zu werden (Röm. 16,20).

9. Dass sie ihnen tun das Recht, davon geschrieben ist. Israel hatte als Volk die Aufgabe, dies zu tun, und es tat es und freute sich dann, dass Gott den Waffen seiner Streiter Sieg gegeben hatte. Wir loben Gott auf eine andere Weise; wir sind nicht Vollstrecker seiner Gerichtsurteile, sondern Herolde der Gnade. Es würde sehr bedauerlich sein, wenn irgendjemand diese Psalmworte missbrauchen wollte, wie es in der Tat manchmal geschehen ist. Damit ein kriegerischer Gläubiger nicht etwa hierzu verleitet werde, möchten wir ihn daran erinnern, dass der Strafvollzug nicht über das Urteil und die empfangene Vollmacht hinausgehen darf, und wir haben keinen Befehl erhalten, an unsern Mitmenschen das Gericht zu vollstrecken. Christen haben keinen Auftrag, Rache zu üben; ihre Aufgabe ist es, die Mission der Gnade auszuführen, und die allein. Solche Ehre werden alle seine Heiligen haben, oder wörtlicher: Eine Ehre ist es für alle seine Frommen. Alle Gottseligen hatten teil an den Siegen des HERRN, wenn er Israels Feinde schlug. Wir haben gleiche Ehre, nur erweist sie sich in Siegen anderer Art. Alle Heiligen bekommen heilige Aufträge von ihrem heiligen Herrn. Die Ehren, die dieser Psalm schildert, sind allen gemeinsam, die Gott lieben und seine Gnade kennen, und jeder von ihnen ohne Ausnahme darf und soll dem HERRN dienen in der von ihm bestimmten Weise. Der HERR ehrt alle seine Auserwählten schon hienieden und wird sie hernach alle zur Herrlichkeit führen; diese Regel hat keine Ausnahme. Darin haben wir den besten Grund, den HERRN zu verherrlichen, und deshalb schließen wir unser neues Lied mit einem nochmaligen Hallelujah: Lobet den HERRN!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. - Inhalt: "Lobgesang und Racheschwert." Israel wird zum Lobpreis Jahves aufgerufen. Denn Jahves Wohlgefallen ruht auf seinem Volke, dem er nach schwerer Drangsal eine Zeit des Heils und der Herrlichkeit geschenkt hat. Nun ist die Stunde gekommen, da Israel Rache nehmen wird an seinen Bedrängern: die heidnischen Völker werden gestraft, ihre Könige und Vornehmen mit eisernen Ketten gefesselt und das Urteil Gottes an ihnen vollzogen. Ehrenvoll aber und freudenreich ist es für Israel, der Vollstrecker dieses Urteils zu sein. Lic. H. Keßler 1899.
  Der Standpunkt des Psalms ist ungefähr der des Buches Esther. Die neutestamentliche Geistesgemeinde kann nicht so beten wie hier die alttestamentliche Volksgemeinde. In dem Wahne, ihn ohne geistliche Umdeutung nachbeten zu können, ist Psalm 149 die Parole der abscheulichsten Verirrungen geworden. Kaspar Scioppius (Schopp, pfälzischer Konvertit) entflammte mittelst dieses Psalms in seinem Classicum belli sacri, welches, wie R. Bakius (1660) sagt, nicht mit Tinte, sondern mit Blut geschrieben ist, die römisch-katholischen Fürsten zu dem dreißigjährigen Religionskrieg. Und innerhalb der protestantischen Kirche schürte Thomas Münzer mittelst dieses Psalms den Bauernkrieg. Man sieht, dass der Christ sich einen solchen Psalm nicht unmittelbar aneignen kann, ohne die apostolische Mahnung zu verleugnen: "Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich" (2.Kor. 10,4). Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Manche Ausleger, wie Hengstenberg, Delitzsch und Schultz , erklären diesen Psalm wie den vorhergehenden aus der Zeit der Wiederherstellung Israels unter Esra und Nehemia. Der auffallende Gleichklang im Ausdruck Ps. 149,9 mit Ps. 148,14 legt es sogar sehr nahe, mit Delitzsch auf einen Verfasser beider Psalmen zu schließen: "Wie Ps. 148,14 dies, dass Jahve seinem Volke ein Horn erhöht hat, wydfsixA-lkfl: hlIfhitI: , ein Lob (oder Gegenstand des Lobes) allen seinen Frommen heißt, so heißt hier Ps. 149,9 dies, dass Israel an den Völkern und ihren Machthaber Rache übt, wydfsixA-lkfl rdfhf, Ehre oder Glorie allen seinen Frommen." Damit ist auch schon die nahe Verwandtschaft des Inhalts beider Psalmen angedeutet: man kann Ps. 149,4-9 als eine erweiterte Ausführung zu dem Hauptverse des Ps. 148. , nämlich dem 14., ansehen. Allein die Verschiedenheit beider Psalmen ist dennoch groß. Ps. 148 ist, so sehr er die einzigartige Stellung des Volkes Gottes hervorhebt, im höchsten Grade universalistisch, indem er alle Menschen wie alle Geschöpfe überhaupt zum Lobe des Gottes Israels auffordert; in dem Ps. 149. hingegen ergeht diese Aufforderung ausschließlich an Israel. Dort, Ps. 148, ist wenigstens mittelbar in jenem Aufruf zum Lobe Jehovahs die Teilnahme der Könige und der Völker an dem Heile Israels angedeutet, hier hingegen tritt nur deren blutige Unterwerfung in den Gesichtskreis. Der Geist des Psalms ist ein anderer, dem Geiste des Buches Esther verwandter (man vergleiche Esther 8,16 f.; Esther 9,13.17 f.). H. Keßler spricht sich (1899) darüber so aus: "Der Psalm nimmt innerhalb des Psalters dieselbe Stellung ein wie das Buch Esther im Kanon. Er weist an einem Beispiel die jüdisch-zelotische Entartung alttestamentlich-israelitischer Religiosität auf." Die Väter haben den Psalm als Prophetie auf die Kämpfe und Siege der makkabäischen Zeit gedeutet; aber auch so bliebe die Frage bestehen, inwiefern der Psalm, von dem Geiste des Neuen Testaments ganz abgesehen, dem er nur durch geistliche Umdeutung, wie Spurgeon sie vornimmt, angepasst werden kann, mit dem Gesamtgeiste der heiligen Schriften des Alten Bundes zu vereinbaren ist. Der eben angeführte Keßler weist darauf hin, dass dieser Psalm über alle die andern Fluch- und Rachepsalmen weit hinausgeht. Jene sehnen wohl das göttliche Gericht über die Feinde Gottes und seines Volkes herbei, ja sie erflehen es inbrünstig, überlassen dessen Vollzug jedoch durchweg dem Gott der Rache. Hier hingegen freut sich Israel in dem Gedanken, das göttliche Gericht selbst vollziehen zu dürfen. Darum schreibt Keßler den Psalm auch nicht der Zeit des Esra und Nehemia zu, zu welcher ein überaus siegesbewusster Ton nicht stimme, sondern der Psalm stamme wohl (als einziger der ganzen Sammlung) aus der Makkabäerzeit, jener Zeit, die als besondere Merkmale aufweist: religiöse Glut, vereint mit dem Bewusstsein eigener starker Kraft, hochgradige nationale Erregung, gepaart mit leidenschaftlichem Hass gegen die Volksfeinde. Auch die Übereinstimmung des Ausdrucks MydiysixA lhaq: (Gemeine der Heiligen) V. 1 mit sunagwgh`)Asidai/wn 1.Makk. 2,41 mache die makkabäische Abfassung des Psalms wahrscheinlich. Ebenso spreche die Stellung des Psalms im Ganzen des Psalters (er ist, von dem die Doxologie vertretenden Ps. 150 abgesehen, ja der letzte) für die Annahme, dass hier in der Tat ein später Nachkömmling noch nachträglichen Einlass in das Gesangbuch Israels gefunden habe. - Als Gegengewicht zu dem Urteile Keßlers mag es gut sein, folgende Worte K. B. Molls († 1878) anzuführen, der das "neue Lied" der Zeit der Volkserneuerung unter Esra-Nehemia zuweist, dabei aber auch nicht leugnet, dass sich der Geist des späteren Judentums (man vergl. besonders 2.Makk. 15,26-37) in dem Psalm zu erkennen gebe. "Dass ein Volk sich dazu berufen fühlen und sich als Werkzeug in der Hand des Allmächtigen erfassen und demgemäß den Untergang seiner Feinde als der Feinde Gottes und zugleich das Lob und die Herrlichkeit Gottes im Sinne haben und in einem Atem aussprechen kann, ist weder widerspruchsvoll in sich selbst noch irreligiös. Andererseits darf man Alttestamentliches und Neutestamentliches nicht durcheinander mengen, wie das immer geschieht, wenn Israel und Zion unmittelbar mit der christlichen Gemeinde und Kirche gleichgesetzt werden." Wir fügen noch hinzu: Es ist auch der Unterschied festzuhalten zwischen der jetzigen Zeit der Gnade und der Zeit der Gerichte des Endes, auf welche so manches in der alten Geschichte und Prophetie hinweist. - J. M.

V. 1. Ein neues Lied ; denn dieser Psalm ist ein Lied der Erneuerung Wenn Israel, als es wiederhergestellt und erneuert war, neue Ursache zum Frohlocken hatte, wie viel mehr sollte sich das neutestamentliche Israel gedrängt fühlen, ein neues Lied im neuen Tone des Triumphs zu singen! Die Ungläubigen lästern, die Undankbaren murren, die Gedankenlosen schweigen, die Unglücklichen weinen, und darin handeln sie alle ihrer alten, nicht erneuerten Natur gemäß; innerlich neu gewordene Menschen jedoch nehmen auch eine neue Art an: sie singen, vom Geiste Gottes getrieben, das Lob ihres Gottes, und in diesen ihren Lobgesängen spiegelt sich wider ihr Friede mit Gott, ihre Liebe zu Gott und ihre Freude in Gott. Joh. P. Palanterius 1600.
  Der alte Mensch hat ein altes Lied, der neue Mensch ein neues Lied . Das Alte Testament ist ein altes Lied, das Neue Testament ist ein neues Lied. ... Wer irdische Dinge liebt, singt ein altes Lied; wer ein neues Lied zu singen begehrt, der liebe die Dinge der Ewigkeit. Die Liebe selber ist neu und ewig; darum ist sie immer neu, weil sie nie alt wird. Aurelius Augustinus † 430.
  Singet. Gebt uns, o gebt uns Leute, die singen bei ihrer Arbeit! Mag seine Beschäftigung welcher Art immer sein, ein Mensch, der bei seiner Arbeit singt, wird stets jedem von denen gewachsen sein, die dem gleichen Werke mit schweigsamer Verdrießlichkeit obliegen. Er wird in der gleichen Zeit mehr arbeiten, er wird es besser machen und er wird länger ausdauern. Man spürt kaum etwas von Müdigkeit, wenn man mit Musik oder Gesang marschiert. Selbst bei den Sternen spricht man von einer Harmonie der Sphären, nach der sie ihre Bahnen wandeln. Wunderbar ist die Macht, welche die Heiterkeit des Sinnes dem Menschen verleiht, ganz unberechenbar die Kraft der Ausdauer, die in der Fröhlichkeit liegt. Bemühungen, die dauernd nutzbringend sein sollen, müssen gleichmäßig fröhlich sein - ein geistiger Sonnenschein; sie müssen reizen durch das Vergnügen, das sie gewähren, müssen schön weil lichtvoll sein. Thomas Carlyle † 1881.
V. 2. Israel freue sich des, der ihn gemacht hat usw. Es wird mit euch nie richtig stehen, bis ihr euch von Herzen im HERRN freuen könnt und bis ihr heitere Fröhlichkeit in Verbindung mit Heiligkeit genießen könnt. Walter Marshall † 1690.
  Der ihn gemacht hat. Jehovah wird so genannt, weil er Israel als Volk geschaffen hat und sie, die vordem ein Hause von Sklaven waren, zu einem Staate, zu einem Königreiche, einer Theokratie geordnet hat. Das ist mehr als die allgemeine Erschaffung des Menschen. Prof. D. Herm. Venema † 1787.
  Die Kinder Zions seien fröhlich über ihrem Könige: nicht nur über dem, was ihr König für sie getan hat, sondern über dem König selber. Das gilt auch für uns. Der herrliche König Israels ist Jesus. Alles, was Jesus gibt, ist köstlich und bietet lieblichen Stoff zu Lobgesängen. Aber ich brauche nicht nur die Gaben Jesu, sondern ihn selber, und unsere Freude und unsere Lobgesänge sollen in ihm ihren Mittelpunkt haben. Der hat alles, der ihn hat. D. Robert Hawker † 1827.
V. 3. Der Reigentanz war in alten Zeiten eine der Weisen, wie man geistlicher Freude Ausdruck gab, siehe 2. Mose 15,20; 2. Samuel 6,16 . Wenn mit unsern Leuten aus irgendwelcher Ursache eine solche Umwandlung vor sich gegangen sein wird, dass sie den Trieb fühlen werden, das Gleiche zu den gleichen Zwecken zu tun, dann wird noch Zeit genug sein, die Frage zu besprechen, ob das Tanzen für einen Christen erlaubt ist. In unserer Zeit geschieht das Tanzen nicht zu einem solchen Zweck und kann daher in keiner Weise mit dem Brauche der frommen Juden der alten Zeit gerechtfertigt werden. Schon weil stets nur Leute eines Geschlechts den Reigen bildeten oder tanzten, haben jene festlichen Bewegungen mit unsern Bällen überhaupt nichts Verwandtes. D. W. S. Plumer † 1880.
V. 4. Dieser Vers gibt den wichtigen Grund an, warum Israel den HERRN loben soll. Von solchen, die da wissen, dass sie Gegenstand des göttlichen Wohlgefallens sind, ist zu erwarten, dass sie nach dem Grundsatze der Wechselseitigkeit handeln. Es gefällt Gott, sie zu rechtfertigen, zu heiligen und zu verherrlichen; so muss es doch sicher auch ihre Lust sein, ihn als Freund, Beschützer, Gesetzgeber, Führer, König und Gott zu erheben. Simon de Muis † 1644.
  Den Elenden. Das hebräische Wort bedeutet Arme und Unterdrückte; der Ausdruck wurde später aber von demütigen und sanftmütigen Menschen gebraucht, weil leibliche Trübsale geeignet sind, den Stolz zu unterdrücken, während Überfluss hochfahrendes und unbarmherziges Wesen erzeugt. Jean Calvin † 1564.
V. 5. Die Heiligen sollen fröhlich sein usw. Hier beginnt eine schöne nähere Ausführung zu dem Vorhergehenden. Leute, die die herrliche Hilfe und den Schutz des HERRN erfahren, können mit Zuversicht fröhlich sein. Geängstete und furchterfüllte Leute konnten nicht jubeln auf ihren Lagern. Simon de Muis † 1644.
  Auf ihren Lagern, wo früher in der nächtlichen Einsamkeit der Kummer über ihre Schmach sie verzehrte, vergl. Hos. 7,14. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
  O wie sehne ich mich nach meinem Lager! - nicht, um zu schlafen, denn ich liege sehr oft lange Stunden hindurch wach, sondern um mit meinem Gott so recht ungestört süße Gemeinschaft zu pflegen. Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltat, die er an mir tut, dass er sich mir geoffenbart und mich so reich gemacht hat! Selbst wenn es an geschichtlichen Beweisen für die Wahrheit des Christentums fehlte und wenn es nicht mit Wundern beglaubigt wäre, würde ich dennoch der festen Überzeugung sein, dass die von den galiläischen Fischern verbreitete Religion göttlich ist. Die heilige Freude, die das Evangelium mir ins Herz bringt, muss vom Himmel stammen. Schreibe ich dies etwa, um mich damit zu rühmen, mein Bruder? Nein, mit Tränen demütiger Dankbarkeit lege ich Zeugnis ab von der Güte des HERRN. - Aus einem Privatbriefe des Hinduchristen Baba Padmandschi 1870.
V. 6. Lobeserhebungen auf Gott in ihrem Munde und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Rechten. (Wörtl.) Lobpreis und Macht des Einflusses gehen stets Hand in Hand. Die beiden Dinge wirken wechselseitig aufeinander. Eine Zeit geistlicher Kraft der Gemeinde ist stets auch eine Zeit des Lobpreisens; und wenn es in der Gemeine des HERRN zu einem neuen Hervorbrechen geistlicher Lieder kommt, dann ist zu erwarten, dass das Volk Gottes auch im Begriffe ist, einen neuen Kreuzzug für Christum zu unternehmen. Cromwells "Eisenseiten" wurden höhnisch Psalmsänger genannt; Gottes Psalmsänger aber sind stets Eisenseiten, d. h. tapfere Helden. Wer ein neues Lied in seinem Munde hat, ist stets stärker, sowohl im Leiden als im Wirken, als ein Mensch, der einen stummen Geist hat und dessen Herz keine Lieder kennt. Deshalb brauchen wir uns nicht darüber zu wundern, dass sich durch die ganze Geschichte der Gemeine des HERRN der silberne Faden des heiligen Liedes hindurchzieht. William Taylor 1873.
V. 8. Ihre Könige zu binden mit Ketten usw. Agrippa ward ein Gefangener des gebunden vor ihm stehenden Paulus. Das Wort schlug den König in Fesseln, dass er in Gegenwart des Festus bekennen musste, er fühle sich beinahe überredet, ein Christ zu werden (Apg. 26,28). Da ward jenes Psalmwort geistlich erfüllt. O der Majestät und Kraft des Wortes Gottes! Henry Smith † 1591.
V. 9. Hupfeld übersetzt: Zu vollziehen an ihnen ein geschriebenes Gericht (=Urteil). Er hält dafür, der Ausdruck sei von dem Gerichtsverfahren hergenommen, wo die Erkenntnisse schriftlich ausgefertigt wurden (vergl. Jes. 10,1), was hier auf den göttlichen Ratschluss übertragen sei, worin dies Urteil längst gefasst sei, also ein geschriebenes Urteil gleich ein fest beschlossenes (göttliches) Urteil, vergl. Jes. 65,6; Hiob 13,26. Natürlicher ist es aber doch, an ein göttliches Urteil zu denken, das in den Heiligen Schriften urkundlich niedergelegt ist, und also zu übersetzen: Das Urteil, das geschrieben ist, an ihnen zu vollziehen. Allerdings lässt sich nicht ausmachen, welche besondere Schriftstelle der Dichter etwa im Sinne gehabt haben mag. Schulz (1888) erklärt: "Geschrieben von den Propheten, 5. Mose 32,41 ff.; Jes. 45,14, in der Geschichte, 4. Mose 31,8; 1. Samuel 15,32 f., aber auch in dem Gesetz, das hier zumeist in Betracht kommt, 5. Mose 7,2; 25,17 ff.; in den Kanaanitern und Amalekitern waren alle Todfeinde verurteilt, vergl. 1. Mose 12,3. "Man vergl. noch namentlich Hes. 25,14, ferner Hes. 39,8 ff.; Sach. 14. Delitzsch meint, der Dichter habe bei "geschrieben" nicht diese oder jene Schriftstelle, sondern im Allgemeinen das Zeugnis des Gesetzes und der Prophetie im Sinne, dass alle Reiche Gottes und seines Christus werden sollen.
  Es ist ferner die Frage, ob V. 9 dem Inhalte nach weiterschreitet, so dass der Vers den Vollzug des Blut- und Vernichtungsgerichtes an den Gefangenen aussagen will, oder ob V. 9 inhaltlich dem V. 8 gleichläuft, so dass das Urteil nur auf die Unterwerfung der Feinde Gottes und seines Volkes lautet. Delitzsch meint, diese letztere Deutung empfehle sich durch die vollgültige Parallele Jes. 45,14 . Die Hinrichtung der besiegten weltlichen Machthaber so unbedingt in Aussicht zu nehmen, zieme am wenigsten dem religiösen Lyriker. Ebenso wenig sei an das den kanaanäischen Völkerschaften zugeurteilte Vertilgungsgericht zu denken, welches ja aus speziellem Grunde speziell auf diese laute. "Unterwerfung (und zwar allerdings nicht unblutige) ist das schriftmäßige Rechtsurteil, zu dessen Vollstreckung sich Jahve seines Volkes bedient." Dadurch würde der Psalm allerdings viel von seiner Härte verlieren, auch der Schlusssatz. Delitzsch erläutert diesen: "Weil der Gott, der sich so zur Geltung bringt, Israels Gott ist, so ist diese Unterwerfung der Welt hadar , Glanz und Glorie, aller ihm in Liebe Ergebenen. Die Verherrlichung Jahves ist auch die Verherrlichung Israels." Aber das Racheschwert (V. 6 mit V. 7) lässt doch stärker an blutiges Gericht denken, das ohnehin nach der Schrift den unversöhnlichen Feinden Gottes und den Bedrückern seines Volkes sicher droht. - J. M.
V. 6-9. Die Erfüllung dieses Psalms wird man sehen, wenn es auf das 19. Kapitel in der Offenbarung Johannes hinauslaufen wird, und da wird der, welcher auf dem weißen Pferd sitzt, und sein Heerzug hinter ihm das sicherste Zeichen sein, wenn es Zeit ist, die Schwerter zu ergreifen, die der Verfolgungsgeist und sonstiges natürliches Ungestüm so frühzeitig und zum Schaden für das Reich Gottes gezückt hat. Jetzt können nicht nur Könige, sondern auch die ihren Unglauben einschleckenden (naschenden) Edlen und andere alle Liebesseile Gottes zerreißen, alle Bande seiner Wahrheit von sich werfen, und ein Zeuge der Wahrheit muss es wohl spüren, mit was für ungebundenen Leuten man es zu tun hat; aber es wird allen Feinden Gottes fehlen. Das Recht, davon geschrieben ist, die Gerechtigkeit des Reichs Gottes, wird aufkommen. Es wird noch einmal auf dem Erdboden so aussehen und hergehen, wie es geschrieben ist. Dergleichen Blicke verleiht das Wort Gottes zur Stärkung des Glaubens und der Geduld bei den Heiligen, besonders auch zur Verwahrung, dass sie nicht auf eine Torheit geraten, noch ihre Hand ausstrecken zur Ungerechtigkeit, solange das Zepter der Gottlosen so über dem Häuflein der Gerechten ist (Ps. 85,9; 125,3). Soviel jedem hierzu nötig ist und er gehörig anwendet, wird ihm Einsicht darein verliehen werden. Ach, dass wir auch mit Wonne dabei seien, wenn aus aller Heiligen Mund erschallen wird: Hallelujah! Denn der allmächtige Gott hat das Reich eingenommen (Off. 19,6). Karl H. Rieger † 1791.

Homiletische Winke

V. 1. Hallelujah. Das Lob des HERRN. 1) Das eine Werk des ganzen Lebens. 2) Das Werk der wahrhaft Lebenden aller Stufen. 3) Ihr Werk in mancherlei verschiedenen Formen. 4) Ein Werk, zu dem wir überschwänglich viel Anlass, Beweggründe und Stoff haben.
V. 1.2. Das neue Lied der Heiligen. 1) Die Heiligen sind Gottes Kinder durch eine Neugeburt. 2) Diese Neugeburt hat ihnen ein neues Herz gegeben. 3) Das neue Herz äußert sich in einem neuen Liede. C. A. Davis 1885.
V. 1.5. 1) Wir sollen Gott öffentlich preisen, in der Gemeine der Heiligen ; je mehr je besser, es ist ein Vorgeschmack des Himmels. 2) Wir sollen Gott aber auch in der Einsamkeit preisen. Mögen die Heiligen so von der Freude im HERRN hingerissen werden, dass sie jubeln auf ihren Lagern, vergl. Ps. 119,62. M. Henry † 1714.
V. 2. Die Pflicht, die Wohlbegründetheit und der Segen heiliger Freude.
  Das Volk des HERRN, der Gott dieses Volkes (als Schöpfer und Regierer) und die Freude dieses Volkes an ihm.
V. 2b. Die Kinder des neutestamentlichen Zion haben allen Grund, fröhlich zu sein über Christus, ihren Könige: 1) über die Majestät seiner Person, 2) über die Gerechtigkeit seiner Herrschaft, 3) über die Ausdehnung seiner Eroberungen, 4) über den Schutz, den sie unter seinem Zepter genießen, und 5) über die Herrlichkeit, zu der er sie erhöhen wird. The Homiletical Library 1882.
V. 2-4. Was für Ursache hat das Israel Gottes, sich des HERRN zu freuen und ihn zu loben? 1) Der HERR hat Israel gemacht. 2) Der HERR ist Israels König. Das folgt aus dem Vorhergehenden. 3) Der HERR hat Wohlgefallen an seinem Volk. Er ist ein König, der durch Liebe regiert, darum ist er besonders zu preisen. 4) Der HERR hat große Absichten mit seinem Volke: Er wird die Elenden mit Heil schmücken. Mt. Henry † 1714.
V. 4a. Dass der HERR an seinem Volke Wohlgefallen hat , ist 1) ein wunderbarer Erweis seiner Gnade, 2) die höchste Ehre, die die Seinen begehren können und 3) eine Bürgschaft für die Erhaltung des Volkes Gottes in Zeit und Ewigkeit. John Field 1885.
V. 5. Die Heiligen sollen fröhlich sein ob der Herrlichkeit und rühmen auf ihren Lagern. (Grundt.) Heilige Freude. 1) Der Stand, zu dem der HERR die Heiligen erhöht hat: Herrlichkeit, im Gegensatz zu Sünde, Schmach und Trübsal. 2) Die Stimmung, welche demgemäß den Heiligen geziemt: Fröhlichkeit. 3) Wie diese Fröhlichkeit sich äußern soll: sie sollen rühmen oder jubeln, laut singen auf ihren Lagern. C. A. Davis 1885.
V. 5b. Mögen die Heiligen jubelnd den HERRN preisen: I. Wenn sie auf ihrem Lager der nächtlichen Ruhe pflegen: 1) Um dessen willen, was der HERR den Tag hindurch ihnen erwiesen. 2) Weil der Schlaf eine Gabe Gottes ist. 3) Weil sie ein Lager haben, darauf sie ruhen können. 4) Weil der HERR ihr Hüter ist (Ps. 4,5.9). II. Wenn sie auf dem Krankenbett liegen: 1) Weil sie in Ergebenheit unter Gottes Willen leiden sollen. 2) Weil Heimsuchungen oft ein Beweis von Gottes Liebe sind. 3) Weil Krankheit, wenn sie geheiligt wird, ein großer Segen ist. 4) Weil auf dem Krankenlager Gott dargebrachtes Lob ein Zeugnis von der Kraft der göttlichen Gnade ist. III. Wenn sie auf dem Sterbebette liegen: 1) Weil der Stachel des Todes hinweggenommen ist. 2) Weil ihr Herr und Heiland selber durch den Tod hindurchgegangen ist. 3) Weil der HERR bei ihnen ist in ihren Leiden. 4) Um des willen, was ihrer wartet, wenn sie sterben. 5) Um der herrlichen Hoffnung der Auferstehung willen. C. W. Townsend 1885.
V. 6. 1) Das Leben des Christen ist eine Verbindung von Lobpreis und Kampf. 2) In beiden sollte der Christ ganz auf der Höhe sein ("Hochgesänge" - "zweischneidiges Schwert", Grundt.). 3) In beidem sollte er sich als Christ erweisen - von Heiligen oder Gott Liebenden ist im Psalm die Rede.
V. 8. Die fesselnde und bezwingende Macht des Evangeliums.
V. 9. Die Ehre der Heiligen Gottes.