Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 129


Überschrift

Ein Wallfahrtslied. Ich wüsste nicht, wie diejenigen, welche in diesen Liedern die aufeinander folgenden Stufen oder Stationen des inneren Lebens abgebildet sehen, in diesem Psalme die dem vorangehenden nächsthöhere Stufe erkennen wollten. Das ist freilich wahr, dass der vorliegende Psalm offenbar das Erzeugnis eines älteren und innerlich noch völliger ausgereiften Mannes ist, der wohl selber auf ein Leben voller Leiden zurückschauen kann, auf eine lange Schule der Trübsale, in der er unausgesetzt schon von seiner Jugend an gewesen war. Und insofern als Geduld im Leiden eine höhere oder wenigstens schwerer auszuübende Tugend ist als treu sorgende Liebe im glücklichen Heim, mag man allerdings von einem Fortschritt, einem Aufstieg reden können. Vermutlich würden wir, wenn wir von den Tagereisen und Raststätten auf dem Wege zum Tempel etwas mehr wüssten, auch die Gründe erkennen, warum diese Psalmen gerade so und nicht anders geordnet sind. Da aber solche Aufklärung nicht mehr zu erlangen ist, müssen wir die Psalmen eben nehmen, wie sie sind, und uns dabei sagen, dass wir ja jetzt nicht mehr nach jenem Zion zu wallfahren haben und daher nur unsere Wissbegier zu kurz kommt, wenn wir nicht wissen, warum dieser Pilgerpsalter so geordnet ist. Wir vermissen aber nichts dadurch, was uns zu wissen wirklich nötig wäre.

Inhalt
In dem Liede vereinigen sich tiefer Kummer und fester Glaubensmut. Wiewohl Israel schwer bedrückt, schmerzlich geschlagen und zerschunden ist, ist sein Herz dennoch gesund; der Glaube der Treuen bleibt aufrecht und denkt nicht von ferne daran, klein beizugeben. Der Dichter singt von Israels Leiden, V. 1-3, von Gottes Eingreifen, V. 4, und von dem segenslosen Schicksal der Feinde des Gottesvolkes, V. 5-8. Es ist ein ländliches Lied, voll von Anspielungen auf das Bauernleben. Es erinnert uns an die Bücher Ruth und Amos.

Auslegung

1. Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf,
so sage Israel,
2. sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf;
aber sie haben mich nicht überwältigt.
3. Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert
und ihre Furchen lang gezogen.
4. Der HERR, der gerecht ist,
hat der Gottlosen Seile abgehauen.
5. Ach, dass müssten zu Schanden werden und zurückkehren
alle, die Zion gram sind!
6. Ach, dass sie müssten sein wie das Gras auf den Dächern,
welches verdorrt, ehe man es ausrauft,
7. von welchem der Schnitter seine Hand nicht füllt
noch der Garbenbinder seinen Arm
8. und die vorübergehen nicht sprechen:
Der Segen des HERRN sei über euch;
wir segnen euch im Namen des HERRN!

1. Sie haben mich oft (wörtl. viel, reichlich) gedrängt von meiner Jugend auf, so sage Israel. In der gegenwärtigen Zeit der Trübsal darf das Volk des HERRN sich seine vorigen Leiden zu seinem Troste vor Augen halten und aus diesen Erinnerungen die Gewissheit schöpfen, dass der treue Gott, der so viele Jahrhunderte hindurch nach seiner Verheißung mit Israel gewesen ist, es nicht am Ende im Stich lassen wird. Das Lied setzt ohne Einleitung mit vollen Akkorden ein. Der Dichter war offenbar vorher tief in Gedanken gewesen; das Feuer brennt in ihm, und wes das Herz voll ist, des geht nun der Mund über. Und was sich ihm aus dem vollen Herzen über die Lippen drängt, das möge auch Israel zur Stärkung seines Glaubens und seiner Hoffnung sprechen. Die Geschichte des Volkes Gottes ist eine Geschichte der Leiden. Drangsale, schwer und groß, haben es immer und immer wieder getroffen; die Leiden, die über uns gehen, sind die gleichen, unter denen unsere Väter geseufzt haben. Schon der Erzvater Jakob hatte ein Leben voller Not, jeder Israelit weiß von Drangsal zu sagen, die ihm widerfahren, und Israel als Ganzes ist aus einer Trübsal in die andere gekommen. Oft haben sie mich gedrängt, sagt Israel, weil es nicht sagen konnte, wie oft. Es spricht von seinen Bedrängern als "sie", weil es unmöglich sein würde, ihrer aller Namen zu nennen oder auch nur zu wissen. Sie hatten es gedrückt, in die Enge getrieben, mit Gewalt und List befeindet von den frühesten Zeiten seiner Geschichte, von seiner Jugend auf; und sie hatten ihre Angriffe zähe fortgesetzt ohne Aufhören. Verfolgung ist das Erbstück der Gemeine des HERRN, das von Geschlecht zu Geschlecht der Familie Eigen bleibt, und das Ehrenzeichen der Auserwählten. Israel war nicht ein Volk wie die andern, es war das Eigentumsvolk Jehovahs, und diese Eigentümlichkeit brachte viele wider sie in Harnisch als unversöhnliche, rastlose Feinde, denen es nicht wohl war, wenn sie nicht an Gottes Volk ihren Hass auslassen konnten. Als das auserwählte Geschlecht zum ersten Mal in Kanaan wohnte, hatte es manche Prüfung durchzumachen; in Ägypten ward es schwer gedrückt, in der Wüste heftig angegriffen, und in dem gelobten Lande war es von Feinden umringt, die es tödlich hassten. Es war zum Verwundern, dass das vielgeprüfte Volk das alles überlebt hatte und noch sagen konnte. Sie haben mich oft gedrängt. Die Leiden fingen frühe an, in seiner Jugend, und dauerten zu dieser späten Zeit noch fort. Die Kindheitsjahre Israels wie der Gemeine des Neuen Bundes waren Trübsalsjahre. Die neugeborenen Kindlein der Gnade werden in der Wiege der Verfolgung geschaukelt. Sowie der Sohn des Sonnenweibes geboren ist, ist der Drache hinter ihm her, ihn zu verschlingen (Off. 12,4.13). Aber es ist ja ein köstlich Ding dem Manne, dass er das Joch in seiner Jugend trage (Klagl. 3,27), und die Wahrheit dieses Wortes leuchtet ihm besonders klar ein, wenn er hernach mit dem gereiften Blick des Alters seine Jugend überschaut und die Geschichte seiner Trübsale und Errettungen erzählt.

2. Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf. Israel wiederholt die Aussage von seinen häufigen Leiden. Die Tatsache hatte jetzt die Vorherrschaft in seinen Gedanken, so dass es unwillkürlich immer wieder zu Selbstgesprächen darüber kam. Diese Wiederholungen sind nach der Weise der Dichtkunst; so macht Israel ein Lied aus seinem Leid, Musik aus seinen Mühsalen. Aber sie haben mich nicht überwältigt! Ist es uns nicht, als hörten wir bei diesen Worten das Schlagen der Pauken und das Klatschen der Zimbeln? Israel verlacht den Feind; all die Anschläge der Bosheit sind misslungen! Das "aber", wörtl. doch, dennoch nicht, fällt ein wie Trompetenschall und Trommelwirbel. "Allenthalben bedrängt und doch nicht erdrückt; niedergeworfen und doch nicht vernichtet", das ist die Sprache eines Siegers. Israel hat schwer ringen müssen, aber es war überlegen in dem Kampfe. Kann uns das wundern? Nachdem Israel den Engel des Bundes überwunden, wer, sei es Mensch oder Teufel, wird ihn bezwingen? Der Kampf erneuerte sich oft und zog sich lange hin; der Gottesheld empfand sehr die Heftigkeit des Streits, und es war ihm zuzeiten bange um den Ausgang; aber endlich kommt er doch wieder zu Atem und ruft: Dennoch haben sie mich nicht überwältigt! Oft, ja wie oft hat der Feind uns angegriffen, und wie oft schien alles für ihn günstig, und doch hat er auch nicht ein einziges Mal seine Absicht erreicht; den Todesstoß hat er uns nicht geben können!

3. Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert. Die Zwingherren zerrissen mit ihren Geißeln das Fleisch, wie der Pflüger Furchen in das Feld einschneidet. Das Volk wurde misshandelt wie ein Verbrecher, der den Liktoren und ihren grausamen Ruten übergeben ist; der Rücken der Nation wurde durch Bedrückung und Elend zerhauen und zerfleischt. Es ist ein viel sagendes Bild, in dem geringen Raume weniger Worte eingeschlossen. Einer der Erklärer behauptet, die bildliche Rede des Psalmisten sei undurchsichtig; da irrt er sich aber. Wohl sind darin verschiedene Bilder zusammengefügt, wie ein Rad im andern, aber von Verwirrung ist deshalb doch keine Spur. Das schwer heimgesuchte Volk wurde von seinen Widersachern gleichsam so hart gegeißelt, dass jeder Hieb eine lange blutunterlaufene Strieme, wenn nicht gar eine klaffende Wunde auf Rücken und Schulter zurückließ, vergleichbar der Furche, die das Erdreich von dem einen Ende des Ackers bis zum anderen aufreißt. Wie manches Menschenherz ist in ähnlichem Zustand gewesen, schwer geschlagen und verwundet von denen, die die scharfe Geißel der Zunge gebrauchen - so hart hergenommen, dass der ganze Mensch, Gemüt, Willenskraft und guter Ruf, durch die Verleumdung zerrissen und untergraben war. Die wahre Gemeine des HERRN hat in allen Zeitaltern mit ihrem Meister und Heiland in seiner grausamen Geißelung Gemeinschaft der Leiden gehabt; seine Trübsale waren eine Weissagung von dem, was sie hernach zu erdulden berufen sein würde, und die Vorandeutung ist reichlich in Erfüllung gegangen. Zion ist auch in diesem Sinne wie ein Acker gepflügt worden (Jer. 26,18).
  Und (haben) ihre Furchen lang gezogen - als wäre die grausame Arbeit ihnen ein Vergnügen. Sie ließen nicht einen Zoll breit ungepflügt, sondern gingen von dem einen Ende des Ackers bis zum andern stracks durch, gewillt, ganze Arbeit zu machen bei der ihrem Wesen so zusagenden Beschäftigung. Die Leute, die die Geißel schwangen, taten es mit einer Unermüdlichkeit, die bewies, wie echt der Hass ihrer Herzen war. Wahrlich, die Feinde der Gemeine Christi scheuen keine Mühe, um ihr möglichst viel Unheil zuzufügen; sie richten das Werk ihres Meisters, des Teufels, nie schlecht aus und halten ihre Hand nicht zurück vom Blutvergießen. Sie hauen zu, dass sie gleichsam den Menschen aufpflügen; sie durchschneiden mit der Pflugschar das zuckende Fleisch, als wären es Erdklumpen; sie pflügen tief und lang und ziehen Furche um Furche, bis kein Teil der Gemeine des HERRN unaufgewühlt und unangegriffen ist. Ach ja, Latimer, der Reformator und Märtyrer († 1555), hat recht gesagt, dass es in der ganzen Welt keinen eifrigeren Pflüger gebe als den Teufel. Wer sonst auch lieber kurze Furchen ziehen mag, er tut’s sicherlich nicht. Wer immer sonst gerne beim Ackern den Pflug vorzeitig wenden und das Ende ungepflügt lassen mag, er tut ganze Arbeit bei allem, was er unternimmt. Wer immer Feierabend machen mag, sobald die Sonne sinkt, er gewiss nicht. Er und seine Kinder pflügen wie wohlgeübte, nimmer ermüdende Ackerbauer; doch ziehen sie es vor, ihr schädliches Werk an den Gottseligen hinter deren Rücken auszuführen, denn sie sind ebenso feige wie grausam.

4. Der HERR, der gerecht ist. Wie beschaffen auch Menschen sein mögen, Jehovah bleibt der Gerechte und wird darum seinem Volke den Bund halten und dessen Unterdrückern nach Gerechtigkeit vergelten. Hier ist die Angel, an der Israels Geschick hängt, der Wendepunkt seiner Leiden. Der HERR duldet es wohl, dass die Gottlosen manche lange Furche ziehen; aber er wird sicherlich dafür sorgen, dass sie mit dem Pflügen aufhören, noch ehe er mit ihnen das letzte Wort spricht. Hat der Gottlosen Seile zerhauen. Die Stränge, mit denen die Ochsen an den Pflug geschirrt sind, sie sind zerschnitten; der Strick, der das Opfer fesselte, ist zerrissen; das Band, das die Feinde zu einer Einheit, zu einmütiger Grausamkeit verband, ist auf einmal gebrochen. Wie wir in dem ähnlichen 124. Psalme lasen: "Der Strick ist zerrissen, und wir sind los", so sehen wir hier, wie das Werkzeug, womit der Feind Israel unterdrückte, zerbrochen und also Israel befreit wird. Weil Gott der Gerechte ist, muss und wird er, sei es früher oder später, eingreifen, und wenn das geschieht, dann wird sein Handeln im höchsten Maße wirkungsvoll sein; er macht nicht langsam und bedächtig die Seile los, deren sich die Gottlosen bei ihrem Werk des Hasses bedienen, sondern er haut sie entzwei. Niemals hat Gott eine Nation gebraucht, um sein auserwähltes Volk zu züchtigen, ohne die Nation zu verderben, wenn die Züchtigung zu Ende war. Er hasst die, die seinem Volk Leid zufügen, selbst wenn er es um seiner erhabenen Zwecke willen zulässt, dass ihr Hass eine Weile tobt. Wünscht etwa irgendjemand, dass ihm die Stränge zerbrochen werden, der fange an, eines der Ackerfelder des HERRN mit dem Pflug der Verfolgung zu furchen! Der kürzeste Weg zum Verderben ist, sich an Gottes Heiligen zu vergreifen. Die göttliche Warnung lautet: Tastet meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten kein Leid! (Ps. 105,15), und: Wer euch antastet, der tastet den Augapfel des HERRN Zebaoth an (Sach. 2,12).

5. Ach, dass müssten zu Schanden werden und zurückkehren alle, die Zion gram sind! Darin stimmen auch wir von Herzen ein, und in diesem Fall ist vox populi vox Dei, des Volkes Stimme Gottes Stimme; denn so wird es geschehen. Sind diese Worte eine Verwünschung - wohlan, es sei; unser Herz sagt dazu Amen. Es ist ja nur gerecht, wenn diejenigen, welche die Guten hassen, quälen und schädigen, mit all ihren Anschlägen zu Schanden werden. Wer das Böse ohne Scham tut, dem ist es zu wünschen, dass er beschämt werde, und Leute, die Gott den Rücken zukehren, die sollen auch den Gottseligen nicht die Stirn bieten können, sondern in schmählicher Flucht sich rückwärts kehren müssen. Treue Reichsgenossen wünschen denen nicht Gelingen, die gegen ihren König Ränke schmieden. Dass ihr Rat vereitelt werde, ihre Schurkenstreiche in Verwirrung enden, das ist ein völlig geziemender Wunsch, der keine Spur von persönlichem Übelwollen in sich hat. Wir wünschen ihnen als Menschen von Herzen wahres Heil, aber sofern sie treulose Verräter sind, ersehnen wir ihren Sturz. Wie könnten wir solchen Glück wünschen, die das zerstören möchten, was unsern Herzen das Teuerste ist? Unsere Zeit ist so oberflächlich, dass ein Mann, der seinen Heiland liebt, als Schwärmer gilt und, wenn er das Böse hasst, als unduldsamer Eiferer verschrieen wird. Was uns betrifft, so stimmen wir trotz allen Widerspruchs, den man dagegen erhebt, von Herzen in die göttliche Drohung ein, die in unserem Verse enthalten ist, und wir möchten dabei in unserem Innern den alten Brauch vom Ebal und Garizim wieder aufleben lassen, wo der Segen über diejenigen gesprochen ward, die der Stimme des HERRN gehorchten und zu seiner Ehre lebten, und diejenigen verflucht wurden, die sich den Gerechten zum Fluche machten. Wir haben seinerzeit manchen Ehrenmann das Verlangen äußern hören, dass der Galgen jenen Meuchelmördern zum Lohn werde, welche zwei redliche Männer in Dublin hinschlachteten, und wir haben diesen Wunsch nie verurteilen können; denn Gerechtigkeit sollte dem Bösen sowohl als dem Guten widerfahren. Auch ist die Gemeinde des HERRN von solch großem Nutzen für die Welt, so lieblich, so arglos und so voll von Gutem, dass die Leute, die ihr Schaden tun, die Menschheit insgesamt schädigen und es verdienen, als Feinde des ganzen Geschlechts gebrandmarkt zu werden. Lies aufmerksam ein Kapitel aus Foxes berühmtem Märtyrerbuche oder einem ähnlichen, und es müsste seltsam zugehen, wenn du dich nicht geneigt fühltest, einen der sogenannten Rachepsalmen mit Anwendung auf den Bischof Bonner oder die Blutige Maria zu lesen. Es mag wohl sein, dass dich irgendein rührseliger Schwächling unseres Jahrhunderts darüber tadeln wird; wenn ja, dann lies noch einen ihm zugute!

6. Ach, dass sie müssten sein wie das Gras auf den Dächern, welches verdorrt, noch ehe es aufschießt. (Grundt.1 Gras auf dem Dache wächst schnell und vergeht schnell. Es keimt bei feuchtem Wetter gar bald in der Frühlingssonne, findet auch in der dünnen Erdschicht hinreichend Nahrung, um ein par grüne Blättchen zu entfalten, aber dann stirbt es schnell dahin, ehe es den Ährenhalm hervortreiben kann, weil es weder Erde noch Feuchtigkeit genug hat, sich zur Vollkraft und Reife zu entwickeln. Ehe es aufschießt, verdorrt es; man braucht es gar nicht auszuraufen, denn es eilt von selbst dem Untergang entgegen. Das ist und muss und soll sein das Los der Feinde des Volkes Gottes. Vergänglich ist ihr Glück, schnell ihr Verderben. Die den Augen der Welt imponierende Höhe, auf der sie sich befinden, begünstigt ihre Fortschritte, beschleunigt aber ebenso ihren Untergang. Hätten sie einen niedrigeren Standort eingenommen, so wäre ihnen vielleicht ein längeres Dasein vergönnt gewesen. "Was schnell reif wird, wird schnell faul", ist ein altes Sprichwort. Auf bemoosten Strohdächern unseres Heimatlandes habe ich selber Gras wachsen sehen, das beinahe ebenso gut als Darstellung der Psalmworte dienen könnte wie jenes, das, allerdings reichlicher, so gern auf den flachen Dächern und den Kuppeln der morgenländischen Häuser aufgeht. Der Gedanke des Psalmisten ist: Sie kommen schnell empor, sie haben leicht Erfolg, aber ebenso schnell kommt auch das klägliche Ende. Schnell Glück, schnell Unfall. Die Verfolger machen großen Lärm, sie schäumen vor Wut und Eifer, aber bald verschwinden sie; schneller noch vergehen sie, als es sonst das Los der Menschen ist. Das Gras auf dem Felde verdorrt auch, aber nicht so schnell wie das Gras auf den Dächern; es bedarf der Sichel nicht, auch ohne das verschwinden die grünen Büschel vom Dache. So sterben auch die Verfolger der Gemeine des HERRN eines andern Todes als gewöhnliche Sünder. Auf einmal sind sie dahin, und niemand verliert etwas dabei. Wird man es überhaupt gewahr, dass sie nicht mehr da sind, so weint doch niemand ihnen eine Träne nach. Gras auf dem Dache ist eines der nichtsnutzigsten Dinge in der Welt; das Haus büßt nichts ein, wenn auch das letzte Hälmchen verdorrt ist. Und ebenso gehen die Widersacher Christi dahin, und niemand klagt um sie. Von dem Kaiser Julian weissagte Athanasius: "Nubicula est, transibit - Es ist nur ein Wölkchen, das wird vorübergehen", und so war es. Jedes Lehrgebäude der ungläubigen Menschenweisheit hat so ziemlich die gleiche Geschichte, und dasselbe kann von jeder Irrlehre im christlichen Gewande gesagt werden. Armselige Dinger ohne Wurzel sind’s, die sind und doch nicht sind, die gehen, wie sie kommen, auch ohne dass irgendjemand sie zu bekämpfen und auszurotten sich die Mühe nimmt. Das Böse trägt den Keim der Auflösung in sich. Wir bedauern wahrlich nicht, dass es so ist!

7. Von welchem der Schnitter seine Hand nicht füllt noch der Garbenbinder seinen Arm (wörtl.: seinen Busen). Da gibt’s nichts zu ernten. Wenn der Schnitter mit der Sichel aufs Dach stiege, um die Grasbüschel abzuschneiden, so würde er nichts finden, das er fassen könnte. Das Gras hatte viel versprechend gesprosst, aber es war nur trügender Schein; nichts ist nun da, was man schneiden und ernten könnte, nichts, was sich mit der Hand fassen, nichts, was sich im Busen sammeln ließe. Die Morgenländer pflegen im Busen, dem vorderen bauschigen Teil ihres Gewandes, allerlei zu tragen, so auch Getreidegarben; aber in diesem Falle ist nichts da zum Heimtragen. So kommt es mit den Gottlosen auf ein Nichts hinaus. Nach Gottes gerechter Ordnung enden sie und alle ihre Pläne in völliger Enttäuschung. Das Feuer ihres Eifers erlischt in qualmendem Rauch, das frische Grün ihrer Hoffnung verwandelt sich bald in das fahle Gelb des Todes; ihr Blühen selbst ist nur das Blühen der Schwindsucht, der Vorbote des Vergehens. Niemand hat von ihnen einen Nutzen, am allerwenigsten sie selber. Ihre Absichten sind schlecht, ihre Werke noch schlechter, ihr Ende am schlechtesten.

8. Und die vorübergehen nicht sprechen: Der Segen des HERRN sei über euch! (und dann, vergl. Ruth 2,4 , den Gegengruß von den Schnittern empfangen:) Wir segnen euch im Namen des HERRN! In der Erntezeit grüßen die Menschen einander fröhlich mit dem Segensgruß im Namen des HERRN; aber hier ist, wie V. 6. 7 es ausgeführt haben, ja nichts von Erntefreuden, und in dem Lebensgang und dem Verhalten der widergöttlichen Menschen ist nichts, das zum Aussprechen oder Entgegennehmen eines Segensspruches Grund geben könnte. Wenn wir den Lebenslauf des Sünders vom Anfang bis zum Ende überschauen, so fühlen wir uns viel mehr geneigt, zu weinen, als uns zu freuen, und wir sehen uns innerlich genötigt, ihm nicht so sehr Erfolg als vielmehr Misslingen seiner Bestrebungen zu wünschen. Wir dürfen fromme Sprüche nicht als leere Höflichkeitsreden gebrauchen; daher werden wir uns wohl hüten, denen solch herrlichen Segenswunsch zuzurufen, die Böses im Schilde führen, wir würden uns ja ihrer Sünden teilhaftig machen. Wenn Verfolger die Heiligen Gottes quälen, so sagen wir nicht: Der Segen des HERRN sei über euch! Wenn sie die Gottseligen verleumden und die Wahrheit vom Kreuze Christi befehden, so segnen wir sie wahrlich nicht im Namen des HERRN! Es würde ja gotteslästerlich sein, den Namen des gerechten Jehovah dadurch zu schänden, dass man seinen Segen verkündigte über himmelschreiende Ungerechtigkeiten.
  Sieh, wie die Gottseligen es leiden müssen, dass ihre Feinde auf ihrem Rücken pflügen, und wie dennoch darauf eine segensreiche Ernte voll bleibender Frucht folgt, während man von den Gottlosen, die für eine Weile blühen und gedeihen und sich einer beneidenswerten Unverletzlichkeit erfreuen, da sie, wie sie meinen, ganz über allem Unglück erhaben sind, bald die überraschende Entdeckung macht, dass sie spurlos verschwunden sind. HERR, lass mich zu den Deinen zählen! Lass mich ihre Leiden teilen, damit ich auch an ihrer Herrlichkeit Anteil haben möge! So darf ich dann diesen Psalm auch mir zueignen und deinen Namen preisen, weil deine Kinder wohl viel angefochten und unterdrückt werden, aber doch nicht umkommen, wohl Verfolgung leiden, aber nimmer verlassen werden (2.Kor. 4,9).

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. (Aus der Geschichte der ruhmreichen Rückkehr der Waldenser unter Henri Arnaud.) Nach diesen Erfolgen leisteten die wackern Patrioten einander den Treueid und feierten zum ersten Mal wieder seit ihrer Verbannung einen Gottesdienst in einer ihrer eigenen Kirchen. Die Begeisterung des Augenblicks ließ sich nicht unterdrücken. Sie sangen den Psalm 74 . unter Waffengeklirr. Dann betrat Henri Arnaud, das Schwert in der einen, die Bibel in der andern Hand, die Kanzel und predigte über den Psalm 129 . Dabei erklärte er abermals feierlich, den Himmel zum Zeugen anrufend, dass er sein Hirtenamt der Geduld und des Friedens so lange nicht wieder aufnehmen werde, bis er die Wiedereinsetzung seiner Brüder in ihre alten rechtmäßigen Niederlassungen mit Augen gesehen haben werde. - Aus "Das Israel der Alpen" von A. Muston 1852.

V. 1. Sie haben mich oft gedrängt. Gott hatte einen Sohn - nur einen - ohne Sünde, aber nie einen ohne Leiden. Wir können Gottes Kinder sein und doch hart angefochten, sein auserwähltes Israel, und doch bedrängt von Jugend auf. Wir können Gottes Hand als Vaterhand auf uns fühlen sowohl wenn er uns schlägt, als wenn er uns streichelt. Geht er zart mit uns um, so geschieht es, damit wir nicht unter seiner Hand vergehen; und fährt er scharf zu, so weiß er, dass wir es nötig haben, damit wir uns beugen unter seine gewaltige Hand. Abraham Wright † 1690.
  Sie. Die Verfolger der Heiligen Gottes verdienen keinen Namen. Auch der Reiche Lk. 16 wird nicht, wie Lazarus, mit Namen genannt: er ist dessen nicht würdig. "Sie müssen auf die Erde (in den Staub) geschrieben werden" (Jer. 17,13). John Trapp † 1669.
  Dies ist der eigentliche Schmuck der Kirche und ihr Titel, dass sie schwach, belagert und mit allen Werkzeugen und Wüten des Teufels, der Welt, des Fleisches, des Todes usw. umringet ist. Wer dies nicht ansehen, sondern dafür fliehen will, der wird die Kirche nimmermehr finden. Denn sie ist so schöne nicht, wie sie die Maler malen, welche entweder eine hübsche Jungfrau oder eine wohlverwahrete und geschmückte Stadt daraus machen. Welche Gemälde an ihm wohl recht, aber nicht nach den fleischlichen Augen. Die geistlichen Augen sehen die schöne Gestalt und den herrlichen Schmuck, nämlich dass Christus ihr Bräutigam ist und sie durch den Heiligen Geist neu geboren und mit seinem Blute, Verdienst und Gerechtigkeit gezieret hat. Das Fleisch aber kann nichts von diesen Dingen sehen oder urteilen. Wenn sie einer also malen will, wie er sie vor Augen siehet, muss er sie malen wie ein hässlich und armes Mägdlein, welches in einem wilden Walde, mitten unter denen hungrigen Löwen, Bären, Wölfen, Schweinen und vergifteten Schlangen sitzet, desgleichen mitten unter denen Rasenden, welche Schwert, Feuer, Wasser zutragen, sie zu töten und aufzuräumen von der Erde; wie in der Offenbarung Johannis Kap. 12,5.6 ein artiges Gemälde ist, und das fürnehmste und hübschste Stück in dem ganzen Buch, nämlich dass die Kirche, wie eine einsame Jungfrau, vor der alten Schlange und Drachen fliehet, welche ihr und ihrem Sohne nachtrachtet. D. Martin Luther 1531.
  Von meiner Jugend auf. Der erste Mensch, der starb, starb für den Glauben; so frühe ist das Märtyrertum in der Welt aufgekommen. John Trapp † 1669.
V. 1.2. 1) Die sichtbare Kirche von Anfang der Welt an ist ein Leib und gleichsam ein Mann, der sich von der Jugend zum reiferen Alter entwickelt; denn so spricht die Gemeinde hier: Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf. 2) Die gottlosen Feinde der Gemeinde des HERRN sind ebenfalls ein Ganzes, eine feindliche Armee, die von Anfang der Welt an fortwährend gegen Gottes Volk Krieg führt: Sie haben mich oft usw. 3) Wie sich die Gemeine des HERRN der späteren Zeiten die früheren der Gemeine des HERRN angetanen Leiden und Ungerechtigkeiten als demselben Leibe zugefügt zueignet, so werden auch die Verfolgungen, welche von früheren Widersachern abgegangen sind, den gegenwärtigen Verfolgern beigelegt und ihnen mit aufs Kerbholz geschrieben: Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, so sage (das gegenwärtige) Israel. 4) Neue Verfolgungsleiden dienen, wenn und indem sie die früheren Kriegsläufte der Gemeine in Erinnerung bringen, sehr zur Ermutigung und Tröstung in den gegenwärtigen Nöten: Sie haben usw., so sage Israel. 5) Wiewohl es das Bestreben der Gottlosen aller Zeiten gewesen ist, die Gemeine des HERRN zu vertilgen, so hat Gott diese dennoch von einem Jahrhundert und Jahrtausend zum andern erhalten: Dennoch haben sie mich nicht überwältigt! D. Dickson † 1662.
  Oftmals gedränget - immerdar errettet! Auf diese Weise ist das israelitische Reich ein Reich voll Wunderwerke gewesen. Denn da es sollte gezüchtiget werden, gibt der HERR denen Philistern, Edomitern, Moabitern, Assyriern und Babyloniern den Sieg und lässt sie obliegen. Wiederum, wenn es sich hat ansehen lassen, als wären die Juden ganz unterdrückt, alsdenn haben sie die Oberhand behalten und ihre Feinde bezwungen. Also ist dies Reich, ob gleich die Nachbarn und der Teufel sauer gesehen hat, geblieben; wie denn die Historien in denen Büchern der Könige und Chroniken solches herrlich ausweisen. D. Martin Luther 1531.
  Die neutestamentliche Gemeine des Herrn darf sich die Sprache des alttestamentlichen Volkes Gottes aneignen: Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf; doch haben sie mich nicht überwältigt. O wie viele Leiden hat die christliche Kirche von ihrer Jugend auf erduldet! Wie schwach war in den Augen der Welt diese ihre Jugend! Wie klein war die Zahl der Apostel, denen der Herr sein Evangelium anvertraute! Wie völlig ermangelten sie der menschlichen Gelehrsamkeit, des weltlichen Ansehens und der irdischen Macht! Um sie zu vernichten und den Zweck ihrer Berufung - die Verherrlichung Gottes und die Rettung der Menschen - zu vereiteln, wurden Gewalt und List, Bedrohung und Kerker, Folter und Galgen, eins nach dem andern, angewendet. Ja wahrlich, die Pflüger ackerten auf ihrem Rücken und zogen ihre Furchen lang! Ihr Eigentum wurde eingezogen, sie selber wurden ins Gefängnis gesteckt, die bürgerlichen Rechte ihnen genommen; ihre Köpfe rollten auf dem Blutgerüst, ihre Leiber wurden auf dem Scheiterhaufen zu Asche verzehrt; unter den dröhnenden Rufen der schaulustigen Menge wurden sie in den Schauspielhäusern den wilden Tieren vorgeworfen. Aber trotz allem Widerstand fasste der heilige Glaube Wurzel und wuchs mit Macht. All die Wut von zehn Christenverfolgungen vermochte ihn nicht von der Erde wegzutilgen. Die Zähne der wilden Tiere konnten ihn nicht zermahlen, das Feuer konnte ihn nicht verbrennen, Wasser ihn nicht ersäufen, der Kerker ihn nicht in Fesseln legen. Die Wahrheit ist ewig wie der erhabene Gott, aus dessen Busen sie hervorgegangen; drum kann sie nicht vernichtet werden. Und weil das Christentum die Wahrheit ist und keine Lüge, darum haben all seine Widersacher es nicht überwältigt. N. Mac Michael 1860.
  Aber sie haben mich nicht überwältigt. Die Worte erinnern an 1. Mose 32,26.29 . Der Segen, den Jakob erlangte, als er mit dem Engel rang, blieb auf seinen Nachkommen. In der langen Nacht der Gefangenschaft hatten die Treuen in Israel in gläubigem Gebet gerungen; nun war der Morgen angebrochen, und Israel ward zu einer höheren Stufe der Verheißungs-Vorrechte erhoben. D. W. Kay 1871.
  Israel siegte im heißen Ringen des Flehens über Gott, darum bleibt er auch siegreich im Kampfe mit den Menschen. Steht es bei uns so, dass wir mit Gott um den Segen ringen und mit solchem Beten und Flehen obsiegen, dann brauchen wir nicht zu fürchten, dass es uns nicht auch gelingen werde, unsere Feinde aus dem Gelingen herauszuringen. Sind wir Gottes Volk und halten wir an im Kampf wider seine Feinde, so brauchen wir uns um den endlichen Sieg nicht zu sorgen. Alex. Henderson † 1646.
V. 3. Auf meinem Rücken pflügten Pflüger, zogen langhin ihre Furchenstrecke, d. h. sie dehnten ihr Pflugland weit aus. Das Wort ma’nah bedeutet nicht die Furche (Luther), sondern einen Streifen Ackerland, den der Pflüger auf einmal in Angriff nimmt, an dessen beiden Enden also das pflügende Gespann immer anhält, sich umwendet und eine neue Furche beginnt. Die Länge der ma’nah ist mithin gleich der Länge der Furchen. Da der gewöhnliche palästinensische Stier kleiner und schwächer als der unsrige ist und unter dem Joche, das seinen Nacken beschwert und seinen Hals beengt, leicht ermüdet, so muss man ihn durch häufiges Ruhen wieder zu Kräften kommen lassen. Dies geschieht immer bei Beendigung einer Furche, wo der Bauer den ungefügen Pflug aus der Erde heben und umwenden, wo er mit dem eisernen Schäufelchen, das am untern Ende des Ochsensteckens befestigt ist, die feuchte Erde abstreifen und die gelockerten Keile und Ringe wieder festklopfen muss, währenddessen das Gespann ausruhen kann. Daher macht man auch die Furchen nicht lang. Ist der Acker unter 200 Schritt lang, so bildet er gewöhnlich nur eine ma’nah (Furchenstrecke); wenn sich aber in ebenen Gegenden die langen Parzellen der einzelnen Ackerbauern eines Dorfs oft überaus weit hinziehen, so ist der Pflüger genötigt, seine Parzelle in mehrere ma’anot (Furchenstrecken, Ackerlängen) zu teilen, deren jede für sich gepflügt wird. In die Breite lassen sich nämlich die Furchen nicht ziehen, weil die Parzellen meist zu schmal sind und weil die schon bestellten Äcker der beiden Feldnachbarn dadurch geschädigt würden; denn die Feldgrenzen werden nicht wie bei uns durch Ränge, d. h. durch breite Rasenstreifen gebildet, sondern nur durch vereinzelte Steinhaufen, von denen zwischen je zwei Feldern zwei größere liegen und eine Anzahl kleinere. Auch würde durch diese Rainsteine eine Querpflügung erschwert und der Pflug häufig beschädigt werden. - In der Psalmstelle wird also der Rücken als ein Acker gedacht, welcher in mehrere lange Furchenstrecken geteilt ist. Jede solche Furchenstrecke kann ja eine Menge Furchen haben. - Nach Konsul D. J. G. Wetzstein (in Delitzschs Psalmenkommentar, 3. Aufl.) 1874.
  Israels Rücken wird verglichen mit einem Ackerfeld, das von der scharfen Pflugschar aufgerissen und verwundet wird, wie Jes. 51,23 mit einer Straße, auf die man tritt. Das Bild erklärt sich daraus, dass in der Vorstellung des Dichters die Begriffe Volk und Land ineinander übergehen. Zugleich spielt aber hinein das Bild von einem Sklaven, dessen Rücken überall mit Striemen bedeckt ist, vergl. Jes. 1,6 . Die weite Ausdehnung des Ackerfeldes ("sie haben weit ausgedehnt ihr Feld") deutet an, dass allenthalben auf Israels Rücken die Wunden gerissen sind. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
  Wer das Unglück gehabt hat, Augenzeuge einer öffentlichen Geißelung sein zu müssen, dem wird die Anspielung des Psalmisten auf diese Züchtigung und deren Folgen sofort einleuchten. Die langen Striemen oder Wunden, welche die Geißel bei jedem Hiebe zurücklässt, können treffend entweder mit den Furchenrinnen oder auch mit den zwischen den Furchen aufgeworfenen Hügeln, den Furchenrainen, verglichen werden. John Kitto † 1854.
  Unser Rücken soll sich an die Anfechtung gewöhnen und dazu bereitet sein, dass wir die Erlängerung derer Furchen leiden mögen. D. Martin Luther 1531.
  Die Pflüger, die mit diesem Pfluge der Verfolgung und Misshandlung ackern, sind der Satan und die bösen Engel; sie führen den Pflug, sie spannen die Ochsen ein und treiben sie an. Die Ochsen aber, die diesen Pflug ziehen, sind von mancherlei Art; es mögen Fürsten sein, die sich zu Verfolgern der Gemeine des HERRN hergeben, oder Prälaten oder weltliche Staatsmänner: die sind die Zugtiere, der Satan und die bösen Geister aber legen ihnen das Joch auf den Nacken und treiben sie, bald mit dem Stachel, bald mit allerlei Lockrufen und Lockmitteln (den Reizungen der Welt) an, dass sie vorwärts gehen so, wie der Pflüger sie lenkt. Aber was tun Pflüger und Pflug und Ochsen? Nichts, als den Erdboden für den Samen bereiten. Der HERR, dem der Acker gehört, der überwacht auch den Pflug der Verfolgung und gebraucht ihn, um sein Volk besser dazu zuzubereiten, dass es den lebendigen Samen des Wortes und den Regen des Geistes aufnehme. Alex. Henderson † 1646.
  Gott versäumt nicht, Segnungen in die Furchen zu säen, welche die Pflüger auf dem Rücken der Kirche Gottes pflügen. Bischof D. Jer. Taylor † 1667.
V. 4. Der HERR hat die Seile der Gottlosen zerhauen, d. h. er hat ihrer Herrschaft und Tyrannei über uns ein Ende gemacht. In dem hebräischen Worte, das mit Seile übersetzt ist, liegt eine Hinweisung auf das Geschirr (die Stränge), womit die Ochsen an den Pflug gespannt waren, sodann aber auch auf die verflochtenen, verwickelten Ränke der Feinde (vergl. das Zeitwort Micha 7,3), und auf die Grausamkeit, mit der die Bedrücker ihre Opfer fesselten. D. Hermann Venema † 1787.
  Das Bild ist etwas abgewandelt; vorhin war Israel der Acker, jetzt ist es der abgetriebene Ackerstier. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1904.
  Der HERR, der gerecht ist, hat usw. Auf das Argument der Vernunft, dass Gott ungerecht sei, sollen wir lernen zu antworten aus dem gemeinen Spruch, welchen die Musici gebrauchen: Im Final kann man die Melodei eines Gesangs erkennen. D. Martin Luther 1531.
V. 5-8. Zu dieser Gerichtsweissagung für die Feinde Israels, dass der HERR, der noch immer die Stricke der Widersacher seines Volkes zerhauen hat, V. 4, auch ferner die Hasser Zions ungesegnet vergehen lassen wird (V. 5-8), bildet die Erlösungsweissagung für Israel in Ps. 130 die Ergänzung, und so gewiss wie dort (V. 8) werden die hebräischen Futura auch hier (V. 5-8) als wirkliche Futura (Es werden zu Schanden werden usw.), nicht als Optative (Es mögen zu Schanden werden usw.) zu nehmen sein. Nach Prof. D. Fr. W. Schultz 1888.
  Was ist von solchen Verwünschungen in den sogenannten Rachepsalmen zu halten? Wie stimmen sie zu der hohen Sittlichkeit des Wortes Gottes? - Ein Professor der Theologie machte einst in Boston einen Gang mit einem freisinnigen Geistlichen, der die Inspiration der Bibel bestritt, und zwar eben mit dem Hinweis auf die Rachepsalmen. Der Theologie-Professor suchte zunächst die Angriffe mit den Antworten, die man da gewöhnlich gibt, zu entkräften, so mit der Annahme, dass der Psalmist nur Gottes Ratschluss zum Ausdruck bringe, indem er bete, dass seine Feinde vernichtet werden möchten, und dass er einfach der natürlichen gerechten Entrüstung des Gewissens gegenüber himmelschreiender Bosheit Worte gebe. Aber der Zweifler war damit nicht zufrieden zu stellen. Endlich kamen die beiden Herren an das Reklameplakat einer Tageszeitung, worauf mit großen Buchstaben die Sensationsnachricht zu lesen war: Baltimore soll um 12 Uhr bombardiert werden! "Das freut mich", sagte der freisinnige Pfarrer, "das freut mich!" "Mich allerdings auch", erwiderte sein Begleiter, "aber ich darf es kaum wagen, das auszusprechen, da ich fürchten muss, dass Sie mir vorwerfen würden, was ich da sagte, wäre eine Art Rachepsalm!" Joseph Cook 1878.
  Es gibt auch ein Zuschandenmachen, ein Beschämen und Bestürzen, das zu Reue und Umkehr führt, ein Niederwerfen durch Offenbarung der Gnade und Herrlichkeit. Auf diese Weise sind etliche Feinde und Verfolger der Christen in gesegneter Weise zu Schanden gemacht und zum Glauben an Christus gebracht worden, wie vor allem St. Paulus selbst, der Drohung und Mord schnaubend nach Damaskus zog, um die Jünger dort aufzuspüren, aber auf dem Wege durch die Gnade zu Boden geworfen wurde, dass er zurückweichen musste von seinen Plänen und aus einem Verfolger zum Apostel wurde. Th. Le Blanc † 1669.
  Und zurückkehren, wie der assyrische König Sanherib, dem der HERR Zebaoth einen Ring an die Nase legte und ein Gebiss ins Maul, und ihn des Weges wieder heimführte, den er gekommen war (Jes. 37,29). D. John Gill † 1771.
V. 6. Die Tyrannen werden dem Grase auf den Dächern verglichen, obgleich der Heilige Geist kaum verächtlicher davon hat reden können. Denn um das Gras auf den Dächern hat es die Gelegenheit, dass es in kurzer Zeit, ehe denn man eine Sichel gebrauchet, verdorrt. Ja, niemand achtet es wert, dass man eine Sichel dazu gebrauchen soll, niemand achtet es, ein jeder lässet es der kurz währenden Hoffart genießen, dass es sich auf denen Dächern von denen Leuten sehen lasse, als wäre es etwas, so es doch in der Wahrheit nichts ist. Also sein die gottlosen Verfolger des Worts in der Welt, welche, ob sie wohl nach dem äußerlichen Schein für schreckliche Leute gehalten werden, so sind sie doch die allerverachtetsten. Denn die Christen gedenken sie nicht auszugäten, verfolgen sie nicht, rächen sich auch nicht an ihnen von wegen der Gewalt, sondern lassen sie wachsen und stolzieren nach ihrem Gefallen, dieweil sie wissen, dass sie wider die großen Sturmwinde nicht werden bestehen können. Und wenngleich alle Dinge sehr ruhlich stille wären, so werden sie doch plötzlich auf denen Dächern von der Sonne versenget. Also kommen die Tyrannen leichtlich um, und die Christen ertragen und Überwinden sie mit Geduld, sie aber verderben und gehen zu Boden in ihrem Tun, wie denn aller Zeiten Historien beweisen. D. Martin Luther 1531.
  Die flachen Dächer der morgenländischen Häuser sind mit einer Mischung von Mörtel, Teer, Asche und Sand bedeckt, in deren Rissen und Spalten häufig Gras wächst. Die Häuser der Armen draußen auf dem Lande waren sogar nur aus einem Gemenge von Lehm und Stroh gebaut, worauf das Gras noch reichlicher wuchs. Da die sämtlichen Bilder des Psalms dem Landleben entnommen sind, ist es zweifellos, dass der Psalmist auch hier an ländliche Wohnungen denkt. J. J. St. Perowne 1868.

Homiletische Winke

V. 1. Die Anfechtungen, die den Gottseligen von der Welt widerfahren. 1) Grund derselben: Die Feindschaft des Schlangensamens. 2) Arten derselben: Verfolgung, Bedrückung, Spott, Verleumdung, Verachtung usw. 3) Trost in denselben: Also haben sie die Propheten auch verfolgt, ja den Meister selbst. Es liegt in ihrer Art. Sie vermögen die Seele nicht zu töten. Es dauert nur eine Weile usw.
V. 1.2. Die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. I. Wie weit kann sie gehen? Sie kann 1) heftig sein, 2) sich oft wiederholen, 3) frühe anfangen, 4) lange dauern. II. Wie weit kann sie nicht gehen? 1) Sie kann zwar wohl übermächtig zu werden scheinen, 2) sie kann auch in gewissem Maße eine Zeit lang übermächtig werden, 3) aber sie kann nicht endgültig die Gottseligen überwältigen, 4) vielmehr wird sie gerade dem, was sie zu unterdrücken sucht, zu wachsender Übermacht verhelfen. G. Rogers 1885.
V. 1-4. Das Israel Gottes musste wohl Verfolgung leiden, aber es wurde nicht verlassen. (Vergl. 2.Kor. 4,9 .) 1) Von wem ging die Verfolgung aus? ("Sie".) 2) Wie machte sie sich fühlbar? (Oft - von meiner Jugend auf - schwere Bedrängung - Bild des Pflügens.) 3) Warum kam sie? (Menschlicher und satanischer Hass; Gottes Zulassung.) 4) Was war das Ende? Nicht überwältigt -: sie vermochte nicht Gottes Volk zu vernichten, zum Verzagen zu bringen, zur Sünde zu verleiten. Gottes Gerechtigkeit offenbarte sich darin, dass er sein Volk aufrecht hielt und befreite, die Feinde zu Schanden machte usw.)
  Die Feinde der Gemeine des HERRN. 1) Ihre Gewalttätigkeit: Die Pflüger haben usw.. 2) Ihre Hartnäckigkeit in der Feindschaft: Sie haben mich oft gedrängt, von meiner Jugend auf. 3) Das Misslingen aller ihrer Anschläge: Aber sie haben mich nicht überwältigt. 4) Ihr mächtiger Gegner und Überwinder: Der HERR, der gerecht ist - er hat der Gottlosen Seile zerhauen. John Field 1885.
V. 3. I. Im nächsten Sinne erfüllt 1) an Christo: Mt. 27,26; 20,19; Mk. 15,15; Lk. 18,33; Joh. 19,1; 2) an seinen Jüngern: Mt. 10,17; Apg. 16,23; 2.Kor. 6,5; 11,23-25; Hebr. 11,36; und oft in den späteren Verfolgungen. II. Im weiteren Sinne erfüllt in Verleumdungen und Bosheiten gegen Christus und seine Nachfolger. G. Rogers 1885.
V. 4. Israels Lied von Gottes Gerechtigkeit. 1) Der HERR ist gerecht darin, dass er solche Leiden über sein Volk kommen ließ. 2) Der HERR ist gerecht, indem er seine Verheißung erfüllte, dass er sein Volk erretten wolle. 3) Der HERR ist gerecht, indem er die Feinde seines Volkes mit Gericht heimsuchte. W. H. Page 1885.
V. 5. I. Ein unentschuldbarer Hass: Die Zion gram sind, Gottes Volk und Gottes heiliger Sache. Dieser Hass ist unentschuldbar, denn 1) Zions Volk ist gerecht, 2) Zions Glaube ist ein Evangelium, 3) Zions Mission ist der Friede, 4) Zions Dasein ist’s, um deswillen die Welt noch erhalten wird. II. Dieser Hass ist ein Zeichen tief eingewurzelter Sündhaftigkeit; denn welcher Tugenden sich die Feinde Zions auch rühmen mögen, sie sind doch 1) Feinde des Menschengeschlechts, 2) in trotziger Auflehnung wider Gott, 3) entweder ganz und gar blind, wie Saulus, oder durch und durch schlecht, 4) Helfershelfer des Teufels, denn der ist der Erzfeind Zions. III. Was die Gottseligen unwillkürlich ihnen gegenüber fühlen und wünschen müssen: Ach, dass sie alle müssten zu Schanden werden und zurückkehren! Dazu treibt die Gottseligen 1) ihre Liebe zu Gott, 2) ihre Liebe zu den Menschen, 3) ihre Liebe zur Gerechtigkeit. Daher ist schon das Vorhandensein dieser Gefühle und Wünsche eine Bürgschaft dafür, dass der HERR, der gerecht ist, ihrer achten und sie erfüllen wird. John Field 1885.
V. 5-8. I. Die Gesinnung der Leute, von denen hier die Rede ist. 1) Sie lieben Zion nicht - sprechen nicht: HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses (Ps. 26,8). 2) Ja sie hassen Zion - Zions König und alle, die diesem König treu sind. II. Ihr Gedeihen: wie das Gras usw. III. Ihr Ende: 1) Schmachvolle Niederlage. 2) Vergehen ihrer Herrlichkeit - kein Schneiden, kein Ernten, Verdorren. 3) Segenslosigkeit. Niemand segnet sie, und in sich sind sie auch ohne Segen. G. Rogers 1885.

  Das Gedeihen und Verderben der Gottlosen. 1) Sie sind in erhabener Stellung. 2) Ihr Glück reizt zum Neide. 3) Aber ihr Glück schwindet. 4) Ihr Leben ist hohl und leer, ohne Frucht. 5) Sie sind ausgeschlossen von dem Segen Gottes und der Menschen.

Fußnoten

1. Pla$f heißt ja ausziehen, z. B. das Schwert aus der Scheide, den Pfeil aus der Wunde, den Schuh usw. Über die spezielle Bedeutung an unserer Stelle aber liegt eine zwiefache exegetische Überlieferung vor. Der einen folgend übersetzt Luther: ehe man es ausrauft. Andere folgen der Übers. des Symmachos: ehe es (das Gras) den Halm getrieben (gleichsam aus der Blattscheide gezogen) hat. Diese der häufigsten Anwendung des Zeitwortes (auf das Ausziehen des Schwertes aus der Scheide) entsprechende Auffassung ist vorzuziehen, da dann kein Subjektwechsel eintritt, und vor allem, weil es, wenn es sich um das Ausraufen handelte, von keinem Belang wäre, ob das Gras schon verdorrt oder noch grün ist, da es auf dem Dache doch nicht zu Blüte und Frucht käme. - J. M.