Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 85


Überschrift

Ein Psalm der Kinder Korah, vorzusingen. Wir wollen früher Gesagtes nicht wiederholen, verweisen daher auf die Vorbemerkungen zu Ps. 42; 84.

Inhalt und Anlass. Der Psalm ist ein Gebet eines Patrioten für sein heimgesuchtes Vaterland. Der Dichter erinnert den HERRN an die Gnade, welche er vormals seinem Lande erwiesen hat, und schaut im Glauben heiterere Tage. Wiewohl fast alle Ausleger andrer Ansicht sind,1 halten wir doch dafür, dass David dies nationale Lied verfasst habe, und zwar, als das Land von den Philistern bedrückt ward, und dass er im Geist der Weissagung auf die späteren glanzvollen Jahre seiner eigenen Regierung und die unter dem Friedenszepter Salomos herrschende Ruhe hinausgeblickt habe. Eben damit hat aber der Psalm auch einen inneren Sinn, zu welchem Jesus und sein Heil der Schlüssel ist. Die Gegenwart Jesu versöhnt Erde und Himmel und sichert uns das goldene Zeitalter, die lieblichen Tage des Weltfriedens.

Einteilung. In den Versen 2-5 singt der Dichter von den früheren Gnadenerweisungen des HERRN und bittet ihn, seines Volkes zu gedenken. V. 6-8 vertritt er vor Gott die Sache des schwer heimgesuchten Israels. Nachdem er dann V. 9 der göttlichen Friedenszusage gelauscht hat, kann er in V. 10-14 fröhlich die Kunde von der heilvollen Zukunft verkündigen.

Auslegung

2. HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast die Gefangenen Jakobs erlöset;
3. der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle ihre Sünde bedeckt (Sela);
4. der du vormals hast allen deinen Zorn aufgehoben
und dich gewendet von dem Grimm deines Zorns;
5. tröste uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns.

2. HERR, der du bist vormals2 gnädig gewesen deinem Lande. An Jehova , den schlechthin selbständigen und ewig beständigen Gott der Offenbarung, wendet sich der Psalmist. Unter diesem Namen hatte Gott sich dem Mose geoffenbart, als sein Volk in Knechtschaft war, und bei diesem Namen fasst der Beter Gott, da er für das auch jetzt unter mancherlei Elend seufzende Volk vor dem HERRN eintritt. Wir tun wohl daran, bei derjenigen Darstellung des göttlichen Wesens zu verweilen, welche in uns die lieblichsten Erinnerungen an seine Liebe weckt. Noch süßer ist der teure Name "Unser Vater", mit welchem wir Christen unsre Gebete zu beginnen gelernt haben. Der Sänger spricht von Kanaan als dem Lande Jehovas, und mit Recht, denn der HERR hatte es für sein Volk ausgewählt, es ihm testamentarisch vermacht und durch seine Macht ihm erobert, und hatte selber in Gnaden darin Wohnung genommen; so war es denn natürlich, zu erwarten, dass der HERR auf dies Land, das ihm in solch besonderer Weise zugehörte, freundlich niederblicken werde. Wir können nichts Besseres tun, als die zwischen dem HERRN und uns bestehende Interessengemeinschaft bei jedem Anlass vor ihm geltend machen; wir binden gleichsam unsern Nachen knapp an seine seetüchtige Barke und erfahren beim Schaukeln auf den bewegten Wogen den Segen der engen Verbindung. Es ist unser Land, das verwüstet ist, aber, Jehova, es ist auch dein Land! Der Psalmist beruft sich auf die Gunst, welche der HERR dem von ihm erkorenen Lande auf tausend Weisen erzeigt hatte. Was Gott in der Vergangenheit getan hat, ist eine Weissagung auf das, was er in Zukunft tun wird; daher führt der Vordersatz "Du bist vormals deinem Lande gnädig gewesen" zu dem ermutigenden Nachsatz des Glaubens: "So lass auch jetzt wieder deine Gnade über ihm walten!" Wie manches Mal hatte die göttliche Huld Feinde vernichtet, Seuchen hinweggenommen, Hungersnot abgewendet und Befreiung aus allerlei Not gewährt; so fleht denn der Knecht des HERRN, dass der HERR sich auch jetzt wieder seinem Lande so huldreich zuwenden möge. Gegenüber dem unveränderlichen Gott haben solche Gründe volle Kraft. Weil er sich nicht wandelt, darum werden wir behalten und wissen, dass er uns nie wird umkommen lassen, wenn er uns einmal Gnade erzeigt hat. Lasst uns an diesem Gebet lernen, wie wir unsre Anliegen vor Gott ausbreiten sollen!
  Und hast die Gefangenen Jakobs erlöset.3 Als Israel um seiner Sünden willen von Feinden und Not aller Art niedergedrückt und geknechtet war, hatte der Gnädige und Barmherzige ihr Elend angesehen, ihr trauriges Schicksal gewendet, die Eindringlinge vertrieben und seinem Volke Ruhe gegeben; das hatte er nicht einmal, nicht zweimal, sondern unzählig oft getan. Wie manches Mal sind auch wir durch unser Abtreten in geistliche Gefangenschaft geraten! Aber wir sind nicht im Kerker verdorben; der Gott, der Jakob aus Mesopotamien mit Frieden wieder heim zu seinem Vaterhause brachte, hat auch uns wieder zurückgeführt. Wird er nicht das gleiche wieder tun? Lasst uns ihn anrufen, lasst uns mit ihm ringen in heißem Flehen wie Jakob, dass er uns trotz allem, womit wir ihn zum Zorn gereizt haben, nach seiner freien Gnade huldreich helfe! Mögen Gemeinden, die im Niedergang begriffen sind, sich ihrer früheren Geschichte erinnern und zum HERRN flehen, dass er ihr Elend wende und sie wieder zu freiem, frischem Leben bringe!

3. Der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk. Ja, oftmals hatte er das getan, hatte innegehalten um zu vergeben, selbst wenn sein Schwert schon gezückt war. Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässet die Missetat den Übrigen seines Erbteils? Wer ist so langsam zum Zorn, so bereit zu vergeben? Jeder, der an Jesus glaubt, genießt den Segen der Sündenvergebung, und er sollte diese unschätzbare Gabe als das Pfand betrachten, das ihm alles andre, was er sonst an Gnade bedarf, verbürgt. Er sollte es Gott vorhalten: HERR, du hast mir doch meine Sünden vergeben; willst du mich nun aus Mangel an weiterer Gnade umkommen lassen oder durch Entziehung deiner Hilfe in die Hand der Feinde fallen lassen? Du wirst doch dein Werk nicht also unvollendet lassen! Und alle ihre Sünde bedeckt. Alle ihre Sünde, jeden Flecken, jede Runzel hat der Schleier der Liebe bedeckt. Eine göttliche Tat hat die Sünde unsichtbar gemacht. Gott hat sie unter dem Gnadenstuhl, dem "Sühndeckel", verborgen, hat sie in dem Meer seiner Gnade begraben, hat sie ausgetilgt, so vollkommen, dass auch sein allsehendes Auge sie nicht mehr sieht. Welch ein Wunder ist das! Die Sonne zudecken, dass kein Dämmerstrahl mehr von ihr sichtbar würde, wäre leichte Arbeit gegen diese. Nicht ohne eine bedeckende Sühne kann die Sünde so unsichtbar gemacht werden; aber durch das große Opfer unsers Herrn Jesus ist sie aufs völligste hinweggetan, mit einem Mal und für immer. Wie verbirgt dieses Blut all unsre Schuld!

4. Der du vormals hast allen deinen Zorn aufgehoben. Ist die Sünde hinweg, dann auch der Zorn. Wie oft nahm Gottes Langmut die Strafen von Israel, die er ihm doch so gerechterweise auferlegt hatte! Wie oft hat der HERR seine züchtigende Hand auch von uns zurückgezogen, während unsre Verkehrtheit noch härtere Schläge verdient hätte! Und dich gewendet von dem Grimm deines Zorns. Selbst wenn die Strafgerichte überaus schwer waren, hatte der HERR doch aus Erbarmen seiner Hand Einhalt getan. Als schon die unheilschwangeren Wolken schwarz und schwer am Himmel standen, hatte er doch seine Donnerkeile in den Köcher gesteckt. Da er schon im Begriff stand, das Volk zu vernichten, hatte er doch sein Antlitz von dem Vorsatz zu richten abgewandt und der Gnade erlaubt, ins Mittel zu treten. Das Buch der Richter ist voll von Beispielen dieses gnädigen Waltens, wie auch der Wüstenzug und die spätere Geschichte Israels, und der Psalmdichter tut gut, bei seiner Fürbitte den HERRN an diese seine früheren Gnadenerweisungen zu erinnern. Ist unsre Erfahrung nicht mit ebensolchen Edelsteinen verziert, mit Vorfällen, wo Gerichte aufgehalten wurden und die Güte obwaltete? Was für ein Unterschied zwischen dem grimmigen Zorn, den der Psalmdichter hier fürchtet und durch sein Flehen abzuwenden sucht, und dem Friedenswort, das er V. 9 vernimmt! Die Erfahrung des Christen ist wechselreich; wir dürfen darum nicht verzagen, wenn wir uns gerade auf einer dunkeln Wegstrecke des geistlichen Lebens befinden; denn bald, gar bald mag sich alles in lichte Freude verwandeln.

5. Bringe uns wieder (wörtl.), Gott, unser Heiland! Stelle uns äußerlich wieder her; aber vor allen Dingen bringe uns wieder zu dir durch deine Gnade! Das Letztere ist die Hauptsache und die Vorbedingung des Ersteren. Konnten die abgeirrten Israeliten zur Buße erneuert werden, dann musste alles gut werden. Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr darin, Gott dahin zu bringen, dass er sich von seinem Zorn wende (V. 4), als vielmehr darin, dass wir von unsern Sünden abgewendet werden müssen; das ist der Angelpunkt, in dem sich die ganze Sache dreht. Wir müssen wieder in das rechte Verhältnis zu Gott gebracht werden; aber nur Gott kann das. Gott, der Heiland, muss selber Hand ans Werk legen; denn ein Herz zu Gott wenden, das ist ebenso schwierig, wie zu machen, dass die Erde sich um ihre Achse dreht. Doch wenn der Mensch erst um seine Bekehrung bitten lernt, so ist Hoffnung für ihn; denn wer sich zum Gebet wendet, fängt an, sich von der Sünde zu kehren. Welch freudevoller Anblick, zu sehen, wie ein ganzes Volk sich zum HERRN kehrt! Möge der HERR seine die Herzen wandelnde Gnade in solchem Maße über unser Land senden, dass wir es noch erleben, dass die Leute zu herzinniger Anbetung Gottes zusammenkommen, wie die Tauben sich zu ihrem Schlage sammeln! Und lass ab von deiner Ungnade über uns! Mache des Zornes ein Ende, lass seine Glut nicht länger brennen! Wenn die Sünder aufhören, sich gegen Gott aufzulehnen, so hört Gott auf, mit ihnen zu zürnen; wenn sie zu ihm zurückkehren, so kehrt er sich auch wieder zu ihnen. Ja er fängt das Werk der Versöhnung an und kehrt sie zu sich, da sie sich nie von selbst zu ihm kehren würden. Mögen alle, die jetzt schmerzlich darunter leiden, dass Jehova sein Angesicht vor ihnen verbirgt, mit ganzem Ernst danach verlangen, wieder in die rechte Stellung zum HERRN gebracht zu werden; denn damit wird all ihre Not ein Ende haben!
  So erfleht der heilige Sänger für sein Volk unschätzbare Gnaden und führt dabei die kräftigsten Gründe ins Feld. Weil Israels Gott sich in vergangenen Zeiten so reich an Huld erwiesen hat, deshalb wird er angefleht, sein abgefallenes Volk innerlich und äußerlich wieder zurechtzubringen.
6. Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn gehen lassen für und für?
7. Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass sich dein Volk über dir freuen möge?
8. HERR, erzeige uns deine Gnade
und hilf uns!

6. Willst du denn ewiglich über uns zürnen? Seht, wie der Psalmist so kühn wird im Beten! Noch sind wir ja in der Zeit und nicht in der Ewigkeit; und hat die Zeit nicht ein Ende und so auch dein Zorn? Willst du ohne Aufhören zürnen, als ob die Ewigkeit schon angebrochen wäre? Gibt es für deinen Grimm keine Grenzen? Wird deine Zornglut nicht endlich erlöschen? Und ob du ewiglich zürnest, willst du denn über uns, deinem auserwählten Volk, dem Samen Abrahams, deines Freundes, deinem Zorne Lauf lassen? Dass unsre Feinde uns ohne Aufhören gram sind, das ist natürlich; aber willst Du, unser Gott, allezeit gegen uns aufgebracht sein? Jedes Wort ist voller Überredungskraft. Leute, die in tiefer Not sind, verschwenden keine Worte. Und deinen Zorn gehen lassen für und für, wörtl.: ausdehnen auf Geschlecht und Geschlecht? Sollen die Söhne für die Fehler ihrer Väter leiden, soll die Strafe ein unveräußerliches Erblehen werden? Barmherziger Gott, hast du im Sinn, deinen Zorn auszuspinnen, dass er so lang wird wie die Weltzeiten? Ach lass doch ab, wie du vor Zeiten von deinem Grimm hast abgelassen, und lass die Gnade obwalten, wie sie in vergangenen Tagen das Regiment behalten hat! Wenn wir uns von Gott verlassen fühlen, mögen wir in gleicher Weise flehen, dass die Tage der Trübsal verkürzt werden mögen, auf dass unsre Seele nicht unter dem Druck der Prüfung zusammenbreche.

7. Willst du uns denn nicht wieder erquicken, wörtl.: wieder beleben, wieder aufleben lassen? Hier wächst die Hoffnung fast zur Gewissheit. Sie gewinnt die Zuversicht, der Herr werde sich mit der ganze Fülle seiner Heilsmacht seinem Volke wieder zuwenden. Wir sind tot oder doch sterbend, siech und matt; Gott allein kann uns wieder beleben. Er hat zu andern Zeiten sein Volk erquickt; er ist heute noch derselbe, er wird seine Liebe erneuern. Wird er es nicht tun? Warum sollte er es nicht? Wir wenden uns an ihn: Willst du nicht ...? Dass sich dein Volk über dir freuen möge. Du siehst dein Volk ja so gerne glücklich, glücklich in dem höchsten Glück, das in dir seinen Brennpunkt hat; darum belebe uns mit deiner Lebenskraft, denn Leben ist Freude! Die vorliegenden Worte weisen uns darauf hin, dass die echte Dankbarkeit ihren Blick über die Gabe hinaus auf den Geber richtet: dass sich dein Volk über dir freuen möge. Die Neubelebten würden sich nicht nur über das neue Leben freuen, sondern vor allem über den Urheber desselben, den HERRN. Die Freude am HERRN ist die reifste Frucht der Gnade; jede geistliche Belebung und Erfrischung führt zu ihr, und sie ist ein guter Gradmesser des innern Wohlgedeihens. Eine vom Lebensgeist Gottes gewirkte Erweckung ohne Freude im HERRN ist so undenkbar wie ein Lenz ohne Blumen oder ein Tagesanbruch ohne Licht. Wenn wir, sei es in unsrer eigenen Seele, sei es in den Herzen andrer, eine Abnahme des geistlichen Lebens wahrnehmen, so ziemt es sich uns, die Bitte unsers Verses fleißig zu brauchen; und wenn wir anderseits den Lebensodem des Geistes und den erquickenden Tau der Gnade verspüren, so wollen wir von heiliger Freude überfließen und es unsre beständige Wonne sein lassen, uns über den HERRN zu freuen.

8. HERR, erzeige uns deine Gnade! Lass unsre armseligen, halbblinden Augen sie schauen! Weil wir schon so lange leiden, können wir deine Gnade nicht sehen noch glauben; aber Du kannst sie uns schauen lassen, dass kein Zweifel bleibt. Andre haben sie erfahren; HERR, erzeige sie uns! Wir haben deinen Zorn geschaut; HERR, lass uns deine Gnade sehen! Deine Propheten haben uns von ihr gesagt; aber, HERR, entfalte du sie selbst in dieser Zeit unsrer tiefsten Gnadenbedürftigkeit! Und hilf uns, wörtl.: und schenke uns dein Heil! Diese Bitte schließt die Befreiung von der Sünde wie von den Züchtigungen in sich; sie reicht von den Tiefen des Elends zu der Höhe der göttlichen Liebe. Wem Gott hilft, dem ist geholfen. Gib uns dein Heil, HERR, so haben wir alles, was wir bedürfen!
9. Ach, dass ich hören sollte, was Gott, der HERR redet;
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,auf dass sie nicht auf eine Torheit geraten!
10. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
11. dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12. dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13. dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land sein Gewächs gebe;
14. dass Gerechtigkeit fürder vor ihm bleibe
und im Schwang gehe.

  Nachdem der heilige Sänger für das schwer heimgesuchte, aber bußfertige Volk warme Fürbitte eingelegt hat, erwartet er in echter Glaubensgesinnung eine Antwort aus Gottes Mund. Er horcht in freudiger Zuversicht, ob er etwas vernehme, und gibt dann dem, was er erlauscht hat, in vollendet schöner dichterischer Form mit Begeisterung Ausdruck.

9. Ich will doch hören, was Gott der HERR redet. (Grundt.) Der Dichter ermuntert sich selbst zum Horchen auf Gottes Rede. Wenn wir glauben, dass Gott uns hört, so ist es nur natürlich, dass wir auch begierig sind ihn zu hören. Einzig von ihm kann das Wort kommen, das betrübten Seelen Frieden zuspricht. Menschenstimme ist dafür zu schwach, ein Pflaster, das viel zu klein ist für die Wunde; aber die Stimme Els, des starken Gottes, ist machtvoll. Er spricht, so geschieht es; ein Wort von ihm, und unsre Not ist zu Ende. Glücklich der Bettler, der geduldig an der Tür dieses reichen Herrn liegen kann und warten, bis dessen Liebe nach alter Gewohnheit Barmherzigkeit übt und alle Sorgen verscheucht! Er redet Frieden zu seinem Volk und seinen Heiligen (oder Frommen). (Wörtl.) Ob seine Stimme auch für eine Weile so streng klang und er scharf tadeln musste, schilt er doch nicht unaufhörlich; das Vaterherz bricht durch, und seine Stimme nimmt wieder den väterlichen Klang voll Freundlichkeit und Mitleiden. Frieden reden ist das besondere Vorrecht Gottes des HERRN, und tief und dauernd, ja ewig ist der Friede, den er durch seinen Zuspruch im Herzen erzeugt. Aber nicht allen bringt das göttliche Wort Frieden, sondern nur seinem Volk, nämlich denen, die Gottes Gnade an ihrem Herzen wirken lassen, den Frommen und (wie die griechische Bibel die folgenden Worte gelesen hat) denen, die ihr Herz ihm zuwenden,4 d. i. den Bußfertigen. Nach dem überlieferten hebräischen Text enthalten diese letzten Worte des Verses aber die wohlangebrachte Mahnung: Doch dass sie nicht zu (der früheren) Torheit zurückkehren! Täten sie das, so müsste ja auch die Zuchtrute wieder über sie kommen, und ihr Friede wäre dahin. Wer Gemeinschaft mit Gott genießen will, der wache eifersüchtig über sich und meide alles, was den Heiligen Geist betrüben könnte! Nicht nur vor groben Sünden, sondern auch vor den Torheiten des Lebens müssen diejenigen sich hüten, welche das hohe Vorrecht genießen, sich bewusster Gemeinschaft mit Gott zu erfreuen. Wir dienen einem eifrigen Gott und müssen darum ohne Unterlass gegen das Böse auf der Wacht stehen. Wer rückfällig geworden ist, der vertiefe sich in diesen Vers; derselbe wird ihn zugleich trösten und warnen, er wird ihn zum Gehorsam zurückführen und zur selben Zeit mit heiliger Furcht vor weiterem Abirren erfüllen. Zur Torheit zurückkehren ist schlimmer als einmal töricht sein; es beweist Mutwilligkeit und Halsstarrigkeit und stürzt die Seele in siebenfach große Sünde. Kein größerer Narr, als wer, es koste was es wolle, ein Narr sein will!

10. Ja sein Heil ist nahe denen, die ihn fürchten. (Wörtl.) Der Glaube weiß, dass der Gott des Heils stets bereit ist, zu retten, was sich retten lassen will. Doch nur an solchen, die ihn fürchten, die mit heiliger Ehrfurcht seine Gnade suchen, kann sich Gottes Rettergnade erweisen. In der Haushaltung des Evangeliums tritt diese Wahrheit leuchtend klar hervor. Ist aber suchenden Sündern das Heil so nahe, dann sicherlich umso mehr denen, die es einst genossen, aber die freudige Gewissheit der Begnadigung durch eigner Torheit Schuld gegenwärtig entbehren; sie haben sich nur wieder reumütig zum HERRN zurückzuwenden, so werden sie das Verlorene wieder genießen. Wir brauchen keine langen Umwege zu machen mit Kasteiungen und allerlei geistlichen Vorbereitungen, sondern dürfen durch Jesus Christus geradeswegs zu Gott gehen, gerade wie damals, da wir zum ersten Mal zu ihm kamen, so wird er uns auch wieder an sein liebendes Herz drücken. Wie ermutigend ist die köstliche Wahrheit, die der vorliegende Vers verbrieft, für alle Bußfertigen, sei es ein Volk, seien es Einzelne, die in Unglück und Züchtigungen den HERRN fürchten gelernt haben!
  Dass in unserm Lande Ehre oder Herrlichkeit wohne. Das Ziel der das Volk wieder heimsuchenden Gnade wird die dauernde Aufrichtung eines besseren Standes der Dinge sein, so dass der Herr beständig von dem Volke verherrlicht werden und das Volk ein herrliches Maß von Wohlergehen genießen wird. Israel war mit Herrlichkeit und Ehren geschmückt, wann immer es dem HERRN treu war; wenn es entehrt und elend war, so war dies stets eine Folge seiner Treulosigkeit. Auch die Gläubigen haben ein Leben voller Herrlichkeit, wenn sie im Gehorsam wandeln; sie verlieren die echte Herrlichkeit und wahre Ehre nur, wenn sie vom HERRN weichen.
  In den beiden Versen haben wir, unter dem Schleier des Buchstabens verhüllt, eine Hinweisung auf den, der das Wort Gottes ist, und zwar auf sein Kommen zu den Menschen in der Zeit tiefen Abfalls und großer Not, da die gläubigen Herzen mit sehnlicher Erwartung nach der so lange verzögerten Erfüllung der Verheißung ausschauen werden. Durch sein Kommen wird das Heil nahe gebracht werden, und dann wird die Herrlichkeit des HERRN unter den Menschen wohnen. Von diesen Dingen reden die folgenden Verse unverhüllt.

11. Güte und Treue begegnen einander. (Luther 1524.) Als Antwort auf sein Gebet sieht der Dichter frohen Herzens die Eigenschaften Gottes sich vereinigen, um das vordem schwergeprüfte Volk zu segnen. Die Gnade kommt Hand in Hand mit der Treue, um die zuverlässige Verheißung des Gottes der Liebe zu erfüllen; das Volk erkennt zugleich die Güte und die Wahrhaftigkeit Jehovas, er handelt an ihm weder als Tyrann noch als Wortbrecher. Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Der HERR, dessen gerechte Strenge dem Volk die schmerzliche Strafe auferlegte, sendet nun den Friedensengel, die Wunde zu verbinden. Da Israel jetzt willig ist, von seinen Sünden zu lassen und der Gerechtigkeit nachzujagen, wird ihm alsbald der süße Friede geschenkt. Die Kriegstrommel ward nicht mehr geschlagen, und die Banner der Feinde wehten nicht mehr; denn das Volk hatte den Götzendienst verlassen und betete Jehova an.
  Das ist wohl die nächste Bedeutung der Verse; aber ihr innerer Sinn geht auf Christus Jesus, das versöhnende Wort. In ihm vereinigen sich die göttlichen Eigenschaften in lieblichster Harmonie zum Heil der schuldbeladenen Menschen; sie begegnen einander und umarmen sich gleichsam in einer Weise, wie es sonst nicht nur für unsere begründeten Befürchtungen, sondern auch für unsre lichtesten Hoffnungen undenkbar wäre. Gott bleibt bei diesem Heilswerke so wahrhaftig, wie wenn er jeden Buchstaben seiner Drohungen erfüllt hätte, und so gerecht, wie wenn er niemals dem Gewissen eines Sünders Frieden zugesprochen hätte; seine Liebe leuchtet dabei in ungetrübtem Glanze, aber keine seiner andern Vollkommenheiten wird dadurch verdunkelt. Es ist bei den modernen "Denkern" (?) Mode, sich über diese alte Darstellungsart der Wirkung des stellvertretenden Sühnöpfers unsers Erlösers lustig zu machen; aber wenn sie jemals selber empfunden hätten, welch erdrückende Last die Sünde für ein durch den Geist Gottes aufgewecktes Gewissen ist, so würden sie das Lachen lassen. Währenddessen ist es an denen, welche sich der wunderbaren, zwischen Himmel und Erde zustande gebrachten Aussöhnung erfreuen, immer wieder darob staunend anzubeten.

12. Treue (oder Wahrheit) sprosst aus der Erde. (Grundt.) Verheißungen, die gleich in der Erde begrabenen Samenkörnern noch unerfüllt daliegen, werden lebenskräftig hervorsprießen und Freudenernten gewähren; und die durch die Gnade erneuerten Menschen werden sowohl sich gegenseitig als auch ihrem Gott treu sein und die Falschheit verabscheuen lernen, die sie vorher liebten. Und Gerechtigkeit schauet vom Himmel , als machte sie das Fenster auf und lehnte sich hinaus, auf das jetzt bußfertige Volk niederzuschauen, das sie vordem nicht hätte anblicken können ohne einen Ausbruch der Entrüstung, der ihm verderblich geworden wäre. Eine köstliche Szene: die Erde mit Blumen der Wahrheit und Treue geschmückt, der Himmel von Sternen der Heiligkeit funkelnd; die Erd- und Himmelssphären einander antwortend, eine der andern Echo, eine der Spiegel der Schönheit der andern! Wenn einst die Erde mit Treue als mit einem Blumenteppich, mit Gerechtigkeit als mit einem Baldachin geschmückt sein wird, dann wird sie ein Paradies, ein unterer Himmel sein; wenn Gott in Gnaden auf die Menschheit niederblickt und der Mensch sein Herz in treuem Gehorsam zum HERRN emporsendet.
  Die Person unsers anbetungswürdigen Heilands ist die lieblichste Deutung dieses Verses. In ihm ist die Treue in der Menschheit verkörpert, und seine Gottheit bringt uns Gerechtigkeit. Das Werk seines Geistes erzeugt schon eine heilige Harmonie zwischen seiner Gemeinde hienieden und der majestätischen Gerechtigkeit droben. Und in der Zukunst Tagen wird die Erde allüberall mit jeder Tugend geschmückt sein und der Himmel mit ihr in trautem Verkehr stehen. Es liegt eine Fülle tiefen Sinnes in diesen Versen; es bedarf nur des Nachsinnens, sie heraufzuholen. "Der Brunnen ist tief," lieber Leser, aber wenn du den Geist Gottes hast, so kann nicht gelten, du "habest nichts, damit du schöpfest."

13. Ja der HERR wird Gutes gewähren. (Grundt.) Er, der die reine Güte ist, wird bereitwilligst von seinem Zorne lassen und seinem bußfertigen Volke Gutes gewähren. Unsre Bosheit bringt Böses über uns; aber wenn wir bekehrt werden, so dass wir dem Guten nachjagen, gibt uns der HERR auch reichlich allerlei Gutes zu genießen. Auch zeitliche Güter werden uns anvertraut werden, sofern wir sie ohne Gefährdung unsers geistlichen Wohls genießen können. Und unser Land wird sein Gewächs geben. Der Fluch der Unfruchtbarkeit wird mit dem Fluch der Sünde entfliehen. Gibt das Volk Gott, was Gottes ist, so wird auch der Boden die Arbeit reich belohnen. Seht heutigestags, was die Sünde in Palästina angerichtet, wie sie das blühende Gefilde in eine Wildnis umgewandelt hat! Die verwüsteten Striche des Landes sind die Narben seiner Missetaten; nur aufrichtige Buße und die göttliche Vergebungsgnade werden das zerrüttete Land wieder heilen. Aber auch die ganze Welt wird einst in den herrlichen Tagen des Tausendjährigen Reichs in dem Segen Gottes prangen.

14. Gerechtigkeit wird vor ihm wandeln (Luther 1524) und seine Tritte zu einem Weg machen (darauf man wandle). (Andre Übers.5 Gottes Einherschreiten in Gerechtigkeit wird eine Spur zurücklassen, in welcher sein Volk ihm freudig folgen wird. Er, der gerechterweise strafte, wird auch gerechterweise segnen; er wird in beidem seine Gerechtigkeit offenbar machen, solcherweise, dass dadurch Herz und Leben all der Seinen beeinflusst werden wird. Solcherart sind die Segnungen, welche uns das erste Kommen des Herrn gebracht hat, und solcherart wird in noch viel klarerer und herrlicherer Weise die Wirkung seines zweiten Kommens sein. Ja, komm, Herr Jesus! Amen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Dieser schöne Psalm ist wie so mancher andre ohne Namen- und Zeitangabe auf uns gekommen. Wer immer aber der Verfasser gewesen sein mag, er war ein hochbegabter Dichter, und mehr als das: seine Dichtkunst war mit dem Feuer vom Altar berührt worden und dadurch geläutert und verklärt. Der Psalm ist eine kostbare Reliquie aus jenem goldenen Zeitalter der hebräischen Muse, da diese von einem Geist beseelt war, der in den Dichtern Griechenlands und Roms niemals gelebt hat. Es ist sehr interessant, über den namenlosen Ursprung eines Teils der Psalmen nachzudenken und zu erwägen, wieviel die Gemeinde des HERRN etlichen "großen Unbekannten"6 zu danken hat, die uns mit Hymnen und geistlichen Liedern beschenkt haben, welche reicheren und edleren Gehalt haben als die Dichtungen der berühmtesten Klassiker. Diese heiligen Männer sind von der Erde geschieden, ohne uns einen Bericht ihrer Lebensgeschichte zu geben; aber sie haben uns Vermächtnisse an mannigfaltigen, inhaltsreichen, vom Geiste Gottes durchwehten Ergüssen ihrer Seele hinterlassen, für welche die Kirche ihnen bis zum Ende der Zeiten zu tiefem Dank verpflichtet bleiben wird. John Stoughton 1852.
  Der zweite Teil des Buches Jesaja ist für das Israel des Exils geschrieben. Erst die Erlebnisse seit Cyrus entsiegelten diese große einheitliche Weissagung, die an Umfang nicht ihresgleichen hat. Und nachdem sie entsiegelt worden war, entsprossen aus ihr jene vielen Lieder der Psalmensammlung, welche uns teils durch ihren schwunghaften, anmutigen, durchsichtigen Stil, teils durch ihre allegorisierende Bildrede, teils durch ihre großen prophetischen Trostgedanken an ihr gemeinsames Muster erinnern. Unter diese sogenannten deuterojesajanischen Psalmen gehört auch dieser erste korahitische Jahvepsalm, welcher besonders durch seine allegorisierende Bildrede auf Jes. Kap. 40-66 hinweist. - Komm. von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Seinem Inhalt nach ist der Psalm ein Gebet derer, die sich zur bösen Zeit vor den Riss stellen und zu einer Mauer machen wollen um ihr Land und Volk. Karl H. Rieger † 1791.
  Trotz der Vergebung, die der HERR Land und Volk hat zuteil werden lassen, V. 2-4, wird ein dringendes Gebet um neue Gnade laut, V. 5-8, zugleich damit aber auch die Gewissheit der Erhörung, wie sie durch das Friedereden des HERRN zugesichert ist, V. 9-14 . Die Hauptsache ist unverkennbar der letzte Teil, die Tröstung. - Für das nachexilische Zeitalter des Psalms beweist der Inhalt von V. 2-4 und das deuterojesajanische Gepräge des Ganzen (Delitzsch), vergl. besonders V. 10 ff.; für eine Zeit wie diejenige Sacharjas, wo man trotz der Befreiung aus dem Exil Gottes Zorn noch fortdauern sah, V. 15 ff., wo man sich noch nach Ehre, Gerechtigkeit und Frieden im Lande sehnen musste, V. 10 f., wo die Gläubigen dergleichen aber auch in sichere Aussicht nehmen zu dürfen meinten, vergl. Sach. 1,12-17. - Komm. von Prof. D. Fr. W. Schultz 1888.

V. 2. Das Gefängnis wenden (tWb$: bW$) ist eine im Alten Testament sehr geläufige Redensart. Es ist eine reine Erfindung, wenn man behauptet, diese Redensart könne sich nur auf das Exil beziehen und heiße: die Gefangenen zurückführen. Sie findet sich bereits in 5. Mose 30,3; David selbst spricht noch bestimmter von einem Zurückführen der Verstoßenen Israels 1. Chr. 16,35, und von Hiob heißt es Hiob 42,10 , Jehova habe sein Gefängnis gewendet. Im Morgenland geschah sehr häufig eine Wegführung und Gefangennehmung - und eine Rückführung. twb# bezeichnet den Zustand der Gebundenheit, Knechtschaft und jeglichen Elends, und diesen Zustand wenden heißt: die Stunde der Erlösung und Befreiung herbeiführen. Gleichwie David sich einen Fremdling und Beisassen nennt, wie alle seine Väter, so war von der ägyptischen Dienstbarkeit her der Begriff ganz geläufig, dass Gottes Volk ein in Gefangenschaft befindliches, also nach Erlösung schmachtendes Volk ist. - Bei den Arabern heißt die Pest und der Tod "der Kerker Gottes." - Es leuchtet demnach ein, wieviel Gewicht der Grund hat, dass um dieser Redensart willen ein Psalm nicht von David verfasst sein könne. Prof. D. Johannes Wichelhaus † 1858.
V. 2-4. Im Zurückdenken an die vorigen Taten Gottes liegt eine große Stärkung für den Glauben. Aber wenn der Glaube so mit Gott ringt und ihm sein vormaliges Vergeben vorhält, so ist es etwas andres, als wenn ein Leichtsinniger denkt: "Ich habe wohl ehemals mehr Böses begangen, und es ist mir nichts widerfahren." Der Glaube rechtfertigt auch die Offenbarung des gerechten Zorns und Gerichts Gottes, ergreift aber das zu seinem Gebet und Fürbitte, dass sich Gott wieder davon abgewendet und auf den ersten Gnadenvorsatz umgelenkt habe. Karl Heinrich Rieger † 1791.
V. 2-5. Wir haben hier ein Gespann von sechs "Du hast", die alle an der Bitte des 5. Verses ziehen. Gott hat Gnade erwiesen, darum wird er Gnade erweisen; das ist ein kräftiges Belebungsmittel der Hoffnung, wenn nicht eine Beweisführung biblischer Logik. Siehe 2.Kor. 1,10. John Trapp † 1669.
V. 7. Dass sich dein Volk über dir freuen möge. St. Bernhard sagt in seiner 15. Predigt über das Hohelied: Jesus ist Honig im Munde, süße Musik im Ohr, Freude im Herzen. Ist unter uns ein Betrübter? Lass Jesus in dein Herz und vom Herzen über dein Antlitz kommen - und siehe, vor dem aufgehenden Glanze dieses Namens werden die Wolken zerstieben und wird alles wieder heiter werden! Thomas Le Blanc † 1669.
  Wenn Gott die Traurigkeit seiner Kinder in Freude wandelt, sollte ihre Freude sich nicht den Gaben, sondern dem Geber zuwenden. David Dickson † 1662.
  Es ist für das Volk Gottes das Allernatürlichste und Seligste, sich über und in Gott zu freuen. Gott ist der Quell der Freude, und in wen sollte er seine Freude ergießen als in die Seinen? Und in wen sollte wiederum ihre Freude zurückkehren als in ihn? John Pennington 1656.
V. 9. Ich will doch hören usw. (Grundt.) Das Auge muss als Sinnesorgan dem Ohr den Platz räumen. Darum hat man sinnreich bemerkt, unser Heiland habe wohl von Hand, Fuß und Auge befohlen, dass man sie abhauen und ausreißen solle, wenn sie einen ärgerten, habe aber nie derartiges vom Ohr gesagt. Wenn deine Hand, dein Fuß, dein Auge dich zur Sünde verleiten, so tu sie ab; aber trenne dich nicht von deinem Ohr, denn das ist ein Glied deines Leibes, das dir zu deiner Seelen Seligkeit wichtige Dienste leisten soll! Die Juden hatten Augen für Christi Wunder; aber weil sie kein Ohr hatten, seine Weisheit zu hören, hatten sie auch keine Füße, ins Himmelreich einzugehen. Man geht durch die Tür, nicht durch das Fenster ins Haus: das Auge ist nur das Fenster des Herzens, das Ohr ist die Tür. Christus aber steht und klopft an der Tür, nicht am Fenster (Off. 3,20). Er kommt jetzt durch sein Wort, nicht durch seine Wunder in die Herzen: seine Schafe hören seine Stimme.
Darum öffnet euer Ohr dieser Himmelsstimme! Der heilige Bernhard beschreibt ein gutes Ohr als eins, das willig hört, was es gelehrt wird, weislich versteht, was es hört, und gehorsam übt, was es verstanden hat. O gebt mir solch ein Ohr, so will ich es mit dem kostbarsten Golde, mit Zierat des Lobes behängen! Thomas Adams 1614.
  Doch dass sie nicht zu Torheit zurückkehren! (Grundt.) Hier passt das Wort: Non minor est virtus, quam quaerere, parta tueri: Es bedarf keiner geringeren Kraft, das Erworbene zu erhalten, als Neues zu erwerben. James Durham † 1658.
V. 10-14. In den Versen 10-12 entfaltet der Dichter die vernommene Friedenszusage, so wie er sie vernommen hat. In lieblicher Allegorie, ganz nach Jesajas Weise (vergl. Jes. 32,16 f.; 45,8; 59,14 f.), werden die Güter genannt, die ein Volk wahrhaft glücklich machen. Die fern weggezogene Herrlichkeit macht sich im Lande wieder heimisch. Auf den Straßen Jerusalems wandelt die Gnade und begegnet da der Treue, wie ein Schutzengel dem andern. Gerechtigkeit und Friede oder Wohlfahrt, dieses unzertrennliche Brüderpaar, küssen da, nämlich sich einander, liegen sich also liebend in den Armen. V. 12-14 führt der Dichter dieses liebliche Zukunftsgemälde weiter. Nachdem Gottes Verheißungstreue hernieder getauet ist, sprosst aus dem Lande Bundestreue, die Frucht jener Befruchtung. Und Gnadengerechtigkeit blickt vom Himmel nieder, Gnade zulächelnd, Segen herabspendend. Jehova reicht dar alles, was nur immer gut ist und wahrhaft beglückt, und das Land reicht dementsprechend den Fruchtertrag, den man von einem so gesegneten Lande erwarten kann. (Vergl. Ps. 67,7 und 3. Mose 26,4 .) Jehova ist selbst im Lande gegenwärtig, und Gerechtigkeit folgt ihm unzertrennlich oder, nach andrer Auffassung, geht sorglich in seinen Spuren. - Komm. von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

V. 2. 1) Gefangenschaft: a) des Volkes Gottes; b) wiewohl und c) weil es Gottes Volk ist. 2) Erlösung. a) Die Tatsache. b) Ihr Urheber: Du: durch deine Macht, nach deiner Weise, zu deiner Stunde. c) Die Ursache der Erlösung: die Gnade Gottes. G(eorge) R(ogers) 1874.
V. 3. 1) Wem ist Vergebung zuteil geworden? Dem Volke Gottes. Dies ist es a) durch Wahl, b) durch die Erlösung, c) durch wirksame Berufung. 2) Wann ist ihm Vergebung zuteil geworden? Du hast usw. 3) Wie ist das zustande gekommen? a) durch Hinwegnahme der Schuld (vergl. 3. Mose 16,22), b) durch Zudeckung (wie der Gnadenstuhl das verletzte Gesetz bedeckte). 4) Was ist vergeben worden? Alle ihre Sünde. G. R.
V. 4. 1) Die Sprache der Buße. Es liegt in den Worten, dass der Zorn Gottes a) groß, b) gerecht, (dein Zorn) war. 2) Die Sprache des Glaubens an die Vergebungsgnade: Du hast deinen Zorn aufgehoben usw. Wir hätten ihn weder durch Werke noch durch Leiden abwenden können. 3) Die Sprache des Dankes: Du hast - du hast. G. R.
V. 7. 1) Neubelebungen schließen in sich, dass vorher das geistliche Leben zurückgegangen war. 2) Sie kommen von Gott; Menschen können sie nicht zustande bringen. 3) Sie sind immer wieder nötig. 4) Sie werden uns in Erhörung unserer Bitten zuteil. 5) Sie sind Anlass großer Freude a) bei den Gläubigen b) über Gott. G. R.
  Freude am HERRN das beste Zeichen neu belebter Frömmigkeit.
V. 8. HERR, erzeige uns deine Gnade und schenke uns dein Heil! (Grundt.) 1) Das Heil ist Gottes Werk. a) Sein ist der Plan, b) sein die Ausführung; c) er hat die Bedingung des Heils festgesetzt; d) er wendet es dem Einzelnen zu, und e) er wird es vollenden. 2) Das Heil ist Gottes Gnadengeschenk. 3) Das Heil ist Gottes Antwort aufs Gebet. a) Es soll der Hauptgegenstand unserer Bitten sein, und b) in der Bitte um das Heil sind alle andern eingeschlossen. G. R.
V. 9. 1) Wir sollten eine Antwort auf unsere Gebete erwarten. Wenn wir zu Gott geredet haben, sollten wir hören, was er uns als Antwort zu sagen hat a) in seinem Wort, b) durch die Führungen seiner Vorsehung, c) durch seinen Geist, der in unserm Herzen spricht. 2) Wir sollten eine Antwort des Friedens erwarten. 3) Wir sollten alles meiden, was uns dieses Friedens verlustig machen könnte. G. R.
V. 9c. Nur mögen sie nicht zu Torheit zurückkehren! (Grundt.) Denn das wäre 1) noch schlimmere Sünde und 2) ihr eigener Schade. Thomas Goodwin † 1679.
V. 11. 1) Gottes Vollkommenheiten entfalten sich in dem Heilswerke: a) Gnade in der Verheißung des Heils, b) Treue in der Verwirklichung desselben, c) Gerechtigkeit in der Art der Verwirklichung, d) Friede in den Wirkungen des Heils. 2) Dieselben vereinigen sich in lieblichster Harmonie in dem Heilswerke. a) Wie? Sie begegnen einander, küssen sich. b) Warum? Jede um ihrer selbst willen, alle um der andern willen. c) Wo? aa) In dem Bundesschluss. bb) In der Menschwerdung Gottes. cc) Am Kreuz Christi. dd) Bei jeder Bekehrung eines Sünders. ee) In der Vollendung der Heiligen im Himmel. G. R.
V. 13. Die Einträglichkeit unserer Arbeitsfelder eine Gabe Gottes.
  1) Alles geistliche Gute kommt von Gott. Sind Buße, Vergebung, Glaube, Rechtfertigung, Wiedergeburt, Wachsen in der Gnade, Bewahrung, Herrlichkeit etwas Gutes? Der HERR wird sie geben. 2) Alles zeitliche Gute kommt von Gott. Wir sollen es erlangen a) auf erlaubte Weise: unser Land; b) durch den Gebrauch gottgewollter Mittel: gibt sein Gewächs; c) in Abhängigkeit von Gottes Segen. Er gibt fruchtbare Zeiten usw. Auch die geistlichen Güter erlangen wir nicht ohne den Gebrauch der verordneten Mittel. G. R.
V. 14. 1) Gerechtigkeit geht vor dem Herrn her. 2) Gerechtigkeit folgt seinen Spuren.

Fußnoten

1. Es dünkt uns mit den meisten neueren Auslegern aus dem Psalm hervorzugehen, dass derselbe aus der Zeit bald nach der Rückkehr aus dem Exil stammt. Siehe darüber die Auszüge aus Delitzsch und Schultz S. 750 f. des vorliegenden Werkes. - Spurgeon meint irrtümlich, die meisten Ausleger verwiesen den Psalm in die Zeit des Exils, und macht mit Recht geltend, dass der Ausdruck V. 2: "Du hast die Gefangenschaft Jakobs gewendet", nicht notwendig auf das Exil hinweise, da ebendasselbe Hiob 42,10 von Hiob ausgesagt werde, der doch nie sein Heimatland verlassen habe, dass die Redeweise also bildlich zu nehmen sei; ferner, dass das Gebet V. 2 nicht auf das Land, sondern auf das Volk Bezug nehmen würde, wenn Israel damals in der Verbannung gewesen wäre. Ein weiteres Argument Spurgeons, dass Juda und nicht Jakob (welches er gleich Israel nimmt) aus der Gefangenschaft zurückgeführt worden sei, ist hinfällig, da Jakob (NB. der bes. im Deutero-Jesaja gebräuchliche poetische Volksname) auch an andern Stellen, z. B. Jes. 46,3, für Juda steht.

2. Wir haben das von Luther V. 2.3.4 ergänzte "vormals" stehen lassen, weil Spurgeons Auslegung damit übereinstimmt. Doch können die Perfekte ebenso gut auf noch vor kurzem Erlebtes zurückweisen.

3. Wörtl.: Die Gefangenschaft J. gewendet, wenn man twb# (tyb#) von hb# , zum Kriegsgefangenen machen, ableitet. Der Ausdruck wird öfters, so bei Hiob 42,10, bildlich gebraucht. Delitzsch vergleicht treffend unser Wort Elend, eigentlich Aufenthalt in anderm Land (althochdeutsch elilenti), Heimatlosigkeit, Verbannung. Vergl. den Auszug aus Wichelhaus, S. 751 des vorliegenden Bandes. - Käme tybi$: nicht 4. Mose 21,29 als stat. abs. und in der Bed. Gefangenschaft vor, so würden wir mit Ewald als stat. abs. tWb$f annehmen, von bW$ wenden; dann hieße die Redensart (als schema etymol.) eine Wendung wenden, d. h. das Geschick jemandes wenden, welche allgemeinere Bedeutung sie ohnehin an manchen Stellen bekommt. Barth hält in der vorl. Formel bw# und hb# für zwei synonyme Wurzeln mit der Bed. sammeln; "die Sammlung (eines Volkes, eines Mannes) sammeln" bedeute nach einer ähnl. arabischen Phrase: sein Zerfahrenes wieder in Ordnung bringen, es wiederherstellen. Man vergl. auch die 2. Fußnote zu Psalm 126,1 Band IV, 2. Teil. S. 83. J. M.

4. Bäthgen rekonstruiert aus den LXX folgenden Text: hÆl MbIfli yb"$f yl")Ewe Danach wären die 3 Buchstaben Mby in skw verschrieben worden.

5. Wir haben hier die revid. engl. Übers. aufgenommen, wiewohl sie das schwierige Schlusssätzchen schwerlich richtig deutet. Delitzsch übersetzt: und (sie, die Gerechtigkeit) setzt (ihre Tritte) auf den Weg seiner (Jehovas) Tritte (d. h. folgt ihm unzertrennlich), oder: und achtet (My#=bl My#) auf den Weg seiner Schritte, geht also sorglich auf Jehovas Spuren. Keßler: und (sie) wird seine Schritte in Gang setzen, d. h. Jehova veranlassen, heilschaffend durch die Menschheit hinzuschreiten. Andreä (und ähnl. Tholuck): und er (Jehova) wird seine Schritte auf den Weg setzen, d. h. er selbst wird sich aufmachen, zu seinem Volk zu kommen.

6. The Great Unknown, der große Unbekannte, wurde Sir Walter Scott, der berühmte engl. Dichter und Schriftsteller, † 1832, genannt, solange das Geheimnis der Anonymität seiner Schriften noch nicht enthüllt war. So nannte auch Ewald den nach seiner Meinung anonymen prophet. Verfasser von Jes. 40 ff.