Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 80


Überschrift

Vorzusingen. Die folgenden Worte kann man auf verschiedene Weise aneinanderfügen. Entweder (mit der Masora): Nach "Lilien" (zu singen), vergl. Ps. 45,1; 69,1; ein Zeugnis Asaphs, ein Psalm, oder ähnlich wie Ps. 60,1: (Zu singen) nach: "Wie Lilien (d. h. rein, schön wie Lilien) ist das Zeugnis (das Gesetz)," von Asaph, ein Psalm. Man vergleiche die Vorbemerkungen zu den genannten Psalmen. Der Dichter unseres Psalms ist wie der des unmittelbar vorhergehenden wohl ein späterer Asaph oder ein Asaphite, der das Unglück hatte, gleich dem letzten Barden in böser Zeit zu leben.

Einteilung. Der Psalm teilt sich ganz natürlich bei dem dreimal wiederholten Kehrvers. Die Verse 2-4 sind einleitende Bittworte, gerichtet an den Hirten Israels. V. 5-8 sind ein Klagelied über das nationale Elend, und die Verse 9-20 fahren mit derselben Klage fort, indem sie dabei das Volk unter dem schönen Bilde eines Weinstocks darstellen. Ein Psalm voller Trauer; doch bricht der Glaube in dem Kehrvers immer wieder durch.

Auslegung

2. Du Hirte Israels, höre,
der du Josephs hütest wie der Schafe;
erscheine, der du sitzest über Cherubim!
3. Erwecke deine Gewalt, der du vor Ephraim, Benjamin
und Manasse bist, und komm uns zu Hilfe!
4. Gott, tröste uns
und lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir!

2. Du Hirte Israels, höre! Vernimm das angstvolle Blöken deiner elenden Schafe. Der Name, der hier Jehova beigelegt wird, ist von besonderer Zartheit; eben darum ist er von dem Psalmdichter gewählt: gebrochenen Herzen sind solch liebliche, leutselige Gottesnamen köstlich. Der greise Jakob dachte gern an Gott als Israels Hirten (1. Mose 48,15; 49,24), und vielleicht blickt unser Vers auf jene Ausdrücke des sterbenden Patriarchen in den Segensworten über Joseph und seine Söhne zurück. Wir dürfen ganz gewiss sein, dass Gott, der sich herablässt, den Seinen ein Hirte zu sein, gegen ihre Klage nicht taub sein wird. Der du Josephs hütest wie der Schafe. Das Volk als ganzes kann sehr wohl nach dem Namen seines berühmten Sohnes genannt werden, der den Stämmen ein zweiter Vater geworden war und sie in Ägypten am Leben erhalten hatte. Doch bezieht sich der Name hier wohl vorzugsweise auf die zehn Stämme, deren anerkanntes Haupt Ephraim war. Jehova hatte vor alters in der Wüste die Stämme Israels sanft geleitet und behütet; darum wird er jetzt angerufen. Was der HERR in den vergangenen Zeiten getan hat, ist uns ein starker Grund, uns auch für die Gegenwart und die Zukunft an ihn zu halten und von ihm Großes zu erwarten. Erscheine (im Lichtglanz), der du sitzest über Cherubim. Die besondere Gegenwart des HERRN enthüllte sich auf dem Gnadenthron über den Cherubim, und wann immer wir dem HERRN Bitten und Flehen vorzutragen haben, sollten wir uns dahin wenden: nur auf dem Gnadenstuhl enthüllt Gott seine Huld, und nur dort können wir hoffen, ihm nahen zu dürfen. Lasst uns allezeit im Namen Jesu bitten; denn Jesus ist der wahre Gnadenstuhl, zu dem wir mit aller Freudigkeit hinzutreten dürfen und um deswillen wir erwarten dürfen, dass die Herrlichkeit des HERRN sich uns zugut enthüllen werde. Was wir mehr als alles andere fürchten, ist, dass der HERR uns seine Gegenwart entziehe, und unsere herrlichste Hoffnung ist die Aussicht auf die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes. Selbst in den dunkelsten Zeiten ist das Licht des Antlitzes seines göttlichen Hirten alles, dessen Israel bedarf.

3. Erwecke deine Gewalt vor Ephraim, Benjamin und Manasse (Grundt.) und komm uns zu Hilfe! Wir tun gut daran, die Glieder des Volkes Gottes im Gebet mit Namen zu nennen, denn sie sind Jehova lieb und wert. Jesus trägt die Namen seines Volkes auf seinem hohenpriesterlichen Brustschildlein. Gerade wie es das Gemüt eines Vaters bewegt, wenn die Namen seiner Kinder genannt werden, so ist es auch beim HERRN der Fall. Die drei genannten Stämme waren nahe verwandt: Ephraim und Manasse stellten zusammen Joseph dar, und es geziemte sich, dass Benjamin, der andere Sohn der geliebten Rahel, mit ihnen in einem Atemzuge genannt werde. Diese drei Stämme pflegten in der Wüste miteinander zu ziehen, unmittelbar hinter der Bundeslade her (4. Mose 2,17-24). Die Bitte geht dahin, der Gott Israels wolle zum Besten seines Volkes seine Heldenkraft erwecken, seine Macht aufbieten, um die Feinde zu verjagen und seinem Volke zu helfen. O dass es in unsern Tagen dem HERRN gefalle, jedes Teiles seiner Kirche zu gedenken und alle ihre Stämme sein Heil sehen zu lassen. Wir wollen nicht die Gemeinden unseres engeren kirchlichen Kreises allein vor dem HERRN betend erwähnen, sondern für alle Abteilungen der einen Gemeinde Gottes unsere Bitten zum Gnadenthron emporsenden.

4. Gott, bringe uns wieder, oder: stelle uns wieder her. (Grundt.) Welchen Sinn man in diesen Worten, die dreimal wiederkehren, findet, hängt davon ab, auf welche Lage Israels man den ganzen Psalm bezieht. Klar ist ja, dass das Volk durch auswärtige Feinde bedrängt war; aber man kann dabei auf die verschiedensten Zeiten raten. So sehen z. B. manche in den Worten eine Bitte der Gläubigen im Reiche Juda um Wiederbringung der in die assyrische Gefangenschaft geführten nördlichen Stämme und um Wiederherstellung der Einheit des Volks; andere legen die Worte den in die babylonische Gefangenschaft geführten Juden in den Mund. Doch ist es wohl nicht notwendig, den Worten gerade den Sinn zu geben: "Bringe uns wieder aus der Gefangenschaft," sondern sie können auch bedeuten: "Bringe uns wieder in das Gnadenverhältnis zu dir." Diese Auffassung der Worte wird uns auch nahegelegt durch die bezeichnende Abänderung des Kehrverses in V. 15 : "Gott Zebaoth, kehre doch wieder." Das ist jedenfalls die Hauptsache und der einzige Grund, auf welchem dem Einzelnen wie einem Volke wahres Glück wieder aufblühen kann. Es wird alles recht werden, wenn wir nur im rechten Verhältnis zum HERRN stehen. Die beste Änderung ist nicht die der äußeren Umstände sondern unseres Wesens. Wenn Gott sein Volk innerlich wieder zurechtbringt, wird er auch bald dessen äußere Lage wieder in Ordnung bringen. Es bedarf aber des HERRN selber, dies Werk in den Herzen zustande zu bringen, und diejenigen, welche einst im Gnadenverhältnis zu Gott standen, bedürfen, wenn sie abgewichen sind, ebenso sehr des HERRN, um sie wieder zurechtzubringen, wie einstmals ihre Bekehrung ein schöpferisches Werk Gottes war. Und lass leuchten dein Antlitz. Wende dich uns huldvoll zu, blicke uns freundlich an. Jetzt ist dein Angesicht finster, dass wir darob erschrecken; lass es uns wieder hell leuchten. So segnete ja der Hohepriester das Volk Gottes: "Jehova lasse sein Angesicht leuchten über dir;" und was der HERR uns bereits durch unsern Hohenpriester und Mittler gegeben hat, das dürfen wir zuversichtlich von ihm erbitten. Dass uns geholfen werde.1 Alles, was zur wahren Hilfe, zum Heil nötig ist, ist des HERRN Huld. Ein Blick seines gnädigen Antlitzes würde selbst das Tophet (die "Gräuelstätte" bei Jerusalem, wo dem Moloch die Kinder geopfert wurden) in ein Paradies verwandeln. Wie grimmig der Feind oder wie drückend die Gefangenschaft sei, das leuchtende Angesicht Jehovas sichert beides, Sieg und Freiheit. Dieser Vers ist ein gar mannigfaltig brauchbares Gebet für uns, die wir gleich Israel so oft der zurechtbringenden und wiederherstellenden Gnade bedürfen.
5. Herr, Gott Zebaoth,
wie lange willst du zürnen über dem Gebet deines Volks?
6. Du speisest sie mit Tränenbrot
und tränkest sie mit großem Maß voll Tränen.
7. Du setzest uns unsern Nachbarn zum Zank,
und unsre Feinde spotten unser.
8. Gott Zebaoth, tröste uns;
lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir.

5. HERR, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen über oder bei dem Gebet deines Volks? Wie lange soll der Rauch deines Zornes den Weihrauch unserer Gebete niederschlagen? Unser Flehen würde ins Heiligtum dringen, aber dein Grimm hindert es. Dass Gott mit uns zürnt, wenn wir sündigen, ist natürlich genug; aber dass er sogar über unserm Beten grollt, ist ein schwerer Kummer. Da mag der Beter wohl mit vielem Seufzen fragen: Ach, wie lange soll das währen? Du Befehlshaber all der Heerscharen deiner Geschöpfe, der du Macht hast, auch in der äußersten Not zu helfen, sollen deine Heiligen für immer umsonst zu dir rufen?

6. Du speisest sie mit Tränenbrot. Ihre Speisen sind gewürzt mit bitterm Tränensalz. Ihre Mahlzeiten, einst so angenehme Zeiten gesellschaftlicher Freuden, sind nun gleich Leichenmahlen, zu denen jeder seine Traurigkeit als bittere Zukost mitbringt. Vormals gabst du deinem Volke Brot vom besten Weizen zu essen (Ps. 81,17), jetzt aber bekommt es von deiner Hand keine bessere Kost gereicht als Tränenbrot. Und tränkest sie mit großem Maß voll Tränen. Tränen sind ihnen beides, Speise und Trank, und das nicht kärglich. Maßweise müssen sie die Tränen schlucken, sie schwimmen in einem Meer von Kummer, und das alles nach Gottes eigener Anordnung; nicht sowohl, weil ihre Feinde sie mit Waffengewalt beherrschen, als weil ihr Gott sich weigert, für sie ins Mittel zu treten. Das Tränenbrot ist noch mehr eine Frucht des Fluches als das Brot, das wir täglich im Schweiße des Angesichts essen müssen; aber durch Gottes Liebe wird es sich auch in einen noch größeren Segen als dieses wandeln, indem es zu unserer geistlichen Gesundheit dient.

7. Du setzest uns unsern Nachbarn zum Zank. Edom und Moab, allezeit eifersüchtig und boshaft, frohlockten über Israels Unglück und fielen gemeinsam über das geschwächte Volk her, um es zu quälen. Dabei gerieten sie miteinander in Streit; aber Israel hatte es, von beiden hin und her gezerrt, zu büßen. Wehe dem, der so zwischen zwei Mühlsteine kommt. Ihr Hass äußerte sich gewiss in Tätlichkeiten und besonders in bitterem Spott über das scheinbar von Gott verlassene auserwählte Volk. Der schadenfrohe Hohn von Nachbarn ist stets äußerst kränkend, besonders wenn er einen solchen trifft, der ihnen vordem überlegen war und ein höheres Maß von sittlichem Wert und göttlicher Gunst für sich in Anspruch nehmen durfte. Niemand ist so unnachbarlich wie solche Nachbarn, die von Missgunst und boshaftem Neid besessen sind. Und unsre Feinde spotten unser. Sie finden Freude an unserm Elend, sie machen aus unserer Tragödie eine Komödie und würzen ihren Witz mit dem Salz unserer Tränen. Es ist teuflisch, mit anderer Kummer seinen Scherz zu treiben; aber das ist ja stets die Gewohnheit der Welt, die im Argen liegt, sich über die Trübsale der Frommen lustig zu machen: der Schlangensame ahmt seinem Vater nach und freut sich des Bösen.

8. Gott Zebaoth, stelle uns wieder her; lass leuchten dein Antlitz, dass uns geholfen werde. Die gleiche Bitte wie V. 4, doch verstärkt durch die Art der Anrufung Gottes. Er wird hier der Elohim der Heerscharen2 genannt. Je näher wir in Gebet und Betrachtung Gott kommen, desto größer wird er uns.
9. Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholet
und hast vertrieben die Heiden und denselben gepflanzet.
10. Du hast vor ihm die Bahn gemacht
und hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllet hat.
11. Berge sind mit seinem Schatten bedeckt
und mit seinen Reben die Zedern Gottes.
12. Du hast sein Gewächs ausgebreitet bis an das Meer
und seine Zweige bis an den Strom.
13. Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen,
dass ihn zerreißet alles, das vorübergehet?
14. Es haben ihn zerwühlet die wilden Säue,
und die wilden Tiere haben ihn verderbet.
15. Gott Zebaoth, wende dich doch,
schaue vom Himmel und siehe an
und suche heim diesen Weinstock
16. und halt ihn im Bau, den deine Rechte gepflanzt hat,
und den du dir festiglich erwählet hast.
17. Siehe drein und schilt,
dass des Brennens und Reißens ein Ende werde.
18. Deine Hand schütze das Volk deiner Rechten
und die Leute, die du dir festiglich erwählet hast;
19. so wollen wir nicht von dir weichen.
Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.
20. HERR, Gott Zebaoth, tröste uns;
lass dein Antlitz leuchten, so genesen wir.

9. Du holtest3 (eigentlich: hobst aus) einen Weinstock aus Ägypten. Dort war er in ungünstigem Boden: die Wasser des Nils tränkten ihn nicht, sondern waren für seine Schosse wie Gift; die Einwohner des Landes verachteten ihn und traten ihn nieder. Herrlich war es, als der HERR mit seiner mächtigen Hand und unter großen Wundertaten diese seine Lieblingspflanze aushob und versetzte, im Angesicht derer, die sie zu vernichten suchten. Und vertriebest die Heiden und pflanztest ihn. Sieben Völker wurden ausgerissen, um für Jehovas edlen Weinstock Platz zu machen. Die alten Bäume, welche so lange den Boden für sich allein in Anspruch genommen hatten, wurden mit Wurzel und Zweigen ausgerissen; Eichen Basans und Palmen von Jericho mussten dem auserkorenen Weinstock zugut weichen. Dieser aber ward mit aller Vorsicht und Weisheit von dem himmlischen Gärtner an dem ihm bestimmten Ort sicher und gut eingepflanzt. Wiewohl Israel gleich der Rebe klein und unansehnlich, äußerst schwach und abhängig von seiner Stütze, ja am Boden zu kriechen geneigt war, so erwählte der HERR es doch, weil er wusste, dass er durch unablässige Pflege und mit gutem Geschick daraus eine die köstlichste Frucht tragende Pflanze erziehen konnte.

10. Du machtest vor ihm die Bahn. Unkraut aller Art, Gestrüpp und Gestein wurden weggetan und so der Platz gesäubert; die Amoriter und ihre Genossen der Sünde mussten den Schauplatz verlassen, ihre Heerhaufen wurden in die Flucht gejagt, ihre Könige erschlagen, ihre Städte genommen; so ward Kanaan einem Stück Land gleich, das als Weinberg zu dienen bereitet wird. Und ließest ihn einwurzeln (eigentl.: und er wurzelte seine Wurzeln ein), dass er das Land erfüllete. Israel kam zu festem Stand, wie ein gut eingewurzelter Weinstock, und begann dann zu sprossen und sich nach allen Seiten auszubreiten. Dies Bild könnte auf die Erfahrung eines jeden, der sich gläubig in Jesus gründet, angewendet werden. Der HERR hat uns in diesen Boden gepflanzt, wir schlagen darin immer tiefer und weiter Wurzel, und dank seiner Gnade schreiten wir auch an äußerlich wahrnehmbarem Wachstum fort. Das gleiche ist in einem noch mehr dem Buchstaben nahekommenden Sinn von der Kirche Gottes wahr; denn in der jetzigen Zeit breitet dieser edle Weinstock seine Ranken, dank der Fürsorge und Leitung des Weingärtners, weit und breit aus.

11. Berge wurden mit seinem Schatten bedeckt. Israel schlug seine Wohnungen bis auf die Gipfel der Berge auf; es bebaute mit emsigem Fleiß jeden Fußbreit fruchtbaren Landes. Das Volk mehrte sich in dem Maße und ward eine so große Nation, dass andere Länder seinen Einfluss spürten, gleichsam von seinem Schatten getroffen wurden. Und mit seinen Reben die Zedern Gottes. Die Reben erlangten in Palästina eine sehr ansehnliche Größe und wurden dort, wie in manchen andern Ländern, auch an lebenden Bäumen emporgezogen. Was für ein Weinstock muss das sein, der die "Zedern Gottes", diese "idealen Denkmäler der göttlichen Schöpfermacht" (Delitzsch), hinanklimmt und sie sogar überragt und bedeckt. Es ist ein kräftiges und anmutiges Bild von dem Wohlgedeihen des israelitischen Volkes in seinen besten Tagen. Zu Salomos Zeiten behauptete das kleine Land Israel einen hervorragenden Platz unter den Nationen. Es hat Zeiten gegeben, wo auch die Gemeinde Gottes in ganz außerordentlich hohem Ansehen stand und ihre Geistesmacht sich nah und fern fühlbar machte.

12. Er entsandte seine Ranken bis an das Meer. (Grundt.) Längs der Küste des Mittelländischen Meeres, ja wohl gar über seine Gewässer hinaus, ward Israels Macht empfunden. Und seine Zweige bis an den Strom. Im Osten drängte sich das jüdische Volk mit seinem Handel sogar bis zum Euphrat vor. Das waren glänzende Zeiten für Israel, und sie hätten fortgedauert, wenn die Sünde ihnen nicht ein Ende bereitet hätte. Wenn die Gemeinde das Wohlgefallen ihres Herrn hat, wird ihr Einfluss fast unbegrenzt, viel größer, als die Zahl ihrer Glieder oder ihre äußerliche Stellung in der Welt erwarten ließen. Aber ach, wenn der HERR sie verlässt, wird sie so unwert, nutzlos und verächtlich wie ein ungepflegter Weinstock, der von allen Gewächsen das wertloseste ist.

13. Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen? Du hast ihm den Schutz entzogen, nachdem du ihm so viel Sorgfalt zugewendet hattest - warum das, HERR? Ein Weinberg, dessen Mauer eingerissen ist, ist aller Unbill ausgesetzt; niemand nimmt ihn in Acht, alles fällt plündernd und zerstörend über ihn her. So ging es Israel, als es seinen Feinden preisgegeben war, und ach, wie oft ist die Gemeinde des HERRN in derselben traurigen Lage gewesen! Dass ihn zerreißet alles, das vorübergehet. Die unbarmherzigen Nachbarvölker reißen hier ein Stück und da ein Stück herunter, und Räuberhorden rupfen an ihm wie wilde Tiere. Ist Gott mit uns, so mag uns kein Feind etwas anhaben; sind wir aber von seinem Schutz verlassen, so ist niemand so schwach, dass er uns nicht Schaden tun könnte.

14. Es zerwühlen ihn (oder fressen ihn ab) die wilden Säue. Diese Tiere sind dafür bekannt, dass sie die Weinberge gern zerwühlen und zerfressen. Da im Grundtext die Einzahl steht: "der Eber aus dem Walde ," so hat man diesen Ausdruck nach einer alten Glosse als sinnbildliche Bezeichnung Assurs aufgefasst, wie man auch das gleich nachher erwähnte "Getümmel des Feldes" auf die zeltenden Araber bezogen hat. Andere, die den Psalm in das babylonische Exil verlegen, verstehen unter dem wilden Eber die babylonische Macht. Doch ist es nicht nötig, den Worten eine so spezielle Beziehung zu geben. Genug, es fielen grimmige Feinde, den Wildschweinen vergleichbar, über Volk und Land her, bis es verwüstet und zerrissen war wie ein Weinstock, den gefräßige Eber mit ihren Hauern zerarbeitet haben. Und die wilden Tiere (wörtl.: was sich auf dem Felde regt) weiden ihn ab. (Grundt.) Mit einem Feind war’s nicht getan; es kamen andere nach, um das traurige Werk der Zerstörung zu vollenden. Und Gott rührte keine Hand, sie hinwegzujagen. Ein Unheil folgte dem andern; Füchse und anderes Getier des Feldes fraßen die zarten Schosse, die der durch die Wildschweine angerichteten Zerstörung entgangen waren. Ach, du armes Land, wie bist du zugrunde gerichtet! Eine Eiche oder Zeder hätte es wohl noch ertragen können, von solchen Verheerungen betroffen zu werden; aber wie sollst du es überstehen, du schwacher, zarter Weinstock? Sieh, was für Übel im Gefolge der Sünde sind, und wie schrecklich es für ein Volk ist, von seinem Gott dahingegeben zu werden.

15. Gott Zebaoth, wende dich doch. Kehre dich wieder zu uns, wie wir dich ja auch gebeten haben, dass du uns wieder zu dir kehren wollest (V. 4). Du bist von uns gegangen um unserer Sünden willen; kehre doch wieder zurück, denn wir seufzen und schreien dir nach. Oder, wenn das zu viel gebeten ist, dass du wiederkommen wollest, so schenke uns doch wenigstens wieder etwas Beachtung; wirf nur einen Blick auf unser Elend: schaue vom Himmel und siehe (darein) und suche heim diesen Weinstock. Mache deine Augen nicht zu, es ist ja dein Weinstock; wende dich nicht ganz von ihm ab, als ob du nichts mehr von ihm wissen wolltest. Erhabener Weingärtner, beachte wenigstens das Unheil, das die wilden Tiere angerichtet haben; denn dann mag es doch sein, dass dein Herz von Mitleid bewegt wird und deine Hand sich ausstreckt uns zu helfen.

16. Und schirme, was deine Rechte gepflanzt hat. (And. Übers.4 Du hast soviel für uns getan; soll all deine Mühe verloren sein? In deiner Macht und Weisheit hast du für dein Volk Großes gewirkt; willst du deine Auserwählten jetzt ganz aufgeben und deine Feinde über deren Unglück frohlocken lassen, was sie ja so gern tun? Und den Sohn, den du dir festiglich erwählet oder, nach anderer Deutung: so kräftig auferzogen hast. (Grundt.) "Den Weinstock heißet er Sohn, auf hebräische Weise," sagt Luther. In unserer Sprache sagt man dafür Schössling . Wir sind geneigt, in den Worten ein Gebet zu sehen für den Führer, welchen Gott sich herangezogen und erweckt hatte, oder (mit dem Targum) für den Messias, den Israel erwartete. Wiewohl Gott den Weinstock, d. i. Israel, im Großen und Ganzen der Verwüstung übergeben hatte, war doch ein Schössling an ihm, auf den der HERR Acht hatte - ein Reis, das als Ableger einen neuen Weinstock bilden konnte. Darum wird, so scheint uns, der Bitte solche Form gegeben. Lasst uns den HERRN anflehen, er möge, wenn er nicht von vornherein auf seine Gemeinde blicken wolle, doch auf den Herrn Jesus sehen und dann um Jesu willen auch seine Gemeinde in Gnaden anschauen. - Andere freilich beziehen die Worte nicht auf den Messias, sondern auf das messianische Volk, und dafür spricht, dass auch im folgenden Verse wieder von Israel die Rede ist.

17. Er (der Weinstock) ist mit Feuer verbrannt. (Grundt.) In abgebrochenen, nur lose zusammenhängenden Sätzen macht der betrübte Sänger seinem Herzen Luft. Der Weinberg des HERRN war wie ein Wald, an den Feuer gelegt ist; die kostbaren Reben waren verkohlt und tot. Ist abgeschnitten oder abgerissen. (Grundt.) Die unbarmherzige Axt hatte mörderisch gehaust; die Zweige waren abgehauen, der Stamm verwundet, Verwüstung herrschte. Vor dem Dräuen deines Angesichts vergehen sie , nämlich die Sprösslinge des Weinstocks, die Israeliten. Gottes Schelten war für Israel, was Feuer und Axt für einen Weinstock sind. Wenn des HERRN Angesicht freundlich ist, das ist Leben; aber sein Grimm ist ein Bote des Todes. (Vergl. Spr. 16,15.14 .) Ein Zornesblick aus Jehovas Augen genügt, alle Weinberge Ephraims zu einer Wüste zu machen. O HERR, schaue nicht so auf deine Gemeinden! Züchtige uns, doch nicht in deinem Grimm, auf dass du uns nicht aufreibest!

18. Deine Hand sei über dem Mann deiner Rechten. (Grundt.) Lass deine Macht ruhen auf deinem wahren "Benjamin", dem Sohn deiner rechten Hand; lass deinen Befehl ergehen an den Mann, der das von dir zu unserer Befreiung erwählte Rüstzeug ist. Bring ihn zu Ehren, rette uns und verherrliche dadurch dich selbst. Wir erblicken in diesen Worten einen Hinweis auf den Messias,5 auf welchen die gläubigen Israeliten als auf den Retter aus der Not hoffen gelernt hatten. Und auf dem Menschensohn, den du dir festiglich erwählet hast, oder nach anderer Deutung: dir gekräftigt hast. Es gefällt Gott, den Menschen durch Menschen zu helfen. Durch einen Menschen ist der Tod gekommen; durch einen Menschen kommt auch die Auferstehung der Toten. Die Völker steigen empor und fallen meist durch den Einfluss mächtiger Persönlichkeiten. Durch einen Napoleon werden die Länder gegeißelt, durch einen Blücher und Wellington werden sie von dem Tyrannen befreit. Durch den Menschen Christus Jesus wird das tief gefallene Israel sich noch einmal erheben, und durch ihn, der sich herabließ, sich des Menschen Sohn zu nennen, soll die Welt von der Herrschaft des Satans und dem Fluch der Sünde erlöst werden. O HERR, erfülle deine Verheißungen dem Mann deiner Rechten, der an deiner Herrlichkeit teilhat, und lass dein Vornehmen durch seine Hand fortgehen!

19. So wollen wir nicht von dir weichen. Unter der Führerschaft dieses Gotterkorenen werde das Volk in der Treue erhalten werden; die Gnade werde in den Israeliten Dankbarkeit wirken und sie so unlöslich mit ihrem Herrn und Gott verbinden. Nur in Christus finden wir Kraft zur Treue; losgelöst von ihm gibt es für uns keine Hoffnung, dass wir beharren werden. Belebe uns wieder Grundt.), so wollen wir deinen Namen anrufen. Wenn der HERR Leben aus dem Tode gibt, so folgt sicher Lobpreis seines Namens. Der Herr Jesus ist ein so wunderbarer Führer, dass er das Leben und das Licht der Menschen ist. Wenn er unsere Seelen heimsucht, werden wir wieder frisch belebt werden, und dann wird unser Lobpreis dem Namen des dreieinigen Gottes zu Ehren emporsteigen.

20. HERR, Gott Zebaoth, stelle uns wieder her. Bei dieser dritten Wiederholung des Kehrverses sehen wir abermals eine Steigerung in der Anrufung Gottes: der Name Jehova wird eingefügt, dieser höchste und tiefste der alttestamentlichen Gottesnamen. Der Glaube dringt immer herrlicher zum Lichte des Ewigen durch, und die Bitten des Glaubens werden immer voller und kräftiger. Lass dein Antlitz leuchten, dass uns geholfen werde - uns, die wir so jämmerlich verstört sind. Wir mögen auch übersetzen: so ist uns geholfen. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Er ist mächtig, uns zu erretten, wenn wir nach Leib oder Seele in den letzten Zügen liegen, und es bedarf zur vollen Hilfe nur, dass er sein Angesicht seinen Betrübten huldvoll zuwendet. Die Menschen vermögen wenig oder nichts mit aller Kraft ihres Arms; Gott kann alles mit einem Blick seines Auges. Ach, was wird es einst sein, wenn wir immer im Licht des Antlitzes Jehovas leben!

Erläuterungen und Kernworte

V. 2. Der Prophet beginnt sein Gebet nicht unvermittelt, sondern begleitet seine Bitten mit sehr passenden und sein Flehen verstärkenden Gottesnamen. Er wendet sich nicht an Gott als den hoch in den Himmeln wohnenden Erhalter und Regierer aller Dinge, sondern an den zwischen den Cherubim sitzenden Hirten Israels. Er erwähnt solches, was die Israel erwiesene Huld und Fürsorge Gottes ins helle Licht stellen kann, um dadurch seine Zuversicht beim Beten zu stärken. Wolfgang Musculus † 1563.
  Auf die Namen, die Gott in seinem Wort gegeben werden, in der Absicht, dass wir ihn dabei in allen Nöten anrufen sollen, ist besonders zu merken. In dem Beschluss des vorigen Psalm hat es geheißen: "Wir, dein Volk und Schafe deiner Weide." Wenn es aber ja oft unter dem Gefühl der Unwürdigkeit mit solchem Gnadenruhm nicht recht fort will, so kann man doch dem HERRN seinen Hirten- und Hüternamen vorhalten. Zu diesem vertraulichen Namen: Hirt und Hüter wird aber gleich auch ein hoher Name Gottes gesetzt: der du sitzest über Cherubim. So heißt es "Unser Vater", aber auch gleich dabei: "der du bist im Himmel." So ist zartes Vertrauen und heilige Scheu immer miteinander verbunden; so hält sich der Glaube an seine zwei Hauptstützen, an die Liebe und an die Macht Gottes. Karl H. Rieger † 1791.
  Es ist ja des Hirten Pflicht, auf das Blöken und Rufen der Schafe zu hören und es sich zu Gemüt zu nehmen, um ihnen im rechten Augenblick zu Hilfe zu eilen. Hermann Venema † 1787.
  Der du Joseph hütest wie der Schafe. Die Ungläubigen halten dafür, du bekümmertest dich nicht um uns; darum strecke deine Hand aus, uns zu helfen, damit der Mund derer, die solch böse Reden führen, verstopft werde. Wir begehren nicht Gold und Schätze, auch nicht Würden dieser Welt, sondern wir sehnen uns nach deinem Lichte, wir verlangen inbrünstig, dich zu kennen; darum erscheine! Girolamo Savonarola † 1498.
V. 3. Zunächst hinter der Lade zogen einher diese drei Stämme: Ephraim, Manasse und Benjamin , die drei Söhne der Rahel. "HERR, stehe auf, lass deine Feinde zerstreuet und, die dich hassen, flüchtig werden vor dir" - das war der Ruf Mosis, sooft die Lade aufbrach gegen ihre Feinde (4. Mose 10,35), und diesen Ruf lässt auch jetzt der Sänger erschallen. "Lass dein Antlitz über uns leuchten" - das war der Segen Aarons zu Mosis Zeit, und dieser Segen soll wieder neu werden. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
V. 4. Zu dir selber kehre uns, vom Irdischen zum Himmlischen, bekehre unsern aufrührerischen Willen zu dir, und dann zeige uns dein Angesicht , auf dass wir dich erkennen mögen. Zeige uns deine Macht, dass wir dich fürchten, deine Weisheit, dass wir dich verehren, deine Güte, dass wir dich lieben. Zeige uns das alles einmal und abermal und immer, auf dass wir mit fröhlichem Angesicht auch durch Trübsal gehen und selig werden. Wenn du uns hilfst, so ist uns geholfen; wenn du deine Hand von uns abziehst, ist keine Rettung für uns. Girolamo Savonarola † 1498.
V. 5. Zürnen. Man sagt von dem lahmen Timur (gewöhnlich Tamerlan genannt), dem gefürchteten asiatischen Eroberer († 1405), er habe seine Feinde mit einem Blick seines Angesichts in Schrecken bringen können. O welche Schrecken aber gehen erst von dem Angesicht des HERRN der Heerscharen aus, wenn er zürnt! Thomas Adams 1614.
  Wie lange willst du zürnen über dem Gebet deines Volks? Gar vielerlei Fehler können unsern Gebeten anhaften, die sie bei Gott unannehmbar machen. So, wenn sie ohne Geist und Leben sind oder oberflächlicher oder gar heuchlerischer Art, wenn sie Gott versuchen oder wenn sie flatterhaft, hastig oder ohne Glauben und ohne Demut sind. Thomas Adams 1614.
V. 4.5.20. Wie der Vogel durch vieles Bewegen der Schwingen Wind unter seine Flügel sammelt und dadurch höhersteigt, so macht es auch der Glaube beim Beten: viresque acquirit eundo. John Trapp † 1669.
V. 11. Berge sind mit seinem Schatten bedeckt usw. Dass Berghänge der geeignetste Ort für Weinberge sind, ist allbekannt; auch dass die Stützen, an denen man den Weinstock hinaufzieht, je nach der Art des Bodens und des Klimas verschieden hoch sind. In sehr fruchtbarem Land, wie z. B. in der Lombardei, klimmen die Reben an Bäumen hinauf und bedecken sie. Thomas Fenton 1732.
V. 9-16. Der Fleiß Gottes an diesem aus Ägypten geholten Weinstock wird Jes. 5 beschrieben. Dem Warum des Psalms wird daselbst (Jes. 5) ein anderes Warum entgegengesetzt: Warum hat er denn Herlinge gebracht, da ich wartete, dass er Trauben brächte? Desto mehr hat der Glaube zu schaffen, dass er auch unter einer vom Volk wohlverdienten Züchtigung doch den Mut zum Beten nicht aufgibt, sondern immer anhält: Der Feinde Gewalt betrübt uns - Gott Zebaoth, tröste uns! Die Leidensschmach verfinstert uns - und Gottes Gnade erleuchte uns! Die Menschen verderben uns - durch Gottes Gnade genesen wir! Karl H. Rieger † 1791.
V. 13. Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen? Warum hast du das getan, HERR? Was hat es für Nutzen? Die Wacht der Engel hast du entfernt; sie pflegten die Räuber abzuhalten und deinen Weinberg zu schützen. Wo ist heutzutage diese treue Wache? Wo sind die Propheten? wo die Apostel? wo die Lehrer? wo die Hirten, die den Weinstock hütend umgeben, welche Teufel austreiben, Ketzer in den Bann tun, verkehrten Menschen Einhalt gebieten und die Schwachen bewahren? Was ist der Zaun? Die Wacht der Engel, die Hut treuer Hirten, das heilige Lehrwort der Prediger. Wo ist er, der Zaun? Er ist zerbrochen. Wer hat ihn niedergerissen? Du selber, HERR, du hast die Prediger weggenommen, die Hirten in den Himmel versammelt, die Engel zurückgezogen. Warum hast du seine Hecken niedergerissen? Damit er seine Missetaten erfülle, das Maß seiner Gottlosigkeit vollmache und nun endlich gezüchtigt und erneuert werde? Aber was fehlt ihm denn noch dazu? Welche Sünde ward nicht an ihm gefunden? Siehe, HERR, hat seine Bosheit nicht schon das Maß erreicht? Und nun pflücken seine Trauben alle, die auf dem Wege gehen.6 Nicht die richtigen Weingärtner, nicht die rechten Ackersleute lesen die Trauben, sondern alle, die deine Ordnungen nicht halten, die Gottes Wege nicht wissen, offenbare Sünder, Ehrlose, das sind die Leute, die dazu ausersehen sind, am Altar zu dienen, diesen werden Pfründen gegeben, diese ernten die Trauben für sich selbst, nicht für dich. Sie kümmern sich nicht um deine Armen, sie speisen nicht die Hungrigen, kleiden nicht die Nackenden, helfen nicht dem Fremdling, schützen nicht die Witwen und Waisen; sie essen die Lämmer aus der Herde und die gemästeten Kälber. Sie spielen auf dem Psalter und meinen, sie könnten es wie David; sie preisen Gott mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von ihm. Sie trinken Wein aus den Schalen und salben sich mit Balsam und bekümmern sich nicht um den Schaden Josephs (Amos 6,4-6). Siehe, das sind die Leute, die deinen Weg verlassen und die Trauben deines Weinstocks pflücken. Aber was soll ich sagen, HERR? Sie sahen den Zaun zerbrochen, da verließen sie den geraden Weg und wandten ihre Schritte zu deinem Weinstock um ihn abzulesen, um seine Frucht, nicht die geistliche, sondern die zeitliche, einzusammeln. - Was meinst du damit? - Das meine ich, HERR: Die Reichen dieser Welt, die in den Wegen ihrer Sünde wandeln, die nach deinem Willen und gegen deinen Willen die Schätze, Ehren, Würden und Ergötzungen dieser Welt suchen, haben deine Wege verlassen. Sie haben davon abgelassen, nach den Reichtümern dieser Welt zu jagen, die weltlichen Ehren suchen sie nicht mehr; sie haben sich deinem Weinstock, den Würden und Schätzen der Kirche zugewandt. Heute sind sie im Schauspielhause, morgen auf dem Bischofsstuhl; heute auf der Jagd, morgen im Chorrock; heute ein Soldat, morgen ein Priester. Girolamo Savonarola † 1498.
V. 14. Es haben ihn zerwühlet die wilden Säue. Kein Bild eines zerstörungssüchtigen Feindes könnte angemessener sein als dieses. Wir kennen die oft angeführte Stelle von den kleinen Füchsen, die die Weinberge verderben (Hohel. 2,15); aber das Wildschwein richtet viel größere Verheerungen an. Es bricht durch die Hecken, wühlt den Boden auf, reißt die Weinstöcke nieder und zerstampft sie mit den Füßen. Ein Rudel dieser Tiere vernichtet manchmal einen ganzen Weinberg in einer Nacht. Wir könnten uns gut vorstellen, welch großen Schaden schon das zahme Schwein in einem Weinberg anzurichten vermöchte; aber das Wildschwein ist ungleich zerstörungssüchtiger. Es ist sehr groß und stark und unglaublich schnell, so dass seine nahe Verwandtschaft mit unserm Hausschwein kaum zu erkennen ist. Es rennt mit solcher Schnelligkeit, dass ein Vollblutpferd Schwierigkeit hat, es einzuholen, während ein gewöhnliches Ross von ihm weit hinter sich gelassen werden würde. Selbst auf ebenem Boden kostet es den Jäger viel Mühe ihm nachzukommen; kann es aber auf unebenen oder hügeligen Grund kommen, so vermag kein Ross es mit ihm aufzunehmen. Der wilde Eber kann beträchtlich hoch springen und sich im vollen Laufe mit solcher Behändigkeit wenden, dass er dadurch ein ganz außerordentlich gefährlicher Feind wird. Die Bewohner solcher Gegenden, wo die Wildschweine noch in ursprünglicher Kraft und Wildheit gedeihen, würden in der Tat ebenso gern auf einen Löwen stoßen wie auf eins dieser Tiere, die ihre scharfen Hauer mit blitzartiger Geschwindigkeit zu gebrauchen wissen. Ein Stoß genügt, ein Pferd aufzuschlitzen und einen Hund sozusagen in Stücke zu schneiden. J. G. Wood, Biblische Naturgeschichte 1869.
  In dem dichten Gestrüpp am Jordan leben viele wilde Tiere, auch Wildschweine. Bischof R. Pocock († 1765) beobachtete auf der andern Seite des Jordans, wo dieser Fluss aus dem See Tiberias austritt, große Herden dieser Tiere, und etliche auch in dem Schilf auf der Seite, wo er rastete. Richard Mant † 1849.
  In dem Röhricht des Hule- (oder Merom-)Sees (am oberen Jordan) und anderwärts hält sich das Wildschwein zu Hunderten auf und zerstört von da aus die Felder. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Die Bannbulle, welche Papst Leo X. gegen Luther am 15. Juni 1520 erließ, beginnt: "Mache dich auf, HERR, und richte deine Sache. Gedenke der Schmach, die dir von den Toren widerfährt den ganzen Tag (Ps. 74, 22) ... Füchse verwüsten deinen Weinberg, ... den du deinem Statthalter Petrus übergeben hast, ein Eber aus dem Walde zerwühlt ihn, ein wildes Tier weidet ihn ab. Mache dich auf, Petrus, ... mache dich auf, Paulus, ... denn es erhebt sich ein neuer Porphyrius, der die heiligen Päpste zu beißen und zu lästern sich nicht scheut!"
  Nach dem Talmud ist der mittlere Buchstabe des mit Wald wiederzugebenden Wortes der mittelste Buchstabe des hebräischen Psalters. D. Daniel Creßwell † 1844.
V. 15. Schaue vom Himmel. Diese Bitte ist für niemand passend als für solche, die wahrhaft zerbrochenen Geistes sind und sich von Herzen zu Gott zurückwenden. Wie könnten wir sonst Gott bitten, vom Himmel zu schauen und sich unsere Angelegenheiten zu besehen? Würden wir seinen Zorn nicht noch mehr entflammen, wenn wir außer dem, dass wir in Sünde leben, uns auch noch erdreisteten, das allheilige Auge Gottes herauszufordern, dass es sich vom Himmel her unsere Gottlosigkeit beschaue? Wolfgang Musculus † 1563.
  Du hast dich von uns entfernt, du bist in den Himmel aufgestiegen. So schaue doch wenigstens vom Himmel auf uns nieder, wenn du nicht willig bist, zur Erde herabzusteigen, wenn unsere Sünden das nicht verdienen. Girolamo Savonarola † 1498.
  Suche heim diesen Weinstock. Noch hat er ja Wurzeln, noch leben etliche Ranken. Am Anfang der Welt hat sein Leben begonnen, und er ist noch nie völlig abgestorben, und das wird auch nie geschehen. Du hast ja gesagt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Er ist arg zurückgegangen, aber er kann doch nie ganz zugrunde gehen. Er ist ja der Weinstock, den du gepflanzt hast. So suche ihn denn heim; denn dein Heimsuchen bewahrt ihm das Leben, den Geist. Suche ihn heim mit deiner Gnade, mit deiner Gegenwart, mit deinem Heiligen Geiste. Suche ihn heim mit deinem Stecken und Stab, die werden ihn erquicken. Suche ihn heim mit deiner Hippe, dass er gereinigt werde, denn die Zeit des Beschneidens ist gekommen. Wirf die Steine heraus, sammle die dürren Reben und binde sie in Bündlein zum Verbrennen. Richte ihn auf, schneide die überflüssigen Triebe ab, mache seine Stützen fest, dünge den Boden, richte den Zaun auf und suche diesen Weinstock heim, wie du jetzt die Erde heimsuchst und wässerst. Girolamo Savonarola † 1498.
V. 18. Es ist Israel, welches V. 16 ben (Sohn) heißt als der Sohn, den Jahve in Ägypten ins Dasein gerufen und dann aus Ägypten zu sich gerufen und am Sinai feierlich für seinen Sohn erklärt hat (2. Mose 4,22; Hos. 11,1), und welches nun mit Anspielung auf den Namen Benjamins V. 3 isch jemineka (der Mann deiner Rechten) genannt wird, als das Volk, welches (wenn wir uns für die Deutung dieser Benennung durch V. 16 leiten lassen) Jahves Rechte, d. i. Allmacht und Gnade, ins Dasein gerufen und im Bestande erhält, zugleich aber ben-adam (Menschensohn), weil es der an sich selbst ohnmächtigen, durch und durch bedingten und abhängigen Menschheit angehörte. Kommentar von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Der Mann der Rechten ist 1) der am höchsten Geliebte, den man so lieb hat wie die rechte Hand. (Mt. 5,29 f.) Jakob nannte den Sohn seines vor allem geliebten Weibes Ben-Jamin, d. i. Sohn seiner rechten Hand 1. Mose 35,18); dieser war ihm so teuer, dass seine Seele an des Knaben Seele hing. (1. Mose 44,30 .) 2) Der am höchsten Geehrte: wem man die höchste Ehre erzeigen will, dem gibt man den Platz zur Rechten, wie Salomo seiner Mutter (1.Kön. 2,19); so steht auch Ps. 45,10 die Braut zur Rechten des Königs. Man vergleiche, wie Christus zur Rechten Gottes des Vaters erhöht ist. 3) Der Verbündete, denn Bündnisse und Vereinbarungen werden durch Einschlagen der rechten Hand geschlossen (2.Kön. 10,15; vergl. Gal. 2,9). James Alting † 1679.
V. 20. In der Trübsal kommt Gott, und wenn er kommt, so ist die Trübsal keine Trübsal mehr. Gälisches Sprichwort.

Homiletische Winke

V. 2. Wie der HERR als Hirt an Israel handelte, als Bild seines Waltens über seiner Gemeinde.
V. 4. Das zwiefache Werk des Heils: 1) Kehre uns wieder zu dir (siehe die Auslegung). 2) Kehre du dich wieder zu uns.
V. 5. Was für Gebete erzürnen Gott?
V. 6. Unschmackhafte Kost. 1) Untersuche die Speise. 2) Merke, welche Hand sie sendet. 3) Beachte, wie gesund sie ist. 4) Gedenke der mildernden Zutaten.
V. 8. Bekehrung, Gemeinschaft mit Gott, Gewissheit des Heils.
V. 9-16. Vergleichung der Kirche mit einem Weinstock.
V. 13. 1) Die Zäune der Gemeinde. 2) Ihre Entfernung. 3) Die traurigen Folgen.
V. 14. Wer sind die größten Feinde des Weinbergs Gottes? Wo kommen sie her? Wie können wir sie abwehren?
V. 19b. Belebung durch Gott notwendig zu wohlgefälliger Anbetung Gottes.

Fußnoten

1. Luthers Übers.: so genesen wir besagt dasselbe, aber nach der jetzt veralteten Bedeutung des Wortes: erhalten werden, am Leben bleiben, gerettet werden. So ist es auch 1. Mose 32,30; Hiob 22,29; Ps. 119,117; Spr. 28,18 zu verstehen. Die revid. Lutherbibel hat das für uns missverständliche Wort nur an der letztgenannten Stelle berichtigt.

2. Elohim ist hier, nach der Erklärung Delitzschs und anderer, nicht dekliniert, weil Eigenname geworden. Vergl. Jehova Elohim der Heerscharen

3. Wir setzen V. 9-12 statt des Perfektums das lebendig schildernde Imperfekt.

4. hnIfkIa ist schwer zu erklären. Die meisten halten es mit den LXX für einen Imperariv; dann wird man es aber nicht (wie Luther: halt ihn im Bau usw.) von NWkI, sondern von einem Zeitwort Nnk decken, schirmen abzuleiten haben, da die Verba des Deckens mit dem Akkus. (V. 16 a) und mit l( (V. 16 b) konstruiert werden können. Andere vermuten in dem Wort ein Hauptwort Setzling. Dann wäre der Vers von dqp Vers 15 abhängt. Dagegen spricht das l( V. 16 b, da l(dqp nur von strafendem Heimsuchen üblich ist.

5. Uns scheinen, mit Luther und den meisten Auslegern, auch die Worte dieses Verses sich im Sinne des Psalmisten auf Israel zu beziehen. Doch geht die Deutung Spurgeons insofern nicht fehl, als Christus ja die Stellung und Aufgabe Israels, welche dieses nicht innehalten und ausführen konnte, übernahm. Man vergl., wie im zweiten Teile des Jesaja der Begriff des Knechtes Jehovas von Israel auf den Messias übergeht. - J. M.

6. Savonarola fasst hier Krd rb( irrtümlich in dem Sinn: Gottes Weg übertreten, wie das Folgende zeigt.