Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 126


Überschrift

Ein Wallfahrtslied. Wir kommen nun zu der siebenten Pilgerstation; da dürfen wir wohl erwarten, auch zu einer gewissen Vollendung der Freude zu gelangen. Diese Erwartung wird nicht getäuscht. Wir sehen hier nicht nur, dass Zion bestehen bleibt, sondern auch, dass Zions Freude wiederkehrt nach dem Leid. Dass Zion erhalten wird, ist nicht genug; es soll auch fruchtbar sein. Die Festpilger schreiten in ihren Psalmengesängen von einem Segen zum andern fort, während sie von Stufe zu Stufe den geheiligten Weg hinanziehen. Welch glückliches Volk, dem jede neue Anhöhe Reiz zu einem neuen Psalme bot, jede Stätte der Rast einen frischen Lobgesang entlockte! In unserem Psalme wird aus dem stillen Gottesfreund ein emsiger Sämann. Der Glaube erweist sich als durch Liebe tätig, erlangt schon gegenwärtigen Segen und sichert eine reiche künftige Freudenernte.
  Über die Zeit, wann der Psalm gedichtet worden, ist nichts Gewisses zu ermitteln, als dass derselbe auf eine große Befreiung zurückschaut. Der Ausdruck "die Gefangenschaft wenden" zwingt nach dem hebräischen Sprachgebrauch keineswegs dazu, buchstäblich an Gefangenschaft zu denken; die Errettung aus irgendwelcher großen Not oder Bedrückung würde dem Ausdruck völlig angemessen sein. Herrlich hatte sich erst kürzlich die rettende, befreiende Gnadenhand des HERRN an Zion erwiesen; jetzt aber lagerte eine düstere Wolke schwer über dem Volke, so dass Zions Bürger abermals flehen mussten: HERR, wende unser Gefängnis!
  Der Psalm folgt passend auf den vorhergehenden, in dem wir lasen, dass der Gottlosen Zepter nicht bleiben werde über dem Häuflein der Gerechten. Diese Verheißung sehen wir hier als freudiges Erlebnis und zugleich als Stern der Hoffnung in dem neuen Dunkel. - Zions Erlösung wird uns zum Sinnbild der Erlösung des einzelnen Christen aus der Gefangenschaft der Sünde und des Satans, wie auch der Vollendung der Erlösung, deren Gottes Volk noch harrt.
  Unser Psalm zerfällt in einen Bericht, V. 1.2, einen Lobgesang, V. 3, ein Gebet, V. 4, und eine Verheißung, V. 5.6.

Auslegung

1. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
2. Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen unter den Heiden:
Der HERR hat Großes an ihnen getan.
3. Der HERR hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
4. HERR, bringe wieder unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Mittagslande.
5. Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
6. Sie gehen hin und weinen
und tragen edlen Samen,
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

1. Als1 der HERR die Gefangenschaft2 Zions wendete, da waren wir wie Träumende. (Grundt.) In der betrübten Gegenwart erinnern sich die Pilger, um daraus Trost zu schöpfen, an Zeiten nationalen Elends, die in wunderbar herrlicher Befreiung geendet hatten. Da war aller Kummer mit einem Mal verschwunden gewesen, und die nun folgende Freude so groß, dass es fast zu herrlich schien, um wahr zu sein, und sie fürchteten, es wäre am Ende nur ein Hirngespinst, das Trugbild einer überreizten Einbildungskraft. So plötzlich und so überwältigend war ihre Freude, dass sie das Gefühl hatten, als wären sie ganz außer sich geraten, als befänden sie sich in einem Zustand der Verzückung. Schwer war die Gefangenschaft gewesen, aber herrlich und mächtig auch die Befreiung, denn der große Gott hatte sie selber gewirkt. Ach, es schien in der Tat fast zu schön, um wirklich wahr zu sein. "Ist das ein Traum? Und wenn - o lasst mich weiter träumen, o weckt mich noch nicht auf, es ist zu süß!" Doch nein, erwache nur, der süße Traum ist volle Wirklichkeit! - Und nicht die Befreiung eines Einzelnen war es, was der HERR in seiner Gnade gewirkt hatte, sondern Zions Geschick hatte er gewendet, dem Volke war Heil widerfahren; das war Grund genug zu überströmender Freude. Wir brauchen die Geschichten, welche diesen Vers in Bezug auf das Volk Israel erklären, nicht im Einzelnen anzuführen; wohl aber tun wir gut, des zu gedenken, wie oft dieser Vers sich an uns selber bewahrheitet hat. Lasst uns die Gefängnisse beschauen, aus denen wir befreit worden sind. Ach, wie jämmerlich saßen wir gefangen! Und welche herrliche Wendung unserer Gefangenschaft, welch wunderbare Erlösung haben wir am Anfang unserer Gotteskindschaft, bei unserer Bekehrung, erlebt! Nie werden wir diese Stunde vergessen. Ja, das war Freude, Freude über Freude! Und seither, ach aus wie vielfältigen Trübsalen, aus welch tiefer Niedergeschlagenheit, von welch bösen Rückfällen, von welch gefährlichen Zweifeln sind wir befreit worden, und wir finden keine Worte, die Wonne zu schildern, die jeder solchen Befreiung folgte. Ja, da waren auch wir wie die Träumenden!
  Dieser Vers wird - und Luthers Übersetzung hat uns mit diesem Gedanken sehr vertraut gemacht - einst noch eine erhabenere Erfüllung finden an dem Tage des endgültigen Umsturzes der Mächte der Finsternis, wenn der HERR erscheinen wird, um die Seinen aus aller Not in die Herrlichkeit zu führen. Dann werden in noch vollerem Sinne als selbst zu Pfingsten unsere Ältesten Träume haben und unsere Jünglinge Gesichte sehen (Joel 3,1); ja, alles wird dann so wunderbar sein, so sehr alle Erwartungen übertreffen, dass diejenigen, die es schauen, sich fragen werden, ob nicht alles ein Traum sei. Die Vergangenheit ist stets eine sichere Vorherverkündung der Zukunft: wir werden uns immer wieder voll Staunens finden über die wunderbare Güte des HERRN. Mögen unsere Herzen voll Dankes der früheren Gnadenerweisungen gedenken. Wir lagen tief drunten, waren in großer Not, ja alle Hoffnung war aus; aber als der HERR erschien, riss er uns nicht nur aus der Verzweiflung, sondern erhob uns in staunende Glückseligkeit. Der HERR, der einzige, der unsere Gefangenschaft wenden kann, tut nichts halb; wen er von der Hölle errettet, dem öffnet er den Himmel. Er wendet Verzweiflung in Verzückung, Weinen in Lachen, Klageseufzer in Jubellieder.

2. Da ward unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Jubels. (Grundt.) Sie waren so voller Freude, dass sie nicht an sich halten konnten. Sie mussten ihrer Wonne Ausdruck geben und vermochten sie doch nicht in Worte zu fassen. In ihrer übermächtigen Freude konnten sie nichts anderes tun als lachen, denn alle Worte schienen ihnen viel zu matt. Die ihnen widerfahrene Gnade war so unerwartet, so erstaunlich und so einzigartig! Sie lachten, dass ihr Mund davon voll ward, und zwar weil ihr Herz so voll Freude war. Und als dann nach und nach ihre Zunge deutlich unterscheidbare Töne zu bilden imstande war, da konnten sie sich nicht damit begnügen, einfach zu reden, sondern mussten jubeln, mussten einen Jubelgesang nach dem andern anstimmen aus der Fülle des Herzens. Wo das Herz voll Jauchzens ist, da wird auch die Zunge geläufig. Ohne Zweifel erhöhte das frühere Leiden die jetzige Wonne; die erlittene Gefangenschaft ließ die Freiheit in umso helleren Farben erstrahlen. Das Volk erinnerte sich dieser Flut von Freude, die damals über es gekommen war, noch nach Jahren aufs lebhafteste, und in unserem Psalm haben wir den Bericht davon, in einen Gesang verwandelt, vor uns. Beachten wir den Zusammenhang zwischen dem, was Gott, und dem, was die Menschen taten. In dem Augenblick, wenn er unsere Gefangenschaft wendet, wendet auch unser Herz sich von seinem Kummer; wenn er uns mit Gnade füllt, werden wir mit Dank erfüllt. Wir waren wie Träumende, aber wir lachten und jubelten in diesem halb bewusstlosen Zustande. Jetzt sind wir ganz wach; und wiewohl wir das uns widerfahrene Heil kaum fassen können, frohlocken wir doch sehr darüber.
  Da sagte man unter den Heiden: Der HERR hat Großes an diesen getan. (Grundt.) Die Heiden hörten die Jubelgesänge Israels, und die Besseren unter ihnen errieten die Ursache, warum Israel also frohlockte. Jehovah war als der Gott Israels bekannt, darum schrieben die anderen Völker die Befreiung seines Volkes ihm zu. Und sie erachteten es als nichts Geringes, was der HERR da getan; denn niemals hatten in einem anderen Fall die Mächtigen, die die Völker davonführten, ein Volk wieder in seine ehemalige Wohnstätte zurückgeführt. Diese Ausländer waren keine Träumer; wiewohl sie nur Zuschauer waren, die selber an der erstaunlichen Gnadenheimsuchung keinen Anteil hatten, so erkannten sie doch mit klarem Blick, was geschehen war, und schrieben es ganz richtig dem erhabenen Geber alles Guten zu. Das ist herrlich, wenn die Erlebnisse der Gotteskinder denen, die noch draußen sind, Anlass geben, von der Güte des HERRN zu sprechen; und ebenso köstlich ist es, wenn die in der Welt hin und her zerstreuten Gottesfürchtigen von dem hören, was der HERR an seiner Gemeinde getan hat, und sich nun entschließen, aus ihrer Gefangenschaft hervorzukommen und sich mit Gottes Volk zu vereinigen. Ja, lieber Leser, Jehovah hat in der Tat wunderbare Dinge für seine Auserwählten vollbracht, und dies "Große" wird der Gegenstand ewiger Lobgesänge aller geistbegabten Geschöpfe sein.

3. Großes hatte der HERR an uns getan; wir waren fröhlich. (Grundt.) Die Gemeinde versagte dem Zeugnisse der Heiden, das so viel Ruhm auf Jehovah zurückstrahlen ließ, nicht ihre Bestätigung; nein, mit Frohlocken bejahte und wiederholte sie die feierliche Aussage, dass der Höchste so denkwürdig an ihnen gehandelt habe. Sie eigneten sich die fröhliche Kunde an, indem sie sprachen: "Großem hat der HERR an uns getan", und bezeugten ihre Freude über die Tatsache. Das ist eine schlechte Bescheidenheit, die sich schämt, ihre Freude am HERRN einzugestehen. Solche Tugend ist ein Verbrechen, denn sie raubt Gott die Ehre. Es gibt so wenig Freude in der Welt, dass es, wenn wir ein volles Maß derselben besitzen, unsere Pflicht ist, unser Licht nicht unter einem Scheffel zu verbergen, sondern es allen leuchten zu lassen, die im Hause sind. Lasst uns unsere Freude frisch und frei bekennen und den Grund derselben anzeigen. Niemand ist so fröhlich wie solche, die erst kürzlich aus der Gefangenschaft befreit worden sind; niemand vermag so klar, so überzeugend den Grund darzulegen, warum sie so fröhlich sind, wie sie selber. Der HERR selbst hat uns gesegnet, und zwar wunderbar und offenkundig, und wir persönlich sind’s, die es erlebt haben; darum lobsingen wir seinem Namen. Neulich hörte ich einen Bruder im Gebet den Psalmvers so anführen: Des wären wir gerne fröhlich. Welche sonderbare Verwässerung und Entstellung der Schriftsprache! Wahrlich, hat Gott Großes an uns getan, dann sind wir fröhlich und können nicht anders. Es gibt eine Demut, die geradezu widerlich ist.

4. Auch Israel hatte einst nicht anders können, als sich freuen und fröhlich sein. Aber in schmerzlichem Gegensatz zu jener herrlichen Freudenzeit stand die Gegenwart. Da jedoch hilft die Erinnerung an die ehemals erfahrene Freude der Erlösung dem Glauben dazu, um eine Wiederholung solcher Erfahrung zu bitten: HERR, bringe wieder unsre Gefangenen, oder: wende unser Geschick (siehe die 2. Anm. S. 83). Wenn wir um das gnädige Eingreifen Gottes bitten, ist es gut, uns frühere Erfahrungen desselben ins Gedächtnis zu rufen; nichts stärkt in der Tat den Glauben so wirksam. "Der HERR hat Großes an uns getan", das stimmt schön zu dem Gebet: "HERR, tue aufs Neue Großes an uns." Unser Vers zeigt uns, wie weise es ist, wieder zu dem HERRN die Zuflucht zu nehmen, der uns vormals so gnädig gewesen ist. Wohin anders sollten wir uns wenden als an ihn, der seinen Arm so herrlich erwiesen hat? Wer kann unsere Gefangenschaft wenden als er, der sie ehemals gewandt hat?
  Wie du die Bäche wiederbringst im Mittagslande. Gerade so wie der HERR die trockenen Bachbetten im heißen Südlande Palästinas nach der langen Sommerdürre durch den Herbstregen wieder mit Wasserströmen füllt, so kann er auch unsere im Kummer verschmachtenden und ermattenden Gemüter mit Fluten heiliger Freude erfüllen. Das vermag der HERR an jedem von uns zu tun, und zwar jetzt, sogleich, denn nichts ist ihm zu schwer. Wir tun wohl, also zu beten, und unsere Sache dem vorzulegen, der überschwänglich Großes an uns tun kann. Lasst uns das Vergangene nicht vergessen, angesichts unserer gegenwärtigen Schwierigkeiten aber zum HERRN unsere Zuflucht nehmen und ihn bitten, das zu tun, was wir schlechterdings selber nicht tun können und keine andere Macht uns zugute zu vollbringen imstande ist. Israel kehrte doch noch aus der babylonischen Gefangenschaft zurück, und es war wirklich, als ob eine ganze Flut von Leuten gen Zion strömte. Plötzlich füllten Scharen von Anbetern wieder die Vorhöfe des Tempels. In Strömen werden die Israeliten in den letzten Tagen auch wieder in ihr Land zurückkehren und es mit frischem Leben füllen. Gleich mächtigen Sturzbächen werden die Völker zum HERRN eilen in der Gnadenzeit. Möge der HERR diese Zeit eilends herbeikommen lassen zu seiner Stunde.

5. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Darum dürfen die Betrübten die gegenwärtige Trübsal nicht so ansehen, als sollte sie immer dauern; sie ist keineswegs das Endziel, sondern nur Mittel zum Zweck. Kummervoll ist nur das Säen, mit Jubel sollen wir ernten. Aber ohne Tränensaat keine Freudenernte. Wären wir nie gefangen gewesen, so kennten wir auch nicht die selige Freude der Erlösung und Heimführung aus der Gefangenschaft. Unser Mund würde nie voll heiligen Lachens geworden sein, wenn er nicht zuvor die Bitterkeit des Kummers voll gekostet hätte. Säen müssen wir, und es mag sein, dass wir beim Winterwetter der Trübsal säen müssen; aber wir werden einst ernten, und zwar bei dem hellen Sommersonnenschein der Freude. Lasst uns jetzt, da Saatzeit ist, wacker an dem Werke bleiben, das gegenwärtig unsere Pflicht ist, und die Kraft dazu aus der Verheißung schöpfen, die uns hier so bestimmt gegeben ist.
  Mit Recht ist dieser Vers unter Gottes Volk in allen Sprachen ein gesegnetes Sprichwort geworden. Nicht allem und jeglichem Säen gilt die Verheißung dieses Wortes, die Sicherung der Saat vor aller Gefahr und die Zusicherung einer freudenreichen Ernte, sondern die köstliche Zusage ist zunächst nur dem Säen mit Tränen gegeben. Wissen wir aus eigener Erfahrung von solcher Tränensaat? Wenn eines Mannes Herz durch den Geist Gottes also bewegt wird, dass er um die Sünden anderer weint, dann ist er eine von den auserwählten Seelen, deren Leben reiche Frucht bringen wird. Wer Seelen für den HERRN gewinnen will, der wird vor allem lernen müssen, auch um die Seelen zu weinen. Wie es zu keiner Geburt kommt ohne schmerzliche Wehen, so gibt es auch keine geistliche Ernte ohne beschwerliche, oft sehr, sehr tränenreiche Arbeit. Bricht uns das Herz vor Kummer um die Menschensünde, dann werden wir auch felsenharte Herzen brechen können, dass sie in Buße erweichen, und unsere Tränen suchender Liebe werden Tränen der Reue erzeugen.

6. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.3 Früh steht der Landmann von seinem Lager auf, um in die frostige Morgenluft hinauszutreten und, den Saatkorb umgeschnallt, den feuchten Acker auf- und abzuschreiten, und während er so unablässig das Feld durchwandert, gehen ihm die Augen über; heiße Tropfen fallen mit dem Samen in die Erde, sei es, weil dem Landmann die Erinnerung an manche vergebliche Arbeit und Mühe vergangener Zeiten kommt, sei es, weil der Boden so hart und unfruchtbar oder die Zeiten so schlecht, das Saatkorn so rar, oder weil der Feinde und Bedrücker viel sind, die darauf lauern, ihn um den wohlverdienten Lohn seines Schweißes zu bringen. So geht er das Feld auf und ab, säend und weinend, weinend und säend. Der Same in seinem Saatkorbe ist ihm ein gar kostbares Gut, das er schweren Herzens ausstreut, denn er hat nur wenig davon, und auf ihm beruht all seine Hoffnung für die Ernte des kommenden Jahres. So verlässt denn kein Körnlein seine Hand ohne das inbrünstige Gebet, dass es nicht verloren sein möge. Er hält wenig von sich, doch viel von seinem Samen, und bewegt fragt er sich: Wird’s wohl gedeihen? Werde ich für meine Arbeit durch eine Ernte belohnt werden? Ja, du lieber Säemann, du wirst deinen Lohn finden, es kommt der Tag, da du die Garben heimwärts führst. Der HERR verheißt’s, drum lass du keinen Zweifel in dein Herz hinein! Es kommt der Tag, da du wieder auf dies Feld gehen wirst - nicht um zu säen, sondern um zu ernten, nicht um zu weinen, sondern um zu jubeln. Und dann, nach einer Weile, wirst du heimwärts gehen mit behenderem Schritt als heute, wiewohl schwerer beladen, denn mächtige Garben wirst du dann zu tragen haben. Deine Handvoll Korn soll sich so mehren, dass viele, viele Haufen edler Frucht dir auf dem Felde winken, und du wirst die Wonne haben, sie zu ernten und sie zu eben der Heimstätte zu bringen, von der du einst mit Weinen auf den Acker gingst.
  Diese letzten Verse führen uns in einem ländlichen Bilde eben das vor, wovon in den ersten Versen unter dem andern Bilde der Befreiung aus der Gefangenschaft die Rede war. Auch der Same wird ins dunkle Gefängnis eingeschlossen, aus dem er wieder aufersteht zu goldenen Garben.
  Es berührt uns eigen, solche Verheißung der Fruchtbarkeit in engem Zusammenhang zu finden mit Rückkehr aus der Gefangenschaft. Doch stimmt das mit unserer Erfahrung; denn gerade wenn unsere Seelen die befreiende und belebende Kraft des HERRN mächtig erfahren, dann werden auch die Seelen anderer durch unser Wirken gesegnet. Gehören wir zu denen, die, einst einsame und elende Gefangene, nun heimgekehrt sind und mit viel Sehnen und Seufzen die beschwerliche Sämannsarbeit tun, o so möge der HERR, der sich schon so mächtig an uns erwiesen hat, indem er uns aus der Gefangenschaft führte, uns bald zu frohen Schnittern machen, so wollen wir ihn preisen von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Es ist herkömmlich geworden, die Schlussverse des Psalms auf christliche Dulder, auf ihre Kämpfe diesseits und ihre Siege jenseits anzuwenden; auch pflegt man die ersten Verse desselben entweder von der Freude der Erlösten diesseits oder von ihrem Eintritt in die jenseitige Freude zu erklären. Augustin († 430) erklärt auch schon die Überschrift "Ein Stufenlied, ein Lied des Hinaufziehens" von dem Hinaufziehen zum himmlischen Jerusalem. Insofern die Erlösung aus der Gefangenschaft der Sünde und des Todes diejenigen Dankgefühle in verstärktem Maße erwecken muss, welche Israel bei seiner Errettung aus der leiblichen Gefangenschaft hatte, geschieht das nun auch mit Recht; auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte des äußerlichen Gottesreichs ein Vorbild der Geschichte der Gemeinde. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Ich glaube, dieser Psalm wird noch einmal in noch höher jubilierendem Tone gesungen werden. Noch einmal wird die frohe Kunde von Israels Wiederherstellung über die zerstreuten Glieder des Volks gleich als ein Traum kommen. Noch einmal werden die Einwohner der verschiedenen Länder, aus denen sie ausgehen werden, voller Verwunderung ausrufen: "Der HERR hat Großes an ihnen getan!", wenn sie einen Israeliten nach dem andern, wie in jener wunderbaren Nacht dort in Ägypten, mit gegürteten Lenden, die Schuhe an den Füßen und den Stab in der Hand, eilend dahinziehen sehen werden, um dem Rufe Folge zu leisten, der sie in ihr geliebtes Heimatland zurückruft. Barton Bouchier 1865.

V. 1. Als der HERR die Gefangenschaft (oder das Geschick) Zions wendete. (Grundt.) Wie das Volk nur durch des HERRN Zulassung hatte in die Gefangenschaft gebracht werden können, so wurde ihm auch einzig durch des HERRN Macht die Freiheit wiedergegeben. Als die Israeliten einst vierhundert Jahre in fremdem Lande dienstbar gewesen waren, da war nicht Mose, sondern Jehovah es, der sie aus Ägypten, aus dem Lande, wo sie Sklaven waren, herausführte. Gleicherweise war er es, und nicht Debora und Barak, der sie errettete aus der Hand des Kanaaniterkönigs Jabin, nachdem sie zwanzig Jahre lang gewaltig bedrückt worden waren. Er, und nicht Gideon, der streitbare Held, führte sie aus der Knechtschaft der Midianiter, in deren Gewalt sie sieben Jahre geschmachtet hatten. Er, und nicht Jephthah, war es, der sie von den Philistern und Ammonitern errettete nach achtzehnjähriger Bedrückung. Mose, Debora, Gideon, sie alle waren nur Werkzeuge in seiner Hand. Und ebenso war es nicht die Tapferkeit des Cyrus, sondern die Macht des HERRN, nicht des Cyrus Klugheit, sondern des HERRN Weisheit, was dem Cyrus den Sieg verlieh und es ihm ins Herz gab, das Volk Israel frei zu lassen. Vergl. Jes. 45,1 ff. John Hume 1628.
  Warum steht: die Gefangenschaft Zions, und nicht die Jerusalems oder Judas? Zion war doch nur ein Hügel in Jerusalem. Warum wird dieser Hügel so hoch geehrt? Aus keiner andern Ursache, als weil auf ihm der Tempel erbaut war. Um dessen willen liebet der HERR die Tore Zions über alle andern Wohnstätten Jakobs (Ps. 87,2). Darum geht ihm auch Zions Gefangenschaft so sonderlich nahe und bereitet ihm Zions Befreiung solch hohe Freude. Und dementsprechend kamen auch den Israeliten an den Wassern zu Babel die Tränen sonderlich, wenn sie an Zion gedachten (Ps. 137,1), und freuten die Gottseligen sich, wenn man ihnen sagte: Lasst uns (nicht: zu unsern Häusern, sondern:) zum Hause des HERRN gehen (Ps. 122,1). Bischof L. Andrews † 1626.
  Die Gefangenen. Denkt etwa einer: Wir sind doch nicht gefangen? Ich möchte antworten: Ach, wohl dir, wenn du frei bist! - Ist einer, der sich frei fühlt und nicht in der Fremde? Ist einer auf Erden, der, geistig wach und nüchtern, sagen könnte: Ich bin in meinem Element daheim, ich bin, was ich sein, und besitze, was ich haben möchte, es kann für mich nichts Höheres geben, was ich wünschen oder begehren möchte? - Das wäre ein überschwänglich großer Mensch, oder es müsste der gemeinste, elendeste Mensch sein. Ist’s uns nicht, als wären wir von Gott, dem Quell alles Lichtes und alles Guten, und aus seiner Welt der Liebe und des Friedens weg in eine andere, fremde Welt hineingeführt, die nicht Gottes, die, ich möchte sagen, des Argen ist? Sind wir daheim - wir in unserm Elemente? -, wir, mit dieser Ahnung des ewigen Lebens im Herzen, mit diesem Gottesgefühl und mit diesem Gefühl der Sünde? - Wir daheim, mit diesem Durst nach Ruhe und Frieden und unter lauter Unruhe und Unfrieden - wir daheim? Ach, und tappen in Unwissenheit und Irrtum, schmachten und seufzen unter so mancher Last, der eine unter dem Druck der Armut, der andere unter dem Fluch des Reichtums und dem Gefühl: all der Überfluss lässt mich leer, bei dem allen verschmachte und darbe ich, es füllt die Seele nicht aus! Ein anderer ist mitten unter Menschen allein, nicht eine Seele um ihn, die ihn versteht, nicht ein Herz, dem er sein Herz ausschütten, damit es Worte des Trostes und der Liebe in sein verwundetes Gemüt hinübersprechen könnte. Und Tausende leiden Unrecht, leiden unter der Tyrannei und all dem Drucke, der in der Welt ist: o Gott, wie weit sind wir noch von der Freiheit entfernt! Selig die Seele, die dies noch fühlt und in der Hoffnung frohlockt: Ja, wir sind Gefangene, aber wohl uns, uns ist die Erlösung verheißen, und dann soll auch unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein, dann werden wir sein wie die Träumenden! Gottfr. Menken † 1831.
  Waren wir wie Träumende. (Grundt.) Meint der Dichter damit: Die lange siebzigjährige Leidenszeit lag hinter uns wie ein entschwundener Traum (Joseph Kimchi † 1175), oder: Die plötzlich angebrochene Erlösung schien uns anfangs nicht Wirklichkeit, sondern ein schöner Traum zu sein? Der Wortlaut ist für Letzteres: wie solches nicht wirklich Erlebende, sondern nur Träumende. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Gott sendet den Gottseligen in der Zeit der Not oft solche Hilfe und Befreiung, dass sie gar manchmal selber die Wirklichkeit derselben bezweifeln und meinen, dass sie die Befreiung nur träumen. Als Petrus aus dem Gefängnis befreit wurde durch den Engel, da war ihm wie einem Träumenden, trotz all dem Licht, das in dem Kerker erstrahlte, obwohl der Engel ihn an die Seite schlug und ihm befahl, sogleich aufzustehen, obwohl die Fesseln ihm von den Händen fielen, obwohl der Engel ihm wieder befahl: "Gürte dich, zieh deine Schuhe an, wirf deinen Mantel um!" obwohl er ihn wohlbehalten an den verschiedenen Wachen vorbei führte und durch das eiserne Tor, das das Gefängnis verschloss. "Er ging hinaus und folgte und wusste nicht, dass wahr sei, was durch den Engel geschah, sondern es schien ihm, er sähe ein Gesicht." (Apg. 12,9 .) Als dem alten Erzvater Jakob von seinen Söhnen berichtet ward: "Joseph ist noch am Leben und ist sogar Herr über ganz Ägyptenland", da wurde er ganz starr, denn er konnte ihnen nicht glauben. Erst als sie ihm alle Worte Josephs berichteten und er die Wagen erblickte, die ihm Joseph gesandt hatte, um ihn hinzubringen, da kam wieder Leben in ihn, da war’s, als ob er aus einem Schlaf sich erhöbe, von einem Traum erwachte, und er rief aus: Ich habe genug, mein Sohn Joseph lebt noch! Ich will hin und ihn sehen, ehe ich sterbe! (1. Mose 45,26 ff.) Ging es den Jüngern und Jüngerinnen nach der Auferstehung des Herrn nicht ähnlich? Vergl. Mk. 16,8.11; Mt. 28,17 . Warum sagten die Frauen niemand etwas? Warum zweifelten etliche der Jünger noch, als der Auferstandene selber vor ihnen stand? Ach, sie fürchteten offenbar, das Große sei zu herrlich, um wahr zu sein, und zagten, sie würden am Ende durch eine Erscheinung betrogen. John Hume 1628.
  Ähnlich erging es den Griechen, als der römische Feldherr T. Quintius Flamininus ihnen nach der Besiegung Philipps von Mazedonien (in der Schlacht bei Kynoskephalä 197 v. Chr.) bei der Feier der isthmischen Spiele im Namen des römischen Volkes durch den Herold verkündigen ließ, dass alle bisher vom mazedonischen Joch gedrückten Griechen hinfort frei und niemand steuerpflichtig sein sollten. Livius erzählt, die frohe Kunde, die der Herold verkündigt, sei zu groß gewesen, als dass sie sie alsbald hätten aufnehmen können. Sie konnten kaum glauben, dass sie recht gehört hätten. In starrem Staunen sahen sie einander an; es war ihnen, als wären sie am Träumen. Dann aber brach ein ungeheurer Jubel aus, und sie umdrängten den Flamininus in solchem Sturm, um ihm zu danken und womöglich ihm die Hand zu drücken, dass nur seine Jugendkraft ihn davor schützte, von der jubelnden Menge erdrückt zu werden. (Sie ahnten freilich nicht, dass das alles nur feine Berechnung war und ihre Retter die Freiheit, die sie ihnen geschenkt, bald in neue Knechtschaft verwandeln würden.) - Nach J. Le Clerc † 1736.
  Man vergleiche auch die mancherlei bewegenden Auftritte bei der Verkündigung der Freiheit der Negersklaven in Jamaika und andern Ländern Amerikas. Während wir hierfür auf andere Quellen verweisen müssen, können wir es uns nicht versagen, den folgenden kleinen Auszug aus dem neuesten Boten aus Zion, der Quartalsschrift des syrischen Waisenhauses in Jerusalem, einzufügen, der uns in dem Augenblicke zugeht, da dieser Psalm gedruckt wird. - J. M.
  Seit Abgang unseres letzten "Boten" hat sich wie ein Blitz aus heiterem Himmel im türkischen Reiche die politische Umwälzung vollzogen, über die alle Welt staunt. Die Bevölkerung benahm sich, als die Kunde davon hierher nach Jerusalem gelangte, wie ein Träumender, der aus dem Schlaf aufgeweckt worden ist: sie wusste nicht, wie ihr geschah, begriff zuerst auch nicht recht, um was es sich handelte. An andern Orten wurden große und ausgelassene Freudenfeste gefeiert; hier brauchte man acht Tage, um allmählich von dem Staunen über das Unglaubliche, das geschehen war, zu erwachen. Dann setzte man sich zum Feiern auch hier in Bewegung; es wurde beflaggt, bekränzt, illuminiert, gesungen und musiziert. ... Mohammedaner, Christen und Juden zogen Arm in Arm auf den Tempelplatz, um dort die Nationalfahne abzuholen, und um sie geschart, eine Beifalls-Demonstration vor dem Pascha in Szene zu setzen usw. Direktor Pastor Th. Schneller, 27. Okt. 1908.
  Es war kein Traum; es war Jakobs Traum, zur Wirklichkeit geworden. Es war die Verheißung: "Ich will dich wieder herbringen in dies Land" (1. Mose 28,15), erfüllt weit über alles, was sie gehofft hatten. D. William Kay 1871.
V. 2. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dieser Psalm hat sonderliche prächtige Reden, darum gebraucht er auch viel Figuren; denn er die Predigt des Evangelii ein Lachen nennet. Wie wir es denn vor nichts anders denn vor Freude, Triumph und Lachen halten sollen, sonderlichen wenn man es gegen das Gesetz halten will, das erschrecket und tötet, und soll die steinernen Herzen deren Unbußfertigen zerknirschen und erweichen. Dieser Unterschied des Gesetzes und Evangelii ist wohl gebräuchlich, wird aber nicht also ins Werk gesetzet. Denn wir sein so schwach, dass uns der Gedanke von der Sünde und Tod viel eher das Herze rühret, denn das Lachen und die Freude des Evangelii. Der aufgesperrte Rachen der Hölle erschrecket uns mehr, denn uns der geöffnete Himmel erfreuet, und ein einiger Gedanke von unserer Sünde erwecket in uns mehr Traurigkeit, denn alle Predigten von dem Verdienste Christi uns erfreuen. Darum sollen wir uns befleißigen, dass wir diese Übung nur ein wenig lernen, und uns mit diesen Worten trösten, dass das Evangelium ein Lachen und Frohlocken sei, welches eigentlich die Gefangenen angehet, d. i. die, so der Sünde und des Todes Gefängnis fühlen. Dieselben sind Schüler, in welcher Herzen dies Lachen soll gepflanzet werden. Und das geschieht durch des Heiligen Geistes Wirkung. - Ihre Zunge ist Weinens und Trauerns voll, von wegen des Herzens, welches durch das Fühlen der Sünde und des Todes erschrecket worden ist. Dies ist Mosis Zunge und Mund, voll Wermut und Bitterkeit des Todes, damit er diejenigen ertöten soll, so gar zu frech und sicher sein und Gott verachten; die andern aber, welche ihr Gefängnis erkennen, derselbigen Mund soll voll Lachens und Wonne sein, d. i. ihnen soll durch das Evangelium Erlösung von Sünde und Tode, so durch das Blut Christi erworben, geprediget werden. Dies ist des Heiligen Geistes Meinung, dass ihr Mund voll Lachens sein soll, d. i. soll nichts anders rühmen und sagen, denn die höchste Freude und das Triumphgeschrei von dem Herrn Christus, der den Satan und Tod überwunden und für unsere Sünde bezahlet hat. Denn dass er saget, unser Mund wird voll Lachens sein, zeiget er nicht allein an, dass daselbst eine Stimme und Geschrei sein wird, sondern dass der Mund nichts anders schallen wird, denn nur eitel Lachen und die tröstliche Predigt des Evangelii. Also wird unsere Zunge, d. i. unser Rühmen und Predigt, voll Jauchzen sein, d. i., das ganze Predigtamt wird tröstlich sein. D. Martin Luther 1533.
  Da ward unser Mund voll Lachens. (Grundt.) So war’s im Eichgrunde (1. Samuel 17,2), als Goliath fiel und die Philister flohen. So war’s in Baal-Perazim (siehe 2. Samuel 5,20). So war’s an jenem Morgen, da Jerusalem nach vielen düsteren Nächten beim Tagesgrauen erwachte und Sanheribs Heerlager ein großes Leichenfeld war (Jes. 37,36). Und immer wieder wird der HERR solche Großtaten tun, bis aller Kampf ein Ende hat. Andrew A. Bonar 1859.
  Sie, die Gegenstand des Gelächters gewesen waren, lachen nun, und ein neues Lied ist in ihrem Munde. Ihr Lachen ist ein Lachen der Freude in Gott, nicht ein Lachen des Hohnes über ihre Feinde. Mt. Henry † 1714
  Willst du ein probates Mittel zu seligem, heiligem Lachen wissen? Hier hast du es: l) Liege etliche Wochen im Gefängnis. 2) Höre den HERRN den Schlüssel drehen. 3) Folge ihm heraus aus dem Kerker auf den Weg des Lebens. 4) Dann wird der Himmel dir plötzlich in heiterem Sonnenschein glänzen und dein Herz mit Gesang und Lachen überwallen. 5) Dünkt dich aber dies Rezept zu kostspielig, so suche auf dem Weg des Lebens zu bleiben! W. B. Haynes 1885.
  Da sagte man unter den Heiden. Was sagte man denn? Treffliches (wie denn die Heiden gar oft Treffliches gesagt haben). 1) Die Dinge, die da geschehen sind, seien nicht alltägliche, gewöhnliche, sondern große Dinge. 2) Sie schreiben diese großen Dinge nicht dem Zufall zu; die Dinge haben sich nicht begeben, sondern sind getan worden. 3) Gott selber hat sie getan; die Heiden sehen Gott in diesen Ereignissen. 4) Gott hat sie nicht willkürlich getan, ohne bestimmten Zweck, sondern absichtlich für Israel hat er sie gewirkt: an ihnen. 5) Sie preisen die Größe des HERRN, die sich in diesen Taten erwiesen: Der HERR hat groß gehandelt in dem, was er an ihnen getan. - Schade, dass die Heiden, und nicht die Juden, diese Worte zuerst redeten. Aber jetzt, da sie die Heiden solches sagen hören und finden, dass es alles wahr ist, fühlen sich doch auch die Juden verpflichtet, mindestens ebenso viel zu sagen. Mehr können sie ja auch nicht sagen, denn ein Mehr gibt es nicht. Also so viel und nicht weniger als jene. Und das gibt dieser Rede noch besonderes Gewicht, dass sie unter den Heiden so laut erschallte, dass sie unter der Judenschaft solches Echo erweckte. Bischof L. Andrews † 1626.
  Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Lobe, das die Heiden gezwungenerweise Gott geben müssen, und demjenigen, welches das Volk Gottes aus freiem Herzenstriebe ihm darbringt. Die einen reden als solche, die an der Gnadenerweisung kein Teil noch Erbe haben (an ihnen), die andern als diejenigen, für welche die Gnadenerweisung bestimmt ist, und die daran persönlich teilhaben (an uns). David Dickson † 1662.
  Dass der HERR auch bei den Heiden zur Anerkennung kam, diese Erfüllung von Joel 2,20.21; Jes. 45,14; 52,10 war ganz besonders erhebend; es war der Anfang der Aufrichtung des Universal-Gottesreiches. Prof. D. Fr. W. Schultz 1888.
V. 3. An uns. Wer waren wir, mochte Zion sagen, wir, die wir froh sein mussten, wenn wir unseren Feinden den Staub der Füße lecken durften, dass der Herr Himmels und der Erde so gnadenreich uns anblickte? Die Niedrigkeit des Empfängers beweist die Großmut des Gebers. Auch die vorzüglichsten Menschen sind nur Kinder des Staubes. Und dennoch hat der HERR Großes an uns getan! Das macht dies Große noch größer. Tat er es, weil wir sein Volk, seine Auserwählten waren? Ja, überschwänglich reiche Gnade war es, dass er uns aus den andern erwählte; aber desto himmelschreiender war doch auch unsere schamlose Undankbarkeit, dass wir ihn also reizten, bis er gezwungen war, uns in die Verbannung dahinzugeben. Oder war es vielleicht unsere Demütigung in der verzweifelt traurigen Lage, was ihn zu solch großem Erbarmen bewegte? Ach, es gab doch eine ganze Auswahl von Nationen, die er an unserer Statt hätte nehmen können, und die sich vielleicht dankbarer und treuer erwiesen hätten als wir, wenn sie nur die Hälfte der Vergünstigungen bekommen hätten, die wir genossen haben. Oder tat der HERR es um seines Bundes willen mit unseren Vätern? Ach, das Anrecht an diesen Bund haben wir längst verscherzt. Darum können wir, wenn wir auf uns blicken, nicht anders, als das als das Größte von dem Großen ansehen, das er getan, dass er es an uns, ja an uns, den so tief Unwürdigen, getan hat! M. Harris 1639.
V. 4. HERR, wende unsere Gefangenschaft! Ein Gebet um die Vollendung der Befreiung des Volkes. Mögen diejenigen, welche schon ins Land der Väter heimgekehrt sind, von den schweren Bürden und Nöten befreit werden, darunter sie noch seufzen. Und mögen diejenigen, die noch in Babel zurückgeblieben sind, im Herzen dazu angeregt werden, von der gewährten Befreiung Gebrauch zu machen, ebenso wie es bei uns der Fall war. Wo Gott ein Gnadenwerk begonnen hat, da ist uns das eine Ermutigung, um die Vollendung desselben zu bitten. Solange wir in dieser Welt sind, wird immer noch Raum zum Bitten sein, selbst dann, wenn wir überreifen Anlass zum Danken und Lobpreisen haben. Und genießen wir selber Freiheit und Wohlergehen, so dürfen wir unserer Brüder nicht vergessen, die in Not und Drangsal sind. Mt. Henry † 1714.
  Noch ist das macht- und gnadenreich begonnene Werk (V. 3) nicht vollendet; die bis jetzt Zurückgekehrten, aus deren Herzen dieser Psalm gedichtet ist, sind im Verhältnis zum Gesamtvolke nur wie ein kleiner Vortrab. O führe zurück, HERR, unsere Weggeführten, wie Regenbäche im Mittagsland! Wie wir Jes. 49,18 lesen, dass Jerusalem sich nach ihren Kindern sehnt und Jahve ihr zuschwört: "Sie alle sollst du antun wie Geschmeide und dir umgürten wie eine Braut", so denkt sich der Dichter hier, dass das Heilige Land nach reichlichem neubelebendem Bevölkerungszufluss sich sehnt, wie das judäische (1. Mose 20,1) und überhaupt das nach der Sinaiwüste hin gelegene Südland nach den zur Sommerszeit verschwindenden und zur Winterszeit regelmäßig wiederkehrenden Regenwasserströmen lechzet. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Wende, Jahve, unser Geschick gleich Regenbächen im Südland. Wie Jahve jenen Bächen ihr Wasser wiedergibt und damit dem Lande neue Fruchtbarkeit verleiht, so, bittet der Sänger, möge er auch der jetzt unter der Glut und der Dürre der Not lechzenden Gemeinde die Ströme seiner Gnade wieder zuwenden und ihr damit neues Gedeihen schenken. V. 5 geht die Bitte in den Ausdruck freudiger Gewissheit über. Prof. D. Fr. Bäthgen 1904.
V. 5. Die mit Tränen säen. Ich habe zwar nie die Leute buchstäblich mit Tränen säen gesehen, wohl aber habe ich es sie oft mit so viel Sorge und Kummer tun sehen, als hinreichen würde, einem jeden Auge Tränen auszupressen. In Zeiten großen Mangels trennen sich die armen Landleute nur schweren Herzens von jedem Mäßchen Korn, das sie in die Erde streuen sollen; es ist ihnen, als nähmen sie damit ihren Kindern das Brot vom Munde weg, und in solchen Zeiten wird gewiss buchstäblich manche bittere Träne darüber vergossen. Die Not ist nicht selten so groß, dass die Regierung sich genötigt sieht, Saatkorn auszuteilen, weil sonst nichts gesät werden würde. Ibrahim Pascha hat das, allein solange meine Erinnerung reicht, mehr denn einmal getan, vielleicht in Nachahmung seines großen Vorgängers in Ägypten bei der siebenjährigen Teuerung. - Vielleicht sind die Gedanken unseres Psalms auch durch die großen Gefahren hervorgerufen, welche den Landmann oft beim Pflügen und Säen bedrohen. Das Unglück, das den Knechten Hiobs begegnete, als die Rinder pflügten und die Eselinnen daneben an der Weide gingen und plötzlich die Sabäer einen Überfall machten und das Vieh raubten, die Knechte aber mit der Schärfe des Schwertes erschlugen (Hiob 1,14 f.), wiederholt sich noch heutzutage. Das pflügbare Land befindet sich nämlich oft weit von den Ortschaften weg im offenen Land. So haben z. B. die Bewohner von Ibel und Kiem ihre besten Kornfelder ein bis zwei Stunden weit von ihren Heimstätten weg, in der Nähe der Wüste, wohin der Arm des Gesetzes nicht reicht. Ist es nun unruhig im Lande oder ist die Regierung schwach, so können die Leute diese Ländereien nur mit Lebensgefahr bestellen. In der Tat gehen sie stets nur in zahlreichem Trupp zur Arbeit aus und vollständig bewaffnet, zu jeder Minute in Bereitschaft, den Pflug fahren zu lassen und die Flinte anzulegen, und trotz dieser Vorsichtsmaßregeln kommt manch schweres Leid über diese Leute, die so mit Tränen säen müssen. - Noch einen anderen Anlass zu dem Gedanken des Psalms kann man in den großen Schwierigkeiten finden, die der Acker selbst an vielen Orten seiner Bearbeitung entgegenstellt. Der Boden ist oft felsig oder sonst fast unbrauchbar oder von scharfem Dorngestrüpp überwuchert, und es braucht unsäglich viel mühsame Arbeit, um die Feldstücke zu zerbrechen und herauszuschaffen, die Dornen zu zerhauen und zu verbrennen und den widerspenstigen Boden zu bezwingen, zumal mit den schwächlichen Rindern und den primitiven Pflügen, mit denen die Fellahs die Arbeit tun müssen. Nehmen wir das alles zusammen, wie herrlich klingt dann die Verheißung, dass der Ackermann, der solch mühevolle Arbeit tut, indem er in Kälte und Regen, in Furcht und Gefahr, in Armut und Mangel seinen kostbaren Samen in den Boden streut, gewisslich zur Erntezeit mit Jubel wiederkommen wird, seine Garben tragend. W. M. Thomson 1859.
  Die herrliche Verheißung voll tiefen Inhalts wird dargestellt unter Bildern, die den lehrreichen Vorgängen des Landlebens entlehnt sind. Im Schweiße seines Angesichtes bestellt der Landmann sein Feld und wirft den Samen in die Erde, wo er eine Weile wie tot und begraben liegt. Ein dunkler, trüber Winter folgt, und alles scheint verloren; aber bei der Wiederkehr des Frühjahrs erwacht die ganze Natur zu neuem Leben, und die einst öden Felder bedecken sich mit wogendem Getreide, das, nachdem die Sonnenhitze es zum Reifen gebracht hat, von fröhlichen Schnittern gemäht und mit Frohlocken heimgeführt wird. Siehe, o Jünger Jesu, dies Sinnbild deiner gegenwärtigen Arbeit und deines künftigen Lohnes! Du "säst" vielleicht recht "mit Tränen". Du vollbringst deine Pflichten unter Verfolgung, Anfeindung, Trübsal, Krankheit, Sorgen und Herzeleid. Du wirkst in der Gemeinde, und man schätzt deine Mühen nicht, und es scheint kein Nutzen daraus hervorzukommen. Ja du musst sogar selber in den Staub der Erde sinken, und all die Stürme des langen Todeswinters müssen über dich brausen; dein Leib vergeht, ein Raub der Verwesung. Dennoch naht der Tag, da du mit Freuden ernten wirst, und reich soll deine Ernte sein. Denn siehe, auch dein Herr und Meister ging hienieden hin mit Weinen, als der Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut, trug edlen Samen und säte ihn aus um sich her, bis am Ende sein Leib gleich dem Weizenkorn in die Erde gebettet ward. Aber er stand auf aus dem Grabe und ist nun im Himmel, von wannen er einst gewisslich kommen wird mit Jauchzen, mit der Stimme der Erzengel und der Posaune Gottes, bringend seine Garben. Dann wird jedermann die Frucht seiner Arbeit genießen. Bischof D. G. Horne † 1792.
  Es gibt Tränen, die selber ein Same sind, den wir aussäen müssen: Tränen des Herzeleids um eigene und fremde Sünde, Tränen des Mitgefühls für die bedrängte Gemeine des HERRN, und Tränen heiliger Liebe zu den noch nicht Geretteten, beim Gebet und bei der Verkündigung des Wortes. Mt. Henry † 1714.
  Tränen, die aus göttlicher Traurigkeit kommen, sind nicht verloren; sie sind Samenkörner des Trostes. Während der Bußfertige Tränen vergießt, gießt Gott Freude in sein Herz. Wenn du fröhlich werden möchtest, sagt Chrysostomus, so trage Leid. Dazu ward Christus gesalbt mit dem Öl der Freuden, damit er den Traurigen Freude gebe. Da kann der Apostel wohl solche Buße eine Reue nennen, die niemand gereut (2.Kor. 7,10). Hier kommt süße Frucht aus einer bitteren Wurzel. Solch Wasser der Tränen verwandelt Christus in Wein der Freude. Heilige Traurigkeit, sagt Basil, ist der Same, aus dem die Blume der ewigen Freude sprießt. Thomas Watson 1660.
V. 5.6. Unter denen, die in Tränen säen, werden nicht die Exulanten, sondern die Heimgekehrten zu verstehen sein, die den heimatlichen Boden wieder bestellen, und zwar mit Tränen, weil das Erdreich ausgetrocknet ist und wenig Hoffnung gibt, dass der Same aufgehe. Aber dieser tränenvollen Aussaat wird eine Freudenernte folgen. Man erinnert sich dabei der Dürre und des Misswachses, womit die neue Kolonie zur Zeit Haggais heimgesucht ward, und des vom Propheten daraufhin, dass das Werk des Tempelbaues rüstig fortgesetzt werde, verheißenen künftigen Segens. Hier aber ist die tränenvolle Aussaat nur ein Bild der neuen Grundlegung, welche unter kümmerlichen und gedrückten Verhältnissen wirklich nicht ohne viele Tränen (Esra 3,12) vor sich ging; im Allgemeinen aber deckt sich das Psalmwort mit dem Worte des Bergpredigers Mt. 5,4: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Subjekt zu V. 6 ist der Landmann, und ohne Bild jedes Mitglied der ecclesia pressa (der vielbedrückten Gemeinde). Das Hebräische (die Gerundivkonstruktion) malt 6a das andauernde Dahingehen, hier Hin- und Wiedergeben des leidvoll in sich Gekehrten, 6b das zweifellose Kommen und sichere Auftreten des über Erwarten Hochbeglückten. Jener trägt den Saatwurf (den zum Auswerfen in die Furchen bestimmten Samen), dieser seine Garben, den beschämenden Ertrag seiner, wie es ihm schien, aussichtslosen Aussaat. Wie unter der Aussaat alles zu verstehen ist, was der Einzelne zum Bau des Reiches Gottes beiträgt, so unter den Garben die heilsame Frucht, welche, indem Gott über Bitten und Verstehen sein Gedeihen dazu gibt, daraus hervorwächst. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 6. Und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Die geistliche Ernte kommt nicht für alle gleich bald, so wenig als die natürliche. Aber Gott hat’s gesagt, dass nicht aufhören solle Same und Ernte (1. Mose 8,22). Und die geistliche Ernte ist noch gewisser; denn jene nach der Sintflut gesprochene Verheißung war der Menschheit im Ganzen gegeben, nicht für jedes Land, Ort oder Feld im Besonderen, so dass es Einzelnen an einer Ernte gebrechen kann und Gott dabei dennoch sein Wort hält. Seine Verheißung der geistlichen Freudenernte würde Gott aber nicht erfüllen, wenn auch nur irgendein einziger Gottseliger, der jetzt mit Tränen sät, für immer ohne eine Zeit der Freudenernte ausgehen sollte. Viele denken gering von dem Evangelium und denen, die sich dazu bekennen, weil jetzt die Zeit ist, da mit Tränen gesät wird; aber sieh nicht auf den Anfang, sondern auf das Ende des Christenlebens, dieses Ende ohne Ende, auf den ewigen Frieden und die ewige Freude, die des treuen Christen harren. W. Gurnall † 1679.
  Bei dem doch nur beschränkten Kreise der Erfahrungen, die ich durch Lesen oder Hören und Sehen gesammelt habe, habe ich dennoch gefunden, dass Saatkorn, das in Zeiten der Teuerung und großen Mangels ausgestreut worden ist, oft viel reicheren Ertrag gegeben hat als in gewöhnlichen Jahren, so dass oft alsbald nach großem Mangel eine über alles Erwarten reiche Fülle von Getreide denen zuteil ward, die unter viel Tränen gesät hatten. - Beachten wir auch die allen Zweifel ausschließende Gewissheit der Verheißung. Da ist nichts von Unsicherheit, Zufälligkeit oder Möglichkeit, sondern die Zusage ist schlechterdings gewiss, und wir wissen, dass wohl Himmel und Erde vergehen werden, aber kein Tüttelchen von Gottes Wort. Nichts wird die Ernte dessen, der in Zions Weinberg treu gearbeitet hat, vereiteln können. Humphrey Hardwick 1644.
  In welch tiefem Sinn gilt das Wort von dem Mann der Schmerzen selbst! Den Gläubigen ist er wohlbekannt als der, der mit Tränen säte. In schwerer Arbeit und Mühsal seiner Seele hat er die Saatzeit des Leidens vollbracht, die eine reiche Ernte bringen wird, wenn er wieder erscheinen wird, um selber den Lohn seiner Schmerzen einzuheimsen. Reiche Garben wird er an jenem Freudentage heimtragen. Seine Scheuern werden voll werden. In eben dem Maße, als seine Leiden das Maß menschlichen Kummers überstiegen, als er sich um unsertwillen jenen schrecklichen Wirklichkeiten des Todes und Gerichtes unterzog, in eben demselben Maße wird die Fülle seiner reinen Freude als dessen, von dem nun ewig Segen auf die Seinen strömt, die Freude der Gläubigen (die doch wahrlich keine geringe ist!) übertreffen, deren ganzes Glück darin beschlossen ist, dass sie ewig bei dem HERRN sein werden. Arthur Pridham 1869.
  Dieser sechste Vers malt treffend auch das Leben der rechten Diener des Evangeliums. Sie gehen aus mit dem lebenskräftigen Samen des Wortes; sie säen es aus als kostbare Saat und bewässern diese mit viel Gebet und Tränen. Des HERRN Segen begleitet sie, er krönt ihre Arbeit mit Erfolg und besiegelt damit ihre Berufung zum Dienst. Und an jenem großen Tage werden sie gewisslich aus den Gräbern kommen mit Freuden, ihre Garben tragend, und der HERR wird sie begrüßen mit den Worten: Gut, du braver und getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Freude! S. E. Pierce † 1829.
  Sie gehen hin. Die Gemeine des HERRN darf diesen edlen Samen nicht nur in ihrem Vorratshause bereit halten für diejenigen, die kommen und darum fragen, sondern sie muss ihre Säeleute ausschicken, dass sie den Samen ausstreuen auch unter denen, die dessen Wert nicht kennen oder zu gleichgültig sind, sich darum zu bemühen. Sie darf nicht müßig sitzen und Tränen vergießen über die Menschen, die sich nicht an sie wenden wollen, sondern muss hingehen und unter viel Beschwerde und Tränen den Samen ausstreuen auch unter den Abgeneigten, den Gleichgültigen, den in Vorurteilen Befangenen und den Verkommenen. Edwin Sidney 1840.
  Das Weinen darf uns vom Säen nicht abhalten; müssen wir auch Übel leiden, so sollen wir beharren im Wohltun. Mt. Henry † 1714.
  Das Saatkorn ist immer das beste, teuerste; dennoch sät der Landmann es aus, und wenn er es in teuren Zeiten sich und den Seinen am Munde absparen muss, und er tut’s, obwohl die Saat manchen Gefahren ausgesetzt ist. Auch wir müssen oft um der Sache Gottes willen vieles wagen und darangeben, Häuser, Länder, ja das Leben verlieren, lieber als dass Gottes Werk versäumt wird oder wir in Gefahr kommen, unsere Seele zu verlieren. Alex. Henderson † 1646.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Frohe Erinnerung an das, was der HERR getan: Er wendete die Gefangenschaft. 2) Seltsame Wirkung dieses Erlebnisses auf das Gemüt: Wir konnten fast nicht glauben, dass es wahr sei. 3) Herrliche Entdeckung: Es ist dennoch wahr und eine dauernde Befreiung usw.
  Ein Vergleich und ein Gegensatz. I. Die Erlösten des HERRN gleich Träumenden 1) in der Seltsamkeit ihrer Erlebnisse, 2) in der Entzückung ihrer Freude. II. Die Erlösten ungleich den Träumenden: 1) Träume sind Schäume, des HERRN Tun vollste Wirklichkeit. 2) Dieser Entzückung folgte keine Enttäuschung, kein Erwachen, um zu entdecken, dass es nur ein Traum sei (vergl. Jes. 29,8). 3) Die Freuden von Träumen sind bald vergessen; diese Freude hingegen ist ewige Freude (Jes. 35,10). W. H. Page 1885.
V. 2. Heiliges Lachen. Wodurch es hervorgerufen wird, und wie es sich rechtfertigt.
V. 2.3. 1) Das Gerücht von Gottes wunderbarem Tun. 2) Das eigene Erfahren desselben.
  1) Der HERR tut große Dinge für sein Volk. 2) Diese großen Taten erzwingen die Aufmerksamkeit der Welt. 3) Sie erwecken die freudige Anbetung der Gotteskinder. W. H. Page 1885.
V. 3. Der HERR hat Großes an uns getan. In diesem Bekenntnis sind drei bemerkenswerte Stücke der Danksagung enthalten. 1) Dass es große Dinge seien, die da geschehen sind. 2) Wer sie gewirkt habe: der HERR, er selbst. 3) Dass sie nicht wider uns, sondern für uns und an uns geschehen seien. Alex. Henderson † 1646.
V. 4. Wir sehen hier Gläubige, die sich ihrer eigenen Erlösung freuen, eifrig darum besorgt, dass die ganze Gemeinde des HERRN des Segensreichtums teilhaftig werde. Siehe den Zusammenhang von V. 4 mit V. 1-3 . Beherzigen wir denn: 1) Zweifelnde und zagende Gemüter sind zu viel um sich selbst bekümmert und zu sehr damit beschäftigt, für sich selber Trost zu suchen, als dass sie noch Gedanken und Tatkraft für das Wohl der Gemeine im Ganzen übrig hätten. 2) Fröhliche Gläubige kennen, wenn ihre Fröhlichkeit wirklich aus der rechten Quelle stammt, mehr von der dringenden Macht der Liebe Christi (2.Kor. 5,14), die sie dann auch mit größerem Eifer erfüllt um die Ehre des HERRN und die Ausbreitung seines Reiches. 3) Fröhliche Herzen vermögen den Abstand und Gegensatz mehr zu schätzen zwischen ihrem eigenen Glück und dem unglücklichen Zustande derer, die noch nicht befreit sind, und können daher eben um dieser unglücklichen Gefangenen willen nicht anders, als für das Wohl der Gemeine des HERRN flehen, durch deren Dienst ja die Gebundenen befreit werden sollen. 4) Solche Seelen, die sich im HERRN freuen, sind auch im Allgemeinen diejenigen, welche am meisten Glauben und Hoffnung haben; und ihre Erwartung des Erfolges treibt sie ins Gebet und ermuntert sie zu ernsten Anstrengungen. John Field 1885.
V. 5. Der Christ als Ackermann. I. Lasst uns das Bild näher betrachten. Der Landmann hat vielerlei Arbeit zu vollbringen; jede Jahreszeit und jeder Tag bringen wieder ihre besonderen Aufgaben. So hat auch der Christ vielerlei Pflichten, im Kämmerlein, in der Familie, in der Gemeinde des HERRN, in der Welt usw. II. Woher kommt es, dass viele Christen mit Tränen säen? Es kann liegen 1) an dem schlechten Boden, 2) an der rauhen Witterung, 3) an der Bosheit und dem Widerstand von Feinden, 4) an früheren Enttäuschungen. III. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Tränensaat und Freudenernte? 1) Eine freudenreiche Ernte ist unter Gottes Segen die natürliche Folge einer an Schweiß, ja Tränen reichen Saatzeit. 2) Gott, der nicht lügen kann, hat solche Freudenernte verheißen. 3) Wann dürfen wir die Freudenernte erwarten? Nicht in dieser winterlichen Weltzeit; ihr mangelt es an der zum Reifen der Frucht nötigen Sonnenwärme. Der Himmel ist des Christen Sommer. Wenn du einst die Früchte deiner gegenwärtigen Trübsale einheimsest, dann wirst du Gott dafür danken, dass er dich mit Tränen säen ließ. - Zum Schluss: 1) Wie tadelnswert ist das Verhalten derjenigen, die in dieser arbeitsreichen Zeit den ganzen Tag müßig stehen! 2) Welch große Vorzüge haben doch die Christen vor den übrigen Menschen in der Welt! 3) Möge die Hoffnung und der Ausblick auf die Freudenernte uns unter all den trüben Wolken und den Nöten und Mühen dieses Tränentales aufrecht halten! Sam. Lavington † 1807.
  Zwei inhaltsreiche Bilder: 1) die Tränensaat, und 2) die Freudenernte.
V. 6. 1) Erst säen, hernach ernten. 2) Was der Mensch sät, das wird er ernten (Gal. 6,7). Wer edlen Samen sät, der wird auch edle Frucht ernten. 3) Das Maß der Ernte steht im Verhältnis zu dem Maße der Aussaat. Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, d. i. reichlich, der wird auch ernten im Segen, d. i. reichlich (2.Kor. 9,6). 4) Das Aussäen mag mit Tränen geschehen müssen, die Ernte aber wird mit Freuden vor sich gehen. 5) Im Verhältnis zu dem Kummer des Säens wird auch die Freude des Erntens sein. G. Rogers 1885.

  In den beiden Teilen dieses Verses finden wir drei Gegensätze: im ersten Gliede 1) gehen, 2) weinen, 3) die Saat zum Auswurf tragend, und dementsprechend im andern Gliede 1) kommen, 2) mit Freuden oder jubelnd, 3) die Garben tragend. John Hume 1628.
  Der Ackermann in Gottes Ackerwerk. I. Seine beschwerliche Säearbeit. 1) Seine Arbeitsamkeit: Er geht hin, den Acker auf und ab. 2) Sein Kummer: mit Weinen. 3) Seine Treue: und sät edlen Samen. II. Seine fröhliche Ernte. 1) Die Gewissheit der Ernte: Er kommt gewisslich wieder, um zu ernten. 2) Seine Freude nach dem Leid: mit Freuden. 3) Sein reicher Lohn: seine Garben tragend. W. H. Page 1885.

Fußnoten

1. Luther hat, wohl wegen V. 4, auch die V. 1-3 nach dem Vorgang etlicher jüdischen Ausleger von der künftigen Rückführung verstanden. Seine Übersetzung ist für
die Anwendung des Psalms auf unsere Christenhoffnung unübertrefflich, und diese prophetische Anwendung als solche ist durchaus berechtigt, denn die ganze Geschichte Israels ist nach ihrer göttlichen Seite typisch-prophetisch. Für die historische Auslegung ist hingegen Luthers Übersetzung unstatthaft, exegetisch sind V. 1.2 so gut wie V. 3 unbedingt von der Vergangenheit zu verstehen und demgemäß zu übersetzen. - J. M.

2. Delitzsch hält an der massor. L. A. tby# fest. hbfy$i (von bW$) bedeute die Rückkehr und dann die Rückkehrenden (vergl. hlOgI die Exulanten). Also: Als heimbrachte Jahve die Heimkehrenden Zions. Die meisten Exegeten halten dagegen tby# für einen alten Schreibfehler statt twb#, das ja auch V. 4 steht. Was eigentlich die genaue Bedeutung der häufigen Redewendung twb# bw# (oder tyb#) sei, das ist übrigens noch immer eine strittige Frage. Manche halten tWb$I: für gleichbedeutend mit ybi$: Gefangenschaft, es wie dieses von hb# gefangen nehmen ableitend, und übersetzen demnach die genannte Redewendung zunächst: die Gefangenschaft wenden, die Gefangenen zurückführen. Der Ausdruck habe jedoch die allgemeine Bedeutung: einen Notstand beendigen, Missgeschick wenden; er sei nicht bloß von der Beendigung einer Gefangenschaft gebräuchlich, Hiob 42,10; Jer. 30,18; Hes. 16,53, auch nicht etwa eine erst nach dem Eintritt des Exils üblich gewordene Redeweise, vgl. noch Am. 9,14; Hos. 6,11; 5. Mose 30,3 (Keßler zu Ps. 14,7). Andere dagegen wollen nur tybi$: 4. Mose 21,29 von hb# gefangen nehmen ableiten, sehen dagegen tWb$: als stat. constr. eines Wortes tWb$f an, das von bW$ herkomme und einfach Wendung bedeute, also twb# bw# (nach dem schema etymologicum) eigentlich: die Wendung wenden, im Sinne von: das Schicksal wenden. Somit kommt man von ganz verschiedenen Ausgangspunkten zu fast gleicher Auffassung des Sinnes. - J. M.

3. H. Keßler übersetzt (1899) mit möglichst genauer Anlehnung an den Grundtext: Man geht und geht mit Weinen, zum Wurf die Aussaat tragend; man kommt und kommt mit Jubel, seine Garben tragend.