Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 122


Überschrift

Der Überschrift nach ist dieser kurze, geistvolle Psalm ein Wallfahrtslied, bestimmt, von dem Volke beim Hinaufziehen zu den heiligen Festen gesungen zu werden, und von David verfasst. Er steht unter diesen Festpilgerliedern an dritter Stelle. Seinem Inhalte nach war er vornehmlich geeignet, in dem Augenblicke angestimmt zu werden, wenn die Pilger die Tore durchschritten hatten und ihre Füße die Stadt selbst betraten. Da war es sehr natürlich, gerade Jerusalem zu besingen und um Frieden und Wohlergehen für die Heilige Stadt zu flehen; war sie doch der gottesdienstliche Mittelpunkt Israels und der Ort, wo der HERR sich am Gnadenstuhl offenbarte. Die Stadt war zu Davids Zeiten noch nicht völlig ausgebaut; nehmen wir dennoch, der Überlieferung folgend, David als Verfasser an, so mag er im prophetischen Geiste so von ihr geschrieben haben, wie sie hernach in Salomos Zeit wurde. Die dichterische Freiheit erlaubt ja, von den Dingen nicht nur zu reden, wie sie sind, sondern wie sie, zur Vollkommenheit gelangt, sein werden. Jerusalem, "die Wohnstatt des Friedens", ist das Stichwort dieses Psalms; im hebräischen Wortlaut desselben finden sich manche schöne Anspielungen auf diesen Namen, wo der Friede auf die Stadt herabgefleht wird. Den Pilgern, die innerhalb der Mauern der Heiligen Stadt standen, diente alles um sie her zur Erklärung der Worte, die sie sangen. Eine Stimme leitete wohl den Gesang, "Ich freute mich", aber zehntausend Brüder und Freunde schlossen sich gewiss dem Vorsänger an und ließen die Worte in mächtigem Chore widerhallen.

Auslegung

1. Ich freute mich über die, so mir sagten:
Lasset uns ins Haus des HERRN gehen!
2. Unsre Füße stehen
in deinen Toren, Jerusalem.
3. Jerusalem ist gebaut,
dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll,
4. da die Stämme hinaufgehen,
die Stämme des HERRN,
wie geboten ist dem Volk Israel,
zu danken dem Namen des HERRN.
5. Denn daselbst stehen die Stühle zum Gericht,
die Stühle des Hauses David.
6. Wünschet Jerusalem Glück!
Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!
7. Es möge Friede sein in deinen Mauern
und Glück in deinen Palästen!
8. Um meiner Brüder und Freunde willen
will ich dir Frieden wünschen.
9. Um des Hauses willen des HERRN, unseres Gottes,
will ich dein Bestes suchen.

1. Ich freute mich über die, so mir sagten: Lasset uns ins Haus des HERRN gehen! Gute Kinder gehen gerne heim ins Vaterhaus und freuen sich, wenn ihre Brüder und Schwestern ihnen rufen, nach Hause zu kommen. Dem Psalmisten war die Anbetung Gottes Herzenssache, und es erfüllte ihn mit hoher Freude, wenn andere ihn einluden, dahin zu gehen, wohin sein Sehnen schon vorauseilte. Auch den Eifrigsten dient es zur Bestärkung in ihrem Eifer, wenn sie von treuen Brüdern zur Erfüllung heiliger Pflichten aufgemuntert werden. Das Wort der Anforderung lautete nicht: "Geh" , sondern: "Lasst uns gehen"; so boten die Worte dem heiligen Sänger Grund zu zwiefacher Freude. Er freute sich darüber um der andern willen, und zwar sowohl darüber, dass sie selber zu gehen wünschten, als auch, dass sie den Freimut und die liebreiche Gesinnung hatten, andere zum Mitgehen einzuladen. Er wusste ja, es würde ihnen reichen Segen bringen; kein größeres Glück kann uns und unsern Freunden zuteil werden, als wenn die Liebe zu dem Ort, da Gottes Ehre wohnt, aller Herzen erfüllt. Was für ein herrlicher Tag wird das sein, wenn viele aus allen Völkern sich aufmachen werden und sprechen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir auf seiner Straße wandeln (Jes. 2,3; Micha 4,2). Aber der Psalmist war auch froh um seiner selbst willen. Die Einladung ins Heiligtum war ihm lieb, der Gedanke, in Gemeinschaft mit andern zu den schönen Gottesdiensten im Hause des HERRN gehen zu dürfen, entzückte ihn, und auch das tat ihm wohl, dass andere so liebreich von ihm dachten, dass sie ihre Einladung auch an ihn richteten. Es gibt ja Leute, die sich durch solche Ansprache beleidigt gefühlt und geantwortet haben würden: "Kümmert euch um eure Sachen; was geht’s euch an, ob ich zum Gottesdienst gehe oder nicht?" So aber dachte David, der König, nicht, wiewohl er in höheren Würden war, als irgendeiner von uns, und es wahrlich weniger bedurfte, an seine religiösen Pflichten erinnert zu werden. Eine Lust, nicht eine Last war es ihm, wenn man in ihn drang, am feierlichen Gottesdienste teilzunehmen. Es machte ihm reine Freude, ins Haus des HERRN zu gehen, Freude, dies in heiliger Gesellschaft zu tun, und Freude, dass Brüder und Schwestern so freudig bereit waren, ihn unter sich zu haben. Vielleicht war er zuvor gerade traurig gewesen; aber dieser beglückende Plan heiterte sein Gemüt auf. Er spitzte die Ohren, wie man wohl sagt, wenn seines Vaters Haus nur erwähnt wurde. Ist es auch bei uns so? Macht es uns Freude, wenn andere uns zum Gottesdienst einladen oder uns ermuntern, uns der Gemeinde des HERRN anzuschließen? Dann werden wir auch einst mit Freuden den Ruf der himmlischen Geister vernehmen, wenn sie uns in das Haus Gottes laden, das nicht mit Händen gemacht ist, sondern ewig ist im Himmel.

  Horch! es flüstert Engelchor!
  Seele, Seele, komm empor!1

  Erfreut es uns schon, wenn andere uns ins Vaterhaus zu kommen rufen, wie viel größer wird erst die Freude sein, wenn wir nun wirklich dahin eingehen! Wir lieben unsern Gott, darum lieben wir auch sein Haus, und mächtige Sehnsucht erfüllt uns, bald die Wohnstatt seiner ewigen Herrlichkeit zu erreichen. Ein betagtes Gotteskind ermunterte sich im Sterben mit diesem augenscheinlichen Beweis des Gnadenstandes, indem sie ausrief: "HERR, ich hatte (hienieden) lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt" und auf Grund dessen dann bat, dass sie nun in die heilige Gemeinschaft derer aufgenommen werde, die immerdar den König sehen in seiner Schöne. Die Freude, mit der schon der Gedanke, in Gottes Haus weilen zu dürfen, uns erfüllt, zeigt in der Tat an, welcher Gesinnung wir im Innersten sind, und sagt voraus, dass wir eines Tages glückselig uns im Vaterhause droben finden werden. Welch herrliches Sabbatlied ist doch dieser Psalm. Im Ausblick auf den Tag des Herrn und all das Liebliche und Heilige, das mit ihm verbunden ist, frohlockt unsere Seele. Wie schön aber passt er auch auf die Gemeinde, das geistliche Haus Gottes! Wie glücklich sind wir, wenn wir Scharen bereit sehen, sich dem Volke Gottes anzuschließen. Besonders der Hirte freut sich, wenn viele sich an ihn wenden mit der Bitte, sie an der Hand zu nehmen und in die Gemeinschaft der Jünger Jesu einzuführen. Nichts ist seinem Ohr erquickender als die bescheidene Bitte: Lass uns ins Haus des HERRN eingehen!

2. Unsre Füße stehen in deinen Toren, Jerusalem. Die Worte zeigen, dass die Pilger nun eben in die Umwallung der heiligen Stadt eingetreten sind und sich mit Wonne dieser Tatsache bewusst werden. Wenn wir wirklich in der Gemeine des HERRN sind, so dürfen wir wohl darüber frohlocken. Stehen unsere Füße in Jerusalem, dann mag unser Mund wohl singen. Außerhalb der Tore der Gottesstadt ist lauter Gefahr und wird eines Tages nichts als Verderben herrschen; innerhalb der Tore aber ist lauter Sicherheit, Seligkeit, Friede und Freude und Herrlichkeit. Die Tore stehen uns offen, dass wir eingehen können, und schließen sich nur für unsere Feinde, dass sie uns nicht nachzugehen vermögen. Der HERR liebt die Tore Zions, und auch wir lieben sie, wenn wir uns innerhalb ihrer befinden. Welch köstliches Vorrecht, ein Bürger von Neu-Jerusalem zu sein! Warum sind wir so hoch bevorzugt? So mancher Füße laufen draußen dahin auf dem breiten Wege oder löcken wider den Stachel, werden von Schlingen festgehalten oder gleiten aus zu furchtbarem Fall; unsre Füße aber stehen, dank der göttlichen Gnade, und zwar in deinen Toren, Jerusalem - welch ehrenvoller Stand -, und werden dort bleiben immerdar - welch ehrenvolle Zukunft!

3. Jerusalem, du auferbaute 2 (so recht) als eine wohlgefügte Stadt (wörtl.: die allzumal in sich verbunden ist). Mit Wonne erfüllt begrüßen die Pilger die geliebte Stadt und preisen sie. "Schaut, da steht Jerusalem, gebaut von dem, sich durch Lieb’ und Macht verklärt!" Zion ist nicht eine menschenleere Bergwildnis, auch nicht ein bloßes Zeltlager oder eine Stadt auf dem Papier, geplant und angefangen, aber nicht vollendet. Gottes Güte gestattete dem israelitischen Volke Frieden und Wohlstand in hinreichendem Maße, dass seine Hauptstadt aufgerichtet und vollendet werden konnte, und in den glücklichen Zeiten blühte diese Stadt, gerade wie die Gemeine des HERRN nur dann auferbaut wird, wenn die Glieder des Volkes Gottes im Großen und Ganzen in fröhlichem Gedeihen stehen. Preis dem HERRN, Jerusalem ist gebaut; er selbst hat durch sein gnadenvolles Erscheinen Zion auferbaut. Auch ist es nicht errichtet als ein Häuflein Lehm- oder Bretterhütten oder ein jedem Feinde offenes Dorf, sondern als eine Stadt, mit gediegenen, nach den Regeln der Kunst erbauten Häusern, und nach einem Plane ausgebaut, wohlgeordnet und befestigt. Die Gemeine des HERRN ist eine feste, aufs Dauern berechnete, hochbedeutsame Gründung, errichtet auf einem Felsen, mit Kunst erbaut und mit Weisheit geordnet. Die irdische Stadt Gottes bestand nicht, wie manche unserer Ortschaften an Flüssen oder in Tälern, aus einer langen, einzeln stehenden Straße, war auch nicht eine Stadt von großartigen Entfernungen, wie man gewisse, infolge der weiten Zwischenräume mehr einem Gerippe ähnliche Orte etwa spöttisch genannt hat, sondern der ihr zugemessene Raum war ganz ausgefüllt, die Häuser bildeten ein geschlossenes Ganzes, eine gediegene, wohlgefügte Einheit. Das mochte den Bewohnern der weit zerstreuten Gehöfte und Dörfer, wenn sie zum Fest nach Jerusalem kamen, wohl auffallen und ihnen die Vorstellung von naher Nachbarschaft, enger Verbindung, festem Bestand und starkem Schutz und Sicherheit aufdrängen. Es war unmöglich, dass etwa ein Gebiet der Stadt von Feinden überrascht und geplündert wurde, während andere Teile derselben von dem Angriff nichts merkten; die Bollwerke umschlossen jeden Teil der Reichshauptstadt, diese bildete eine untrennbare Einheit. Es gab keinen Spalt, keine Ritze in diesem Diamanten, dem Kleinod der Erde, der Perle aller Städte. Auch an einer christlichen Gemeine ist eines der schönsten Merkmale die feste, wohlgefügte innere Einheit in dem einen Herrn, dem einen Glauben, einer Taufe. Eine Gemeine sollte eins sein im Glaubensgrunde und in der Gesinnung des Herzens, eins im Zeugnis und im Dienst, eins in ihrem Trachten und in der teilnehmenden Liebe. Wer in unserem Jerusalem Scheidemauern aufrichten will, der tut ihr großen Schaden; sie braucht festen Zusammenschluss, nicht Teilung. Niemand hat Freude daran, zu den Zusammenkünften einer Gemeinde zu gehen, die durch innere Zwistigkeiten zerrissen ist; dagegen erfreuen sich göttlich gesinnte Naturen dort, wo sie die verbindende Kraft der Liebe und der Einheit des Lebens aus Gott spüren, und es würde sie mit tiefer Wehmut erfüllen, wenn sie je die Gemeine in dem Zustand eines Hauses sehen müssten, das mit sich selbst uneins geworden ist. Bei gewissen christlichen Körperschaften scheint es Regel zu sein, dass sie von Zeit zu Zeit in Stücke zerfliegen, und kein friedliebender Mensch ist gerne da, wenn solche Explosionen stattfinden; da gehen auch die Stämme des HERRN nicht hinauf, denn Streit und Hader üben auf sie keine Anziehungskraft aus.

4. Da die Stämme hinaufgehen, die Stämme des HERRN. Wo Einigkeit im Innern ist, da wird es auch an Zustrom von draußen nicht fehlen; die Stämme ziehen hinauf zu einem festen, wohlgefügten Mittelpunkte. Beachten wir, dass Israel ein Volk und dennoch in einem gewissen Sinne geteilt war, und zwar durch die nur oberflächlichen Einschnitte der Stämme. Das mag uns die Wahrheit vor Augen führen, dass die ganze Christenheit, soweit sie diesen Namen in Wahrheit trägt, wesentlich eins ist, wiewohl auch wir aus verschiedenen Ursachen in Stämme, in Abteilungen, geschieden sind. Lasst uns so viel wie möglich die Stammeseigentümlichkeiten in der Volkseinheit verschwinden lassen, auf dass die Gemeine des HERRN sei viele Wogen, aber ein Meer, viele Zweige, aber ein Baum, viele Glieder, aber ein Leib. Vergessen wir es nicht, dass die Stämme alle des HERRN waren; ob Juda oder Benjamin, Manasse oder Ephraim, sie gehörten alle Jehovah an. Ach, dass die verschiedenen Fähnlein des großen christlichen Heeres alle, eins wie das andere, des HERRN Eigen seien, alle ohne Unterschied erwählt, erlöst, von ihm anerkannt, ihm dienend, und von ihm erhalten und geführt! Wie geboten ist dem Volke Israel. Dreimal im Jahr sollen erscheinen vor dem HERRN, dem Herrscher, alles, was männlich ist unter dir, so lautete das Zeugnis, die heilige Willenserklärung Gottes für Israel (2. Mose 23,17). Und welch starkes Band brüderlichen Zusammenschlusses diese gemeinsamen Feste waren, das ersehen wir aus der Furcht Jerobeams, die Reichstrennung werde nicht Bestand haben, wenn die nördlichen Stämme zum Laubhüttenfeste nach Jerusalem zögen, weshalb er mit seinen Ratgebern den Plan fasste und ausführte, die goldenen Kälber aufzurichten. Gott will, dass sein Volk sich seiner Einheit bewusst werde. Diese Einigung darf freilich nicht in Bethel und Dan stattfinden, sondern nur in Jerusalem. Hin zum Gesetz und Zeugnis! Dort ist unser Sammelpunkt. Rom ladet uns vergeblich ein, uns unter St. Peters weiter Kuppel zu vereinigen; an dem einen Leibe, dem wir angehören und angehören wollen, ist Christus das Haupt. Er ist der Weinstock, dessen Leben uns, die Reben, alle durchströmt. Er, der Sohn Gottes, ist gekommen, dass er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenbrächte. Wo wir in ihm zusammenkommen können, da wollen wir uns gerne eng zusammenschließen, um gleich Israel zu danken dem (oder zu preisen den) Namen des HERRN . Welch selige Pflicht! Wenn die Stämme Israels zu dem Heiligtum hinaufzogen, so legten sie damit ein mächtiges Zeugnis ab, dass Jehovah der einzig wahre und lebendige Gott und dass er ihrer aller Gott sei. Und heiliger Lobpreis war ein Hauptzweck ihres Zusammenkommens und soll es auch bei uns sein, wenn wir am Tag des Herrn oder bei andern Gelegenheiten uns mit Gottes Volk zusammenfinden. Ganz Israel hatte sich von der Frucht des Feldes genährt in dem Lande, das der HERR ihm bereitet hatte, und so zogen sie denn hinaus, um ihm zu danken und seinen Namen zu preisen, dem sie und das Land gehörten und der ihnen Regen und fruchtbare Zeiten gegeben. Auch wir genießen Wohltaten und Gnadenerweisungen ohne Zahl, und es ziemt uns, bei unsern feierlichen Zusammenkünften einmütig mit einem Munde den Namen unseres liebreichen Herrn zu verherrlichen.
  Hier schauen wir tief hinein in eine der vorzüglichsten Ursachen, warum der fromme Israelit sich so freute über die Einladung, sich der festlichen Schar anzuschließen, die nach Zion hinaufzupilgern im Begriff war. Er wusste, dass er im Heiligtum Vertreter all der Stämme seines Volkes finden würde und er sich mit ihnen würde zusammenschließen können in dem heiligen Zweck der großen Versammlung, feierlich zu bezeugen, dass der HERR allein ihr Gott sei, und ihn zu preisen für seine reiche Gnade. Schon der Vorgeschmack solch köstlichen Werkes erfüllte sein Herz bis zum Überfließen mit heiliger Freude.

5. Denn daselbst stehen die Stühle zum Gericht. Wenn die einen oder andern im Volke mit den Urteilssprüchen der kleinen Ortsgerichte nicht zufrieden waren, so konnten sie ihre schweren Sachen vor das königliche Gericht bringen und waren überzeugt, dass ihr geliebter König und die von ihm bestellten obersten Richter die rechte Entscheidung treffen würden, denn diese Gerichtsstühle waren die Stühle des Hauses David . Auch wir, die wir zu der Gemeine und ihren Versammlungen hinaufgehen, freuen uns darüber, dass wir da miteinander zu dem Throne Gottes und dem Thron unseres zum König erhöhten Heilandes nahen. Nun herrscht der Arm in allen Landen, dem Spott ein Rohr als Zepter gab! Einem rechten Gnadenkinde ist der Thron des Höchsten gerade in seiner Eigenschaft als Stuhl des Rechtes und Gerichtes besonders lieb; rechtschaffene Menschen lieben das Recht und freuen sich darüber, dass, was recht ist, belohnt und das Unrecht bestraft werden wird. Gott an der Herrschaft zu sehen in dem Sohne Davids, allezeit der gerechten Sache zum Siege verhelfend, das ist wohltuend für brennende Augen und tröstlich für beschwerte Herzen. Sie sangen in jenen alten Zeiten, wenn sie zum Throne gingen; das tun wir auch. Der HERR ist König, des freue sich das Erdreich. Der Stuhl des Gerichts ist nicht abgetan, er steht fest und wird an seinem Orte bleiben, bis das Werk der Gerechtigkeit vollendet ist und Wahrheit und Recht auf dem Throne sitzen neben ihrem König. Wohl dem Volke, das unter einem so herrlichen Regimente steht!

6. Wünschet Jerusalem Glück, oder: Erbittet für Jerusalem Frieden (Heil, Wohlergehen). Vom Frieden hat Jerusalem ja seinen Namen; betet, dass der Zustand der Stadt ihren Namen bestätige. Du Wohnung des Friedens, Friede sei mit dir! Der Begriff des hebräischen schalom ist umfassender als unser deutsches Wort Friede im gewöhnlichen Sprachgebrauch; es schließt Wohlfahrt, Glück, Heil mit ein. Das war wahrlich ein guter Grund, sich bei dem Gedanken zu freuen, zum Hause des HERRN hinaufzuziehen, dass das Heiligtum im Mittelpunkt eines Gebietes des Friedens lag; wohl durfte Israel bitten, dass dieser Friede erhalten bleibe. In der Gemeine des HERRN ist das köstliche Gut des Friedens zu begehren, zu erwarten, zu fördern und, Gott sei Dank, auch vielfach herrlich zu genießen. Dürfen wir nicht sagen: "Frieden um jeden Preis", so sind wir doch berechtigt, zu rufen: "Friede auch unter den schwersten persönlichen Opfern". Leute, die (gleich dem Dichter des ersten dieser Pilgerpsalmen) täglich durch rohe Reden und Angriffe gestört werden, fühlen sich hochbeglückt, wenn sie im behaglichen Nest, der sichern Zuflucht anlangen, wo sie sich daheim fühlen unter Gleichgesinnten; da bleiben sie gerne. Für unsere christlichen Gemeinden ist eine der Hauptbedingungen des Gedeihens Friede im Innern; Zank, Argwohn, Parteigeist und Spaltung sind für sie tödliche Übel. Leute, die den Frieden in der Gemeine untergraben, verdienen herbe Züchtigung, alle hingegen, die ihn stützen und stärken, erwerben sich besonderen Segen (vergl. Mt. 5,9). Der Friede in der Gemeine sollte ein Gegenstand unseres täglichen Gebetes sein, und durch solche Gesinnung werden wir auf uns selber Frieden herabziehen, wie denn der Psalmdichter fortfährt: Es möge wohlgehen denen (wörtl.: mögen Ruhe haben, friedlich leben), die dich lieben. Dass dieser Gebetswunsch in Erfüllung geht, dürfen wir vielfach sehen. Geistlichen Wohlergehens erfreuen sich in der Tat alle, denen die Gemeine des HERRN und die Sache Gottes am Herzen liegen; sie sind Friedenskinder, und sie erfahren eine Mehrung ihres Friedens gerade durch ihre gottgefälligen Bemühungen; Gottes Volk bittet für sie, und Gott selber hat seine Lust an ihnen. Aber auch irdisches Wohlergehen wird je und dann solchen zuteil, die die Gemeine des HERRN wirklich lieb haben, nämlich wenn sie stark genug sind, es zu ertragen. Gar manchmal wiederholt sich’s, dass Obed-Edoms Haus gesegnet wird um der Lade Gottes willen (2. Samuel 6,12). Weil die ägyptischen Hebammen Gott fürchteten, tat er ihnen Gutes und baute ihnen Häuser (2. Mose 1,20.21). Niemand wird auf die Dauer vom Hause Gottes Verlust haben; schon allein in dem Frieden des Herzens, wenn in nichts anderem, finden wir reichen Ersatz für alles, was wir an Mühe, an Geld und Gut oder in irgendeiner Weise aufwenden, um Zions Wohl zu fördern.

7. Es möge Friede sein in deinen Mauern. Sieh, wie der Dichter die Kirche Gottes als Person vor sich sieht und anredet; sein Herz ist bei Zion, darum geht auch seine Rede unwillkürlich an sie. Ein zweites Mal wird das köstliche Geschenk des Friedens herzlich erbeten; es ist auch in der Tat kaum seinesgleichen. Bollwerke waren nötig, um den Feind aus der Heiligen Stadt zu halten; doch wird es vom HERRN erbeten, dass sie sich als für die Sicherheit Jerusalems stark genug erweisen mögen. Mögen die Felsenmauern die Stadt Gottes so sicher schützen, dass kein noch so verwegener und verschlagener Feind je in die Umwallung eindringt. Mögen die Ringmauern Jerusalems im Frieden bewahrt werden. Und Glück (Ruhe, Wohlfahrt) in deinen Palästen. Friede ist Wohlfahrt und Glück; es gibt kein Glück, das nicht auf Frieden ruht, und ebenso wenig kann lange Friede sein, wo es mit dem inneren Wohlergehen, dem wahren Gedeihen vorbei ist; denn Abnahme des Gnadenlebens führt zu Verfall der Liebe. Wir wünschen und erbitten der Gemeine des HERRN Ruhe vor Hader von innen und Angriffen von außen. Der Krieg ist nicht ihr Lebenselement, sondern in dem alten Buche lesen wir: So hatte nun die Gemeine Frieden und baute sich auf und wandelte in der Furcht des Herrn, und durch den Beistand des Heiligen Geistes mehrte sie sich. (Apg. 9,31 Grundt.) Die Turteltaube ist kein Sturmvogel; ihr ist nicht wohl im Sturme des Haders der Zungen, sondern in der Friedensstille liebreicher Gemeinschaft.
  Beachten wir, dass unser Jerusalem eine Stadt von Palästen ist; Könige wohnen in ihren Mauern, und Gott selbst ist bei ihr drinnen. Die kleinste Gemeine Gottes ist höherer Ehre würdig als die größten Adelsversammlungen. Der Orden vom Neuen Jerusalem steht im Himmel in höherem Ansehen als die Ritter des goldenen Vlieses. Um all der erlauchten Gotteskinder willen, die die Stadt Gottes bewohnen, dürfen wir wohl herzinniglich die Segnungen dauernden Friedens und reichen Wohlergehens auf diese herabflehen.

8. Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen. Es gereicht ganz Israel zum Vorteil, dass in Jerusalem Friede sei. Und es dient zum Guten für jeden Christen, ja für die Menschen im Allgemeinen, wenn in der Gemeine des HERRN Friede und Wohlgedeihen herrschen. In diesem Stücke unterstützt unsere Zugehörigkeit zur Menschheit und unsere allgemeine Menschenliebe unsere religiösen Wünsche und Bitten. Durch eine blühende Gemeine werden aller Voraussicht nach unsere Kinder, unsere Nachbarn, unsere Volksgenossen Segen empfangen. Auch können wir es nicht unterlassen, für eine Sache zu beten, mit der unsere teuersten Angehörigen und unsere vorzüglichsten Freunde so eng verbunden sind; wofür sie wirken und sich mühen, dafür müssen und wollen wir beten. Zum dritten Male ist der Friede hier genannt. Werden wir Kinder des Neuen Bundes hierdurch nicht daran erinnert, dass unser Friede in dem dreieinigen Gott des Friedens ruht? Es scheint uns schwer glaublich, dass die Dreiform in so vielen Stellen des Alten Testaments ganz zufällig sein sollte. Jedenfalls stellt die dreimalige Wiederholung des Gebetswunsches es ins Licht, wie hoch der Sänger den Segen schätzt, um den es sich da handelt; er würde nicht immer wieder den Frieden auf Gottes Volk herabgefleht haben, wenn er nicht erkannt hätte, welch ein hochbegehrenswertes Gut er ist.

9. Um des Hauses willen des HERRN, unsers Gottes, will ich dein Bestes suchen. Er betet für Jerusalem um Zions willen. Wie doch die Gemeine Gottes alles um sie her salzt und würzt! Die Gegenwart Jehovahs, unseres Bundesgottes, macht uns jede Stätte wert, wo er seine Herrlichkeit enthüllt. Wie könnten wir anders als der Heiligen Stadt Bestes suchen, innerhalb deren Gott, der allein Gute und Allgute, wohnt. Wir sollen für Gottes Sache leben und bereit sein, für sie zu sterben. Erst lieben wir Gottes Reich (V. 6), und dann wirken und arbeiten wir dafür; wir erkennen, wie wohl es sich lebt im Volke Gottes, und dann suchen wir sein Wohl. Und vermöchten wir nichts anderes zu tun, so können wir doch fürbittend dafür eintreten. Unsere Bundesgemeinschaft mit Jehovah als unserem Gott verpflichtet uns, auch für sein Volk zu beten, denn Gottes Volk ist nun das Haus des HERRN, unsers Gottes. Stehen wir Gott in heiliger Ehrfurcht gegenüber, so wünschen wir auch sehnlich, dass es seiner Gemeine wohlgehe, die er sich zu seinem Tempel erkoren hat.
  So haben wir denn gesehen, wie der Dichter sich freute über die Einladung, mit andern sich in der Anbetung Gottes zu vereinigen. Frohlockend zieht er mit ihnen hin, und dann wandelt sich seine Wonne in stille Andacht, und inbrünstig fleht er für die Stadt des großen Königs. O du Gemeine des lebendigen Gottes, wir grüßen deine heiligen Versammlungen und beten gebeugten Knies, dass Friede und Glück dir beschieden sei. Ja, möge unser ewig treuer Gott sie dir herniedersenden. Amen!

Erläuterungen und Kernworte

V. 1. Ich freute mich über die, so mir sagten usw. Gregor von Nazianz († 390) schreibt, seinem Vater sei, als er noch ein Heide war und von seiner Gattin oft gebeten wurde, doch ein Christ zu werden, dieser Vers in einem Traume eingesprochen worden, was tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe. Und John Foxe (†1587) erzählt in seinem berühmten Märtyrerbuch, der Lothringer Wolfg. Schuch habe auf die Kunde, dass er zum Feuertode verurteilt sei, diesen 122. Psalm angestimmt. C. H. Spurgeon 1890.
  Dies sind ganz einfältige und gar demütige Worte. Aber wenn du sie fleißig betrachtest, siehest du in ihnen die höchste Majestät, welche, dieweil sie unsere Papisten nicht sehen, singen sie es so gar liederlich. Sie lesen und beten diesen Psalm und andere, aber also, dass keine Fabel so närrisch sein kann, welche sie nicht mit größerer Freude und Fröhlichkeit sagen und hören würden. Darum so muss man diese einfältigen Worte fleißig betrachten und auslegen und denen Gläubigen vor die Augen stellen. Es scheinet, David sage nichts Großes, so er spricht, wir wollen in des HERRN Haus gehen. Denn wir gedenken allein an Stein, Holz und Gold, so wir hören des Hauses gedenken. Aber des HERRN Haus heißt vielmehr ein anders, nämlich, die Gabe Gottes Worts haben, und dass der Mensch an einem solchen Ort ist, da man Gott gegenwärtig kann hören, sehen, finden, dieweil da sein Wort und der wahre Gottesdienst erfunden wird. Darum die Beschreibung, so die Schul-Lehrer vom Tempel hervorbringen, falsch ist, dass ein Tempel sei ein Haus, das von Holz und Steinen zu Ehren Gottes gemacht ist. Denn sie selbst auch nicht verstehen, was das sei. Denn Salomons Tempel war nicht darum hübsch, dass er mit Gold und Silber gezieret, sondern seine wahre Zierde war, dass da Gottes Wort gehöret, dass Gott da angerufen, dass er da gnädig erfunden ward, ein Heiland, der Friede gab und die Sünde vergab usw. Das heißt den Tempel recht anschauen, nicht wie eine Kuh ein neu Tor ansiehet oder die Larvenbischöfe die Tempel ansehen, so sie sie weihen. Martin Luther † 1546.
  Lasset uns ins Haus des HERRN gehen! Solch liebreiche Einladung, von hundert Männern in irgendeiner unserer Städte an diejenigen gerichtet, auf welche sie Einfluss haben, würde eine erstaunlich große Versammlung zustande bringen. Aber es ist leider eine ob ihrer Seltenheit zwiefach schöne Ausnahme, dass Leute, die durch Stand und Bildung besonderen Einfluss haben, sich in solcher Weise zu den Leuten des Arbeiterstandes begeben und ihnen sagen: "Kommt, lasst uns ins Haus des HERRN gehen!" Mancher ernste Mahner hat wohl, in gemessener Entfernung von der Menge stehend, gerufen, gewarnt, gebeten: "Geht doch ins Haus des HERRN, geht Gottes Wort hören, ihr werdet sonst dem Verderben nicht entrinnen"; "Warum geht ihr nicht?" Und mancher christliche Freund, der es sich viel Mühe kosten ließ, von Haus zu Haus Besuche zu machen, hat auf solche Weise auf die Gemüter zu wirken gesucht. Aber wie wenige haben den Arbeiter bei der Hand gefasst und ihm gesagt. "Lass uns ins Haus des HERRN gehen!" Ihr könnt eine Menge Leute ins Gotteshaus bringen, die dahin zu schicken euch nie gelingen wird. Viele, die niemals allein kommen werden, würden dazu mit Freuden bereit sein, wenn sie im Schatten eurer Gesellschaft gehen könnten. Wohlan denn, meine Brüder, sagt doch euren Nachbarn, die nicht unter den Schall des Wortes Gottes kommen: "Lasst uns gehen!" Zu Gliedern eurer eigenen Familie, die sich dem Evangelium abgeneigt zeigen, sprechet: "Lasst uns gehen!" Zu solchen, die vormals mit euch zum Hause Gottes gingen, jetzt aber andere Wege wandeln, sprecht: "Lasst uns gehen!" Zu allen, deren Ohr und Sinn und Herz ihr irgend beeinflussen könnet, sprecht: "Lasst uns gehen - lasst uns miteinander ins Haus des HERRN gehen!" Samuel Martin † 1878.
  Es genügt nicht, dass du sprichst: "Geh’ zur Kirche", bleibst aber selber daheim. Wir müssen ebenso wohl durch unser Beispiel wie mit Worten einladen. Wir müssen es machen wie Mose, der zu seinem Schwager Hobab sprach: "Wir ziehen dahin an die Stätte, davon der HERR gesagt hat: Ich will sie euch geben; so komm nun mit uns, so wollen wir das Beste an dir tun; denn der HERR hat Israel Gutes zugesagt." (4. Mose 10,29 .) Der Prophet Sacharja beschreibt in einem lebhaften Bilde von der zukünftigen Herrlichkeit der Gemeine Gottes den neu erwachten Eifer der zum HERRN Bekehrten als eben diese Richtung nehmend. Sie können es nicht lassen, zu reden von dem, was sie gesehen und gehört haben, andere müssen ihre Freude teilen. "Und die Bürger einer Stadt werden gehen zur andern und sagen: Lasst uns gehen, zu bitten vor dem HERRN und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen auch mit euch gehen." (Sach. 8,21.) N. Mac-Michael 1860.
V. 2. Unsre Füße stehen in deinen Toren, Jerusalem. D. Clarke schildert in seinen Reisebildern, wo er von den Zügen spricht, die von Osten her nach Jerusalem hinaufzogen, wie der lange Festzug sich durch die weiten, beschwerlichen Hügelreihen hinaufwand, durch die der Weg vom Jordantal führte. Endlich aber erreichten etliche, die ganz vorne angingen, die letzte Biegung des Weges am letzten Hügel, dem Ölberg, und riefen, indem sie ihre Arme zum Zeichen der Freude emporstreckten: "Die heilige Stadt! Die heilige Stadt!" Und alsbald fielen sie nieder auf ihr Angesicht, während die hinter ihnen Befindlichen vorstürzten, um ebenfalls zu dem Anblick zu gelangen. Ähnlich ergeht es auch dem sterbenden Christen, wenn er den letzten Gipfel des Lebensweges erklommen hat und seine Augen ferne schweifen lässt, um einen Lichtblick von der himmlischen Stadt zu gewinnen; Rufe der Entzückung kommen von seinen Lippen und reizen die andern, die noch dahinten sind, vorwärts zu eilen, um auch dahin zu gelangen. D. Edw. Payson † 1827.
  Die himmlische Stadt liegt vor meinen Blicken. Ihre Herrlichkeit strahlt auf mich, ihre Lüfte fächeln mich, ihre Wohlgerüche werden zu mir herübergetragen, ihre Harmonien dringen an mein Ohr, und ihr Odem weht mir ins Herz. Nichts trennt mich von ihr als das Wasser des Todes, das mir aber jetzt wie ein geringfügiges Bächlein erscheint, über das ich mit einem Schritt setzen kann, sobald Gott es erlaubt. Die Sonne der Gerechtigkeit ist mir Grad um Grad näher gekommen, immer größer und strahlender erscheinend, je näher sie kam, und nun erfüllt sie das ganze Himmelsgewölbe und strömt eine Flut von Herrlichkeit aus, in der ich gleichsam schwimme, wie ein Falter sich in den Strahlen der irdischen Sonne wiegt, und ich jauchze vor Wonne und zittere doch fast, da ich in diese überschwängliche Klarheit blicke, und wundere mich mit einem Staunen, das keine Worte finden kann, warum Gott es sich gefallen lässt, mit solcher Herrlichkeit auf einen armen sündigen Erdenwurm herniederzuscheinen. - Aus der Sterbestunde Edward Paysons † 1827.
V. 3. Jerusalem, du auferbaute, (so recht) als eine Stadt, die in sich verbunden. Die tiefen Einsenkungen um die Stadt her müssen stets als deren natürlicher Wallgraben gewirkt haben. Aber sie bestimmten auch ihre natürlichen Grenzen. Nach welcher Richtung die Stadt sich auch ausdehnen mochte, das Kidron- und das Hinnomtal konnte sie nicht überspringen, und diese beiden Täler oder Schluchten wurden, wie in dem verwandten Fall der alten Städte Etruriens, die Gräberstadt von Jerusalem. Dass die Stadt zwischen diesen beiden Tälern zusammengedrängt war, diese Tatsache hat vielleicht die Worte des Psalmisten veranlasst. Sie lassen sich in einem gewissen Maße auch noch auf das heutige Jerusalem, von Osten her gesehen, anwenden, trotz den beispiellos starken Veränderungen, die der Boden der Stadt erlebt hat. Aber viel mehr waren sie der früheren Zeit angemessen, wo das Tyropäontal eine Schlucht in der Schlucht bildete und die beiden (herkömmlich) Zion und Moria genannten Hügel zu einer einzigen gedrungenen Masse zusammenschloss. Arth. P. Stanley † 1881.
  Jerusalem war gedrungen gebaut. Jede Rute Bodens, jeder Fußbreit Straßenfront war kostbar; ein Haus reihte sich ans andere, und diejenigen, welche Gärten besaßen, hatten sie außerhalb der Stadtmauern. Sam. Cox 1874.
  Können wir von der christlichen Kirche sagen, was die Festpilger von Jerusalem sagten, wenn sie von den die Stadt umgebenden Hügeln ihre Herrlichkeit betrachteten, dass sie sei eine Stadt, fest in sich verbunden? Eine stattliche Hauptstadt, auf Felsengrund thronend, mit geräumigen Straßen und stolzen Gebäuden, schön an sich, aber von noch stattlicherem und lieblicherem Eindruck durch den Geschmack und die Regelmäßigkeit ihrer Anordnung, das erscheint doch dem spöttisch lächelnden Ungläubigen wie dem sich darum kränkenden Christen als ein seltsam unangemessenes Bild der zerteilten und zerrütteten, streitenden und zankenden Kirche. Mag die christliche Kirche auch an Größe einer Weltstadt verglichen werden, so ist sie doch eine Stadt, wo jeder baut, wie er will, in der die verschiedenen Gebäulichkeiten, die sich gegenseitig zur Verschönerung und zur Stütze dienen sollten, mit Bedacht getrennt gehalten sind, so dass sie wahrlich weniger den Eindruck einer wohlgefügten, fest in sich verbundenen und geeinten Stadt erwecken als vielmehr den von getrennten Festungswerken, deren Besatzungen sich eifersüchtig voneinander fern halten, außer wenn der gegenseitige Hass und Groll sie zu gegenseitiger Bekämpfung aufeinander stoßen lässt! Es ist ein Teil Wahrheit in diesem Bilde. Wehe den stolzen, törichten Bauleuten, die solches verschulden und, statt um den Frieden Jerusalems zu beten und ihr Bestes zu suchen, daran ihre Lust haben, Streit zur Schau zu stellen und Hader zu erregen und zu verewigen. Doch, Gott sei Dank, es ist doch noch mehr Falsches als Wahres an dem Bilde. Trotz allen Trennungen ist das wahre christliche Jerusalem fest in sich verbunden, eine geschlossene Einheit. Was anders beschäftigt die Herzen und Zungen der zehntausend und aber zehntausend von Anbetern, die sich am Tage des Herrn in den geheiligten Stätten unseres geliebten Vaterlandes zusammenfinden, und der Millionen, die drüben, jenseits der Wogen des Ozeans ebenso sich versammeln, als das eine herrliche Evangelium von der Gnade Gottes? Lass aus dieser Berechnung den Priester mit dem Messbuch, den kalten Rationalisten, der ein Heil ohne den Heiland predigt, den sich selbst betrügenden Rechtgläubigen ohne den rechten Glauben - dennoch sind hier und dort und überall, welchen Namen sie auch führen, wo immer sie sich versammeln, wie immer die äußeren Formen ihres Gottesdienstes sein mögen, unzählige Scharen treuer Herzen, in denen ein Leben pulsiert, deren Blick auf eine Hoffnung gerichtet ist, die von einer Überzeugung durchdrungen sind und die sich durchbeten und durch alle Hindernisse vorwärts dringen zu einer seligen Heimat. Robert Nisbet 1863.
  Bei hrfbI:xu (verbunden, geschlossen) wird man vermutlich an die Ausfüllung der Lücken in der Ringmauer der wiedererbauten Stadt zu denken haben, Jes. 58,12. Das auffallende wydxy (zusammen, allzumal) soll die Vorstellung des Geschlossenseins noch verstärken. Dagegen denken LXX, Hieronymns (cuius participatio eius simul) und Aben-Ezra an das Zusammenkommen oder sich Vereinigen der Festgenossen in der Stadt an den drei Hauptfesten; danach Luther. Aber abgesehen von der sprachlichen Schwierigkeit spricht das "du (wieder) gebaute" für die erstere Auffassung. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1904.
V. 4. Als Stämme des HERRN konnte der Dichter auch die aus dem Exil zurückgekehrte Gemeinde bezeichnen, vergl. Mt. 19,28; Jak. 1,1; Off. 7,5 ff. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1904.
  Zu predigen dem Volke Israel, zu danken dem Namen des HERRN. (Ältere Übers.) Durch diese beide wird nichts anders angezeigt, denn dass zu Jerusalem ein Ort von Gott erwählet und bestimmet sei, da man sein Wort predigen und ihn anrufen soll. Dies aber sollte man billig mit güldenen Buchstaben schreiben, dass David nicht von anderen Gottesdiensten sagt denn von denen zweien. Er sagt nicht, dass der Tempel von Gott dahin geordnet sei, dass man darinnen Opfer schlachten soll, die Opfer anzünden und das Rauchwerk geschehen, damit jeder Stamm mit seinen Gaben sich erzeige, als die Gott dankbar sind. Er gedenket derer Dinge gar nicht, wiewohl geboten war, dass sie im Tempel allein sollten geschehen, sondern gedenket nur der Predigt und der Danksagung . Diese Rede Davids ist ohne Zweifel von denen Priestern derselben Zeit als eine schädliche Ketzerei verdammt worden, dass man gegen das Volk nichts anderes von Gottesdienst reden sollte; wie unsere Papisten nicht leiden mögen, so wir lehren, dass Kirchen bauen und sie mit Silber und Gold schmücken nicht Gottesdienst sei. Darum, so David heutiges Tages von unsern Kirchen also predigte, wie er von seinem Tempel tut, würde er verdammt und wie ein Ketzer verbrannt werden, dass er allen Pomp des Tabernakels, alle äußerliche Übung also verachtet, als ob er sie nicht sehe. Und ob er es schon nicht schilt, so lässt er sich doch vernehmen, dass dies das Hauptstück wahrer Religion sei: Gott hören und ihn anrufen. Martin Luther 1531.
V. 5. Denn dort thronen Stühle zum Gericht, Stühle vom Hause Davids. Die Stühle, d. i. die Gerichtssessel, sind metonymisch genannt statt der Richter, die auf ihnen sitzen, vergl. Off. 4,2 qro/noj e}ceito . Die Gerichtssessel wurden eingenommen von Angehörigen des davidischen Hauses; solche fehlten auch in der nachexilischen Gemeinde nicht, wie z. B. Serubabel ein solcher war. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1904.
  In der Blütezeit des davidischen Königtums war der königliche Palast (vergl. 1.Kön. 7,7) auch der oberste Landesgerichtshof, der König der oberste Richter (2. Samuel 15,2; 1.Kön. 3,16), und Söhne, Brüder oder Verwandte des Königs seine Beisitzer und Räte. Zur Zeit des Dichters ist das anders, aber die Anziehungskraft Jerusalems nicht allein als Stadt Jahves, sondern auch als Stadt Davids bleibt stehen für alle Zeiten. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Der Name Davids in der Überschrift ist, wie Delitzsch bemerkt, anscheinend durch diesen Vers veranlasst. Der Ausdruck die Stühle des Hauses Davids will aber nicht besagen, dass (zu der Zeit, da der Psalm verfasst ist,) Davididen auf den Richterstühlen tatsächlich sitzen, sondern dass der in Jerusalem tagende Gerichtshof ideell auf der alten Autorität des Hauses Davids fußt. Die Freistühle der "heiligen Vehme" im deutschen Mittelalter leiteten ähnlich ihre Gerichtsbarkeit von Karl dem Großen ab. Lic. H. Keßler 1899.
  Ein sehr großer Vorteil war es bei Jerusalem, dass sich der Sitz des Gottesdienstes und die Residenz der Regierung so wohl miteinander betragen haben, so dass, wo man vor Gericht, am Hof und in der Kanzlei etwas zu suchen hatte, man sich auch an dem schönen Gottesdienst des HERRN ergötzen konnte. Dem David musste das eine besondere Freude sein, dass er nach so viel ausgestandener Not doch noch das erlebt hat, dass es mit Jerusalem und der Anrichtung des Gottesdienstes und guter bürgerlicher Verfassung so weit gekommen war. Große Satisfaktion (Genugtuung) für eine Obrigkeit, dem Willen Gottes zu seiner Zeit gedient zu haben, wie es von David heißt (Apg. 13,36). Karl Heinr. Rieger † 1791.
V. 6. Erbittet Frieden für Jerusalem. Als die Wesleyanischen Methodisten in Painswick eine Kapelle ganz in der Nähe seiner eigenen Versammlung eröffneten, betete der verstorbene treffliche Cornelius Winter am vorhergehenden Sonntage dreimal öffentlich in den Gottesdiensten, dass jenen Brüdern Ermutigung und Erfolg geschenkt werden möchte. Und als Herr Hoskin von Bristol, der independentische Prediger der Gemeinde Castle-Green, ein Versammlungshaus in der Tempelstraße eröffnete, was tat da der unvergleichliche Easterbrooke, der landeskirchliche Pfarrer der Parochie? Am Eröffnungsmorgen war er fast der erste, der die neue Kapelle betrat. Er nahm vorne in der Nähe der Kanzel Platz, und als der Gottesdienst zu Ende war, ging er dem Prediger an den Fuß der Kanzeltreppe entgegen, schüttelte ihm beide Hände und sprach mit lauter Stimme: "Ich danke Ihnen von Herzen, lieber Bruder, dass Sie gekommen sind, um mir zu helfen; hier ist Raum genug für uns beide und Arbeit genug für uns beide, ja viel mehr, als wir beide vollbringen können, und ich hoffe, der Herr wird unsere gemeinsame Arbeit in diesem guten Werke segnen." William Jay † 1853.
  Bitten - lieben. Niemand betrüge sich selbst; wer nicht für die Gemeine Gottes betet, der liebt sie auch nicht. Es möge wohlgehen denen, die dich lieben, d. i. denen, die für dich Frieden erbitten ; das eine ist das Seitenstück des andern. Lieben wir Jerusalem nicht, so werden wir auch nicht dafür beten, und beten wir nicht für Gottes Volk und Reich, so lieben wir es offenbar nicht. John Stoughton † 1639.
  Das mit wohlgehen übersetzte hebräische Wort bedeutet zunächst Ruhe haben , in ungestörter Ruhe leben, also friedliches Wohlergehen genießen. Sie, die für Jerusalem Frieden erbitten und den Frieden Jerusalems suchen, sollen selber Frieden, Ruhe genießen. Albert Barnes † 1870.
  Das Gegenteil ist auch wahr. Niemand, sagt ein jüdisches Sprichwort, hat je einen Stein aus dem Tempel genommen, dem nicht der Staub in die Augen geflogen wäre. C. H. Spurgeon 1890.
  Dieser und der folgende Vers sind im Hebräischen voller Stabreime oder Lautspiele. Die hervorstechenden Wörter sind Friede, schalom und Wohlergehen, Ruhe, schalwah, sodann Wohnung des Friedens, Jerusalem, jeruschalem, so dass der Dichter also schalom und schalwah der Stadt jeruschalem anwünscht (schaal) und denen, die sie lieben. Samuel Cox 1874.
V. 6-9. Nun muntert der Psalmist auch andere auf, an dieser Freude über Jerusalems Wohlstand Anteil zu nehmen. Es muss freilich immer auch mit Fürbitte unterstützt werden, dass gute Anstalten in Kirchen und Schulen nicht wieder verfallen, dass gute Absichten nicht durch Uneinigkeiten verhindert werden. Was hat es unsern lieben Heiland für Tränen und Seufzer gekostet, als er das nachmalige Jerusalem angesehen und gewusst, dass nächstens von seinen Tempeln und sonstigen Palästen kein Stein auf dem andern bleiben sollte. Karl Heinr. Rieger † 1791.
V. 7. In deinen Mauern, oder: deinem Außenwall. Josephus berichtet, es seien zu seiner Zeit in Jerusalem drei Reihen von Mauern gewesen. Der Sinn ist demnach: Möge kein Feind auch nur bis zu deinen Außenwerken vordringen und dich dadurch beunruhigen. Thomas Fenton 1732.
  lyxsI (Luther: Mauern) bezeichnet den sturmfreien Raum außerhalb der Mauer. Dementsprechend sind Kytwnmr) nicht Paläste, die es zur Zeit des Dichters auch schwerlich in Jerusalem gab, sondern Türme und Burgen, wie 1.Kön. 16,18 . Der Dichter wünscht, dass Jerusalem vor den Schrecken des Krieges bewahrt bleiben möge; kein Feind, nur friedliche Pilger mögen ihm nahen. Prof. D. Friedr. Bäthgen 1904.
V. 8. Um meiner Brüder usw. Bei einer Gelegenheit richtete ein älterer Eingeborener der Koralleninseln, ein ehemaliger Menschenfresser, einige Worte an die Gemeindeglieder und begann: "Brüder!" - Da hielt er einen Augenblick inne und fuhr dann fort: "Ah das ist ein neuer Name! Wir kannten die wahre Bedeutung dieses Wortes nicht, als wir noch Heiden waren. Erst das Evangelium von Jesus hat es uns gelehrt." William Gill 1869.
V. 9. Das Haus des Herrn ist der letzte verklärende Zielpunkt, der auch erst den Brüdern Bedeutung verleiht. Prof. D. F. W. Schulz 1888.
  Will ich dein Bestes suchen. Da sehen wir, dass er nicht kalten Herzens ihr Frieden wünscht. Er sucht ihr Bestes, nicht wie eine Frau eine Stecknadel oder sonst etwas Geringfügiges fast gleichgültig sucht. Nein, alle meine Kräfte will ich daransetzen; meine Kräfte und Gaben, mein Vermögen, meine Zeit, meinen Einfluss, meine Familie, mein Haus, mein Alles will ich, soweit Gott mir dazu Gnade gibt, dazu anwenden, um Zions Bestes zu suchen. Vergleiche Davids Bemühungen um Stadt und Tempel. Joseph Irons † 1852.
  
  Nach Zions Hügel zieht’s mich hin;
  Da findet meine Seele Ihn.
  O Zion, Himmelsvorhof du,
  In dir ist wundersüße Ruh.

  In dir umgibt mich Gottes Kraft,
  Die hohen Frieden in mir schafft,
  Wenn Gottes Kinder um mich knien,
  Den HERRN herab vom Himmel zieh’n.

  In dir die Botschaft mir erschallt,
  Bei der mein Herz voll Freude wallt.
  In dir hat Davids Heldensohn
  Errichtet seinen Königsthron.

  Da schenkt er Gnade, Glaubenslicht,
  Da hält er schrecklich Weltgericht,
  Zerbricht dem Sünder Mut und Herz,
  Verdrängt durch Wonne tiefen Schmerz.

  Da zittert man und freut sich doch,
  Da steigt man aus dem Staube hoch,
  Da weint man jauchzend, betet an
  Mit süßem Schmerz den blut’gen Mann.

  O Zion, Friede wölbe sich
  So wie der Himmel über dich!
  Gesegnet sei, wer treu dich liebt,
  Für deine Wohlfahrt alles gibt!

  Gesegnet sei, o Haus des HERRN!
  Wie könnt’ ich bleiben von dir fern?
  Die mir verwandt so innig nah,
  Die trauten Freunde sind ja da.

  Drum kommst du mir nicht aus dem Sinn,
  Du Wohnung Gottes, ich muss hin,
  Wo meine Seele Leben trinkt
  Und Jesu in die Arme sinkt.
   Julius Köbner † 1884.

Homiletische Winke

V. 1-9. Betrachten wir, 1) mit welcher Freude sie nach Jerusalem hinaufziehen sollten (V. 1-2), 2) welch hohe Meinung sie von Jerusalem haben sollten (V. 3-5) und 3) welch herzliche Teilnahme sie für Jerusalems Wohlergehen betend und wirkend betätigen sollten. Mt. Henry † 1714.
V. 1. 1) Der Psalmist freute sich, ins Haus des HERRN gehen zu dürfen. Eben weil es des HERRN Haus war, zog es ihn hin. Es war ihm noch lieber als selbst sein eigenes Haus. 2) Er freute sich, wenn andere ihm sagten: "Lasset uns ... gehen!" Mag die Entfernung groß, das Wetter schlecht sein, dennoch: lasst uns gehen! 3) Er freute sich, auch wieder andern sagen zu können: "Lasset uns gehen", also andere zu überreden, ihn dahin zu begleiten. G. Rogers 1890.
  1) Wir freuen uns auf die Gottesdienste a) wegen der Unterweisung zur Seligkeit, die wir da empfangen, b) wegen der heiligen Handlungen (Gebet, Gesang usw.), an denen wir da Anteil nehmen, c) wegen der Gesellschaft, mit der wir uns da verbinden, d) wegen der heiligen Angelegenheiten, die wir da fördern. 2) Wir freuen uns, wenn andere uns zu den Gottesdiensten einladen, a) weil es beweist, dass ihnen Gottes Sache am Herzen liegt, b) weil es beweist, dass sie auch für uns ein Herz haben, c) weil es das Wohl Zions fördert. Fred. J. Benskin 1882.
  Die Freude am Hause Gottes. Bist du froh, wenn man dir sagt: Lasst uns usw.? Warum? 1) Dass ich ein Haus des HERRN habe, dahin ich gehen darf. 2) Dass es Leute gibt, die Liebe genug für mich haben, um mir zu sagen: Lasst uns gehen. 3) Dass ich imstande bin, zu Gottes Haus zu gehen. 4) Dass ich Neigung habe, dahin zu gehen. J. G. Butler 1882.
  Ich freute mich usw. 1) So spricht der wahrhaftige Anbeter, der sich freut, zu Gottes irdischem Hause geladen zu werden. Ist es ihm doch Vaterhaus, Schule, Hospital, Bank usw. 2) So spricht der Neubekehrte, der sich freut, zum Anschluss an die Gemeine, das geistliche Haus des HERRN, eingeladen zu werden. In der wohlgefügten, fest in sich verbundenen Gottesstadt möchte er gerne seine feste Heimat finden. Er hat nichts übrig für ein religiöses Zigeunerleben. 3) So spricht der sterbende Christ, der sich freut, zu Gottes himmlischem Hause geladen zu werden. Simeon, Stephanus, Petrus, Paulus usw. William Jackson 1882.
  1) Unsere Pflicht, an den Gottesdiensten im Hause des HERRN teilzunehmen. 2) Unsere Pflicht, einander dazu zu ermuntern. 3) Der Segen, wenn man sich dazu bewegen lässt. Fred. J. Benskin 1882.
V. 2. 1) Genuss der Anwesenheit: Unsre Füße usw. 2) Genuss der Sicherheit: stehen in deinen Toren. 3) Genuss der Zugehörigkeit, der Gemeinschaft: o Jerusalem. G. Rogers 1890.
  In deinen Toren. Die Ehre, die Vorrechte, die Freude und die Gemeinschaft, die man genießt, wenn man innerhalb der Gottesstadt seinen Stand hat.
V. 3. Das irdische Jerusalem. 1) Ein Vorbild des Neuen Jerusalem a) als von Gott erkoren, b) auf einem Felsen erbaut, c) dem Feinde abgerungen. 2) Ein Vorbild seiner Wohlfahrt: Du auferbaute Stadt. 3) Ein Vorbild seiner Vollendung: so recht als eine wohlgefügte Stadt. G. Rogers 1890.
  Die Einheit der Gemeinde. 1) Enthalten in allen Bundesveranstaltungen. 2) Angedeutet in allen Bildern, unter denen die Schrift die Gemeine darstellt. 3) Gegenstand des Gebetes unseres Heilandes. 4) Gefördert durch die Gaben des Geistes. 5) Festzuhalten von uns allen.
V. 3.4. Die Anziehungskraft einer in sich fest verbundenen Gemeinde. Sie wird auch eine wachsende Gemeinde sein. Vergl. Apg. 2; 5,14; 6,7 usw.
V. 4. I. Die Pflicht gemeinsamen Gottesdienstes. 1) An einem Orte. Da. 2) Als ein Volk, wenn auch verschiedener Stämme. II. Der Zweck des gemeinsamen Gottesdienstes. 1) zu predigen (alte Übers. Luthers) und 2) zu danken dem Namen des HERRN. G. Rogers 1890.
V. 6. I. Der Gebetswunsch. 1) Für Jerusalem ; nicht nur für uns und die Unsern, nicht für die Welt, sondern für die Gemeine des HERRN. Für die Kindlein, die Jünglinge und die Väter im Gnadenleben. Für Hirten und Helfer und Herde. 2) Um den Frieden Jerusalems, inneren und äußeren Frieden. II. Die Verheißung. 1) Wem gegeben? Denen, die Jerusalem lieben. 2) Ihr Inhalt: Es wird ihnen wohlgehen - den Einzelnen und ihnen miteinander. G. Rogers 1890.
  1) Liebe zu Jerusalem eine Wirkung wahrer Frömmigkeit. 2) Gebet für Jerusalem eine Wirkung dieser Liebe. 3) Der Friede Jerusalems eine Wirkung solchen Gebetes. 4) Das Wohlergehen Jerusalems und derer, die es lieben, eine Wirkung dieses Friedens. G. Rogers 1890.
  Gott hat geben und nehmen, austeilen und immer mehr haben, säen und ernten, beten und wohl ergehen aneinander geknüpft. I. Was müssen wir tun, wenn wir möchten, dass es uns wohlgehe? Um Jerusalems Friedensheil beten. 1) Um Frieden oder Glück, Heil im umfassenden Sinne: um geistlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und nationalen Frieden. 2) Das soll uns das erste Anliegen sein (Ps. 137,6 : Jerusalem sei meine höchste Freude). 3) Worum wir beten, danach sollen wir aber auch ringen. Wir sollen uns vom Frieden Gottes im Herzen regieren lassen (Kol. 3,15) und den Frieden suchen und ihm nachjagen (1. Petr. 3,11). II. Was werden wir dabei gewinnen, wenn wir also beten? Es soll uns wohlgehen. 1) Zeitliches Wohlergehen mag uns so zuteil werden. Gott wandte das Geschick Hiobs, da er bat für seine Freunde. 2) Geistliches Wohlergehen wird sicher über uns kommen. 3) Auch Wachstum an Zahl wird einer Gemeinde von Betern oder durch Beter beschert werden. "Ich will die Menschen bei ihnen mehren wie eine Herde." (Hes. 36,37.) William Jackson 1882.
V. 6-9. I. Die für die Gemeinde ersehnten Segnungen. 1) Friede. 2) Wohlergehen. Man beachte die Ordnung und den Zusammenhang beider. II. Wie können wir sie der Gemeinde sichern? 1) Durch Gebet: Erbittet Frieden für Jerusalem. 2) Durch freudige Beteiligung am Gottesdienst: Ich freute mich usw. (V. 1.) 3) Durch tatkräftige Bestrebungen: Ich will dein Bestes suchen. III. Gründe, warum wir sie begehren sollen. 1) Um unser selbst willen: Es möge wohlgehen denen, die dich lieben. 2) Um unserer Brüder und Freunde willen. 3) Um des Hauses willen des HERRN, unseres Gottes. Fred. J. Benskin 1882.
V. 7. I. Wo ist der Friede am begehrenswertesten? In deinen Mauern - innerhalb der Stadtmauern, der Mauern des eigenen Hauses, aber besonders innerhalb der Mauern des Tempels, der Gemeine. II. Wo ist Wohlergehen am wünschenswertesten? 1) Im eigenen Heim, 2) in der Gemeinde. G. Rogers 1890.
  Der Zusammenhang zwischen Frieden und Wohlergehen.
  Deine Mauern. Untersuchen wir, 1) warum die Gemeinde der Mauern bedarf, 2) welches ihre Mauern sind, 3) auf welcher Seite der Mauern wir uns befinden, drinnen oder draußen.
  Die Gemeinde des HERRN ein Palast. 1) Erbaut für den großen König. 2) Bewohnt von der königlichen Familie. 3) Geschmückt mit fürstlicher Pracht (Ps. 45,9). 4) Beschützt durch eine starke Macht. 5) Berühmt als der Hof des herrlichsten, gnädigsten und geliebtesten Monarchen, des einzigen Machthabers.
V. 8.9. Zwei wichtige Beweggründe, warum wir für die Gemeine des HERRN beten sollen: 1) aus Liebe zu den Brüdern, 2) aus Liebe zu Gott, dessen Hans sie ist. N. Mac-Michael 1860.
V. 9. Ich will dein Bestes suchen. 1) Durch Fürbitte für die Gemeine. 2) Durch Dienst in der Gemeine. 3) Indem ich andere zu bewegen suche, mitzukommen (V. 1). 4) Indem ich Frieden halte. 5) Indem ich so wandle, dass sich das Evangelium dadurch andern empfiehlt.

Fußnoten

1. Aus des engl. Dichters A. Pope Ode "Lebenshauch, entquoll’n aus Gott."

2. Wörtl. heißt es einfach: Du gebaute. Da man aber durch das Partizip in der Erwartung bestärkt wird, dass die Verszeile (Luthers Übers. entgegen) einen in sich geschlossenen Sinn haben werde, muss man das Zeitwort bauen in vollerer oder bestimmterer Bedeutung nehmen. Es wird in der Tat oft im Sinne von ausbauen, als Festung erbauen oder ausbauen, oder aber von wiedererbauen gebraucht. Da sich jedoch bei der Übers. "Du ausgebaute" oder "fest gebaute " eine große Ähnlichkeit mit der zweiten Vershälfte ergibt, liegt es für diejenigen, welche das Lied als aus der nachexilischen Zeit stammend ansehen, nahe, "Du wiedererbaute" zu übersetzen. - J. M.