Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 127


Überschrift

Ein Wallfahrtslied. Von Salomo. Der Inhalt des Psalms passt zu der Überlieferung, dass der Erbauer des Tempels diesen feinen Psalm gedichtet habe. Man erinnert auch daran, dass dem Salomo im Schlafe so große Gaben zuteil geworden seien (1.Kön. 3,5-15), und findet in demselben Versgliede (2d) auch einen Anklang an den schönen Beinamen des jungen Salomo (2. Samuel 12,25), Jedidja, d. i. Liebling Jehovahs. (Andere freilich meinen, dass gerade umgekehrt diese Züge die Veranlassung dazu gegeben hätten, den Psalm in der Überlieferung dem Salomo zuzuschreiben.) - Beachten wir, wie sich in jedem dieser Wallfahrtslieder das Herz Jehovah allein zuwendet. Lesen wir noch einmal die Anfänge derselben von Psalm 120 an: Ich rufe zu dem HERRN - Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: meine Hilfe kommt von dem HERRN - Lasset uns ins Haus des HERRN gehen - Ich hebe meine Augen auf zu dir - Wo der HERR nicht bei uns wäre - Die auf den HERRN hoffen - Als der HERR die Gefangenschaft Zions wendete - Wo der HERR nicht das Haus baut usw. Der HERR, und der HERR allein wird gepriesen auf jeder Stufe dieser Lieder des Hinaufziehens. O welch ein gesegnetes Leben, wo jede Station ein neues Lied zum Lobe Gottes im Herzen erweckt!

Inhalt
Der Psalm führt uns Gottes Segen als das eine Notwendige, aber auch als das große Vorrecht der Geliebten Gottes vor Augen. Wir lernen die wichtige Wahrheit, dass all unser Bauen, Hüten und Sorgen ganz umsonst ist ohne den HERRN, wir vertrauensvoll von ihm aber den Segen erwarten dürfen. Als ein besonderes Segensgeschenk Gottes werden sodann die Söhne dargestellt, die ja die lebendigen Bausteine sind, aus denen sich die Familie erbaut (vergl. 1. Mose 16,2; 30,3) zu Ehre und Glück der Eltern. Der Psalm mag sich uns einprägen als der Baumeisterpsalm. Ein jeglich Haus wird von jemand bereitet; der aber alles bereitet, das ist Gott (vergl. Hebr. 3,4). Darum sei auch Gottes aller Ruhm.

Auslegung

1. Wo der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wo der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.
2. Es ist umsonst, dass ihr früh aufstehet
und hernach lange sitzet
und esset euer Brot mit Sorgen;
denn seinen Freunden gibt er’s schlafend.
3. Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN,
und Leibesfrucht ist ein Geschenk.
4. Wie die Pfeile in der Hand eines Starken,
also geraten die jungen Knaben.
5. Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat!
Die werden nicht zu Schanden,
wenn sie mit ihren Feinden handeln im Tor.

1. Wo der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Umsonst, das ist das Stichwort dieser Verse, das uns dreimal schrill und scharf ans Ohr dringt. Leute, die ein Haus erbauen wollen, wissen, dass das nicht ohne Arbeit geht, und wenden darum alle ihre Kraft und Kunst daran. Aber mögen sie des wohl eingedenk sein, dass alle ihre Pläne in Misslingen enden werden, wenn der HERR nicht mit ihnen ist. So ging es jenen, die einst den Turm zu Babel bauen wollten. Sie sprachen: "Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche!" Der HERR aber antwortete, in heiliger Ironie ihre Worte nachbildend: "Wohlauf, lasst uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren", - dass sie mussten aufhören, die Stadt zu bauen (1. Mose 11,4.7.8). Verlorene Mühe war all ihr Planen und Schaffen, denn des HERRN Angesicht stand wider sie. Wie ganz anders war es, als Salomo beschloss, dem HERRN ein Haus zu bauen; da vereinigten sich unter Gottes Segen alle Umstände zur Förderung seines gewaltigen Unternehmens. Sogar die Heiden standen seines Winkes gewärtig und leisteten ihm willig Hilfe bei der Vollendung des herrlichen Gotteswerkes. (Vergl. 1.Kön. 5,15-26, bes. V. 21; Kap. 7,13-51.) In ähnlicher Weise gab Gott dem König Salomo Gelingen, als dieser sich selber einen Palast baute (1.Kön. 7,1 ff.). Unser Vers bezieht sich offenbar auf jegliche Art Hausbau. Ohne Gott sind wir nichts. Wohl ist manch stolzer Bau von hochstrebenden Menschen errichtet worden; aber wie viele solcher himmelragenden Menschenwerke sind zusammengesunken! Kaum ein Stein ist übriggeblieben, ihre einstige Stätte zu künden, verschwunden sind sie gleich den Schlössern der Lustspiegelung. Könnte der Erbauer solch eines einst als Weltwunder angestaunten Palastes in unsere Region des wechselnden Mondlichts zurückkehren, welche Bestürzung würde ihn erfassen bei dem Anblick der klägliche Ruinen, zu denen der Stolz seines Herzens zusammengesunken! Umsonst war alle seine Mühe und Arbeit; die Stätte seines Schaffens kennt keine Spur mehr von dem Werk seiner Hände. Und von wie vielen Burgen und Klöstern und andern mächtigen Menschenwerken gilt das Gleiche. Als die Lebensweise, darauf diese Bauten hinweisen, dem HERRN unerträglich ward, da zerbröckelten die gewaltigen Mauern zu Trümmern, und all die Arbeit der kunstvollen Baumeister verging wie Schaum. Nicht nur wir quälen uns nutzlos ab ohne den HERRN, sondern allen, die je ohne die Hilfe des HERRN zu wirken und schaffen gesucht haben, steht hier das Urteil geschrieben: ihre Arbeit ist verloren, ihre Kraft hat sich umsonst verzehrt. Hammer und Kelle, Hobel und Säge vermögen nichts, wo Gott nicht der Bauleiter ist.
  Wo der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Unermüdlich schreiten wachsamen Auges die Wächter rings um die Mauern; dennoch dringt der Feind in die Stadt, wenn nicht der Hüter, der niemals schläft noch schlummert, selber sie unter seine Hut nimmt. Kein noch so treuer Wächter gibt uns Sicherheit, wenn Jehovah sich von uns zurückzieht. "Ich, der HERR, behüte dich", das ist ein besserer Schutz als ein ganzes Heer nimmer ruhender Wächter. Beachten wir wohl, dass der Psalmist die Bauleute nicht auffordert, ihre Arbeit aufzugeben, auch von ferne nicht meint, die Wächter sollten ihre Pflicht vernachlässigen oder die Menschen ihr Gottvertrauen damit erweisen, dass sie nichts täten; nein, er setzt voraus, dass sie alle alles tun, was sie vermögen, und verwehrt ihnen dann, auf das, was sie getan, ihr Vertrauen zu setzen, sie versichernd, dass alle Anstrengungen der Geschöpfe umsonst sind, wenn nicht der Schöpfer seine Kraft ausgehen lässt, um den untergeordneten Kräften Wirksamkeit zu verleihen. Der Geist der Heiligen Schrift stimmt überein mit dem Tagesbefehle Cromwells: "Traut auf Gott und haltet euer Pulver trocken!" Nur erfährt der Satz hier insofern eine kleine Abänderung, als uns gesagt wird, dass das trocken gehaltene Pulver den Sieg nicht gewinnen wird, es sei denn, dass wir auf Gott unser Vertrauen setzen. Wohl dem Manne, der da die goldene Mittelstraße findet, indem er so arbeitet, dass er dabei ganz auf Gott vertraut, und so auf Gott vertraut, dass er ohne Furcht und Zagen arbeitet.
  In der Bibelsprache wird auch eine Einrichtung, ein System ein Haus genannt. Mose war, heißt es Hebr. 3,5 , treu in seinem ganzen Hause als ein Knecht, und solange der HERR mit jenem Hause war, stand es fest und hatte Gedeihen; aber als er es verließ, da wurden die Bauleute töricht, und all ihre Arbeit war nichtig. Sie suchten die Mauern des Judentums aufrecht zu erhalten, aber vergeblich; sie wachten ängstlich über all ihren religiösen Gebräuchen und Satzungen und den Überlieferungen der Ältesten, aber alle ihre Mühe war verloren. Von jedweder Kirche und jedem religiösen oder sonstigen System gilt das Gleiche: ist der HERR nicht darin und wird er nicht dadurch verherrlicht, so muss das ganze Gebäude früher oder später hoffnungslos in Trümmer sinken. Viel kann der Mensch tun, er kann arbeiten und kann wachen; aber ohne den HERRN ist das Ergebnis seines Arbeitens eitel nichts und vermag er mit all seiner Wachsamkeit dem Verderben nicht zu wehren.

2. Es ist umsonst, dass ihr früh aufstehet und hernach lange sitzet1 und esset euer Brot mit Sorgen (Grundt.: das Brot der Mühsale essend, d. h. im Schweiß des Angesichts, unter Not und Mühen errungenes Brot, vergl. 1. Mose 3,17-19). Weil an Gottes Segen alles gelegen ist, ist alles ungläubige Sorgen und Grämen völlig nutzlose Selbstquälerei. Wir sind verpflichtet, treuen Fleiß anzuwenden, denn diesen segnet der HERR; aber wir sollen uns nicht durch den Sorgengeist in Unruhe bringen lassen, denn das verunehrt den HERRN und kann uns niemals seine Huld verschaffen, von der doch alles abhängt. Wie manche versagen sich die nötige Ruhe; der früheste Morgen findet sie schon auf,. bevor sie recht ausgeruht haben, und der Abend sieht sie noch lange, lange sich plagen, nachdem die Abendglocke den Tag ausgeläutet hat. Sie stehen in Gefahr, sich früh dem Schlaf des Todes auszuliefern,. indem sie den nächtlichen Schlaf, der neue Lebenskräfte bringt, vernachlässigen. Auch ist, dass sie sich den Schlaf abbrechen, nicht das einzige Anzeichen ihrer die Kräfte aufreibenden Selbstquälerei. Manche schränken sich auch in der Nahrung aufs äußerste ein, essen die geringste Speise, und davon so wenig wie möglich, und diese trockenen Bissen spülen sie hinunter mit den salzigen Tränen des Harmes, denn es quält sie beständig die Furcht, es werde ihnen noch am täglichen Brote völlig mangeln. So ist ihre Speise mit harter Arbeit erworben, kärglich bemessen und kaum jemals mit ein wenig Freude und Lebensgenuss gewürzt, sondern stets von Kummer und Sorge vergällt; und das alles, weil sie kein Gottvertrauen haben und an nichts anderem Freude finden, als am Aufhäufen des Geldes, das ihr einziger Trost, ihre einzige Zuversicht ist. Nicht also, nein wahrlich, nicht also will der HERR, dass seine Kinder leben. Sein Wille ist, dass sie als Prinzen von königlichem Geblüt ein frohes, glückliches Leben voll innerer Ruhe führen. Es geziemt ihnen, sich ein ausreichendes Maß von Ruhe zu gönnen und dem Leibe die ihm zukommende Nahrung zu geben, denn das dient zu ihrer Gesundheit. Es ist selbstverständlich, dass ein rechter Christ nie faul oder unmäßig sein wird; geschähe es doch, so wird er dafür zu leiden haben. Aber er wird es nicht für nötig noch für recht halten, ohne Ruh und Rast sich abzuarbeiten oder aus Geiz zu darben. Der Glaube macht das Gemüt heiter und verbannt die Unruhegeister, die uns bei Tag und Nacht den Frieden rauben wollen.
  Denn seinen Freunden gibt er’s schlafend. Schön ist die Übersetzung der LXX und Vulg., die durch die englische und andere Übersetzungen auch uns wohlbekannt geworden ist: Da er seinen Geliebten Schlaf gibt. Wie wahr ist es, dass der HERR den Seinen durch den Glauben die Gnade verleiht, in ihm zu ruhen in glücklicher Freiheit von Sorgen. Seinen Geliebten gibt Gott sicher das Beste, was sie nur wünschen können, auch die köstliche Gabe des erquickenden Schlummers. Er schenkt ihnen, dass sie ihre Sorgen beiseite legen, ihre Nöte vergessen und alle ihre Angelegenheiten in voller Glaubensruhe Gott überlassen können. So erquicken sie sich in süßer Rast am Busen ihres himmlischen Vaters. Solcher Schlaf ist besser als Reichtum und Ehren. Erinnern wir uns, wie Jesus inmitten des Tosens des Meeressturmes schlief. Die Jünger, die wettergebräunten Fischer, kamen in die größte Bestürzung, aber er schlief. Er wusste sich in des Vaters Hut, darum war er so ruhig im Gemüt, dass die Wogen ihn in Schlummer wiegten. Auch uns würde öfter Ähnliches geschehen, wenn wir nur ihm ähnlicher wären!
  Doch, so schön diese Übersetzung ist und so wahr der Sinn an sich, so spricht der Zusammenhang doch für Luthers Auffassung. Nur ist das erste Wort des Sätzleins nicht mit denn, sondern mit so zu übersetzen: So gibt er seinen Geliebten im Schlaf. (Grundt.) Dies So weist auf das Vorhergehende zurück, im Sinne von ebenso reichlich oder eben dasselbe, nämlich wie das, was ihr durch euer Mühen und Sorgen erringen wollt, wobei ihr den Blick auf Gott verliert. Wie manchen schon hat der Neid verzehrt, wenn er wahrnehmen musste, dass er mit all seinem rastlosen Schaffen und Scharren, bei Tag und Nacht, am Werktag und Sonntag, doch nicht weiter komme als andere, die von solchem Wühlen nichts wissen wollen, die sich nach treuem Tagewerk auch ein Feierstündchen gönnen und wohl gar noch Zeit finden, am Morgen oder Mittag einige stille Augenblicke der Gemeinschaft mit Gott und seinem Wort zu widmen. Ja, und wie viele könnten es sehen, wenn sie nur Augen dafür hätten, dass sie gerade deshalb so wenig Erfolg oder bei allem äußeren Erfolg doch ein so unglückliches Leben haben, weil ihnen die Ruhe des Glaubens fehlt. Dem Salomo gab Gott das Begehren seines Herzens, und noch mehr dazu, während er schlief (1.Kön. 3,5-15).
  Sind wir selber durch des HERRN Gnade innerlich frei geworden, dass wir uns nicht mehr mit dem Hasten und Sorgen des Unglaubens verzehren und zerplagen, so werden auch unsere Untergebenen davon Nutzen haben und desto williger und freudiger ihre Pflichten erfüllen. Wir hoffen sehr, dass es den Werkleuten, die an dem salomonischen Tempel bauten, vergönnt war, mit ruhiger Stetigkeit und freudig zu arbeiten. Solch ein Haus ward doch gewiss nicht von unwilligen Arbeitern erbaut. Wir können uns nicht denken, dass sie am Morgen schon vor dem Hahnenschrei mit dem Stecken des Treibers zur Arbeit gehetzt wurden und man sie am Abend zwang, ihr Werk bis tief in die Nacht hinein auszudehnen. Nein, wir sind viel eher bereit zu glauben, dass sie mit ruhigem Fleiße ihre Arbeit tun, zur rechten Zeit ruhen und ihr Brot mit Freuden essen durften. So jedenfalls sollte der geistliche Tempel aufgerichtet werden - wiewohl, um die Wahrheit zu sagen, die Werkleute an diesem Bau nur zu sehr geneigt sind, sich mit hastiger Vielgeschäftigkeit zu beladen, den Herrn des Baues aus den Augen zu verlieren und sich einzubilden, dass die Vollendung des Baues von ihnen allein abhänge. Wieviel glücklicher könnten wir doch sein, wenn wir das Haus des HERRN dem Herrn des Hauses anvertrauen wollten! Und was noch weit wichtiger ist, wieviel besser würde unser Bauen und unser Wachen geschehen, wenn wir unsere Zuversicht dabei völliger auf den HERRN setzten, der doch beides, der Erbauer und der Hüter seiner Gemeine ist!

3. Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN. Dies weist auf eine andere Weise hin, in der der Mensch sich ein Haus baut, nämlich indem er Nachkommen hinterlässt, die seinen Namen und seine Familie am Leben erhalten auf Erden. Wird ihm dies versagt, was hat es dann, vom gemein-menschlichen Standpunkt aus, für einen Sinn, dass er sich ein Vermögen erwirbt? Zu welchem Zwecke baut er sich ein Haus, wenn er doch niemand in seiner Wirtschaft hat, der nach ihm darin wirtschaften kann? Was nützt es, dass er der Besitzer weiter Ländereien ist, wenn er keinen Erben hat? (Vergl. 1. Mose 15,2 .) Und doch ist in dieser Sache der Mensch völlig ohnmächtig ohne den HERRN. Der große Napoleon konnte mit all den sündigen Bemühungen, die er in diesem Stücke machte, sich keine Dynastie gründen. Hunderte von reichen Leuten würden ihr halbes Vermögen und mehr dafür hingeben, wenn sie das Schreien eines Kindleins hören könnten, das die Frucht ihres Leibes wäre. Ja, Kinder sind ein Erbteil, das dem Menschen vom HERRN selbst aus seiner Fülle geschenkt werden muss, sonst stirbt er kinderlos, und es wird somit das Haus seiner Familie ungebaut bleiben.
  Und Leibesfrucht ist ein Geschenk, wörtlich ein Lohn; doch ist dies Wort nicht im rechtlichen Sinne gemeint, sondern als freie Belohnung, so wie es sich auch im ersten Versgliede nicht um ein Erbgut im erbrechtlichen Sinne, sondern um ein nach dem freien Willen des Gebers zugewendetes Vermächtnis oder Schenkgut handelt. - Der HERR gibt die Kinder nicht als eine Strafe oder eine Last, sondern als eine Erweisung seiner Gunst. Sie sind ein Zeichen und Pfand des Segens, wenn wir Eltern es nur verstehen, sie recht als Gabe vom HERRN anzunehmen und sie für den HERRN zu erziehen. Ein "zweifelhafter Segen" sind sie nur, weil wir so zweifelhafte Persönlichkeiten sind. Wo es recht steht in der menschlichen Gesellschaft, da werden die Kinder nicht als eine Bürde, sondern als ein Erbe betrachtet, und werden sie nicht mit Seufzen, sondern mit Freuden empfangen als ein Lohn. Wird uns in manchen Gegenden unseres Vaterlandes der Raum zu enge, so dass uns die schnelle Vermehrung der Bevölkerung in Verlegenheit bringt, so wollen wir uns dessen erinnern, dass es doch auch in unseren Grenzen noch manchen dünn bevölkerten Landstrich gibt, wo große Aufgaben der fleißigen Hand warten, und nicht nur das, sondern dass der HERR uns nirgendwo einen Befehl gegeben hat, in den engen Schranken unserer alten Welt zu bleiben, sondern dass er will, dass die Menschen die Erde füllen (1. Mose 1,28), also auch die noch immer fast unermesslichen Gebiete bevölkern, die der Axt und des Pfluges harren. Aber auch in unserer alten Welt und trotz all der Beengungen, die das beschränkte Einkommen uns auferlegt, sind unser bester Besitz unsere Kinder, für die wir Gott täglich danken wollen.

4. Wie Pfeile in der Hand eines Helden, also sind Söhne der Jugend. (Grundt.) Söhne, die in der Jugendkraft erzeugt sind - das ist der Sinn des hebräischen Ausdruckes -sind gemeiniglich kräftiger als Söhne des Alters (1. Mose 37,3), und sie werden unter Gottes Segen der Trost des Vaters in den Jahren, da er zu altern beginnt, weil sie dann schon in der Blüte des Lebens stehen. Ein Kriegsmann freut sich seiner Pfeile, die dahin fliegen können, wohin er selber nicht zu gelangen vermag. Brave Söhne sind ihres Vaters Pfeile, die behende auf das Ziel losgehen, auf das die Väter ihr Augenmerk gerichtet haben. Was für erstaunliche Dinge kann ein wackerer Mann vollbringen, wenn er treue Kinder hat, die seine edlen Wünsche und Pläne zu den ihrigen machen und sich ganz dem Streben hingeben, sie zu verwirklichen! Zu dem Ende müssen wir aber unsere Kinder in der Hand haben, wenn sie noch Kinder sind, sonst werden sie, wenn sie heranwachsen, schwerlich jemals uns die erwünschte Hilfe sein, und wir müssen suchen, solange sie noch jung sind, sie gerade zu ziehen und zu schärfen, dass sie Pfeile werden, sie möchten sich sonst im späteren Leben als krumm und unbrauchbar erweisen. O dass der HERR uns mit treuen, gehorsamen und liebewarmen Nachkommen beglücke! Wir werden in ihnen unsere besten Freunde und Helfer finden. Dann werden wir sie zu unserem Trost und unserer Freude ins Leben hinauseilen sehen, wenn wir vom ersten Anfang an darauf bedacht sind, dass sie die rechte Richtung bekommen.

5. Wohl dem (Manne), der seinen Köcher derselben voll hat. Leute, die kinderlos sind, beklagen die Tatsache; solche, die nur wenige Kinder haben, sehen diese bald aus dem Elternhause scheiden, und ach wie still wird dann das Haus, und das Leben hat für das einsame Paar den größten Reiz verloren. Eltern, die zahlreiche wohlerzogene Kinder haben, sind im Ganzen am glücklichsten. Natürlich bedeutet eine große Kinderschar auch eine große Zahl von Sorgen und Prüfungen; kann man diesen aber mit Gottvertrauen begegnen und ist die Gnade des HERRN in der Familie wirksam, so bedeutet eine Menge Kinder auch eine Menge Liebe und einen Haufen Freude aller Art. Der Verfasser dieser Auslegung kann als Ergebnis seiner Erfahrungen und Beobachtungen bezeugen, dass er das meiste Unglück in solchen Ehen getroffen hat, die kinderlos blieben. Er selber weiß sich dem HERRN zu tiefem Dank verbunden, dass der ihm zwei Söhne geschenkt hat, die zu den besten gehören, die es gibt; aber da sie beide herangewachsen sind und er kein Kind mehr daheim hat, so fühlt er, ohne eine Spur von Murren oder auch nur das Begehren, dass sein Los ein anderes gewesen sein möchte, doch, dass es hätte ein Segen sein können, eine zahlreichere Familie zu haben, und er stimmt daher dem Psalmdichter in dessen hier ausgesprochenem Urteil von Herzen bei. Er hat eine Familie gekannt, in der wohl zwölf Töchter und drei Söhne waren, und er erwartet auf Erden niemals Augenzeuge eines größeren häuslichen Glückes zu werden, als es diesen Eltern beschert war, die an jedem ihrer Kinder ungetrübte Freude hatten, wie auch wiederum die Kinder sich der Eltern und eines des anderen freuten. Wenn die Söhne und Töchter Pfeile sind, dann ist es gut, den Köcher derselben voll zu haben; sind’s aber nur Stöcke, krumm und knorrig und zu allem Guten unbrauchbar, dann freilich je weniger desto besser! Werden hier die Helden glücklich gepriesen, die ihren Köcher mit solchen Pfeilen gefüllt haben, so liegt allerdings andererseits kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass es auch glückliche Leute auf Erden gibt, die gar keinen Köcher haben; manches ruhige Leben bedarf solcher kriegsmäßigen Ausrüstung nicht. Ferner kann ein Köcher klein und doch voll sein; dann passt die Glücklichpreisung des Psalmdichters doch. Auf jeden Fall ist gewiss, dass, so wie niemand davon lebt, dass er viele Güter hat, so auch niemandes Lebensglück damit schon ohne weiteres gesichert ist, dass er eine große Kinderschar sein Eigen nennen kann. HERR, segne du unsere Kinder, dass sie uns und andern ein Segen werden!
  Die werden nicht zu Schanden, wenn sie mit ihren Feinden handeln im Tor. Die Väter vieler treuer Söhne können ihren Widersachern wie auf dem Kampfplatz, so auch im Rechtshandel kühn entgegentreten. Niemand wird so leicht mit einem Manne anbinden, der einen Kreis braver Söhne um sich als Garde sammeln kann. Eines solchen Mannes Stimme hat Gewicht, dessen Söhne seinen Worten dadurch Nachdruck geben, dass sie entschlossen sind, des Vaters Wünsche und Pläne durchzuführen. Das ist ja ein Stück vom Abrahamssegen, ein wichtiger Teil der alten Bundesverheißung: Dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde (1. Mose 22,17), und im einen oder andern Sinne ist diese Zusage allen den Freunden, den Geliebten des HERRN (V. 2) gewiss. Feiert der Herr Jesus nicht tatsächlich in seinem Samen solche Triumphe? Nehmen wir unser Psalmwort im buchstäblichen Sinne, so kommt der Vorzug, von dem es spricht, ganz vom HERRN; denn ohne seinen Willen würde es an den Kindern fehlen, mit denen das Haus der Familie erbaut wird, und ohne seine Gnade würden die Eltern keine wohlgeratenen Kinder haben, die ihre Stärke sein könnten. Sind wir darin völlig abhängig vom HERRN, so lasst uns doch auch alles andere in den gleichen treuen Händen lassen. Er wird unsere Sache führen und unsere treuen Bemühungen segnen, so dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit und uns durch unsern stillen und sanften Geist als des Herrn Freunde erweisen. Wir haben keinen Grund zu irgendwelchem Zweifel, dass Gott, wenn er uns Kinder als freie Belohnung, als Liebesgeschenk gibt, uns auch die Nahrung und Kleidung senden wird, deren diese, wie er ja weiß, bedürfen. Wer der Vater einer Schar von geistlichen Kindern ist, der ist ganz ohne Frage ein glücklicher Mann. Er kann allen, die sich ihm entgegenstellen, Antwort geben, indem er auf Seelen hinweist, die durch seinen Dienst gerettet sind. (Vergl. 1.Kor. 9,2.3 .) Errettete Seelen sind recht eigentlich ein Erbteil, vom HERRN geschenkt, und der Lohn der hingebenden Arbeit des Verkündigers. Durch solche wird unter der Machtwirkung des Heiligen Geistes die Stadt der Gemeine des HERRN sowohl auferbaut als bewacht, und der HERR hat die Ehre davon.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Ich halte es auch dafür, dass dieser Psalm des Salomons sei; denn wir sehen in allen Büchern des Salomons, dass er gemeiniglich die Dinge lehret, welche zu Erhaltung der Regimente gehören, und handelt selten den Hauptartikel, damit sein Vater David viel zu tun hat, nämlich von der Gerechtigkeit oder von dem Herrn Christo, sondern lehret die Dinge, damit er zu schaffen gehabt und dazu er von Gott gesetzt und berufen war, nämlich wie man Land und Leute regieren soll. Dies aber lehret er auf solche Weise, dass kein Philosophus noch Gelehrter, ja auch kein Mensch nie nicht also davon geredet oder geschrieben hat. Denn er alle Regimente auf den Glauben führet und lehret, dass alle Weisheit, Land und Leute zu regieren und alles, was in denen Regimenten und in der Haushaltung vorgenommen wird, von Gott einen Anfang, Regierung und Erhaltung haben muss, welche die andern alle, so davon geschrieben (Aristoteles, Plato, Cicero usw.), nicht getan haben. Die selbigen, wiewohl sie feine und köstliche Gesetze machen, Weise und Wege anzeigen, wie man Land und Leute regieren solle, und ein jeglicher Hausvater seine Haushaltung wohl und ordentlich anstellen möge, jedoch wissen sie nicht, wo man das nehmen solle, dass dasjenige, so man klüglich und wohlbedacht und weislich vorgeschlagen, einen glückseligen Fortgang haben möge. Derohalben es ihnen oft widerfähret, dass ihre klugen Anschläge den Krebsgang gehen und zu Wasser werden. D. Martin Luther 1531.
  Der Psalm ist auch der anderwärtigen Erkenntnis und Erfahrung des Salomo gemäß und geht besonders aus dem nämlichen Sinn, aus welchem das Predigerbuch geflossen ist, nämlich den Menschen zur Mäßigkeit und Nüchternheit in allem seinem Vornehmen zu bringen, durch den ernstlichen Bedacht, wie es in allen Ständen nicht auf Fleiß, Kunst und natürliche Klugheit ankomme, sondern auf Gottes Segen und Vorsehung, weswegen man sich ja sein Vertrauen auf den HERRN nicht durch allzu viele und unmäßige Geschäftigkeit verderben oder bei vorkommenden Schwierigkeiten verdrossen, aber auch bei gutem Fortgang nicht auf sich selbst einbildlich werden soll. K. H. Rieger † 1791.
  Der Psalm ist zunächst für solche bestimmt, die von der Bedeutung menschlicher Anstrengungen zu hoch halten, ein Fehler, der besonders leicht die Glücklichen beschleicht. Doch ist er zugleich, indem er den göttlichen Segen als die alleinige Quelle des Heiles bezeichnet, reich an Trost für die Unglücklichen, in ihrer Tätigkeit Gelähmten. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
  Der doch wohl nachexilische Psalm trägt die Art der Weisheitssprüche an sich; kein Wunder, dass sich in den Proverbien mancherlei Paralleles findet (Spr. 10,22; 23,24 f. u. a.). Die gesamte Spruchpoesie Israels knüpfte an den Namen Salomos an; von hier aus erklärt sich das "von Salomo" der Überschrift, welches übrigens bei LXX fehlt, hinlänglich. - Im Munde von Jerusalemspilgern gewann das Ganze vielleicht noch eine speziellere Färbung: Jerusalem das Hans und die Stadt, die Jahves Segen bedürfen; Israel die Familie, die Kindersegen bedarf, erbittet und empfängt. Lic. H. Keßler 1899.

V. 1. Wo der HERR nicht das Haus baut usw. Er sagt nicht: Wenn der HERR nicht dazu seine Zustimmung gibt, wenn es nicht sein Wille ist, dass das Haus gebaut, die Stadt bewahret werde usw.; auch nicht: Wenn der HERR nicht dabei mithilft, sondern ganz bestimmt: Wenn der HERR nicht baut, nicht behütet, also wenn er nicht alles selber tut. Ferner heißt es nicht: dann hat es nicht viel Erfolg, dass die Menschen arbeiten, bauen, wachen usw., sondern: dann ist’s alles umsonst. Demnach ist aller Erfolg des menschlichen Schaffens und Sorgens völlig abhängig von dem Wirken und der Vorsehung Gottes, und alle menschliche Kraft, Sorge und Emsigkeit an sich eitel. - Beachten wir aber ferner, dass der Psalmist auch keineswegs sagt: Weil der HERR es ist, der das Haus baut, die Stadt behütet, so ist es umsonst, dran zu bauen, darüber zu wachen usw. Der Heilige Geist ist nicht ein Beschützer menschlicher Trägheit und Untätigkeit, sondern er richtet den Sinn derer, die da arbeiten, auf die Vorsehung und Macht Gottes. Wolfgang Musculus † 1563.
  Mancher baut sich ein Haus, aber er kann den Bau nicht hinausführen, oder er stirbt darüber, ohne es beziehen zu können, oder der Bau misslingt durch unvorhergesehene Schäden, oder er wird, wenn er gelingt, eine Beute gewaltsamer Zerstörung. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Mancher baut ein Hans und muss zuerst hinaus. Sprichwort.
  Über der Tür so manches alten Hauses in unserem (englischen) Vaterlande können wir noch die Worte lesen: Nisi Dominus frustra, den alten lateinischen Anfang dieses Psalms. Lasst uns die Worte auch über die Pforte des Hauses unserer Wallfahrt schreiben, so wird es uns wohl gehen in dieser Zeit und hernach. Sam. Cox 1874.
  Derohalben lehre und vermahne ich so oftmals, dass man zuvor Gott den HERRN um Gnade und Beistand bitten soll, ehe man sich in den Ehestand oder das Regiment begebe. Wenn das nicht geschiehet, so nimmt einer ein Weib und meinet, es werde ihm also fein und fröhlich hinausgehen, wie er es in der ersten Liebe vorgenommen und bedacht hat. Danach aber, wenn es nicht also vonstatten gehen will, dass entweder was an der Frauen mangelt oder er sonst von andern Sachen angefochten wird, alsdenn so gereut es ihn, dass er ein Weib genommen, so lässt er denn die Haushaltung fahren. Gehet er den Weg, so gehet das Weib einen andern hinaus; zerbricht er Töpfe, so zerbricht sie Krüge, und gehet also alles hindurch zu Grund und zu Boden. Denn dieweil er gedacht hatte, es würde ihm alles fein und glücklich hinausgehen, wenn es denn nicht also fort will, so wird er schellig, zürnt, rumort und vermaledeiet den Ehestand; aber daran tut er unrecht. Denn, lieber Junker, dass dir es also gehet, ist nicht der Nahrung, Haushaltung oder des Weibes, sondern dein und deiner Torheit Schuld, dieweil du dich unterstehest, durch deine Weisheit und Arbeit das Hans zu regieren und zu erhalten. Nein, lieber Geselle, du bist noch nicht der Mann, der du es allein kannst hinausführen; es gehöret ein anderer dazu, der mehr, gewaltiger und weiser ist, denn du bist. Dir ist solche Macht und Kraft nicht gegeben, dass du aus eignem Vornehmen diesen Sachen recht könntest vorstehen, sondern du bist allein ein Werkzeug dazu, dadurch Gott sein Werk ausrichtet. Derohalben steig ein wenig herab und gib dich unter einen andern Meister und sprich: Lieber HERR Gott, unterrichte du mich, gib du Stärke und Weisheit, dass ich mein Haus oder Land recht regieren möge, sei du der oberste Regent, ich will gerne dein Knecht sein. Allein regiere und leite mich dermaßen, dass ich nicht umwerfe und Schaden tue; denn ich will gerne tun, soviel an mir ist. Wird es mir vonstatten gehen, so will ich es dir zuschreiben, da es dein Werk und Gabe sei, und will es dir Dank wissen. So es aber nicht fort will, so will ich es geduldig leiden; denn ich vermag nichts, wenn du nicht hilfst. Du bist der Schöpfer und richtest und tust alles, was im Himmel und Erden ist; ich bin allein dein Werkzeug. D. Martin Luther 1531
  Im Anfang unseres Kampfes um die Unabhängigkeit von Britannien, als wir uns der Gefahr bewusst waren, da beteten wir in diesem Hause täglich um Gottes Schutz. Und unsere Gebete, meine Herren, fanden Gehör und gnädige Antwort. Alle diejenigen von uns, die an dem Ringen um die Freiheit beteiligt waren, müssen nicht wenige Fälle beobachtet haben, wo es deutlich ward, dass Gottes Vorsehung uns zugute waltete. Dieser gütigen Vorsehung verdanken wir es, dass es uns jetzt möglich ist, im Frieden darüber zu beraten, wie wir unser künftiges nationales Glück aufrichten können. Haben wir jetzt jenen mächtigen Freund vergessen? Oder bilden wir uns etwa ein, wir bedürfen eines Beistandes nicht mehr? Ich habe schon ein langes Leben (81 Jahre) hinter mir, und je länger ich lebe, desto überzeugendere Beweise sehe ich von der Wahrheit, dass Gott in den Angelegenheiten der Menschen das Regiment führt. Und wenn nicht einmal ein Sperling auf die Erde fällt ohne sein Wissen, ist es dann wahrscheinlich, dass ein Staat entstehen könne ohne seine Hilfe? Es wird uns in dem alten heiligen Buche, meine Herren, versichert: Wo der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Ich glaube das fest; und ich glaube auch, dass wir, wenn Gott uns nicht mit seinem Beistand zu Hilfe kommt, mit unserem Staatsgebäude nicht besser vorankommen werden als die Turmbauer von Babel. Wir werden durch unsere kleinlichen Partei- und Lokal-Interessen zertrennt werden; alle unsere Pläne und Vorhaben werden in Verwirrung und eitel nichts enden, und wir selber werden ein Spott werden und ein Sprichwort bis auf zukünftige Geschlechter. Und was noch schlimmer ist, es möchte die Menschheit von diesem unglücklichen Beispiel aus überhaupt an der Aufgabe verzagen, eine Regierungsordnung durch Anwendung menschlicher Weisheit aufzurichten, und diese wichtige Sache dem Zufall, Kriegs- und Eroberungsglück überlassen. Ich erlaube mir daher den Antrag zu stellen, dass hinfort jeden Morgen, ehe wir zu den Geschäften übergehen, in diesem Hause Gebete dargebracht werden mögen, in denen der Beistand des Himmels und Gottes Segen zu unseren Beratungen erfleht werde, und dass einer oder mehrere der Geistlichen dieser Stadt (Philadelphia) ersucht werden, in diesem Dienste zu amtieren. - Rede in dem Konvent zum Entwerfen einer Verfassung für die Vereinigten Staaten Nordamerikas. Benjamin Franklin 1787.
  Ich achte es gänzlich dafür, dass Gott die vier großen Reiche oder die Monarchien, darein er der Welt Regiment gefasset, länger hätte stehen und währen lassen, so derselben Regenten das einige Wörtlein Ich nicht gebraucht, d. i. wenn sie sich ihrer Gewalt und Weisheit nicht übernommen und aus eigener Vermessenheit alles getan und ihnen selbst zugeschrieben hätten. Dieweil aber Nabuchodonosor, derer Babylonier König, aus Vermessenheit seiner Macht und Gewalt hereinfähret und spricht: "Ich habe das getan; das ist die große Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause, durch meine große Macht", so muss er auch sieben Jahre lang wie ein unvernünftig Tier das Gras auf dem Felde fressen und in der Wüsten umlaufen, wie der Prophet Daniel 4,27.30 schreibet. Also sind auch derer Perser, Griechen und Römer Monarchien um solche Vermessenheit verstöret worden. Denn sobald als sie sagten: "Ich habe es getan", folgte von Stund an auch das darauf: "Es hat mit mir ein Ende, ich gehe zu Trümmern." Und geschiehet ihnen auch eben recht. Denn sie schließen Gott aus, als einen Narren, der nichts dabei getan habe, und setzen sich an seine Statt. D. Martin Luther 1531.
  Der Staatsmann kann nie selber etwas schaffen, er kann nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört. Dann vorzuspringen und den Zipfel seines Mantels zu fassen, das ist alles. - Aus einer Reichstagsrede von Fürst Bismarck 1881.
  Wo der HERR nicht die Stadt behütet usw. Feuersbrünste können ausbrechen trotz der Wächter, ein Ungewitter mag über die Stadt hereinbrechen, bewaffnete Banden sie angreifen oder eine Seuche plötzlich sie befallen und in ihren Wohnstätten Verheerung anrichten. Albert Barnes † 1870.
  Eine wichtige Lehre, welche Madame Guyon aus ihren Prüfungen und Versuchungen und mancherlei törichten Missgriffen zog, war die ihrer völligen Abhängigkeit von Gottes Gnade. "Ich wurde", sagte sie, "tief überzeugt von dem, was der Gottesmann gesagt hat: Wo der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Wenn ich zu dir, HERR, aufblickte, so warst du mein treuer Hüter; du beschütztest dann mein Herz beständig gegen Feinde aller Art. Aber ach, wenn ich mir selber überlassen war, dann war ich lauter Schwachheit. Wie leicht gewannen da meine Feinde über mich die Oberhand! Mögen andere ihre Siege ihrer eigenen Treue zuschreiben; ich werde sie nie etwas anderem als deiner väterlichen Fürsorge verdanken. Ich habe es zu oft zu meinem Schaden erfahren, was ich ohne dich sein würde, als dass ich mich auch nur im Geringsten auf irgendwelche Klugheit oder Anstrengungen meiner selbst verlassen könnte. Dir, Gott, mein Erlöser, verdanke ich alles! Und es ist mir eine Quelle unendlicher Befriedigung, dass ich dir so verpflichtet bin!" - Aus dem Leben von Jeanne Bouvier de la Mothe Guyon † 1717.
V. 2. Es ist umsonst, dass ihr früh aufstehet und hernach lange sitzet usw. Der Psalmist ermahnt, das ungehörige und ängstliche Arbeiten zum Erreichen unserer Ziele aufzugeben. Die hebräischen Ausdrücke weisen auf ein künstliches Verlängern des Tages. Der Trieb zu arbeiten liegt in unserer Natur, und damit alles vollbracht werde, was für das Wohlsein und den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft notwendig ist, müssen alle Menschen arbeiten. Aber auch die Regel und die Grenzen der menschlichen Arbeit sind uns in der Natur vorgezeichnet. Niemand sollte über das Maß seiner physischen und intellektuellen Kraft hinaus arbeiten oder zu arbeiten genötigt werden, und auch nicht über das Maß der Stunden hinaus, das die Natur durch das Ruhebedürfnis des Menschen vorschreibt. Aus einer künstlichen Verlängerung des Tage an seinen beiden Enden kann weder für den Einzelnen noch für das Ganze der menschlichen Gesellschaft schließlich ein wirklicher Nutzen herauskommen. Der scheinbare Gewinn ist eine Täuschung. Viel Mitternachtsöl wird vergeblich verbrannt. Ch F. Deems 1879.
  Wie viele essen Brot der Mühsale Tag für Tag! Sie leben ein elendes Leben voll Kummer und harter Arbeit, sie grämen sich zu Tode über die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen des Lebens, der Neid über das Vorankommen anderer frisst an ihrem Herzen, und sie leiden schwer unter dem Druck der Verluste, die sie treffen, und dem Unrecht, das ihnen, wie sie meinen, von allen Seiten geschieht. Ihrer Mühe und Arbeit ist kein Ende. Die einen sinken vor Überanstrengung in der Mitte der Jahre ins Grab, andere verfallen in Schwermut und Wahnsinn. Lieber Freund, du wirst schwerlich jemals gute Tage sehen, solange du die Liebe zur Welt im Herzen hegst und dein Tagewerk ohne Gott tust. Wer ein glaubensloses Leben führt, der zermartert sich; der Unglaube frisst am LebensMk. D. Th. Manton † 1677.
  Also gibt er seinem Geliebten im Schlafe. (Grundt.) Die Erklärung: er gibt Schlaf (LXX , Vulg.), statt: im Schlafe, gibt einen unpassenden Sinn. Denn nicht um den Schlaf handelt es sich, sondern um den Erwerb. Der Schlaf steht nicht der Arbeit an sich entgegen - denn diese ist dem Geliebten Gottes gemeinsam mit dem Gottlosen; das ganze Alte Testament ist einem schlechten Quietismus entschieden entgegen - sondern der Arbeit als Quell des Glückes und Wohlstandes. Die Frommen haben als Quell des Heiles den Schlaf vor den Gottlosen voraus, dem sie sich nach treu vollbrachter Arbeit überlassen. Sie empfangen dasselbe wie jene ohne ihr Zutun, über Nacht kommt ihnen der Segen, sie wissen nicht wie; während die auf ihre Arbeit Gewiesenen nichts ausrichten und alle die saure Mühe umsonst haben. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1845.
  Seinen Geliebten gibt er Schlaf. (Andere Übers.) Gottes Gabe ist es, wenn wir uns ruhigen Schlafes erfreuen. Süßer Schlummer erfrischt Leib und Seele, gerade wie der Tau oder ein milder Regen die Natur um uns herum. Und wie der Prophet (Jer. 14,22) sagt: "Es ist doch ja unter der Heiden Götzen keiner, der Regen könnte geben; so kann der Himmel auch nicht regnen", so mögen wir auch sagen: Niemand und nichts, keine Kreatur auf Erden oder im Himmel vermag uns süßen, erquickenden Schlaf zu geben. Derselbe Gott, der die Regenschauer spendet, ist es auch, der uns Ruhestunden schenkt; friedevolle Ruhe ist Gottes eigentümliche Gabe. Und diese Gabe ist ein Erweis der Liebe Gottes: Seinen Geliebten gibt er Schlaf. Das tut er sogar in Zeiten, da sie in der größten Not und Gefahr sind. Sieh Petrus im Gefängnis, mit Ketten gebunden, zwischen rohen Kriegsknechten, in der Nacht vor der beschlossenen Hinrichtung, und doch ist er so fest am Schlafen, dass er nicht wach wird, da der Engel hereintritt und Licht in dem Gemache erstrahlt, sondern der Himmelsbote muss ihn erst an die Seite schlagen und wecken; so gab Gott seinem Geliebten Schlaf. Mögen sie ihm dafür die Ehre geben, und dies umso mehr, als Gott damit unsere Gebete erhört und seine Verheißungen erfüllt. Ist es nicht unsere tägliche Bitte, dass Gott uns vor Schrecken behüte und uns erquickenden Schlaf gewähre? Und ist es dann nicht eine Erhörung, wenn er uns schlummern lässt und uns, während wir schlafen, erhält? "Mit meiner Stimme", sagt David, "rief ich zum HERRN, und er erhörte mich von seinem heiligen Berge. Ich legte mich nieder und schlief ein; erwacht bin ich wieder, denn der HERR hält mich" (Ps. 3,5.6). Und hat Gott es nicht verheißen, dass er uns im Schlafe vor Gefahr und Schrecken behüten wolle? "Legst du dich, so wirst du dich nicht fürchten, sondern süße schlafen, dass du dich nicht fürchten darfst vor plötzlichem Schrecken noch vor dem über die Gottlosen verhängten Verderben, wenn es hereinbricht" (Spr. 3,24.25). Darum können Gottes Knechte in der Wüste sicher wohnen und in den Wäldern schlafen, denn kein reißendes Tier soll ihnen schaden können (Hes. 34,25). Erfreuen wir uns solcher Vorrechte, so lasst uns Gott dafür von ganzem Herzen Dank und Preis geben mit Herz und Mund und Leben! Phil. Goodwin 1658.
V. 3. Siehe, Kinder sind eine Gabe, wörtl ein Erbteil, vom HERRN. Manchen gibt er Kinder zum Erbteil an Stelle von zeitlichen Gütern. Andern gibt er Häuser, Äcker und Tausende an Gold und Silber und dazu den unfruchtbaren Mutterleib; das ist das Erbe, das diese bekommen. Jener Arme hat von Gott eine Anzahl Kinder, ohne eigen Haus und Land und ohne Geld; und Gott erweist sich als ihr Vater, er ernährt sie und hilft ihnen voran durch eine ganze Kette von wunderbaren Wirkungen seiner Vorsehung. Wo ist wohl ein gottesfürchtiger Armer, der seine sechs oder mehr Kinder hingeben würde für die Tausende und aber Tausende jenes andern, der niemand hat, den er lieben, für den er sorgen darf, der weder Wurzel noch Zweig hat, sondern dem sein armes einsames Ich das einzige ist in aller Welt, wofür er lebt? Ja, möge jede kinderreiche Familie den Spruch recht beherzigen: Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN. Er, der sie gegeben, der wird sie auch nähren; es ist eine erprobte Wahrheit: Je mehr Kinder, je mehr Segen. "Murre nicht", sprach ein Araber zu seinem Freunde, "darüber, dass deine Familie so groß ist; wisse, dass um ihretwillen Gott dich ernährt." Adam Clarke † 1832.
  Drum wisse, dass es eine der größten irdischen Segnungen ist, ein Haus voll folgsamer Kinder zu haben. Nächst einem Reichtum an Gnade ist dieser Reichtum das Beste, was wir uns wünschen können, unendlich besser als aller Reichtum an Gold und Gut. Denn Kinder sind lebendige Schätze; wer will den Wert solcher ermessen? Welche Fülle von Segnungen wird Eltern oft schon in einem einzigen ihrer Kinder zuteil! Vor allem sind Kinder ein Segen für solche Eltern, die selber Gotteskinder sind. Auch andere Güter können eine Gabe des HERRN sein, denn sein ist die Erde und was sie erfüllt, und er gibt gern den Menschen; aber nichts von alledem ist in solch besonderer Weise wie die Kinder eine Gabe vom HERRN, und eine so köstliche Gabe. Joseph Caryl † 1673.
  Die Tochter John Hintons sagte zu ihrem Vater, als sie i. J. 1873 an dessen Sterbelager kniete: "Es gibt kein größeres Glück für Kinder, als gottselige Eltern zu haben." - "Und das nächstgrößte", sagte der sterbende Vater, und dabei verklärte dankbare Freude sein Antlitz, "das nächstgrößte Glück ist, wenn Eltern gottselige Kinder haben." The Babtist Handbook 1875.
V. 4. Wie Pfeile usw. Ein chinesisches Sprichwort lautet: "Wenn einer Familie ein Sohn geboren wird, so werden Pfeil und Bogen an die Pforte gehängt." Eine Sitte, auf die das Wort in seinem buchstäblichen Verstande zu beziehen wäre, scheint nicht zu bestehen; es wird daher ein bildlicher Ausdruck sein, mit dem Sinne, dass ein neuer Beschützer der Familie gegeben ist, also ganz ähnlich dem Psalmwort, das die Söhne als Pfeile darstellt. James Merrick † 1769.
  Unsere Kinder sind das, wozu wir Eltern sie machen. Die Pfeile bestehen aus Holz, aber hölzerne Stöcke sind noch keine Pfeile; Pfeile wachsen nirgends auf Bäumen, sondern die Kunst muss die Holzstücke bearbeiten, sie glätten und schärfen, dass daraus Pfeile werden. Die Pfeile in der Hand des Helden aber gehen dahin, wohin der Held zielt. Also auch die Kinder. G. Swinnock † 1673.
  Die jungen Knaben sind Pfeile in der Hand des Vaters, denen dieser mit geschickter, fester Hand die rechte Richtung auf das Ziel gibt, nämlich dass sie zu Gottes Ehre leben und zum Dienst ihrer Mitmenschen. Hernach, wenn sie aus dem Vaterhause in die weite Welt geflogen sind, hat er sie nicht mehr in der Hand; dann ist es zu spät, ihnen noch eine andere Richtung geben zu wollen. Ach, diese Pfeile erweisen sich oft als solche, die in das Herz der Eltern fliegen! Wie manche Söhne sind ein beständiger Kummer ihrer Eltern, deren graue Haare sie mit Herzeleid in die Grube bringen (1. Mose 42,38; 44,29.31). Mt. Henry † 1714.
  Über den Kindern geraten manche, die sich selbst helfen wollen, in viel Sorgen hinein. Arbeit, Fleiß und Verstand im Hauswesen hat großen Nutzen; es sind auch viele Belohnungen Gottes darauf gesetzt. Doch ist’s daneben auch nötig, dass Gott die Menschen demütiget und es ihnen fehlen lässt, damit sie klug werden und nach Gott fragen lernen. Und da kann einer über nichts so empfindlich gedemütiget werden, als über den Kindern, deren Wohl einem so nahe liegt, und deren Geraten man doch so wenig in seiner Macht hat, was Salomo selbst an seinem Sohn und Thronnachfolger Rehabeam erfahren. Wie nötig ist’s, sie fein oft in die Hände des starken HERRN Zebaoth zu übergeben, darin sie wohl geraten und zum Ziel treffen. K. H. Rieger † 1791.
V. 5. Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat. D. Guthrie († 1873) pflegte zu sagen: Mein ganzer Reichtum sind meine (elf) Kinder. - Ein deutsches Sprichwort sagt: Viel Kinder, viel Vaterunser; viel Vaterunser, viel Segen. - Als jemand dem Pastor M. Browne († 1787) gegenüber bemerkte: "Sie haben ja geradeso viele Kinder wie der Erzvater Jakob", erwiderte er: "Ja, und ich habe Jakobs Gott als ihren Versorger." C. H. Spurgeon 1885.
  Ich erinnere mich dessen noch wohl, wie einst ein vornehmer Mann in mein Hans in Waltham kam und, da er alle meine Kinder in Reih’ und Glied nach Alter und Größe dastehen sah, sagte: "Ja, ja, die sind es, die reiche Leute arm machen." Er bekam aber pünktlich die Antwort: "O nein, Herr, die sind’s, die einen armen Mann reich machen; denn auch nicht eines davon möchten wir hergeben um all Ihren Reichtum!" Man kann leicht beobachten, dass niemand das Geld so zähe festhält wie Leute, die keine Kinder haben, wohingegen solche, die eine große Familie zu erhalten haben und es daher gewohnt sind, ihren Geldbeutel oft auszuleeren, bei treuer Verwaltung ihrer Angelegenheiten so viele Erfahrungen von Gottes Fürsorge machen, dass sie das, was sie empfangen, mit viel größerer Bereitwilligkeit und heiterem Gemüt auch wieder ausgeben. Ihre Sorge verliert sich, da Gott selbst sie von ihnen nimmt und auf sich lädt, und ihr Glaube erfüllt sie mit Ruhe, indem er sie fähig macht, ihre Bürden auf ihn zu werfen, der mehr Macht hat, für ihre Kinder zu sorgen, und auch noch ein größeres Recht dazu, da unsere Kinder mehr noch ihm als uns selber gehören. Der den jungen Raben ihr Futter gibt (Ps. 147,9), sollte der die edelsten seiner Geschöpfe im Stich lassen? Bischof D. Joseph Hall † 1656.
V. 4.5. Söhne sind eine Segensgabe von oben. Sie sind, zumal wenn aus jugendlicher Ehe entsprossen (Gegensatz: Sohn des Alters, 1. Mose 37,3; 44,20) und demgemäß selber kräftig (1. Mose 49,3) und zur Zeit, wo der Vater altert, in der Blüte ihrer Jahre stehend, gleich Pfeilen in Heldenhand - eine Vergleichung, welche dem Dichter Zeitverhältnisse (zur Zeit Serubabels) nahelegten, in welchen neben der Kelle das Schwert geführt und das Werk der nationalen Wiederherstellung Schritt um Schritt gegen offene Feinde, neidische Nachbarn und falsche Brüder verteidigt werden musste. Pfeile im Köcher genügten da nicht; man musste sie nicht bloß zur Hand, sondern in der Hand haben, um sie auflegen und sich wehren zu können. Welch ein Schatz war in einer solchen Zeit stets notwendiger Kampfesbereitschaft der Schutz und Trutz, den jugendkräftige Söhne dem älteren Vater und schwächeren Familiengliedern gewährten! Glückselig der Mann, ruft der Dichter aus, der solcher Pfeile seinen Köcher, d. i. sein Haus, voll hat, um die Feinde mit so vielen Pfeilen, als eben Not tut, bedienen zu können. Der Vater und eine solche ihn umgebende Söhneschar bilden eine nicht zu durchbrechende Phalanx. Gilt es mit Feinden im Tore zu reden, d. i. ihnen freimütig ihr Unrecht vorzuhalten oder ihre ungerechte Anklage abzuwehren - sie werden nicht zu Schanden, d. h. nicht eingeschüchtert, entmutigt, entwaffnet. Ungerechte Richter, boshafte Verkläger, falsche Zeugen ziehen sich vor einer so wehrhaften Familie scheu zurück. Das Gegenteil lesen wir Hiob 5,4 von Söhnen, auf welchen der Fluch ihrer Väter ruht. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Menschenhand ohne Gottes Hand schafft nichts. 2) Menschenauge ohne Gottes Auge behütet nichts. G. Rogers 1885.
  I. Gott sollen wir als Gott anerkennen bei jedem Werke, indem wir 1) seine Leitung suchen, ehe wir beginnen, 2) uns auf seine Hilfe allein verlassen, während wir arbeiten, und 3) ihm die Ehre geben nach vollbrachtem Werke. II. Desgleichen bei unserem Sorgen, indem wir 1) unsere Kurzsichtigkeit eingestehen und 2) auf seine allsehende Fürsorge trauen. G. Rogers 1885.
  Ohne Gottes wirkende Gnade sind umsonst 1) alle deine Vorsätze zur Bildung deines eigenen Charakters, 2) alle deine Vorsätze, wie du andere zu christlichen Charakteren erziehen wollest, 3) alle deine Pläne für dein Leben und Wirken, 4) alle Zukunftsschlösser irdischen Glücks, 5) alle Gedanken, wie eine Hoffnung fürs ewige Leben zu erbauen sei, 6) alle Entwürfe zur Gründung oder Vergrößerung einer christlichen Gemeinde. John Field 1885.
V. 1.2. 1) Was wir nicht erwarten dürfen: Dass Gott wirken werde ohne unser Bauen, Wachen usw. 2) Was wir sicher zu erwarten haben: Misslingen, wenn wir ohne Gott bauen usw. 3) Was wir nicht tun sollten: uns abhetzen, abhärmen usw. 4) Was wir tun dürfen: auf Gott so trauen, dass wir im Frieden ruhen nach treu vollbrachtem Tagewerk.
V. 2. Brot der Mühsal. 1) Schickt Gott es uns, dann ist es gesund. 2) Wenn wir es selber backen, so ist es nichts wert. 3) Reicht es uns aber der Teufel, dann ist’s Gift.
V. 2d. Segnungen, die uns im Schlafe kommen. 1) Erneuerte Gesundheit und Kraft des Leibes. 2) Beruhigung und Erfrischung des Gemütes und des Geistes. 3) Heiterere Gedanken und bessere Pläne. 4) Viele Gaben der Vorsehung. Der Regen fällt, die Früchte der Erde wachsen und reisen, das Mühlenrad geht um, das Schiff verfolgt seinen Weg usw., alles während wir schlummern. Oft wenn wir nichts tun und nichts tun können, tut Gott das meiste. W. H. Page 1885.
V. 3-5. I. Welche Wirkung muss es haben, wenn Eltern ihre Kinder als Erbteil vom HERRN ansehen? 1) Die Eltern werden dann auf den HERRN ihr Vertrauen setzen, dass er ihre Kinder versorge und schütze. 2) Sie werden sie als heiliges, vom HERRN ihnen anvertrautes Gut ansehen, für das sie Rechenschaft ablegen müssen. 3) Sie werden sie auferziehen in der Zucht und Vermahnung des HERRN. 4) Sie werden oft Gott ihretwegen zu Rate ziehen. 5) Sie werden sie ohne Murren hingeben, wenn der HERR sie zu sich nimmt. II. Welche Wirkung wird durch Gottes Gnade die dem Obigen entsprechende rechte Erziehung der Kinder haben? Die Kinder werden 1) der Eltern Freude, 2) lebendige Urkunden von der Gottseligkeit und Weisheit ihrer Eltern, 3) die Stütze und der Trost der Eltern in deren alten Tagen, 4) die Übermittler der Tugenden der Eltern auf ein neues Geschlecht; denn wohlerzogene Kinder werden wiederum gute Eltern. John Field 1885.
V. 4. Das Psalmwort redet von dem Nutzen, den Kinder für das irdische Leben gewähren können. Oft sind Kinder aber auch von großem geistlichen Nutzen: 1) Schon manches früh heimgegangene Kind hat seinen Eltern und andern zur Erweckung gedient. 2) Gar manches Kind hat aus der Sonntagsschule usw. das Evangelium ins Elternhaus getragen. 3) Welch ein Segen, wenn Kinder sich bekehren. 4) Welch ein Segen, wenn sie herangewachsen zu gesegneten und nützlichen Männern und Frauen werden.
V. 4.5. I. Die Abhängigkeit der Kinder von den Eltern in Bezug auf 1) ihre Sicherheit (im Köcher), 2) ihre Leitung (wie die Pfeile ihre Richtung bekommen von dem, der sie aussendet), 3) ihren Unterhalt (in der Hand des Helden). II. Die Abhängigkeit der Eltern von den Kindern 1) in Bezug auf ihre Verteidigung: Welcher Sohn würde es ertragen, dass man wider seinen Vater rede? 2) In Bezug auf ihr Lebensglück: Die Kinder verstehen es, der menschlichen Natur etliche der edelsten und zartesten Empfindungen zu entlocken. Und glücklich der Verkündiger des Evangeliums, der mit einem vollen Köcher sagen kann: Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir der HERR gegeben hat (Jes. 8,18). G. Rogers 1885.

Fußnoten

1. So auch Delitzsch. Andere übersetzen: und spät euch setzet (um zu ruhen, die Abendmahlzeit einzunehmen usw.). Wörtl. heißt es: die ihr das Sitzen hinzögert. Ob dabei an das Sitzen bei der Arbeit oder an das Niedersitzen zur Erholung gedacht ist, mag, wie Keßler bemerkt, unentschieden bleiben müssen; für den Sinn ist es von wenig Belang.